Talkshow - Charles Lewinsky - E-Book

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Charles Lewinsky

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Beschreibung

Eine Nachmittags­-Talkshow kämpft um ihre Existenz und will mit einer besonders skandalösen Sendung das Publikum zurückerobern. Die Idee: Mehrere Opfer desselben Serientäters berichten von ihren traumati­schen Erlebnissen, worauf der Verbrecher vor laufender Kamera aus dem Hut gezau­bert wird. Der vorauszusehende Tumult soll die Sendung in die Schlagzeilen bringen. Doch der Plan geht nicht auf, das Talkshowteam muss improvisieren – es geht um alles oder nichts.

Dieser Roman ist eine rabenschwarze Parodie auf das Fernsehen mit seinen Schlaglichtern und Schattenseiten, auf einen Betrieb, der bereit ist, für hohe Quoten Geschmack und Moral zu opfern.

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Seitenzahl: 234

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Charles Lewinsky

Talkshow

ROMAN

Diogenes

The most important thing in show business is honesty.

Once you have learned to fake that, you are in.

George Burns

1

Vergewaltigung ist immer gut.

Später, als Pokorny tot war, erinnerten sich alle an den Satz. Jeder für sich. Miteinander sprachen sie nicht darüber. Denn was passiert war, war ja nicht passiert.

»Vergewaltigung ist immer gut«, sagte Schuster.

Niemand widersprach ihm. Es war an diesen Sitzungen nicht üblich, anderer Meinung zu sein als er. Wöchentlich kündbare Anstellungsverträge dämpfen den Widerspruchsgeist. Außerdem waren sie alle seiner Meinung. Vergewaltigung ist immer gut.

Onanie ist gut. ›Mein erstes Liebeserlebnis‹ ist gut. Exhibitionismus ist gut. Aber Vergewaltigung ist besser.

»Wer hat das Thema recherchiert?«, fragte Schuster. Er liebte dieses Wort, weil es so journalistisch klang. »Recherchier uns doch mal einer einen Tisch bei Sandro«, pflegte er zu sagen. Oder: »Die Kleine da drüben sieht niedlich aus. Die möchte ich mal recherchieren.«

»Ich.« Pokornys Vorschläge standen immer oben auf der Liste. Die andern gönnten ihm dieses Privileg gern. Wenn Schuster schlechte Laune hatte, war es nicht empfehlenswert, der Erste zu sein.

Heute hatte er gute Laune. »Dann erzähl mal, Pocki.«

Nur Schuster durf‌te ihn ›Pocki‹ nennen. Bei allen anderen bestand er darauf, ›Herr Pokorny‹ genannt zu werden. Justus, der Produktionsleiter, der so stolz auf seine Zeit beim ZDF war, behauptete, er hätte gar keinen Vornamen.

Pokorny und Schuster kannten sich von früher. Früher, mit einem großen F. Die Zeit, als noch keiner von ihnen beim Fernsehen gewesen war. Die vierzig Jahre in der Wüste, bevor sie das gelobte Land erreichten. Das Land des goldenen Kalbs, wo Milch und Honig und fette Honorare fließen.

Am Theater hatten sie sich kennengelernt. »Als ich noch am Theater war«, sagte Schuster gerne in Interviews und ließ es klingen wie Hamlet in Berlin. Es war nur Güldenstern in Detmold gewesen, mit Pokorny als Rosenkrantz. Ein Naturbursche und ein Charakterspieler.

Eine Spielzeit lang teilten sie eine Wohnung. Man hielt sie für ein Paar, aber das waren sie nicht. Schuster interessierte sich schon damals nur für Frauen. Aber sie ergänzten sich und waren des Öfteren glorios miteinander besoffen. Das verbindet. Dann wurde Pokornys Vertrag verlängert, während sich Schuster auf die Reise von Vorsprechen zu Vorsprechen machte. Er war dabei nicht erfolgreich. Der Güldenstern ist keine Paraderolle.

Schließlich landete er in München, als Untermieter eines Kollegen, der als Synchronsprecher gut verdiente. Auch Schuster hielt sich damit über Wasser. Er sprach den Kellner, bei dem Sharon Stone einen Champagner bestellte, und den Taxifahrer, der von Charles Bronson kein Trinkgeld bekam. Ein halbes Jahr lang stöhnte er stellvertretend in Rammelstreifen. »Als ich noch beim Film war«, sagte Schuster gern in Interviews.

Dann war die Stelle beim Hörfunk gekommen, und später die Chance beim Fernsehen. Seither war Schuster ein Star und früher wurde Früher. Mit einem großen F.

In Detmold wechselte der Intendant, und der neue brachte seinen eigenen Charakterspieler mit. Pokorny hatte zunächst noch einen Gastvertrag, und dann nur noch Schulden. Trotzdem hatte er Schusters Angebot zuerst abgelehnt.

