Eine andere Geschichte - Charles Lewinsky - E-Book

Eine andere Geschichte E-Book

Charles Lewinsky

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Beschreibung

Los Angeles, 1959. Der betagte Filmproduzent Curtis Melnitz wird jede Nacht von Albträumen heimgesucht. Er braucht unbedingt Schlaftabletten – aber die bekommt er nur, wenn er regelmäßig zur Psychoanalyse geht. Auf der Couch des Psychiaters erzählt er wider Willen seine Geschichte, sein Leben zwischen Hollywood und Berlin, zwischen der noch schwarz-weißen, stummen Traumfabrik und der umso grelleren, schreienden deutschen Wirklichkeit des frühen 20. Jahrhunderts. Jede Sitzung ein Kapitel. Ein Leben wie ein Roman.

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Seitenzahl: 459

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Charles Lewinsky

Eine andere Geschichte

ROMAN

Diogenes

»Die Summa Summarum des Alters ist eigentlich niemals erquicklich.«

Johann Wolfgang Goethe

Ich habe die Geschichte schon ein paarmal erzählt. Sie beschäftigt mich seit siebzig Jahren, als ich sie als kleiner Junge von meiner Großmutter hörte.

»Wir lebten damals in Leipzig«, sagte sie, und wenn sie »damals« sagte, meinte sie »in den Anfangsjahren des ›Dritten Reiches‹«. Sie erzählte von einem Mann, der eines Tages mit zwei Autos vorgefahren sei – »im ersten saß er, im zweiten seine Sekretärin« – und sich als Verwandter vorgestellt habe. Er sei ein wichtiger Mann in Hollywood, habe er gesagt, und sei nur vorbeigekommen, um sie zu warnen. »Verschwindet aus Deutschland«, habe er gesagt, »hier wird es für Juden ganz schlimm.« Und dann sei er wieder in seine beiden Autos gestiegen und weggefahren.

Dieser Mann hieß Melnitz, und dass er tatsächlich existiert hat, lässt sich mit einer Recherche im Internet bestätigen. Sogar eine Fotografie habe ich von ihm gefunden.

Seit ich anfing, Bücher zu schreiben, wollte ich aus der Figur dieses Mannes einen Roman machen. Mit den ersten Anläufen bin ich gescheitert, und nachdem er – oder zumindest sein Name – sich in eine ganz andere Geschichte geschlichen hatte, habe ich den Versuch aufgegeben. Endgültig, meinte ich.

Aber Herr Melnitz ließ mir keine Ruhe, und so habe ich – sieben Jahrzehnte nachdem ich zum ersten Mal von ihm gehört habe – sein Leben erfunden. Mit dem Onkel Melnitz aus dem gleichnamigen Roman hat dieses Buch nichts zu tun.

Das ist eine andere Geschichte.

1

Sie sind Dr. Cowan?

Noch nicht mal eine Sekretärin für den Empfang? Muss ja ein toller Laden sein.

Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen. Ich bin kein Kunde für Ihr Voodoo. Ich brauche ein Rezept, sonst nichts. Füllen Sie es aus, und ich bin wieder weg. Leicht verdientes Geld.

Mein Arzt besteht darauf.

Dr. Goldsteen. Er sagt, Sie kennen sich.

Bisher hat er mir immer verschrieben, was ich brauche. Jetzt plötzlich will er nicht mehr. Schickt mich zu Ihnen. Wahrscheinlich seid ihr alte Kumpel. Schiebt euch gegenseitig die Patienten zu.

Ich habe ihm gesagt: Was soll ich bei einem Psychiater? Aber er …

Muss der Papierkrieg wirklich sein? Ich brauche nur …

Melnitz. Curtis Melnitz.

Ich merke: Der Name sagt Ihnen nichts. Sic transit Gloria Swanson.

2. Mai 1879.

Lassen Sie die Komplimente. Natürlich sieht man mir die achtzig Jahre an. 1879 war ein schlechter Jahrgang. Wird früh sauer und bleibt es sein Leben lang.

Nein, ich habe nicht gefeiert. In meinem Alter ist ein runder Geburtstag kein Grund für Eiapopeia. Hätte ich mir eine Torte aus Kurpflaumen bestellen sollen? Das ist die Gemeinheit des Lebens: Es wird jedes Jahr beschissener, und man kann immer schlechter scheißen. Und das soll man feiern?

Kann ich jetzt mein Rezept haben?

Ich schlafe schlecht. Meistens gar nicht. Wälze mich im Bett. Stundenlang. Möchte schlafen und habe Angst davor. Wegen der Träume. Ich leide unter meinen Träumen. Ich habe schon bessere Filme gesehen.

Ich bin nicht gekommen, um mich auf Ihre Couch zu legen. Ich brauche nur das Rezept. Dieses neue Mittel. Das einzige, das hilft. Hier. Ich habe Ihnen die leere Schachtel mitgebracht. Sie brauchen den Namen nur abzuschreiben. Eine Pille täglich, sagt Dr. Goldsteen.

Na schön, manchmal nehme ich zwei. Oder mehr.

Aber deswegen bin ich nicht süchtig. Ich bin nur alt.

Und wenn? Eine lange Abhängigkeit wird es nicht mehr werden. Man wird ja irgendwann seinen Abgang machen dürfen. Abblende und Schlusstitel.

Ob ich vom Film komme? War Hitler ein Nazi? Aber das ist lang her. Überhaupt: Warum müssen sie mir so viele Fragen stellen, bevor Sie mir mein Rezept …?

Ich verstehe. Damit Sie sagen können, Sie hätten meinen Fall ernsthaft geprüft. Weil sonst die Ärztekammer kommt oder wie der Verein bei euch heißt. Aber wenn es Sie glücklich macht …

Die volle Nummer mit Hinlegen und allem? Muss das sein?

Nun ja.

Nicht wirklich bequem, Ihre Couch. Nicht für Leute mit Rückenschmerzen. Aber was muss, das muss.

Bevor Sie mit Ihrer Nummer anfangen: Ihr Behandlungszimmer sollten Sie anders einrichten. Mit den vielen Büchern sieht es mehr nach Literaturprofessor aus. Der Zuschauer muss auf Anhieb merken, wo eine Szene spielt. Es braucht nicht viel. Ein paar Diplome an der Wand. Eine Fotografie von Sigmund Freud. Besorgt Ihnen jeder Ausstatter.

Also. Was wollen Sie wissen? Dass ich meine Mutter gehasst habe? Oder heimlich geliebt? Dass jeder Maiskolben ein Penissymbol für mich ist? Darauf läuft es bei euch doch immer hinaus.

Das letzte Mal beim Arzt? Das kann man nicht wissen. Vielleicht ist ja heute das letzte Mal. Weil ich nachher im Treppenhaus einen Herzinfarkt kriege. Sehr erfolgreich können Sie in Ihrem Beruf nicht sein. Sonst hätten Sie Ihre Praxis in einem Gebäude mit Aufzug. Ein Liftboy in Uniform. Erste Etage Neurosen. Zweite Etage Psychosen.

Das letzte Mal bei Goldsteen? Vor einer Woche. Keine Ahnung, warum er plötzlich so stur geworden ist. »Ich brauche die Zweitmeinung eines Fachmanns.« Darum liege ich jetzt hier, und Sie wollen von mir wissen … Was wollen Sie wissen?

Keine Ahnung. Vielleicht weil ich zu viel Fantasie habe. Meine Träume … Ich würde viel dafür geben, wenn ich sie loswerden könnte.

Seit … Seit …

Ich bin nicht gekommen, um mich bei Ihnen auszulabern. Ich will nur mein Rezept.

Geben Sie mir einen einzigen guten Grund, warum ich …

Ein reizender Vergleich, wirklich. Ausgesprochen charmant. Aber mein Gedächtnis ist keine Eiterbeule. Und selbst wenn – ich lasse nicht jeden Kurpfuscher darin herumstochern.

Das sagen Sie. Und wenn es mir dann schlechter geht? Können Sie mir garantieren …? Bei meinem Mittel weiß ich wenigstens …

Manchmal auch vier. Wenn es ganz schlimm wird.

Okay, ich bin süchtig. Was wollen Sie dagegen tun?

Gesprächstherapie. So ein schönes Wort. Ich wühle in meiner Vergangenheit, und Sie schreiben die Rechnung dafür. Bei Leuten meines Alters ist das ein sicheres Einkommen. Hinterher kann man immer sagen: »Ich hätte ihn geheilt, aber leider ist er vorher gestorben.« Was soll es ändern, wenn ich Ihnen hier Geschichten erzähle? Erklären Sie mir das!

