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Winterzauber und Weihnachtsgefühle im verschneiten Kanada
Zoey Andrews liebt alles, was mit dem Fest der Liebe zu tun hat, und nachdem sie jahrelang bei unzähligen Weihnachtsfilmen Regie geführt hat, bekommt sie endlich die Chance, ihr eigenes Drehbuch zu verfilmen. Doch Benoît Deschamps bringt ihren Traum jäh zum Platzen. Der mürrische, aber äußerst attraktive Bürgermeister von Chelsea − dem gemütlichen kanadischen Städtchen, das im Mittelpunkt von Zoeys Drehbuch steht − weigert sich vehement, ihr eine Drehgenehmigung zu erteilen. Da es nur noch vier Tagen bis Weihnachten sind, muss Zoey Ben schnellstens umstimmen. Doch ein plötzlicher Schneesturm lässt sie mitten im Nirgendwo stranden, mit nichts außer ... einander. Wird Zoey es schaffen, Bens eiskalte Fassade zum Schmelzen zu bringen − und vielleicht sogar sein Herz?
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2025
Mein Herz machte einen Satz.
Ben.
Er zog seine braunen Lederhandschuhe aus und steckte sie in die Taschen seines braunen Karojacketts, das er ebenfalls auszog und sich über den Arm hängte. Sein hellblaues Hemd schmiegte sich um seine breiten Schultern und seine muskulöse Brust. Ich konnte kaum atmen, während ich zusah, wie er seine Toque abnahm und seine dichten braunen Haare verwuschelte. Die Hitze kroch mir über den Hals. Es war fast, als würde ich Zeugin eines Holzfäller-Stripteases. Diese braunen Augen, dieser Mund! Er war ein Dreckskerl, ja, aber wieso musste er so gut aussehen? Mit seiner Absage für den Dreh meines Weihnachtsfilms in Chelsea hatte er mir bereits mehr als genug Steine in den Weg gelegt.
Chantel Guertin hat bereits zehn Romane geschrieben. Sie arbeitete als Beauty-Expertin in der »Marilyn Denis Show«, einer von Kanadas beliebtesten Talkshows, und als Redakteurin für verschiedene Zeitschriften. Sie lebt mit ihrer Familie in Toronto. Man findet sie auf Instagram und TikTok unter @chantelguertin.
Listen to Love – Jedes Wort führt mich zu dir
Ein Weihnachtswunsch für dich
CHANTEL GUERTIN
ROMAN
Aus dem Englischen vonAndrea Brandl
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
Die Originalausgabe It Happened One Christmas erschien erstmals 2023 bei Doubleday, Kanada.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Deutsche Erstausgabe 09/2025
Copyright © 2023 by Chantel Guertin
Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR)
Redaktion: Anita Hirtreiter
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
unter Verwendung von Alamy Stock Foto / NAPA; FinePic®, München
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-31510-8V001
www.heyne.de
Für Chris – ich halte die Welt an und verschmelze mit dir
Freitag, 19. Dezember
9:30 Uhr
Michael Bublé hatte völlig recht: Es weihnachtete tatsächlich an jeder Ecke. Die mit Petunien bepflanzten Körbe an den Laternenpfählen waren mit silber- und goldfarbenen Kugeln geschmückt, an den Palmen am Straßenrand hingen filigrane Lichterketten, und auf der Plakatwand der Epic-Firmenzentrale in Burbank prangte die aktuelle Nummer eins der Netflix-Weihnachtsfilme. Mit Michael Bublés Version eines meiner Lieblingsweihnachtslieder über meine Airpods im Ohr – ein gutes Omen für alles Kanadische, was da kommen möge – trat ich durch die Eingangstür von Epic Productions, die wie ein riesiges Weihnachtsgeschenk geschmückt war, und verdrängte jeden Gedanken an Tomas. Was mir ganz gut gelang.
Abserviert. Entsorgt. Wie eine volle Mülltüte. Wieso musste das Wort so negativ behaftet sein? Schlimm genug, dass jemand einen nicht mehr in seinem Leben haben wollte, aber musste man sich auch wie Abfall fühlen? Nicht einmal »gekündigt« klang so brutal. »Den Job verloren« hörte sich an, als wäre das auf ein Missgeschick zurückzuführen, weshalb man nicht mehr dorthin zurückkehren konnte. Was ja nicht das Schlimmste war. Wenn es so viele Möglichkeiten gab, einen Mitarbeiter vor die Tür zu setzen, wieso konnte man eine Beziehung dann nicht mit einer ähnlich netten Formulierung beenden? Ohne dass der andere sich dabei aussortiert fühlte?
Eigentlich hatte ich weder an Tomas noch daran denken wollen, dass ich keine Pläne für Weihnachten hatte, doch der Bestätigungsanruf für meinen Spraytan-Termin heute Morgen hatte meinen Ex aus dem hinteren Winkel meines Gedächtnisses gezerrt. Den Termin hatte ich bereits vor Monaten vereinbart, um für unsere Reise einen Hauch Farbe zu haben, da ich meinen irischen Teint mit dem höchsten Lichtschutzfaktor jeden Tag eisern vor der kalifornischen Sonne bewahrte.
Ich schob meine XXL-Sonnenbrille hoch, steckte die AirPods in das Ladecase und verstaute sie in meiner schwarzen Crossbody-Bag, die ich zu Jeans und dem korallenroten Boyfriend-Blazer trug.
Der helle Eingangsbereich von Epic war mit Perserteppichen, Secondhand-Sofas und Antikmöbeln ausgestattet, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatten. Der Studentencharme war keineswegs unserer Erfolglosigkeit geschuldet, ganz im Gegenteil: Wir waren sogar extrem erfolgreich und hatten das dritte Jahr in Folge den erfolgreichsten Weihnachtsfilm auf Netflix produziert. Einen Innenarchitekten zu engagieren, der das Headquarter auf Vordermann brachte, stand auf unser aller Aufgabenliste, nur kam niemand je dazu, sie bis zu diesem Punkt abzuarbeiten und es anzuleiern. Den Status als größte Produktionsfirma für Weihnachtsfilme behalten zu wollen, war mit einer Menge Arbeit verbunden.
Ich winkte Misha zu, die auf einem Hocker an der Rezeption saß.
»Hey, Zoey!«, rief sie und beugte sich über den Tresen aus wiederverwertetem Treibholz. »Oh, tolle Schuhe«, fügte sie mit einem Blick auf meine Kitten Heels hinzu, die gerade hoch genug waren, dass ich meinem Boss Elijah in die Augen würde blicken können. »Der Babysitter hat vorhin zugesagt. Ich habe also heute Abend Zeit. Wie wär’s mit Cocktails im Azure?«
»Machen wir«, sagte ich. Misha war eine meiner ältesten und besten Freundinnen.
Ich ging den Flur hinunter, vorbei am Pausenraum, wo ich meine Wasserflasche füllte, und dem ersten Autorenbüro, wo ich Bethany kurz begrüßte, ehe ich nach links in den Korridor mit der angeschrammten Wandfarbe bog. Nach einem kurzen Klopfen betrat ich das Büro von Roberto Diaz, unserem Ober-Problemlöser, dessen vager Titel (Produktionsassistent) perfekt beschrieb, wie er jede produktionstechnische Hürde meisterte.
»Wie läuft es mit den Genehmigungen?« Allein die Erwähnung eines solchen Produktionsdetails zauberte mir ein Lächeln aufs Gesicht und ließ mich sofort all meine Gedanken an Tomas und das bevorstehende Solo-Weihnachtsfest vergessen. Ich konnte es kaum erwarten, mich auf diesen Film zu stürzen. Meinen Feiertagsfilm, eine Friends to Lovers-RomCom über Ruby Russo und Jacques Pelletier, die beiden Protagonisten.