»Es ist lieb von dir, wirklich. Gut gemeint. Aber es ist doch ein Job hinter den Kulissen, und ich brauche das Publikum. Das geile Gefühl, wenn alle Augen auf dich gerichtet sind, und du weißt: Du hast sie in der Hand. Sie tanzen nach deiner Pfeife.«

Schuster erzählte ihm dann einen Witz. Den von dem alten Mann, der im Zirkus hinter den Elefanten herläuft, um ihre Scheiße aufzusammeln. »Warum suchst du dir nicht einen anderen Job?«, wird er gefragt. Und antwortet: »Was? Und das Showbusiness aufgeben?«

»Atemberaubend komisch.« Pokorny betonte jeden Konsonanten so prägnant, dass man ihn noch im dritten Rang verstanden hätte. Wenn denn ein Zuschauerraum da gewesen wäre.

»Aber vor allem brauche ich einen Menschen«, sagte Schuster. »Jemanden, der mich versteht. Der weiß, was in einem Künstler vorgeht. Ich bin von lauter Automaten umgeben. Seelenlos.« Das Wort gefiel ihm so gut, dass er es wiederholte. »See-len-los.«

So waren sie zusammengekommen. Schuster und sein Pocki. Plisch und Plum.

Schuster nickte Pokorny zu und steckte sich eine Zigarette in den Mund. Er liebte es, wenn seine Mitarbeiter darum wetteiferten, ihm Feuer zu geben. Wie meistens war Barbara am schnellsten, eine nicht mehr ganz junge Redaktionsassistentin. Sie hatte ein kleines Kind zu Hause und war auf den Job angewiesen. Schuster schenkte ihr ein Lächeln, das sie so dankbar entgegennahm wie eine Gehaltserhöhung.

Pokorny räusperte sich.

Das Ritual lief immer gleich ab. Einer nach dem anderen rapportierte seine Arbeitsergebnisse und hoff‌te, dass Schuster eine erfolgreiche Nacht gehabt hatte. Wenn er allein hatte schlafen müssen, war seine Laune mies. Dann wischte er Ideen einfach vom Tisch. Nur ganz Mutige wagten es, denselben Vorschlag ein paar Wochen später noch einmal anzubringen.

Pokorny erinnerte sich noch gut an die allererste Geschichte, die er recherchiert hatte. ›Ich betrüge meinen Partner‹ war das Thema gewesen. Er hatte sich damals nicht vorstellen können, dass sich jemand auf den Aufruf melden würde. Schließlich ging es darum, vor laufender Kamera einen Fehltritt zu gestehen. Aber dann war diese Frau gekommen. Ihren ersten Satz hatte er zunächst gar nicht verstanden.

»Willy kriegt keinen mehr hoch«, sagte die Frau. Es klang so selbstverständlich wie »Guten Tag«.

»Wie bitte?«

»Mein Mann. Willy. Herr Schuster soll mich fragen, warum ich ihn betrüge, und dann antworte ich: ›Willy kriegt keinen mehr hoch.‹«

»Wirklich?«

»Schon seit mehr als einem Jahr.«

»Nein, ich meine: So was würden Sie wirklich sagen?«

»Natürlich.« Die Frau sah ihn verwundert an. »So ist das doch in dieser Sendung.«

In der Sendung selber war sie dann so aufgeregt, dass ihr der Name ihres Mannes nicht einfiel. Willy, der im Publikum saß, war sehr böse darüber. Er hatte sich so darauf gefreut, auch einmal im Fernsehen vorzukommen.

Die Frau war kein guter Gast gewesen. Zu schrill und zu kamerageil. Eine Fehlbesetzung. Heute würde das Pokorny nicht mehr passieren. Er hatte eine Menge gelernt.

»Ich weiß, wir haben Vergewaltigung schon zweimal gemacht«, sagte er.

»Dreimal.« Justus, der Produktionsleiter, mit seinen ewigen Strichlisten. »Bei den andern war es auch überall schon.«

Es wurde viel getalkt im deutschen Fernsehen.

»Trotzdem. Man muss den Leuten geben, was die Leute wollen.«

Die Leute waren nicht mehr zufrieden mit ›Mein Nachbar schikaniert mich‹. Bei ›Lottogewinner und trotzdem unglücklich‹ griffen sie zur Fernbedienung. An ›Hilfe, mein Busen ist zu groß‹ interessierten sie nur die Bilder. Sie wollten Menschen sehen, die sich verbal auszogen. Nackt.

»Und ich glaube, ich kriege gute Gäste zusammen.«

Pokornys Besetzungen waren die besten. Zuerst hatte ihn gestört, dass ihm wildfremde Menschen von ihren prügelnden Vätern erzählten (›Ich kann ihm nie verzeihen‹) oder von ihren Problemen mit Körpergeruch (›Werde ich immer einsam bleiben?‹). Irgendwann hatte er begriffen, dass es jedes Mal darum ging, ein Ensemble zusammenzustellen. Für einen Ibsen oder einen Kroetz. Manchmal nur für einen Feydeau. Je nach Thema. Ein Vorsprechen. Intendant Pokorny sitzt im dunkeln Zuschauerraum und macht sich Notizen. Don’t call us, we’ll call you.

