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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Nachdem Claire Rauch bereits einige Male auf die Uhr gesehen hatte, konnte Harro Scholz das nicht mehr übersehen. Mit hochgezogenen Augenbrauen meinte er: »Daß du immer in Eile bist. Wir wollten doch in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken.« »Ja.« Claire lächelte ihren Verlobten an. Seit einem Monat war sie nun mit Harro Schulz, dem Juniorchef von Scholz-Moden verlobt. Im Grunde begriff sie das noch immer nicht so recht. Es war alles so schnell gegangen. Seit ihrer Scheidung vor über drei Jahren hatte sie nur für ihre Tochter gelebt. Sie hatte gewußt, daß Sybille unter der Trennung vom Vater litt, und daher versucht, dieser auch den Vater zu ersetzen. »Ich glaube, Sybille kommt heute früher von der Schule«, fuhr Claire fort. Auf Harros Stirn erschien eine Falte. »Du behandelst deine Tochter wie ein Baby.« Seine Stimme grollte. »Sybille wird in wenigen Wochen zwölf Jahre alt. Wann wirst du das begreifen?« Claire senkte den Kopf und sah in die bereits geleerte Kaffeetasse. Sie verzichtete auf eine Erwiderung. Sie kannte Harros Klage nur zu gut.
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Seitenzahl: 145
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Nachdem Claire Rauch bereits einige Male auf die Uhr gesehen hatte, konnte Harro Scholz das nicht mehr übersehen. Mit hochgezogenen Augenbrauen meinte er: »Daß du immer in Eile bist. Wir wollten doch in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken.«
»Ja.« Claire lächelte ihren Verlobten an. Seit einem Monat war sie nun mit Harro Schulz, dem Juniorchef von Scholz-Moden verlobt. Im Grunde begriff sie das noch immer nicht so recht. Es war alles so schnell gegangen. Seit ihrer Scheidung vor über drei Jahren hatte sie nur für ihre Tochter gelebt. Sie hatte gewußt, daß Sybille unter der Trennung vom Vater litt, und daher versucht, dieser auch den Vater zu ersetzen.
»Ich glaube, Sybille kommt heute früher von der Schule«, fuhr Claire fort.
Auf Harros Stirn erschien eine Falte. »Du behandelst deine Tochter wie ein Baby.« Seine Stimme grollte. »Sybille wird in wenigen Wochen zwölf Jahre alt. Wann wirst du das begreifen?«
Claire senkte den Kopf und sah in die bereits geleerte Kaffeetasse. Sie verzichtete auf eine Erwiderung. Sie kannte Harros Klage nur zu gut.
»Bitte, wenn du unbedingt gehen willst.« Er hob die Hand und gab der Kellnerin ein Zeichen. »Ich finde es hier sehr gemütlich. Wir hätten gleich hier essen können.«
Claire lächelte noch immer. »Du hast recht, es ist ein sehr gemütliches Lokal. Nur, das Essen für mich und Sybille steht im Herd.«
»Und ohne dich kann dein Fräulein Tochter ja nicht essen.«
»Aber sie ist doch noch ein Kind.« Claire hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.
»Ein Kind, das nie erwachsen werden wird. Du verwöhnst es zu sehr.« Harro war wieder bei seinem Lieblingsthema angelangt. Er mußte sich jedoch unterbrechen, da die Kellnerin an den Tisch trat.
»Du willst also nach Hause?« fragte er noch einmal eindringlich, als er seiner Verlobten in den Mantel half.
