Eine Ärztin mit Liebe ohne Grenzen - Blake Hamilton - E-Book

Eine Ärztin mit Liebe ohne Grenzen E-Book

Blake Hamilton

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Beschreibung

Die junge und naive Izzy nimmt das Leben leicht. Mit ihrer lockeren, offenen Art gewinnt sie die Herzen ihrer Mitmenschen und schafft es, sich gekonnt durch das Leben zu manövrieren. Ihre Unverbindlichkeit führt jedoch bisweilen zu Ärger bei ihren Mitmenschen. Um sich selbst etwas zu beweisen, will sie einige Zeit bei den Ärzten ohne Grenzen in Madagaskar verbringen. Die Ärztin Meredith begegnet ihr mit Misstrauen. Ihre Strenge und Unnachgiebigkeit sorgen für Unmut im Team. Nur Izzy glaubt zu erkennen, dass sich hinter ihrer Mauer etwas verbirgt und ist fest entschlossen, herauszufinden, was das ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

1.

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Blake Hamilton

Eine Ärztin mit

Liebe ohne

Grenzen

Roman

Inhalt

Die junge und naive Izzy nimmt das Leben leicht. Mit ihrer lockeren, offenen Art gewinnt sie die Herzen ihrer Mitmenschen und schafft es, sich gekonnt durch das Leben zu manövrieren. Ihre Unverbindlichkeit führt jedoch bisweilen zu Ärger bei ihren Mitmenschen. Um sich selbst etwas zu beweisen, will sie einige Zeit bei den Ärzten ohne Grenzen in Madagaskar verbringen.

Die Ärztin Meredith begegnet ihr mit Misstrauen. Ihre Strenge und Unnachgiebigkeit sorgen für Unmut im Team. Nur Izzy glaubt zu erkennen, dass sich hinter ihrer Mauer etwas verbirgt und ist fest entschlossen, herauszufinden, was das ist.

Ein Roman über Vertrauen, die Kraft der Veränderung und den Mut einer Frau, die Narben ihrer Vergangenheit anzunehmen.

Copyright © 2024 Blake Hamilton

Blake Hamilton

c/o WirFinden.Es

Naß und Hellie GbR

Kirchgasse 19

65817 Eppstein

Material urheberrechtlich geschützt.

Alle Rechte vorbehalten.

1.

»Glück ist ein Parfum, das du nicht auf andere sprühen kannst, ohne selbst ein paar Tropfen abzubekommen.«

Ralph Waldo Emerson

»Musst du ausgerechnet jetzt gehen, wo wir uns gefunden haben?« Sie rieb sich mit dem Mittelfinger über den Leberfleck auf ihrer Wange.

»Ich gehe ja nicht für immer«, sagte Izzy und sah auf ein Boot, das in gleichmäßigen Zügen an einem in Schieflage geratenen Floß vorbeimanövrierte. Sie saßen an der Havel auf einer Brüstung aus Beton. Hier hatten sie so oft in letzter Zeit das Fließen des Wassers beobachtet.

Izzy hieß eigentlich Isabell. Aber so nannte sie keiner. Nicht einmal ihre Eltern.

Vor nicht einmal einer halben Stunde hatte Izzy ihre Freundin Linda angerufen, um eine Nachricht mit ihr zu teilen, die kaum älter war. Als sie die E-Mail bekam, hatte sie zuerst an sie gedacht. Seit sie vor ein paar Monaten gemeinsam Lindas vielleicht größte Krise bewältigt haben, waren sie zu besten Freundinnen geworden. Obwohl sie sich schon länger kannten, teilten sie erst seitdem auch ihre Gedanken miteinander.

Linda hatte ihr anvertraut, dass sie Depressionen hatte. Und Izzy hatte ihr erzählt, dass sie auf Frauen stand. Nicht nur das: Sie hatte ihr auch gesagt, dass sie auf Linda stand. Obwohl Linda diese Gefühle nicht erwiderte, waren sie zu Freundinnen geworden. Vertrauten sich Dinge an, die man sonst höchstens mit seinem Tagebuch teilte. Die Liebe war irgendwann verschwunden und eine tiefe Freundschaft ist entstanden.

Izzy hätte das nicht aufgeben wollen. Aber das, was ihr womöglich bevorstand, konnte sie auch nicht einfach absagen. Sie hatte sich vor über einem Jahr, um genau zu sein vor achtzehneinhalb Monaten, bei »Ärzte ohne Grenzen« beworben. Nicht, weil sie sich für einen guten Menschen hielt, sondern um einer zu werden. Ihre damalige Gelegenheitsfreundin und sie waren getrennte Wege gegangen. Genau genommen hatte Izzy wieder nur für sich sein wollen. Das Wort Egoismus war dann ein paar Mal gefallen. Izzy bestritt das zwar zunächst, aber der Vorwurf hatte sich trotzdem wie hartnäckiger Efeu tief in ihr limbisches System gepflanzt und ließ sich nicht wieder entwurzeln. Und bei »Ärzte ohne Grenzen« konnte sie lernen, weniger egoistisch zu sein. Der Gesellschaft etwas zurückgeben, sofern die Gesellschaft ihre Hilfe wollte. Zuerst hatte sie nur spenden wollen, aber dann hatte sie gesehen, dass Personal gesucht wurde. Es entstand eine fixe Idee, aus der sich ein ernsthafter Gedanke entwickelt hatte. Wie bei einer Skizze, aus der nach reiflichen Überlegungen und zahlreichen Ergänzungen ein detailreiches Portrait heranwuchs.

Warum die Organisation sich jetzt erst meldete, war ihr schleierhaft. Immerhin hatte sie sich bei dem Vorstellungsgespräch von ihrer besten Seite gezeigt. Sie hatte freundlich gelächelt und ein paar kluge Sätze in den Raum geworfen. Auf all die »Was wäre wenn«-Fragen ihrer Interviewer hatte sie ein paar kompetente Auswegmöglichkeiten parat. Schließlich gab es für jedes Problem eine Lösung.

Trotzdem hatten sie nicht mehr geantwortet. Bis heute. Vor vierzig Minuten hatte sie die alles verändernde E-Mail in ihrem Postfach gefunden, zurückgerufen und spontan: »Natürlich können Sie auf mich zählen«, gesagt. Dass spontan nicht immer gut war, musste sie erst noch lernen. Immerhin hatte sie dazu nun reichlich Gelegenheit. Die Zeit in Madagaskar würde ihren Horizont erweitern. Madagaskar. Das klang irrsinnig weit weg.

»Wie lange wirst du wegbleiben?«, fragte Linda.

»Erstmal für neun Monate.«

»Erstmal?«

Izzy rieb sich mit der Handfläche über die Stirn. »Ich weiß, der Zeitpunkt ist ungünstig. Als ich mich angemeldet hatte, war ich irgendwie… in einer Selbstfindungskrise. Ich wollte mir und der Welt beweisen, dass ich nicht egoistisch bin.«

Lindas Augen verengten sich. »Wer würde dich egoistisch nennen?« Ihr Blick glitt gedankenversunken auf den Fluss. »Ohne dich wäre ich im Sommer vom Weg abgekommen.«

»Vielleicht nicht wirklich abgekommen«, sagte Izzy und wusste gleichzeitig, dass es genauso war. Linda hatte ihren Vater verloren und beinahe auch ihre große Liebe. Ohne Izzy, das war auch ihr klar, wäre Linda in ein tiefes Tränental versunken.

»Und was sagt Rubina dazu?«

»Die weiß es noch nicht«, sagte Izzy und sah auf ihre Schuhspitzen. Rubina war ihr Beinahe-Freundin. Beinahe, weil Izzy in Liebesdingen Abstand mehr mochte als Nähe. »Ich wollte es zuerst dir sagen.«

»Wirst du sie verlassen?«

»Pfff«, machte Izzy. Hauptsächlich, um Zeit zu gewinnen. Eigentlich mochte sie Rubina. Immerhin war sie inzwischen so etwas wie ihre Partnerin geworden. Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, würde sie gut ohne sie auskommen können. Auch wenn sie loyal war und eine echte Kumpeline.

Mit einem umherliegenden Stock pulte sie das Moos aus den übergroßen Ritzen der Betonbrüstung, von denen es hier an diesem Abschnitt reichlich gab.

»Ich weiß es nicht. Einerseits will ich sie nicht einfach abschießen, die Zeit mit ihr ist wirklich lustig.« Izzy kratze sich am Hinterkopf. »Andererseits weiß ich nicht, ob sie der Typ ist, der auf einen wartet. Und wenn sie es nicht ist, dann …«, Izzy legte beide Hände entschlossen in ihren Schoß, »dann werde ich nicht allzu traurig sein.«

»Ein bisschen bist du wie ich sonst immer war«, sagte Linda.

»Was meinst du?«

»Du hältst die Menschen in deinem Leben auf Abstand.«

»Das kannst du so nicht sagen. Immerhin haben wir beide die innigste Beziehung, die ich je geführt habe.« Izzy sah ihre Freundin an, wie die kleine Katze, die nachmittags immer vor dem Fenster ihres Büros stand und um Leckereien bettelte.

»Das stimmt«, sagte Linda und legte ihren Kopf auf Izzys Schulter.

»Wirst du auf mich warten?«, fragte Izzy.

Linda stimmte ein Lied von Bosse an. »Ich wart‘ auf dich, ich wart‘ auf dich. In meinem Flur brennt immer Licht für dich.«

Izzy grinste. Die einzige treue Seele, die sie brauchte, war Linda.

Auf der anderen Seite des Flusses standen Bäume, deren Äste nur noch vereinzelt Blätter trugen. Viele der alten Baumrunzeln waren dabei, sich zu verabschieden. Bei jeder Windböe wurden es ein paar mehr. Abschied war immer schwer. Auch für sie.

