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Mit ironischem Unterton und viel Witz wirft der Roman einen intensiven, variantenreichen Blick auf die philippinische Gesellschaft. Erzählt aus der Sicht eines heranwachsenden Mädchens, das anfangs noch naiv scheint, dann aber immer genauer und bissiger beobachtet. Dieses Mädchen, Guada, wächst in Manila bei ihrer Mutter auf, einer Lehrerin, nachdem der Vater, Seemann und Schürzenjäger, sich davon gemacht hat. Um ihr Einkommen aufzubessern, verkauft die Mutter selbstgemachtes Streetfood. Ihre Kochkünste werden von einem schwerreichen Unternehmer mit besten politischen Beziehungen entdeckt, er stellt sie ein und lässt sie und Guada in seinem Luxus-Anwesen wohnen. Das Mädchen wird mit dieser arroganten, korrupten »Elite« konfrontiert (im Roman gekonnt satirisch vorgeführt), begreift schnell, dass sie nicht dazugehört, zieht sich zurück – und lässt in einem rasanten Schlusskapitel alles hinter sich.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2025
Diese Veröffentlichung wurde unterstützt durch den National Book Development Board of the Philippines (NBDB), die Nationale Kommission für Kultur und Künste (NCCA), das Außenministerium (EDA) und das Büro der Senatspräsidentin Loren Legarda
Originalausgabe:
Jessica Zafra: The Age of Umbrage
© 2020 Jessica Zafra und Ateneo de Manila
University Press, Quezon City, Philippinen
© 2025 für die deutsche Ausgabe und Übersetzung:
TRANSIT Buchverlag
Postfach 12 03 07 | 10593 Berlin
www.transit-verlag.de
Layout und Umschlaggestaltung: Gudrun Fröba
Druck und Bindung: CPI Group Deutschland
eISBN 978-3-88747-455-3
Jessica Zafra
Aus dem Englischen übersetzt von Niko Fröba
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
GLOSSAR
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WENN ASUNCION PELAYOS ELTERN, GESCHWISTER, COUSINS UND Cousinen, die Freunde und Bekannten sie nicht gewarnt hätten, dass Hernani ein Nichtsnutz, ein verlogener Angeber wäre, der einen Telefonmast bumsen würde, hätte der einen Rock an, wenn sie nicht die Erste in der Familie gewesen wäre, die eine Hochschule besucht hatte, wenn ihr das Diplom der Pädagogischen Hochschule nicht die Reputation einer Inglesera* eingebracht hätte, die ihre Verehrer wegen deren falscher englischer Grammatik regelmäßig verspottete, wenn sie, anstatt so viele Melodramen auf Tagalog anzuschauen und so viele Mills and Boon-Groschenromane zu lesen, tatsächlich mal auf ein Date gegangen wäre, bevor sie das zarte Alter von einunddreißig erreicht hätte, vielleicht wäre sie dann nicht die Art von Frau geworden, welche die armen Seelen im Fegefeuer anflehte, dass ihr Mann die süßen Freuden der Monogamie zu würdigen wüsste.
Sicherlich hatten die Sünder, verdammt dazu, in den Vorhallen der Hölle vor sich hin zu schmoren, andere Sorgen, als sich darum zu kümmern, dass Nanis Hosenstall zu blieb. Sicherlich müsste es eine intelligente, stolze Frau wie Asuncion merken, dass sie zum Narren gehalten wurde. »Warum nimmst du nicht einfach einen Stein und haust ihn dir auf den Kopf?«, fragten ihre Freunde, mit den Nerven am Ende. Sie wussten jedoch nicht, dass ihre Siony etwas Besseres besaß als einen Helm, um sich vor den Fallstricken und Querschlägern eines solch skandalösen Schicksals zu schützen: Die felsenfeste Überzeugung, dass sie und Nani füreinander bestimmt waren. Das Schicksal hatte ihr Hirn vernebelt.