»Die Vorauswahl nach dem Aufruf ist viel versprechend. Ein paar ganz interessante Frauen dabei. Ich kann schon heute Nachmittag mit den Interviews anfangen.«

Pokorny konnte gut mit Frauen. Sie spürten, dass er über ihre Geschichte hinaus nichts von ihnen wollte, und vertrauten ihm. Und er war ein guter Zuhörer. »Schau den andern so an, als ob dich wirklich interessiert, was er sagt!« Dafür war man auf der Schauspielschule gewesen. Pokorny wirkte überzeugend interessiert. Er nickte. Hielt den Kopf schräg. Lächelte. In seinen Augen schimmerten Tränen des Mitgefühls.

»Wenn ich grünes Licht habe.«

»Okay«, sagte Schuster. »Das Thema ist gebongt. Vergewaltigung. Was haben wir als Nächstes?«

2

Annegret Kirberger. Das erste Interview.

Zuerst wollten sie ihn gar nicht reinlassen. »Männer haben hier keinen Zutritt«, sagte die Frau unter der Türe. Sie trug eine Kittelschürze wie eine Hausfrau in einem Film aus den Fünfzigerjahren. In der Tasche, wo eigentlich ein Staublappen hingehörte, steckten Kugelschreiber. Fünf, sechs Stück in Reih und Glied. Wie ein Buchhalter im selben Film.

»Frau Kirberger erwartet mich.«

»Sind Sie ihr Mann?«

»Pokorny ist mein Name. Nein, ich bin nicht ihr Mann.«

Die Frau wurde weniger abweisend. Vorher war sie breitbeinig dagestanden. Jetzt lockerte sich ihre Haltung. Standbein, Spielbein. Pokorny hatte es gelernt, Körpersprache zu lesen.

»Trotzdem«, sagte die Frau. »Keine Männer. Sie verstehen das sicher. Es geht nicht persönlich gegen Sie.«

»Ich habe volles Verständnis.« Pokorny hatte nicht die geringste Ahnung, was die Frau meinte. »Wie gesagt, Frau Kirberger erwartet mich. Sie hat uns einen Brief geschrieben.«

»Uns?« Es war nur eine Silbe, aber das Misstrauen klang wie: Mädchenhändlerring. Kriminelle Vereinigung. Ku-Klux-Klan.

Noch ein Witz von Schuster: Aladin hat gar nie »Sesam, öffne dich!« gesagt, sondern: »Ich komme vom Fernsehen.« Diesmal funktionierte es nicht. Die Frau stand im Eingang wie ein Eishockeytorwart. Die Ellenbogen breit ausgefahren.

»Was wollen Sie von Annegret?«

»Na, hören Sie mal, gute Frau«, setzte Pokorny an, und merkte gleich, dass er mit ›gute Frau‹ das falsche Register gezogen hatte. »Frau Kirberger hat sich mit uns in Verbindung gesetzt. Ich habe telefonisch diese Besprechung mit ihr vereinbart. Ich weiß nicht, weshalb ich Ihnen Rechenschaft darüber schuldig sein sollte.«

Ein junges Mädchen kam dazu. Ein Kind fast noch. Das linke Auge grün und blau unterlaufen. Wie von einem schlechten Maskenbildner, dachte Pokorny. Total übertrieben.

»Kannst du mal kommen, Edwina?«, sagte die Kindfrau. Edwina. Kein Mensch auf dieser Welt heißt Edwina.

»Augenblick.«

»Kevin schreit so. Als ob er Krämpfe hat oder so was. Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Ich komme gleich.«

Edwina schaute hinter dem schmächtigen Wesen her, das dankbar und ungeduldig hinter einer Türe verschwand. »Das hat ihr Freund gemacht. Der Typ, der sich ihr Freund nennt. Verstehen Sie jetzt, warum ich Sie nicht reinlassen will?«

»Ich verstehe. Ich verstehe Sie voll und ganz. Aber …«

Die Frau klickte unschlüssig auf ihren Kugelschreibern herum. Es klang, als ob sie Morsezeichen aussendete. »Wenn Ihnen Annegret wirklich geschrieben hat …«

»Ich könnte Ihnen den Brief zeigen.«

»Könnte?« Die Frau hatte das Talent, in zwei Silben eine ganze Palette von Zweifeln auszudrücken.

»Datenschutz, Sie verstehen. Vertraulichkeit. So eine Art Beichtgeheimnis.« Das kam immer gut an. Seltsamerweise vor allem bei Leuten, die drauf und dran waren, ihre privaten Probleme vor einem Millionenpublikum auszubreiten.