Roberto fuhr sich mit seiner gebräunten Hand durch das wirre sandfarbene Haar und fixierte mich mit seinen blauen Augen, dann wies er mit einem Nicken auf das Drehbuch auf dem Stapel gegenüber von seinem Monitor. »Erledigt«, bestätigte er mit einem selbstsicheren Grinsen. »Die letzte Location ging heute Morgen durch.«
»Das schreit nach Ghettofaust«, rief ich und schob meinen Blazerärmel hoch.
Roberto nickte übertrieben. »Ach, Zoey, du weißt ja, dass die Ghettofaust mein Lebenselixier ist.«
Das war der einzige Grund, weshalb ich es überhaupt vorgeschlagen hatte. »Gut gemacht, Roberto.« Mein Lob war aufrichtig gemeint.
»Allerdings gibt’s noch ein paar Vorbehalte«, wandte er ein, zog den Papierstapel heran und blätterte zum Formular für die Drehorte, in dessen rechter Spalte meine Anforderungen aufgelistet waren: Haus im Tudor-Stil. Lebensmittelgeschäft. Verschneiter Weg zum Haus. Schätzungsweise umfasste die Liste ein Dutzend Drehorte. Anhand meiner Angaben dürfte Roberto mehrere Wochen lang mithilfe von Google Street View nach den perfekten Locations Ausschau gehalten, mit den Eigentümern Kontakt aufgenommen und einen entsprechenden Tagessatz ausgehandelt haben. Ich wusste genau, wie viel Zeit so etwas in Anspruch nehmen konnte, weil ich früher Robertos Job hatte – so wie die meisten in der Firma.
»Ich weiß, dass du ein Haus im Tudor-Stil haben wolltest«, sagte er. »Eine exakte Entsprechung habe ich nicht gefunden, aber zumindest ein georgianisches Stadthaus, dessen Besitzer, ein Ehepaar, es uns zur Verfügung stellen. Vor zwei Jahren haben wir schon Weihnachtsfieber dort gedreht. Es ist großzügig, mit hohen Decken und Stuckverzierungen, außerdem wissen die beiden, was zu tun ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie auf den Caymans überwintern und ohnehin nicht da sein werden.«
Ich runzelte die Stirn. »Ein georgianisches Stadthaus? Das ist stilistisch gesehen ziemlich weit weg von Tudor. Außerdem klingt es nicht nach Chelsea, finde ich. Spielte Weihnachtsfieber nicht in New York?«
Mein Blick fiel auf unser vertrautes Logo, als er die Genehmigung durchblätterte: Das große N mit Filmlochstreifen auf dem linken Strich, dann das schwarze Y und C des New York Film Office, das für die Ausstellung sämtlicher Drehgenehmigungen der fünf Stadtbezirke zuständig war.
Mit meinem frisch lackierten Nagel (You Don’t Know Jacques! von OPI zu Ehren von Rubys Angebetetem im Film) tippte ich auf die Seite. »Aber das ist die Genehmigung von der New Yorker Filmstelle!« Es war, als hätte mir jemand einen Schlag in die Magengrube versetzt. Einen heftigen.
»Stimmt«, erwiderte er. »Für die 24th Street und die Ninth Avenue. Willst du die anderen Locations sehen? Ich habe eine Bodega an der Ecke West 30th/Tenth Avenue am Haken und bin ziemlich sicher, dass es für den verschneiten Weg mit der High Line klappt, vorausgesetzt, wir drehen montags, was mir als absolut machbar erscheint.«
»Aber ich wollte Chelsea in Québec.« Meine Stimme wurde eine Oktave höher. Ich zupfte an meinen langen braunen Haaren, die ich auf dem Weg aus dem Fitnessstudio am Morgen zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte.
»Was meinst du damit?«, fragte er verwirrt.
»Die Kleinstadt. In Québec. In Kanada.«
»Was ist damit?«
»Dort spielt der Film, Roberto! Hast du das Drehbuch nicht gelesen?«
Doch noch bevor ich es ausgesprochen hatte, kannte ich die Wahrheit bereits. Natürlich hatte er es nicht gelesen. Damals, als ich noch seine Position innehatte, als Branchenneuling, hatte ich das auch nie getan. Denn es war schlicht keine Zeit für die Lektüre geblieben.
»Spielt das eine Rolle?«, fragte er, immer noch verwirrt.
»Was ist hier los?«, ertönte eine Stimme auf dem Korridor. Sekunden später steckte Elijah den Kopf zur Tür herein. Er trug einen blauen Blazer über seinem weißen Hemd, in dessen lässig aufgeknöpftem Kragen eine geschmackvolle Goldkette schimmerte. Unter dem Arm hatte er eine zerknautschte Ledermappe, in der linken Hand einen Stift. Der Geschäftsführer von Epic und mein Boss wirkte stets wie von einem Profi gestylt, bis hin zu den Accessoires. Was vermutlich auch der Fall war. Seine Freundin arbeitete als Stylistin in einer Vormittagstalkshow.
»Gar nichts«, wiegelte ich eilig ab. »Nur ein kleines Problem. Nichts, was sich nicht lösen ließe.« Ich rang mir ein Lächeln ab, ehe ich mich wieder Roberto zuwandte. »Also, überlegen wir, woher wir die richtige Genehmigung kriegen.«
»Die richtige?«, hakte Elijah nach. »Welche ist denn die verkehrte?«
»Ein Missverständnis. Roberto hat erstklassige Genehmigungen für Chelsea in New York eingeholt, ich wollte aber Chelsea in Québec.«
»Wir drehen nicht in New York.« Nun hob sich auch Elijahs Stimme merklich. »Dafür haben wir gar nicht das Budget.«
»Das weiß ich«, sagte ich. Außerdem könnten wir auch nicht in New York drehen, weil die Story in den winterlichen Laurentinischen Bergen angesiedelt war. Poutine. Ahornsirup. Céline Dion. Lange Spaziergänge durch verschneite Wälder. Jedenfalls nicht die quirligen Straßen Manhattans.
»Hatten wir nicht eine Genehmigung für Vancouver?«, blaffte Elijah Roberto an.
Robertos Haar flog hoch und senkte sich wieder über seiner Stirn, als er nickte. »Schon.«
»Dann nehmen wir eben die.« Elijah sah mich achselzuckend an.
Ich schüttelte den Kopf. »Wir können aber nicht in Vancouver drehen. Die Geschichte spielt in Québec. Deshalb muss es Québec sein.«
Er musterte mich mit zusammengekniffenen Augen. »Es liegt beides in Kanada. Was macht das schon aus?«
»Es ist definitiv nicht dasselbe«, wandte ich ein. Ich war bereits oft in Vancouver gewesen. Zum Drehen, zum Skifahren mit meiner Schwester und in dieser Surfschule in Tofino mit Tomas – verdammt, wieso musste ich ausgerechnet jetzt an Tomas denken? –, daher wusste ich, dass es nicht mit Québec vergleichbar war. »Der Film heißt Weihnachtsglück in Chelsea. Dort sprechen die Leute Französisch. Es gibt Crêpes und Ahornsirup. Chelsea ist eine Kleinstadt.« Ich sah zu Elijah und wieder zu Roberto. »Vancouver ist eine Großstadt. Es würde sich nicht richtig anfühlen. Die ganze Geschichte ist auf Chelsea in Québec ausgelegt, deshalb müssen wir es auch genau dort drehen.«
»Also gut«, sagte Elijah.
Ich atmete auf und registrierte, dass meine Schultern in den letzten fünf Minuten quasi an meinen Ohren geklebt hatten. Meine Wirbel knackten, als ich den Rücken durchbog. Plötzlich überschlugen sich meine Gedanken. Wie sollten wir gewährleisten, dass wir die erforderlichen Genehmigungen auch bekamen? Das mussten wir schnellstens klären. In der zweiten Januarhälfte sollte es losgehen, bis dahin war es nicht einmal mehr ein Monat.