Entschuldigen Sie. Aber wenn ich einmal anfange zu lachen … Es geht nicht gegen Sie. Es war die Formulierung, die Sie gerade verwendet haben. »Alles muss raus.« Das hat mich an etwas erinnert. Eine uralte Geschichte.

Wenn Sie wollen. Was man nicht alles tut für ein paar Pillen.

Da, wo ich aufgewachsen bin, in Leipzig, gab es einen kleinen Papierwarenladen. Winzig, aber als Junge kam es mir vor, als ob es dort alles zu kaufen gebe, was man sich wünschen konnte. Wunderbare Dinge. Ausschneidebögen mit Soldaten. Scherenschnitte. Eine Zaubertinte für unsichtbare Botschaften. Einfach alles. Der Besitzer hieß Suchanke. Ein kleines Männchen, mit einer Frau, die einen Kopf größer war als er. Zwei Köpfe. Wir hatten alle Angst vor ihr. Ihren Mann hat sie herumkommandiert wie ein preußischer Feldwebel. Unter uns Buben ging das Gerücht, dass er jeden Abend die Hosen herunterlassen müsse und dass sie dann …

Damit Sie nichts Falsches denken: Das hat keine tiefenpsychologische Bedeutung. Ich will Ihnen nur erklären, warum ich plötzlich lachen musste. Das war kein Symptom, das war …

Obwohl … Erinnerungen sind auch Symptome.

Wie gesagt: »Alles muss raus«. Das stand eines Tages auf einem Schild in Suchankes Schaufenster. Seine Frau war verreist, und er … Ausverkauf wegen Aufgabe des Ladens. Fünfzig Prozent auf alles. Wir Jungs haben alle unsere Sparschweine geplündert.

Ich weiß nicht mehr, was ich gekauft habe. Ist das so wichtig? Es wird nicht so kostbar gewesen sein, wie es mir vorkam. Die Pointe ist eine andere. Ein paar Tage später kam Frau Suchanke von ihrer Reise zurück. Stand vor der Tür des Ladens und kam nicht rein. Ihr Mann hatte die Schlösser auswechseln lassen, bevor er verschwunden ist. »Alles muss raus.«

Lachen Sie ruhig mit. Ein Pokerface macht Sie auch nicht zu einem besseren Therapeuten.

Die Geschichte von den Suchankes hatte noch eine zweite Pointe. Als kein Mann zum Drangsalieren mehr da war, hat sich die Frau mit Schnaps getröstet. Ist besoffen durch die Gegend marschiert und hat an fremden Türen gerüttelt. Wir Buben natürlich immer hinterher.

Leipzig, ja. Wenn ich müde bin, hört man es mir immer noch an. Da lebe ich schon mehr als fünfzig Jahre in Amerika und bin den Akzent noch immer nicht losgeworden. Sie wissen ja, wie das ist. Sie sind auch nicht in Poughkeepsie geboren. Außer es war Poughkeepsie an der Donau. Oder haben Sie sich den wienerischen Akzent zugelegt, damit die Leute glauben, Sie hätten Freud persönlich die Schuhe geputzt?

Keine reiche Gegend. Zu kleine Wohnungen und zu viele Kinder. Aber ich war dort glücklich. Ein paar Jahre lang. Wenn man nichts anderes kennt, fehlt einem auch nichts. In diesem Punkt richtet das Kino Unheil an. Weil es den Menschen zeigt, wie die Welt anders sein könnte. Wenn sie anders wäre.

Idastraße 21, vierte Etage, links. In unserem Quartier hatten die meisten Straßen Frauennamen. Ida. Hedwig. Marianne. Eine Proletariergegend, die Gebäude bei einer Stadterweiterung hingeklotzt. Arme-Leute-Luxus. Immer auf halber Treppe ein gemeinsames Klo.

Mein Vater war Eisenbahner. Kein richtiger, aber trotzdem stolz darauf. Hat sich jedes Jahr darüber geärgert, dass er am Sedantag nicht mit den anderen Eisenbahnern aufmarschieren durf‌te. Weil zu seinem Amt keine Uniform gehörte. In seinem Zivilanzug hätte er das Bild gestört. Für den grünen Dienstrock mit der Mütze würde er seine Seele verkauft haben. Die Königlich Sächsische Staatseisenbahn, das war für ihn … Wie wenn ein Dorfpfarrer sagen würde: »Ich arbeite für den Vatikan.«

Irgendetwas Unwichtiges in einem Büro. Ging jeden Morgen mit seiner Aktenmappe aus dem Haus. Als ich noch klein war, hat er mir erzählt, da sei das Steuerrad für die Eisenbahn drin. Und war dann enttäuscht, dass ich es geglaubt habe.

Meine Mutter? Nun ja, sie war halt meine Mutter. Nicht anders als die anderen Mütter. Nie ganz gesund, was sie aber nicht zugegeben hat, so wenig wie mein Vater die eigene Unwichtigkeit. Es war damals noch nicht Mode, leidend zu sein. Dazu musste erst Greta Garbo als Kameliendame sterben.

Geschwister? Darum war meine Mutter ja leidend. Ich hätte einen jüngeren Bruder gehabt, aber der ist bei der Geburt …

Was schreiben Sie da auf? Da gibt es nichts aufzuschreiben. Es ist kein Trauma. Ich habe ihn ja nicht gekannt. Ich weiß nicht einmal, welchen Namen er bekommen hätte, wenn er bis zur Beschneidung …

Natürlich jüdisch. Sind wir das nicht alle? Sie haben auch einmal Kohn geheißen.

Volltreffer, was? Aus Kohn Cowan machen – so was von offensichtlich. Mit seinem Namen sollte man sich schon mehr Mühe geben. Ein guter Künstlername ist die halbe Karriere.

Was?

Okay, Sie haben gewonnen. Ich habe auch nicht immer Melnitz geheißen.

Chmelnitzki. Aber bis Sie den Namen buchstabiert haben, hat schon ein anderer den Job. Kurt Chmelnitzki.

Wo waren wir?

Das kann man so nicht sagen. Bloß weil ich keine Geschwister hatte, war ich kein Einzelkind. Da war nichts von »Steht einsam am Fenster und schaut sehnsüchtig in die Ferne«. Kein Cello auf dem Soundtrack. So war das nicht. Nicht in meinen ersten Lebensjahren. Unser Haus hatte vier Etagen. Auf jeder Etage drei Wohnungen. Da gab es so viele Kinder, man hat einen Bruder oder eine Schwester nicht vermisst. Es war immer jemand da zum Spielen.

Einen besten Freund hatte ich nicht. Überhaupt keinen besonderen. Wir waren halt eine Bande.

Da fällt mir nur einer ein. Oder eigentlich sein Sohn. Den ich natürlich nicht gekannt habe, aber …

Jaroslav. Wir haben ihn Jari genannt. Wohnte im Haus nebenan. Nummer 19. Er hatte zwei Brüder, einen älteren und einen jüngeren, beide auch mit so tschechischen Vornamen. Und als er später einen Sohn bekam, wird er den auch … Aber genannt hat der sich Wolf-Dieter. Germanisch. Ist dann bei den Nazis etwas Wichtiges geworden. Einer von diesen ordentlichen Lagersadisten. Hat die Leute streng nach Vorschrift totgeprügelt. Nach dem Krieg wollten sie ihn vor Gericht stellen, aber er hat Gift genommen. In einem hohlen Zahn versteckt, stand in der Zeitung. Für einen Film wäre das keine gute Todesart. Man sieht ja nichts.

Der Jari, ja. War ein netter Junge. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass der mal so einen Sohn … Man denkt immer: Die Verbrecher sind ganz weit weg. Und dann hat man seinen Vater gekannt. Wir haben Stullen getauscht, der Jari und ich. Das erste Mal, dass ich Schinken gegessen habe. Das war verboten und darum spannend. Beim ersten Bissen habe ich erwartet, dass mich der Blitz trifft. Kam aber keiner. Kann man mit fünf Jahren schon Atheist werden?

Der Jari war ein Musterknabe. Wenn seine Mutter ihn ins Haus gerufen hat, ist er sofort losgerannt. In seiner Familie waren sie alle folgsam. Vielleicht ist sein Sohn deshalb so geworden.

Wie bin ich jetzt auf den Jari …?