An einem Abend im Dezember 1979 kam Siony aus einem Kino mit ihrer blassen, unscheinbaren Freundin Belay, als sie eine Hand auf ihrem Hintern fühlte. Es war kein unabsichtliches Streifen oder Stupsen im Gedrängel, sondern vielmehr ein zielgerichteter, fester Griff, so, wie eine Hausangestellte die Reife einer Frucht prüft. Als sie sich umdrehte, um dem Grapscher in die Augen zu sehen und ihn mit ausgewähltem englischen Vokabular zu überziehen, erblickte die Lehrerin sogleich den Mann, den das Schicksal vermeintlich für sie vorgesehen hatte.
»Es tut mir so leid«, sagte Hernani, und warf die Hände in die Höhe, so, wie das eifrige Kinobesucher als Zeichen des Aufgebens kennen. »Ich dachte, du wärst jemand, den ich kenne.« Wessen Hintern genau er zu tätscheln geglaubt hatte, wurde nie hinterfragt.
Siony befasste sich nicht weiter mit dieser Geschichte. In ihren Gedanken spielten sie eine Szene aus dem Film nach, den sie gerade angeschaut hatte.
Gabby: Ich habe für dich dieses Armband.
Sharon: Da steht »Nummer Eins«.
Gabby: Weil du meine Nummer Eins bist.
Sharon: Ich will aber nicht die Nummer Eins sein. Wenn es eine Nummer Eins gibt, gibt es auch eine Nummer Zwei, Nummer Drei, Vier …
Gabby: Wenn du nicht meine Nummer Eins sein willst, was willst du sonst sein?
Sharon: »Deine einzige Eine.«
Allerdings: Das konnte nicht der Film sein, den Siony im Kopf hatte; den gab es nämlich noch gar nicht. Sie hatte die Neigung, ihre Erinnerungen so zurechtzubiegen, dass sie ihrer Vorstellung von Schicksal gerecht wurden.
Die Wahrheit war, dass Hernani Siony in voller Absicht gekniffen hatte, denn in jenen Tagen war sie außerordentlich gut zu kneifen. Sie hatte Brüste, die den Raum fünfzehn Sekunden vor ihr betraten, und ein Hinterteil, das fünfzehn Sekunden nach ihr in den Raum kam. Sie sprühte Reife aus, und Hernani konnte sehen, dass sie bereit war, darauf brannte, endlich gepflückt zu werden. Als er Siony und ihre Freundin in ihr Wohnheim brachte, konnte er nicht ahnen, dass er in der Falle saß.
Zu Sionys Gunsten muss erwähnt werden, dass sie nicht wissen konnte, dass das Auto, das er fuhr, die englischen Vokabeln, die er fallen ließ, und die italienischen Schuhe, die er trug, dass dies alles seinem Gönner Titus zu verdanken war, dem extravaganten Besitzer eines Schönheitssalons in Quezon City. Es ist eine allseits bekannte Tatsache auf den Philippinen, dass sich ein alleinstehender junger Mann mit gutem Aussehen und wenig Aussicht auf Erfolg einen Wohltäter suchen muss, eine ältere Person weiblicher oder homosexueller Prägung. Im letzteren Fall bedeutete das keinesfalls, dass die jüngere Hälfte dieser Paarung selbst homo- oder vielleicht bisexuell sein musste, die Liaison entstand vielmehr aus purer Notwendigkeit und Pragmatismus. Es war Titus, der Hernani durch die Handelsmarineschule schleifte, und Titus, der sich um Hernanis Heiratsaussichten sorgte. Mit viel Glück würde sein Schützling ein nettes Mädchen mit Geld finden, eines, das die Mär vom Waisenjungen, aufgezogen von seinem liebevollen Onkel, schlucken würde.
Ungeachtet ihrer nicht vorhandenen Erfahrung in Liebesdingen, war sich Siony ihrer prekären Lage auf dem Heiratsmarkt bewusst. Wie Belay, ihre Eltern, die Geschwister, Cousinen, Cousins und die gesamte Einwohnerschaft von San Andres ihr bei jeder Gelegenheit deutlich machten, war sie kurz davor, »von der Bildfläche zu verschwinden«, nämlich sobald sie das Alter von zweiunddreißig erreicht hätte. Ein gefährliches Alter für eine Frau: Die Schwerkraft würde bald ihre für alle sichtbaren Vorzüge zunichte machen.