Izzy rutschte mit dem Kinn tiefer in ihren übergroßen blauen Anorak. Nur noch der halbe Kopf und ihr hochstehender brünetter Pferdeschwanz schauten hervor.

»In Madagaskar gibt es eine Zither, Valiha wird sie genannt. Bringst du mir eine mit?«, fragte Linda.

Izzy löste sich von ihrer Schulter und legte den Kopf zur Seite. »Sag bloß Zither spielen kannst du auch.«

Linda streifte ihre vom Wind durcheinandergewirbelten Haarsträhnen hinter ihr Ohr. »Nein, noch nicht. Aber vielleicht lerne ich es demnächst.«

Izzy schüttelte ihren Kopf. »Ich wäre nicht überrascht. In neun Monaten bekommst du deine Vokuhila.«

Linda lachte. »Nicht Vokuhila, sondern Valiha.«

Izzy schürzte ihre Lippen. »Von mir aus auch das.«

Das Gespräch mit Rubina verlief unspektakulär. Izzy hätte es nicht gleichgültig genannt, aber besonders emotional war es auch nicht. Sie war der klassische »Von-mir-aus-Typ«. Sie hatte nie gesagt, »Also mir wäre lieber nach Wein« oder »Für mich den Shake ohne Sahne«. Sie sagte einfach zu allem stets »Entscheid du«, oder »Ist mir eigentlich egal« oder eben »Von mir aus«. So entschied also immer Izzy, was sie aßen, wohin sie gingen oder was sie tranken. Es störte sie nicht. Aber es hätte auch aufregender sein können zwischen ihnen.

»Aha«, sagte Rubina nach jedem einzelnen Detail, das Izzy ihr zuwarf und fuhr sich mit der Hand wahlweise durch ihr langes Haar oder über ihren enganliegenden Lederrock.

»Ist das so eine Art Selbstfindungstrip?«, fragte Rubina.

»Ähm, naja.« Eigentlich sollte es darum nicht gehen, aber so war es nun mal. Sie war fest entschlossen, ihren Wankelmut aufzugeben und etwas mehr Seriosität in ihrem Leben Einzug halten zu lassen.

Rubina holte sich eine Limo aus dem Kühlschrank und setzte sich auf Izzys alten, blauen Samtsessel. »Kann ich hier so lange wohnen?«

Das kam überraschend. Im Prinzip mochte sie ihre lakonischen Stimmungswechsel. Sie übernachtete oft bei Lizzy, aber zusammenziehen wollte sie nie. Sie brauchte ihren Freiraum. Rubina war Langzeitstudentin und hatte immer Probleme, eine bezahlbare Bleibe zu finden. Also schlief sie entweder bei ihr oder bei einer Freundin.

Paradoxerweise hatte Izzy das Gefühl, ihr etwas zurückgeben oder sie milde stimmen zu müssen, obwohl Rubina alles andere als unruhig wirkte. Allerdings würde sie ohnehin nicht da sein und hatte nicht vor, ihre Wohnung demnächst aufzugeben. »Das wollte ich dich sowieso fragen«, sagte Izzy lächelnd und drehte sich schnell in die entgegengesetzte Richtung. Nur für den Fall, dass Rubina wider Erwarten den Wahrheitsgehalt dieser Aussage von ihren Augen ablesen konnte.

»Und was wollen wir heute essen?«, fragte Rubina und Izzy überlegte, ob sie wirklich so gleichgültig, oder ob ihr Verhalten das Resultat intensiver innerlicher Trauer war. Weil sie es lieber nicht herausfinden wollte, gab sie ihr, was sie auch sonst immer glücklich gemacht hatte, nach einem langweiligen Tag, oder einer schlechten Klausurnote, und manchmal auch nach einem Regenschauer: »Lass uns Pizza bestellen.«

Das Gespräch mit ihren Eltern über den längeren Auslandsaufenthalt war beinahe genauso unaufgeregt wie die Unterhaltung mit Rubina. Izzy war in den vergangenen Jahren ohnehin nur drei bis vier Mal im Jahr nach Hause gefahren. Meistens an den Feiertagen. Da würden sie die neun Monate leicht verschmerzen. Ihre Mutter war ganz überrascht, dass man in Madagaskar überhaupt Hilfe brauchen konnte.

»Machen die da nicht alle Urlaub?«

Izzy hatte kurz über den Tropensturm im vergangenen Jahr gesprochen und das verheerende Ausmaß für alle dort Lebenden.

»Aber du bist doch gar keine Ärztin.«

»Nein, Mama. Aber man braucht dort auch Architekten oder Kfz-Mechaniker. Schließlich hilft der beste Arzt nichts, wenn das Auto streikt.« Außerdem hatte sie ihr erklärt, was sie als Managerin für Personal, Administration und Finanzen zu tun hätte und dass ihr Wirtschaftsabschluss dafür ideal wäre. Aber sie merkte recht schnell, dass ihre Mutter gedanklich bereits abgedriftet war. »Du, ich mache gerade mit Oma Apfelmus. Du kannst ja morgen noch mal anrufen. Aber nicht am Abend. Da will ich den Stefan Mross gucken.«

Izzy war nicht traurig darüber, dass ihre Mutter wenig interessiert war. Es war ihr nicht egal, dass ihre Tochter die nächsten Monate in Madagaskar verbringen würde, sie konnte damit einfach nichts anfangen. Ihr Vater ebenso wenig. Aber wissen wollten sie trotzdem immer alles und teilten ihre Infos auch jedes Mal mit der ganzen Verwandtschaft. Nach ihrem erfolgreichen Bachelor-Abschluss im Internationalen Management hatte ihr Vater im Skat-Klub sogar zwei Kästen Bier ausgegeben. Und das, obwohl er nicht hätte sagen können, was sie eigentlich studiert hatte. »Irgendwas mit Ausland«, hatte er immer gesagt und sie gefragt, ob man in der Welt »da draußen« überhaupt etwas mit diesem Studium anfangen konnte. Er wollte ja nur, dass es ihr gut ging. Und Izzy hatte beiden immer wieder versichern müssen, dass es ihr an nichts fehlte.

»Und was sagt dein Chef dazu?«, fragte ihr Vater dann auch noch.

»Linda redet mit ihm.« Das tat sie immer. Ihr Chef war Izzy im letzten Jahr überraschenderweise mit Wohlwollen begegnet, obwohl sie ein Projekt mehr oder weniger versemmelt hatte. Sie entwickelten und vertrieben Luftfilteranlagen. Izzy hatte es geschafft, einen Großauftrag zu stornieren, weil sie eine englische Anfrage irgendwie fehlinterpretiert hatte. Eigentlich beherrschte sie fließend Englisch, aber an diesem Tag lief ihr Verstand wegen des partyreichen Vorabends mit gedrosselter Geschwindigkeit. Besorgt hatte sie zuerst Linda ihren Fauxpas gebeichtet, welche die Angelegenheit für sie geklärt hatte.

»Gibst du mir Oma?«

Ihr Vater reichte den Hörer weiter.

»Izzy, meine Kleine. Du willst nach Madagaskar? Das finde ich aber schön.«

»Ja, Omi. Aber nur, wenn du mich nicht brauchst.«

»Ach was. Ich hab‘ hier doch meine beiden Mädels – deine Mama und deine Tante. Und Opa ist ja auch noch da.«

Eigentlich war er das nicht mehr. Ihr Opa war vor ein paar Jahren gestorben, aber in letzter Zeit sprach sie immer häufiger von ihm und stellte sich vor, er wäre noch da.

»Fahr du mal auf die Insel. Aber komm erst wieder, wenn du das Ende vom Regenbogen gefunden hast.«

»Du meinst, wenn ich Glück gefunden habe?«

»Weisheit, meine Hübsche. Glück und Optimismus hast du ja schon. Aber daran musst du festhalten. Wohin du auch gehst.«

Izzy setzte sich auf ihren Samtsessel und atmete durch. Ihre Oma war seit einigen Wochen vergesslich geworden. Es war eine beginnende Demenz. Würde ihre Oma nach dem Madagaskar-Einsatz noch wissen, wer Izzy war?

Sie klappte ihren Laptop auf, um die E-Mail der »Ärzte ohne Grenzen« noch ein hundertstes Mal zu überfliegen. Und sie informierte sich über die aktuelle Situation auf der Insel. Der Sturm hatte viele Gesundheitseinrichtungen beschädigt, oder sogar komplett zerstört. Daneben litt Madagaskar seit Jahren unter extremer Dürre. Es fehlte allerorts an Nahrungsmitteln und Wasser. Mangelernährung war weit verbreitet. Izzys Aufgabe würde es sein, mobile Einsatzteams zu organisieren, die dann vor Ort medizinische Hilfe leisten konnten. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass sie es schaffen würde. Wenn es um Wagnisse ging, war ihr noch nie ein Weg zu lang. Sie gab nie auf oder brach ab, weil sie den unbedingten Willen hatte, Dinge zu Ende zu führen.

2.

»Accueil chaleureux!«, sagte die freundliche Flugbegleiterin, als Izzy von Bord ging. In dem Moment wünschte sie sich, sie hätte noch einmal im Französisch-Langenscheidt geblättert.

Französischkennnisse waren eine der Grundvoraussetzungen für den Job. Ihre Kenntnisse waren allerdings im Laufe der Jahre ein wenig eingerostet. Dafür konnte sie sehr gut Englisch, wenn sie nicht alkoholbedingt außer Gefecht gesetzt war. Außerdem hat sie ein halbes Jahr in Caracas studiert und beherrschte somit recht passables Spanisch. Ein weiteres halbes Jahr hatte sie dann noch an der Uni in Stockholm verbracht. Aber Izzy war sicher, dass sie mit Schwedisch nichts würde anfangen können.