Sie müssen sich das vorstellen wie ein großes Pfadfinderlager. Die Eltern waren bei der Arbeit, und so was wie Kindergärten gab es nicht. Wir mussten uns unsere Spiele selber einfallen lassen. Ich habe dabei viel für meine Karriere gelernt. Eine Horde Kinder und ein Hollywoodstudio, da ist gar kein so großer Unterschied. Im Prinzip. Die einen haben die Ideen, und die andern bestimmen, was davon realisiert wird. Bei beiden genügt es nicht, gute Einfälle zu haben, man muss sie auch verkaufen können. Ich war nie ein großer Bestimmer, schon als Kind nicht. Aber Ideen hatte ich jede Menge. Einmal haben wir Amerika entdeckt. Die Entdeckung Amerikas gespielt. Haben die großen Zinkwannen aus der Waschküche geholt und sind damit übers Meer gefahren. Ein Unterhemd an einem Besenstiel als Fahne. Alles meine Idee. Kolumbus durf‌te ich trotzdem nicht sein, aber immerhin für die Überfahrt mit ihm in denselben Waschzuber steigen. Ich war schon damals kein Sam Goldwyn.

Wollen Sie eine Geschichte von Sam Goldwyn hören? Als Louis B. Mayer gestorben ist, der Mayer von Metro-Goldwyn-Mayer …

Kommt es darauf an? Ist doch egal, was ich Ihnen erzähle. Ich quatsche hier nur rum, damit Sie hinterher sagen können, Sie hätten mich gründlich analysiert. Und mir mein Rezept …

Meine Eltern? Da gibt es nichts zu beschreiben.

Kennen Sie diese Vorstadtsiedlungen, wo die Häuser alle gleich aussehen? Wo die Kinder beim Nachhausekommen zuerst in die Mülltonne schauen müssen, ob sich da was Bekanntes findet? Damit sie nicht durch die falsche Tür gehen? So war mein Vater. Einer von vielen. Man sah ihm auf den ersten Blick an, was er war: ein kleiner Angestellter, der gern Beamter gewesen wäre. Wahrscheinlich waren in seinem Büro alle so. Wenn am Abend statt ihm einer seiner Kollegen nach Hause gekommen wäre, es wäre mir nicht aufgefallen. Am Fließband ausgestanzt. Massenware. Alles Originelle hatten sie ihm schon mit der Vorhaut weggeschnitten.

Ich weiß nicht, was Sie meinen. Das war eine sachliche Beschreibung. Natürlich habe ich meinen Vater gemocht.

Geliebt? Das ist ein großes Wort. Ich bin nicht Valentino.

Er hat mich nicht geschlagen oder so. Nicht mehr als damals üblich. Pflichtgemäß. Geheult habe ich nur, damit seine Welt wieder in Ordnung war. Sohn nicht pünktlich beim Abendessen. Ohrfeige. Tränen. Sohn kommt nächstes Mal pünktlich. Vorgang erledigt. Er war ein Mann, der für alles seine Regeln hatte. Bis …

Wie lang muss das Affentheater hier noch weitergehen, bis ich endlich mein Rezept …?

Weil ich keine Lust habe. Keine Lust, verstehen Sie? Sie wollen mich in etwas reintricksen. Wollen mich zu Ihrem Patienten machen. Wahrscheinlich brauchen Sie den Umsatz.

Nein. Ende der Durchsage.

Was soll das heißen: »Dann machen wir heute ein bisschen früher Schluss«? Ich habe nicht die Absicht, ein zweites Mal …

Na endlich.

Schreiben Sie eine große Packung auf.

Was soll ich mit einer Streichholzschachtel? Sie als Andenken aufbewahren?

Was ist da drin?

Drei Stück? Was soll ich mit …?

Bis Donnerstag? Ich habe nicht die geringste Absicht, am Donnerstag noch einmal hier zu sein. Stecken Sie sich die Pillen doch …

Nein, geben Sie her!

Erpresser.

2

Schauen Sie mich nicht so triumphierend an. Ich bin nur gekommen, weil … Um Ihnen zu zeigen, wie schlecht es mir geht.

Drei Pillen für drei Tage. Wissen Sie, was das ist? Folter ist das. Schauen Sie, wie meine Hände zittern. Fassen Sie meinen Hemdkragen an. Kalter Schweiß.

Entzugserscheinungen? Wenn einer am Verdursten ist und nach Wasser schreit – machen Sie dann auch Ihr Therapeutengesicht und sagen: »Entzugserscheinungen«? Oder geben Sie ihm was zu trinken?

Wissen Sie, was ich letzte Nacht gemacht habe? Ich bin um zwei Uhr früh in diese Bar gegangen. Wo sonst nur die Besoffenen rumhängen. All diese weinerlichen Verlierertypen.

Nicht um zu trinken. Das habe ich ausprobiert. Macht die Träume nur schlimmer. Ich bin hingegangen, weil dort einmal auf dem Klo dieser Zettel gehangen hat. Mit einer Telefonnummer. »Jedes gewünschte Mittel wird diskret besorgt.« Aber der Zettel war nicht mehr da.

Natürlich sind Drogenhändler Kriminelle. Fast so schlimm wie Psychiater, die einem kein Rezept …

Sie haben recht. Es bringt nichts, wenn ich Sie beschimpfe. Sie haben die Macht.

Es ist mir egal, wie Sie es nennen. »Ich mache das aus reiner Fürsorge«, sagte der Mann, bevor er dem andern den Knüppel über den Schädel haute. Aber solang ich hinterher meine Pillen …

Soll ich mich wieder hinlegen? Oder wollen Sie mich diesmal im Kopfstand? Damit die Erinnerungen besser in die Gehirnzellen rutschen?

Bequemer ist Ihre Couch auch nicht geworden.

Bevor wir anfangen, muss etwas klar sein: Ich glaube nicht an das, was Sie hier betreiben.

Warum sollte ich? Ich glaube auch nicht daran, dass auf dem Mars kleine grüne Männchen wohnen. Zünde vor dem Altar des heiligen Freud keine Räucherstäbchen an. Der Typ hat seinen Beruf verfehlt. Er wäre ein sehr brauchbarer Drehbuchautor geworden. Ödipus, gespielt von Marlon Brando – der Oscar wäre ihm sicher gewesen.

Ja, ich habe mich mit ihm befasst. Ich hatte mal die Idee, sein Leben zu verfilmen. Damals wollte niemand etwas davon wissen, und jetzt hat mir die Universal das Thema … Ich will nicht sagen: geklaut. Aber trotzdem.

Bloß, dass sie dort mit dem Projekt nicht vorankommen. Montgomery Clif‌t soll den Freud spielen, aber sie haben immer noch kein brauchbares Drehbuch. Wissen Sie, bei wem sie die erste Fassung bestellt hatten? Jean-Paul Sartre. Ehrlich wahr.

Der französische Philosoph, ja. Der Existenzialist. Auf so eine Idee kann auch nur ein Verrückter kommen. Oder ein Studioboss. Kein großer Unterschied. Natürlich hat der Sartre nichts Brauchbares geliefert. Der Mann ist doch kein Profi.

Was wollte ich …?

Warum mich Freud nicht überzeugt? Er ist ein Märchenerzähler. Erreicht mit seinen Geschichten, was ein gut konstruierter Film erreichen muss: Er gibt den Leuten das Gefühl, sie hätten etwas verstanden. Das Leben sei erklärbar und nicht alles Zufall. Es ist aber Zufall.

Jemand geht aus dem Haus, und ein Ziegelstein fällt ihm auf den Kopf. Bums, er ist tot. Er hätte sich vor dem Weggehen nur drei Sekunden lang schnäuzen müssen, dann hätte ihn der Stein nicht getroffen. Zufall. Wenn er sich eine Minute länger rasiert hätte, wäre er vielleicht von einem Auto überfahren worden.

Oder dass ich hier auf dieser Couch liege, in diesem leicht angestaubten Praxisraum … Dr. Goldsteen hätte mich auch zu jemand anderem schicken können. Woher kennen Sie beide sich überhaupt? Waren Sie schon miteinander im Kindergarten oder …?

Tennisclub. Sehen Sie. Wenn Sie nicht Tennis spielen würden, sondern Golf, hätte er Sie nie kennengelernt und ich wäre bei einem anderen Psychiater gelandet. Der dann vielleicht nicht so kompliziert gewesen wäre wie Sie, sondern einfach gesagt hätte: »Ein Rezept? Kein Problem. Ich schreibe Ihnen gleich eines für die nächsten paar Monate.« Nun spielen Sie aber zufällig Tennis. Und nur darum …

Das mit dem Ziegelstein auf den Kopf, fällt mir auf, ist die Ausgangssituation von Ben Hur. Ein Zufall, als Schicksal verkleidet. Der Ziegelstein trifft den Statthalter, deshalb wird Ben Hur verhaftet, deshalb kommt er auf die Galeere, deshalb geht er damit unter, deshalb kann er einem reichen Mann das Leben retten, deshalb wird er adoptiert … Und so weiter und so weiter. In Romanen hat alles einen Zusammenhang. Darum lesen die Leute diese Sachen so gern.