Trotz Sionys Ehrgeiz brauchte Nani viele Wochen mit Treffen im Kino und in Discos und Spaziergängen im Park, bevor er sie überzeugen konnte, den Schutzmantel um ihr makelloses Fleisch zu lüften. Im Kino hatte er es geschafft, in ihren elastischen BH mit einem Finger einzudringen, als man auf einmal ein schreckliches Knacken hörte. Er hatte sich den kleinen Finger gebrochen. Nur sein mit Bedacht in der Stadt aufgebautes Image eines tapferen Mannes hinderte ihn daran, aufzuspringen und zu brüllen wie ein Werwolf. Siony fand ihn eine Stunde später beim Ausgang wieder, er hielt eine Zigarette in einer bandagierten Hand.
Als es beinahe danach aussah, dass Nanis Körper von seinen blau angelaufenen Eiern amputiert werden müsste, griff das Schicksal in Form eines Einschiffungsbefehls ein. Er wurde in drei Monaten in Panama City erwartet, um sich der Crew des Heart of the Ocean anzuschließen, eines Kreuzfahrtschiffs mit Stationen in Cartagena, Cabo San Lucas und New York City. In dieser Nacht endlich ergriff er die Chance und machte sich Siony zu eigen, ebenso in der nächsten Nacht und der darauf folgenden. Tatsächlich konnte er sie sich für den Rest ihrer Leben zu eigen machen, alles zum Schleuderpreis einer Ehe.
Es wurde ihm zu spät klar, dass Siony bereits bei ihm eingezogen war, in den Raum oberhalb der Garage in Titus’ Apartment, dass ihn ihre Gipsfigur der Heiligen Jungfrau Maria von seinem Kleiderschrank aus unversöhnlich anfunkelte, dass sich ihre BHs, die eine ganze Salve Patronen aufhalten konnten, in der Schublade neben seiner Unterwäsche ausruhten und dass Siony höchstselbst mit Titus in der Küche über die Privatleben der Filmstars tratschte oder ihn mit selbstgekochten Köstlichkeiten überschüttete. Noch bevor sie sich Nani als Ehemann sichern konnte, hatte sie bereits Titus zu ihrer Stiefmutter erkoren.
Es war Titus, praktisch veranlagt wie immer, der sie davon überzeugte, dass ihre Karrierechancen als Schullehrerin begrenzt waren, und sie, bis sie dann zu einem späteren Zeitpunkt Gefallen an der Idee fand, gepökeltes Fleisch an die Eltern ihrer Schüler zu verkaufen, besser dran wäre, wenn sie mit Nani auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten oder gleich in die Vereinigten Staaten auswandern würde.
In der Woche, bevor Nani nach Panama abreiste, wurden er und Siony im Rathaus vermählt, in der Anwesenheit von Sionys Eltern, den Geschwistern, Cousins und Cousinen, und den Freunden, die alle gemeinsam den Verlust der ersten College-Absolventin der Familie an einen Seemann bejammerten. Dennoch hatte sie es geschafft, dem schlimmsten aller Schicksale zu entgehen, im Wissen, dass eine unglückliche Ehe mit einem herumhurenden Nichtsnutz immer noch dem Leben in friedlicher Einsamkeit vorzuziehen sei.
Der Seemann meldete sich an Bord seines Schiffes und kehrte zu seinem alten Leben zurück, indem er jeden Telefonmast in einem Rock besprang. Frauen, soweit die Augen blicken konnten, hockten am Pool in kaum sichtbaren Bikinis, streichelten sich mit Bräunungscreme, schlürften Drinks mit Cocktailschirmchen, spielten endlose Partien Backgammon, und all das nur, um dem Fluch der Langeweile zu entkommen, der aus den hohen Wellen emporstieg wie ein mörderischer Orkan. Es war, als ginge er durch einen Obstgarten, wo die Früchte nicht einmal mehr gepflückt werden mussten, sondern von selbst von den Bäumen in seinen Schoß fielen. Es gab keinen Grund für Lügen oder falsche Versprechungen – sein Ehering machte ihn immun gegen alle Erwartungen. Alle außer die seiner Frau.