»Na schön.« Der Torwart gab den Eingang frei. »Hier gleich die erste Türe. Nicht weiter. Sie warten, bis ich Annegret gefragt habe. Das ist unser Sprechzimmer. Manchmal ist es auch ein Schreizimmer. Aber dem machen wir dann ganz schnell ein Ende. Wir wissen, wie man mit Männern umgehen muss, hier im Frauenhaus.«

Im Sprechzimmer vier Stühle, keiner gleich wie der andere. Wie Delegierte aus vier verschiedenen Wohnungen, zu einer Sitzung um den alten Küchentisch versammelt. Eine Séance zum Beschwören einer besseren Vergangenheit. Einer besseren Zukunft. Jemand hatte ein pfeildurchbohrtes Herz mit Initialen in die Tischplatte geritzt, jemand anderes die Buchstaben wieder ausgekratzt. Vielleicht derselbe Jemand. Dieselbe Jemandin. Tiefe, wütende Kerben.

Am Kopfende ein überdimensionierter, mit Sand gefüllter Aschenbecher, wie sie an Flugplätzen herumstehen. Die meisten Kippen nur halb geraucht.

Pokorny hätte gern ein Zigarillo angezündet, aber in dieser Umgebung kam ihm das zu maskulin vor. Er steckte die Schachtel wieder ein. Auch so einer von Schusters Witzen: »Männer rauchen Zigarren, halbe Männer rauchen Zigarillos.«

An der Wand ein Plakat. Ein südamerikanischer Hirtenjunge, Flöte spielend.

Daneben eine laut tickende elektrische Küchenuhr. Der Sekundenzeiger war verbogen und kam nicht über den Minutenzeiger weg. Jede Sekunde ein neuer erfolgloser Anlauf.

Ein Bücherregal, sorgfältig aufgebaut. Keine Bücher.

Am Fenster eine Gardine wie aus einem Jungmädchenzimmer. Weißer Stoff mit Spitzenrand. Seine allererste Freundin, seine allerletzte Freundin, hatte so einen BH getragen. Beim Versuch, ihn zu öffnen, hatte sich Pokorny so ungeschickt angestellt, dass er sich in den Finger stach. Sie hatte ihn rausgeschmissen. Blutflecken auf weißem Stoff gehen nie mehr raus.

Annegret Kirberger war blass. Blass in jeder Beziehung. Die kurzen Haare nicht blond, sondern nur farblos. Die Augen ein verwaschenes Blau. Die Gesichtszüge undefiniert.

»Wie wenn du eine Aufnahme zu oft kopierst«, sagte Pokorny bei der nächsten täglichen Sitzung zu Schuster. »Keine Schärfe mehr, keine klaren Farben.«

»Hübsch?«, fragte Schuster.

Pokorny musste nachdenken. »Wahrscheinlich schon. Aber es fällt einem nicht auf.«

Sie saß auf dem Rand des Stuhls, den Oberkörper leicht vorgebeugt, beide Füße auf den Boden gestemmt. Bereit, sofort wieder aufzuspringen. Wie ein kleines Kind, das man auf den Schoß eines fremden Onkels gezwungen hat.

»Ich hätte Ihnen nicht schreiben sollen«, sagte sie. »Er wird wütend sein, wenn er es erfährt.«

In Pokornys Elternhaus hatte es eine alte Bibel gegeben. Nur aus der Gründerzeit, aber auf Inkunabel getrimmt. Wie von Gutenberg persönlich. Dort drin war das Wort so geschrieben, wie Annegret es aussprach: »ER«. In donnernder Fraktur. Jedes Mal, wenn von Gott die Rede war.

»Er sagt, es macht eine Beziehung kaputt, wenn andere Leute sich einmischen. Einmal haben Nachbarn die Polizei gerufen, weil ich so laut geschrien habe. Da war er böse auf mich.«

»Und warum hatten Sie geschrien?«

»Das ist etwas anderes. Er war betrunken. Wenn er getrunken hat …« Ihr Blick zuckte zur Türe, als ob dort gleich jemand hereinkommen könnte. »Wenn er getrunken hat, wird es manchmal schwierig.« Sie lächelte unvermittelt. Ein kleines Mädchen, das etwas angestellt hat. Halb noch der eigenen Niedlichkeit vertrauend, die einen als Baby vor Strafe schützt. Halb schon bereit zu weinen, wenn der Schutzschild versagen sollte.

»Ihr Mann schlägt Sie?«

»Er ist nicht mein Mann. Er ist mein …« Sie grübelte. Die Augen weit aufgerissen. Die Zunge im Mundwinkel. Ganz auf die schwierige Aufgabe konzentriert, die richtige Formulierung zu finden. Ihre Hände machten drehende Bewegungen. Stricken ohne Strickzeug.