Dabei … Ordentliche Schicksale haben Menschen nur in Büchern. Oder im Film. In der Wirklichkeit haben sie bestenfalls Episoden. Torkeln von Zufall zu Zufall und wollen sich das nicht eingestehen. Deshalb sind sie bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass ihnen jemand ihre Erlebnisse ordentlich zu einem Strauß bindet. Als Filmemacher oder als Psychiater.

So riesig ist der Unterschied nicht. Wobei Ihr Seelenbohrer es euch leichtmacht. An einem Drehbuch wird zwanzigmal herumgefeilt, bevor es in Produktion geht. Ihr lasst eure Kunden einfach so lang labern, bis sie sich eingeredet haben, sie hätten etwas herausgefunden. Bis sie denken: Die Scheiße, in der ich stecke, ist mir nur passiert, weil ich so und so bin, und wenn ich es schaffe, mich zu ändern, passiert es nie mehr. Totaler Unsinn. Das Leben ist ein Würfelspiel, und wenn wir die Sechs vom Würfel kratzen, kommt sie deswegen nicht weniger oft.

Die Sechs vom Würfel kratzen … Zuerst kriegt man Arthritis und dann philosophische Anfälle.

Passen Sie auf. Ich werde Ihnen das mit dem Zufall beweisen. Sie wollen doch, dass ich Ihnen von mir erzähle.

Die einzige rundum erfreuliche Episode in meinem Leben verdanke ich der Tatsache, dass ein junger Mann, den ich im Übrigen nie kennengelernt habe, seine Verlobte, von der ich auch nichts weiß, schon vor der Hochzeit geschwängert hat. So was soll vorkommen. 1931 war das. Damals wäre es noch peinlich gewesen, mit allzu dickem Bauch auf dem Standesamt zu erscheinen. Also wurde die Hochzeit vorverschoben. Und das neue Datum war zufällig einer der kältesten Tage im Januar. Zehn Grad mehr auf dem Thermometer, und alles wäre anders gekommen. Wäre auch kein schlechter Titel für einen Film: It could have been dif‌ferent.

Wie gesagt: 1931. Ich lebte damals in Berlin, und dort hatte niemand Arbeit. Weltwirtschaftskrise. Deshalb sind dann ja auch die Nazis … Wenn nicht die ganze Weltgeschichte auch nur Zufall ist. So oder so: Den Menschen ging es schlecht, und darum liefen meine Geschäfte gut. Wenn die Leute Sorgen haben, geben sie ihr letztes Geld gern für zwei Stunden Vergessen aus. Die Kinos waren voll und meine Kasse damit auch. Was ich allein damit verdient habe, dass ich den Blauen Engel nach Amerika … Ich habe von Anfang an gerochen, dass der Film ein Hit wird. Obwohl ich dabei nur an den Jannings gedacht habe mit seinem Oscar und überhaupt nicht an Marlene. Man muss auch mal Glück haben. Ich habe die Leute von der UFA davon überzeugt, dass sie parallel zum Original eine englische Fassung drehen sollten, und so konnte ich …

Aber das ist eine andere Geschichte.

Nicht weit weg von meinem Büro gab es ein kleines Schneideratelier. Ein Franzose, Monsieur Soundso. Keine Ahnung, was ihn nach Deutschland verschlagen hatte. Wird auch wieder so ein Zufall gewesen sein. Egal. Von dem habe ich mir immer mal wieder einen Anzug bauen lassen. Sie können sich nicht vorstellen, wie dankbar er für die Auf‌träge war. Die meisten Leute konnten sich damals nicht einmal mehr etwas von der Stange leisten.

In meinem Business muss man repräsentieren. Außer wenn man ganz oben angekommen ist. Dann kann man rumlaufen wie ein Landstreicher, und die Leute sagen: »Er ist eben ein künstlerischer Typ.«

Eines Tages habe ich festgestellt, dass sich an der Innentasche meines Jacketts eine Naht gelöst hatte. Ein ganz neues Jackett. Der Schneider hatte gepfuscht. Vielleicht hatte er an dem Tag Kopfschmerzen. Oder ein Glas zu viel getrunken. Irgendetwas. Zufall. Auf jeden Fall war innen in meinem Jackett ein Loch, und ich habe beschlossen, auf dem Weg nach Hause schnell bei Monsieur Soundso vorbeizugehen, damit er das in Ordnung bringt. Aber sein Atelier, das sonst immer geöffnet hatte, war geschlossen. »Wegen eines familiären Anlasses.« Sein Sohn hat an diesem Tag geheiratet. Eben weil die Braut es plötzlich eilig hatte.

Am nächsten Tag war der Schneider dann wieder da, hat sich ausgiebig entschuldigt und die Reparatur schnell erledigt. Aber während er seinen Sohn verheiratete, war mir ein Füllfederhalter aus der Tasche gerutscht. Der war zwar nicht besonders wertvoll – die Dinger haben sie bei MGM im Dutzend bestellt –, aber ich hatte ihn von Sam Goldwyn bekommen, und das war in Hollywood so etwas wie ein Orden. Ich bin also zum Fundbüro gegangen, obwohl ich mir keine großen Hoffnungen gemacht habe.

Damit Sie sich die Situation richtig vorstellen: Januar, Schneetreiben, der Wind eiskalt. Im Gegensatz dazu war das Fundbüro total überheizt; da stand so ein Bullerofen, in dem müssen sie einen ganzen Wald verbrannt haben. Oder Berge von alten Akten. Es roch, wie es nur in Verwaltungen riecht, ich glaube, die haben einen eigenen Spray für den offiziellen Gestank. Hinter dem Schalter einer von diesen kleinen Angestellten, die sich wichtigmachen müssen, weil sie so unwichtig sind. Nicht viel anders als mein Vater. Ein Schnurrbart mit daran befestigtem Mann.

Vor dem Schalter wartete schon eine junge Frau, und sehen Sie: Da war schon wieder der Zufall im Spiel. Wenn ich zehn Minuten früher gekommen wäre oder zehn Minuten später – ich hätte sie nie kennengelernt. Hätte nicht einmal gewusst, dass es da jemanden zum Kennenlernen gegeben hätte.

Sie wäre vor mir an der Reihe gewesen, aber sie meinte, sie lasse mir gern den Vortritt. Den Grund dafür hat sie mir erst später verraten.

Ich frage also nach meinem Füller, und der Schnurrbart schnauzt mich an, was mir eigentlich einfalle, eine städtische Dienststelle mit solchem Kleinkram zu belästigen. Jedem vernünftigen Menschen müsse klar sein, dass sich niemand wegen solcher Groschenware die Mühe mache, sie beim Fundbüro abzugeben. Ich solle ihm nicht die Zeit stehlen und mir einen neuen kaufen, ich sehe nicht aus, als ob mich so eine Anschaffung ruinieren würde. Hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, in seinen Schubladen nachzusehen. Ich habe versucht, ihm zu erklären, warum gerade dieser Füller für mich eine besondere Bedeutung habe, aber von Sam Goldwyn hatte er noch nie etwas gehört, und Hollywood hielt er für eine Stadt in der Uckermark.

Die junge Frau hatte das alles mit angehört und mischte sich ein. Sie wisse eine Lösung für mein Problem, sagte sie. Ich solle doch einfach einen anderen Füller nehmen und den Leuten erzählen, das sei der von Sam Goldwyn, es würde es ja niemand besser wissen, »und irgendwann«, sagte sie, »glauben Sie es dann selbst«. Der Spruch hat mir so gefallen, dass ich sie zu einem Kaffee eingeladen habe.

Und weil sie hübsch war.

So fing es an.

Sie hat meine Einladung angenommen, und ich habe im Fundbüro auf sie gewartet. Wissen Sie, was sie verloren hatte? Eine Kuckucksuhr! Was ja nun wirklich keine Sache ist, die man aus Versehen irgendwo liegenlässt. Der Schnurrbart war sich sicher, dass so eine Uhr nicht abgegeben worden sei, aber sie hat ihn gebeten, doch bitte noch einmal nachzusehen. Und noch einmal und noch einmal. Sie hat er nicht angefaucht wie mich, dafür hat sie ihn viel zu freundlich angelächelt. Hat ihre Uhr ganz genau beschrieben, das geschnitzte Häuschen und die eisernen Tannzapfen als Gewichte. Sogar den Kuckucksruf hat sie nachgeahmt. Aber es hat sich keine Kuckucksuhr gefunden.