Siony tauchte in Cabo San Lucas auf, im fünften Monat schwanger und kurz vor dem Platzen. Als sie ihren Überraschungsauftritt hatte, war Nani mit einer Amerikanerin zugange, einer Blondine, die sich gerade von ihrem dritten Mann hatte scheiden lassen. Sie hatte helle Augenbrauen und Wimpern und den größten Mund, den er jemals gesehen hatte – wenn sie sich küssten, dachte er, sie würde ihn mit Haut und Haaren verschlingen. Als Nani in New York mit irgendeinem vorgegaukelten Auftrag von Bord ging, lief Siony zehn Schritte hinter ihm. Sie folgte dem Betrüger und seinem amerikanischen Flittchen über den South Street Seaport, zur Wall Street und nach Greenwich Village. Sie hätte ihnen auch zum Times Square nachgestellt, wenn sie nicht mit Wichtigerem beschäftigt gewesen wäre.
Ihre Hebamme hatte sich geirrt. Sie war nicht im fünften, sondern im achten Monat gewesen, und während sich ihr Ehemann in die Schlange vor dem Aufzug des Empire State Building einreihte, lag sie auf einem Rollbett im St. Vincent’s Hospital. Kurz vor Mitternacht am 25. Oktober 1980 brachte Siony ein dreieinhalb Kilo schweres Mädchen zur Welt. Sie gab ihr den Namen Guadalupe, nach einer der Marienerscheinungen. Allein dadurch, dass sie auf amerikanischem Boden geboren wurde, hatte sie die kühnsten Träume von Sionys direkten Vorfahren wahr gemacht. Sie war, ohne weiteres Zutun, eine Bürgerin der Vereinigten Staaten von Amerika.
Der Kopf des Babys war so groß, dass die kleinste Bewegung es umfallen ließ. Als es nach einer Rassel griff, die Nani auf der Matratze neben ihrem Gitterbett hatte liegen lassen, fiel es kopfüber auf die Matratze und weckte dabei ihre erschöpfte Mutter. Die kleine Guada, völlig unversehrt, machte keinen Mucks, aber Siony reagierte so hysterisch, dass man meinen konnte, der Schädel des Babys wäre zerschmettert und die Hirnmasse würde sich über das Laken ergießen. Siony hatte schon immer einen Hang zum Dramatischen, aber das Muttersein steigerte das nochmal. Ein Stapel dreckiger Teller in der Spüle, Klamotten, die vom Kleiderbügel rutschten, oder, wie in diesem Fall, ein auf dem Bett zurückgelassenes Spielzeug wurden mit einer Arie aus Medea bedacht. Diese war dann noch lange Zeit in voller Lautstärke zu hören, nachdem der Anlass, der diesen Ausbruch provoziert hatte, längst vergessen war. Als Nani erkannte, dass seine theatralischen Fähigkeiten nicht an die seiner Frau heranreichten, ging er dazu über, ihr Gewalt anzudrohen und dies auch gelegentlich in die Tat umzusetzen, und als dadurch ihre Vorwürfe noch mit Tatsachen unterfüttert wurden, fing er an, für immer längere Zeit wegzubleiben. Das war der Vorteil, Seemann zu sein.
Siony konnte nicht weiter auf Kreuzfahrtschiffen arbeiten. Sie hatte berechtigterweise die Sorge, dass ihre Familie in San Andres nicht in der Lage war, ihr Kind großzuziehen, während sie die Meere durchsegelte und dabei riesige Mengen Essen kochte. Ihr Kind brauchte ihre ganze Aufmerksamkeit, denn Siony hatte entschieden, Guada habe eine Bestimmung. Sie verdiente eine ordentliche Erziehung unter anständigen, gebildeten Menschen, die wussten, welche Gabel man zu welchem Gang benutzte. Zu behaupten, dass Siony ihren Genpool gering schätzte, war noch freundlich ausgedrückt – sie war der Meinung, er müsste mit Chlor behandelt werden. Ihr Ehemann, den sie leidenschaftlich liebte, war eine einzige Enttäuschung, aber Guada war für etwas Großes bestimmt.
