Eine amerikanische Liebe - Dorothy Ettrich - E-Book

Eine amerikanische Liebe E-Book

Dorothy Ettrich

0,0

Beschreibung

Marie, eine junge deutsche Studentin, lernt auf einer Rundreise durch Montana in dem kleinen Ort Ridgerock den Rancher Paul McGreggan kennen. Wie vom Blitz getroffen, verliebt sie sich Hals-über-Kopf in ihn. Paul ergeht es genauso und kurzentschlossen macht er Marie einen Heiratsantrag. Doch Marie spürt die Ablehnung seiner Eltern und dann ist da ja auch noch Sharadon, seine langjährige Gefährtin. Marie reist überstürzt ab. Sie möchte zum Yellowstone Park und Billy, der dort die Aufgabe des Leiters der Police Ranger übernimmt, begleitet sie. Sie verbringen dort zwei wundervolle Tage, in denen sich auch Billy in Marie verliebt. Doch die Zeit endet jäh und Marie kehrt zurück nach Deutschland. Pauls Suche nach ihr bleibt erfolglos und Sharadon gelingt es, ihn zurück zuerobern. Wird Marie es dennoch schaffen, dass ihre große Liebe Erfüllung findet?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 577

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dorothy Ettrich

Eine amerikanische Liebe

 

 

 

Dieses eBook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Epilog

Impressum

Kapitel 1

Wo war sie nur gelandet? Ridgerock, Montana war auf den ersten Blick klein und lag ein wenig verschlafen in dem mittäglichen Sonnenglast. Marie parkte in der Hauptstraße mit dem klangvollen Namen „Thomas-Jefferson-Avenue“ und betrachtete die Szenerie: Ein Geschäft reihte sich an das andere, die Häuser mit Veranden und Balustraden davor waren überwiegend aus Holz gebaut. Zwischen den Holzhäusern mischten sich Flachdachbauten aus Stein, die wie hingewürfelt schienen. Marie hatte sich in ihrer Kindheit den Wilden Westen immer so oder zumindest so ähnlich vorgestellt, aber sie hatte sich nicht vorgestellt, ausgerechnet jetzt hier in Ridgerock zu sein, denn nach ihrer Straßenkarte war Ridgerock eher ein kleiner unbedeutender Punkt. Sie hatte jedoch auf dem Weg zum Yellowstone Park eine Abfahrt vom Highway verpasst.

Im Moment breitete sich ein Gefühl von Hilflosigkeit in ihr aus. Bereits zweimal hatte sie sich während dieser Reise verfahren, aber immer mit Glück und einer gewissen Intuition wieder die richtige Straße gefunden, obwohl ihr Orientierungssinn nicht sonderlich ausgeprägt war. Aber jetzt hatte sie den Eindruck, inmitten der amerikanischen Wildnis zu stehen.

Marie studierte sorgfältig die Karte, um so schnell wie möglich wieder auf eine Straße in Richtung des Yellowstone Parks zu kommen, auf keinen Fall wollte sie den ganzen Weg zurückfahren. Die Karte zeigte aber leider kein Erbarmen mit ihr. Sie war einfach zu grob für diese kleinen Orte und Straßen abseits der Hauptverkehrswege und Marie beschloss, erst einmal einen Kaffee zu trinken und bei der Gelegenheit jemanden nach dem Weg zu fragen.

Sie wendete ihr Auto, einen gemieteten Toyota Camry, und fuhr zu dem großen Einkaufszentrum, das am Ortseingang ausgeschildert gewesen war. Diese Zentren gab es selbst in der kleinsten amerikanischen Ortschaft.

Als sie die Avenue hinunterfuhr, blickte sie direkt auf ein riesiges Schild, das einen Rodeoreiter auf einem bockenden Pferd zeigte. Marie kniff ihre Augen gegen die Sonne zusammen und las, dass heute Nachmittag in Ridgerock ein Rodeo stattfindet.

Ihre Neugierde war sofort geweckt, denn noch nie hatte sie ein Rodeo gesehen, deshalb überlegte sie, nach dem Kaffee dorthin zu fahren, denn mit einem Rodeo verband sich für sie eine romantische Westernbegeisterung.

Aber, dachte Marie, wenn ich mir das Rodeo anschaue, kann ich heute unmöglich noch weiter zum Yellowstone Park fahren. Das heißt, ich brauche ein Zimmer in diesem Städtchen. Nun, das würde wahrscheinlich das geringste Problem sein.

Marie Belandres war das erste Mal in den USA. Sie war am Chiemsee als jüngste Tochter eines Tischlers und Möbelschreiners aufgewachsen und wohnte jetzt in München, war vierundzwanzig Jahre alt und studierte Wirtschaftswissenschaften im siebten Semester. Im Sommer des nächsten Jahres würde sie mit ihrem Studium fertig sein. Diese Reise mit dem Auto durch den Westen der USA hatte sie sich geschenkt. Marie arbeitete viel in den Semesterferien, um sich ihr Studium zu finanzieren. Ihre Eltern waren zwar nicht arm und sie bekam selbstverständlich von ihnen ab und zu einen Zuschuss für ihr Studium. Aber Marie wollte finanziell unabhängig sein.

Sie war eine gute Studentin und beliebt bei den Kommilitonen. Der ihr eigene Charme war in der Universität und bei ihren Freunden sprichwörtlich. Sie hatte eine zierliche und sportliche Figur, denn sie joggte jeden Morgen eine halbe Stunde, egal wie das Wetter war. Ihr ovales Gesicht war hübsch und interessant, aber nicht im klassischen Sinn schön. Es wurde von großen tiefblauen Augen beherrscht, die wie dunkle Bergseen wirkten. Ihre Nase war schmal und klein und jeder, der Marie ansah, schaute sie immer wieder an, denn wenn sie lachte, schien die Sonne aufzugehen. Ihr dichtes, volles Haar war dunkelbraun mit einem goldenen, kupfernen Ton, der Lichtreflexe zu werfen schien. Sie trug es oft bis zu der Taille offen, sofern sie Lust dazu hatte. Sehr viel öfter flocht sie ihre Haare zu einem dicken Zopf. Marie war sich nicht bewusst, wie sie auf andere Menschen wirkte. Sie war eine äußerst attraktive Erscheinung und kokettierte nicht mit ihrem Äußeren, so dass sie dadurch erfrischend natürlich und nett aussah. Dass sie schön war, wenn sie sich die Mühe machte, ihr Gesicht zu schminken, ahnte Marie, weil sie sich dann vor Komplimenten nicht retten konnte. Meistens lief sie allerdings ohne Make-up, natürlich durch ihr Leben, denn Marie war immer beschäftigt und hatte nie richtig Zeit.

Nur mit der Liebe haperte es sehr, bisher hatte Marie noch nicht den Einzigen gefunden. Während des letzten Semesters war sie mit einem Kommilitonen aus England liiert gewesen, der ein Austauschsemester an der Universität in München gemacht hatte. Max. Von seiner Seite war es sicher mehr als nur die Liebelei gewesen, die es für Marie gewesen war. Sie selbst war immer der unumstößlichen Auffassung gewesen, dass sie es wissen würde, wenn plötzlich der Richtige vor ihr stand. In diesem Punkt war sie hoffnungslos romantisch, wie ihre beste Freundin Caro zu sagen pflegte. Aber, um ein bisschen Abstand von München und Max zu bekommen, hatte sie sich entschlossen, in diesem Sommer möglichst weit weg zu fahren, denn die Trennung von Max war eher unschön gewesen.

Inzwischen hatte Marie das Einkaufszentrum erreicht, bog rechts auf den großen Parkplatz ab und hielt Ausschau nach einem schattigen Parkplatz. Sie hatte zwar einen Wagen mit Klimaanlage, doch sie wusste, dass es sehr viel angenehmer sein würde, wenn sie den Toyota in den Schatten abstellte. Aber der Wunsch nach etwas Schatten war vergeblich.

Marie stieg aus und die Hitze traf sie mit einer Wucht, die sie schnell das nächste „Starbucks“ ansteuern ließ. Sie setzte sie sich an das große beschattete Fenster und studierte die Speisekarte, die genauso aussah wie im „Starbucks“ in München.

Eine junge blonde Frau steuerte auf sie zu: „Hallo, was darf es sein?“, fragte sie freundlich. Marie las auf ihrem Namensschild, dass die Frau June hieß.

„Einen großen Kaffee mit Milch, ein Glas Wasser und ein Stück von dem Käsekuchen, bitte“, antwortete Marie.

Die Kellnerin schrieb die Bestellung auf. Nach ein paar Minuten brachte June ihr die Tasse Kaffee, das Wasser und das Stück Kuchen. Marie bedankte sich und beobachtete die anderen Gäste im Cafe. Das Beobachten anderer Leute war eine Leidenschaft von ihr. Sie überlegte dann immer, was die Leute wohl beruflich machten, ob sie verheiratet waren oder nicht. Ihr fielen immer Fragen und Möglichkeiten ein.

Das „Starbucks“ war gut besucht, man sah dort viele Familien und junge Leute. Sie hörte öfter das Wort „Rodeo“. Also fuhr wohl eine Menge Leute zu dem Rodeo. Umso besser, dann konnte es ja nicht so schwer zu finden sein.