Schließlich musste sie aufgeben, und wir sind zusammen hinausgegangen und haben uns in eine Konditorei gesetzt. Dort hat sie ganz ohne jede Schüchternheit gesagt: »Dass Sie mich zum Kaffee eingeladen haben, ist nett. Kaffee und Kuchen wäre noch netter.« Ich habe Schwarzwälder bestellt. Das war früher mal meine Lieblingstorte, aber Dr. Goldsteen hat mir streng verboten … Wenn es nach ihm ginge, müsste ich mich von Haferbrei ernähren.

Carla. War Stenotypistin in einer Kleiderfirma, oder besser gesagt: war Stenotypistin gewesen. In der allgemeinen Krise hatte sie den Job verloren und keinen anderen mehr gefunden. Eine Anstellung war damals wie ein Lottogewinn. Vor allem für eine Frau. »Ich kann mich ja nicht gut auf die Straße stellen«, sagte sie, »mit einem Schild, auf dem steht: Nehme jede Stellung an. Ich kann mir vorstellen, was für Stellungen mir die Männer dann anbieten würden.«

Sie war hübsch, sie war jung, und sie war wunderbar zynisch. Eine unwiderstehliche Mischung.

Ich habe sie gefragt, wie sie es geschafft habe, eine Kuckucksuhr zu verlieren, und sie hat mich ausgelacht. »Ich habe nie eine Kuckucksuhr besessen«, sagte sie. »Erstens finde ich die Dinger hässlich, und zweitens – wenn ich eine hätte, würde ich sie versetzen.« Wissen Sie, warum Sie auf dem Fundbüro danach gefragt hat? Weil dort gut geheizt war. Das war der einzige Grund. In ihrem gemieteten Zimmer war es eiskalt, und den Gasofen hätte man mit Münzen füttern müssen, die sie nicht hatte. Darum hatte sie mir den Vortritt gelassen. Damit sie sich ein paar Minuten länger aufwärmen konnte. »Irgendwie muss man sich durchschlagen«, sagte sie. Ohne auch nur eine Sekunde lang zu jammern.

Ihre Torte war noch nicht aufgegessen, da habe ich ihr schon einen Job angeboten. Ich hatte damals gerade vor, in ein repräsentativeres Büro umzuziehen, eines mit Vorzimmer. In dem würde sie bestimmt eine gute Figur machen, fand ich. In jedem Sinn des Wortes. Und ich würde die Gelegenheit haben, sie … sagen wir: sie näher kennenzulernen. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich habe mich nicht in Carla verliebt, auch später nicht, als wir ein Paar waren. Das war ja das Wunderbare an ihr, dass sie keine Gefühle von einem verlangte. Ich war für sie auch nichts anderes als ein gut geheizter Badeofen, und sie hat sich gern an mir gewärmt. Mehr war von ihrer Seite nicht, und mehr habe ich nicht von ihr verlangt. Eine sehr angenehme Episode.

Und dass das alles so gekommen ist, war Zufall, Zufall und noch einmal Zufall. Wenn der Monsieur Soundso bei seiner Naht nicht gepfuscht hätte, weil er mit den Gedanken bei der Hochzeit seines Sohnes war, oder wenn dieser Sohn ein Kondom benutzt hätte oder wenn mein Füller in einem anderen Jackett gesteckt hätte oder wenn an jenem Tag im Januar die Sonne geschienen hätte oder … Tausendmal wenn. Ohne irgendeinen Zusammenhang. Und darum glaube ich nicht, dass irgendetwas im Leben einen tieferen Sinn hat. Gar nichts. Und darum ist es auch zwecklos, in einer Gesprächstherapie danach zu suchen.

Warum ich trotzdem …? Wenn ich jetzt aufstehen und gehen würde, müsste ich mir nur jemand anderen suchen, der mir meine Pillen verschreibt. Hier weiß ich wenigstens: Nach fünfundvierzig Minuten bekomme ich, was ich brauche.

Mein Gott, ich bin achtzig. In dem Alter ist es nur natürlich, dass man ein paar blaue Flecken an der Seele hat. Oder Eiterbeulen, wie Sie das so geschmackvoll nennen.

Wenn Sie es unbedingt noch einmal hören wollen, bitte. Ich leide unter Albträumen. Schrecklichen Albträumen. Ich weiß sogar, wo sie herkommen. Ich will nicht darüber reden, aber ich weiß es. Dazu muss mir niemand in der Seele herumbohren. Ich könnte Ihnen auf den Tag genau beziffern, wann sie angefangen haben. Das Rätsel – und das werden Sie mir auch nicht auf‌lösen können – ist ein anderes. Warum leide ich darunter, und ein anderer Mann, der genau dasselbe erlebt hat, schläft jede Nacht wie ein satter Säugling?

Schlief wie ein satter Säugling. Er lebt nicht mehr. Ich war bei seiner Beerdigung. Er ist friedlich gestorben, hat mir seine Tochter gesagt. Eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Man könnte neidisch werden. Ich werde ewig leben müssen, weil ich solche Angst vor dem Einschlafen habe.

Nein, ich werde Ihnen diese Träume nicht schildern. Alles andere von mir aus. Aber diese Bilder … Ich bin für jede Minute dankbar, in der ich nicht an sie denken muss. Wenn Dr. Goldsteen nicht auf den Gedanken gekommen wäre, mir meine Pillen abzugewöhnen …

Das nächste Mal?

Wenn es sein muss.

3

Okay, hier bin ich.

Man tut, was man tun muss. Die Geisel meldet sich pünktlich zum Verhör.

Sie sollten sich mit einem Osteopathen zusammentun. Von Ihrer Couch kriegt man Rückenschmerzen.

Im Ernst: Wenn Sie mal furchtbar viel Geld verdienen, sollten Sie sich ein Kissen leisten.

Im Schrank? Wer bewahrt ein Kissen im Schrank auf?

Nicht wirklich bequem, aber bequemer. Man wird bescheiden.

Worüber soll ich …?

Was immer mir einfällt? Wie Sie wollen. Reden wir also über die Debatte bei dieser Ausstellung in Moskau. Wo die beiden Clowns aufeinander losgegangen sind. Chruschtschow und Nixon. Eine miserable Inszenierung. Den Kostümbildner, der für Chruschtschow diese Krawatte ausgesucht hat, müsste man fristlos entlassen. Und dieser lächerliche Hut. Wenn ich der Produzent gewesen wäre …

Sie haben gesagt, es ist egal, worüber ich rede.

Dann machen Sie nicht ein Gesicht wie ein hungriges Meerschweinchen, sondern stellen Sie Fragen.

Mein Vater. Mein Vater. Was haben Sie immer mit …? Ich bin achtzig Jahre alt. Mein Vater ist tot, seit ich fünf war. Was habe ich heute davon, wenn ich …? Soll ich ein Jubiläum feiern? Fünfundsiebzig Jahre Waisenkind?

Er ist gestorben. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Können wir jetzt bitte von etwas anderem …?

Meine Mutter hat für andere Leute Wäsche gewaschen. Was meinem Vater nicht gepasst hat. So etwas war unwürdig für eine Frau, deren Mann bei der Königlich Sächsischen Staatseisenbahn arbeitete. Waschfrauen waren Proletarier. Ich weiß nicht, als was er sich selbst gesehen hat. Als etwas Besseres auf jeden Fall. Er hat es ihr aber auch nicht ausdrücklich verboten. Erstens wurde das Geld gebraucht, und zweitens … Sie hätte trotzdem nicht aufgehört. Den harten Schädel habe ich von meiner Mutter. Sonst nicht viel, aber den schon. Sie hat ihm nicht widersprochen, das war nicht ihre Art. Hat einfach weitergemacht. Mein Vater hat das Problem dann so gelöst, wie er alle Probleme gelöst hat: Er hat es ignoriert. Wenn auch unter der Woche mal ein Stück Fleisch in der Suppe schwamm, hat er nicht gefragt, wie das mit dem Haushaltsgeld aufging. Hat die Hand vor die Oberlippe … Das war seine Macke. Damit beim Suppe-Essen der Schnurrbart nicht nass wurde. Hat mit der Hand so gemacht und dann den Löffel ganz vorsichtig … Der Schnurrbart hat ihm die Uniform ersetzt, die man ihm nicht bewilligt hatte. Stil Kaiser Wilhelm.

Der andere Wilhelm. Nicht der Trottel, der den Ersten Weltkrieg angefangen hat. Sein Vorgänger. Vorvorgänger. Wilhelm I. Der mit dem Backenbart. Mein Vater hat den Kaiser bewundert, das war für ihn der Ober-Ober-Ober-Eisenbahner. Darum hat er sich dieselbe Barttracht … Und immer die Hand vor den Mund, wenn er Suppe …

Seltsam. Daran habe ich ewig nicht mehr gedacht.