Sie sah zu der Zeit noch nicht danach aus, in Kissen gebettet und vor sich hin brabbelnd, während sie mit ihren Wurstfingern fröhlich einen Teddybären strangulierte. Mit neun Monaten konnte das Kind aufstehen und sich hinsetzen, aber es zeigte kein Interesse, laufen zu lernen. Jedoch konnte es flüssig sprechen, kein ma-ma-da-da-bu-bu-Geplapper, sondern sich unterhalten wie eine Erwachsene. Es war unheimlich, sich diesem riesigen Kopf zu nähern, während es irgendeinen Nonsens von sich gab und einem ein x-beliebiges Spielzeug hinhielt, um dann eine ungeduldige Altstimme zu hören, die fragte: »Wer bist du?« Verwandte, die zu Besuch kamen, schreckten mit erhobenen Armen zurück; einige rannten davon, um der Mutter von dem Vorfall zu berichten. »Ich lese ihr jeden Tag vor«, sagte Siony. »Märchen, Die kleine Meerjungfrau, Rotkäppchen. Dann fing sie an, die Worte nachzusprechen. ›Was für große Zähne du hast!‹ Und eines Tages riss sie mir das Buch aus der Hand und begann, mir die ganze Geschichte aus dem Gedächtnis zu erzählen.«
An jenem Tag war Siony zum Markt gegangen und überließ das Baby der Obhut ihrer Tante Isidra. Isidra hatte nie geheiratet oder Kinder bekommen, und es ist die Strafe für die Unverheirateten und Kinderlosen in philippinischen Familien, auf die Kinder ihrer Verwandten aufzupassen. Sie wurden nicht gefragt, ob sie das wollten. So etwas wie persönliche Freiheit war nicht vorgesehen.
Isidra war eine Kirchgängerin, die alles glaubte, was jemand in einer Ordenstracht ihr erzählte. Jahre zuvor hatte sie bei einer Demonstration ihrer Rosenkranzgruppe vor einem Kino mitgemacht, das Der Exorzist im Programm hatte. Sie waren überzeugt, der Film würde Satanismus befördern. (Einige Mitglieder der Gruppe kamen am folgenden Tag wieder, um sich den Film anzuschauen.) Siony ging nur äußerst selten aus dem Haus, und Nany war für sechs Monate weg. Isidra ergriff ihre Chance.
Sie rief ihre Freundin Charing an, die Leuten mit Karten die Zukunft vorhersagte und Amulette in einer Bude vor der Quiapo Church verkaufte. Charing schloss die Bude für den Tag und eilte zu Sionys Wohnung.
Die zwei Frauen schauten sich das schlafende Baby in seinem Kinderbett an, es umklammerte einen Teddybären, dessen Kopf zur Hälfte vom Hals abgerissen war.
»Was für ein großer Kopf«, bemerkte Charing.
»Ich hab dir erzählt, irgendwas stimmt nicht mit dem Baby«, sagte Isidra und blickte kurz zur Tür für den Fall, dass Siony früher zurückkehrte.
Charing schloss ihre Augen und rief ihre Schutzengel zu sich, um sich leiten zu lassen.
»Beeil dich«, raunte Isidra, »meine Nichte wird bald zurück sein.«
»Ich bete zu meinen geistigen Helfern, damit sie mir sagen, was zu tun ist.«
»Du hättest auf dem Weg hierher zu ihnen sprechen sollen.«
»Willst du, dass ich das hier mache oder nicht?«, fauchte Charing.
»Hör auf, Zeit zu verschwenden«, jammerte Isidra, die Angst vor Allem hatte und besonders vor ihrer Nichte.
