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Antonia hat eine Scheidung hinter sich. Nach einer längeren Zeit des Rückzugs trifft sie einen verheirateten Mann und ist fürs Erste einem Abenteuer nicht abgeneigt. Der Mann bringt sie in eine leere Wohnung, aber anstatt sie dort zu verführen, möchte er die Wohnung mit ihr einrichten. Eine bizarre Amour fou beginnt, Sex wird immer mehr zu einem Akt der Verweigerung...
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Sanja Luftiger
Eine Art von Zärtlichkeit
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Strafzettel
Im Einrichtungshaus getraut
Tankred Dorst ist tot
Dort, wo der Herzinfarkt ist
Friederike hat Ohrenschmerzen
Ein gewaltiges Bild
Die Gesetze des Betrügens
Ferienmesse wie Wohnung einrichten
Ferdinand richtet wo anders ein
Höchstens Lieblingsfeind
Ein Kaschmirpulli
Antonia fährt Schi
Antonia verweigert sich einer intellektuellen Beziehung
Arschloch, er hat es selbst gesagt
Ein neuer Mann
Impressum neobooks
Sie bestellte eine Melange und sah sich um. Niemand von den Herumsitzenden hatte eine Ähnlichkeit mit jener Person, auf die sie wartete.
Er kam nach ihr, und ohne den weißen Mantel sah sie, wie dick er war. Den Bauch hatte er in eine modische Jean gezwängt, der Name des Designers stand breit auf dem Bund geschrieben, dazu ein leichtes Leinensakko im Trachtenlook und ein rosa Hemd.
Er hatte also keinen Geschmack, das war klar, als sie ihn nun ohne den weißen Mantel sah. Aber was bedeutete das für sie?
Es freute sie, dass er ihr nicht gefiel, es gab ihr ein Gefühl, ihm überlegen zu sein.
Er schien ihr zerfahren, er drängte nach Aufbruch, obwohl er sich erst gesetzt hatte, er winkte dem Ober, um ihren Kaffee zu bezahlen. Er bestellte nichts für sich, er sagte, dass sie mitkommen solle, er müsse ihr etwas Wichtiges zeigen.
Als sie aufgestanden waren, fiel ihr auf, wie groß er war, damals hatte sie ihn nur sitzend gesehen.
Sie gingen zu seinem Auto, ein Schlitten, dachte Antonia, und sie sah, dass auf der Beifahrerseite ein Kindersitz befestigt war, den er nun losmachte und auf die schmale Rückbank legte. Er hatte also ein Kind, dachte Antonia, sie hatte auch eines und von der Größe des Kindersitzes schließend, musste es in einem ähnlichen Alter sein. Das Auto war Marke BMW oder so und sie bat ihn, den Deckel zu schließen, da sie es lächerlich fand, als erwachsene Frau, inzwischen sogar geschiedene Frau, und Mutter, in einem Cabriolet herumzugurken wie junges Gemüse, das angebraten und eingekocht werden wollte.
Unter dem Scheibenwischer klemmte ein Strafzettel. Antonia freute es. Sie wollte sehen, wie er reagierte. Es erinnerte sie an ein Rendezvous, das sie mit einem Typ, Marke Anwalt, hatte. Er schien ihr nicht uninteressant, er hatte sich auf Urheberrechte spezialisiert, kannte nicht nur interessante Fälle, sondern auch interessante Theaterstücke, über die sie mit ihm reden konnte. Nach einem harmonischen Abendessen waren sie zu seinem Auto gegangen, und eigentlich hätte sie nichts dagegen gehabt, wenn er noch mit zu ihr kommen wollte. Aber unter dem Scheibenwischer hockte ein Strafzettel und flatterte immer wieder auf, wie ein lahmer Vogel im Wind. Der Mann fing zu fluchen und zu schimpfen an. Antonia hatte sofort das nächste Taxi aufgehalten und war verschwunden, auf Nimmerwiedersehen. Sie fand es beleidigend, dass ihm ein Abendessen mit ihr nicht einmal eine Parkstrafe wert gewesen war.
Nun beobachtete sie, wie der Dicke reagierte, sie war mit den Augen schon auf dem Sprung ins nächste Taxi. Er fetzte den Zettel mit einem Schwung unter dem Wischer hervor, so als wäre es ihm egal, wenn der Wischstab in die Luft flöge. Er schmiss den ffPlastiklappen auf den Rücksitz und Antonia schien es, dass er nicht nur den Coolen mimte, um ihr zum imponieren, sondern dass es ihn selber nicht weiter rührte, was auf dem Zettel stand.
„Hauptsache, ich habe Sie nicht warten lassen“, sagte er und genau das dachte Antonia auch. Mit einem Knopfdruck stülpte er die schwarze Plane über ihre Köpfe und fuhr langsam los, langsamer als Antonia erwartet hatte von einem Mann, der sich so eine Riesenladung an Pferdestärken unter den Hintern geschoben hatte.
Sie wusste nicht, wohin die Reise ging. Sie musterte ihn von der Seite und überlegte, ob er wie ein Frauenmörder aussah, man weiß es nicht, so lange man keinem begegnet ist. Sie fragte sicherheitshalber, ob er vorhätte, sie umzubringen.