»Bonjour«, antwortete sie der Flugbegleiterin, um überhaupt etwas zu sagen. Noch auf der Treppe fiel ihr ein, dass sie soeben »Guten Morgen«, erwiderte hatte – um drei Uhr nachmittags. Izzy hatte nicht viel Zeit, um über ihre mangelhaften Französisch-kenntnisse nachzudenken. Die Luft außerhalb des Flugzeugs erschlug sie geradezu. Zwar war sie dank ihres Caracas-Aufenthaltes tropisches Klima gewohnt, doch damals war sie vom deutschen Sommer in ebenso warme Gefilde gereist. Nun war es in Deutschland Herbst gewesen, wodurch der Kontrast irrsinnig groß wirkte. Izzy liebte es dennoch. Tief sog sie die tropische Inselluft ein. Instinktiv spürte sie, dass sie sich hier wohlfühlen würde.

Vom Flughafen Antananarivo musste sie mit dem Taxi nach Amboasary Sud weiterfahren. Izzy hätte auch mit einem kleinen Flugzeug weiterfliegen können, aber sie war in Caracas mit einer Cessna geflogen, die am Himmel bei jeder Böe wie ein Papierflugzeug durch die Luft gewirbelt wurde. Sie wusste, dass sie nie mehr in ein Flugzeug steigen würde, welches weniger als einhundert Passagiere aufnehmen konnte. Da war ihr eine Taxi-Fahrt lieber, auch wenn diese fast einen ganzen Tag lang dauern würde.

Benja hieß ihr Fahrer, der unterwegs immer wieder auf Gebäude zeigte und etwas dazu sagte. Allerdings auf Französisch. Izzy hatte ein paar Mal gefragt, ob er auch Englisch könne, doch er plapperte unaufhörlich, als hätte er sie gar nicht verstanden. Also blieb ihr nichts anderes übrig als seinem Französisch zu folgen. Im Grunde genommen war es gut, sich so schnell wie möglich mit der Amtssprache vertraut zu machen. Gegen Malagasy war Französisch ein Kinderspiel.

Als sie die Stadt verließen, senkte sich bereits die Sonne und tauchte die wenigen Wolken am schieferblauen Himmel in zartes Rosa. Links und rechts der Straße standen vereinzelt riesige Affenbrotbäume, die ihre Kronen präsentierten wie der Pfau sein Gefieder. Es war geradezu majestätisch. Innerhalb weniger Minuten senkte sich die Sonne und war hinter einer großen Anzahl von Büschen am Horizont kaum noch zu sehen. Dadurch wirkten die Baobabs weniger erhaben, sondern fast schon bedrohlich mit ihren schwarzen kräftigen Ästen, die wie drohende Finger aussahen.

Izzy war beinahe traurig, dass die Sonne schon weg war. Sie hatte gehofft, mehr von der wunderschönen Insel sehen zu können. Was sie jedoch genoss, war das tiefe Orange, das sich nun über das schlafende Land legte. Nach kurzer Zeit sah sie von der Natur so gut wie nichts mehr, wenn man von den Grasbüscheln in unmittelbarer Nähe der wenigen Straßenlaternen einmal absah.

Je dunkler es wurde, desto schwerer wurden ihre Lider. Also sagte sie Benja im eingerosteten Französisch »je dors maintenant« und hoffte, ihm kein unmoralisches Angebot gemacht zu haben. Weil er »oui, oui«, antwortete, war sie optimistisch, was ihre Moral betraf, immerhin hatte sie nur angekündigt, schlafen zu wollen, trotzdem redete Benja weiter. Selbst dann, als Izzy sich gegen die Fensterscheibe lehnte und ihre Augen schloss. Seine tiefe Bariton-Stimme überredete sie richtiggehend dazu, ihre Gedanken abdriften zu lassen, bis sie ganz weg war und erst wieder aufwachte, als Benja die Tür öffnete.

»Nous sommes là«, sagte er und ging hinüber zur Beifahrerseite. Waren sie schon angekommen? Als sie sich aufrichtete, spürte sie erst am steifen, schmerzenden Nacken und dann am restlichen schweren Körper, dass sie tatsächlich sehr lange in ihrer Schlafposition verharrt haben musste. Nur mühsam gelang es ihr, wieder eins mit ihrem Körper zu werden.

Benja holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum und brachte es zum Hauseingang der Pension. Zwar war es mitten in der Nacht, aber es stand trotzdem eine kleine, leicht untersetzte Madagassin an der offenen Tür und redete laut in Malagasy auf Benja ein.

Waren sie zu spät?

Izzy sah mit halb geöffneten Augen auf die Unterkunft, die abseits eines kleinen Ortes zu stehen schien. Vielleicht war es eine Kleinstadt. Weil die Unterkunft nicht beleuchtet war, konnte sie nicht viel erkennen. Nur dank des Lichts, das von drinnen hinaus strahlte, erkannte sie, dass das Gästehaus hoch und schmal und die Tür von zwei hohen Säulen aus Backstein umrahmt war. Vor den Fenstern waren Läden aus Holz. Wahrscheinlich waren sie dunkelblau. Vielleicht auch grün.

Die Frau wies Izzy an, ihr zu folgen und ging in das Haus in Richtung einer breiten Treppe aus dunklem Holz. Daran vorbei gingen sie rechts einen langen, schmalen Flur entlang. Izzy folgte ihr. Der Flur war in dunkles Safranrot getaucht. Izzy konnte die Lichtquelle nicht ausmachen. Vielleicht, weil sie zu müde war. Auf dem Boden lag ein weinroter Teppich mit orientalischen Ornamenten, dessen Mitte an vielen Stellen bereits verschlissen war. Über diesen Teppich mussten schon viele tausend anderer Füße gegangen sein. Ob die vielen Füße hier gewohnt hatten? Oder waren sie wie Izzy nur Übergangsbesucher gewesen? Nicht für lange. Für eine Nacht, oder zwei, weil es hier ja nichts gab. Oder hatte sie es schlicht verschlafen? Vielleicht war es auch das »Nichts«, das viele Besucher genau hierherzog.

Vor einer schweren Holztür blieb sie stehen. Bevor die Frau die Tür öffnete, nickte sie Izzy herzlich an, als befände sich dahinter ein Geheimnis, das sie nur mit ihr teilen würde.

»Madame le docteur«, sagte sie und öffnete die Tür mit einem Quietschen.

Offenbar hielt sie Izzy für eine Ärztin. Izzy klärte das Missverständnis nicht auf. Erstens, weil sie es nicht konnte. Und zweitens, weil sie es aufregend fand, »Madame le docteur« genannt zu werden.

Als sie das Zimmer betrat, knarrten die Dielen bei jedem Schritt. Der kleine Raum war fast vollständig von einem großen einnehmenden Bett aus dunklem Holz ausgefüllt mit einem Betthimmel, der über die gesamte Länge des Bettes gespannt war. Er sah aus wie die weißen, spitzenbesetzten Gardinen ihrer Großmutter. Auch an den äußeren Rändern der Bettwäsche war Spitze. Es sah derart einladend aus, dass Izzy sich am liebsten sofort hineingelegt hatte. Aber die Hausdame stand noch immer da und starrte sie an. Ob sie Trinkgeld erwartete? Izzy hatte bislang nur große Scheine in ihrem Portemonnaie, weil sie noch nichts eingekauft und dementsprechend kein Rückgeld erhalten hatte. Aber ihr blieb wohl keine Wahl, oder? Wenn sie vorhatte, noch heute einzuschlafen, musste sie wohl oder übel zum großen Schein greifen. Sie durchsuchte ihre Tasche und zog aus einem ausgebeulten Briefumschlag eine knittrige Geldnote, die sie der verdutzten Madagassin geben wollte. Die winkte ab.

»Non non, madame.«

Also kein Geld.

Was wollte sie sonst? Izzy verzog ihr Gesicht zu einem affektierten Grinsen. Absurderweise stellte genau diese Reaktion die Dame zufrieden, denn sie drehte sich nickend um und verließ das Zimmer. Izzy stutzte. Alles, was sie wollte, war ein Lächeln gewesen. Daran würde Izzy sich noch gewöhnen müssen. Izzy atmete tief ein. Erst jetzt wurde sie sich des Holzgeruches bewusst, den sie auch schon im Eingangsbereich latent wahrgenommen hatte. Aber es war noch etwas anderes. Etwas Fruchtiges. Es roch ein wenig wie die Bergamotten-Kerze, die zuhause in ihrem Badezimmer stand. Es musste Bergamotte sein. Izzy fühlte sich zuhause, obwohl sie tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt war. Schnell kramte sie ihr Schlaf-Shirt aus dem Koffer, mit einer Leonardo-da-Vinci-Legofigur darauf. Das hatte mal Rubina gehört, aber war im Laufe der Zeit in ihren Bestand übergegangen. Izzy hatte sie vor ihrer Abfahrt gefragt, ob sie es wiederhaben wolle. Wollte sie nicht.

Sie kuschelte sich tief ins weiche Bett und zog die Decke bis zur Nasenspitze. Der Duft der Bettwäsche vermischte sich mit Bergamotte und ließ sie sanft in den Schlaf gleiten.

Geweckt wurde sie vom lauten Klopfen der Madagassin. »Madame«, rief sie immer wieder.

Izzy streckte ihre Glieder in alle Himmelsrichtungen.

»Madame«, wiederholte die Stimme von draußen.

»Ja«, brummte Izzy. »Komme ja schon«. Sie rollte sich aus dem Bett, ging zur Tür und öffnete sie.

Die Frau sprach im schnellen Französisch und gestikulierte wild mit den Armen. Da Izzy nicht annahm, dass es brannte, blieb sie ruhig und versuchte, eines der abgefeuerten Worte aufzuschnappen. Es klang wie »attendre«. Sie versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was »attendre« bedeutete.