Claire blieb fest. »Ja. Sybille ist gewohnt, daß ich da bin, wenn sie von der Schule kommt.« Trotz der finsteren Miene ihres Verlobten lächelte sie. »Es wäre schön, wenn du mich begleiten würdest. Vielleicht fällt Sybilles letzte Stunde doch nicht aus…«
»Dann hätten wir gleich hierbleiben können«, knurrte Harro. Er verstand Claire nicht. Sybille war in seinen Augen ein verzogener Fratz, der immer seinen Willen durchsetzte und somit die Mutter tyrannisierte. »Aber ich komme mit«, meinte er, als er die Autotür für Claire öffnete. »Ich habe mit dir etwas zu besprechen.«
Claire fiel das Lächeln immer schwerer. Sie ahnte, worauf Harro wieder hinauswollte. Mit Mühe unterdrückte sie einen Seufzer, als er auch schon begann: »Ich habe dir Prospekte mitgebracht. Du wirst sehen, deine Abneigung gegen ein Internat ist lächerlich. Wie viele andere Kinder würde auch Sybille sich dort wohl fühlen.«
Vorsichtig, um Harro nicht gleich wieder auf die Palme zu bringen, antwortete Claire: »Ich sehe nur keinen Grund dazu. Ich komme mit Sybille ausgezeichnet zurecht.«
Scharf unterbrach Harro sie: »Du verstehst mich völlig falsch. Es soll für Sybille ja keine Strafe sein. In einem Internat wird sie von Grund auf für das spätere Leben vorbereitet.« Kurz nahm er den Blick von der Straße und sah Claire an. »Vor allem lernt sie selbständig zu werden.«
»Sybille ist selbständig«, widersprach Claire ihm. Ihre Stimme klang jetzt nicht mehr nachgiebig. »Die Erziehung in einem Internat ist nicht immer die beste. Oft schadet sie sogar.«
»Willst du damit etwa sagen, sie hat mir und meinem Bruder geschadet?«
»Nein, nein, aber du kannst nicht alles mit deinen Maßstäben messen.«
»Ich habe auf jeden Fall gelernt, meiner Mutter nicht ständig am Rock zu hängen«, fuhr Harro fort. »Deine Tochter glaubt jedenfalls noch immer, daß sich alles um sie drehen müßte. Und daran bist du nicht schuldlos, meine Liebe.«
Darauf konnte Claire nichts erwidern. Sie wußte, Harro hatte nicht unrecht. Sie hatte ihr Leben auf Sybille abgestimmt. Auch jetzt ging sie nur ganz selten aus, und trotzdem lehnte Sybille Harro ab. War dies eine unbewußte Reaktion, oder verstand ihr Verlobter es nicht, mit Kindern umzugehen? Nun seufzte Claire doch. Diese Frage hatte sie sich in den letzten Tagen oft gestellt, da sie bereits selbst bemerkt hatte, daß die Spannungen zwischen Sybille und Harro immer größer wurden.
»Du mußt doch selbst bemerken, daß deine Tochter nicht über die geringste Disziplin verfügt. Glaube mir, es gibt nur eine Lösung, und die heißt Internat.«
Claire sah auf ihre im Schoß gefalteten Hände. Alles in ihr wehrte sich gegen diesen Vorschlag. Irgendwie hatte Harro zwar recht. Sybille maulte, wenn sie, Claire, ausgehen wollte.
Aber war das nicht natürlich? Taten andere Kinder das nicht auch? Sybille war weder frech noch log sie oder ließ in ihren schulischen Leistungen nach. Erst seit Harro in ihr Leben getreten war, gab es Probleme. Seither muckte Sybille auf.
»Sieh dir die Prospekte erst einmal an«, klang Harros Stimme wieder an Claires Ohr. »Das Internat liegt nicht nur direkt am Genfer See, es wird den Mädchen dort auch Gelegenheit gegeben, sich in jeder Sportart zu betätigen. Ich habe dieses Internat ausgewählt, weil ich weiß, wie sportlich deine Tochter ist. Zu diesem Internat gehört sogar ein Reitstall. Also wird Sybille in Zukunft auch reiten können. Das wünscht sie sich doch schon lange.«
Dazu konnte Claire nur nicken. Sie legte ihre Hand auf den Arm ihres Verlobten. Es war eine stumme Abbitte. Sie mußte seine Bemühungen anerkennen. Er meinte es sicherlich gut.
Harros Lippen umspielte ein siegessicheres Lächeln. »Ich komme noch mit dir hinauf«, sagte er, als er sein Auto vor dem Wohnblock, in dem Claire wohnte, parkte. »Wir wollen die Prospekte gleich zusammen durchsehen. Natürlich können wir vor der endgültigen Zusage nach Lausanne fahren und uns alles ansehen.«
Claire biß sich kurz auf die Unterlippe. Harro war also überzeugt, daß sie ihre Zustimmung doch noch geben würde. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Zögernd meinte sie: »Vielleicht ist Sybille schon da.«
»Keine Sorge, dann sprechen wir natürlich nicht davon.« Mit väterlichem Lächeln half Harro seiner Braut aus dem Auto.
Claire sorgte sich trotzdem. Sie wußte aus den Erfahrungen der letzten Wochen, daß Harros väterliches Lächeln nur zu leicht wieder verschwand. Er konnte sehr autoritär sein. Wie oft hatte Sybille das bereits zu spüren bekommen.
Claire sperrte ihre Wohnung auf und blieb horchend im Gang stehen.
