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Jeder Mensch giert nach Publicity – so der Fernseh- und Musikproduzent Marhenke. Diesen Drang macht er sich rücksichtslos zunutze. Gut fürs Geschäft ist ein Schlagersänger im Rollstuhl, auch wenn der eigentlich völlig gesund ist. Und wenn der Star aus einer Ärzteserie anfängt, in öffentlichen Veranstaltungen den Heiler zu spielen, ist auch das gut für die Schlagzeilen. Je geschmackloser, desto besser. Die Fernsehmacher reiben sich die Hände und das Publikum die Augen.
Charles Lewinsky hat in jungen Jahren viel fürs Fernsehen geschrieben. Damals entstand auch dieser Debütroman: eine bitterböse Satire über das große Business mit der Sensationslust.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2026
Charles Lewinsky
ROMAN
Diogenes
Für Heinz Gietz,
der sie alle gekannt hat.
Im Fernsehen haben die Würstchen
die Macht übernommen
und als Erstes den Senf abgeschafft.
Peter Gerlach
Damals – es kommt mir vor, als sei es in einem anderen Leben gewesen –, damals, Ende der Achtzigerjahre, als ich meinen Brötchenjob als Produzent und Texter von Unterhaltungssendungen endgültig aufgab, hatte ich die Idee, mich von der Branche, die mich ein paar Jahre lang gut ernährt und regelmäßig zur Verzweiflung getrieben hatte, so zu verabschieden, wie es sich für einen Menschen gehört, der sich daran gewöhnt hat, von der Tastatur in den Mund zu leben. Ich beschloss also, einen Roman über das Unterhaltungsgewerbe zu schreiben, und zwar nicht anklagend kulturkritisch, sondern komisch. Unterhaltend eben. Ich hatte, schien mir, in meiner Zeit als Redakteur genügend Szenen miterlebt, die man nur beschreiben musste, um ihre Absurdität zu zeigen.
Ich denke da zum Beispiel an eine endlose Diskussion – sie kam mir zumindest endlos vor –, in der sich drei erwachsene Menschen ernsthaft die Köpfe darüber zerbrachen, ob in einer Sendung, die im Weihnachtsprogramm ausgestrahlt werden sollte, die Puppe eines Bauchredners im gewohnten grünen Röcklein auftreten dürfe oder ob sie des festlichen Datums wegen feierlicher gekleidet sein müsse. Juvenal hatte recht: Manchmal ist es schwer, keine Satire zu schreiben.
Außerdem, dachte ich, würden es mir die Regeln dieser Literaturgattung erlauben, meine Erfahrungen in der Unterhaltungsbranche schamlos zu übertreiben, vor allem, was die Art der im Roman geschilderten Sendungen anbelangte.
Wenn ich das Buch heute, mehr als dreißig Jahre später, wieder lese, muss ich sagen: Mit diesem Versuch bin ich gescheitert.
Zwar bin ich mit diesem meinem allerersten Roman (oder doch dem allerersten, den ich nicht in vernünftiger Selbstkritik für alle Zeiten in die Schublade verbannt habe) immer noch recht zufrieden. Die Geschichte amüsiert, und die Pointen funktionieren nach wie vor. Aber das mit der Übertreibung …
Ich hatte mir damals vorgenommen, für dieses Buch lauter Fernsehsendungen zu erfinden, wie sie extremer, unanständiger oder schlicht doofer nicht sein konnten, Sendungen, wie sie sich auch der quotensüchtigste Fernsehmacher in Wirklichkeit niemals ausdenken würde, weil sie so weit aller Grenzen des guten Geschmacks angesiedelt waren.
Oh, wie war ich doch naiv.
Meine Erfindungen, die ich damals für den satirischen Gipfel der Peinlichkeit hielt, wirken heute geradezu biedermeierlich altmodisch. Wenn sie heute so im Programm stünden, würden schon nach den ersten Minuten im ganzen Land die Fernbedienungen zum Umschalten klicken. In der niemals endenden Schlacht um Einschaltquoten, das konnte ich mir damals nicht vorstellen, wird auf solche Nebensächlichkeiten wie Geschmack schon längst keine Rücksicht mehr genommen.
Was ist eine erfundene Sendung wie Ätsch!, in der den Kandidaten Senf in die Haare geschmiert wird, gegen einen Quotenhit wie Ich bin ein Star, holt mich hier raus, in dem das Knabbern von Känguruhoden zur Grunddiät gehört? Und eine Show wie das amerikanische Dating Naked, deren Kandidaten sich splitternackt auf die Suche nach einem Partner fürs Leben machen, wäre mir auch in meinen schlimmsten Albträumen nicht eingefallen.