Endlich trat Elijah vollends ein und tippte mit dem Stift gegen die abgewetzte Ledermappe – wie immer, wenn er angestrengt nachdachte. »In dem Fall müssen wir eben stattdessen Home for Christmas drehen.«
Es war, als hätte mir jemand einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet. »Was?«
»Wenn dein Film in Gott weiß wo in Québec gedreht werden muss, wir aber keine Genehmigung für Gott weiß wo haben, nehmen wir eben das Drehbuch des anderen Weihnachtsfilms, der irgendwo spielt, wo wir problemlos eine Genehmigung herbekommen.« Elijah zuckte die Achseln.
Ich sah Roberto an, der zustimmend nickte.
Mein Herz hämmerte. Ich hatte Monate an diesem Drehbuch gesessen, hatte mein ganzes Herzblut hineingesteckt, außerdem war die Story gut und hatte an allen relevanten Stellen auf dem Weg zu den Streamingplattformen grünes Licht bekommen. Weihnachtsglück in Chelsea sollte mein großer Durchbruch werden.
»Home for Christmas ist …« Ich senkte die Stimme, für den Fall, dass jemand im Büro mit dem Freelance-Autor befreundet war, der das Skript verfasst hatte. »Es ist gut, keine Frage. Weihnachtlich, aber trotzdem eine Geschichte, wie die Leute sie schon tausendmal gesehen haben.«
»Du klingst verbittert«, bemerkte Elijah grinsend.
Das stimmte nicht. Ich hatte das Drehbuch gelesen und wusste, dass die Leute den Film lieben würden. So ungern ich es auch zugab, aber ich wäre ebenfalls davon begeistert, weil ich ein Riesenfan von Weihnachtsfilmen war. Mein Job war schon jetzt der reinste Traum, aber darum ging es hier nicht. Dies war meine große Chance, meinen eigenen Weihnachtsfilm zu drehen. Ich hatte Jahre darauf gewartet, aufzusteigen und mir einen Platz als richtige Regisseurin zu erobern. Weihnachtsglück in Chelsea hatte es durch sämtliche Entscheidungsschritte geschafft, das Budget war genehmigt und stand bereit. Die Streamingplattform hatte die Ausstrahlung für nächsten November bestätigt. Ich hatte bereits meine Schwester Stella und meine engsten Freundinnen informiert und sah uns alle zusammen in einem hübschen Chalet bei heißem Kakao mit einem Schuss Baileys gemütlich auf dem Sofa zusammengekuschelt. Es würde uns noch näher zusammenbringen. Und, hey, vielleicht würden sich sogar unsere Eltern den Film ansehen und ein bisschen wehmütig werden.
Na gut, das war vielleicht etwas vorschnell. Aber trotzdem. Ich war so dicht dran, deshalb konnte ich nicht zulassen, dass eine kleine geografische Verwechslung alles kaputt machte.
»Ich übernehme das«, platzte ich heraus und sah zu Roberto, der die Brauen hochgezogen hatte.
Elijah blickte von seinem Handy auf. »Hm?«
»Ich besorge uns die Genehmigungen.« Ich schluckte und drückte die Schultern durch, ohne den Blick von Elijah zu lösen.
»Dir ist hoffentlich klar, dass das zwei Wochen dauern wird«, erwiderte Elijah.
»Ich fahre einfach hin.« Die Idee war mir urplötzlich in den Sinn gekommen. »Nach Chelsea. Ich hole die Genehmigungen persönlich ein.«
Diesmal schossen Robertos Brauen in die Höhe. Auch ich war völlig überrascht von meinem eigenen Vorschlag.
»Du willst nach Kanada fliegen?« Elijah musterte mich neugierig. »Aber nächste Woche ist Weihnachten.«
Ich strich mit dem Finger über die Innenseite meines silbernen Ohrrings. »Stimmt. Und vorher besorge ich die Genehmigungen«, erklärte ich mit einer Überzeugung, die ich selbst nicht ganz so empfand. »Meine Pläne für die Feiertage haben sich sowieso gerade zerschlagen, deshalb habe ich Zeit.«
Ich sah, wie mein Chef im Geiste eine Einschätzung meiner bisherigen Performance und meiner Arbeitsmoral vornahm. Dabei zog er auch all die Wunder in Betracht, die ich in der Vergangenheit zu seinen Gunsten vollbracht hatte. Die Liste war beachtlich, so viel stand fest. Genau deshalb war ich auch so schnell von der Werkstudentin zur Praktikantin sowie über die persönliche Assistentin zur dritten Regieassistentin aufgestiegen und von dort aus direkt zur Regieassistentin befördert worden, alles in Rekordzeit, nicht nur für Epic-Verhältnisse, sondern für die ganze Branche. Auf mein Konto gingen der Ferrari, den ich für Rudolph in Rom aufgetrieben hatte (ein Hinterhofganove auf seiner Vespa hatte genau den richtigen Mafioso gekannt, dessen Geldforderung, uns den Wagen für einen Tag zu leihen, noch innerhalb des Budgets gelegen hatte). Ich hatte das Malariamedikament für Belle Bilodeau in der Tasche gehabt, während wir Noël auf dem Nil drehten. (Flieg nie ohne das Zeug los, hatte mir meine Mutter in dem Jahr eingebläut, als sie ernsthaft versucht hatte, unsere Beziehung zueinander zu verbessern.) Und vor Kurzem hatte sich Persephone Lanes Stuntdouble den Knöchel gebrochen, also hatte ich mir eine blonde Perücke aufgesetzt und mich im Zuge des Drehs von Whiteout in Williamsburg vom Balkon eines Apartmentkomplexes auf das Dach einer Lagerhalle geschwungen. (Es hat durchaus seine Gründe, weshalb Stuntdouble ein anerkannter Ausbildungsberuf ist. Selbst jetzt noch litt ich unter den Folgen.)
»Na gut«, sagte Elijah. »Aber ich brauche die Zusagen bis spätestens zum 25. Dezember in meinem Posteingang, sonst drehen wir Home for Christmas in Vancouver. Das Drehbuch ist solide. Genau das, was die Leute wollen. Eine sichere Bank.«
Aber ich wollte Weihnachtsglück in Chelsea. »Merci beaucoup, Elijah«, sagte ich. »Betrachte es als so gut wie erledigt.«
Sonntag, 21. Dezember
17 Uhr
Das Negative in etwas Positives ummünzen, würde meine Therapeutin jetzt sagen, dachte ich, als ich einen kleinen Schluck Wein aus dem Plastikbecher nahm, ihn auf dem Plastiktablett abstellte und auf den blauen Himmel über den Wolken hinausblickte. Aber wie stellte man das an, wenn man vier Jahre lang in eine Beziehung investiert hatte, an die man geglaubt hatte?
Wenn ich ehrlich sein sollte, war ich nicht wegen des Endes am Boden zerstört. Vielmehr war mein eigentliches Problem, dass ich es im Grunde gewusst hatte. Schon seit Monaten war es zwischen uns nicht mehr gut gelaufen. Es hatte so viele Alarmzeichen gegeben, dass es sich angefühlt hatte, als befänden wir uns beziehungstechnisch auf neutralem Terrain, gewissermaßen in der Schweiz statt in den USA. Ich hatte beschlossen, die Schweiz in unserer Beziehung zu sein und vor den Feiertagen bloß keine Welle zu machen. Wir hatten vorgehabt, Weihnachten gemeinsam am Strand auf Teneriffa zu verbringen, worauf ich mich sehr gefreut hatte – na ja, nachdem ich meine Enttäuschung überwunden hatte, dass Tomas über die Feiertage nicht zu Hause bleiben wollte. Noch ein Weihnachtsfest wie eh und je, obwohl ich mir so sehr gewünscht hatte, in dieser Phase meines Lebens wäre das längst anders. Wie bei allen meinen Freundinnen.
»Weshalb sollten wir zu Hause bleiben, wenn wir das gar nicht unbedingt müssen?«, hatte Tomas gefragt.