Die Pause können wir rausschneiden, dachte Pokorny automatisch. Oder wir lassen sie stehen, und die Kamera fährt groß auf ihr Gesicht.

»Er ist mehr als ein Freund«, sagte Annegret. »Aber weniger als ein Ehemann. Etwas dazwischen. Ich finde das Wort nicht dafür.«

»Ihr Verlobter?«

»Nein.« Ganz schnell und ängstlich. »Er hat mir nie etwas versprochen. Ich habe es auch nicht verlangt.«

»Ihr Lebensgefährte.«

»Ja. Das gefällt mir.« Strahlend probierte sie das neue Spielzeug aus. »Lebensgefährte. Er ist mein Lebensgefährte.« Und dann, unvermittelt: »Privatsphäre. Heißt das so?« Wie wenn Pokorny als Fachmann für schwierige Ausdrücke vorbeigekommen wäre. Erweitern Sie Ihren Wortschatz. Mit Professor Pokorny. Jeden Abend um 23 Uhr 45.

»Ich weiß nicht genau, was Sie meinen.«

»Das hat er zu den Polizisten gesagt. Dass sie sich nicht in unsere Privatsphäre einmischen sollen. Dass es sie nichts angehen würde. Selbst wenn er mich verprügelt hätte.«

»Hat er?«

»Ich bin im Badezimmer ausgerutscht. Das haben sie sogar aufgeschrieben. Und wenn ich jetzt im Fernsehen etwas anderes erzähle, dann ist das doch Meineid. Sagt man Meineid?«

Pokorny erlebte die Situation nicht zum ersten Mal. Zuerst waren sie geil darauf, alles loszuwerden. Dann fingen sie an zu zicken. Lagen im Kreißsaal und wollten das Kind nicht kriegen. »Und ich muss dann den Kaiserschnitt machen«, hatte er mal zu Schuster gesagt.

»Mach du den Kaiserschnitt«, hatte Schuster geantwortet. »Ich bin lieber neun Monate vorher dabei.«

»Ist Ihr Lebensgefährte der Mann, der Sie vergewaltigt hat?«

»Vergewaltigt …« Sie drehte das Wort im Mund wie einen gestohlenen Keks. Ausspucken oder runterschlucken. Nur nicht damit erwischt werden. »Ich wollte halt nicht an dem Abend. In der Nacht. Es war schon zwei Uhr vorbei. Ich war müde. Ich fühlte mich nicht wohl. Ich hatte meine … meine Tage.« Rote Flecken auf der Stirn. Wie Fieber. Aber es war wohl die Art, wie ihre blasse Haut errötete. Kann man wegschminken, dachte Pokorny.

»Er kam nach Hause, und … Er kann seine Gefühle nicht so zeigen, verstehen Sie? Nicht wenn er getrunken hat. Sonst schon. Einmal hat er mir Handtücher mitgebracht. Einfach so. Ich hatte die Anzeige gesehen für dieses Sonderangebot, und er ist hingegangen und hat sie gekauft. Für mich. Sechs Stück. Mit einem Rand, der aussieht wie Spitze. Fünf hab ich noch. Eines ist beim Arzt liegen geblieben. Platzwunden am Kopf können manchmal furchtbar bluten, sagt der Doktor.«

»Sie mussten in dieser Nacht zum Arzt?«

»Nein. Nein. Die Platzwunde, das war ein anderes Mal.«

»Als Sie im Badezimmer ausgerutscht sind.«

»Auch nicht.« Sie fuhr sich nervös über die Wange, wie um sich Haare aus dem Gesicht zu streichen. Ihre Frisur musste früher mal länger gewesen sein. »Er arbeitet auf dem Bau, verstehen Sie? Er weiß manchmal gar nicht, wie stark er ist.«

ER weiß manchmal gar nicht, wie stark ER ist. Der Satz hätte auch in die alte Bibel gepasst.

»Er kam gegen zwei Uhr nach Hause …« Wenn auf der Bühne jemand hängt, hilft es manchmal, wenn man ihm seinen letzten Satz wiederholt.

»Er hatte getrunken. Ich merke das schon, wenn er in die Wohnung reinkommt. Die Tür schlägt zu, und dann fällt seine Lederjacke auf den Boden. Ich könnte so eine schwere Jacke gar nicht tragen. Und wissen Sie, was ich auch noch höre?« Sie sah wieder ganz glücklich aus. Ein besserwisserisches Leuchten auf dem Gesicht. Ein Kind, das eine Scherzfrage kennt, mit der man Erwachsene reinlegen kann.

»Ich höre, wie er seinen Gürtel auszieht. Er macht ihn nicht einfach auf, wie andere Leute. Er zieht ihn ganz aus der Hose. Ein breiter Gürtel mit einer großen Schnalle.« Eine Platzwunde. Eine Blutung, die man mit einem Handtuch hatte stillen müssen. Mit einem Rand, der aussah wie Spitze.