Ich weiß. Wenn mir jetzt auch noch einfällt, mit welcher Hand sich mein Vater den Hintern abgewischt hat, schlafe ich ab sofort wie ein Säugling.

Er ist gestorben, ja.

Was soll ich sonst dazu sagen?

Wenn Sie unbedingt wollen.

Wissen Sie, wie Balljagd geht? Oder haben Sie so was nie gespielt? Sind schon erwachsen zur Welt gekommen, mit Brille und Glatze? Einer hat den Ball und versucht, einen anderen damit zu treffen. Wer getroffen wird, ist dran und muss seinerseits …

Es gehört dazu. Es gehört alles dazu.

Die andern waren größer als ich. Es kann nicht wirklich so gewesen sein, aber in meiner Erinnerung sind es lauter Riesen. Muskelprotze. Ich wollte mitspielen, aber gleichzeitig hatte ich Angst. Es kann verdammt wehtun, wenn einen so ein Ball … Manche haben es absichtlich getan. Es gibt immer Leute, die es absichtlich tun. Hinterher sagen sie: »So sind halt die Spielregeln.« Einer hat mich mit dem Ball ins Gesicht getroffen. Mit voller Wucht. Ich hätte am liebsten geweint, aber dann hätten sie mich ausgelacht. Weinen war die größte Schande. Dabei: Wenn man im Leben mehr weinen könnte, würde es einem besser gehen.

Denke ich.

Der Ball im Gesicht hat mich so wütend gemacht, dass ich … Manchmal hat man mehr Kraft, als man eigentlich hat. Wir haben im Innenhof gespielt, das war unser Revier. Ringsherum die Mietskasernen. Von der Straße her gab es keinen direkten Zugang zum Hof. Man musste immer durch ein Haus. Durch die Kellertür raus und ein paar Stufen hoch. In den Kellern roch es nach Kartoffeln. Manchmal auch nach Äpfeln, aber meistens nach Kartoffeln. Es war dunkel dort unten, Beleuchtung gab es keine. Nur die Kellertür hatte oben ein kleines Fenster. Und das habe ich … Ich wollte den Jungen treffen, der mir den Ball ins Gesicht … Aber er hat sich geduckt, und der Ball … Eine Fensterscheibe zerbrechen, das war wie … wie … Unsere Familien hatten alle kein Geld, und die Scheibe musste bezahlt werden. Einem Jungen, dem das passiert ist … Elmar hieß er. Wir haben ihn Ellie genannt. Was er gehasst hat, weil das wie ein Mädchenname klang. Hellblonde Haare. Fast weiß.

Was wollte ich …?

Genau. Dieser Ellie hat auch einmal eine Scheibe zerbrochen. Wollte, dass sein Freund ans Fenster kommt, und hat einen Kieselstein … Sein Vater hat ihn mit dem Hosengürtel verprügelt. Mit dem Teil, wo die Schnalle dran ist. Der Ellie konnte wochenlang nicht richtig sitzen.

Doch, es gehört dazu. Weil das der Tag war, an dem …

Es hatte kein Erwachsener gesehen, was ich … Wegen ein paar Kindern, die im Hinterhof Balljagd spielen, stellt man sich nicht ans Fenster. Ich habe die andern angefleht, dass sie mich nicht verraten sollten, und sie haben es auch versprochen. Aber das hat mich nicht wirklich beruhigt. »Keine Schuld ohne Strafe«, hat mein Vater immer gepredigt. Mich erwarteten schlimme Dinge, davon war ich überzeugt. Die anderen haben weitergespielt, aber ich … bin in unsere Wohnung zurückgegangen und habe darauf gewartet, dass meine Eltern …

Kennen Sie Curt Goetz?

Ein deutscher Schauspieler, der seine eigenen Stücke schreibt. Der hat vor ein paar Jahren einen Film mit sich selbst in der Hauptrolle gedreht, in dem hatte ein Kind zu sagen: »Ich sehe ein, dass ich Strafe verdient habe, und bitte um eine gehörige solche.« War immer ein großer Lacher. In Amerika ist der Film nicht gelaufen. Das hätte ich den Leuten im Voraus sagen können. Viel zu deutsch.

»Ich bitte um eine gehörige solche.« Ich wusste, dass ich meine Strafe bekommen würde und … Man kann sich vor einer Sache fürchten und gleichzeitig ungeduldig darauf warten. Damit man es hinter sich hat. Aber deshalb habe ich Ihnen die Geschichte nicht erzählt. Sondern weil das der Tag war, an dem mein Vater …

Ich war damals fünf Jahre alt. War gerade erst fünf geworden. Wir spielten draußen, also muss es Sommer gewesen sein, und ich bin im Mai …

Am Morgen ist mein Vater mit seiner Aktenmappe losgegangen, und am Abend …

Wenn den Autoren zu einer Figur nichts mehr einfällt, schreiben sie einen Unfall ins Drehbuch.

Es war aber kein Unfall. Oder eigentlich doch. Das ganze Leben ist ein Unfall.

Kommt es darauf an, fünfundsiebzig Jahre später?

Wenn Sie unbedingt wollen.

Im entscheidenden Moment war mein Vater dann doch kein Eisenbahner. Sonst hätte er sich vor einen Zug gestellt. Gelegt. Geworfen. Hätte vielleicht bis Dienstschluss gewartet und dann … Die Fahrpläne kannte er auswendig. Für ihn wäre die Bahn ganz bestimmt auf die Minute … Pünktlichkeit ist die Höf‌lichkeit der Könige. Das hat er immer gesagt, wenn ich nicht rechtzeitig mit gewaschenen Händen am Esstisch saß. Die Höf‌lichkeit der Könige. Erst die Ermahnung, dann die Ohrfeige, dann: »Guten Appetit.« Ja.

Er hat sich aufgehängt. Wollte selbst bestimmen, wie sein Film zu Ende geht. Hat sich diesen beschissenen Schlusseffekt einfallen lassen. Er war ein Egoist. Hat nicht daran gedacht, dass er auch noch einen Sohn …

Auf dem Dachboden, dort, wo man die Wäsche … Der Architekt, der unsere Siedlung geplant hat, muss ein Idiot gewesen sein. Die Waschküche im Keller und die Wäscheleinen unterm Dach. Für regnerische Tage. Wenn die Sonne schien, konnte man theoretisch im Innenhof … Aber dort wurde geklaut. Von der Leine weg. Darum haben die Frauen ihre Wäsche lieber vier Treppen hoch … Manchmal haben sie eine Wasserspur auf den Stufen hinterlassen. Wir haben dann gesagt: »Hier hat ein Hund hingepinkelt.« Als Kind findet man so etwas komisch. Alles, was mit Körperfunktionen zu tun hat. Nicht nur als Kind. Man müsste einen Film drehen, in dem in jeder Szene … Aber das Hays Of‌f‌ice würde das nicht erlauben.

Es müsste ein Hays Of‌f‌ice fürs tägliche Leben geben. Das gewisse Szenen einfach verbietet. Aus Gründen der öffentlichen Moral. Damit sie sich niemand ansehen muss. Wenn es so etwas gäbe – das ganze »Dritte Reich« hätte nicht stattgefunden.

Nein, ich habe ihn nicht hängen sehen. Können wir jetzt bitte von etwas anderem …?

Ja, ja, ja, ich weiß. Die Eiterbeule aufstechen. Das ist aber höchstens eine Nebenbeule. Tut schon lang nicht mehr weh. Nicht nach fünfundsiebzig Jahren.

Ich war allein in der Wohnung und habe auf meine Strafe gewartet. In einem Film würde ich eine Standuhr hinstellen und das Pendel schwingen lassen. Tick. Tock. Tick. Tock. Wir hatten keine Standuhr.

Allein und dann nicht mehr allein. Eine Nachbarin hat an die Tür geklopft, und als ich aufgemacht habe … Eine nach der anderen. Lauter Frauen. Ich habe gedacht, sie sind gekommen, weil ich diese Scheibe … eine Art von citizen’s arrest: den Übeltäter festhalten, bis die Polizei eintrifft. Aber sie waren nett zu mir. Viel zu nett. Wenn Menschen grundlos nett zu dir sind, ist immer etwas Schlimmes passiert. Eine Frau hat mir ein Bonbon geschenkt, das hatte sie schon ewig in der Tasche herumgetragen. Da waren Fusseln dran. Aber es war ein Bonbon, die gab es nicht alle Tage. Zitronengeschmack, erinnere ich mich. Meine ich mich zu erinnern. Seltsam, was einem bleibt und was nicht. Sie waren nicht wegen der eingeschlagenen Scheibe gekommen, sondern …

Hetzen Sie mich nicht.