»Weil es einer der bekanntesten Weihnachtssongs ist«, hatte ich geantwortet. Perry Como war der Ansicht, es gäbe keinen besseren Ort als »Home for the Holidays«, ebenso wie Millionen anderer Menschen. Und ich hatte gedacht, wir könnten vielleicht das Gleiche tun und uns all die weihnachtlichen Rituale gönnen, nach denen ich mich immer so gesehnt hatte, weil wir an Weihnachten nie zu Hause gewesen waren, um in ihren Genuss zu kommen: einen Baum aussuchen, Lichterketten und kitschige Deko aufhängen, sich gegenseitig Geschenke in die Strümpfe am Kamin stecken, damit man sie am Weihnachtsmorgen auspacken konnte.
Aber Tomas hatte für so etwas keinen Sinn. »Alle unsere Freunde beschweren sich, dass die Kinder sie am Weihnachtsmorgen in aller Früh wecken und eine Riesenschweinerei veranstalten und wie erledigt sie um neun Uhr morgens schon sind. Zoey, unsere Freunde beneiden uns um unseren Lifestyle, und du willst das gegen etwas mehr Häuslichkeit tauschen? Vielleicht kommen wir ja eines Tages an den Punkt, aber bis dahin stellt sich doch die Frage, wieso wir nicht an einen weit entfernten Strand reisen, spät ins Bett gehen und ausschlafen?«
Er hatte recht. Unsere Freunde waren tatsächlich neidisch. Sie waren alle verheiratet, die meisten von ihnen hatten Kinder, und ihr Leben drehte sich hauptsächlich um Kinderlieder und die Suche nach der richtigen Montessori-Schule. Früher fand ich es toll, beneidet zu werden. Doch inzwischen spielte das keine Rolle mehr, weil ich diejenige war, die sie um ihr Leben beneidete. Und ich wusste, dass wir an den Punkt niemals gelangen würden. Ich betrachtete wieder die Wolken vor dem Flugzeugfenster. Dass er mit mir Schluss gemacht hatte, war die richtige Entscheidung gewesen.
Aber … wie konnte eine Beziehung so vielversprechend anfangen und dann … oh, was war denn das? Das Flugzeug ruckelte, sodass ich meinen Becher festhalten musste. Wie hatten sich so intensive Gefühle und eine solche magische Anziehungskraft zu dem neutralisieren können, was Tomas und mich am Ende noch verbunden hatte? Oder endete es unweigerlich mit einem Kurzschluss, wenn zu Beginn dermaßen die Funken flogen?
Seufzend ließ ich das Gesicht gegen das Fenster sinken. Obwohl ich nicht mehr mit Tomas zusammen sein wollte, schmerzte es mich, dass er mir eine Abfuhr erteilt hatte. Es war die Zurückweisung, die mich kränkte.
Ummünzen,Zoey,positiv denken. Ich schloss die Augen und holte tief Luft. Was Tomas getan hatte, war etwas Positives. Mit dem Ende einer Beziehung löste sich auch die Verantwortung für den anderen. Ich konnte tun, was ich wollte. Tomas hatte mich freigegeben, mir liebestechnisch die Freiheit geschenkt. Ja, das klang super. Lächelnd nippte ich noch einmal an meinem Wein. Ich fühlte mich schon viel besser.
Bis auf die Tatsache, dass ich keine Pläne für Weihnachten und mein Apartment für eine Woche über Airbnb vermietet hatte. Deshalb stand ich nun, da die Reise nach Teneriffa gecancelt war, solange ohne Zuhause da. Was sollte ich jetzt machen? Mom anrufen? Das Flugzeug tauchte in den Wolken ab. Für einen kurzen Moment ließ der Anblick meinen entmutigenden inneren Monolog verstummen, als es wieder auftauchte. Unter mir erstreckte sich die endlose Weite der schneebedeckten Wälder.
Zwei Stunden später waren wir in Ottawa gelandet. Mit meinem Handköfferchen machte ich mich auf dem Weg zum Zollschalter. »Zweck der Reise?«, fragte der Beamte.
»Geschäftlich«, antwortete ich.
Abrupt hob er den Blick von meinem Pass. »Welche Art von Geschäft?«
»Locationsuche.«
»Für …« Er zog die Augenbrauen hoch. Er hatte eine Glatze, freundliche braune Augen und einen braunen Schnauzbart.
Ich lächelte. Er ebenfalls.
»Ich arbeite für eine Produktionsfirma, die auf Weihnachtsfilme spezialisiert ist. Wir haben vor, in Chelsea, direkt hinter der Grenze zu Québec, zu drehen.« Ich habe festgestellt, dass übermäßige Detailgenauigkeit besser funktionierte, wenn jemand sich mit vagen Angaben nicht zufriedengeben wollte.
»Ich weiß, wo Chelsea ist«, erwiderte er trocken.
Wieder lächelte ich. »Natürlich. Jedenfalls suche ich nach geeigneten Drehorten.«
»In Chelsea? Wieso nicht in Wakefield?«
»Was ist so besonders an Wakefield?« Den Namen hatte ich noch nie gehört.
Der Beamte schüttelte den Kopf. »Es ist größer. Malerischer. Mehr Geschäfte. Mehr Menschen. Außerdem gibt es dort die überdachte Brücke.«
Eine überdachte Brücke? Wie in Die Brücken von Madison County? Das klang toll, aber nein. Es musste Chelsea sein.
»Chelsea ist wunderschön um diese Jahreszeit«, erwiderte ich beharrlich, als gäbe es nirgendwo sonst Schnee.
Wieder zuckte er die Achseln, schlug eine leere Seite in meinem Pass auf und drückte einen Stempel mit einem Ahornblatt hinein. »Wie auch immer. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.«
Ich folgte den französischen und englischen Schildern durch den Flughafen, Exit – Sortie, Arrivals – Arrivées, und trat in den Schneefall hinaus, was mich in meinem Entschluss, nicht in Vancouver zu drehen, wie Elijah vorgeschlagen hatte, noch bestärkte. Wenn es hier schon so herrlichen Schnee gab, konnte ich es kaum erwarten, welches Winterwunderland mich auf der anderen Seite des Flusses in Chelsea empfangen würde.
Auf dem Weg zum Mietwagenpark blieb ich stehen, als die Scheinwerfer eines Autos die riesigen tanzenden Flocken erhellten. Die Reifen auf dem Asphalt machten ein Geräusch, als reiße man einen Klettbandstreifen ab. Ich ging weiter und dachte darüber nach, wie schön es war, sich ausnahmsweise eine Szene nicht in schneebedecktem Zustand vorstellen zu müssen, was bei unserer Locationsuche häufig der Fall war. Außerdem war der Schnee ein gutes Omen. Der letzte Film, den wir bei echtem Winterwetter gedreht hatten, Santas Skiparadies mit Benji Goldman, war ein Riesenerfolg gewesen, der sich seit Jahren hielt. Vielleicht wurde mein Projekt ja ebenfalls zum Klassiker.
Mein Handy läutete, als ich in der Mietwagenschlange stand. Es war Stella, meine jüngere Schwester.
»Und, wie ist der Vibe auf den Kanaren?«, fragte sie. »Eher Boho-Chic oder klassischer Minimalismus?« Sie arbeitete als Anthropologin und beschrieb die meisten Dinge mit stilistischen Ästhetikbegriffen.
»Die Reise findet nicht statt.« Ich bemühte mich um einen unbeschwerten Tonfall. »Ich bin in Québec. Genauer gesagt, so gut wie. Das mit Tomas und mir ist vorbei.«
»Was?«, rief sie erschrocken. »Seit wann denn?«
»Seit zehn Tagen.«
»Zoey! Wieso hast du mich nicht angerufen?«
»Ehrlich gesagt ist es halb so wild, Stella. Und ich wollte dir deine Flitterwochen nicht verderben. Wie war’s denn?« Stella und ihr frischgebackener Ehemann Eitan waren die vergangenen vier Wochen auf Safari in Südafrika gewesen.