Er lächelte nur und meinte, eine Überraschung sollte es sein, aber es sei ihm lieber, es würde nicht mit ihrem Tod enden.
Er faselte etwas von einem schlimmen Buben, der er sei, und Antonia verzog die Lippen. Wie er da saß, mit den auffällig gespreizten Beinen, damit der Bauch Platz hatte zwischen Lenkrad und Schenkel, und sie dachte, wie lächerlich, von sich als von einem schlimmen Buben zu reden, mit diesem Bauch und mit der Halbglatze, und sie schloss daraus, dass er nur eine Tochter haben konnte und keinen Sohn, mit diesem peinlichen Schlimmebubengeschwätz. Nie wäre Antonia auf die Idee gekommen, von sich als von einem schlimmen Mädchen zu reden, mit einem weiblichen Kind an der Kittelfalte.
Was kann denn so schlimm an ihm sein, dachte Antonia. Er hat sicher ein biederes Leben mit diesem Wohlstandsbauch und dem feisten Gesicht. Er war so spießig, dass er nicht einmal einen Mordsgedanken mit ihr zu Ende denken konnte. Er hielt sich für verwegen, weil er wahrscheinlich verheiratet war und während der Ehe ein paar andere Frauen ins Bett gezerrt hatte. Wie gut, dass sich die Menschen so leicht und so schnell an den Rändern ihrer Abgründe wähnen, dachte Antonia weiter, so dass sie kein Bedürfnis danach haben, tiefer in ihre Abgründe zu schauen. Ein bisschen außerehelicher Sex, und schon meinen sie, dem Bösen schlechthin begegnet zu sein. Eigentlich müsste man mit jedem x-beliebigen Mann zu jeder x-beliebigen Zeit ins Bett gehen, um zu verhindern, dass ein Mörder oder Attentäter aus ihm wird, stellte sich Antonia vor und konnte sich gleichzeitig nicht vorstellen, mit diesem Exemplar hier zu schlafen, den sie in ihrer persönlichen Kategorisierung unter der Rubrik Wohlstandsklassiker einreihen und ablegen wollte.
Es reizte Antonia bloß, hier jemanden kennen zu lernen, über den sie noch nichts wusste, von dem sie noch von keiner Seite etwas zugetragen bekommen hatte. Es gefiel ihr, weil sie einzig und allein ihrer eigenen Wahrnehmung ausgesetzt war.
Er fuhr in die Garage eines langgezogenes Wohnblocks, der, wie ihr schien, erst in Fertigstellung war. Die Einfahrt war noch von Sand- und Schotterhaufen gesäumt, und der Asphalt hatte einen sehr dunklen, und noch sehr frischen Belag.
„Hier sind wir“, sagte er.
„Ja sicher. Hier sind wir“, beteuerte Antonia.
Er ging nicht auf ihren Sarkasmus ein. Antonia folgte ihm. Sie ging mit ihm zum Lift und sie fuhr mit ihm hinauf, als er die Taste in den siebenten Stock drückte. Antonia nahm es wahr, dass sie allein mit dem Mann im Lift fuhr, aber sie fand die Situation nicht angespannt oder gar spannend, sie fand es nur seltsam, dass sie mit diesem Mann mitgegangen war, irgendwohin, ohne dass er ihr gefiel, ohne dass es irgendetwas gab, das sie an ihm anziehend gefunden hätte.
Er sperrte auf und sie betraten eine leere Wohnung. Nur ein flauschiger Gabbeh in Blau lag in der Mitte des Zimmers.
„Den habe ich heute gekauft“, sagte er. „Wie gefällt er Ihnen?“
Antonia verstand nicht, was von ihrer Beurteilung dieses Teppichs abhängen konnte.
„Ich habe nichts gegen diesen Teppich“, sagte sie und er zeigte ihr das Badezimmer und die Küche.
„Was sagen Sie dazu“, fragte er weiter und Antonia zuckte mit den Schultern, noch immer nicht wissend, welche Bedeutung ihr Gefallen oder Nichtgefallen haben konnte.
„Ich habe diese Wohnung für meine Tochter gekauft. Für später, wenn sie einmal studieren wird“, sagte er. „Bis dahin wollte ich sie vermieten, aber wenn sie Ihnen gefällt und wenn Sie sich hier mit mir treffen wollen, dann werde ich sie behalten.“
Antonia war verblüfft. Mehr noch über die Redensart als über sein Ansinnen. Sie konnte noch verstehen, dass er sich ausgedacht hatte, wie es mit ihr gehen könnte, irgendwann, wenn sie genug miteinander geredet hätten, wenn sie gewusst hätten, welche Bücher sie lasen und welche Filme sie sahen. Aber Antonia konnte nicht verstehen, dass ihre Zustimmung die Bedingung sein sollte, damit er überhaupt mit ihr reden und sie kennen lernen wollte.