Sie kam nicht drauf.

Aber sie verstand ein anderes Wort, das die Hausdame ebenfalls immer wiederholte. Benja.

Das einzige weitere Wort, das sie sonst noch verstand war »voiture«. Augenblicklich wurde Izzy klar, was die Dame ihr zu sagen versuchte.

»Oh, Benja ist schon da?«, fragte sie überflüssigerweise auf Deutsch, denn die Dame konnte sie natürlich nicht verstehen.

Die runzelte die Stirn und sagte dann schnell. »Oui, Benja.« Sie zeigte in die Richtung, aus der sie gestern gekommen waren.

»Cinq minutes«, sagte Izzy hölzern und zeigte ihr die volle Hand. Die Hausdame nickte, drehte sich um und ging den Gang zurück nach unten.

Izzy verlor keine Zeit, benutzte nur ein Deo, zog sich an und stopfte schnell alle Sachen in den Koffer. Zu spät kommen war sie gewohnt. Auch ihr Umfeld kannte es nicht anders von ihr. Dafür war sie im Laufe der Jahre ein Profi im Zurechtmachen geworden. Vielleicht, weil sie wusste, dass sie auch ohne viel Farbe in ihrem Gesicht gut aussah. Das wurde ihr schon als junges Mädchen oft gesagt. »Meine Güte, ist eure Tochter hübsch«, hieß es dann, worauf ihre Mutter erwidert hatte: »Sagt’s dem Mädel bloß nicht zu oft. Sonst wird se noch eingebildet.« Insgeheim freute sie sich über die vielen Bewunderer ihrer Tochter. Das hatte sie einmal am Abendbrottisch gesagt. »Wonach kommt die Kleene nur? Bei so vielen Bewunderern könnte man meinen, sie wäre im Krankenhaus vertauscht worden«. Und ihr Vater hatte geantwortet: »Wieso vertauscht? Du bist doch och ne Hübsche.« Ihre Mutter hatte abgewunken, fand sich selbst wohl nicht schön im klassischen Sinne. Immer etwas mollig, durchschnittlich groß, Knubbelnase, buschige Augenbrauen, die sie sich nie zupfte und voluminöse Lippen. Ihr Vater dagegen war groß und hager. Und zwar so hager, dass er oft den Tipp bekam, seine Schilddrüse überprüfen zu lassen. Hatte er gemacht. Es war alles in bester Ordnung. Seine große Hakennase machte in seinem sonst kleinen Gesicht auch nicht besonders viel her. Er war wie seine Frau nicht klassisch schön. Offenbar mussten am Tag ihrer Zeugung sämtliche positiven Fäden zusammengelaufen sein, um all die schönen Eigenschaften ihrer Eltern, und vermutlich auch der Vorfahren, in dieser besonderen Frucht zu vereinen. Izzy wurde groß und schlank wie ihr Vater, aber nicht schlaksig, hatte seine ebenso große Nase geerbt, ohne dass sie in ihrem sonst symmetrischen Gesicht mit hohen Wangenknochen und den vollen Lippen ihrer Mutter zu präsent wirkte oder gar störend. Es war einfach alles absolut stimmig. Niemand konnte ernsthaft glauben, sie wäre vertauscht worden, denn es war von ihren Eltern alles vorhanden. Bis auf die Haare: Statt dunkelblondes, ins rötlich reichende Haar, war Izzys haselnussbraun. Man vermutete dahinter das Gen der Großmutter väterlicherseits. Und auch diese brauchten im Notfall kaum Pflege. Heute mussten sie wieder alles geben, denn Izzy hatte keine Zeit, ihre Haarbürste aus dem Koffer zu wühlen. Also kämmte sie schnell mit den Fingern durch die Strähnen und band sich einen einfachen Zopf. Dann rollte sie ihren Koffer auf den knarzenden Dielen nach draußen.

Im Hausflur drückte ihr die Hausdame noch schnell eine Tüte in die Hand.

»Bon voyage«, sagte sie und hielt für einige Sekunden ihre Hand.

»Merci beaucoup«, antwortete Izzy ebenso herzlich, löste ihre Hände aus denen der Hausdame und ging hinaus zu Benja.

Der saß bereits im Wagen und hatte die Fensterscheibe heruntergekurbelt. Seine schneeweißen Zähne strahlten ihr entgegen. Also war er nicht sauer, dachte Izzy erleichtert und sah kurz auf ihre Uhr. Es war fünfzehn Minuten nach sechs. Also fast pünktlich.

»Bonjour«, rief Izzy schon von weitem und war stolz darauf, zumindest das Wort noch zu kennen.

»Bonjour«, erwiderte Benja immer noch strahlend. Dann stieg er aus, nahm ihr das Gepäck ab und verstaute es in den Kofferraum seines Wagens. Wenige Augenblicke später saßen sie im Wagen und fuhren gen Morgenröte. Die Sonne erhellte bereits das Land, auch wenn die Wolken die Strahlen nicht zur Gänze hindurchließen. Izzys Magen knurrte. Ihr wurde bewusst, dass sie seit dem Flug nichts mehr gegessen hatte. Also warf sie einen verstohlenen Blick in die Papiertüte, die ihr die Hausdame in die Hand gedrückt hatte. Ein süßlicher Duft strömte heraus und aktivierte ihre Geschmacksknospen. Sie roch Banane, sah aber nur zwei halbierte Baguettestangen. Sie schob das Baguette und eine weitere innenliegende Papiertüte beiseite und sah darunter eine reife Banane mit wenigen braunen Stellen. Eigentlich mochte Izzy Obst eher, wenn es zur Hälfte noch unreif war, aber in diesem Fall würde sie eine Ausnahme machen. Immerhin wäre es eine einheimische Banane. Die waren um Längen besser als Supermarktfrüchte. Izzy holte eine Baguettehälfte aus der Tüte und biss einmal ab, um währenddessen das Geheimnis der anderen Papiertüte zu lüften. Darin waren verschiedene, klein geschnittene Früchte: Papaya, Mango und Ananas. Erst nach dem zweiten Bissen nahm sie das Baguette wahr, das im Wesentlichen geschmacklos war. Sie klappte es auf und sah dazwischen nur etwas, das wie Butter aussah. Izzy fischte ein Scheibchen Mango aus der Tüte und legte es zwischen die Baguettescheiben. Dieser dritte Bissen war eine fruchtige Offenbarung. Sie holte noch mehr Obststücke aus der Tüte und verteilte sie innerhalb des Baguettes, bis es aussah wie ein überdimensionaler Früchtedöner. Sie musste ihren Mund wie eine Schlange aufreißen, um erneut abzubeißen.

Benja grinste sie an. »Le goûte?«, fragte er und küsste sich die Spitzen von Zeigefinger und Daumen.

Izzy nickte und sagte noch mit vollem Mund: »Hm. Yummi!«

Nun lachte Benja und erklärte ihr wieder, woran sie vorbeikamen. Die Straßen, auf denen sie entlangfuhren, waren von jahrelang fehlender Instandhaltung gekennzeichnet. Sie fuhren an zahlreichen dürftig erbauten Holz- oder Lehmhütten vorbei, vor denen manchmal auch Kinder und Frauen standen oder saßen. Je weiter sie sich von der Stadt entfernten, desto mehr Reisfelder begegneten ihnen.

Im Laufe der Fahrt wurden die Felder und Ebenen immer trockener. Reisfelder sah man hier längst nicht mehr, sondern weite, karge Grasbüschellandschaften.

Sie wirbelten mit dem Wagen während der Fahrt immer wieder rote Staubwolken auf, wenn die Straßenverhältnisse so schlecht waren, dass sie auf dem wüstenhaften Sand fahren mussten. Die Landschaft wirkte so unberührt, als würde sie zum ersten Mal Zeuge von Vorbeifahrenden sein. Dabei gab es hier unter dem vielen Sand auch eine Straße, die immer mal wieder auch von anderen benutzt wurde.

Izzy war froh, dass sie mit Benja die weite Strecke auf sich genommen hatte. Er erklärte ihr in Französisch so leidenschaftlich die Natur und die Eigenheiten der Gegenden, dass all die Wörter, die bei ihr über die Jahre in Vergessenheit geraten waren, wieder geweckt wurden. Beinahe war alles wieder da. Und als sie zum Mittagessen anhielten, um ein zuvor besorgtes Reisgemisch zu essen, fragte Izzy ihn zum ersten Mal etwas in seiner Sprache.

»Fährst du öfter Frauen durch das halbe Land?«

Benja grinste verlegen, als hätte sie etwas Anrüchiges gesagt. Izzy war sich für einen Moment nicht sicher, ob es vielleicht wirklich eine obszöne Frage gewesen war. Sie ließ sich dadurch aber nicht entmutigen und setzte das Gespräch mit ihm fort.

Sie war derart vertieft in Benjas Erzählungen über die Umgebung, dass Izzy die Fahrt wie ein Schnelldurchlauf vorkam. Mit dem Unterschied, dass sie nicht wie früher an ihrem Kassettenrekorder vorspulen musste, um zur guten Stelle zu gelangen, sondern dass sie sich die ganze Zeit über an der guten Stelle befand. Vielleicht lag es an der wüstenhaften Umgebung, mit Sicherheit aber auch an Benja, der ihr diese Welt hier erklärte, wie ein Vater seinem Kind.

Es war acht Uhr am Abend, als Benja vor einem hässlichen grauen Betonklotz hielt. Izzy sah ihn mit eingesogenen Wangen an.

Warum hielt er hier?