Charing gab Isidra ihre Handtasche, ein billiges Chanel-Imitat mit verschlissenem Griff. »Ich werde einen Tisch brauchen.«
In dem Moment öffnete das Baby seine Augen und erblickte die zwei alten Frauen, die es von oben beäugten. Es war gewohnt, angestarrt zu werden wie ein Ausstellungsstück im Museum und beglückte sein Publikum mit distanzierter Neugier. »Wie heißt du?« Die Frage war an Charing gerichtet, die einen Meter zurücksprang und dabei Souvenirs aus Südamerika vom Regal stieß.
»Wer bist du?«, fragte das Baby, während es sich bemühte aufzustehen.
»Bei der Vagina der heiligen Catalina!«, schrie Charing und bekreuzigte sich.
»Ich hab’s dir gesagt«, zischte Isidra triumphierend.
»Heb es hoch und leg es auf den Tisch.«
»Wohin gehen wir?«, fragte das Baby ruhig, während Isidra es zum Esstisch trug wie eine Kanne voll Nitroglycerin.
»Ich will Milch.«
Charing breitete ein rotes Tuch auf dem Tisch aus und platzierte je eine weiße Kerze an den vier Ecken. Sie packte ein kleines Kruzifix aus, küsste es und legte es neben das Tuch. »Verdammt«, brummte sie, während sie den Inhalt ihrer Handtasche durchwühlte, »ich habe das Weihwasser vergessen. Hast du Weihwasser hier?«
»Nein, ich habe es Flora gegeben, wegen ihres Rheumas«, sagte Isidra, das Baby begann sich in ihren Armen zu winden.
»Lass mich runter«, verlangte das Baby. »Mama! Wo ist Mama?«
»Ich muss etwas Weihwasser zubereiten«, erklärte Charing. Sie nahm ein Glas, das zum Trocknen neben dem Spülbecken stand, füllte es mit Leitungswasser und begann darüber gebeugt zu beten.
»Was soll ich mit ihr machen«, beschwerte sich Isidra und umklammerte das Baby, das mit Armen und Beinen um sich schlug.
»Leg es auf das Tuch.«
»Aufhören! Mama!« Das Baby holte aus und erwischte Isidra mit einem seiner dicken Finger im Auge. Isidra heulte auf vor Schmerz.
»Halt es unten«, sagte Charing, tauchte ihre Finger in das Glas und bespritzte das Baby. Sie fing an, das Vaterunser auf Latein zu sprechen, was, wie jeder weiß, besser funktioniert als die englische Version.
»Drecksau!«, schrie das Baby auf Tagalog, denn sein Vokabular fußte nicht nur auf den Gebrüdern Grimm und Hans Christian Andersen, sondern auch auf den Zänkereien ihrer Eltern.
»Sei still, Teufel!«, schrie Charing, während Isidra, Tränen strömten aus ihrem einen Auge, den Herrgott anflehte, die Jungfrau, das Pantheon der Heiligen, die Geister ihrer Vorfahren und die armen Seelen im Fegefeuer, sie vor diesem Dämon in Windeln und Hello Kitty-Strampler zu beschützen.
»Stirb, Schwachkopf!«, kreischte das Baby.
»Dämon, ich befehle dir, dieses unschuldige Kind zu verlassen«, stimmte Charing an, die aus Horrorfilmen gelernt hatte, wie man böse Geister austrieb. In ihrem Kopf grollte der Donner, die Winde heulten, die Nachbarskatzen und -hunde jaulten, Türen und Fenster zitterten, als böswillige Kräfte dieses Vier-Zimmer-Apartment in einer ruhigen Straße in Malate heimsuchten. Tatsächlich schien die Sonne, die Vögel zwitscherten, und nebenan schaute sich eine Familie eine Tanzshow im Fernsehen an.
»Halte seine Füße«, befahl Charing Isidra und nahm eine der Kerzen.
»Deine Mutter ist eine Hure!«, verkündete das Baby sehr deutlich.