»Viele Tiere. Viel Sex«, erwiderte Stella. »Aber wechsle jetzt nicht das Thema. Ist Tomas allein geflogen?«
Ungeduldig blickte ich auf die Schlange. Es standen immer noch mehrere Personen vor mir. »Weiß ich nicht. Meinen Flug habe ich storniert. Ich wollte nicht riskieren, dass er fliegt und wir am Ende in derselben Maschine sitzen. Und dann vielleicht noch das Zimmer teilen müssen, weil das Hotel über die Feiertage ausgebucht ist.« Als Regieassistentin hatte ich an einem Film mitgearbeitet, in dem genau das passierte – eine Wiederholung im wahren Leben mit meinem Ex-Freund brauchte ich ganz bestimmt nicht.
»Puh. Geht es dir so weit gut?«
Die Schlange vor mir bewegte sich ein Stück vorwärts. »Mir geht’s okay. Ganz gut. Wenn ich ehrlich sein soll, war es schon seit Monaten vorbei, ich hatte bloß nichts unternommen. Wegen der Reise.«
»Wegen Weihnachten«, korrigierte sie mich und hielt dann inne. »Moment mal. Was ist dann mit deiner Planung zu Weihnachten? Hast du nicht deine Wohnung über Airbnb vermietet?«
»Ich arbeite.«
»Aber doch nicht an Weihnachten. Da arbeitet niemand, Zoey.«
Ich seufzte. »Ich bin dabei, eine Drehgenehmigung zu besorgen, damit wir gleich nach Weihnachten anfangen können.«
»Das ist ja toll. Aber wie lange dauert das? Bis morgen?«
Jemand tippte mir auf die Schulter. Ich sah auf und stellte fest, dass sich zwischen mir und der Person vor mir eine große Lücke gebildet hatte. Ich trat vor.
»Komm doch zu uns«, sagte Stella. »Wir feiern zwar kein Weihnachten, aber du könntest trotzdem schöne freie Tage mit deiner neu-jüdischen Schwester und deinem Schwager verbringen. Leider fällt Chanukka dieses Jahr nicht auf die Weihnachtstage und auch auf keinen Freitag, sonst hättest du mit mir Challa backen können.«
Ich grinste. »Du weißt, wie man Challa backt?«
Ein Teil von mir konnte immer noch nicht glauben, dass Stella wegen Eitan zum Judentum konvertiert war, gleichzeitig war es absolut nachvollziehbar. Damit war sie von dem Druck befreit, ein magisches Weihnachtsfest auf die Beine zu stellen, obwohl ihr wie mir jeglicher Bezug dazu fehlte – mit Ausnahme dieses einen magischen Weihnachtsfests in Chelsea vor vielen Jahren.
Ich hörte Stella im Hintergrund auf ihre Tastatur tippen. »Von Montréal aus gibt es Direktflüge nach Boston. Das ist praktisch um die Ecke. Bitte komm her.« Sie hielt inne. »Am 26. muss ich zwar arbeiten, aber am 25. hätte ich Zeit. Das ist immerhin etwas.« Sie wartete nicht auf meine Antwort. »Du kommst her. Schreib mir, sobald du die Flugdaten hast.«
»Na gut«, willigte ich widerstrebend ein. Ich liebte Stella, doch jemanden zu besuchen, der kein Weihnachten feierte, kam mir noch deprimierender vor, als ganz allein zu sein. »Allerdings brauche ich mindestens noch einen oder gar zwei Tage, bis ich hier fertig bin.«
Damit schien sich meine Schwester zufriedenzugeben.
»Ich muss jetzt auflegen«, sagte ich zu ihr. »Hab dich lieb.«
Das Foto von uns beiden erschien auf dem Display. Es war etliche Jahre alt, aufgenommen an diesem wunderbaren verschneiten Weihnachtsfest, das wir mit Mom und Dad in Chelsea verbracht hatten. Damals waren wir noch Kinder gewesen – ich elf, Stella neun –, und wir saßen in zueinanderpassenden Schlafanzügen vor dem glitzernden Weihnachtsbaum. Ich hatte die Aufnahme, die an meinem Kühlschrank hing, mit dem Handy abfotografiert, in der Annahme, dass sie ein gutes Omen für meine Reise hierher wäre.
Die Idee dahinter war, ein perfektes Weihnachten auf dem Bildschirm zu erschaffen, das so besonders war wie das, welches Stella und ich damals – dieses eine Mal – erleben durften, und dadurch die Litanei an Enttäuschungen der nachfolgenden Feste zu eliminieren.
So wie das, als ich sieben war.
Es war noch dunkel draußen, als mich das Klirren von zerbrechendem Glas weckte. Santa, dachte ich und kletterte so leise wie möglich aus dem Bett. Auf Zehenspitzen ging ich zur Treppe und spähte ins Wohnzimmer unten. Mein Vater fläzte auf dem Sofa, ein Bein auf dem Couchtisch, vor ihm ein zerbrochenes Weinglas auf dem Holzfußboden. Meine Mutter schlief in einem Sessel neben ihm.
Ich ging wieder ins Bett, nur um am nächsten Morgen dasselbe Szenario vorzufinden. Keine Strümpfe am Kamin. Keine Geschenke. Kein Weihnachtsmann. Ich war überzeugt, dass Santa nicht zu uns gekommen war, weil meine Eltern die ganze Nacht im Wohnzimmer gewesen waren, und wartete auf eine Entschuldigung und die Erklärung, dies sei der Grund. Aber es kam nichts. Wir bekamen bloß beide eine nicht eingepackte Schachtel Billigpralinen aus dem Supermarkt, ehe sie sich ins Bett legten, um ihren, wie ich heute wusste, fürchterlichen Kater auszuschlafen.
Im nächsten Jahr war es auch nicht besser. Mein Vater hatte uns verlassen (das erste Mal), und meine Mutter war viel zu deprimiert gewesen, um einen Gedanken an Weihnachten zu verschwenden, deshalb gab es wieder keine Strümpfe mit Geschenken … noch nicht einmal einen halbherzigen Versuch, so etwas wie Stimmung aufkommen zu lassen. Keine Weihnachtsmusik, kein besonderes Frühstück, keine Spiele vor dem Kamin. In diesem Jahr fand ich die Wahrheit heraus. Nicht nur über den Weihnachtsmann, sondern über Weihnachten allgemein – dass es nur ein magischer Feiertag ist, wenn man jemanden hat, der diese Magie für einen entstehen lässt.
»Nächster! Suivante!«, rief eine Stimme. Ich löste mich aus meinem Tagtraum und stellte fest, dass ich an der Reihe war.
Eilig steckte ich mein Handy in die Tasche meines weißen Wollmantels und trat an den Schalter, wo ich meine Reservierungsbestätigung dem Mitarbeiter hinschob, der aussah, als hätte er erst seit gestern einen Führerschein. Der Junge brauchte eine halbe Ewigkeit, um die Daten in seinen Computer einzugeben. »Und Sie nehmen natürlich die Zusatzversicherung für $ 14,99 pro Tag?«
»Nein, danke, ich bin über meine Kreditkarte versichert.« Ungeduldig sah ich auf die Uhrzeit auf meinem Handy.
»Sicher? Es ist eine Rundum-Versicherung. Sie müssen sich um nichts Gedanken machen.«
»Ja.«
»Ja, Sie nehmen sie?«
Ich atmete aus und lächelte. »Nur einen einfachen Wagen, ganz normal, keine Extras«, antwortete ich und bemühte mich, ruhig zu bleiben.