„Ich werde noch eine Couch für uns kaufen“, fuhr er fort, „werden Sie mir helfen, beim Aussuchen? Und Vorhänge, was denken Sie, welche Vorhänge hier passen könnten?“
Dieser Mann ist verrückt, dachte Antonia. Sie schaute auf seinen Mund, als er ihr die Anordnung der Küche erklärte. Sie überlegte, ob sie diesen Mund küssen wollte. Der Mund war für Antonia das Wichtigste im Gesicht eines Menschen. Obwohl die meisten Menschen glauben, die Augen wären das Wichtigste. Aber in den Augen zeigen sich nur Intelligenz oder Dummheit, in der Haltung des Mundes hingegen Sensibilität oder Primitivität.
Antonia wusste nicht, was dieser Mund war, mit einem leicht spöttischen Zug an den Rändern, aber einem unerwarteten Stülpen der Oberlippe, was ihn beim Reden weicher machte als man es erwartete, wenn er geschlossen war.
Während Antonia über diesen Mund nachdachte, stellte der Mann sich hinter sie, umfasste ihre Mitte und drehte sie herum.
„Kommen Sie, küssen Sie mich“, sagte er und legte seine Lippen auf ihre und tatsächlich fühlte es sich weicher und angenehmer an, als sie vermutet hatte. Sie wehrte sich dagegen, sie presste ihre Lippen aufeinander und spürte doch, dass er gut schmeckte, weich und warm, ohne Geruch nach Speichel oder Essensresten.
„Tun Sie doch nicht so“, sagte er und fasste nach ihren Brüsten. „Sind Sie mit mir gegangen, um mir die Moralische vorzuspielen?“
„Ich spiele gar nichts“, sagte Antonia. „Ich würde Ihnen und mir Gefühle vorspielen, wenn ich jetzt mit Ihnen ins Bett ginge. Oder auf den Boden“, sagte sie und deutete auf den Teppich.
„Spielen Sie“, sagte er.
Antonia verzog das Gesicht.
„Haben Sie einen Mann?“
Antonia ging einen Schritt zurück, sie brauchte Distanz, um mit ihm reden zu können.
„Ich bin geschieden!“
Er ging ebenfalls einen Schritt zurück und fragte: „Was mache ich falsch?“
„Alles“, sagte Antonia.
Er setzte sich auf die Stufe vor der Balkontür und schüttelte den Kopf.
„Was wäre richtig?“
„Es ist nicht meine Sache, das herauszufinden.“
„Werden Sie wiederkommen?“
„Wenn die Bedingung ist, dass ich mit Ihnen schlafen muss, nein!“
„Sie sollen nicht müssen!“
„Dann hören Sie auf, mich zu bedrängen!“
„Sie können jederzeit gehen!“
„Ciao!“
Antonia ging und drückte auf den Liftknopf. Kaum war sie aus der Wohnung, hatte sie keine Erinnerung mehr an sein Gesicht. Nur seine Hände fielen ihr ein, klobig, sehr klobig und mit viel zu kurzen Fingern für einen so großen Mann, noch dazu trug er am kleinen Finger einen Siegelring. Ihr fiel das Picasso-Foto ein, auf dem der Maler die Milchstollen auf dem Tisch gereiht hatte, als wären es seine Finger. Picasso, natürlich, dachte sie. Das Naheliegendste fällt mir ein. Er hat auch keine Chirurgenhände gehabt. Mein Gott, neige ich schon dazu, diesen Mann zu verteidigen, kaum dass ich sein Boudoir unverrichteter Dinge verlassen habe? Nur weil er derbe Hände hat, ist er noch lange kein Picasso. Ich weiß nicht einmal, ob er ein guter Arzt ist. Alle Ärzte behaupten, dass sie gut wären und die meisten anderen wären schlecht. Er hat nicht einmal von sich behauptet, ein guter Arzt zu sein.
Antonia ging stur auf den Ausgang zu. Sie sah nicht nach links oder nach rechts, sie wollte nichts mitnehmen von hier, nicht einmal eine Erinnerung an das Stiegenhaus, an die Straße oder an die Gegend. Sie sah zu Boden und strebte auf eine größere Straße zu, sie wollte rasch wieder an den öffentlichen Verkehr andocken.
„Darf ich Sie ein Stück mitnehmen?“ Er hatte neben ihr gehalten. „Ich bringe Sie, wohin Sie wollen.“
„Wo ist die nächste U-Bahn-Haltestelle?“, fragte sie.
„Die finden Sie nie. Das ist hier kompliziert, außerdem: eine gefährliche Gegend. Kommen Sie, ich bringe Sie hin.“
„Dass die Gegend hier gefährlich ist, habe ich schon bemerkt“, sagte sie und stieg ein.
„Nicht gefährlich genug“, brummte er. „Was haben Sie gegen diese Wohnung?“
„Nichts“, sagte sie, „ich habe nur nichts für sie.“
„Darf ich wieder anrufen?“
Antonia nickte beiläufig. Es war eine unkomplizierte Art des Verabschiedens, und sie konnte sich noch überlegen, ob sie ihn wiedersehen wollte.