Das Gebäude erinnerte sie eher an ein Stasigefängnis als an eine Klinik. Auch wenn sie kein richtiges Krankenhaus erwartet hatte, war dieses Gebäude mit Gittern vor den Fenstern alles andere als einladend. Benja strahlte wieder sein Weiße-Zähne-Lächeln und nickte. Wahrscheinlich erwartete er jetzt von ihr, dass sie ausstieg.

»Können wir nicht einfach noch ein wenig durch die Gegend fahren?«, fragte sie auf Deutsch, wohlwissend, dass er nichts verstehen würde.

Benja stieg aus, ging um das Auto herum und öffnete ihr die Tür.

»Also schön«, sagte sie. Es kam ihr vor, als würde sie ein geschütztes Irland Cottage gegen einen Plattenbau eintauschen. Als sie ausgestiegen war, öffnete sich die Tür des Gefängnisses und ein älterer, leicht untersetzter Mann kam hinaus.

»Schön, dass Sie da sind«, begrüßte er sie auf Deutsch. Dass ihr die deutsche Sprache hier begegnen würde, hatte Izzy nicht erwartet.

»Hallo, ich bin Izzy«, sagte sie und ging mit gestreckter Hand auf ihn zu. Der Mann nahm herzlich ihre Hand und legte seine andere darauf.

»Wenn ich gewusst hätte, dass hier Deutsch gesprochen wird, hätte ich den Französisch-Speed-Kurs gar nicht gebraucht.«

Der Mann lachte lauthals. »Ich bin der Einzige, der hier Deutsch spricht. Ich bin Schweizer. Die Mitglieder unseres Teams kommen aus fünf verschiedenen Nationen. Sie lernen ihre neuen Kollegen gleich kennen.« Dann sah er an Izzy vorbei zu Benja und fragte auf Französisch, ob er noch mit reinkommen möchte. Der schüttelte den Kopf.

»Du fährst schon?«, fragte Izzy überrascht. Diese Information war noch schlimmer, als das Irland Cottage verlassen zu müssen. Immerhin war er der Einzige, den sie hier kannte. Sie ging zu ihm hinüber und umarmte ihn fest. Als sie merkte, dass er starr unter ihrer Umarmung war, löste sie sich von ihm. Und tatsächlich sah er ein wenig wie eine ängstliche Holzpuppe aus, die beide Arme im 45 Grad-Winkel von sich gestreckt hielt. Wahrscheinlich war er kein Freund von Umarmungen, dachte Izzy und zuckte mit den Schultern. Dann nahm sie ihm immer noch lächelnd den Koffer ab und ging ein paar Schritte rückwärts, um ihm Freiraum zu geben. Langsam löste er sich aus seiner Erstarrung und schmunzelte zaghaft, winkte kurz und stieg zurück in seinen Wagen. Izzy stand noch eine Weile dort, um dem fahrenden Benja zuzuwinken.

3.

»Ich bin übrigens Sepp«, sagte der Schweizer von hinten. »Früher nannte man mich auch Seppel. Aber hier eigentlich nie.«

Izzy straffte ihre müden Schultern und drehte sich zu ihm um.

»Zuhause in Deutschland hatten wir mal einen Hund namens Seppel«, sagte sie und ging auf ihn zu.

Der lachte. »Tatsächlich? Die Deutschen haben seltsame Vorlieben.« Er hielt ihr die Tür auf und wartete, bis sie eingetreten war. Im Flur war es, wie auch im Gasthaus, recht dunkel. An der Decke hing eine alte Leuchtstoffröhre, die nur auf einer Seite zu leuchten schien. Außerdem machte sie unheilvolle, knisternde Geräusche. Izzy vermutete, dass der andere Teil der Lampe ebenfalls demnächst sein irdisches Leben aufgeben würde, um irgendwo oben, im Himmel, bei all dem anderen Vergangenen weiter zu leuchten.

»Wir sprechen hier untereinander alle Englisch. Wenn Sie ganz hinten nach rechts gehen, kommen Sie in den Aufenthaltsraum.«

Als Izzy den Raum betrat, starrten sie mehrere Augenpaare erwartungsvoll an. Sepp, der direkt hinter ihr eintrat, rief noch, ehe man ihn sehen konnte: »Das ist Izzy.« Die Anwesenden nickten höflich. Offenbar hatte Sepp es besonders eilig, denn er drängelte sich rechts an Izzy vorbei und begann damit, jeden einzeln vorzustellen.

Da waren Jabari, der Krankenpfleger aus dem Kongo, Kobe, ein nigerianischer Logistiker, und Ashley, ebenfalls Krankenpflegerin, aber aus den Staaten. Die beiden Krankenpfleger sahen recht jung aus, nicht älter als Izzy selbst. Der Logistiker musste an die fünfzig sein. Vielleicht hatte er aber auch einfach viel geraucht in seinem Leben.

Ashley rieb die Handflächen immer wieder aneinander. »Hi, schön dich kennenzulernen. Es ist toll, wieder eine Frau an Bord zu haben.« Sie zog ihre Schultern nach oben und lächelte, sodass zwei niedliche, kleine Grübchen oberhalb ihrer Wangen entstanden.

Mit ihr würde Izzy klarkommen. Das spürte sie auf Anhieb.

»Rum?« Sepp hielt ihr ein zur Hälfte gefülltes Glas hin.

Izzy stellte ihren Koffer zur Seite und nahm es in die Hand.

Daran könnte sie sich gewöhnen.

»Gewöhn dich bloß nicht dran«, sagte Kobe, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Ist nicht so, als würde es hier ständig Schnaps geben.«

Sepp hob fast dirigierend seine rechte Hand, in der linken hielt auch er ein gefülltes Glas. »Zum Kennenlernen kann man das schon mal machen.«

Jabari zog die Stirn in Falten. Es machte nicht den Eindruck, als würden sie nur ausnahmsweise Alkohol trinken. Aber wahrscheinlich wollten sich anfangs alle von ihrer besten Seite zeigen. Auch Izzy selbst.

»Na dann«, sagte sie und hob ihr Glas. »Ich freue mich auf die Arbeit mit euch.«

Sie hatte keine Zeit, sich neu zu fühlen oder fremd. Wie immer plauderte sie ohne Unterlass, als Sepp nach ihrer Anreise gefragt hatte. Sie berichtete von dem langen, aber angenehmen Flug, von dem großartigen Gästehaus bei der herzlichen Madagassin, dem schönen, spitzenbesetzten Betthimmel und natürlich von ihrer einzigartigen Taxifahrt mit Benja. »Er wusste sogar, was der Inhalt meiner Frühstückstüte war. Ohne hineinzusehen. Das hat er am Geruch erkannt. Ich kann eine Mandarine und eine Orange nicht voneinander unterscheiden.«

Die Zuhörer hingen an ihren Lippen, als würde sie über Wasser predigen, das aus der kargen, wüstenhaften Umgebung hier ein Palmenparadies machte. Immer wieder lachten sie zustimmend und ließen ihre Mundwinkel nie auf weniger als 160 Grad sinken. Izzy war das gewohnt. Sie hatte schon immer gewusst, wie man seine Mitmenschen am besten unterhielt. Doch irgendwann, aus ihr völlig unerklärlichen Gründen, rutschten die Mundwinkel zu einer geraden Linie bei gleichbleibend spannender Erzähltemperatur.

Was war geschehen?

Izzy folgte Ashleys Blick, die nun schwer schluckte und gen Tür sah.

Dort stand eine Frau, die zornig wirkte und, wenn Izzy es recht besah, auch ein wenig bedrohlich. Dennoch schenkte Izzy ihr ein aufmunterndes Lächeln.

Sepp räusperte sich, ging zwei Schritte Richtung Tür, ohne ihr tatsächlich näher zu kommen, und stellte die Frau vor.

»Das ist Meredith«, sagte er und räusperte sich noch einmal. »Unsere Ärztin.«

Izzys Strahlen wurde größer, vielleicht auch, um die sinkende Laune ihrer Umgebung auszugleichen. »Ah. Ich hab‘ mich schon gefragt, wo ihr sie versteckt habt. Bei den »Ärzten ohne Grenzen« sollte Ärzte nicht fehlen, richtig?«

Ashley schien zu gehemmt für irgendeine Reaktion.

Die grimmige Frau schien nicht erfreut. Izzy hatte sogar das Gefühl, die Falte zwischen ihren Augen würde noch tiefer. Wenn sie nicht achtgab, würde sich daraus im Alter ein kleiner Graben entwickeln. Die Worte ihrer Großmutter kamen ihr wieder in den Sinn:

„Zornesfalten machen hässlich. Willst du schön bleiben, lache!“

Mit ihrem feurig roten Haar und der drakonischen Zornesfalte zwischen den Brauen, wirkte sie wie eine schottische Freiheitskämpferin. Im Grunde genommen fehlte nur noch ein rotkarierter Rock und eine Axt in ihrer Hand. Den verwegenen Blick hatte sie schon. Vielleicht war sie traurig, weil sie nicht eingeladen worden war zum kleinen Umtrunk? Also fragte Lizzy sie direkt: »Rum?«

Ohne ein Wort zu erwidern, drehte Meredith sich um und ging.

»Entschuldige bitte«, sagte Sepp.

Izzy winkte ab. »Nicht doch. Was wäre ein Leben ohne eine waschechte Flora MacDonald?« Flora Mac Donald war eine schottische Heldin des achtzehnten Jahrhunderts mit einer außergewöhnlichen Anziehungskraft.

Sepp lachte. »Naja, sie hat tatsächlich etwas von einer Flora Mac Donald. Meredith ist Schottin und nimmt alles hier sehr ernst. Was es ja auch ist. Nur …«

»Ich versteh‘ schon«, sagte Izzy schnell.

»Sie ist nur sauer, dass Sepp bald geht«, sagte Ashley und Izzy war nicht sicher, ob sie richtig verstanden hatte.