Ein Zimmer brauchte sie auch noch. Wenn sie zum Rodeo wollte und vorher noch ein Zimmer in der Stadt finden wollte, musste sie sich sputen. Nachdem sie gegessen und getrunken hatte, winkte sie nach June: „Ich möchte bitte zahlen.“

„Okay, macht sieben Dollar dreißig“.

„Wissen Sie vielleicht, wo ich ein günstiges Zimmer bekommen könnte?“

„Da müsste ich mal überlegen, Darling. Unten in der Missionstreet, bei Mrs. Ella sind die Zimmer günstig und es ist sauber. Ich weiß aber nicht, ob Mrs. Ella auch mit Frühstück anbietet.“

„Danke, das wäre egal. June, könnten Sie mir dann bitte noch den Weg zur Missionstreet beschreiben und netterweise auch den Weg zum Rodeo?“

„Sicher, Sie fahren rechts vom Parkplatz zur Jeffersonstreet, diese geradeaus Richtung stadteinwärts. Von der Jefferson fahren Sie an der dritten Ampel links ab in den Bourrough Boulevard, dort ist an der Ecke eine große Tankstelle. Und an der fünften Kreuzung rechts biegen Sie wieder ab in die Missionstreet. Dort ist es die Nr.1345. Es ist ein weißes Holzhaus mit großem Schild ‚Ellas Best‘. Es ist dann nicht zu verfehlen. Wenn Sie die Mission dann weiterfahren, kommen Sie aus der Stadt hinaus. Sie fahren zwei Meilen, dann sehen Sie rechts ein großes Hinweisschild ‚Rodeo‘. Dort biegen Sie links ab und folgen den Pfeilen. Nach fünfzehn Minuten sind sie am Stadion. Sie werden es schon von Weitem erkennen, an dem Parkplatz und den vielen Trailern. Viel Spaß beim Rodeo und schöne Grüße an Mrs. Ella. Sagen Sie, June hätte Sie geschickt.“

„Danke June, ich hoffe, ich finde alles. Einen schönen Tag“, Marie lächelte die Kellnerin freundlich an.

“Wie nett sie ist“, dachte June, „Ein interessantes Gesicht. Was für ein hübsches Mädchen, sieht ein wenig exotisch aus. Mit Sicherheit ist sie keine Amerikanerin.“

Maries Neugierde auf das Rodeo war größer geworden. Das Interesse umschloss auch Mrs. Ella. Ridgerock nahm sie allmählich gefangen, obwohl es doch nur eine kleine amerikanische Stadt in Montana war.

Marie nahm die Straßen, wie von der Kellnerin beschrieben. Sie fuhr langsam und sorgfältig, um sich nicht noch einmal zu verfahren. Aber andererseits, dachte sie, kann ich dann auch noch einmal jemanden fragen, es sind ja genügend Leute in der Stadt unterwegs.

Nach einer knappen halben Stunde bog Marie mit dem Auto endlich in die Missionstreet ein. Tatsächlich fand sie die Pension sofort. Das Schild „Ellas Best“ war wirklich unübersehbar. Mein Gott, dachte Marie entsetzt, wie kann man in dieser ruhigen und verschlafenen Straße nur ein derartiges Schild aufstellen. Es war tatsächlich zwei Mal zwei Meter groß und stand direkt an der Straße. Der Hintergrund war grellorange und darauf stand in knallgrün „Ellas Best“ mit Hochglanzlack und Blockbuchstaben geschrieben.

Das Haus sah wesentlich normaler aus als das eindrucksvolle Schild. Es war ein weißes Holzhaus mit einem kleinen Türmchen auf der linken Seite. Die vordere Veranda war geräumig und mit einem Tisch und drei Korbstühlen möbliert. Das Schönste aber war die Schaukel vor dem Haus. So eine Schaukel hatte Marie sich immer gewünscht.

Sie sah, dass an den Fenstern weiße Spitzengardinen hingen und alles sauber und wie frisch gestrichen wirkte. Wahrscheinlich ist das Schild bei der Renovierung als Farbrest abgefallen, dachte Marie ein bisschen ironisch. Na, hoffentlich hatte Mrs. Ella ein Zimmer frei und es war im Haus genauso nett wie vor dem Haus.

Marie parkte am Straßenrand und ging die Auffahrt hinauf. An der Haustür klopfte sie und sah sich dabei auffällig - unauffällig um. Vielleicht lugte Mrs. Ella schon durch eine der Spitzengardinen? Nein, guter Gott, wie gemein du immer bist, Marie, schalt sie sich selber.

Kurz darauf öffnete sich die Tür. Mrs. Ella stand vor ihr. Eine runde gemütliche Frau von etwa fünfundsechzig Jahren. Das Haar blondiert und sie war ein bisschen geschminkt.

„Was kann ich für Sie tun?“, Mrs. Ella lächelte Marie freundlich an.

„Guten Tag, meine Name ist Marie Belandres. Ich suche ein Zimmer für diese Nacht. Leider habe ich mich auf dem Weg zum Yellowstone Park verfahren und bin hier in Ridgerock gelandet. Und da ich schon hier bin, wollte ich mir das Rodeo ansehen“.

Marie lächelte und es war, als ginge die Sonne auf. Mrs. Ella mochte Marie auf Anhieb. Was für ein hübsches und nettes Mädchen, allerdings nicht von hier.

„Ich heiße Ella Henshaw. Na, dann kommen Sie erst einmal herein. Ein Zimmer habe ich noch frei. Durch das Rodeo ist in Ridgerock alles ausgebucht. Aber Sie haben Glück gehabt. Denn wer weiß, vielleicht ist es Schicksal, dass Sie hier sind?“

Marie lachte lauthals und fröhlich: „Das glaube ich nicht. Es ist eher die Unfähigkeit, eine Straßenkarte richtig zu lesen und dann die richtige Abzweigung zum Yellowstone Park zu nehmen. Ich habe mich schlicht verfahren“.

Marie holte ihre Koffer aus dem Auto und wartete darauf, dass Mrs. Ella ihr das Zimmer zeigte. Diese ging nun behäbig voran und erzählte von dem heutigen Rodeo.

„Heute ist die ganze Stadt auf den Beinen. Das Rodeo ist hier bei uns im Tal jedes Jahr das größte Ereignis. Aber das absolute gesellschaftliche Ereignis ist der Rodeoball heute Abend. Da ist alles was Rang und Namen hat hier im Tal. Na, da sind Sie ja gerade richtig von der Straße abgekommen.“

Mrs. Ella lachte. Auch Marie musste lächeln.

Oben angekommen, stellte Marie die Koffer ab und schaute sich interessiert um. Jede der fünf Zimmertüren, die rechts und links des Flurs abgingen, hatte eine andere Farbe: weiß, rosa, lindgrün, gelb und lila. Es waren alles pastellfarben und kein Vergleich mit zu dem knalligen Reklameschild vor dem Haus. Mrs. Ella schloss die rosa Zimmertür auf und ließ Marie vor sich eintreten.

„Hier ist das Rosenzimmer für Sie. Alle Türen haben Farben von Blumen: rosa für Rosen, weiß für Lilien, lindgrün für Waldmeister, gelb für Tulpen und lila für Veilchen“, Mrs. Ella war sichtlich stolz.

„Das ist sehr hübsch. Oh, das Rosenzimmer ist aber sehr schön“, rief Marie entzückt aus. Die Tapeten, die Gardinen und der Bettüberwurf waren mit einem Muster aus dunkelroten Rosen unterschiedlicher Größe ausgestattet. Der Fußboden war aus abgeschliffenen dunklen Eichenholzdielen. Der kleine Teppich mit einem Rosenmuster passte wunderbar dazu und war entzückend anzusehen. Rechter Hand stand ein antik wirkender Schrank aus Kirschholz und links führte eine Tür in das kleine cremefarbene Duschbad. Die Handtücher und Accessoires im Bad waren ebenfalls in „Rose“ gehalten.

Marie fühlte sich sofort wohl und bedankte sich bei Mrs. Ella. Diese wandte sich ab und schloss die Tür hinter sich, nicht ohne Marie noch einmal auf die Frühstückszeit am anderen Morgen hinzuweisen.

Marie ließ sich aufs Bett fallen und merkte, dass sie doch recht müde war. Aber Mrs. Ella hatte so viel von dem Rodeo und dem sich daran anschließenden Ball erzählt, dass Marie zu neugierig war, um jetzt zu schlafen. Sie öffnete die Koffer und überlegte, was sie anziehen könnte. Die Jeans, die sie trug, war trotz der Klimaanlage im Wagen nach der langen Autofahrt seit dem heutigen Morgen doch ziemlich verschwitzt und das Top war auch nicht mehr richtig schön, so zerknittert wie es war.

Marie duschte und fischte dann aus einem der Koffer eine weite, weich fließende Sommerhose in Mocca und ein Seidentop in Flieder. An die Füße zog sie lilafarbene Ballerinas. Ihre bevorzugten Sommerschuhe, die Flipflops, hielt sie für ein Rodeo nicht angebracht, wer wusste schon, wie der Untergrund dort sein würde. Sie fühlte sich frisch, schick und sprang summend die Treppe hinunter. In Richtung vermuteter Küche rief sie einen Gruß und ging beschwingt zum Auto.