The Stars on 45 keep on turning in your mind, sang der Fernseher nebenan.
Charing griff sich einen Fuß des Babys. »Satan«, schrie sie, »lass dieses Kind in Ruhe!« Und indem sie die Kerze kippte, ließ sie drei Tropfen heißen Wachses auf die Sohle des rechten Fußes tropfen. Die darauffolgenden Schreie übertönten das Tanzgedudel vom Fernseher der Nachbarn. Genau in diesem Moment, weil billige Filme tatsächlich die Realität widerspiegeln und nicht andersherum, öffnete sich die Tür und zwei Taschen mit Fleisch und Gemüse fielen zu Boden, als Siony zwei alte Frauen erblickte, die dem Anschein nach mit ihrem Baby eine Opferzeremonie zelebrierten.
Im Nachhinein konnten sich Charing und Isidra glücklich schätzen, mit einem blauen Auge beziehungsweise einer wackligen Kinnlade davongekommen zu sein. Charing wurde verboten, sich jemals wieder Guada zu nähern, und Isidra wurde zurück nach San Andres geschickt, wo sie zwei Generationen leichtgläubiger Kinder als Babysitter diente. Guada erholte sich von dem Schock, heißen Wachs auf ihren Fuß geträufelt zu bekommen, aber Siony gab von da an niemals wieder ihr Kind in die Obhut anderer.
DIE VORSCHULE ENDETE UM ZWEI UHR NACHMITTAGS, UND jetzt war es fast fünf und Guadas Vater hatte sie immer noch nicht abgeholt. Guada war es gewohnt, dass ihr Vater sich verspätete. Von zwei Uhr bis zwanzig nach zwei spielte sie mit ihren Klassenkameraden Verstecken. Sie war meistens die Erste, die entdeckt wurde, da sie sich kaum anstrengte, ein gutes Versteck zu finden. In Wirklichkeit mochte sie überhaupt keine Spiele, aber sie bemühte sich, mit ihrer Eigenbrötelei nicht aufzufallen.
Nani war seit einem Jahr zuhause. Er hatte seinen Job bei der Reederei verloren. Seine Version der Geschichte lautete, dass er sich über unrechtmäßige Kürzungen seines Gehalts beschwert hätte, und der korrupte Manager ihn deswegen gefeuert hätte. Die Wahrheit war, dass er eine Affäre mit einer Kollegin gehabt und ihr bestimmte Versprechungen gemacht hatte, die er aber nie einzulösen gewillt war. Diese Kollegin hatte die bevorstehende Hochzeit bereits ihren Verwandten angekündigt, und die hatten sich um einen Termin in der Kirche gekümmert und mästeten nicht nur ein, sondern gleich zwei Schweine für die Feier. Als es der unglücklichen Frau schließlich dämmerte, dass die Position einer Mrs. Hernani de Leon schon besetzt war, noch bevor sie Nani überhaupt kennengelernt hatte, verpetzte sie ihn beim Manager. Nani bestritt alle Vorwürfe und behauptete, die Frau hätte ihn verführt. Wenn die Reederei dumm genug wäre, ihn zu feuern, würde er innerhalb von zwei Tage einen besseren Job bei einer anderen Reederei bekommen. Nani war überzeugt, das Schicksal würde sich schon um ihn kümmern, und sein Glaube blieb auch dann unerschütterlich, als sich das Schicksal als zunehmend knauserig erwies.
Guada, inzwischen viereinhalb Jahre alt, konnte sich an die Zeiten erinnern, als ihr Vater eine gelegentliche Erscheinung war, die für einige Wochen zwischen den Reisen ins Haus flatterte. Auch wenn sie das damals noch nicht wusste, bevorzugte sie jene Konstellation gegenüber der jetzigen, wo ihr Vater immerzu im Haus in Unterwäsche herumlungerte, Basketball im Fernsehen schaute, immer und immer wieder die selben Geschichten erzählte und ihre Mutter fragte, wieviele Kilos sie zugelegt hätte. Ein paar Mal die Woche ging er für gewöhnlich mit seinen Kumpels von seiner früheren Arbeit aus und kam erst nach Mitternacht zurück, dann stank er nach Schnaps und schwadronierte vor sich hin, was er alles aufgegeben hätte für die Ehe.