»Er kam ins Schlafzimmer. Ich sage Schlafzimmer, aber eigentlich ist es das Wohnzimmer. Beides. Man kann ein Bett aus dem Sofa machen. Ein Sofa aus dem Bett. Wissen Sie, dass ich es riechen kann, wenn er betrunken ist? Nicht am Bier. An was ganz anderem. Finden Sie’s raus?« Die nächste Scherzfrage.

»Ich merke es am Qualm. Er raucht nämlich nicht, verstehen Sie? Es ist ungesund, sagt er. Nach Rauch riecht er nur, wenn er in der Kneipe war. Dann hat er getrunken. Er wäscht sich dann auch nicht. Will sich nur ins Bett legen, und manchmal will er auch …« Wieder diese roten Flecken auf der Stirne.

»Manchmal will er auch …?«

Sie stand auf. Ging zu dem bücherlosen Regal. Fuhr mit dem Finger über ein Brett. »Hier müsste man mal Staub wischen. Es sollte ja jede was tun, aber wenn keiner bestimmt … Ich habe die Vorhänge genäht. Gefallen Ihnen die Vorhänge?«

»Am Anfang war es schwierig«, sagte Pokorny zu Schuster. »Immer, wenn ich sie beim Thema hatte, ist sie mir ausgebüxt.«

»Aber du hast sie hingekriegt?«

»Klar«, sagte Pokorny.

»Wie immer«, sagte Schuster. »Guter alter Pocki.« Pokorny zuckte unter dem Kompliment zusammen. Er war nur zwei Jahre älter als Schuster.

»Und wie ist denn nun die Geschichte? Ganz kurz?«

Die Geschichte war ganz kurz so: Annegrets Mann, der Freund, der Lebensgefährte, war nach Hause gekommen und hatte bumsen wollen. Wörtliches Zitat. »Er arbeitet auf dem Bau«, hatte Annegret entschuldigend wiederholt.

Sie hatte sich gewehrt. Die Müdigkeit. Die Kopfschmerzen. Die Tage. Er hatte seinen Willen durchgesetzt. Voller Bier, voller Schnaps und nach Rauch stinkend. Mit groben Händen. Zuerst mit den Händen und dann …

»Die Details kannst du sie nicht erzählen lassen«, sagte Pokorny. »Nicht in einer Sendung, die am Nachmittag läuft. Es ist alles ziemlich unappetitlich.«

Schuster dachte nach. Er schloss die Augen und klopf‌te mit dem Daumennagel gegen die Vorderzähne. Die Geste hatte er irgendwo abgekupfert. »Hübsch«, sagte er dann.

Niemand fand das Wort unpassend. Eine Frau, die während ihrer Periode im Suff vergewaltigt wird, ist hübsch. Nicht berauschend, aber immerhin.

»Was ist sie für ein Typ?«

»Assuan.«

Kayser, der Volontär, musste sich den Ausdruck erklären lassen. In der internen Typologie bezeichnete »Assuan« einen Gast, der nach anfänglichem Zögern mit dem Reden nicht mehr aufhört. Ein geborstener Staudamm.

Annegret Kirberger, einmal ins Reden gekommen, hatte Pokorny alle Details erzählt. Mehr Details, als er hören wollte. Die Leute kapierten nie, dass sie einen nur als Träger von Geschichten interessierten. Von ganz bestimmten Geschichten zu ganz bestimmten Themen.

»Ich habe alles liegen lassen«, sagte Annegret. »Nur das Allerwichtigste habe ich mitgenommen.«

Sechs Handtücher mit einem Rand wie Spitze. Fünf Handtücher.

»Die Adresse vom Frauenhaus haben sie am Fernsehen gesagt. Nicht in Ihrer Sendung, glaube ich. Aber so was Ähnliches. Diese Talkshows sind ja alle gleich, irgendwie, nicht? Ich habe sie mir aufgeschrieben, damals. Nur so. Ich hätte ja nie gedacht, dass ich ihn mal verlasse.« Dass ich IHN mal verlasse. Hier stehe ich und kann nicht anders.

Dann hatte sie doch noch angefangen zu weinen. Kurze, trockene, atemlose Stöße. Ein Kind, das keine Tränen mehr hat, aber sein Leid noch nicht loslassen will. Bis alle es bemerkt haben. Vater, Mutter und ein paar Millionen Fernsehzuschauer.

Edwina sah ihn vorwurfsvoll an, als er ging. Die Kugelschreiber klickten.

»Hübsch«, sagte Schuster noch einmal. »Das wäre dann also die Nummer eins.«

3

Schuster hatte einen Termin beim lieben Gott.

Der liebe Gott hieß Goetz. Melchior Goetz. Wenn man Programmchef ist und Goetz heißt, ergibt sich der Übername von selber.