»Na, siehst du!« Harro nickte selbstsicher. »Deine Angst war wieder einmal unbegründet. Dein Fräulein Tochter ist noch nicht zu Hause und läßt dich wahrscheinlich auch noch eine Zeitlang warten.«
Sybille, ein hübsches Mädchen mit langem dunkelblondem, fast braunem Haar, hörte diese Worte. Ihre Hand, die sie bereits nach der Türklinke ausgestreckt hatte, sank herab. Ihr Gesicht spiegelte ihre Enttäuschung wider. Aber das sah niemand, denn Sybille befand sich allein in ihrem Zimmer.
Ihr Gesicht hellte sich auch nicht auf, als sie ihre Mutter sagen hörte: »Von Wartenlassen kann keine Rede sein. Sybille kommt von der Schule stets direkt nach Hause. Wahrscheinlich ist die letzte Stunde doch nicht ausgefallen.«
»Um so besser. Dann haben wir Zeit. Komm, wir gehen ins Wohnzimmer.«
»Muß das jetzt sein?« Claire sträubte sich dagegen, die Unterlagen über das Internat anzusehen. Sie ahnte, daß das nur wieder einen Streit auslösen würde.
»Wann sollen wir es sonst tun?« hielt Harro ihr entgegen. »Wenn wir etwas unternehmen, ist stets deine Tochter dabei.« Seine Miene wurde eisig. Er war gewohnt, seinen Willen durchzusetzen. »Claire, wir müssen uns darüber unterhalten. Spätestens im Herbst wollen wir heiraten.«
Claire nickte und strich sich flüchtig über die Stirn. Da war wieder die Frage, die sie sich selbst nicht beantworten konnte: Wollte sie überhaupt heiraten?
Claire war noch jung, wollte nicht mehr allein sein. Sie fand, es war schön, jemanden zu haben, der sich um sie kümmerte. Und Harro Scholz war eine ausgezeichnete Partie. Claire wußte, sie wurde von vielen weiblichen Wesen darum beneidet. Harro sah nicht nur gut aus, er war auch charmant und konnte ihr einen Lebensstandard bieten, von dem sie bisher nur geträumt hatte. Sie würde Harro in Zukunft auf seinen Reisen begleiten, und diese führten ihn nach Paris, Rom, Madrid oder New York. Sie hatte vor ihrer Ehe mit Hansjörg Rauch eine Modeschule besucht und stets viel Geschick im Entwerfen von Modellen entwickelt. Seit ihrer Scheidung arbeitete sie für das Modehaus Scholz und hatte so den Juniorchef kennengelernt.
»Was ist nun, Claire?« unterbrach Harro ihre Gedanken. »Sieh dir zumindest die Prospekte des Internats einmal an. Du wirst dann zugeben müssen, daß ich eine gute Wahl getroffen habe.«
Sybille hatte hinter ihrer geschlossenen Zimmertür die Worte ihres zukünftigen Stiefvaters gehört. Vor Schreck stand sie sekundenlang wie erstarrt, dann ballte sie die Hände. Beinahe hätte sie auch noch mit dem Fuß aufgestampft.
So eine Gemeinheit! Das also hatte Harro Scholz vor. Er wollte sie abschieben. Sie hatte es geahnt. Er wollte ihre Mutti ganz für sich allein haben. Sie, Sybille, war ihm im Weg.
Verzweifelt warf Sybille sich quer über ihr Bett. Nur mühsam konnte sie das Schluchzen unterdrücken. Sie konnte aber nicht verhindern, daß ihr Tränen in die Augen traten. Ihre Hände begannen auf das unschuldige Kissen einzuhämmern.
Wie falsch, wie gemein war dieser Mann! Daß ihre Mutti das nicht merkte!
Ein neuer Tränenstrom schoß aus Sybilles Augen. Nie würde sie in ein Internat gehen.
Sybille fuhr hoch. Gehetzt sah sie sich um. Sie mußte weg von hier. So schnell wie möglich. Sie kannte Harro Scholz doch nun schon gut genug und wußte, wenn er sich etwas vorgenommen hatte, dann ließ er davon nicht mehr ab.
Claire ahnte nichts von den Gefühlen ihrer Tochter. Sie sah auf die Prospekte, die Harro ihr gereicht hatte, und mußte zugeben, daß sie sehr vorteilhaft waren. Sie spürte Harros erwartungsvollen Blick.