Antonia schien es, als starrten sie die Leute in der U-Bahn an. Als hätte sie etwas Ungehöriges an sich. Sie sah an sich herab und entdeckte keinen Toilettefehler. Sie starrte zurück. Einer wagte es und ließ den Blick auf ihr, obwohl sie ihn abschätzig ansah, er war vom Typ besserer Angestellter und grinste sie an, als wäre sie für ihn zu haben, zumindest als eine Möglichkeit, von gleich zu gleich. Du überschätzt dich, dachte sie. Wie konnte er glauben, dass er sie so ansehen dürfe, sah er ihre Kultiviertheit nicht, ihren Stil nicht, sah er nicht, dass es unmöglich war, sie anzugrinsen, als wäre sie von der Straße, oder ein Gegenstand, der in der U-Bahn zurückgelassen worden war, den man nur aufheben musste und mitnehmen konnte, weil er niemandem gehörte und niemandem fehlte, weil er längst vergessen worden war, wie ein altes Paar Schuhe, das man sich zwar einpacken ließ, aber dann in der U-Bahn vergessen hatte. So eine war sie nicht. Und doch, was war so anders gewesen, als der Mann sie aufgelesen hatte, in dem protzigen Cabrio, in das einzusteigen ihr theoretisch peinlich gewesen wäre, und in das sie doch eingestiegen war wie in einem Film mit dem jungen Mickey Rourke. Aber nur das Auto war vom Typ Mickey Rourke, nicht der Fahrer, und das einzige, das dieses Aufreißerklischee durchbrochen hatte, war der Kindersitz. War es eine kalkulierte Methode, um Sympathie bei einer bestimmten Art von Frauen zu wecken? Bei kindchenschemaabhängigen, die von einem Mann lieber das Foto des Sprösslings sehen wollen als seine steile Bude?
Antonia glaubte nicht, dass er noch einmal anriefe nach diesem misslungenen Treffen. Sie wusste auch nicht, ob sie ihn noch einmal sehen wollte, aber sie gönnte es ihm nicht, dass er bestimmte, wann Schluss gemacht wurde. Sie wollte „nein“ sagen, falls er ein weiteres Treffen vereinbaren wollte. Aber damit sie nein sagen konnte, musste er anrufen.
Sie ging nicht mehr zurück in den Verlag, sie holte Friederike vom Kindergarten ab, etwas früher als sonst, sie wollte sich mit ihr einen schönen Nachmittag machen. Sie hatte mehr Zeit für ihr Treffen veranschlagt gehabt. Nun wollte sie die gewonnene Zeit ihrem Kind schenken. Aber Friederike wollte diese Zeit nicht haben.
„Was tust du schon hier“, fauchte die Kleine ihre Mutter an und stemmte ihre Hände in die Hüften.
„Dich abholen, was sonst. Ich dachte, du freust dich und wir machen uns einen schönen Nachmittag!“
„Es geht jetzt nicht“, sagte Friederike, „wir waschen gerade die Puppenkleider. Aber in einer Stunde. Vielleicht!“
Antonia ging in ein Kaffeehaus in der Nähe des Kindergartens. Sie packte ein Manuskript aus und las.
Er rief wieder an. Ohne Einleitung begann er: „Wir brauchen dringend Vorhänge. Würden Sie mir helfen, welche zu kaufen?“
„Warum ich? Sie haben doch eine Frau, die Ihnen helfen kann“, antwortete Antonia.
„Aber ich will, dass sie Ihnen gefallen und nicht ihr. Ich möchte mit Ihnen in dieser Wohnung sein!“
„Warum?“
„Weil Sie mir gefallen. Aber das habe ich Ihnen schon gesagt, oder nicht? Außerdem brauche ich Ihren Rat.“
Antonia fuhr mit ihm zu einem Einrichtungshaus. Diesmal wolle er sich nur mit einem Store beschäftigen, sagte er. Wie die blickdichten Seitenteile aussehen sollten, würden sie am besten entscheiden, wenn sie das Sofa hätten. Das Sofa habe er schon bestellt, es würde in vier Wochen geliefert werden und er sagte, er wäre schon sehr neugierig, ob es ihr gefiele. Er lächelte in sich hinein und Antonia wusste nicht, ob vor heimlicher Freude oder vor Schadenfreude über ihre Empörung, was seinen Geschmack betraf.
„Ich weiß, dass wir nicht den gleichen Geschmack haben“, sagte er. „Das habe ich gleich gesehen. Sie halten sich für kultiviert, weil Sie mit Kunst und Kultur zu tun haben. Und Sie denken, was kann so ein blöder Arzt schon für einen Geschmack haben. Aber Sie werden sehen, das, was ich kaufe, passt zu mir und alles, was ich tue, hat mit mir zu tun.“
„Spielen Sie Golf?“, fragte Antonia.
„Natürlich“, sagte er, „das tun Ärzte doch. Außerdem: Sehen Sie mich an! Was meinen Sie, zu welcher Sportart ich sonst noch fähig wäre. Bei meinem Gewicht!“
„Was weiß ich. Zum Fischen vielleicht“, sagte Antonia.
„Höchstens zum Zuschauen beim Fischen,“ lachte er.
Auf der ganzen Fahrt zu einem Einrichtungshaus machte er keinen Versuch, Antonia zu berühren, er schien kein anderes Ziel zu verfolgen, als Vorhänge zu kaufen.
„Was stellen Sie sich vor“, fragte er.