Noch gibt es keine Fernsehshow, in der sich Menschen vor laufender Kamera umbringen. Aber irgendwann, befürchte ich, wird auch diese Einschränkung fallen. Das Verbot von Mord und Totschlag ist ja wirklich altmodisch und behindert den Verkauf von Werbespots.
Nein, die Sendungen, die ich mir damals für Mattscheibe ausgedacht habe, würden es heute nicht mehr ins Programm schaffen. Aber die Menschen, die sich solche Sendungen ausdenken, sitzen nach wie vor in den Redaktionsbüros oder den Kreativteams der Produktionsfirmen. Sie musste ich nicht überzeichnen, weil bei vielen von ihnen auch eine realistische Darstellung als Karikatur wirkte.
So passierte es mir denn auch, dass mich nach Erscheinen des Buches ein deutscher Musikproduzent anrief und fragte: »Hast du mit diesem Marhenke etwa mich gemeint?« Ich habe die absichtliche Ähnlichkeit auch gar nicht bestritten, sondern gesagt: »Selbstverständlich bist du das. Es würde mich auch sehr freuen, wenn du mich deshalb verklagen würdest – mein Buch kann Publicity gebrauchen. Aber wie ich dich als mediengewandten Menschen kenne, wirst du allen Leuten, die dich darauf ansprechen, antworten: ›Wieso sollte ich das sein? Ich bin doch ganz anders!‹« Und genau so kam es denn auch. Er hat Mattscheibe sogar eifrig weiterempfohlen.
Auch Herrn Redakteur Schmidt-Schmitt habe ich gut gekannt. Ich musste nur den Namen ändern, und schon hatte ich eine Figur, die einem mit dem Fernsehen nicht vertrauten Leser als lächerlich überzeichnet erscheinen musste. Dabei habe ich nur in einem Punkt übertrieben: Das Original begann nicht schon am Dienstag mit dem Abfeiern von Überstunden, sondern meistens erst am Mittwoch.
Und ein Unterhaltungschef, der für gute Einschaltquoten auch seine Großmutter verkaufen würde? Vielleicht gibt es auch andere, aber ich bin ihnen nie begegnet. Jeder von ihnen hätte gern eine Frau Gutermuth, denn gerade bei Unterhaltungssendungen gilt im Fernsehen die Regel, die William Goldman für Hollywood aufgestellt hat: Nobody knows anything.
Bei Büchern ist es wohl ähnlich. Aber ich hoffe trotzdem, dass sich so mancher Leser beim (Wieder-)Lesen von Mattscheibe gut amüsieren wird.
Auch wenn es unterdessen ein nostalgisches Amüsement geworden ist.
Charles Lewinsky
Zürich, im Frühling 2026
Es fing damit an, dass Herr Marhenke einem Krüppel begegnete. Der Krüppel hatte sich mit dem linken Rad seines Rollstuhls in einer Straßenbahnschiene festgefahren, kam nicht vorwärts und nicht zurück und hinderte so den Mercedes des Herrn Marhenke an der Weiterfahrt.
Damit wir uns recht verstehen: ›Krüppel‹ ist ein Wort, das Herr Marhenke, außer in der Privatheit seiner Gedanken, niemals verwendet hätte. Er hatte viele Millionen an den Gefühlen seiner Mitmenschen verdient, und mit jeder Million war sein Umgangston milder geworden. Wenn er in einem Interview von dem Glück sprach, das die von ihm produzierte Musik ihren Hörern bereitete, dann nahm seine Stimme die Konsistenz wohlduftender Vaseline an, und jeder Geschäftspartner, den Herr Marhenke über den Tisch gezogen hatte, verließ das altdeutsche Privatbüro so beseligt, als hätte er gerade eine Privataudienz beim Papst hinter sich und die Goldenen Schallplatten an den Wänden wären lauter Heiligenbilder gewesen.
Und so zeigte denn Herr Marhenke, obwohl er für seinen nächsten Termin schon wieder zu spät dran war, nicht seine übliche Ungeduld, sondern tadelte sogar seinen Fahrer, als der mit einem gemurmelten »So was gehört nicht auf die Straße!« versuchte, sich den Weg freizuhupen.
»Aber Herr Siebenzahl! Bedenken Sie doch: ein Behinderter!«
Die Wirkung dieser sanften Ermahnung war frappierend. Siebenzahl, den Herr Marhenke doch gerade eingestellt hatte, weil er sich mit der Rücksichtslosigkeit eines Dschungelkämpfers durch jeden Stau zu wühlen verstand, stellte den Motor ab, löste den Sicherheitsgurt, stieg aus und schob den Rollstuhl des Behinderten fürsorglich auf den Bürgersteig. Aus der ledergepolsterten Tiefe des Wagens sah Marhenke fasziniert zu, wie Siebenzahl dann in die Tasche griff, seinen Geldbeutel herausholte und dem fassungslosen Rollstuhlfahrer einen Zehneuroschein in die Hand drückte.