Mrs. Ella erhob sich schwerfällig aus ihrem Sessel, um ihrem hübschen Pensionsgast hinterher zu schauen. Ja, dieses Mädchen war wirklich eine Schönheit und doch wieder nicht ganz perfekt. Aber vielleicht machte das gerade ihren Reiz aus. Das Haar hatte sie hochgesteckt und es schimmerte kupferfarben in der Sonne. Nun, sie würde ganz sicher bei den jungen Männern des Tals für einiges Aufsehen sorgen. Spontan fielen ihr die beiden jungen McGreggans ein. Schade, dass ihre Füße nicht mehr wollten, dann wäre sie der jungen Dame glatt nachgefahren, um ihre Wirkung auf die Männerwelt von Ridgerock zu beobachten.

Marie fuhr unterdessen den beschriebenen Weg entlang und sang einen Countrysong von Jonny Cash im Radio mit. Bei der Abzweigung, an den Hinweisschildern „Old Bear Ranch“ und „Zum Rodeo hier entlang“ bog sie links ab. Nach zwei Meilen sah sie schon eine Menge geparkter Autos. Die Scheiben spiegelten sich in der gleißenden Sonne. Marie suchte sich einen Parkplatz. Leider fand sie wieder nur einen Parkplatz ohne Schatten, der zudem ein ganzes Stück vom Eingang entfernt lag. Wenn sie etwas hasste, dann bei so einer Hitze länger zu laufen. Aber was soll’s, dachte sie und folgte den Hinweispfeilen zum Eingang des Stadions.

Der Parkplatz war riesengroß und Mengen an Menschen liefen mit ihr in die gleiche Richtung. So viele Pferdetrailer wie hier standen, hatte Marie noch nie im Leben gesehen. Sie sah, dass die Pferde und Cowboys hinter dem Stadion waren, dort gab es umzäunte Weiden für Pferde und Rinder. Zwischen all dem Treiben schlenderten die Besucher herum und dazwischen erkannte Marie die Reiter. Sie ging zunächst in die Arena und sah zu, wie einer der Cowboys eine Kuh einfing, sie zu Boden warf und dann wieder freiließ. Jetzt verkündete ein Sprecher eine Pause. Marie sah sich um und beschloss, hinter das Stadion zu den Pferden zu gehen. Pferde waren zwar nicht ihre große Leidenschaft, aber sie war doch sehr neugierig auf die Tiere und die Cowboys. In der Sonne auf die nächste Vorführung zu warten, hatte sie jedenfalls keine Lust.

++++++++++

Pauls Laune war an diesem Tag nicht die beste. Sharadon hatte ihn den ganzen gestrigen Abend mit dem Rodeoball genervt. Hoffentlich lässt sie mich heute in Ruhe, dachte er missgelaunt.

Er liebte dieses jährlich stattfindende Rodeo. Es wurde von seiner Familie für das gesamte Tal ausgerichtet und fand auf dem Gelände der McGreggan-Ranch statt. Inzwischen war das sogenannte Stadion fest gebaut und nicht wie zu früheren Zeiten ein festgestampfter Platz. Das Stadion war umrahmt von einem großen Besucherparkplatz, der aber ansonsten Weideland der Ranch war. Die Korrals und die große Scheune auf dem Platz dienten ebenfalls der Ranch. Heute sollte Paul den schwarzen Mustang reiten. Dieser war wild und hatte einen ungebärdigen Drang nach Freiheit. Aber eigentlich war das Pferd viel zu schade, um in diesem Rodeo aufzutreten. Er hatte auf das Pferd bereits eine Kaufoption abgegeben, um es nach dem Rodeo zu erwerben und zuzureiten. Der Hengst wird mit dem entsprechenden Training sicher ein sehr gutes Rennpferd sein. Es hatte sehr viel Potential und Paul, als ausgesprochen guter Reiter und Züchter, hatte das sofort erkannt. Er hoffte, dass sich das Pferd nicht verletzen würde.

Sein jüngster Bruder Sean lehnte an der Holzwand der Scheune und unterhielt sich mit den Beringer-Schwestern. Paul hörte das Lachen und Kichern der Jüngsten, Jessie-Blue. Alle drei Schwestern warfen immer wieder Blicke in Pauls Richtung. Er war zweifelsohne sehr attraktiv: Über einen Meter fünfundachtzig groß und über dem muskulösen Oberkörper spannte sich das dunkelblau karierte Hemd und die Jeans saß genau so, wie sie sitzen musste. Paul hatte schwarzes, dichtes Haar, das durch zwei Haarwirbel an der Stirn und auf dem Hinterkopf wie Draht wirkte. Seine Augen leuchteten in einem intensiven Blau und blickten interessiert auf das Treiben um sich herum. Er hatte freundliche Augen und schien immer zu lächeln. Lachfältchen umgaben diese blauen Augen, die den Betrachter an die Ozeane der Welt erinnerten. Paul war jetzt gerade sechsunddreißig Jahre alt geworden und auch wenn sein Vater ihn mindestens einmal die Woche auf Sharadon, die hübsche älteste Tochter von Charles Beringer, hinwies, dachte er noch nicht daran zu heiraten.

Tatsächlich ging Paul schon eine ganze Weile mit Sharadon. Dies erschöpfte sich zwar auf gemeinsame Reitausflüge, das übliche Biertrinken und natürlich den Sex. Sharadon Beringer war eine Schönheit, ein bisschen biestig, schlank und mit langen goldblonden, lockigen Haaren. Ihr Haar war wie auch bei ihren Schwestern von Natur aus blond und hatte einen eigenwilligen Goldton. Sharadons Augen waren smaragdgrün mit wundervoll geschwungenen Augenbrauen. Sie war das Ebenbild ihrer verstorbenen Mutter Susan Beringer. Für die Bewohner des Tals stand fest, dass es wohl bald eine Hochzeit geben würde. Alle warteten auf den Tag, an dem sich der Sohn des reichsten und mächtigsten Ranchers mit der Tochter des zweitreichsten Ranchers im Tal verloben würde. Auch jetzt blickte Sharadon zu ihrem Liebhaber. Sie kicherte nicht. Mit ihren neunundzwanzig Jahren fühlte sie sich auch entschieden zu alt, bei Seans immer gleichen Witzen so zu kichern wie ihre jüngste Schwester Jessie. Jessie-Blue war sechzehn und trug ihre blonden Haare unter einem Stetson zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sicher, auch sie schaute sehnsuchtsvoll zu Paul hinüber, den sie sehr bewunderte.

Sharadon hoffte, dass sie sich nach dem Rodeo noch mit Paul treffen konnte. Besonders deshalb, weil sie ihn noch einmal fragen wollte, ob er nicht doch mit ihr als seine Begleitung zum Rodeoball gehen möchte. Bisher hatte Paul sich überhaupt noch nicht geäußert, ob er gedachte, dorthin zu gehen. Immer, wenn sie dieses Thema ansprach, schwieg er nur unwillig und Sharadon hoffte inständig, ihn überreden zu können, dort mit ihr zu erscheinen. Der Ball war das gesellschaftliche Ereignis im Tal und sie wusste nur zu gut, dass das ganze Tal glaubte, heute Abend würde eine Verlobung verkündet, denn sie selbst hoffte es inzwischen ganz genau so. Sharadon wusste, dass sie im Tal keine Konkurrentin um Pauls Liebe hatte. Aber warum erklärte er sich nicht? Sicher, dass sie so richtig in Paul McGreggan verliebt war, konnte sie nicht behaupten, aber er sah verdammt gut aus und war der absolut begehrteste Junggeselle. Seine Familie war sagenhaft reich und alle guten Gründe sprachen dafür, Mrs. Paul McGreggan zu werden. Sollte die Ehe mit Paul doch einmal langweilig werden, konnte sie ja auf Reisen gehen. So wie ihre Mutter es von Zeit zu Zeit gemacht hatte, bevor sie starb. Aber dazu müsste Paul sie, Sharadon, erst einmal heiraten.

Da die Witze und Gespräche mit Sean und ihren Schwestern sie langweilten, sah sie, an diesem Punkt ihrer Betrachtungen angekommen, in Pauls Richtung. Dieser betrachtete aufmerksam den schwarzen Mustang. Irgendwie war das Pferd genauso wild wie Paul. Sie passten gut zusammen. Sharadon, die mit Pferden genauso wie alle anderen hier groß geworden war, machte sich nicht allzu viel aus ihnen. Jessie-Blue und Sabrina, die mittlere der drei Schwestern, liebten ihre Pferde dafür umso mehr und beide Schwestern waren ausgezeichnete Reiterinnen. Auf ihre Weise war Sharadon das auch, aber nicht mit so viel Herzblut. Wenn sie Zeit hatte, fuhr sie lieber nach Helena einkaufen oder flog an die Westküste nach San Francisco oder Los Angeles. Manchmal kam auch Paul mit, er entfernte sich aber eher selten aus dem Tal. Das lag auch daran, dass er sehr viel Arbeit auf der Ranch hatte. Sharadon schlenderte zu Paul hinüber. „Hey, was macht der Schwarze?“

„Ich glaube eigentlich, dass er zu schade für das Rodeo ist, aber ich werde ihn trotzdem gleich reiten. Er ist gemeldet und es ist nicht mehr zu ändern“.