„Ich weiß es nicht, aber ich frag mich das auch!“
„Ganz dünne, duftige, oder eher gröbere, schwerere.“
Es waren tatsächlich nur die Vorhänge, über die er sprach.
„Gröbere, schwerere würden eher zu Ihnen passen“, sagte sie.
„Aber zu Ihnen sollen sie auch passen!“
„Ich denke, da wird sich schwer ein Kompromiss finden lassen!“
„Es würde mich nicht stören, wenn Sie ein paar Kilo mehr hätten!“
„Mein Gewicht ist mühsam erarbeitet“, empörte sich Antonia.
„Das sieht man“, antwortete er.
Antonia beobachtete ihn. Wie er sich erkundigte, wie er mit der Verkäuferin redete, wie wichtig er herumtat, als würde er ein ganzes Theater kaufen und nicht nur einen Vorhang. Antonia beschränkte sich darauf, ihm zuzustimmen bei jenem Stoff, der ihm gefiel. Sie hätte bei jedem anderen auch zugestimmt, weil ihr dieser Vorhang egal war. Sie wollte etwas anderes. Sie wollte dahinterkommen, was dieser Mann eigentlich von ihr wollte. Und sie von ihm. War es tatsächlich nur die kuriose Situation, die sie interessierte? Der Vorhang musste noch genäht werden und das würde ungefähr eine Woche dauern.
„Eine ganze Woche“, schrie er und tat bestürzt.
„Wir haben noch andere Kunden, die Vorhänge nähen lassen“, sagte die Verkäuferin distanziert.
„Ja,ja, ist schon in Ordnung“, sagte er und zückte seine Visitenkarte, damit sie den Namen auf den Abholschein schreiben konnte. Ferdinand Hörner, fiel es Antonia ein. Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten.
„Sind Sie privat auch erreichbar“, fragte die Verkäuferin.
„Es genügt, wenn Sie in der Ordination anrufen. Notfalls läuft ein Band!“
„Oder soll ich die Gattin benachrichtigen, falls ich Sie nicht erwische“, blieb die Verkäuferin hartnäckig und schaute zu Antonia.
„Willst du?“, fragte der Mann, er sah Antonia ungerührt an.
Antonia winkte ab.
„Es bleibt bei der Ordination!“
Sie fuhren in die Wohnung. Er nahm sein Sakko vom Kindersitz. Sie sah, dass er einen Espressoautomaten auf den Kindersitz geschnallt hatte. „Habe ich bei Tchibo gekauft, sagte er, „war gar nicht teuer. Damit wir uns immer Kaffee machen können. Zum Beispiel, wenn Du vor mir dort bist. Dann kannst du dir schon einen Kaffee kochen und Dich auf den Balkon setzen.“
„Seit wann sind wir per Du?“, fragte Antonia.
„Seit wir Mann und Frau sind. Hast du es nicht bemerkt? Die Verkäuferin hat uns eben getraut!“
Antonia schwieg und überlegte, ob sie mit ihm auf den Boden gehen wollte oder nicht. Hatte er vor, mit ihr ein Doppelleben zu führen oder war es sein Trick, Frauen mit dieser in Aussicht gestellten Idylle gefügig zu machen?
Antonia ließ sich von ihm ausziehen und tat nichts, um ihm behilflich zu sein. Sie starrte auf diesen nackten, fetten Körper über ihr, auf die Wülste an den Hüften, auf den fetten Bauch, der es ihm nicht möglich machte, dass er sich auf sie legte. Er hätte sie zerdrückt. Er kniete vor ihr und hob ihre Hüften an und dabei schien er ganz auf sich selbst konzentriert zu sein.
Danach hatte er es eilig. Er lief ins Badezimmer und wusch sich, als müsste er sie abschrubben von sich, er sah auf die Uhr und stöhnte. Ein Termin, den er vergessen hätte. Antonia hatte den Eindruck, dass er es nur eilig hatte, von ihr wegzukommen. Er nahm sie ein Stück mit, hinaus aus der gefährlichen Gegend. Bei einer U-Bahn-Haltestelle setzte er sie ab, noch ein höflicher Kuss, um kein Wort über den Grund eines nicht gegebenen Kusses zu verlieren, kein Ich-ruf-dich-wieder-an, weg war er. Antonia stand auf dem Gehsteig. Sie hoffte, niemand habe gesehen, dass dieser Mann sie küsste. Sie hätte es nicht erklären können.
In den Verlag wollte sie nicht mehr, es war spät. Sie fuhr zum Kindergarten und setzte sich in ein Cafe. Sie wartete bis fünf und schrieb ihr Lektorat eines Stückes mit der Hand. „Sehr geehrter Autor, haben Sie vielen Dank für die Einsendung Ihres Manuskriptes. Ich habe das Stück mit Interesse gelesen, muss Ihnen aber leider mitteilen, dass wir uns nicht dazu entschließen konnten, es in unser Verlagsprogramm aufzunehmen. Die Gründe hierfür möchte ich im Folgenden kurz darstellen...“
Von ihrer Tochter wollte sie keine neuerliche Abfuhr bekommen.