Goetz gehörte nicht zur jungdynamischen Handy-Brigade mit den italienischen Jeans und den Kenzo-Krawatten. Man kann eine Armee auch in Zivil kommandieren.

Er trug schwere dreiteilige Anzüge, komplett mit Uhrkette an der Weste. Die Krawatten altmodisch schräg gestreift. Auch die Brille kein Designer-Modell. Eine schmucklose Halbbrille, die ihm dauernd auf die Nasenspitze rutschte. Rote Apfelbäckchen, von keiner Sonnenbank nachgebräunt. Die Glatze von weißen Haarbüscheln eingerahmt. Der liebe Gott sah aus wie ein lieber, verschusselter Opa.

Ein altmodisches Stehpult hätte zu ihm gepasst. Englischer Stil. Wie der Familienanwalt bei Charles Dickens. Stattdessen hatte er einem Innenarchitekten freie Hand gelassen. Chrom und Glas. Auf dem Schreibtisch ein ganz einfaches Telefon, ohne viele Knöpfe. Goetz hielt sich Leute, die Telefone mit vielen Knöpfen hatten.

Der einzige Fremdkörper in dem großen Eckbüro war ein großes Gestell mit Weinflaschen. Teuerste Sorten. Jeden Montag, wenn er die Computerausdrucke mit den Marktanteilen der letzten Woche gelesen hatte, legte er zeremoniell eine Flasche dazu. Er ließ sich gerne dabei fotografieren. »Die trink ich mal alle mit meinen jungen Leuten, wenn wir die Position eins erreicht haben«, sagte er den Reportern.

»Goetz denkt, man braucht nur genügend Flaschen, und schon wird man Marktführer«, hieß der Branchenspott. Er hatte ihn selber in Umlauf bringen lassen.

Er ging Schuster mit ausgestreckten Händen entgegen. »Mein lieber Schuster! Wie schön, dass Sie die Zeit gefunden haben. Man sieht sich einfach zu wenig. Man hat viel zu viel um die Ohren. Nein, bitte, nehmen Sie den anderen Stuhl, hier blendet die Sonne so. Mein Designer erlaubt mir keine Vorhänge. Eine Zigarre?«

Schuster lehnte dankend ab. Das ganze Haus kannte die Geschichte des jungen Showmasters, der im Büro des Nichtrauchers Goetz tatsächlich eine Zigarre gequalmt hatte. Er war jetzt bei der ARD. Präsentierte ein Verbrauchermagazin im Regionalprogramm oder so was.

»Ich habe Sie bei der ›Goldenen Kamera‹ gar nicht gesehen. Waren Sie nicht da? Ah, doch, eben. Gehört ja zum Pflichtprogramm. Viel zu groß geworden, der Anlass. Zu unpersönlich. Man triff‌t sich gar nicht mehr. Und ich musste mich natürlich um unsere Leute kümmern, die die Kamera gekriegt haben.«

Klang da ein Vorwurf mit?

»Obwohl wir uns sicher einig sind: Dort wird nicht wirklich Leistung prämiert. So viele altverdiente Kollegen haben das Ding nie bekommen. Die Karriere zu Ende, und der Platz auf der Anrichte immer noch leer. Die machen es sich einfach. Laufen nur dem Trend nach. Zeichnen aus, was dem Publikum gerade gefällt.«

Eindeutig ein Vorwurf.

»Einer meiner jungen Leute hat mir eine Statistik gezeigt. Ich werde nie verstehen, wie die das machen. Holen alles aus dem Computer. Da war ganz klar zu sehen: Sendungen, die in den ersten beiden Jahren nicht irgendwo einen Preis machen, kommen nie ganz groß raus.«

Schuster! lief jetzt seit anderthalb Jahren.

»Aber erzählen Sie doch von sich! Wie geht es Ihnen? Werden Sie gut behandelt bei uns? Ich sage meinen jungen Leuten immer: Unser Kapital, das sind die Menschen an der Front.«

Dort, wo die Kugeln fliegen.

»Wer uns Erfolg bringt, der soll sich auch wohlfühlen bei uns. Also, lieber Schuster, irgendwelche Klagen, Wünsche, Anregungen?«

Ein General fragt beim Truppenbesuch manchmal einen Soldaten nach seinem Namen. Ohne ihn wirklich wissen zu wollen. Goetz hatte Schuster nicht zu sich bestellt, um über Kleinigkeiten zu plaudern.

»Nun ja«, sagte Schuster vorsichtig, »da wäre vielleicht wirklich etwas. Ein Detail nur. Ich habe natürlich Verständnis, aber es ist doch ein bisschen ärgerlich.«

»Ja?« Ganz besorgt. Die Brille auf der Nasenspitze.

»Vor allem, wenn ich an unsere Zuschauer denke. Unsere treuen Zuschauer.«

Diskret betonen, dass man durchaus sein Stammpublikum hatte.