„Nun, so schlimm ist es ja auch nicht, dass er geritten wird. Du bist ein guter Reiter. Sonst lass ihn von Jessie reiten. Du weißt ja, dass sie so ziemlich die beste Reiterin im Tal ist.“

„Wenn ich eine Sechzehnjährige auf dieses Pferd beim Rodeo ließe, müsste ich mich schämen. Sharadon, ich hoffe, dass das nur ein Witz gewesen ist“.

„Übrigens Paul, ich habe mir für heute Abend ein traumhaft schönes Kleid gekauft. Hast du es dir überlegt?“

„Was überlegt? Du weißt doch, dass ich mir aus diesen Veranstaltungen nicht allzu viel mache. Aber, wie du weißt, lege ich dir keine Steine in den Weg, dorthin zu gehen.“

„Ohne Begleitung!? Wie stellst du dir das vor? Jeder im Tal weiß, dass wir zusammen sind. Wenn ich allein dort auftauche, möchte ich nicht das Getuschel der Leute hören. Wirklich Paul, du bist unmöglich!“

„Sharadon, ich will jetzt nicht mit dir streiten. Du kennst meine Auffassung. Und die Leute im Tal haben mich noch nie interessiert.“

Paul wandte sich wieder dem Pferd zu. Sharadon wusste, wann sie besser nicht mehr mit ihm diskutieren sollte und dachte darüber nach, dieses dumme Rodeo überhaupt zu verlassen. Aber auf den Ball musste sie unbedingt gehen. Sie überlegte, ob sie nicht John Williams fragen sollte. John war ein zuverlässiger Verehrer, der sicher nicht nein sagen würde. Das war zumindest eine Alternative und besser, als gar nicht auf den Ball zu gehen. Vielleicht könnte sie Paul damit so eifersüchtig machen, dass die von ihr ersehnte Verlobung etwas beschleunigt wurde. Paul war aber auch ein Dickkopf! Wahrscheinlich war es falsch gewesen, ihn jetzt vor seinem Auftritt zu fragen. Er schien ohnehin nicht besonders gut gelaunt zu sein.

Sharadon blickte sich um, ob sie irgendwo in der Nähe John sah. Ach, tatsächlich, da war John an der Scheune und mit seinem Pferd beschäftigt. Sabrina, Sharadons jüngere, siebenundzwanzig Jahre alte Schwester, unterhielt sich mit ihm. Was Sabrina nur an John fand? So groß, stämmig und rothaarig wie er war. Aber vielleicht ging John ja schon mit Sabrina zum Ball? Sabrina hatte allerdings zu Hause nichts verlauten lassen. Sie war die ruhigste und schüchternste der Schwestern. Nicht so attraktiv, wie die beiden anderen, aber sehr nett und intelligent. Das blonde Haar trug sie kurzgeschnitten und es ringelte sich lockig um ihren Kopf.

Sharadon sah, dass ihre Schwester gerade über irgendetwas lachte, was John zu ihr gesagt hatte und auch er lächelte Sabrina freundlich an. Aber sein großer Schwarm war nun einmal Sharadon, die jetzt auf die beiden zukam. John dachte, während er Sharadon betrachtete, dass er gern mit ihr zum heutigen Ball gehen würde. Er wusste aber nicht, ob sie bereits mit Paul verabredet war. Es war ein offenes Geheimnis, dass Sharadon in Paul verliebt war und ganz tief in seinem Inneren wusste auch John, dass Sharadon ihn oft gegenüber Paul benutzte. Dieses Wissen schwächte seine idealistische Schwärmerei für Sharadon etwas ab und wenn er sich gegenüber ehrlich war, dann war Sabrina immer die Nettere gewesen. Hinzu kam, dass Paul sein Freund seit Kindertagen war. Ein sehr guter Freund. John hatte sich noch nie mit ihm gestritten und er würde immer hinter Paul zurückstecken, obwohl dieser es gar nicht von John verlangte.

Paul sah, dass Sharadon zu John und Sabrina schlenderte. Soll sie sich doch für John entscheiden, das wäre mir nur recht. Er hatte oft darüber nachgedacht, was wäre, wenn sich Sharadon für einen anderen entscheiden würde. Sicher es machte Spaß mit ihr, im Bett und auch so. Aber sie berührte nicht sein Herz und Paul war nun einmal der Meinung, dass die Frau, die er einmal heiraten würde, sein Herz berühren müsse. Er stellte sich den sprichwörtlichen Blitz aus heiterem Himmel vor. Das war Sharadon gewiss nicht, so schön sie auch war und obwohl ihr unzählige Männerherzen im Tal zu Füßen lagen.

Paul betrachtete die drei. Er wollte sich gerade wieder mit dem Pferd befassen, nahm die Leine und drehte sich um, um in Richtung Rodeoplatz zu gehen. Auf dem Platz waren unzählige Menschen, die hier jetzt während der Pause zwischen den Pferden und Reitern flanierten. Paul begann sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Er betrachtete die Gesichter der Besucher, ohne sie eigentlich wahrzunehmen.

Plötzlich blieb er stehen. Aus der Menge hob sich ein Gesicht, ja eine Person, von allen anderen ab. Er hatte sie noch nie gesehen. Sie fesselte sofort seine Aufmerksamkeit und er konnte seine Augen nicht von ihrer schlanken Gestalt, ihrem Gesicht abwenden. Sie schien unsicher, gerade so, als ob sie etwas suchen würde. Ihr dunkles Haar trug sie zu einem schweren Knoten gebunden und die Sonne warf Reflexe auf das Haar, so dass es kupfern leuchtete. Ihre Sonnenbrille hatte die junge Frau abgenommen und es war, als hätte sie seine Blicke gespürt, denn sie blickte ihm nun direkt in die Augen. Dann riss sie ihren Blick von seinem los und drehte sich um, um wieder in die Richtung zu gehen, aus der sie gekommen war, leider übersah sie dabei Mrs. Plummer, die gerade in ihrem großblumigen, gelben Kleid auf den Platz kam. Die Unbekannte stieß mit Mrs. Plummer zusammen, strauchelte, stolperte, versuchte verzweifelt das Gleichgewicht zu halten und stürzte. Mrs. Plummer, die ja sehr dick war, hielt sich selbstverständlich auf den Beinen und entschuldigte sich tausend Mal, machte aber keinerlei Anstalten Marie aufzuhelfen. Paul ließ den Zügel los und den Mustang einfach in der Menschenmenge stehen und lief, ohne zu überlegen, zu der Unbekannten. Schon war er bei ihr.

„Haben Sie sich verletzt?“, fragte er, während er seine Arme ausstreckte, um ihr aufzuhelfen.

„Nein, danke, ich glaube nicht“, erwiderte Marie und ergriff seine Hand. Paul fasste kräftig zu und zog Marie auf die Beine, allerdings mit einem solchen Ruck, dass Marie schwungvoll in seinen Armen landete und dabei erneut strauchelte, so dass sie sich an Paul festhalten musste. Nun lag sie in seinen Armen und spürte seinen Herzschlag. Sie blickte auf und direkt in blaue Augen, die sie fasziniert anstarrten. Sie konnte sich von diesem Blick nicht losreißen und verlor sich in diesem intensiven Blau. Wie das Meer, dachte sie verwundert. Sie spürte seine Wärme und die Stärke seiner Umarmung. Ein warmes Gefühl durchströmte ihren ganzen Körper. Ihr Herz machte einen Sprung und sie hatte das Gefühl endlich da angekommen zu sein, wo sie immer hin wollte, was sie sich immer gewünscht hatte.

Auch Paul blickte in große tiefblaue Augen, mit schimmernder Schwärze. Er spürte ihren zarten Körper und ein Verlangen breitete sich aus, dass ihm in dieser Direktheit fremd war. Sein Herz schlug und machte einen heftigen Sprung. Ihm schwindelte. Diese unbekannte Frau sprach im wahrsten Sinne des Wortes sein Herz an. In diesem Moment wurde im schlagartig klar, dass er die Frau seines Lebens in den Armen hielt und sie nicht mehr loslassen wollte. Dies war endlich die Frau, die sein Herz berührt hatte und die er heiraten würde. Ich weiß nichts über sie, dachte er, aber ich weiß, dass es sich richtig anfühlt.

Sie standen da, ineinander verloren und hatten die Welt um sich herum vergessen. Beide spürten, dass das Schicksal sie zusammengeführt hatte.

„Oh, entschuldigen Sie, ich bin wohl gestolpert“, lächelte Marie ihn verlegen an und ärgerte sich im selben Moment, dass ihr nur diese eine Banalität einfiel. Der Zauber war gebrochen, aber Paul entgegnete nicht minder schlicht: “Nein, ganz und gar nicht, ich bin glücklich, Sie in meinen Armen halten zu dürfen.“ Marie lief tiefrot an und begann sich aus Pauls Armen zu befreien.