»Sagen Sie mal, Siebenzahl«, fragte Marhenke, als sie wieder unterwegs waren, »warum haben Sie dem Mann eigentlich Geld gegeben?«
»Er hat mir halt leidgetan«, antwortete der Fahrer, und wie um zu beweisen, dass er deswegen keineswegs zum Softie geworden war, quetschte er den Mercedes um Haaresbreite an einer Frau mit Kinderwagen vorbei.
Herr Marhenke holte den legendären Notizblock aus der Tasche, der schon in so manchem Porträt über ihn eine prominente Rolle gespielt hatte. Mit dem ebenso legendären altmodischen Füllfederhalter notierte er sich das Wort ›Krüppel‹. Nach kurzem Überlegen strich er die Notiz durch und ersetzte sie durch ›Behinderte‹. Auch dieses Wort wurde durchgestrichen. Herr Marhenke riss das Blatt ab und dachte nach. Ein seliges Lächeln, wie beim Lesen eines Kontoauszuges, überzog sein Gesicht. Leise sprach er beim Aufschreiben die Worte mit: »Aber die Lieder sind frei!«
Zur selben Zeit saß Minister Keller in seinem Berliner Büro und fuhr mit dem Zeigefinger den Zahlenkolonnen entlang, die seine Sekretärin für ihn angestrichen hatte. Er bewegte beim Lesen die Lippen, wie er es immer tat, wenn ihm eine Sache nicht in den Kopf wollte, und sein Doppelkinn begann zu zittern, als ob er gleich anfangen würde zu weinen. In seiner runden Hilflosigkeit entsprach er in diesem Augenblick genau dem unfreundlichen Übernamen, mit dem ihn die Karikaturisten und Kommentatoren seit dem Tag seines Amtsantrittes piesackten: ›Baby‹ Keller.
Als die Bezeichnung damals zum ersten Mal aufgetaucht war, mit einer ihm beleidigend ähnlichen Karikatur, die ihn in den Armen des Bundeskanzlers darstellte, an einem Fläschchen mit der Aufschrift ›Subventionen‹ nuckelnd, da hatte Keller einen geharnischten Brief an den Chefredakteur der Zeitung aufgesetzt, mit dem Entzug sämtlicher Inserate im Rahmen der häufigen Informationskampagnen seines Ministeriums gedroht und auch nicht vergessen, in einem P.S. darauf hinzuweisen, dass ihm bestimmt niemand den Sinn für Humor absprechen könne, dass man aber von einer Zeitung, die der Regierungskoalition grundsätzlich positiv gegenüberstünde, doch wohl verlangen dürfe, dass sie … Er war mit dem Schluss des Satzes nie ganz zu Rande gekommen, und die ganze Sache hatte sich dann auch erledigt, weil ihn Dr. Dünsheimer davon überzeugt hatte, dass ›Baby‹ als prinzipiell positiv besetzte Assoziation zu werten sei und dass einem Politiker im Grunde nichts besseres passieren könne, als im Bewusstsein der Öffentlichkeit mit einem Wesen in Verbindung gebracht zu werden, dem nach tiefverwurzelter kultureller Tradition der Schutz und die Fürsorge aller zu gelten habe.
Und jetzt das! Minister Keller überflog noch einmal die Zahlen der Umfrage, aus denen zweifelsfrei hervorging, dass er nicht nur, knapp vor dem Finanzminister, das zweitunbeliebteste Kabinettsmitglied der Republik war, sondern auch, knapp vor dem Wissenschaftsminister, das unbekannteste. Dann tat er, was sich in Zeiten politischer Krisen schon immer bewährt hatte: Er bestellte Dr. Dünsheimer zu sich.
Wenn Minister Keller ein verunsichertes Baby war, dann war Dr. Dünsheimer, um im Bild zu bleiben, sein zuverlässiger Kinderarzt. Allein schon wie er dasaß, hatte etwas ungeheuer Professionelles: den lederbesetzten Ellenbogen des original englischen Jacketts locker auf den Schreibtisch gestützt, während die Hand die Pfeife zum Munde führte.
»Ja«, sagte Dr. Dünsheimer und stieß eine Rauchwolke aus wie ein indianisches Signal, »wir stehen vor einem Problem.«
Minister Keller nickte düster.
»Ich würde sogar sagen: Wir stehen vor einem ernsthaften Problem.«
Minister Kellers Kinn begann wieder zu zittern.
»Das aber keineswegs unlösbar ist.«
Minister Keller rieb sich mit dem Zeigfinger am Kinn. Das sah nachdenklich aus und brachte das Zittern zum Stillstand.