»Die Zuschauer sind unsere eigentlichen Arbeitgeber. Das sag ich meinen jungen Leuten immer.«

»Nur deshalb. Nicht aus persönlicher Eitelkeit. Aber … Meine Sendung ist in den letzten Wochen dreimal ausgefallen. Wegen Sportübertragungen.«

»Furchtbar, nicht?« Der liebe Opa war voller Mitleid. »Ausgesprochen ärgerlich. Aber die Leute sind nun mal verrückt nach Tennis. Was will man machen gegen die Zahlen?«

Die Zahlen. Die heiligen Zahlen. Ein Prozent rauf, ein Prozent runter. Halleluja und Kreuziget ihn. Mantra und Antiphonie.

»Wenn es nach mir ginge, mein lieber Schuster, ich würde ja sämtliche Statistiken verbieten lassen. Altersgruppen und Kaufkraftklassen, all diese ekelhaften Worte. Was hat das noch mit Kreativität zu tun? Früher, da kam es auf die Persönlichkeit an. Da konnte man noch dem eigenen Geschmack vertrauen. Ein Talent sich in aller Ruhe entwickeln lassen. Eine Durststrecke auch mal durchstehen und sagen: ›Ich glaube an den Mann!‹ Das waren noch Zeiten.«

Die Zeiten, wenn es sie je gegeben hatte, waren nicht die von Goetz gewesen. Er kam aus der Zigarettenindustrie. Nach der triumphalen Einführung einer neuen Marke hatte ihn ein Fachjournalist zum ersten Mal den lieben Gott genannt. Die Strategie, mit der er damals den Markt erobert hatte, wurde immer noch an den Business-Schulen gelehrt. Ein musterhafter Feldzug. Viele neue junge Raucher. Man hatte ihn an den Sender geholt, weil man eine Wiederholung des Erfolges von ihm erwartete. Viele neue junge Zuschauer.

»Aber heute? Die Marktforscher trommeln den Takt, und wir Galeerensklaven legen uns in die Ruder. Um es scherzhaft zu sagen …« Lachfältchen um die zwinkernden Augen. Der liebe Gott ist heute heiter gestimmt. »Um es scherzhaft zu sagen: Ein Softwarefehler bei den Marktforschern genügt, und wir senden alle rund um die Uhr das Wort zum Sonntag.«

Schuster lachte herzlich. Wie wenn der Witz sein eigener gewesen wäre und er einer seiner Mitarbeiter. Er patschte sogar begeistert die Hände zusammen. Feuchte Handflächen. Man wusste im Haus: Goetz war nie so liebenswürdig, wie wenn er unangenehme Entscheidungen zu verkünden hatte.

»Meine jungen Leute haben mir da ein paar Zahlen ausgedruckt.« Nirgendwo ein Blatt Papier im durchgestylten Büro. Ein General hat seine Truppenstärken im Kopf. »Reine Routine. Das passiert ganz automatisch, wenn ich mich mit jemandem treffe. Ja, also, mein lieber Schuster, was Ihre Sendung anbelangt …«

Durchatmen. Ganz ruhig durchatmen. Die Hand locker in die Tasche schieben, wenn sie zu zittern beginnt.

»Ich nehme das ja nicht allzu wichtig. Sie wissen: Ich mag Sie. Ich mag Ihre Sendung. Das ist das Entscheidende, letzten Endes. Aber erfreulich sieht es nicht aus. Es bröckelt.«

»Herr Goetz, der Sommer …«

»Natürlich, der Sommer. Schönes Wetter. Da haben die Leute anderes zu tun. Ich habe das auch meinen jungen Leuten gesagt. Aber trotzdem. Fast vier Prozent weniger seit Januar.« Die Augen geschlossen. Zwei knetende Finger an der Nasenwurzel. Der liebe Gott ist betrübt. »Wie gesagt: Ich hasse Statistiken. Aber was soll ich dagegen machen?«

»Wir haben bereits Maßnahmen ergriffen«, sagte Schuster. »Im Sinne einer verstärkten Fokussierung.« Er liebte den Klang dieses Wortes. Es hatte so etwas Magisches. Hokus-Pokus-Fokussierung. »Zum Beispiel planen wir eine Sendung über vergewaltigte Frauen …«

Goetz winkte ab. »Wir wollen uns doch jetzt nicht mit irgendwelchen Details herumschlagen. Wo wir endlich mal die Zeit gefunden haben, in aller Ruhe ein bisschen zu plaudern. Wie geht’s denn Ihrer reizenden Freundin? Wie hieß sie doch gleich? Susi? Susanne?«

Schuster hatte nur einmal eine Susanne gekannt. Susi. Kurven wie eine Sechzehnjährige. War leider jünger, wie sich dann herausstellte. Hatte eine Menge Geld gekostet, die Geschichte aus der Presse herauszuhalten. Schuster war sicher gewesen, dass niemand etwas von der Sache mitbekommen hatte. Bis jetzt.