Eine Woche später rief er sie an, als hätten sie einander beim Frühstück das letzte Mal gesehen. Die Vorhänge seien fertig und müssten abgeholt werden. In der Ordination sei nicht mehr viel los, in einer halben Stunde könnte er weg.
„Aber ich nicht“, sagte Antonia. „Ich habe eine Verlagsbesprechung, die noch zwei Stunden dauern wird!“
„Gut, dann hole ich die Vorhänge allein und wir treffen uns in der Wohnung“, sagte er. „Wir hängen sie dann gemeinsam auf.“
Antonia hatte Erdbeeren gekauft, obwohl es Herbst war. Eine teure, aber erstaunlich geschmackvolle Nachernte aus Spanien. Allein fuhr sie in die Vorstadt. Zuerst mit der U-Bahn und dann endlos lange mit der Straßenbahn. Sie läutete an der Torsprechanlage, aber nichts rührte sich. Er war noch nicht hier, und er ließ sie warten. Vor der Haustür. Sie war doch kein Hund, der sich auf den Fußabstreifer setzt und geduldig auf sein Herrchen wartet.
Sie rief ihn an, wo er bliebe. Sie hatte das Gefühl, ihm lästig zu sein, ihn zu stören, beim Essen oder was er gerade tat. Er sagte, er habe ein Problem, dass er aber nur fünf Minuten von ihr entfernt sei. Es klang nicht, als freute er sich auf sie, es klang, als fühle er sich bedrängt. Sie sah auf die Uhr. Die fünf Minuten waren um und auch nach zehn Minuten sah sie weit und breit nichts von ihm und seiner pferdestarken Kutsche. Sie hielt es nicht länger aus, vor allem nicht, begafft zu werden, von allen, die einen Schlüssel hatten, sie fühlte sich wie ein ausgesetztes Tier. Sie ging.
Eine Straßenbahn war in der Ferne zu sehen, als ihr Handy läutete. Wo sie denn geblieben sei, fragte er.
Sie sagte, dass sie es nicht gut fände, was sie hier tue.
„Wenn du jetzt gehen willst, dann geh“, sagte er, „und wenn du nicht gehen willst, dann komm zurück!“
„Ich bringe dir nur die leere Erdbeerschale, die Erdbeeren habe ich inzwischen allein gegessen!“
„Ich brauche keine Geschenke!“
„Ich will dich nicht bestechen!“
„Das kannst du auch nicht“, sagte er.
Mit trotzigen Schritten ging sie zum Haus zurück und läutete beleidigt.
„Wen erwarte ich noch zu so später Stunde“, sagte er und setzte sich in den Schneidersitz zurück, aus dem er wohl aufgestanden war, um ihr zu öffnen. Haken um Haken schob er in das Vorhangband.
„Du bist für diese Arbeit eher nicht geschaffen“, sagte er, ohne sie anzusehen.
Sie nickte. „Das hat schon meine Großmutter gesagt. Sie hat meine Hände in ihre Hände genommen, sie hat sie lange angesehen und dann hat sie gesagt: Das sind keine Hände, die für Arbeit taugen! Und ich habe mir gedacht: Wenn meine Oma das sagt!“
„Und? Was können diese Hände stattdessen“, fragte er, ohne aufzusehen.
„Ein Buch in die Hand nehmen und umblättern, eine Nummer ins Telefon tippen, eine Kinokarte lösen oder eventuell ein E-Mail schreiben.“
„Kann man davon leben?“
„Wer kann schon davon leben, Vorhänge aufzuhängen!“
„Muss man sich wirklich was einbilden drauf, wenn man nichts kann?“
Sie ging in die Knie und wollte ihn umarmen, einfach so, weil es ihr blöd vorkam, mit ihm zu streiten. Aber er schüttelte sie ab wie ein nasser Hund die Regentropfen.
„Lass mich, ich will das nicht. Ich will deine Nähe nicht. Ich habe mich bemüht, unsere Vorhänge zu holen, ich bin gerast wie ein Verrückter, ich habe alle Verkehrsübertretungen begangen, die möglich sind, ich habe Lastwagen geschnitten und rote Ampeln überfahren, nur damit du nicht warten musst. Und dann ist es einfach nicht gut, so wie es ist, weil die Gnädige ein paar Minuten warten musste!“
„Warum hast du nicht auf mich gewartet mit den Vorhängen. Und warum waren diese blöden Vorhänge wichtiger, als dass wir einander sehen? Glaubst du, für mich ist es so einfach, einen ganzen Nachmittag zu organisieren, mich aus einer Sitzung davonzuschleichen mit fadenscheinigen Gründen?“
„Aber das sind doch unsere Vorhänge!“
„Unsere Vorhänge? Das ist unser Nachmittag, an dem du mich vor deiner Tür warten lässt. Du benützt mich zum Einrichten Deiner Wohnung. Ich komme mir vor wie ein Gegenstand, der zu deinem Konzept einer Wohnung dazugehört. Außerdem hast du am Telefon kein Wort darüber gesagt, warum du nicht mit mir reden willst!“ Sie äffte ihn nach: „Ich habe ein Problem. Was heißt das schon. Wer hat kein Problem?“
Er hielt mit dem Auffädeln inne und zog sich zusammen. Er machte seinen Rücken krumm, und verschränkte seine Arme.