»Es steht außer jedem Zweifel«, fuhr Dr. Dünsheimer fort und wirkte immer mehr wie ein Kinderarzt, der die Familie schon seit Generationen erfolgreich vor Röteln, Mumps und Masern bewahrt hatte, »es steht außer jedem Zweifel, dass dringende Maßnahmen geboten sind, um Ihre Akzeptanz in der breiten Öffentlichkeit grundsätzlich zu erhöhen.«
»Vor allem, da nächstes Jahr Wahlen sind«, warf Minister Keller eifrig ein, und Dr. Dünsheimer nickte ihm zu wie einem Kleinkind, das auf Aufforderung brav »ah« gemacht hat.
»Vor allem, da nächstes Jahr Wahlen sind, sehr richtig. Unsere Anstrengungen zu besseren Profilierung und Positionierung Ihrer Persönlichkeit müssen deshalb auf den Short-term-Effekt ausgerichtet sein.«
»In meinem Ressort hat man nicht so viele Profilierungsmöglichkeiten. Als Finanzminister kann man immer noch eine Steuersenkung …«
Dr. Dünsheimer sog verständnisvoll an seiner Briar.
»Und schon wieder eine Broschüre über die Leistungen des Ministeriums … Von der alten liegt noch der ganze Heizungskeller voll. Vielleicht war es doch ein Fehler, dass wir sie nur auf Anforderung verschickt haben.«
»Möglich.« Dr. Dünsheimer hatte in der Glut seiner Pfeife eine winzige Unregelmäßigkeit entdeckt und behob sie hingebungsvoll mit dem Stopfer.
»Was können wir denn noch tun?«
Bevor Baby Kellers Kinn schon wieder zu zittern beginnen konnte, bot ihm Kinderarzt Dr. Dünsheimer die rettende Medizin. »Da gibt es nur noch eines«, sagte er. »Sie müssen in einer Unterhaltungssendung auftreten.«
Zur selben Zeit schob Unterhaltungschef Waschoda die Halbbrille auf die Nasenspitze und studierte das Flaschenetikett mit der misstrauischen Genauigkeit eines Briefmarkenhändlers, dem unvermutet eine Blaue Mauritius auf den Ladentisch gelegt wird.
»Champagner?«, fragte er. »Und erst noch eine sehr anständige Sorte? Was ist denn mit euch los? Sonst habt ihr eure Wettschulden doch immer mit billigem Sekt bezahlt.«
Seine Redakteure lächelten ihn so harmlos freundlich an, wie sie sich das im Umgang mit temperamentvollen Stars und auf Skandale lauernden Presseleuten angewöhnt hatten.
»Der teuerste Champagner erschien uns in diesem Fall nicht mehr als billig«, sagte Rössler, der ein gottbegnadeter Heuchler war. Da er sowieso immer so aussah, als ob er löge, hatten sich seine Mitmenschen der Einfachheit halber daran gewöhnt, ihm lieber gleich alles zu glauben.
»Eine Einschaltquote auf die Stelle nach dem Komma genau voraussagen – einfach Zucker!« Das war das dünne Stimmchen von Beinhacker, dessen feingliedriges Äußeres in völligem Kontrast zu seinem grobschlächtigen Namen stand.
»Wie schaffen Sie das bloß jedes Mal?«, fragte Schmidt-Schmitt und schaute unauffällig auf die Uhr. »Den Trick müssen Sie uns verraten!«
Waschodas Voraussagen über den Erfolg von Sendungen waren auch wirklich unheimlich. Nicht nur, dass er mit seinen Tipps jedes Mal die traditionelle Sektwette in der Abteilung gewann – nein, seit seinem Amtsantritt vor mehr als vier Jahren hatte er sich überhaupt noch nie um mehr als einen Prozentpunkt verschätzt. Er schien den absoluten Riecher für den Geschmack seiner Zuschauer zu besitzen und hatte damit seinen Sender zur unbestrittenen Nummer eins in der Gunst des Publikums gemacht. Sein Intendant liebte und der Rundfunkrat lobte ihn dafür, die Boulevardblätter bejubelten seine Sendungen, und die Kulturzeitungen – was als Erfolgsausweis noch viel wichtiger war – verdammten sie regelmäßig in Grund und Boden. Dass eine solche Erfolgsserie nicht auf reiner Intuition beruhen konnte, darüber waren sich Waschodas Redakteure einig. Intuition hatten sie selber, und das Ergebnis waren ebenso viele Flops wie Hits. Deshalb hatten sie beschlossen, ihren Chef heute, koste es, was es wolle, besoffen zu machen, um ihm endlich das Geheimnis seiner Treffsicherheit zu entlocken.