»Was meinst du damit, dass Sepp geht?«

»Deswegen bist du hier«, sagte Kobe. »Du wirst Sepps Platz einnehmen.«

Izzy zwirbelte an ihrem Ohrläppchen. Es war bizarr, ihrer Vergangenheit gegenüberzustehen.

»Ihr anderen bleibt hoffentlich länger. Oder wer wird als nächstes gehen?«, fragte Izzy ironisch und hoffte, es wäre niemand.

»Meredith hoffentlich«, sagte Ashley leise, woraufhin Jabari ihr einen sanften Kick mit dem Fuß gab. »Sie ist eine gute Ärztin.«

»Natürlich ist sie das«, bestätigte Ashley. »Aber wie du gerade eben gesehen hast, hat sie zwischenmenschlich einige Probleme.«

Es entbrannte ein reger Austausch darüber, ob jemand wie Meredith als Ärztin in dieser Organisation überhaupt tragbar war. Izzy war derart fasziniert, dass sie sich noch einen weiteren Schluck des brennenden Rums in ihr Glas einschenkte und ungewohnt schweigsam dem Gespräch folgte. Es gab nicht oft Situationen wie diese, bei dem sie nicht ihre teils ungebetene Meinung zum Besten geben konnte. Aber was sollte sie hierzu schon sagen? Sie kannte Meredith nicht. Alles, was sie wusste war, dass sie hinter ihren Emotionsfalten attraktiv wirkte. Izzy hatte eine Schwäche für das Wilde in Frauen und stand Herausforderungen fast immer aufgeschlossen gegenüber.

Gerade debattierten sie darüber, ob eine Ärztin überhaupt empathielos sein durfte. Immerhin musste man für viele verschiedene Menschen da sein. Menschen, denen es an den wichtigsten Grundbedürfnissen fehlte. Dinge, die für die meisten Helfer hier selbstverständlich waren.

Jabari war schließlich derjenige, dessen Sichtweise niemand so einfach beiseite wischen konnte. »Ich habe Menschen sterben sehen im Kongo. Und zwar viele. Vielleicht ist es bei euch in den Staaten wichtig, dass der Arzt euch noch die Seele streichelt, aber hier geht es darum, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Effektivität ist gefragt. Wenn sie diese anspruchsvolle Arbeit hier also mit finsterem Blick erledigt, soll mir das recht sein. Und selbst du musst wissen, Ashley, dass niemand in den letzten Jahren mehr Menschen helfen konnte.«

Dagegen konnte wohl keiner hier etwas sagen, denn sie nippten teils betreten, teils genussvoll an ihrem Rum.

Izzy ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen. Es sah weniger furchtbar aus, als es von außen den Anschein hatte. Trotz des Gefängnischarakters. Es war auch angenehm auf eine Art. Jemand hatte mit ein paar kleinen wesentlichen Details versucht, diesem Raum hier Gemütlichkeit einzuhauchen. Auf dem alten Tisch mit teils abgeplatztem Plastikrand und Rissen auf der Fläche, stand ein schlichtes Wasserglas mit Trockenblumen darin. Auch auf den beiden schmalen Fensterbrettern standen jeweils ein Behälter mit Trockenblumen. Das nahm den Gittern hinter den Fenstern die Bedrohlichkeit. Den Blumenvasen sah man ihren provisorischen Nutzen sofort an. Auf dem linken Fensterbrett stand ein kleiner Strauß in einem braunen Pappbecher, was absolut passte. Die Vase auf dem rechten Fensterbrett erinnerte sie allerdings an ein altes Nutellaglas. Sie beugte sich vor, um die Umrisse besser erkennen zu können. Es gab definitiv einen Schraubverschluss.

»Das ist Meredith‘ Glas«, sagte Jabari. »Ihre Pflegemutter hat ihr letztes Jahr zu Weihnachten ein Nutellaglas geschickt.«

Izzy setzte sich wieder aufrechter hin und griente. Jemand, der von seiner Mutter ein Glas Nutella geschenkt bekam, konnte gar nicht schlecht sein. »Ich hätte sie nicht für eine Naschkatze gehalten.«

»Das Glas war an zwei Tagen leer«, sagte Sepp.

»Sie hat ja auch geteilt.« Jabari war offenbar ihr Befürworter.

»Ich liebe Nutella«, musste auch Izzy zugeben.

»Dann wirst du dich hier in Abstinenz üben müssen. Oder du lässt dir auch ein Glas schicken«, sagte Kobe.

Dann würde Izzy wohl eine Weile ohne auskommen müssen. Wenn sie Zeit im Ausland verbrachte, orientierte sie sich immer an den heimischen Gewohnheiten. Auch wenn das bedeutete, dass sie Reis zum Frühstück essen musste.

»Und warum hat Meredith eine Pflegemutter?«, fragte Izzy.

»Darüber können wir später noch reden. Wir müssen morgen früh raus. Wenn du willst, zeig ich dir jetzt unser Zimmer. «, antwortete Ashley und stand auf. »Aber mach es dir nicht zu gemütlich. Wir fahren morgen zum nächsten Einsatz.«

Izzy stutzte. »Nächster Einsatz? Wohin fahren wir denn?«

»Etwas weiter südlich. Die Leute von weiter her erreichen uns hier nicht.«

»Verstehe.«

»Es gibt siebzehn mobile Teams im Süden von Madagaskar. Wir machen Touren, um so vielen wie möglich helfen zu können. Es ist anstrengend, aber ich denke, es wird dir hier gut gefallen. Das Helfen tut gut.«

Jabari war ebenfalls aufgestanden und stellte sich neben Izzy. Er legte die Hand auf ihre Schulter. »Du passt hier gut rein.«

4.

Ein großer roter Ball tauchte am Horizont auf und kündigte trügerisch romantisch den neuen Tag an.

Izzy hatte hier keine Gelegenheit zu verschlafen. Es gab genügend Leute, die sie zur Pünktlichkeit antrieben. Und keiner stand vehementer dahinter, den Zeitplan einzuhalten, als Meredith. Ein Pluspunkt des heutigen Morgens war, dass sie nun wusste, wie Merediths Stimme klang. Bedenklich war jedoch, dass Izzy nicht wusste, ob sie diese streng klingende Stimme mochte. Die wenigen Worte, die aus ihrem Mund nach draußen fanden, waren nicht an Izzy gerichtet. Kein einziger Blick ging in ihre Richtung. Es war, als wäre sie nicht da.

Seit fast einer Stunde saßen sie inzwischen in einem großen Geländewagen. Ashley und sie auf den hinteren Sitzreihen. Meredith fuhr. Wahrscheinlich gehörte sie nicht zu den Menschen, die einfach nur abwartend neben jemandem sitzen konnten. Meredith musste immer die Richtung angeben. Und wenn sie das tat, musste sie auch vorangehen. Derartige Menschen faszinierten Izzy. Wann immer jemand reserviert wirkte oder unnahbar, machte sie sich daran, diese Person zu ergründen. So hatte sie ihre Freundin Linda für sich gewonnen, die wertvollste Freundin, die sie je kennengelernt hatte. Sie war der beste Beweis dafür, dass es sich lohnte, hinter die Fassade eines Menschen zu blicken.

Bei Rubina hatte sie anfangs auch die Hoffnung gehabt, eines Tages hinter die Fassade blicken zu können. Aber als auch nach Wochen nicht mehr kam als ihr allgemeingültiges »Von mir aus«, hatte sie den Eindruck, als gäbe es keine weitere Rubina hinter ihrer Oberfläche. Oder dass sie bereits seit Anbeginn ihrer Bekanntschaft alles gesehen hatte, auch die tiefer liegenden Schichten. Da war einfach nicht mehr. So war die wahre, blanke Rubina. In gewisser Weise war sie wie ein zartschmelzendes Raffaello, dem die Mandel fehlte. Es ist erst einmal in ihrem gesamten Leben vorgekommen, dass sie ein Raffaello ohne Mandel erwischt hatte. Die Vorfreude, wenn man in die kleine Praline biss und dann die Enttäuschung, wenn auch nach dem zweiten und dritten Bissen nichts kam. Sie war leer.

Izzy hatte das Raffaello dann trotzdem gegessen und sich zum Trost schnell ein neues genommen. Aber das konnte sie hier nicht, oder? Zum Trost schnell ein neues nehmen? Die Bekanntschaft mit Linda hatte sie gelehrt, dass es nicht richtig war, immer nach dem Nächstbesten zu streben. Also war sie bei ihr geblieben.

Sie hatte sich nicht direkt von ihr getrennt, als sie sich nach Madagaskar aufgemacht hatte. Aber auch ihr musste klar gewesen sein, dass da nichts war zwischen ihnen. Kein Vermissen. Kein »Bitte bleib bei mir«. Dass es Rubina einfach genügte, eine Bleibe zu haben.

Meredith parkte den Wagen vor einem Zaun aus Plastikplanen. Etwas weiter abseits standen bereits einige Zelte, vor denen schon angereiste Patienten warteten. Hinter den Plastikplanen war ein Zeltlager aufgestellt. Izzy teilte sich ein Zelt mit Ashley. Die Ausstattung war schlicht. Es gab eine auf dem Boden liegende Matratze, eine einfache Decke und ein Kissen.

»Es gibt hier kein fließend Wasser. Wenn du dich waschen willst, musst du einen Eimer nehmen. Es wird empfohlen, möglichst selten zu duschen, weil das Wasser hier echt knapp ist. Ich weiß, das ist erstmal eine Umstellung, aber man gewöhnt sich daran.«

Izzy winkte ab. »Ich such schon lange nach einer guten Ausrede, um nicht täglich duschen zu müssen. Endlich kann ich meinen Traum leben.« Sie legte ihren Koffer neben die linke Matratze und kniete sich davor.