Er hatte sich zugeklappt, vornüber geklappt wie ein Taschenmesser, das keine Klinge mehr als Schneidefläche bietet.
Antonia spürte plötzlich den körperlichen Ekel, den er vor ihr empfand. Langsam zog sie ihre Jacke an. Er drehte sich nicht um, als sie ihre Tasche nahm. Er hockte immer noch zusammengesunken da und flüsterte: „Entschuldige. Ich kann nicht anders. Auch wenn es mir weh tut, auch wenn ich dir weh tue!“
„Ich gehe, bevor wir einander wirklich weh tun“, sagte sie und nahm auch ihre Jacke. Sie drehte sich nicht um, sie schaute nicht, ob er ihr nachblickte, als sie die Tür ins Schloß zog.
Antonia sah auf die Uhr. Der Kindergarten sperrte um halb sechs. Sie hatte noch etwas Zeit, aber Friederike erwartete sie mit in die Hüften gestemmten Armen. „Du bist zu spät“, sagte sie und nahm den Rucksack und die Jacke vom Haken. Antonia sah, dass Friederike das letzte Kind war, das abgeholt wurde. Sie entschuldigte sich. Aber Friederike redete nicht mit ihr. „Entschuldige“, sagte Antonia nochmals, „ich hatte eine Sitzung und kam nicht früher weg!“
Antonia wollte Sex mit ihm. Nun, da sie spürte, dass ihm Sex nicht das Wichtigste mit ihr war, wollte sie umso mehr Sex mit ihm.
Am liebsten hätte sie wortlos ihre Arme um ihn geschlungen, wenn er ihr öffnete, aber er wollte das nicht, er nahm sich zurück, wenn sie stürmisch wurde, er wollte sie ansehen, wollte mit ihr reden, ihr das neue Bild zeigen, das er für die Wohnung gekauft hatte. Ein kitschiger Wasserfall, da gab es nichts zu deuten, vielleicht beruhigend für eine HNO-Ordination, aber Antonia hätte sich so etwas niemals in ihre Wohnung gehängt. Er hatte sich Begeisterung von ihr erwartet, und sie sagte, für ein Boudoir sei es ganz passend, aber mit ihr hätte es nichts zu tun.
Sie ging aufs Klo. Er fragte, ob sie die Tür offen lassen könnte beim Pinkeln. Sie wollte wissen warum, ob es ihn errege. „Im Gegenteil“, sagte er, „Es ist eine Form von Vertrautheit, wenn man voreinander pinkelt.“
„Aber geht nicht die Erotik verloren, wenn zuviel an Vertrautheit aufkommt?“ wollte sie wissen. Er sagte, dass es das Erregendste sei, wenn man jede Reaktion des anderen genau kenne.
Er stellte sich in die Tür, und redete und er sah ihr zu, wie sie versuchte, sich auf der Muschel zu entspannen. Er sah ihr zu, wie sie sich mit dem Papier zwischen die Beine fuhr und redete weiter. Sie hatte, auch wenn sie ihn beobachtete, wie er sie beobachtete nicht das Gefühl, dass er ihr zusehen wollte, weil es ihn erregte. Sie hatte den Eindruck, dass er gar nicht an ihren Körper dachte, während er davon erzählte, dass die Möbelfirma einen Monat Lieferverzug habe und er zwei Drittel des Geldes für das Sofa schon bezahlt habe und dass sie noch sechs Wochen auf dem Boden sitzen müssten. Auch wenn der Boden weich war, mit dem Hochflorteppich, aber eine schöne Couch wäre ihm doch lieber, in seinem Alter. Ihr war es egal, sie mochte es wie im Letzten Tango, und sie merkte, dass sie ihn mochte, weil er eine Art von Zärtlichkeit hatte, die beinahe kindlich war. Er wollte sie nicht erobern, er setzte sich wie ein großer, fetter, tapferer Schneider auf den Boden und wartete, was passierte. Sie mochte nicht spielen und sich verweigern, sie hatte plötzlich solche Lust auf ihn, sie zog sich aus, sie küsste ihn, sie forderte seine Zunge heraus, sie mochte seine Zähne, seinen Geschmack, sie saugte seine Zunge ein, als wollte sie ihn essen, in kleinen Bissen, und er fuhr ihr mit der Hand zwischen die Beine, so gefühlvoll, dass sie aufschrie und sich an seinen Fingern rieb, während sie sich an ihn klammerte und in seiner Schulter verbiss.
Er hatte ein Fingerspitzengefühl dafür, mit dem richtigen Druck an den richtigen Stellen zu streicheln und erst, als er auf diese Weise alles gut durchfeuchtet hatte, ließ er einen Finger in sie hineinschlüpfen. Sie bog sich durch und gab sich ihrem Rhythmus hin und seine Hand folgte ausschließlich ihrem Tempo, er ließ sie bestimmen, wann sie sich aufbäumte oder ihm entgegenglitt, auf seinem anderen Finger, den er dafür ausgelegt hatte.