»Ich tippe ja auf ein Computerprogramm.« Rössler füllte Waschodas Glas wieder auf.
»Unmöglich«, sagte Beinhacker. »Kein Computerprogramm der Welt hätte einer Sendung wie Grün ist die Musike mehr als 25 Prozent Einschaltquote vorausgesagt!« Er selber hatte, im unverbesserlichen Vertrauen auf den guten Geschmack des Publikums, auf 18 getippt. Das Ergebnis waren 32,4 gewesen.
Waschoda lächelte mild. »Ein Computer ist für mich ein Gerät, das Rechnungen verschickt, und sonst gar nichts.«
»Er hat einen Hund zu Hause«, sagte Schmidt-Schmitt, der den Alkohol schlecht vertrug. »Er spielt dem Hund die Sendung vor, und je schneller der mit dem Schwanz wedelt, desto besser kommt sie an. Wau wau.«
Rössler ließ den nächsten Korken knallen. »Oder es ist eine Meinungsumfrage. Irgendein Institut muss ein neues System entwickelt haben, viel genauer als alle anderen. Das Einzige, was ich nicht verstehe: Wo in unserem Budget sind die Kosten dafür versteckt?«
»Das sind doch keine Kosten«, sagte Schmidt-Schmitt. »Ein bisschen Hundefutter und ab und zu ein Knochen.«
»Ich verstecke nie Kosten im Budget«, sagte Waschoda. »Ich lasse höchstens bei der Gestaltung der Ausgabeposten die in meinem Anstellungsvertrag geforderte Kreativität walten.«
»Dabei war die Sendung noch nicht einmal richtig schlecht«, jammerte Beinhacker. »Wenn sie total fürchterlich gewesen wäre – dann hätte ich den Erfolg ja noch verstanden.« Die jahrelange Zuständigkeit für Volksmusiksendungen hatte ihn vom Ästheten zum Zyniker werden lassen.
Rössler versuchte es mit einem Angriff über die Flügel. »Ich würde ja sagen, unser Chef ist einfach ein Genie. Ich sage es bloß nicht, weil man es mir als Schmeichelei auslegen könnte. Und ich habe in meinem Leben noch nie jemandem nach dem Munde geredet. Noch nie. Verdammt noch mal, Chef« – in seinem Ton mischte sich jetzt kollegiale Rabauzigkeit gekonnt mit liebedienerischer Unterwürfigkeit –, »verdammt noch mal, eigentlich sollte ich schon lange im Studio sein und mich um meine Sendung kümmern. Aber ich bleibe hier sitzen, bis Sie uns verraten, wie Sie das jedes Mal machen!«
Doch Waschoda verriet es nicht, auch nicht zwei Stunden und mehrere Flaschen später, als Schmidt-Schmitt schon lange nur noch lallte, während Beinhacker vor dem wortlos besoffenen Rössler auf den Knien lag und schluchzend erklärte, eigentlich sei er ja Kunstgeschichtler und habe über Degas’ Verhältnis zu Frauen dissertieren wollen.
Zur selben Zeit saß Katharina M. im teuersten Frisiersalon ihres Lebens vor dem Spiegel und versuchte sich darüber klar zu werden, ob sie auf ihren neugestalteten Kopf mit Begeisterung oder Verzweiflung reagieren sollte.
Damit wir uns recht verstehen: Katharina hieß natürlich nicht M., sondern hatte einen durchaus gängigen gutbürgerlichen Namen. Aber da sie in den kurzen Tagen ihres Ruhms als Katharina M. in den Schlagzeilen stehen sollte, die Diskretion dieser Bezeichnung durch die großformatigen Fotos ihres markanten Gesichtes nur unwesentlich geschmälert, und da ihr Fall als der Fall M. sogar Anlass zu einer medienwissenschaftlichen Doktorarbeit geben sollte, darf ihr diese verkürzte, aber unmissverständliche Bezeichnung auch in dieser Chronik nicht vorenthalten werden.
Wie sich Frau M. im Spiegel betrachtete, erinnerte sie ihr Kopf an nichts so sehr wie an einen Igel. Im festen Glauben an Gott, vernünftige Schuhe und eine betonharte Dauerwelle aufgewachsen, hätte sie sich am liebsten hinter einem der postmodernen Säulchen versteckt, die ohne erkennbare architektonische Funktion überall aus dem Boden wuchsen, aber angesichts der hohen und nicht mehr rückgängig zu machenden Investition entschloss sie sich dann doch zu einem zaghaften Lächeln.