Mrs. Plummer beobachtete das Schauspiel mit Interesse: Wer ist diese junge Dame, dachte sie, und wo mag sie wohl herkommen? Sie ist auf keinen Fall aus dem Tal. Sie spricht komisch. Vielleicht aus Kalifornien. Dort sollen ja die Frauen besonders attraktiv sein. Ich dachte immer, er hat ein Auge auf Sharadon geworfen. Wäre ja auch ein sehr schönes Paar geworden. Aber dieses Paar hier ist nicht minder interessant. Das Mädchen scheint ein gutes Teil jünger als Paul zu sein. Hübsch und doch irgendwie ganz anders, als die Mädchen hier. Und wie er sie ansieht! Na, wenn das mal nicht die junge Mrs. McGreggan wird. Ich muss gleich May sprechen. Gesagt, getan. Mrs. Plummer blickte die beiden freundlich an, entschuldigte sich noch einmal und machte sich auf die Suche nach ihrer besten Freundin May. Nun war gewährleistet, dass das ganze Tal innerhalb von zwei Stunden von diesem Zusammenstoß wusste.

Marie lächelte Paul noch einmal ein bisschen unsicher an. Inzwischen hatte sie sich aus seinen Armen - wenn auch widerstrebend - befreit. Morgen geht es weiter und er ist hier oder sonst wo in den USA, dachte sie und ich werde ihn wohl ohnehin nicht nie wiedersehen. Schade! Aber, wer weiß, ob es nicht sowieso besser ist. Während Marie diese Gedanken durch den Kopf schossen, verschloss sich ihr Gesicht und sie wandte sich von Paul ab. Ohne genau zu wissen, wohin sie jetzt eigentlich wollte, marschierte sie in Richtung Tribüne. Sie war aufgewühlt. Sie wollte sich umdrehen und sehen, ob er noch dort stand. Steht er da? Oder ist er schon fort? Ich könnte ja nachsehen. Nein, ich drehe mich nicht um, nein und noch mal nein. Es kostete sie viel Anstrengung und eine ungeheure Überwindung, den Blick geradeaus und den Kopf hoch erhoben zu halten.

Paul schaute Marie nach und musste lächeln. Er sah ihr an, dass sie sich zwingen musste, stur geradeaus zu gehen und sich ja nicht umzublicken. Er fand Marie entzückend und bezaubernd. Er schaute ihr hinterher, bis sie um die Ecke zum Stadion und zu den Tribünen verschwunden war. Dann beeilte er sich zu seinem Mustang zu kommen. Er hatte das Pferd einfach stehen lassen und das tänzelte bereits nervös herum, denn es war diese Menschenmengen nicht gewohnt. Paul freute sich auf den Ritt und führte den Hengst, der sich versuchte, zu widersetzen, zu dem Korral für den Wettkampf. Den Gedanken Marie imponieren zu wollen, schob er in sein Unterbewusstsein. Aber es gibt immer ein erstes Mal im Leben, dachte er verschmitzt und übergab das Pferd den beiden Cowboys, die später das Gatter öffnen würden.

Marie saß auf der Tribüne und sah von dort aus Paul am Gatter stehen und auf sein Pferd warten. Sie konnte den Blick nicht von seinem Gesicht wenden, aber sobald er zu ihr blickte, wandte sie schnell den Blick ab. Sie wurde jedes Mal tiefrot und je mehr sie sich darüber ärgerte, desto schlimmer wurde es. Ihr dunkles Haar begann sich aus dem Knoten zu lösen und umrahmte in langen dichten Strähnen ihr ovales Gesicht. Als Paul wieder einmal zu ihr hinaufschaute, wandte sie sich nicht ab, sondern sah ihn an. Ihr ganzes Gesicht strahlte und Paul fühlte sich von diesem Lächeln unwiderstehlich angezogen, es berührte ihn und schien ihn zu umhüllen. Ihre Augen leuchteten ihm entgegen. Er lachte zurück und winkte Marie zu. In diesem Moment wurde der schwarze Mustang in den Verschlag am Gatter geführt. Paul schwang sich in den Sattel und die Cowboys rechts und links am Gatter öffneten das Tor. Der schwarze Mustang sprang und bockte heraus, als ob es um sein Leben ginge.

Marie war fasziniert. Von dem unbekannten Mann. Von dem Pferd. Sie hatte noch nie gesehen, dass Mensch und Pferd eine so schöne, starke Einheit bildeten. Aber sie hatte ja sowieso noch nie so etwas gesehen. Doch den Namen dieses Mannes hatte sie leider aus dem Lautsprecher nicht richtig verstanden.

Paul hielt sich fünf Runden im Sattel, dann hatte der Mustang gewonnen und Paul wurde abgeworfen. Unsanft landete er im Staub und rappelte sich mühsam wieder auf. Er klopfte sich den Dreck ab und ergriff seinen Stetson. Damit winkte er Marie noch einmal zu.

Wie schön, dachte sie und freute sich. Aber es wäre besser, wenn ich aufstehe, gehe und sofort weiterfahre. Nur warum sollte ich das eigentlich machen? Vielleicht könnten wir sogar noch den Abend zusammen verbringen? Mehr aber nicht! Ich könnte ja das Schicksal entscheiden lassen: Nach dem Rodeo gehe ich und wenn er mich dann doch findet, dann soll es so sein. Sie fühlte sich ein bisschen verzweifelt.

Marie schaute auch den anderen Teilnehmern gespannt zu. Sie fand ein junges Mädchen, Jessie-Blue Beringer laut Ansage, genauso gut wie denUnbekannten. Sie verstand zwar nichts vom Reiten und von Pferden, aber sie sah schon das große Können des Mädchens. Beneidenswert. Nach der letzten Runde und der Ansage aus dem Lautsprecher, dass das Rodeo beendet war, stand Marie auf und wandte sich, wie alle anderen Besucher, dem Ausgang zu. Der Sieger war ein gewisser Lou Salinger aus Wyoming und er würde auf dem heutigen Ball geehrt werden.

Inzwischen war ihr Haar aufgelöst und unordentlich. Sie fasste es hinten zusammen und steckte es wieder zu einem Knoten hoch. Die Sonne war immer noch heiß, obwohl es bereits später Nachmittag war. Die Menschen strömten zu ihren Autos und schoben Marie mit in Richtung Parkplatz. Marie sah, dass ein Teil der Zuschauer zu den Pferden ging. Sie sah sich um, ob sie den unbekannten Mann irgendwo entdecken konnte. Nein. Enttäuschung breitete sich in ihr aus. Doch sie versuchte, dieses Gefühl tapfer zu ignorieren, war aber selber erstaunt und auch erschrocken darüber, wie tief diese Enttäuschung ging. Wo war er? Schade, ich hätte ihn gern noch einmal gesehen, dachte sie. Es war wundervoll, in seinen Armen zu liegen. Aber wenn es nicht sein sollte, dann eben nicht. In ihrem Kopf herrschten Aufruhr und Chaos. Sollte sie ihn suchen? Nein, überlegte sie und verbot sich diese Schwäche. Sie hatte zwar gespürt, dass er von ihr genauso fasziniert gewesen war, wie sie von ihm. Aber nun begannen doch Zweifel an ihr zu nagen, denn ihr Selbstbewusstsein war nicht so groß, wie es eigentlich hätte sein können. Im Moment wirkte sie noch hübscher, denn in ihrem Inneren tobte ein Sturm der Gefühle. Also marschierte sie mit entschlossenen Schritten zu ihrem Auto, straffte dabei innerlich ihre Schultern und versuchte, sich den Rodeoreiter aus ihrem Kopf und ihren Gefühlen zu schlagen. Sie begann in ihrer riesengroßen Umhängetasche nach dem Autoschlüssel zu fahnden. Es nervte sie, ständig nach irgendetwas in dieser Tasche zu suchen. Aber es war nun einmal ihre Lieblingstasche und eine Trennung kam nicht in Frage.

„Hallo, ich hoffe, Sie fanden meinen Ritt nicht zu schlecht“, sagte auf einmal eine bekannte Stimme hinter ihr.

Marie hielt in der Suche inne, drehte sich überrascht um und konnte nicht ihre Freude verbergen, ihn zu sehen. Sie strahlte ihn an. Paul indes war sich heute schon zum zweiten Mal sicher, dass vor ihm seine zukünftige Frau stand. Sie war einfach zu wundervoll.

„Oh, nein, Sie waren super. Das Pferd allerdings auch“, lachte Marie.

Paul hatte sich bereits den Kopf zermartert, was er sagen sollte, wenn er sie wiedersah. Nun gab er sich einen innerlichen Schubs.

„Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn Sie mich heute Abend auf unseren Rodeoball hier in der Stadt begleiten. Wir könnten ja vorher eine Kleinigkeit essen. Ich hoffe sehr, dass Sie dann noch hier sind“, Paul fühlte sich wie ein Schuljunge, der zum ersten Mal an die Tafel vor die ganze Klasse trat. Er benahm sich wie ein sechzehnjähriger verliebter Teenager. Er verstand nicht, wieso er sich mit seinen sechsunddreißig Jahren dieser Frau gegenüber so unbeholfen vorkam und benahm. Eine schöne Frau zum Abendessen einzuladen, war bisher eine seiner großen Stärken, zumal seine Ausstrahlung und sein Charme gewöhnlich ein Übriges taten.

Marie lächelte immer noch. Ihr Herz tat einen Sprung. Sie vergaß augenblicklich alle Zweifel und Gedanken an das Weiterfahren.

„Ja, gerne. Ich wohne bei Mrs. Ella in „Ellas Best“ in der Missionstreet“.

„Ich kenne Mrs. Ella gut und hole Sie dann dort um heute Abend um halb sieben ab“.