Mein Blick fiel auf den an der Wand montierten Flachbildschirmfernseher, auf dem die Nachrichten liefen. Direkt unter den aktuellen Aktienkursen verlief ein rotes Band: TEMPERATURSCHWANKUNGENLÖSENSCHWERESCHNEESTÜRMEINNERHALBDERNÄCHSTEN 24 – 48 STUNDENAUS. ANWOHNERDERREGIONGATINEAUUNDDEMHAUPTSTADTGEBIETWERDENGEWARNT, SICHAUFKÄLTEEINBRÜCHEUNDSTROMAUSFÄLLEEINZUSTELLEN. Geistesabwesend überlegte ich, wie weit Chelsea entfernt sein mochte. War der Gatineau Park nicht der Ort, den ich für die Schneespaziergang-Szene im Sinn hatte – wenn Ruby den Labrador entdeckte, der Jacques ausgebüxt war?
Endlich erschien der Mitarbeiter mit einem Schlüssel in der Hand. »Gute Nachrichten!«, rief er. »Sie haben ein Upgrade für einen Land Rover.«
Seine übermäßige Begeisterung erweckte den Anschein, als hätte ich im Lotto gewonnen. »Hat er Vierradantrieb und Sitzheizung?«, fragte ich, wobei ich stolz war, dass ich angesichts des nahenden Schneesturms daran gedacht hatte.
»Der Land Rover? Aber natürlich!«
Ich nickte voller Stolz, dass ich nicht nur an die beheizbaren Sitze, sondern auch an den Vierradantrieb gedacht hatte.
Fünf Minuten später war mein Koffer im Land Rover verstaut, ich hatte auf Google Maps die Route eingegeben und fuhr voller Vorfreude vom Parkplatz auf die schneebedeckten Straßen. Das rhythmische Geräusch der Scheibenwischer war hypnotisch. Ich fummelte am Radio herum, bis ich auf einen Sender mit Weihnachtsliedern stieß, drehte die Lautstärke auf und begleitete lautstark Mariah Carey bei »All I Want for Christmas is You«. Die Route führte mich durch das Zentrum von Ottawa. Ich fuhr an einem Markt vorbei, wo sich mit Einkaufstüten beladene Leute drängten. Die Straßenlampen waren mit Lichtern, Grünzeug und großen roten Schleifen geschmückt. An einer Ampel neben einem Park hielt ich und sah … einen Mann auf Langlaufskiern? Ich kniff die Augen zusammen. Ja, er trug eine enge Lycra-Hose, eine schmal geschnittene Jacke und eine Strickmütze – wie nannte man die Dinger in Kanada noch? Ich ging die kanadischen Begriffe durch, die ich im Zuge der Arbeit am Drehbuch recherchiert hatte. Ah, genau. Toque.
Ich lächelte dem Skifahrer zu, dessen Gesicht halb von der Sturmhaube bedeckt war und der auf den schmalen Skiern durch den Park rauschte. Es war die perfekte Szene für einen Weihnachtsfilm – allerdings würde ich die Sturmhaube wohl eher weglassen, weil sie eher an eine Kidnappingszene aus Fargo denken ließ als an eine berührende Christmas-RomCom.
Als die Ampel auf Grün sprang, fuhr ich weiter, während ich suchend den Blick umherschweifen ließ. Es ist der Fluch des Locationscouts, unablässig nach perfekten Drehorten Ausschau zu halten, von dem ich mich auch nicht befreit hatte, nachdem ich nicht länger diese Funktion bei Epic innehatte. Im hinteren Teil des Parks entdeckte ich ein Ahornwäldchen und behielt es im Hinterkopf für den Fall, dass Chelsea sich als doch nicht so idyllisch erweisen sollte. Aber eigentlich war ich mir meiner Sache recht sicher. Ein Feuerwehrfahrzeug raste mit heulender Sirene vorbei. Langsam fuhr ich weiter, sah abwechselnd nach links und rechts, um alles aufzusaugen. Jemand hupte hinter mir, also beschleunigte ich.
Im Geiste ging ich durch, was wir brauchen würden: Eine Weihnachtsbaumschule. Ein gemütliches Café. Einen lauten Pub, wo Musik gespielt wurde, damit die Leute auf dem Höhepunkt mitsingen konnten. Ein außergewöhnliches Haus mit einem mindestens vier Meter hohen Baum, weil alles andere im Fernsehen zu mickrig wirkte. Epic hatte für jede Produktion ein bestimmtes Budget für die Locations, aber da Roberto bereits nicht erstattungsfähige Anzahlungen für Orte in Manhattan geleistet hatte, stand mir weniger als üblich zur Verfügung. Doch das sollte kein Problem sein. Ich hatte Chelsea noch nicht in vielen – falsch, in gar keiner – Produktionen gesehen. Dass es noch nie als Kulisse für einen Film gedient hatte, bedeutete, dass die Bewohner begeistert über die Aufmerksamkeit wären, wodurch sich, zumindest in einer perfekten Welt, die Kosten für die Nutzung ihrer Häuser, Geschäfte und dergleichen reduzieren würden. Was mir wiederum mehr Auswahlmöglichkeit verschaffte und den Film hochkarätiger wirken ließe.
Aber in Wahrheit war es gar nicht die Aussicht, mit einem überschaubaren Budget einen Hollywoodstreifen auf die Beine zu stellen, die mich antrieb. So großen Spaß es machen mochte, eine fiktive Geschichte auf die Bildschirme zu bringen, bereitete man in erster Linie den Menschen im Ort eine Freude. Wenn ein Ladenbesitzer sein Geschäft, in das er all sein Herzblut und endlos viele Arbeitsstunden gesteckt hatte, später im Fernsehen sah, war er entzückt. Das Lebenswerk der Menschen war gewissermaßen unsterblich gemacht worden, ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Aufstieg, den ein Film einem Städtchen bescheren konnte, manchmal so sehr, dass er über die Feiertage hinweg über das ganze Jahr reichte. Das war mir die größte Freude.
Nachdem ich die Brücke über den Ottawa River passiert hatte, verteilte sich der Verkehr, und schon bald befand ich mich auf einer leeren, vierspurigen Straße durch den verschneiten Wald. Schon besser: unberührter Schnee, riesige Bäume, Weihnachtsbeleuchtung an den Häusern in den Bergen. Kein Autohupen, keine Krankenwagensirenen. Bis auf die Weihnachtsmusik aus dem Radio herrschte herrliche Stille. Vom Highway bog ich in eine kleinere Straße mit altmodischen Laternenpfählen, deren bernsteinfarbenes Licht das Ortsschild Village du Chelsea in einen warmen spätnachmittäglichen Schein tauchten. Ich lächelte. Wie idyllisch es hier war! Schon jetzt sah ich die Eröffnungsszene, die genau diesen Straßenabschnitt zeigte, vor mir, als unvermittelt ein Reh auf die Straße lief. Sein Fell war olivfarben, es hatte muskulöse Flanken und einen kleinen weißen Schwanz. Es blieb direkt vor mir stehen und starrte mich mit großen, mandelförmigen Augen an. Sein kleines Geweih ließ es beinahe wie eines von Santas Rentieren aussehen, die natürlich nicht real waren. Im Gegensatz zu diesem Tier. Ich keuchte auf und trat voll auf die Bremse. Das Pedal berührte das Bodenblech, ich krallte die Hände um das Lenkrad, während der SUV über die vereiste Straße schlitterte – direkt auf das Reh zu. »O nein, o nein«, stöhnte ich. Ein Reh anzufahren, war so ziemlich das Letzte, was ich jetzt noch brauchte. So viel zum Thema »schlechtes Omen«. So unvermittelt, wie das Tier auf die Straße gerannt war, kam der Land Rover einen halben Meter vor ihm zum Stehen. Ich starrte das Reh an, legte die Automatik auf Parken und blieb einen Moment hinter dem Steuer sitzen, um mich ein wenig zu fangen. Nach ein paar Minuten blickte ich aus dem Beifahrerfenster auf die Stelle, wo das Tier verschwunden war. Hinter dem Friedhof erblickte ich ein schwarzes schmiedeeisernes Tor vor einer traditionellen Kirche im gotischen Stil, die lediglich wegen der am Zaun angebrachten Lichter auszumachen war.