Ashley lachte. »Du passt hier gut rein. Wenn du beim Essen ähnlich anspruchslos bist, wird es dir hier an nichts fehlen.«

Izzy zerrte am Reißverschluss des Koffers, der durch irgendetwas verklemmt war. »Gibt’s nur trocken Brot?«

Ashley lachte erneut. »Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Hauptsächlich gibt es Nudeln, Reis, Bohnen, Couscous oder Linsen.«

»Großartig. Mein Stoffwechsel ist nicht wählerisch und der Rest von mir auch nicht. Außerdem wollte ich sowieso mehr Hülsenfrüchte essen.« Sie zog den Reißverschluss geduldig wieder zu und noch einmal ganz langsam auf.

»Du lässt dich wohl durch nichts aus der Ruhe bringen.«

Izzy klappte den Koffer auf. »Kommt nicht sehr oft vor.«

»Warum mussten sie uns ausgerechnet sie schicken? Wir haben hier eine Krisensituation. Das ist kein Ort für Influencerinnen oder frustrierte Mitdreißigerinnen in Sinnkrise.«

Izzy hielt inne. Sie wollte gerade das Bürozelt betreten, in dem Sepp sie einweisen sollte. Nun stand sie hier und erlebte wie auf‘s Stichwort einen der ganz seltenen Momente, der sie aus der Ruhe brachte. Sie schluckte. Die Stimme, die sie dort gerade hörte, war klar Meredith zuzuordnen.

Sepp räusperte sich. »Gib Izzy doch erst einmal Gelegenheit, sie kennenzulernen. Du hättest gestern Abend nicht einfach gehen sollen. Wenn du dich mit ihr unterhältst, stellst du fest, wie erfrischend Izzy ist.«

»Erfrischend?«, fragte Meredith affektiert. »Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin die Einzige, die den Ernst der Lage hier erkennt.«

Izzy hörte Sepp schwer ausatmen. »Jeder hier weiß um den Ernst der Situation. Wir sind alle keine Ignoranten.«

»Das habe ich damit auch nicht sagen wollen«, sagte Meredith beschwichtigend. »Kannst du nicht einfach noch ein wenig bleiben? Du bist der Einzige, der sich mit dem Notstrom auskennt, wenn der Hauptgenerator ausfällt und nur du kennst dich mit der Organisation der Medikamente im Apotheken-Container aus. Was sollen wir machen, wenn das alles wegfällt?«

»Dann wird Izzy sich darum kümmern. Gib ihr eine Chance. Das ist keine Frage, sondern mein voller Ernst, Meredith. Ich werde nicht bleiben.«

Als Izzy Schritte hörte, versteckte sie sich hinter dem Zelt, damit Meredith nicht sah, dass sie die beiden belauscht hatte. Und damit sie nicht sah, wie sehr diese Worte sie getroffen hatten. In ihrem Bauch schwelte eine Art dumpfe Magenverstimmung. Jene Art Leiden, die einem vornehmlich in südlichen Ländern begegnen konnte, wenn man trotz innerlicher Warnung die günstigen Meeresfrüchte vom Straßenhändler probieren wollte. Sie atmete tief durch. Sobald sie sicher sein konnte, dass Meredith außer Reichweite war, kam sie aus ihrem Versteck hervor und betrat das Bürozelt.

Sepp lächelte sie an. »Gut, dass du da bist. Ich will dir einige Dinge zeigen.«

Sie war bemüht, ihrem Gesicht ein Lächeln überzustülpen. Aber Sepp war offenbar ein Fährtenleser. »Sie meint es nicht so«, sagte er.

»Natürlich meint sie es so«, entgegnete Izzy und winkte ab. »Es macht nichts. Wirklich.«

»Doch, das macht es. Es lässt sich nicht einfach beiseiteschieben.« Er machte eine wegwischende Handbewegung. »Aber vielleicht lässt es sich erklären.«

Izzy setzte sich mit einer Seite ihres Hinterns auf den klapprigen Tisch und sah ihn erwartungsvoll an. »Schieß los.«

Sepp setzte sich ebenfalls. Allerdings auf seinen Stuhl. »Im Grunde genommen hat alles mit ihrer Kindheit zu tun.«

Izzy sah auf ihren Oberschenkel. »Eine schlechte Kindheit? Damit willst du es erklären?«

»Selbstverständlich. Vieles lässt sich genau darauf zurückführen. Man kann unsere Geschichten in jeder einzelnen Faser unseres Seins lesen.«

»Ich bin sicher, dass du es kannst.« Ihr Fuß baumelte vor und zurück. »Eine Freundin von mir kann es auch. Aber ich …es ist mir immer schon schwergefallen, mir vorzustellen, was in anderen Köpfen vorgeht.«

»Bei Meredith ist es wie bei einem Werk von Master James of St. George.«

»Wer?«, fragte Izzy mit verengten Augen.

»Das war der Lieblingsarchitekt von Edward dem I. Und weißt du, warum er das war?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Er war bekannt für seine konzentrische Bauweise mit doppelten Ringmauern. George hat buchstäblich Burgen in Burgen gebaut. Es war unmöglich dort einzudringen. Man überwand zunächst die äußere Mauer und fand sich vor einem schweren verstärkten Tor wieder. Und dann vor einem Wachturm, vor einer hohen inneren Mauer, auf der auch noch Bogenschützen standen.« Er schüttelte mit dem Kopf. »Wehe dem armen Fußsoldaten, der so weit gekommen war.«

Izzy verstand eigenartigerweise, worauf Sepp hinauswollte. Er sagte ihr nichts weiter, als dass Meredith der klassische Typ mit der harten Schale war. Aber war innen drin dann ein weicher Kern?

»Du erinnerst mich an meine Oma«, sagte sie.

Sepps Augen wurden groß. »Ach was?«

»Ja, tatsächlich. Sie hatte auch immer die besten Erklärungen für das schlechteste Benehmen.«

Sepp lachte inbrünstig.

»Die Mauer der Schottin wurde also Stein für Stein über Jahrzehnte hochgezogen.« Sie sah zum Ausgang des Zeltes. »Und wie reißt man sie wieder ein?«

»Äh«, machte Sepp gedehnt und hüstelte. »Das wirst du wohl nicht schaffen. Meredith lässt niemanden an sich heran. Es ist besser, wenn man auf Abstand bleibt.«

»Hmmm«, brummte sie. »Ausgerechnet das kann ich nicht, konnte ich nie.« Und es stimmte. Sie hatte mal ein streitendes Pärchen beobachtet, bei dem der männliche Part die Oberhand zu behalten schien. Er warf ihr zusammengefasst vor, sich gehen zu lassen. Und sie ließ ihren Kopf bei jedem weiteren Vorwurf tiefer in die Schultern sinken. Izzy hätte einfach gehen können, wäre da nicht ein wesentliches Detail gewesen: Bei genauerer Betrachtung war er es, der keine Mühe in sein Äußeres zu legen schien. Aus einer viel zu engen Hose lugten ein paar viel zu große, behaarte Pobacken hervor. Und genau das hatte sie ihm gesagt.

Izzy rutschte von der Tischkante und schob die Hände in die Hosentaschen. »Vorübergehend mag das funktionieren. Auf Dauer bin ich kein Aus-dem-Weg-Geher.«

5.

»Ich werde sie nicht hier arbeiten lassen. Sie ist weder Krankenschwester noch Ärztin«, sagte Meredith barsch. Sepp war in das Untersuchungszelt gekommen und hatte ohne lange Vorreden mitgeteilt, was er von Meredith erwartete.

»Was heißt arbeiten? Sie soll dich begleiten, um einen Einblick zu gewinnen, was wir hier tun«, erwiderte Sepp und zeigte immer wieder mit seinem Bleistift auf sie, als hielte er einen Zeigestock in seiner Hand.

»Dann vermittle du ihr doch einen Eindruck. Sie soll doch deinen Job übernehmen.« Meredith schob die Hände in ihre Hosentaschen.

»Es geht um eine gute Zusammenarbeit, und das weißt du auch. Alle anderen hier mag sie inzwischen. Was dich betrifft… «

Meredith war klar, dass sie sich mit ihr verstehen musste. Über kurz oder lang würde sie auf Izzy angewiesen sein. Sepp hatte wiederholt klar gemacht, dass er seine Anstellung diesmal nicht verlängern würde. Sein Blutdruck war in den vergangenen Monaten immer höher geworden. Natürlich konnte Meredith Medikamente für ihn bestellen. Aber es war auch klar, dass man diese Krankheit an der Wurzel packen musste. Der Stress und die Hitze waren im Laufe der Jahre zu viel für ihn geworden. Sepp musste zurück in seine Heimat, um seinen wohlverdienten Ruhestand anzutreten. Meredith hatte grundsätzlich nichts dagegen, dass ein Ersatz für Sepp eingestellt wurde. Seit einem Monat wusste sie, dass eine sprachbegabte Deutsche kommen würde. Innerlich hatte sie sich aber eher auf eine Angela Merkel eingestellt als auf eine brünette Heidi Klum. Schon als Meredith sie von weitem gehört hatte, waren ihre Nackenhaare wie nach einem Elektroschlag steif geworden. Es war gar nicht so sehr die Stimme, sondern die Art, wie sie geredet hatte. Man hätte eher erwartet, dass sie Backstage bei einer Casting Show waren, anstatt in einem Krisenzentrum für humanitäre Hilfe. Meredith hatte sofort ihre Zweifel daran, dass Izzy die Lage mit dem nötigen Ernst betrachten würde. Sie wollte Spaß und gute Laune. Da war sie bei ihnen absolut fehl am Platz. Meredith würde ihr auch überhaupt nicht absprechen, dass sie ein guter Mensch war. Mal abgesehen davon, dass sie offenbar nur nach Madagaskar gekommen war, um sich hervorzutun. Der Welt zu zeigen, wie gut man selbst war, reichte nicht aus für das Prädikat »gut«. Und genau das würde Meredith ihr klarmachen. Das musste sie. Ihr lagen die Menschen hier, vor allem die Kinder, viel zu sehr am Herzen, als dass sie von Izzy instrumentalisiert würden.