Marie überlegte, aber erst jetzt begriff sie, dass er das Wort Ball gebraucht hatte. Ihr schoss durch den Kopf, dass sie selbstverständlich kein Ballkleid in ihrer Reisegarderobe hatte. Aber wie hätte sie auch in Deutschland auf den Gedanken kommen können, hier im tiefsten Montana auf einen Rodeoball eingeladen zu werden. Sicher habe ich nun doch zu schnell ja gesagt, dachte sie, aber blamieren will ich mich nicht vor ihm. Doch ich hätte besser überlegen sollen, ob ich diese Einladung überhaupt hätte annehmen sollen. Wo bin ich hier wieder hineingeraten? Doch laut sagte sie: „Ja, schön. Ich bin dann fertig.“ Sie konnte nicht anders, als diesen Mann immerzu anzustrahlen. Sie sah zu ihm auf, direkt in diese sagenhaften blauen Augen und sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde vor Glück und Sehnsucht nach ihm zerfließen. Sie bemühte sich, ihre aufkommenden Zweifel zu verbannen. In ihr rang die Abenteuerlust mit der nötigen Vorsicht.

Paul stand noch immer vor ihr und hielt ihren Blick fest. Er machte keinerlei Anstalten zu gehen und Marie wartete, ob er ihr noch etwas sagen wollte. Er lächelte sie an: “Prima, ich hole Sie dann ab.“ Paul löste sich von diesen dunkelblauen Augen, auch wenn es ihm schwer fiel und lächelte Marie noch einmal liebevoll an und ging in Richtung Trailer und Pferde zurück. Dann wandte er sich um und winkte ihr zu. Marie sah Paul in der Menge verschwinden.

Wie ein Fels stand Marie da und hatte sich nicht gerührt und ein Gefühl beherrschte sie, als befände sie sich in einem Traum. Mechanisch hob Marie ihren Arm und winkte Paul zurück. Dann schüttelte sie sich und kramte weiter in ihrer Tasche, bis sich der Autoschlüssel endlich fand. Es war keine Zeit mehr zu verlieren, es war schon spät und sie musste sich noch zurecht machen, beziehungsweise nach einem passablen Kleid suchen. Marie hatte das Gefühl, auf einer Wolke zu schweben.

Das Geschehen hatten auch andere beobachtet, eine davon war Jessie-Blue. Sie war nach dem Rodeo auf der Suche nach Paul gewesen, denn sie hatte vor, den schwarzen Mustang zu kaufen. Ihrem Vater Charles hatte sie das Pferd bereits abgeschwatzt. Der konnte seinen Töchtern nie etwas abschlagen, seiner jüngsten, jungenhaften Tochter ebenso wenig wie den beiden anderen. Deshalb suchte Jessie Paul nach den Vorführungen. Zuerst war sie zu ihrer ältesten Schwester Sharadon gegangen, weil sie dachte, Paul sei nach seinem Ritt bei ihr. „Hast du Paul gesehen, Sharadon? Ich wollte mit ihm über den schwarzen Mustang sprechen“, fragte sie.

„Nein, aber was willst denn mit Paul über das Pferd sprechen?“

„Ich habe Dad gefragt, ob er es mir kaufen würde und er hat ‚ja’ gesagt. Deshalb wollte ich Paul fragen, ob ich es haben kann.“

„Wenn du das Pferd möchtest, dann kauf es doch. Es gehört ihm doch gar nicht. Nur weil er es geritten hat, heißt das doch noch lange nicht, dass er ein Vorkaufsrecht hat“, entgegnete Sharadon schärfer als beabsichtigt. Sie verstand nicht, warum Jessie-Blue immer so kompliziert und rücksichtsvoll war. Wenn Jessie das Pferd haben wollte, würde Paul sicher nichts dagegen haben. Letztlich blieb es in der Familie, wenn sie, Sharadon, erst seine Frau sein würde. Und die McGreggans hatten wahrlich genug Pferde. Die Frage, ob Paul ein Pferd kaufen wollte oder nicht, interessierte sie nicht wirklich.

Also lief Jessie-Blue los, um weiter nach Paul zu suchen. Als sie um das Stadion bog, sah sie Paul in der Ferne auf dem Parkplatz vor einer sehr schönen Unbekannten stehen. Jessie ging zwischen den Autos und Menschen näher heran. Sie hatte den Eindruck, dass er dort nicht so selbstsicher stand, wie sie ihn ansonsten kannte. Sie hätte den Mustang dafür gegeben, wenn sie hätte hören können, was die beiden dort besprachen. Dann drehte Paul sich lächelnd um, winkte der dunklen Schönheit noch einmal zu und kam Jessie entgegen.

Jessie-Blue staunte, als sie dieses entrückte Lächeln in seinem Gesicht sah und blieb wie angewurzelt stehen. Paul entdeckte sie und bahnte sich den Weg zu ihr. Er lächelte immer noch glücklich und Jessie hatte nicht den Eindruck, dass dieses Lächeln für sie bestimmt war.

„Hey Jessie, was machst du hier? Ich dachte, ihr seid schon weg? Suchst du mich?“, fragte Paul.

„Oh, ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob du den schwarzen Mustang kaufen möchtest? Ich meine, wenn du nicht willst, dann würde Dad ihn mir kaufen“, stotterte Jessie-Blue. Sie wusste eigentlich nicht so genau, warum sie derart verlegen war. Aber ihr war klar, dass sie eben etwas ganz Wichtiges beobachtet hatte. Von klein auf kannte sie Paul und dieses Verhalten, diese Unsicherheit, waren ungewöhnlich für ihn. Vielleicht glaubte alle Welt auch nur, dass er Sharadon heiraten wird, überlegte Jessie. Sie hatte vor Beginn der Veranstaltung mitbekommen, wie ihre Schwester zu John geschlendert war, nachdem es mit Paul wohl eine Auseinandersetzung über den Rodeoball gegeben hatte.

„Ja, ich hatte vor, ihn zu kaufen“, sagte Paul gerade zu ihr, „Warum? Hast du etwas mit dem Pferd vor?“

„Ich habe Daddy gefragt, ob ich ihn haben darf und er hat nichts dagegen. Dich hat er doch abgeworfen, dann kauf ihn nicht“, lachte Jessie- Blue. Sie mochte Paul und hatte nie so ganz verstanden, was er an ihrer älteren Schwester fand. Aber sicher, Sharadon sah umwerfend aus und wenn sie wollte, konnte sie überaus nett und charmant sein.

„Ich würde ihn gern zureiten und sehen, wie weit ich ihn trainieren kann. Ich glaube, er hat großes Potential zum erstklassigen Rennpferd“, erklärte sie weiter.

„Das kannst du gern machen, aber ich kaufe ihn, ich habe schon die Anwartschaft bezahlt“, erwiderte Paul.

Paul mochte Jessie-Blue ebenfalls. Sie war offen, ehrlich und genauso pferdebegeistert, wie er selber.

„Na ja, aber wenn ich ihn zureite, dann kann Dad ihn auch kaufen,“ entgegnete Jessie.

Paul hatte eigentlich vorgehabt, dieses Pferd selber auszubilden, denn auch er war der Meinung, dass der Mustang ein gutes Rennpferd abgeben würde, wenn er mit Geduld und Liebe ausgebildet wurde. Er wusste, dass auch Jessie die Fähigkeit hatte, das Pferd zu trainieren und wettkampftauglich zu machen. Aber dennoch entschied er sich, dabei zu bleiben, das Pferd selber zu kaufen.

„Jessie, du weißt, ich mag dich sehr. Aber ich halte meine Option auf den Mustang aufrecht und kaufe ihn. Mein Angebot steht: Du kannst ihn ausbilden und trainieren. Wenn er mal rennt, wirst du mitverdienen. Nicht dein Dad, sondern wir beide. Ich halte dich für eine sehr gute Pferdekennerin und traue dir zu, ihn zu reiten und zu trainieren. Das kannst du Charles sagen.“

Jessie-Blue legte ihre hübsche Stirn in Falten. Sie überlegte, wenn Paul das Pferd kaufen wollte, dann hatte es wohl keinen Zweck, weiter mit ihm zu verhandeln. Aber das Angebot war gut. Sie mochte den Hengst und das war die wichtigste Voraussetzung, um das Tier zu reiten und auszubilden.

„Gut, wir machen es so. Ich komme dann in der nächsten Woche vorbei und kümmere mich um ihn. Dann müsstest du nur Hobie Bescheid sagen und dem Hengst einen Namen geben“, sagte Jessie.

„Prima, den Namen suchen wir dann zusammen aus“, erwiderte Paul.

Sie war sehr neugierig, was sich zwischen Paul und der schönen Unbekannten abgespielt haben mochte. Da war es sicherlich sehr interessant, demnächst öfter bei den McGreggans zu sein. Sharadon würde staunen, wenn sie ihr über diese Begegnung von vorhin erzählte. Jessie-Blue überlegte, ob sie ihrer Schwester von diesem Vorfall berichten sollte, doch sie mochte Paul und entschied sich deshalb, ihrer Schwester nichts zu sagen. Sie war mit Sicherheit nicht die Einzige gewesen, die dieses kurze Zwiegespräch der beiden beobachtet hatte. Bald würde das ganze Tal über Paul und die Unbekannte sprechen. Jessie lächelte Paul noch einmal zu und machte sich dann auf die Suche nach ihrer Familie. Sie wollte Dad fragen, ob sie heute Abend mit auf den Ball durfte. Denn mit ihren sechzehn Jahren wurde sie erst im nächsten Schuljahr ein Senior und leider war ihr Dad in bestimmten Sachen streng.