»Meinen Sie … meinen Sie wirklich, ich kann das tragen?«
»Wer ein Gesicht hat wie Sie, gnädige Frau, der kann getrost alles tragen«, antwortete der Friseur und machte durch die Eleganz seiner aus der Hüfte angedeuteten Verbeugung die Enttäuschung mehr als wett, die er Frau M. mit der Tatsache bereitet hatte, dass er Egon hieß. Bei den Preisen hätte sie zumindest einen Jacques oder François erwartet.
»Es ist nämlich heute Abend besonders wichtig, dass ich gut aussehe«, sagte sie und versuchte aus den Augenwinkeln einen Blick auf ihr Profil im Spiegel zu erhaschen.
»Lassen Sie mich raten«, sagte Egon, der sich wie alle Friseure für einen Menschenkenner hielt. »Eine Familienfeier, stimmt’s? Eine Verlobung, habe ich recht? Ihr Sohn? – Oder ihre Tochter natürlich«, fügte er mit der Bescheidenheit des großen Propheten hinzu, der es sich bei seiner generellen Allwissenheit durchaus leisten kann, eine Unsicherheit im Detail einzugestehen.
»Um Himmels willen! Sehe ich so alt aus?«
»Sie sehen bezaubernd aus, gnädige Frau. Absolut bezaubernd.«
Katharina M. bekam nur selten Komplimente und wurde deshalb redselig davon. »Ich habe überhaupt keine Kinder, wissen Sie. Es hat sich einfach nie ergeben. Man hat ja immer so viel zu tun, im Beruf und überhaupt.«
»Sie sind Geschäftsfrau, das habe ich gleich gemerkt.«
»Gewissermaßen«, antwortete Frau M., die seit vielen Jahren einen Zeitschriftenkiosk führte. »Aber heute Abend ist kein geschäftlicher Anlass.«
Egon beschloss, etwas für sein Trinkgeld zu tun. »In diesem Fall«, sagte er und wischte ein imaginäres Haar von Frau M.s Nylonbluse, »in diesem Fall kann es sich nur um ein Rendezvous handeln.«
Frau M. lächelte beglückt. Mit der neuen Frisur war sie jetzt endgültig versöhnt.
»Wenn Sie es genau wissen wollen«, sagte sie und griff nach ihrer Handtasche, »dann sollten Sie heute Abend den Fernseher einschalten!«
Zur selben Zeit verließ der Schauspieler Siegfried Esche, dem Publikum besser bekannt als Hausarzt Dr. Patrizius aus der gleichnamigen Serie, am Arm einer hübschen jungen Dame die Wohnung an der Spiegelstraße, wo er an drehfreien Nachmittagen gern begabte Nachwuchskünstlerinnen am reichen Schatz seiner Erfahrungen teilhaben ließ. Mit einer Geste, die jeder Fernsehzuschauer sofort erkannt hätte, kontrollierte er noch einmal den Sitz seiner Krawatte, und mit einem ebenso automatischen Griff, den man auf dem Bildschirm allerdings noch nie gesehen hatte, überprüfte er, ob sein Hosenladen geschlossen war.
»Eine Szene im Wartezimmer kann ich dir garantieren, Liebes«, sagte er mit seiner sonoren Stimme. »Ob auch ein paar Sätze drin sind … Ich werde mein Bestes tun, aber ich bin halt auch nur ein kleines Rädchen in der großen Maschine.«
»Du bist ein wunderbarer Mann!« Esche nahm das Kompliment mit großer Selbstverständlichkeit auf. Er hörte es nicht zum ersten Mal.
»Die Kamera ist unbestechlich«, antwortete er. Das machte im Zusammenhang zwar keinen Sinn, klang von ihm gesprochen aber wie eine tiefe Weisheit.
»Sehen wir uns bald wieder?«
»Man soll dem Glück nicht in die Karten schauen wollen.« Diesen Satz hatte Esche in einer der ersten Folgen seiner Serie gesprochen, und dessen unverbindliche Bedeutsamkeit war ihm seither schon mehrmals sehr gelegen gekommen.
Als die beiden das Haus verließen, stürzte eine ältere Dame auf Esche zu.
Was dann genau passierte, darüber gehen die Aussagen auseinander. Esche selber gab zu Protokoll, er habe die ihm unbekannte Frau für eine jener Fotografinnen gehalten, unter deren Zudringlichkeit er so viel zu leiden habe, insbesondere da sie ein kleines schwarzes Kästchen in der Hand gehalten habe, das auf den ersten Blick wie ein Fotoapparat aussah. Er habe daraufhin, mit einem Blitzlicht rechnend, die Hände in einer Reflexbewegung vor die Augen geführt, man werde wohl Verständnis dafür aufbringen, denn schließlich habe auch ein prominenter Künstler Anspruch auf eine gewisse Intimsphäre, und da müsse die Frau wohl in ihrem unkontrollierten Ansturm mit seiner Hand kollidiert sein, ob mit dem Kopf oder mit einem anderen Körperteil, das wisse er beim besten Willen nicht zu sagen.