Ich hatte mir vorgenommen, ein Geständnis abzulegen. »Ich sehe ein, dass ich Strafe verdient habe, und bitte um eine gehörige solche.« Aber es wollte niemand etwas von einer kaputten Fensterscheibe hören. Es musste etwas anderes passiert sein, und ich wusste nicht, was. Wusste ganz lang nicht, was.

Nein, nicht mein Vater. Habe ich das nicht gesagt? Meine Mutter war gestorben. Ganz plötzlich. Vor einem fremden Waschzuber umgekippt. »Sie hat nicht gelitten«, haben die Leute später gesagt. Als ob man dann weniger tot wäre. Umgekippt und weg. Darum waren all diese fremden Leute in unsere Wohnung gekommen. Haben auf meinen Vater gewartet. Wollten seine Reaktion miterleben. Kino gab es damals noch nicht.

Sie haben mich alle angesehen. Haben mir den Kopf getätschelt. Und ich wusste nicht, warum.

Wissen Sie, was mein erster Gedanke war, als ich es dann erfahren habe? »Wer kocht jetzt das Abendessen?«, habe ich gedacht. Weil nämlich Freitag war, und Freitag war der kulinarische Höhepunkt der Woche. Wir waren jüdisch, aber nicht sehr. Dass man am Freitagabend etwas besonders Gutes isst, das war so ziemlich das Einzige, was von der Religion bei uns übrig geblieben war. »Wer kocht jetzt das Abendessen?« Das war mein Gedanke, als …

Eine Frau hat es mir gesagt. Eine Nachbarin. Hat ihre Arme um mich gelegt. Ich habe das nicht gemocht. Sie roch nach Schweiß.

Sie hat gesagt …

Nein, das war später. Nachher. Zuerst nur: »Komm mit zu mir, mein armer Junge. Ich koche dir einen Kakao.« Kakao war etwas Besonderes. Sogar Kekse gab es dazu. Hart und trocken. Lagen wahrscheinlich schon ewig in dieser Blechdose. Aber Kekse. Sie hat gewartet, bis ich die Tasse leer getrunken hatte, und dann hat sie gesagt …

Auf dem Küchentisch ein kariertes Wachstuch. Die leere Tasse. Die Dose mit den Keksen. Und da lagen ganz viele Blüten. Die Frau war eine von denen, die in Heimarbeit Kunstblumen hergestellt haben. Der ganze Küchentisch voller Blüten. Wie für eine Beerdigung. Das denke ich heute. Damals wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen. Wie für eine Beerdigung. Dabei gibt es auf jüdischen Friedhöfen gar keine Kränze. Nicht auf den traditionellen. Künstliche Blumen kann ich bis heute nicht ausstehen.

Kerkenrath. Jetzt fällt es mir wieder ein. Die Frau hieß Kerkenrath. Wohnte zwei Treppen unter uns. Hat gewartet, bis meine Tasse leer war, und dann … Zuerst habe ich nicht verstanden, was sie meinte. Ich habe es bis heute nicht verstanden.

»Deine Mutter schläft«, hat sie gesagt. Und ich habe gedacht: »Das geht Sie überhaupt nichts an. Meine Mutter kann schlafen, so viel sie will.« Manchmal kommen die Gefühle mit Verspätung im Kopf an.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Kinder, die in einem Film weinen, fast immer dreckige Gesichter haben?

Weil man die Tränenspur dann besser sieht.

Ich habe angefangen zu weinen, und sie hat mir noch mal einen Keks gegeben. Gutes Hundchen, brav Männchen gemacht.

Das war alles nur der Anfang. In einem Drehbuch würde man es besser verteilen. Zu viel Handlung für eine Szene. Zuerst die Fensterscheibe, dann meine Mutter und dann …

Das habe ich Ihnen doch gesagt. Auf dem Dachboden.

Ich erzähle es Ihnen ja.

Er ist nach Hause gekommen, da haben all die Nachbarinnen auf ihn gewartet und haben es ihm gesagt. Haben darauf gewartet, dass er zusammenbricht. Publikum halt. »Der kleine Kurt ist bei Frau Kerkenrath«, werden sie gesagt haben, und als er hinausging, haben sie gedacht: Er geht seinen Sohn holen. Er ist aber die Treppe nicht hinuntergegangen, sondern hinauf. Muss sich in dem Moment entschieden haben.

Ist hinaufgegangen, und …

Später haben die Leute gesagt: »Er muss sie sehr geliebt haben.« Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals zärtlich zu ihr gewesen wäre. Dass er sie geküsst hätte oder … Es war wohl einfach die Ordnung seiner Welt gestört, und das hat er nicht ertragen.

Geht hin und hängt sich auf. Baumelte da zwischen der fremden Unterwäsche, mit heruntergerutschten Hosen. Weil er sich doch an seinem Gürtel …

Das ist die dümmste Frage, die mir jemals jemand gestellt hat. Meine Mutter war gestorben, und mein Vater hatte sich aufgehängt. Gejubelt habe ich natürlich. Purzelbäume geschlagen. So eine idiotische Frage.

Nein. Ich will mich nicht erinnern.

Es müsste jemand eine Methode erfinden, mit der man das Vergessen erlernen kann.

Da gibt es nichts mehr zu erzählen. Ich will nicht mehr.

Wissen Sie, was Sie sind? Ein Erinnerungsvampir. Saugen den Menschen nicht das Blut aus dem Leib, sondern die Erlebnisse.

Nein.

Nehmen Sie Ihren Füller und schreiben Sie mir mein Rezept. Ich habe diese Dose dafür mitgebracht. Eine anständige Pille gehört nicht in eine Streichholzschachtel.

Vier Stück? Wie großzügig. Beim letzten Mal waren es nur drei.

Weil das Wochenende dazwischenliegt? Das ist der schlechteste Witz, den ich in meinem ganzen Leben …

Habt ihr Seelenbohrer eigentlich eine Gewerkschaft?

Damit ich mich über Sie beschweren kann.

4

Tatsächlich. Er kommt ja doch noch.

Wenn man einen Patienten auf neun Uhr bestellt, Herr Doktor Cowan, dann ist man um neun Uhr auch da. Wenn man sich schon keine Empfangsdame leisten kann.

In Ihrem Treppenhaus kann man sich nicht einmal gegen die Wand lehnen. Schauen Sie sich mein Jackett an. Total versaut.

Wissen Sie, was mein Vater immer gesagt hat? »Pünktlichkeit«, hat er gesagt …

Ich staune. Sie hören ja doch zu. Merken sich die Sachen sogar. Und ich hätte geschworen, während ich labere, lösen Sie Kreuzworträtsel.

Drei Türschlösser. Als ob es in dieser Praxis etwas zu stehlen gäbe. Ihre Couch vielleicht, dieses antike Stück. Auf der hat bestimmt schon Wilhelm der Eroberer …

Wie kommen Sie darauf, dass es mir besser geht?

Ich bin immer so. Wenn mir etwas nicht passt, sage ich es. Dafür brauche ich keine teure Therapie. Wer seinen Ärger runterschluckt, kriegt einen Kropf.

Können wir anfangen?

Ich dachte mir schon, dass Sie das fragen würden. Ich hatte mir auch eine wunderschöne Szene ausgedacht. Wo ich auf dem Friedhof am Doppelgrab meiner Eltern zusammenbreche. Schluchzende Kinder kommen immer gut an. Nur war ich auf dem Friedhof gar nicht dabei. Es war vielleicht gar nicht so falsch, dass man mich nicht … Solang ich das Grab nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte ich mir einreden … In den ersten Wochen habe ich immer wieder gedacht: Es ist alles ein Irrtum. Irgendwann sind sie einfach wieder da. Ich war erst fünf.

Während Onkel Meyer und Tante Ef‌f‌ie bei der Beerdigung waren, sollten meine Cousins auf mich aufpassen. Cousin und Cousine. Nissan und Selma. »Das sind jetzt deine Geschwister«, hat man zu mir gesagt. Ich habe das nie akzeptiert. Es wäre mir wie Verrat vorgekommen. Dabei war es ja eigentlich mein Vater, der …

Es bringt nichts, darüber nachzudenken.

Nissan und Selma.

Ja, Nissan. Wie der jüdische Monat. In den Religionsunterricht haben sie mich auch geschickt. In den Cheder. Heute denke ich: Eine Religion, die man erst erlernen muss, kann nicht die richtige sein. Es gibt keine richtige.

Wenn Sie meine philosophischen Weisheiten nicht hören wollen … Bleiben wir also bei Nissan. Ich habe ihn von Anfang an nicht gemocht. Auch Akne ist eine Frage des Charakters.