Als sich mein Herzschlag auf einem normalen Rhythmus eingependelt hatte, fuhr ich weiter, bis ich zu einem riesigen Weihnachtsbaum gelangte, der bis zur Spitze hinauf mit bunten Lichtern geschmückt war und den dunkler werdenden Himmel erhellte. Ich erinnerte mich an diesen Baum. Nach dem Eislaufen hatten Stella und ich auf einer der darum gruppierten Bänke gesessen und heiße Schokolade getrunken. Wo hatten wir den Kakao hergehabt? Aus unserem Ferienhaus in einer Thermoskanne? Oder hatten Mom und Dad ihn in einem Café gekauft? Einige Details von damals hatte ich noch deutlich vor Augen, andere waren verschwommen. Trotzdem spürte ich bereits die vertrauten Gefühle, die von mir Besitz ergriffen, nun, da ich wieder in Chelsea war: Wärme. Glück.
Die kleine Pension, in der ich ein Zimmer reserviert hatte, befand sich nur ein paar Meter daneben. Ich stellte den SUV auf dem Parkplatz ab, nahm meinen weißen Wollmantel vom Rücksitz und streifte meine camelfarbenen Kaschmirhandschuhe über, dann hievte ich meinen Rollkoffer aus dem Wagen und zog ihn hinter mir her über eine niedrige Schneewehe auf den Bürgersteig. Nach ein paar Metern sah ich auf meine Bailey UGGs, die jetzt, wo ich darüber nachdachte, vielleicht nicht ganz das ideale Schuhwerk für diese Witterung sein könnten. Meine Zehen fühlten sich schon leicht taub an, und die Nässe drang durch das dünne Wildleder. Ich blieb stehen, knöpfte meinen Mantel zu und schlug den Kragen hoch. Warm war mir nicht direkt, aber das machte mir nichts, denn der Anblick wärmte mein Inneres auf der Stelle: Weiße und bunte Lichter glitzerten und blinkten an den Häusern, Büschen und Bäumen. Fluffige Schneeflocken fielen vom Himmel und landeten geräuschlos auf sämtlichen Oberflächen. Ich seufzte zufrieden. Ich war hier: im malerischsten Städtchen, das ich kannte, und jenem Ort, mit dem ich die glücklichsten Weihnachtserinnerungen verband.
Die Häuser auf der Hauptstraße waren klein und kastig und wie Monopoly-Häuschen in leuchtendem Gelb, Türkis und Ocker gestrichen. Wegen ihrer steilen Metalldächer blieb der Schnee lediglich an den Dachvorsprüngen hängen, was sie wie Zuckerguss an einem Lebkuchenhaus aussehen ließ. Die Schilder waren alle auf Französisch: Boulangerie. Fromagerie. Bibliothèque. Le Pub du Village. In den Unterlagen, die Roberto für mich zusammengestellt hatte, stand, dass die Rezeption der Auberge Rouge bei meiner Ankunft geschlossen sein könnte und ich den Schlüssel in La Petite Grocerie bekäme, die sich wenige Häuser neben der Pension befand. Staunend ließ ich den Blick über die hübsch gestrichene, rundum verlaufende Veranda schweifen. Auf der rechten Seite stand ein rot, grün und weiß gestrichenes Kanu mit einem echten, komplett geschmückten Weihnachtsbaum mitten darin. Ich konnte mir vorstellen, wie die Besitzer am Ende des Sommers beratschlagten, was sie mit dem Kanu anstellen sollten, und einer meinte: »Lassen wir es doch einfach auf der Veranda und stellen einen Weihnachtsbaum hinein. Das gibt ein festliches Flair!« Ich zog meinen Koffer die schneebedeckten Stufen hinauf und drehte den Türknauf. Abgeschlossen. Mein Blick fiel auf den handgeschriebenen Zettel an der Tür. Schlüssel im Briefkasten. So viel zum Thema Sicherheit. Ich spähte in den Briefkasten neben der Tür, wo tatsächlich der Schlüssel lag, zusammen mit einer Anweisung auf Französisch, die ich erfolglos zu übersetzen versuchte. Hoffentlich enthielt sie nichts Wichtiges.
Auf dem Rückweg zum Gasthof bauschte sich mein Atem als dicke Wolke vor meinem Mund, und der Schnee glitzerte im Mondschein. Die Auberge Rouge war ein zweistöckiges Gebäude zwischen Kiefern und kahlen Ahornbäumen, das von der Vorderseite Zugang zu sämtlichen Zimmern bot wie bei einem Apartmentkomplex. Ich sah auf den Schlüssel. Zimmer 204. Ich zog meinen Koffer die Metallstufen hinauf und an teils dunklen, teils erleuchteten Fenstern vorbei. In einem der Gästezimmer waren die Vorhänge nicht zugezogen, sodass ich ein Pärchen mit Weißweingläsern am Küchentresen sitzen sah. Zimmer 204 befand sich auf der rückwärtigen Seite des Gebäudes.
Ein großer Wollteppich in Rot- und Goldtönen lag auf dem Holzfußboden. Das Bett war niedrig und mit blütenweißer Bettwäsche bezogen. In der Ecke befand sich ein echter Kamin mit einem kleinen Stapel Feuerholz davor, daneben ein abgenutzter Ledersessel und eine bogenförmige Leselampe. Auf dem Tischchen neben dem Sessel lagen drei Bücher. Eukalyptusduft hing in der Luft. Das Zimmer fühlte sich warm und einladend an. Ich hatte nur für zwei Nächte gebucht, wünschte jedoch, es wäre länger.
Mein Handy summte. Noch während ich Mishas Einladung las, Weihnachten bei ihr zu verbringen, kam auch Stellas. So dankbar ich für meine Schwester und meine beste Freundin sein mochte, galt meine Aufmerksamkeit erst einmal dem Film statt dem Fest.
Ich sah auf meine Uhr. Acht Uhr. Obwohl ich eine anstrengende Anreise hinter mir hatte, war ich nicht müde, sondern immer noch auf L.A.-Zeit eingestellt, wo es gerade erst fünf Uhr war. Was jetzt? Ich könnte einen kleinen Spaziergang durch den Ort machen oder mir einen Film im Bett ansehen. Oder auf einen Drink in den Pub gehen. Ich entschied mich für Letzteres. Morgen früh hätte der Pub geschlossen, und wenn ich gleich loszog, wüsste ich schon einmal, was mich erwartet. Ich hob mein Glas. »Außerdem muss ich morgen früh raus.«
Zehn Minuten später, nachdem ich mich im Badezimmer frisch gemacht, mir die Haare gebürstet und eine neue Schicht Lipgloss aufgetragen hatte, ging ich die Straße entlang, während die Flocken ringsum fielen. Auf der anderen Straßenseite hatten sich Leute um ein Lagerfeuer vor der grün-weiß gestrichenen Pizzeria versammelt. Laute Musik und Gelächter drangen an meine Ohren. Ich suchte die Straße nach dem richtigen Monopoly-Häuschen ab, bis ich das kleine braune mit dem Schild gefunden hatte. Le Pub du Village.
Die Stufen waren breit und führten zu einer Rundumveranda. An den Dachvorsprüngen waren mit winzigen Lichtern geschmückte Birkenzweige angebracht. Sehr hübsch. Ich machte ein Foto davon und gab es zu meiner Liste, ehe ich die Stufen hinaufging und um ein Grüppchen herumtrat, das sich vor der Tür versammelt hatte. Die schwere Tür ging auf, und intensiver Bier- und Esskastaniengeruch schlug mir entgegen. Zu Laternen umfunktionierte Einmachgläser hingen an der dunkel holzvertäfelten Decke, rings um den Raum herum waren Vintage-Glühlampen angebracht. Links befand sich ein langer Eichentresen mit einem Drahtgestell, an dem kopfüber Weingläser aufgehängt waren, davor standen Barhocker ohne Lehnen. Die Decke des Gastraums auf der rechten Seite war niedriger, und kein einziger der kleinen Tische war frei, glücklicherweise blieb gerade genug Platz, um sich an die Bar zu stellen.