Die junge Schauspielerin, Irene Ems mit Namen, ging vor allem auf das verzerrte Gesicht der Frau ein, das sie, es gäbe da wirklich keinen passenderen Ausdruck, nur mit dem Begriff ›blutrünstig‹ bezeichnen könne; sie selber, ein von Berufes wegen sensibler Mensch, sei bis ins Mark erschrocken, ja habe sogar an ein Attentat gedacht, es wäre ja nicht das erste Mal gewesen, dass ein begnadeter Künstler durch den Wahnsinn eines Einzelnen ein tragisches Ende genommen hätte, sie denke da beispielsweise an John Lennon. Aus eben dieser Erschütterung heraus sei sie auch nicht in der Lage gewesen, das Geschehen im Detail zu beobachten, aber sie würde ihre Hand dafür ins Feuer legen, und sie meine das ganz wörtlich, dass Siegfried Esche keine Schuld träfe, er sei ein grundgütiger Mensch und habe nur schon deshalb bestimmt nicht die geringste Absicht gehabt, der Frau Böses zu tun oder sie gar zu verletzen. Auf gar keinen Fall habe er sie gestoßen oder gar geschlagen, das könne sie, wenn nötig, auch mit einem heiligen Eid beschwören.
Dem widersprach sehr heftig der Maschinenschlosser Walter Faulenbacher, der als zufällig des Weges kommender Augenzeuge ebenfalls vernommen wurde. Er war der Ansicht, und er verstehe etwas von Karate, dass Siegfried Esche einen geradezu klassischen Atemi angewandt habe, einen Killerschlag, mit dem man einen Ochsen auf die Matte legen könne, ganz zu schweigen von einer gebrechlichen alten Dame, und er, Walter Faulenbacher, könne es überhaupt nicht verstehen, warum der einfache Mann von der Straße immer gleich ein Strafmandat kassiere, wenn er, der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, mal ein paar Minuten im Anhalteverbot stünde, während ein Prominenter wie Esche sich wohl alles erlauben könne, ein Skandal sei das, ein ausgesprochener Skandal, und es müsse sich niemand wundern, wenn die Stimmbürger bei der nächsten Wahl den Politikern einen tüchtigen Denkzettel in die Urnen steckten.
Dem Protokoll des eilig herbeigerufenen Notarztes war nur zu entnehmen, dass die ältere Dame, eine gewisse Martha Fiedler, in bewusstlosem Zustand auf dem Boden gelegen habe und äußerliche Spuren irgendeiner Gewaltanwendung bei ihr nicht festzustellen gewesen seien. Man habe Frau Fiedler ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie zum Zeitpunkt des Protokolls, mehrere Stunden später, immer noch nicht aus ihrer Ohnmacht erwacht sei.
Von den wirklich interessanten Aspekten des rätselhaften Vorfalls war in keiner der Aussagen die Rede. Aber davon konnte ja damals auch noch niemand etwas ahnen.
Gemäß Einladungsschreiben hatten sich die Kandidaten von Ferngesehen, gern gesehen spätestens um 17.00 Uhr im Sender einzufinden. Katharina M. meldete sich exakt fünf Minuten vorher beim Pförtner. Ob sie damit den zuverlässigen aber nicht übereifrigen Eindruck gemacht hätte, den sie beabsichtigte, ließ sich nicht feststellen, denn erst eine Viertelstunde später kam ein junges Mädchen mit einem Klemmbrett in der Hand in die Pförtnerloge und schaute sich suchend um.
Außer Frau M. wartete dort niemand. Trotzdem dauerte es ein ganzes Weilchen, bis das Mädchen auf sie zutrat und sie mit ungläubiger Stimme fragte: »Sind Sie die Frau für Ferngesehen, gern gesehen?«
»Mein Name ist M.«, sagte Katharina. »Ich war pünktlich hier.«
»Sie sind Frau M.?« Das Mädchen studierte ein Polaroid-Foto, das auf dem Klemmbrett befestigt war, und schüttelte den Kopf. »Aber Sie sehen ja ganz anders aus!«
»Egon meint, es steht mir gut. Das ist der Friseur, bei dem ich war. Vielleicht ein bisschen frech für mein Alter, aber man will sich ja schließlich nicht blamieren am Fernsehen. Meinen Sie, es ist zu kurz geworden?«
Das Mädchen schluckte leer. »Jetzt kommen Sie erst einmal mit, liebe Frau M.«, sagte sie. »Ich bin sicher, es wird sich schon alles finden.«
Der Aufenthaltsraum für Kandidaten war spärlich möbliert: ein ausrangierter Schreibtisch und vier Stühle, von denen zwei zusammenpassten. An der Wand war mit Lassoband als einziger Schmuck ein Zettel befestigt, auf dem stand: ›Auszahlung der Spesen nach der Sendung in der Aufnahmeleitung‹.