Nach vielem Diskutieren erklärte er sich bereit, Guada morgens zur Vorschule zu bringen und sie nachmittags wieder abzuholen, aber nur nachdem Siony zugestimmt hatte, dass er ihr Erspartes dazu verwenden würde, einen gebrauchten Toyota Sedan zu kaufen. »Es wird für dein Catering-Geschäft eine große Hilfe sein«, erklärte er, »ich kann für dich ausliefern.« Siony hatte wieder angefangen, an der Schule zu unterrichten, aber den Großteil ihres Einkommens verdiente sie, indem sie ein paar Kantinen mit ihren cholesterinreichen Eintöpfen versorgte. Fast jeden Tag, wenn sie nach Hause kam, fing sie sofort mit dem Kochen an, und ihre Wohnung roch eigentlich immer nach Schweineschmalz.
Nani half niemals beim Ausliefern, stets behauptete er, zu beschäftigt damit zu sein, fehlende Dokumente für seinen nächsten Job besorgen zu müssen. Er konnte sich kaum dazu aufraffen, seine Tochter zur Schule zu fahren und von dort abzuholen. Guada war immer die Letzte, die kam, und die Letzte, die ging; Nani behauptete, die vielen Reisen hätten seine innere Uhr dermaßen ruiniert, dass er sich immer in der falschen Zeitzone befände.
Vielleicht lag es an ihren Eltern, die sich sogar über das Wetter stritten, dass Guada ein sehr umgängliches Kind war. Schon früh im Leben konnte sie zwischen Begehrlichkeiten und Notwendigkeiten unterscheiden. Begehrlichkeiten waren Dinge, die sie sehr mochte, aber möglicherweise nicht haben konnte wie etwa eine Katze. Sie liebte Katzen sehr und konnte ihr Miau so genau nachmachen, dass die Kätzchen sich am Fliegengitter der Haustür im Pulk drängten. Aber ihr Vater war allergisch gegen Katzenhaar, und daher wurde dieses Begehren nicht erfüllt. Notwendigkeiten waren Dinge, die sie nicht unbedingt mochte, die aber getan werden mussten, um Frieden und Harmonie zu bewahren, wie etwa bei Spielen mitzumachen oder den Gottesdienst zu besuchen.
Um zwei Uhr vierzig saß sie auf einer Bank und aß, was übrig war von ihrem Käse-Paprika-Sandwich. Als sich ihr eine dreifarbige Katze näherte, riss sie ein Stück vom Sandwich ab und legte es auf den Boden. Die Katze roch an dem Happen und begann dann, den Käse vom Brot abzuschlecken. Das war das Signal für zwei Straßenkatzen, die unter dem Auto der Schulleiterin hervorschossen, sich neben der Bank positionierten und die Wohltäterin mit großen, erwartungsvollen Augen anschauten. Guada teilte ihr Sandwich in drei Stücke und suchte dann in ihrer Brotdose nach anderen Leckereien, die sie den Katzen anbieten könnte. Da war ein hartgekochtes Ei, das Siony in dem Glauben, Eier seien das perfekte Fingerfood, an diesem Morgen mit eingepackt hatte.
»Meine Mutter meint, Katzen sind schmutzig«, sagte Elsie, die hinter der Bank kauerte, damit die Biester ihr nicht die Augen auskratzen konnten.
»Nein, sind sie nicht«, sagte Guada. »Schau, sie putzen ihre Pfoten.« Sie hockte sich hin und streichelte die dreifarbige Katze, die ihren Kopf an Guadas Hand rieb. Vielleicht könnte sie die Katze in ihrem Schulranzen mit nach Hause nehmen und sie in ihrem Zimmer verstecken, wo sie die Eltern nicht entdecken würden. Sie könnte sie in ihrer Wäschekommode verstecken und sie mit Essensresten füttern.