Selma … Sie war ein Mädchen und hat mich schon deshalb nicht interessiert. Damals. Bis sie mich dann zehn Jahre später doch interessiert hat. Sehr interessiert. Und noch einmal fünfundzwanzig Jahre später … Aber das ist eine andere Geschichte.

Nissan.

Wenn man sich seine Verwandten aussuchen könnte, wäre er in meinem Leben nicht vorgekommen. Er hatte etwas Bösartiges, schon als Kind. Ein Jungsadist in Ausbildung. Einmal hat er mich …

Egal.

Er ist dann später Richter geworden. War berühmt dafür, dass er auf den Angeklagten rumhackte, bis die ganz klein waren. »Ein scharfer Hund«, hat man gesagt. In Deutschland ist das ein Kompliment. Gut für die Karriere. Nissan hat sein Leben lang auf eine Berufung ans Reichsgericht gelauert. Hat dafür aus dem Nissan einen Niklas gemacht. Stattdessen hat man ihn 1933 aus dem Staatsdienst entlassen. Wegen beschnitten. Und später dann … Es ist eine Scheißdramaturgie, wenn alle Drehbücher im KZ enden.

Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Damals war er zehn. Oder schon elf. Auf jeden Fall sehr viel älter als ich, was er mich gnadenlos spüren ließ. Er war lächerlich stolz darauf, dass er lesen konnte und ich noch nicht. Als ob sonst noch niemand dieses Kunststück fertiggebracht hätte. Man hatte mich dazu verurteilt, mit ihm ein Zimmer zu teilen, und so saßen wir nebeneinander auf dem Bett und warteten auf seine Eltern. Irgendwann wurde es Nissan zu langweilig. Er hat ein Buch angeschleppt und mir daraus vorgelesen. Ein Bilderbuch mit lustigen Versen. Hat sich beim Vorlesen schiefgelacht. Während auf dem Friedhof die Särge meiner Eltern …

Wahrscheinlich hat er gar nicht so viel gelacht, aber in meiner Erinnerung ist er die ganze Zeit am Kichern. Erinnerungen sind nicht fair. Man hatte ihm gesagt, er solle sich um mich kümmern, und er hat sich gekümmert. Auf seine Art.

Bilderpossen hieß das Buch. Seltsam, dass ich das immer noch weiß. Von Wilhelm Busch. Den werden Sie ja kennen.

Nicht? Dann sind Sie wirklich schon lang in Amerika.

So etwas wie die Katzenjammer Kids.

In dem Buch kam auch die Geschichte von Hänsel und Gretel vor. Nicht so, wie man sie aus Grimms Märchen kennt, sondern noch grusliger. Da gibt es einen dicken Mann, der hat Messer und Gabel schon in der Hand und wartet in der Küche darauf, dass man ihm die gebratenen Kinder serviert. Ich habe das Bild angesehen und gedacht: Der hält ja das Messer links und die Gabel rechts. Bei uns zu Hause war das eine Todsünde. War das eine Todsünde gewesen. Jetzt hatten sich alle Regeln geändert, und ich sollte mich von einem Tag auf den anderen umstellen. Wie wenn man einem Baseballspieler einen Golfschläger in die Hand drückt und sagt: »Jetzt zeig mal, was du kannst.«

Bei 20th Century gab es lange Zeit ein Filmprojekt nach einer wahren Geschichte, über einen Piloten, der im Krieg über der Sahara abstürzt und dort von Beduinen aufgenommen wird. Sie machen ihn zum Familienmitglied, er lernt Arabisch und alles, und am Schluss gewinnt er das große Kamelrennen und wird Häuptling. Der Film ist nie gedreht worden, weil niemand eine Lösung dafür gefunden hat, in welcher Sprache die Dialoge sein sollten. So wie diesem Piloten ist es mir ergangen. Abgestürzt und von einem Beduinenstamm aufgenommen. Von einem koscheren Beduinenstamm.

Was wollte ich …?

Hänsel und Gretel, ja. Die Geschichte war schon an und für sich ziemlich grausam, aber Nissan hat noch einen draufgepackt. Hat mir erzählt, seine Eltern verarbeiteten in ihrer Speisewirtschaft unartige Kinder zu Hackfleisch. Fünfjährige seien bei der Kundschaft besonders beliebt, die seien schön zart. »Natürlich erst, nachdem man sie korrekt geschächtet hat«, hat er gesagt. Ich wusste damals nicht, was schächten bedeutet. Bei uns zu Hause gab es kein Schweinefleisch, aber sonst … Nissan hat es mir gern erklärt. Einprägsam. Er hat gehofft, dass ich anfange zu weinen, aber den Gefallen habe ich ihm nicht getan. Für Arschlöcher weint man nicht.

Wäre ein guter Titel für einen Film: Don’t cry for assholes. In den Studiokinos würden sie das rauf und runter spielen.

Nein, meine Albträume kommen nicht daher. Auch wenn ich die Verse heute noch aufsagen kann. Der Menschenfresser, zornentbrannt, kommt mit dem Messer angerannt.

Den Geruch unseres Zimmers habe ich auch immer noch in der Nase. Bohnensuppe. Tscholent. Es roch immer nach Bohnensuppe. Weil die Wohnung direkt über der Speisewirtschaft … Wo natürlich keine kleinen Kinder gekocht wurden, sondern die immer gleichen koscheren Spezialitäten.

Bei Chmelnitzki. Brühl 35–36. Die Adresse musste ich gleich am ersten Tag auswendig lernen. Wenn ich mich verlaufen sollte, wollten sie keine Zeit mit Suchen verlieren. Praktische Leute. »Geh einfach zu einem Schutzmann und sag: ›Ich heiße Kurt Chmelnitzki und wohne Brühl 35–36.‹« Ich wäre aber zu keinem Schutzmann hingegangen, vor denen hatte ich zu viel Angst. Ich habe damals immer noch gedacht, ich würde von der Polizei gesucht, weil ich doch diese Fensterscheibe …

35–36. Die doppelte Hausnummer sollte die Wirtschaft wohl größer erscheinen lassen, als sie war. Sie war aber winzig. Nur fünf Tische, vier kleinere und ein großer. Man konnte sich nicht aussuchen, zu wem man sich setzte. Die Kundschaft hat das nicht gestört. Die waren alle in derselben Branche. Felle und Pelze. Rauchwaren. Haben über ihrer Bohnensuppe gefachsimpelt. Sich wichtiggemacht, als ob jeder von ihnen Johann Jakob Astor persönlich wäre. Dabei waren sie in dem Geschäft keine Hauptdarsteller, sondern bestenfalls Komparsen. Waren nach Leipzig gekommen, um ihren kleinen Profit zu machen. Pelze zweiter Qualität für den Verkauf in der Provinz. Redeten von Nerzen und handelten mit Füchsen. Die legten sich die Frauen damals um den Hals. Ganze Tiere, samt Schnauze und Krallen. Augen aus Glas. Das hat denen, die sich nichts Besseres leisten konnten, den Pelzmantel ersetzt. Ich habe mir immer vorgestellt, wie es wäre, wenn so ein Tier wieder zum Leben erwacht und seine Besitzerin beißt. Würde eine hübsche Filmszene ergeben. Wenn man sie richtig besetzt. Die Frau müsste etwas Imposantes haben. Jemand, vor dem man ein bisschen Angst hat und den man deshalb besonders gern auslacht. Margaret Dumont wäre die perfekte Besetzung. Wissen Sie, ob die noch lebt?

Wie bin ich jetzt auf die Dumont …?

Die Speisewirtschaft, ja. Ich habe dort als Junge viel Zeit verbracht. Tische abräumen, Geschirr abwaschen, Pfannen auskratzen. Ich bringe Ihnen heute noch jede angebrannte Pfanne zum Glänzen. Casserolier heißt das in den vornehmen Lokalen. Im Chmelnitzki war man nicht vornehm.

Dass ich mitarbeiten musste, war selbstverständlich. Das mussten alle. Außer Selma, die war das Prinzesschen. Aber es gibt immer bessere und schlechtere Jobs. Wer servierte, bekam manchmal Trinkgelder, deshalb hat Nissan das für sich reserviert. Er hatte ein Sparschwein, das war aber kein Schwein, sondern eine Kuh. Anders wäre es wohl nicht koscher gewesen.

Wenn man den Gästen zugehört hat – es ist einem gar nichts anderes übriggeblieben, als ihnen zuzuhören –, ist man zum Pelzfachmann geworden. Osmotisch. Ich kann heute noch mit geschlossenen Augen Bisam von Opossum unterscheiden. Muss nur mit der Hand darüberfahren. Das hat dort aber niemand als besondere Leistung empfunden. Auf dem Brühl konnte das jeder.