»Machen Sie sich’s bequem«, sagte das Mädchen und war schon wieder verschwunden.
Die beiden anderen Mitspieler waren bereits da: ein junger Mann, der seine langen rötlichen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, und ein Herr mittleren Alters, der aussah wie ein Lehrer und es auch war.
»Seemann ist mein Name«, stellte er sich vor, »Dr. Eberhard Seemann. Meine Schüler nennen mich heimlich Käpt’n, das ist wohl nur natürlich. Wir waren ja auch einmal jung. Die Lausebengels sind es auch, die mich für diese Sendung angemeldet haben. Heimlich. Und heute sitzen sie natürlich alle vor dem Fernseher und hoffen, dass ihr Käpt’n mit fliegenden Fahnen untergeht.«
Dr. Seemann erinnerte Katharina an einen Film, den sie einmal gesehen hatte. Blacky Fuchsberger rauchte darin Pfeife, und ein kleiner Junge sprang aus einem Fenster. Das fliegende Klassenzimmer, natürlich. Vielleicht wollte es der Zufall, dass sie heute in der Sendung nach genau diesem Film gefragt wurde.
Dr. Seemann redete immer noch. »Warum ausgerechnet für diese Sendung, das habe ich allerdings nicht verstanden. Mein Beruf lässt mir gar nicht so viel Zeit fernzusehen. Es gäbe da durchaus andere Quizzes«, – Katharina M. hatte diese Mehrzahl noch nie gehört und beschloss, sie sich zu merken –, »bei denen es viel mehr auf eine fundierte Allgemeinbildung ankommt. Aber als Käpt’n kann man sich schließlich vor seiner Mannschaft nicht blamieren. Sie sehen wohl viel fern?«
»Eigentlich nicht. Aber ich habe beruflich mit Zeitschriften aller Art zu tun, und da kriegt man natürlich eine Menge mit. Ich bin Katharina M.«
»Freut mich«, sagte Dr. Seemann, »freut mich wirklich. Das ist auch ein positiver Aspekt einer solchen Sendung, dass man mit Leuten aus ganz anderen Schichten in Kontakt kommt. Wir Gebildeten haben viel zu sehr die Tendenz uns abzugrenzen. Intellektueller Hochmut kommt vor dem Fall, sage ich meinen Jungs immer.«
»So geschwollen redet der schon seit einer halben Stunde«, meinte der junge Mann, der bisher noch kein Wort gesprochen hatte. Er streckte Katharina die Hand hin. »Hi, Katharina, ich bin der Joe. Deine Frisur ist übrigens echt heiß. Da steh ich drauf.«
»Ich weiß nicht.« Katharina M. fuhr sich nervös mit der Hand über den stachligen Kopf. »Vielleicht hätte ich doch zu dem Friseur gehen sollen, wo ich sonst immer …«
»Quatsch. Die kleine Prise Wahnsinn ist doch genau richtig. Ein bisschen Show muss sein im Quasselkasten.«
»Sind Sie Spezialist für Fernsehen?«
»Überhaupt nicht! Ich habe abends Gescheiteres zu tun, als vor der Glotze zu hocken. Angemeldet habe ich mich nur aus Gag. Und weil man diese Reisen gewinnen kann. Jetzt bei dem Sauwetter auf die Azoren oder sonst irgendwo in die Südsee, das wäre doch echt gut.«
»Die Azoren sind nicht in der Südsee«, sagte Dr. Seemann. »Es gibt da einen ganz einfachen Merksatz.« Aber er kam nicht mehr dazu, das Thema weiter auszuführen, denn in diesem Augenblick öffnete das Mädchen mit dem Klemmbrett die Türe, und der Regisseur betrat das Zimmer.
Dass es der Regisseur war, das sah Katharina auf den ersten Blick. Er trug eine offene Lederweste, die den Blick auf einen beträchtlich gewölbten Rollkragenpullover freigab, vor dem eine Brille und eine Stoppuhr baumelten. Er war schlecht rasiert, aber so, dass man merkte: Es war Absicht und nicht einfach Nachlässigkeit. Sein Gesicht war rot angelaufen, und er brüllte.
»Das soll meine Oma sein? Dieser Albtraum eines Maskenbildners? Dieser Lämmergeier in der Mauser? Dieses Monster von Loch Ness? Ich habe eine Oma bestellt und keinen Senioren-Punk!«
»Ich bin extra zum Friseur gegangen …«