»Von mir aus bring sie her«, gab sie schließlich nach.

Sepp verengte die Augen zu Schlitzen. Offenbar traute er dem spontanen Stimmungswechsel nicht.

»Du wirst sie weder ausschließen, noch beleidigen, noch in irgendeiner Art und Weise dissen.«

»Ist dissen überhaupt ein Wort?«

»Meredith«, sagte Sepp streng.

»Was denkst du von mir?«, fragte sie und breitete ihre Arme aus.

Sepp antwortete nicht, aber die Falte zwischen seinen Brauen vertiefte sich.

»Du hast mein Wort. Sie kann hierbleiben, solange sie nicht im Weg steht.«

»Mehr erwarte ich auch gar nicht.«

Izzy strahlte Meredith an, als würde sie Werbung machen wollen für Zahn-Bleaching. Meredith runzelte die Stirn. So gewann sie wahrscheinlich die Herzen ihrer Gegenüber. Sie selbst würde sich nicht blenden lassen. Inzwischen war sie geübt im Erkennen von doppelgesichtigen Scheinmenschen. Der neue Mann ihrer Mutter hatte sich anfangs auch von seiner guten Seite gezeigt. Nach der Heirat hatte er jedoch von ihr verlangt, Meredith wegzugeben. Sie war gerade eingeschult worden.

»Was kann ich tun?«, fragte sie mit anhaltend pausbäckigem Grinsen, als würde sie sagen wollen »Mit mir an Ihrer Seite, bekommen auch Sie Ihre Wäsche rein«.

Meredith schüttelte den Kopf. »Gar nichts. Zusehen reicht.«

6.

Ohne ein Wort der Einweisung oder Orientierung ging Meredith zu Ashley, welche die Anmeldung der ersten Patienten übernahm. Izzy folgte ihr mit ihrem Blick. Sie hatte sich bemüht, ein Lächeln aufzusetzen. Aber da sie gehört hatte, was Meredith von ihr hielt, gelang ihr das weniger gut. Eines war sicher: Sie würde sich auf keinen Fall den ganzen Tag aufs Nebengleis stellen lassen. Sie würde etwas tun. Auch wenn es nur das Entleeren gefüllter Bettpfannen wäre.

Natürlich gab es hier keine Bettpfannen. Das war eine ambulante Station. Und weil sie es so sicher wusste, war sie relativ sorglos in dieser Hinsicht.

Jabari verteilte die ersten Patienten auf Liegen. Izzys Blick wanderte nach draußen und ließ sie für einen Moment regungslos werden. Dort warteten schon jetzt eine Menge Madagassen, vor allem Frauen und Kinder, die dürr und ausgemergelt wirkten. Es mussten an die fünfzig gewesen sein. Dabei war es gerade acht Uhr.

»Erschreckend, nicht wahr?«

Izzy schreckte auf. Jabari stand hinter ihr und wollte offenbar die nächsten Patienten verteilen.

»Ich möchte helfen«, sagte Izzy, den Blick wieder starr nach draußen gerichtet.

»Du kannst Plumpy-Nut verteilen.«

»Plumpy-Was?«

»Das sind diese Dinger hier.« In der Hand hielt er etwas, das fast aussah wie Obsttütchen. In Deutschland wurden sie von verwöhnten Kleinkindern genuckelt, die zu faul waren, echtes Obst zu knabbern. Aber das war nur Izzys nie laut geäußerte Meinung. Die Meinung einer Nicht-Mutter mit reichlich Besserwisser-Kenntnissen. Ihr wurde einmal von einer Mutter aus ihrem Dorf empfohlen, ihre Ansichten für sich zu behalten. Es wäre völlig normal, seinen Kindern auch mal eine Chipstüte zum Frühstück zu erlauben. Und weil Izzy es tatsächlich nicht besser wusste, behielt sie ihre Gedanken fortan für sich.

»Da drin ist eine Protein-Paste mit einer Menge Vitaminen. Die helfen den kleinen Unterernährten, wieder zu Kräften zu kommen.« Er drückte ihr eine volle Kiste in die Hände.

Izzy sah hinein und nahm gedankenverloren eine der Tüten heraus. In der Theorie davon zu wissen, dass sie hier Unterernährten begegnen würde, war anders, als nun tatsächlich welche zu treffen.

Sie rieb sich über ihren steifen Nacken und ging nach draußen.

Auf halbem Weg traf sie Meredith, die offenbar zu ihren ersten Patienten gehen wollte.

»Ich verteile Tütchen«, sagte sie breit grinsend.

Die sah Izzy stirnrunzelnd an.

»Keine Sorge«, gab sie ihr mit einer wegwerfenden Handbewegung zu verstehen. »Diese hier haben so gut wie keine Rauschwirkung.«

Izzy hatte den Vormittag über nicht nur Plumpy-Nut verteilt. Sie war auch in dem Bereich dabei, in dem mangelernährte Kinder gewogen und gemessen wurden und notierte die Messergebnisse in Karteikarten. Sepp kam mittags mit Essen vorbei. Er stellte jedem eine Schale hin mit Reis und Süßkartoffeln und etwas, das wie Kichererbsen aussah, aber nicht so schmeckte. An Pause war nicht zu denken, weil zu viele Patienten da waren. Also aßen alle nebenher.

Sepp sagte nicht viel, außer: »Die Zeit verfliegt hier, oder?« und »Wir reden später über deine Eindrücke.« Dann war er wieder verschwunden und hatte sich bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht mehr gezeigt. Offenbar war das der Grund, dass sie nun hier, statt bei Sepp arbeiten sollte. Sobald sie seinen Job übernommen hatte, würde Izzy seltener im Versorgungszelt sein.

Kurz vor Feierabend wollte Izzy eine weitere Kiste Plumpy-Nut holen, als Meredith an der Tür stand. Sie erklärte Jabari fahrig, dass sie irgendetwas bräuchte, was Izzy nicht verstand. Der Krankenpfleger holte etwas aus einem Medizinschrank und brachte es Meredith. Die rauschte wortlos an ihr vorbei.

Izzy hatte nicht einmal verstanden, um welche Erkrankung es sich gehandelt hat. »Was hast du ihm gegeben?«

»Das war ein Mittel gegen Durchfall. Das brauchen wir hier in großen Mengen«, sagte Jabari ohne aufzublicken.

»Die meisten Patienten haben Durchfall?«

»Viele, weil sie verschmutztes Wasser trinken. Sie sind oft den halben Tag unterwegs, um braunes Wasser aus einem kleinen See zu holen. Logisch, dass das krank macht.«

Izzy rieb mit ihrem Daumen über die Plumpy-Nut-Tüte in ihrer Hand. Die Not hier war so groß, dass sie bewusst dreckiges Wasser tranken.

»Und weswegen kommen sie noch her?«

Er legte ein Maßband um den zarten Oberarm eines kleinen Jungen. »Naja. Wie du siehst, sind viele Kinder unterernährt.«

Izzy drehte den Verschluss der Tüte und reichte sie dem Jungen.

»Viele werden aber auch wegen Malaria behandelt.« Dann sah er zu ihr auf. »Wusstest du das nicht?«

»Doch natürlich. Ich war bei einem Crashkurs. Aber hier ist trotzdem alles irgendwie anders.«

Jabari griente. »Mir wurde damals gesagt, die Einheimischen würden aus lauter Dankbarkeit selbstgemachtes Essen vorbeibringen.«

»Klingt verlockend.« Izzy rieb sich über den Bauch, als ihr klar wurde, wie hungrig sie inzwischen wieder war.

»Wenn man auf abgerubbelte Kakteen steht.« Er rieb mit einem sterilen Tuch über ein Stethoskop, das gar nicht benutzt worden war.

»Was ist das?« Sie kräuselte ihre Oberlippe.

»Kakteen, von denen sie die Stacheln entfernen.« Er gab dem Jungen das polierte Stethoskop, der nichts damit anzufangen wusste.

»Sowas isst man hier?«

»In vielen Fällen bleibt ihnen nichts anderes mehr übrig. Der fehlende Regen macht Landwirtschaft praktisch unmöglich.«

»Dann sollte ich ihnen mein Mittagessen geben.«

Jabari kniete vor dem Jungen und legte seine Hände auf seine Oberschenkel. »Und wie kannst du ihnen noch helfen, wenn du selbst nichts mehr isst?«

»Vielleicht sollte ich mal von den abgerubbelten Kakteen probieren.« Sie strich gedankenverloren ihr T-Shirt glatt.

»Oder du isst vernünftig und gibst hier Vollgas.« Er stand auf und überreichte ihr eine Karteikarte und einen Stift, damit sie die Werte des letzten Patienten notieren konnte.

7.

»Sie hat gesagt, sie verteilt Tütchen, als würde es sich um Joints handeln.« Meredith war in das Bürozelt gegangen und hatte sich Sepp gegenüber an den Schreibtisch gesetzt.

Sepp hob beschwichtigend die Hände nach oben. »Das ist eben ihre Art von Humor.«

»Witze sind hier fehl am Platz, Sepp. Hier geht’s um Menschen.« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Wie immer bist du uns drei Schritte voraus. Der Rest von uns dachte, es geht um gute Küche.«

»Sepp.«

»Nein, Meredith. Du verkennst nämlich etwas. Es geht nämlich nicht allein um Menschen, sondern um Menschlichkeit.« Er betonte Silbe für Silbe. »Sie hat das. Sie mag etwas …skurril sein.«