Ihr nahendes Ende war nun nicht mehr aufzuhalten, und er wollte ihr Gesicht dabei sehen, es reizte ihn, die Veränderung in ihrem Ausdruck zu beobachten.
Sie brach auf seiner Hand zusammen und atmete schwer, ihr Herz raste und er strich ihr über den Rücken, ließ sie erst wieder zu Kräften kommen, bevor er ihr Gesäß mit beiden Händen ergriff und es auf sein Gesicht zog. Er begann an ihr zu essen wie an einer Khaki, die auf Druck nachgab, und es kam ihr vor, als wollte er sie einverleiben in sich, er hatte sie als Seelenfresserin bezeichnet und ihr wurde nun klar, dass er ein Körperfresser war, und sie wusste nicht, wie viel von ihr übrigbliebe, danach.
Antonia saß in ihrem schmalen Zimmerchen mit dem hohen Fenster und machte Licht. Sie hörte, dass im Nebenzimmer telefoniert wurde. Sie war unkonzentriert beim Lesen. Das Stück war nicht gut, aber das war nicht alles. Sie wusste, dass Ferdinand seinen ordinationsfreien Nachmittag hatte und Antonia hatte alles so organisiert, dass sie jederzeit weggehen konnte. Auch das Abholen von Friederike hatte sie geregelt. Sollte sie es bis fünf nicht schaffen, würde die Mutter eines anderen Kindes Friederike mitnehmen und Antonia würde sie von dort abholen. Sie machte sich Notizen, schrieb auf, was sie dem Autor schreiben wollte: „Im ersten Akt wird ein pessimistisches Zukunftsszenario entworfen: Die fortgeschrittene Gentechnologie hat eine Generation emotional gleichgültiger und berechnender Menschen mit standardisierten Biographien hervorgebracht, für die exemplarisch der Arzt und insbesondere die Schwester in ihrem unbeteiligten Zynismus stehen. Die hier angelegte Parallele Krankenhauspersonal – Schauspieler bzw. Krankenkasse – Kulturpolitik wirkt allerdings zu forciert, um überzeugen zu können.“
Er rief an. Aber nur, um ihr mitzuteilen, wie dringend er unterwegs sei, in die Putzerei und dann müsse er noch bei der Firma Schneiders vorbeischauen, ob sie einen Kaschmirmantel hätten, und die Schier müssten natürlich auch noch zum Service gebracht werden. Natürlich. Er rief an, um ihr mitzuteilen, was er alles zu erledigen hatte, während sie alles erledigt hatte, um für ihn Zeit zu haben. Es schien ihm selbstverständlich zu sein, dass er nach Lust und Laune bestimmte, wann sie einander sehen würden und wann nicht, er schien nicht einmal zu begreifen, dass sie ein Problem damit hatte.
„Ich habe daran gedacht, wie wenig Zeit ich habe, da habe ich gleich für dich mitgedacht, ich habe gewusst, dass es dir zu wenig wäre!“
„Du brauchst nicht für mich denken“, sagte Antonia. „Ich kann selber denken, und ich weiß selber, wann genug Zeit für mich ist und wann nicht!“
„Natürlich will ich dich sehen“, sagte er.
„Ich dich auch“, antwortete sie. „Aber nicht als Notfallsprogramm!“
„Ich habe eine Stunde Zeit!“
„Mein Tag ist sowieso schon vertan“, sagte sie. Antonia nahm sich vor, ihm die Gründe darzulegen, warum ihr sein Verhalten unmöglich erschien.
„Für eine Intellektuelle bist du ziemlich wenig umsichtig“, sagte er, nachdem sie in den ersten Stock des Sportgeschäftes gelaufen war, während er am Eingang auf sie gewartet hatte.
„Ich dachte, du seiest bei den Schiern“, sagte sie. „Außerdem schauen Intellektuelle nicht, sie denken. Wenn ich eine richtige Intellektuelle wäre, dann wäre ich gar nicht gekommen!“
„Da bist du für eine Intellektuelle aber ziemlich dumm!“
„Das Gescheiteste, das eine intellektuelle Frau tun kann ist: no man, no cry.“
Sie ging mit ihm in das einzige schöne Kaffeehaus, das sie in der Gegend kannte und er bestellte sich gleich eine Portion Palatschinken, nur weil er sie auf einer Tafel angepriesen sah, und für sie auch eine.
Sie wollte aber keine. Er schlang seine Palatschinken hinunter und konnte es nicht ertragen, dass sie nicht aß. Er versuchte sie zu füttern und sagte: „Ich bin ein Kind der Nachkriegsgeneration. Ich habe gelernt, aufzuessen!“
„Ich auch“, sagte Antonia und presste den Mund zusammen, als er sich mit seinem Löffel näherte. „Aber ich habe mit viel Mühe gelernt, es nicht mehr zu tun! Fünfzehn Jahre habe ich dafür gebraucht!“
„Fünfzehn Jahre“, sagte er und schob den Löffel mit der Palatschinke in den eigenen Mund, „da bin ich längst tot!“
„Vielleicht nicht, wenn du es bis dahin lernst, nicht aufzuessen.“
„Komm, ich muss gehen. Eine Antwort gebe ich dir draußen!“