Ich zwängte mich durch die Leute – Entschuldigung, excusez-moi, Verzeihung, pardon. Wer hätte gedacht, dass ich so viele französische Vokabeln aus der Zeit des Drehbuchschreibens behalten hätte? –, bis ich eine kleine Lücke fand und dem Barkeeper ein Zeichen gab. Er war etwa vierzig, mit Vollbart, roter Strickmütze und passendem rotem Waffelpiqué-Shirt. An jedem seiner Finger steckte ein breiter Ring, seine linke Halsseite bedeckte ein Tattoo – irgendein Wort in Kursivschrift, das ich wegen eines Barts allerdings nicht lesen konnte. Er bemerkte mich und winkte mir zu, dann stieß er ein herzhaftes Lachen aus und rief etwas auf Französisch. Seine Stimme war tief und voll. Ich ging davon aus, dass er fragte, was ich trinken wollte. Eigentlich stand mir der Sinn nach einem Gin Tonic, doch ich hatte keine Ahnung, wie ich das auf Französisch sagen sollte.
An der Holzwand hinter dem Tresen hingen mehrere Schilder, eines davon mit einem Weinglas und dem Wort vin.
»Vin«, rief ich.
Er lachte. »Ah. Ein Glas Wein also. Rot oder weiß?«
Mein Französisch war also offenbar nicht überzeugend genug gewesen.
»Rot«, antwortete ich und fragte mich, ob es vielleicht etwas genauer sein könnte, doch der Barkeeper nickte, nahm eine Flasche unter dem Tresen hervor und zog den Korken heraus. Einen Moment später streckte er mir das Glas hin, und ich nahm es am Stiel, als ihm jemand neben mir etwas zurief. Er reckte den Daumen.
»Du hättest den Gin nehmen sollen«, sagte eine Stimme rechts von mir.
Ich drehte mich um. Der Typ war ein Riese. Runder Kopf, dicker Bauch, sodass die Hemdknöpfe spannten, und Bartstoppeln – nicht kurz genug, um es als Bartschatten zu bezeichnen, aber auch nicht lang genug für einen richtigen Bart, sondern einfach nur ungepflegtes Gestrüpp. Sein Haar war schmierig, auf seinen Brillengläsern waren Fingerabdrücke zu erkennen. Er grinste vielsagend. Ich stöhnte innerlich. In meiner perfekten Feiertagslocation waren Schmierlappen nicht vorgesehen.
»Deux gin tonics«, rief er dem Barkeeper zu, dann sah er mich an und streckte die Hand aus. »Stéphane. Und du bist …? Außer hinreißend.«
Oje. Ich verzog das Gesicht. »Zoey«, antwortete ich widerstrebend.
Er deutete auf die an der Wand aufgereihten Flaschen. »Die destillieren ihren eigenen Gin. Den musst du probieren.« Der Barkeeper nahm eine große Flasche vom Regal hinter ihm – GIN stand in Blockbuchstaben darauf.
Vielleicht war Stéphane ja doch ganz nett. »Ehrlich gesagt war das sogar meine erste Idee«, gestand ich und nippte an dem Wein, der gar nicht mal so übel schmeckte, vor allem, wenn man bedachte, dass er in einem Pub ausgeschenkt wurde. »Aber ich wusste nicht, wie man es auf Französisch sagt.«
Erste Regel bei der Locationsuche: Selbst wenn die Person noch so abgeranzt wirken mag, sei nett, weil du nie weißt, mit wem du es zu tun hast. Könnte ja sein, dass ihm der Laden hier gehört. Obwohl bei der Locationsuche die Bewertung von außen im Mittelpunkt stand, galt das für Menschen nicht unbedingt, auch wenn die fragliche Person nach Maischips roch.
»Deshalb habe ich das übernommen.« Stéphane lachte. »Gin Tonic. Gin tonic. Habe dir gerade einen bestellt.«
Ich schüttelte den Kopf. »Danke, aber nein. Jetzt habe ich ja ein Glas Wein.« Ich hob mein Glas. »Außerdem muss ich morgen früh raus.«
»Morgen gibt’s kein früh raus. Heute ist Wintersonnwende«, polterte er. »Die längste Nacht des Jahres. Da muss durchgezecht werden.« Er sah sich um. »Die ganze Nacht, okay?« Er nahm dem Barkeeper die beiden Gläser ab und kippte das eine hinunter, ehe er es auf den Tresen knallte.
»Los, probier mal«, nuschelte er und schob mir das zweite Glas zu, wobei mir sein nach Gin und – was noch? Chicken Wings? – stinkender Atem entgegenschlug. Prompt rebellierte mein leerer Magen.
»Nein, wirklich, mach ruhig.« Ich musste hier weg, keine Frage. Ich konnte nur hoffen, dass er nicht der Besitzer des Pubs war.
»Aber ich habe ihn dir spendiert.« Leise Aggression schwang in Stéphanes Tonfall mit.
Folgendes: Ich lasse mir grundsätzlich keine Drinks spendieren. Vor allem nicht, wenn ich irgendwo fremd bin und die Typen nicht kenne. Ich trat einen Schritt zurück und sah mich um. »Ah, da ist ja eine Freundin.«
Ich deutete vage in eine Richtung, doch Stéphane kam sofort näher und schloss die Lücke, die ich mir als Fluchtweg zwischen ihm und mir geschaffen hatte.
Ich zwang mich zu einem Grinsen. »Dann mal schönen Abend noch.« Ich wollte mich an ihm vorbeischieben, aber das würde sich nicht bewerkstelligen lassen, ohne mit ihm in Berührung zu kommen. Ich kniff die Augen zusammen und hielt den Atem an. Und dann passierte es: Seine Hand lag auf meinem Hinterteil.
»Ernsthaft, Kumpel?«, fauchte ich.
Stéphane feixte, als hätte ich ihm ein Kompliment gemacht.
»Fass mich nicht an!«
»Pourquoi pas?« Er beugte sich so nahe, dass ich die Worte förmlich spüren konnte.
Ich hob die Hand, um ihm eine Ohrfeige zu verpassen, als eine laute Stimme rechts neben mir ertönte. Abrupt drehte Stéphane den Kopf in die Richtung. Ich sah das Profil eines Mannes, der etwa in meinem Alter oder etwas älter sein dürfte, groß, schlank und breitschultrig in einem kastanienbraun karierten Flanellhemd, das eng um seinen Oberkörper lag. Markantes Kinn, gepflegter Bart, dunkelbraunes, zur Seite gekämmtes Haar. Ihn beurteilte ich mit dem größten Vergnügen nach seinem Äußeren. Wieso hatte er mir keinen Drink spendieren können?
Den Blick auf seinen vollen Mund geheftet, lauschte ich seinem scharfen Tonfall, als er auf Französisch etwas zu Stéphane sagte.
Er wandte sich mir zu. »Ça va?«
Seine Stimme war sanfter, leiser, und seine braunen Augen bohrten sich in meine. Seine Wimpern waren unfassbar lang. Ich starrte ihn ausdruckslos an, während ich mir überlegte, wie ich auf seine Frage antworten sollte. Leichter Schwindel hatte mich erfasst.
»Geht es Ihnen gut?« Ein kaum wahrnehmbarer Akzent schwang in seinem Englisch mit.
»Ich habe gerade mit ihr geredet«, warf Stéphane ein, ehe ich etwas erwidern konnte.
»Vollgelabert trifft es wohl eher«, widersprach ihm der Mann. »Interessiert scheint sie jedenfalls nicht zu sein.« Wieder sah er mich an. »Oder waren Sie an einem Gespräch mit ihm interessiert?«
»Das geht dich einen Scheiß an, Alter.« Wieder meldete sich Stéphane zu Wort, bevor ich Gelegenheit hatte, etwas zu erwidern.