Paul ging zurück zu der Scheune, um den Kauf des Mustangs perfekt zu machen.

++++++++++

Marie kehrte in die Pension zurück. Als sie die Treppe zu ihrem Zimmer hochstieg, kam Mrs. Ella aus der Küche und sah zu Marie hinauf: „Wie war das Rodeo, Ms. Belandres? Haben Sie sich gut amüsiert? Ich würde ja auch hinfahren, wenn mir nur nicht meine Beine diese Probleme bereiten würden. Das ganze Tal ist jedes Jahr dorthin unterwegs.“

Marie drehte sich um und blickte auf Mrs. Ella hinunter: „Oh, Mrs. Henshaw, es war toll. Ich war ja bisher noch nie auf einem Rodeo und in Deutschland kennen wir das gar nicht. Diese Atmosphäre, diese vielen Menschen! Die Pferde, einfach umwerfend.“

„So, wie Sie strahlen, scheint es mir, als wäre noch mehr auf dem Rodeo passiert. Fast so, als ob Sie den Mann für Ihr Leben gefunden haben“, lachte Mrs. Ella.

Marie lief dunkelrot an. Sie fühlte sich regelrecht ertappt, wie bei einem Déjà-vu: „Also, das glaube ich eigentlich nicht, aber ich bin heute Abend zum Rodeoball eingeladen worden. Um halb sieben werde ich abgeholt. Oh Gott, ich muss noch überlegen, ob in meiner Reisekleidung etwas Passendes für den Abend ist.“

Jetzt lachte Mrs. Ella richtig laut auf: „Jeder weiß es, Mr. Paul hat eine Unbekannte, die anders spricht und auch besonders hübsch ist, zum Rodeoball als seine Begleitung eingeladen. Es gibt unter uns alten Klatschtanten kein anderes Thema.“

„Oh“, hauchte Marie erstaunt, “warum ist das so wichtig? Sicher, im Grunde kennen wir uns nicht und ich war ziemlich überrascht, aber ich freue mich auch sehr auf den Ball, so etwas habe ich noch nie erlebt und ich stelle es mir richtig amerikanisch vor. Paul heißt er also. Er ist sehr nett.“

„Das will ich wohl meinen. Sie gehen mit dem begehrtesten Junggesellen des Tals auf den Ball. Er ist ein Pferdenarr und guter Rancher. An sich gewinnt er jedes Jahr das Rodeo, aber in diesem Jahr wurde er wohl abgelenkt.“

„Das war mir nicht klar, ist auch eigentlich egal. Aber da war ein junges Mädchen mit blonden Haaren, das sich fast genauso gut im Sattel hielt, bei Pferd und Bulle.“

Ein Pferdenarr also, na, das konnte ja heiter werden. Hoffentlich wird sich die Unterhaltung nicht nur um Pferde drehen, dachte Marie. Sie hatte sich einem Pferd noch nie mehr als zehn Meter genähert und wollte das eigentlich auch nicht ändern. Sie hatte großen Respekt vor Pferden. Aber schließlich wollte sie nur auf einen Ball gehen, wenn auch mit dem verwirrendsten Mann, den sie je kennengelernt hatte und morgen sehr früh würde sie gleich zum Yellowstone Park aufbrechen.

„Ja, das wird die jüngste der Beringer-Töchter gewesen sein, Jessie-Blue. Ihr wird ein ähnliches Talent wie Mr. Paul nachgesagt. Sie ist ein nettes Mädchen. Aber was stehe ich hier und rede und rede. Wenn Sie mögen, können Sie noch ein Stück von meinem frisch gebackenen Schokoladenkuchen probieren. Dünn genug sind Sie ja. Und dann müssen Sie sich noch umziehen, es ist schon spät“, rief Mrs. Ella erschrocken aus.

Marie merkte, dass sie Hunger hatte: „Danke, sie haben recht, es ist schon sehr spät. Aber ich habe Hunger und ein Stück Kuchen wäre prima, obwohl wir noch zu Abend essen wollen.“

Plötzlich rief vom anderen Ende des Flurs eine männliche Stimme: „Ein Stück Schokoladenkuchen? Da nehme ich auch ein Stück.“ Über den Flur kam ein Mann auf Marie zu und blickte zu seiner Tante über die Balustrade hinunter.

„Billy, dass du auch ein großes Stück möchtest, ist klar“, lächelte Mrs. Ella liebevoll hinauf. Der Mann, Bill, lief den oberen Flur zur Treppe entlang und wäre fast in Maries Armen gelandet, als er schwungvoll die Treppenstufen hinunter rennen wollte. So blieb er überrascht stehen und blickte in Maries freundliches Gesicht. Marie glaubte, einen der anderen Gäste vor sich zu haben.

„Darf ich vorstellen, mein Neffe, William Henshaw, Bill. Er besucht mich gerade und ist auf dem Weg zum Yellowstone Park. Er wird dort als Police Ranger arbeiten, Bill ist bei den Wyoming Police Rangern in Cheyenne“, erklärte Mrs. Ella, sichtlich stolz. Police Ranger im Yellowstone Park war ein begehrter Job und Bill musste schon einiges vorweisen, um dort arbeiten zu können. Bisher war Bill Detective Inspector bei den Police Rangern in Cheyenne gewesen. Das war er genau genommen noch immer, nur jetzt eben im Yellowstone Park und als Leiter des dortigen Stützpunktes.

„Yellowstone Park? Wie interessant. Dort möchte ich morgen früh hinfahren. Auf den Besuch in diesem Park freue ich mich, seit ich meine Reise geplant habe. Wenn ich mich nicht verfahren hätte, wäre ich auch schon dort. Aber jetzt sollte ich mich fertig machen“, sagte Marie mit Blick auf ihre Uhr.

„Also kein Stück Schokokuchen? Das ist schade. Ich hätte Ihnen gern Gesellschaft geleistet“, erwiderte Bill freundlich und konnte seinen Blick nicht von ihrem Gesicht und von ihrem Haar abwenden. Letzteres hatte sich inzwischen vollständig aufgelöst. Woher mochte diese junge Dame nur kommen und warum musste sie sich fertig machen, wo sie doch augenscheinlich eine Touristin ist, fragte sich Bill. Sie ist ausgesprochen nett, ganz anders als die Mädchen, die ich kenne, so unamerikanisch. Eigentlich wollte ich noch ein paar Tage hier bleiben, aber vielleicht sollte ich doch schon morgen mit ihr hochfahren?

„Na, mein Junge, dann komm mal mit in die Küche und Sie, junge Dame machen sich fertig. Wenn dann noch Zeit bleibt, sind Sie herzlich eingeladen, in die Küche zu kommen und noch eine Kleinigkeit zu essen. Muss ja nicht Schokoladenkuchen sein“, mit diesen Worten wandte sich Mrs. Ella um und verschwand in Richtung Küche. Marie sah Bill an und ging an ihm vorbei die Treppe weiter hinauf. „Ich würde mich freuen, Sie noch einmal zu sehen und da ich auch in den Park muss, könnte ich Sie begleiten“, rief Billy die Treppe hoch. Marie wandte den Kopf um: „Ja, vielleicht, ich weiß noch nicht richtig, wie es morgen wird.“ Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders und hatte die unausgesprochene Frage von Bill nicht richtig mitbekommen. „Wir sehen uns bestimmt noch“, antwortete Bill und verschwand in der Küche. Sie ist wirklich nett. Ich möchte bloß mal wissen, wohin eine Fremde in der Stadt heute Abend hingeht, wenn nicht zum Rodeoball, dann bleibt nur die Frage, mit wem? Allerdings geht man nicht einfach zu diesem Ball, wenn man nicht dazu gehört. Von hier ist sie jedenfalls nicht und auch nicht aus den USA. Muss mal Tantchen fragen. Sie weiß eigentlich immer alles, was in dem Tal vor sich geht.

Marie nahm die letzte Treppenstufe und schloss die Tür zu ihrem Zimmer auf. Bill hatte sie bereits vergessen, denn ihre Gedanken kreisten ausschließlich um das bevorstehende Treffen mit Paul. Sie überlegte, welches ihrer mitgebrachten Kleidungsstücke geeignet wäre, um als Ballkleid durchzugehen. Sie hoffte, dass es sich nicht um einen Ball im eigentlichen Sinne handelte, ihr schwebte eher so eine Art Square-Dance-Veranstaltung vor. Wenn sie in Deutschland Zeit und Geld hatte, ging sie gern auf Bälle und besonders der exklusive Münchner Opernball hatte es ihr angetan.

Männliche Begleiter standen ihr zahlreich zur Verfügung und auch Ballkleider hatte sie daheim im Schrank hängen. Aber wer nahm so etwas mit auf eine USA-Rundreise? Zu Hause hatte sie etliche Sommerkleider in ihre Reisekoffer geworfen. Nicht unter der Überlegung, wann sie diese anziehen wollte, eher: man weiß ja nie. Hatte sie das schmale schwarze Sommerkleid aus Seide eingepackt? Es war schulterfrei und das Oberteil bestand aus einer Seidencorsage. Der Rock fiel in drei Lagen übereinander und der Überrock bestand aus schwarzer Spitze und war unterhalb der Corsage tief angesetzt. Der Schnitt war raffiniert und dieses Kleid konnte gut als Ballkleid durchgehen. Das letzte Mal hatte sie es auf der Semesterabschlussfeier getragen und dann in die Reinigung gebracht. Der Schwung Kleider aus der Reinigung hatte zu Hause auf dem Bett gelegen und sie hatte in höchster Eile einige davon in ihre Koffer geworfen. Marie begann, ihre Koffer zu durchwühlen und hatte das Kleid kurz darauf hervorgekramt. Teuer war es gewesen, sehr teuer und sie hatte dafür viele Hamburger verkaufen müssen. Als sie das Kleid jetzt sah, freute sie sich und beglückwünschte sich, dass sie es eingepackt hatte und dass es völlig knitterfrei war. Wie lange hatte sie gezögert, bevor sie dieses Kleid kaufte! Jetzt war sie richtig froh. Was immer das für ein Ball sein mochte, sie war sicher, auf jeden Fall passend angezogen zu sein. Marie wusste, dass ihr das Kleid phantastisch stand. Es passte perfekt zu ihrer schmalen und zierlichen Figur und mit ihrer Sonnenbräune sah sie in diesem schwarzen Kleid einfach gut aus. Sie breitete es auf dem Bett aus, suchte ihre wenigen Schminkutensilien zusammen, entkleidete sich und duschte. Sie rubbelte sich trocken und zog sich ihre teuren Spitzendessous über. Auch hier, Glückwunsch fürs Einpacken! Sie schminkte sich, zog das Kleid über den Kopf und legte zum Schluss, als Abrundung des Kunstwerkes, karmesinroten Lippenstift auf. Das Haar schlug sie zu einem französischen Knoten zusammen und steckte ihn mit einem Kamm fest. Sie überlegte kurz, das Haar vielleicht doch lieber offen zu tragen, das würde auch perfekt zu diesem Kleid passen und sie fand ihre taillenlangen Haare schön, aber auch leider oft ziemlich unpraktisch. Deshalb steckte sie die Haare doch lieber zusammen, wie sie es fast immer tat. Sie war der Meinung, dass ihre Aufmachung für diesen Ball wohl reichen würde. Aber für Paul? Während sie diese Betrachtungen anstellte, hörte sie den Türklopfer an der Haustür. Nach einem raschen Blick auf die Uhr packte sie schnell ihre Tasche zusammen. Die war für einen Ball nicht so richtig gut geeignet, aber es ging nun mal nicht anders. Es klopfte an der Tür: „Hallo, ihr Besuch steht unten und will sie abholen. Sind Sie fertig?“, rief Mrs. Ella.

„Ja, ja, ich komme“, rief Marie, öffnete die Tür und wäre beinahe in Mrs. Ella hineingelaufen.

Mrs. Ella ging die Treppe hinunter und dabei unterhielt sie sich mit Paul: “Was machen deine Eltern, Paul? Ist Simon auch zu Besuch? Was hat er doch für eine reizende Frau!“

Inzwischen war auch Bill aus der Küche gekommen, um nachzusehen, was wohl los war: “Hallo Paul, wie geht es dir?“ Paul war es also, mit dem sie verabredet ist.

Paul blickte Bill an und wunderte sich, wo sein alter Freund aus den Kindertagen so plötzlich herkam. Er hatte nicht gewusst, dass Bill überhaupt in der Stadt war. Er war damals einfach verschwunden und Paul hatte gehört, dass Bill nach dem College zu den Rangers nach Cheyenne gegangen war und nun Detective Inspector war. Irgendwer hatte auch über ein Studium erzählt. War es Sabrina gewesen? Paul erinnerte sich nicht mehr genau.

„Ich glaube, Paul wusste nicht, dass du in der Stadt bist, Billy. Bill ist nur auf der Durchreise, denn er ist im Sommer der Chef der Police Rangers im Park“, erklärte Mrs. Ella nicht ohne Stolz.

„Glückwunsch, ja klar, ist schön für dich, dass du im Park sein wirst. Wenn du möchtest, komm doch einmal raus zu uns“, sagte Paul immer noch erstaunt. Während er sich unterhielt, versuchte er, Marie hinter Mrs. Ella zu erblicken. Er hatte diesem Augenblick entgegen gefiebert. Er gestand sich ein, dass er mit Herzklopfen hierher gefahren war und ununterbrochen an Marie gedacht hatte: Sie war in seinem Kopf ebenso wie in seinem Herzen, jede ihrer Bewegungen, jedes Lächeln hatte er sich immer wieder und wieder in sein Gedächtnis gerufen. Besonders gern erinnerte er sich an den kurzen Augenblick, als er Marie in seinen Armen gehalten hatte. In diese Augen zu blicken und dabei das Gefühl zu haben, sie nie mehr loslassen zu wollen. Für Bill, seinen alten Freund, hatte er im Moment nicht viel Aufmerksamkeit übrig. Er wollte, dass Marie endlich die Treppe herunter kam und er sie wiedersah. Noch eine Stufe, es war geschafft und Mrs. Ella gab endlich den Blick frei für das, was hinter ihr war. Marie schwebte hinter Mrs. Ella die Treppe hinunter, auch sie war gespannt auf Paul.

Paul erblickte Marie und ihm stockte der Atem. Sie sah hinreißend aus. Das schwarze Kleid umschmeichelte ihre schmale Figur. Ihr Haar glänzte und der tiefe französische Knoten im Nacken stand besonders gut zu ihrem schmalen Gesicht. Sie war zwar nur dezent geschminkt, aber Paul erblickte eine Schönheit.

Aber nicht nur Paul war bezaubert von dieser Erscheinung, auch Bill starrte Marie an. Er hatte noch nie eine so attraktive Frau gesehen, mit Ausnahme von Sharadon. Doch diese Frau war nett und freundlich, geradezu umwerfend charmant, wenn sie lächelte, wie in diesem Augenblick. Leider galt ihr strahlender Blick Paul. Die junge Frau schien sich nicht einmal bewusst zu sein, wie sie auf ihre Umgebung wirkte. Mit diesem Aussehen kannte Bill nur ziemlich eingebildete Frauen. Wahrscheinlich war es genau dieses Auftreten, was sie so unterschiedlich zu den hier ansässigen Frauen machte. Sein alter Freund Paul war fasziniert und konnte seinen Blick nicht von Marie abwenden. Nun sah Marie Paul an: “Hier bin ich. Hoffentlich haben wir noch genug Zeit zum Essen?“

„Selbstverständlich“, antwortete Paul und dachte, für dich habe ich alle Zeit der Welt. Marie nickte Bill und Mrs. Ella freundlich zu und reichte Paul ihren Arm, um zur Tür zu gehen. Paul löste sich aus seiner Erstarrung und öffnete die Haustür. Auch er lächelte Mrs. Ella und Bill zu, wünschte ihnen einen schönen Abend und nahm Maries Arm, um mit ihr zu seinem Auto, einem schwarzen Pick-up zu gehen.

„Viel Spaß. Könnte ich mich dem Essen anschließen?“, rief Bill ihnen nach. Er wusste genau, wie man Paul ärgern konnte.

„Du hast doch vorhin einen riesigen Berg Chili gegessen, Junge. Außerdem wollen die beiden sicherlich allein sein“, zwinkerte Mrs. Ella ihrem Neffen zu.

„Okay, war auch nur ein Scherz. Also viel Spaß zusammen. Vielleicht sehen wir uns nachher noch auf dem Ball, wenn ich ein nettes Mädchen finde, das mit mir hingehen möchte. Das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe, ist ja leider schon vergeben.“

„Danke für das nette Kompliment“, lachte Marie und blickte zurück zu Bill, der an der Haustür stand.

„Ja, ja, macht euch alle einen schönen Abend“, sagte Mrs. Ella in die Runde und watschelte in die Küche zurück, gefolgt von ihrem Neffen.

Paul öffnete die Tür des Pick-ups und half Marie in den Wagen. Sie musste den Sitz eher erklimmen, denn an elegantes Einsteigen war bei ihrer Größe nicht zu denken. Mit einem energischen Raffen ihres Kleides hangelte sie sich hoch und freute sich, als sie endlich saß. Sie fuhren los.

++++++++++

Sharadon Beringer war zufrieden. Sie hatte John überredet, sie auf den Ball zu begleiten. Das war nicht sonderlich kompliziert gewesen, da John noch immer hoffte, in ihrem Leben eine größere Rolle zu spielen. Einen kleinen Moment lang hatte Sharadon ein schlechtes Gewissen, diente dieses Manöver doch nur dazu, Paul so eifersüchtig zu machen, dass er ihr endlich einen Heiratsantrag machte. Nach Sharadons Meinung führte an diesem Umstand sowieso kein Weg vorbei. Schließlich waren die Beringers und McGreggans die einflussreichsten Familien im ganzen Tal. Den McGreggans gehörten allerdings noch einige hübsche Ölquellen und damit ein ertragreiches Rohstoffunternehmen in Texas, Houston.