»Es sieht nicht schlecht aus.«
»Na, siehst du«, trumpfte Harro sofort auf. »Ich will nur das Beste für deine Tochter. Dort wird sie sich wohl fühlen. Sie wird Freundinnen gewinnen, sie wird in eine ganz andere Atmosphäre kommen.« Vielsagend sah er sich um.
Claire wußte, was dieser Blick zu bedeuten hatte. Harro hatte ihr schon oft genug zu verstehen gegeben, daß ihm ihre kleine Wohnung zu bürgerlich war.
Seinen Vorschlag, ihr ein Appartement einzurichten, hatte sie bisher abgelehnt. Sie liebte ihre eigenen vier Wände, auch wenn die Bilder darin nicht echt waren.
»Ich weiß nicht.« Unwillig hatte sich Claires Stirn gekräuselt. »Das ist ein typisches Internat für Kinder reicher Eltern.«
»Eben«, entgegnete Harro bestimmt. »Daher ist es genau das richtige Internat für deine Tochter. Der Name Scholz verpflichtet. Sobald Sybille alt genug ist, wird sie in die Gesellschaft eingeführt werden. Es ist wirklich Zeit, daß ich mich um ihre Erziehung kümmere.«
»Du vergißt, daß Sybille einen Vater hat«, sagte Claire schärfer, als beabsichtigt.
Irritiert sah Harro sie an. »Aber das Kind ist dir zugesprochen. Das ist nun einmal eine Tatsache.« Seine Schultern strafften sich. »Ich werde mich dieser Verantwortung nicht entziehen.«
Du tust es, wenn du sie in ein Internat steckst, wollte Claire sagen, aber sie schluckte diese Worte rechtzeitig hinunter. Sie wußte, es hatte keinen Sinn, das zu sagen. Harro würde es nicht verstehen. Längst hatte sie begriffen, daß es schwer war, ihn von der einmal gefaßten Meinung abzubringen.
Harro nahm seiner Verlobten den Prospekt aus der Hand. »Es ist ein Paradies. Nur wenigen Kindern wird so etwas geboten. Die Plätze sind sehr begehrt. Ich habe mich erkundigt. Wir müssen Sybille in den nächsten Tagen anmelden.«
Erschrocken weiteten sich Claires Augen. Sie hatte sich noch nicht dazu entschlossen, Sybille in ein Internat zu geben. Sie konnte sich eine Trennung von ihrer Tochter einfach nicht vorstellen.
»Oder weißt du eine andere Lösung?« Harro packte Claire an den Schultern und zwang sie so, ihn anzusehen. »Du weißt, ich bin geschäftlich viel unterwegs. Wenn wir verheiratet sind, will ich, daß du mich begleitest. Was willst du während dieser Zeit mit deiner Tochter tun?«
Claire zuckte zusammen. Solche Fragen hatte sie bisher weit von sich geschoben. Harro hatte jedoch recht. Diese Fragen rückten unweigerlich näher. Samstag begannen bereits die Osterferien. Dann war es nicht mehr lang bis zum Sommer, und was würde dann sein? Sollte sie Sybille im Herbst wirklich in ein Internat geben? Dies würde Trennung bedeuten. Nicht nur ihre Tochter, auch sie würde darunter leiden.
Harro schien ihre Gedanken zu erraten. Der Druck seiner Hände verstärkte sich. »Es wird Zeit, daß du auch etwas an dich denkst. Du kannst nicht verhindern, daß Sybille älter wird. Bald wird sie dich nicht mehr brauchen.«
»Aber jetzt braucht sie mich noch.« Claire sagte es heftig.
»In dem Lausanner Internat wird für sie gesorgt sein – besser, als du es kannst, denn dort sind hochqualifizierte Erzieherinnen am Werk. Claire, du tust deiner Tochter nur einen Gefallen, wenn du sie in dieses Internat gibst. Dort lernt sie alles, was sie für ihr zukünftiges Leben braucht.«
»Ich weiß nicht.« Claire, sonst eine selbstsichere Frau, wirkte jetzt hilflos. »Ich muß nochmals darüber nachdenken.«
Unwillig schüttelte Harro den Kopf. »Dazu hast du nun schon genügend Zeit gehabt. Die Plätze in diesem Internat sind gezählt. Gut«, sagte er dann versöhnlicher, »ich lasse die Prospekte da. Ich weiß, im Grunde bist du eine vernünftige Frau.«
*
Claire schreckte aus ihren Gedanken hoch. Waren da nicht Schritte gewesen? Rasch schob sie die Prospekte zusammen und erhob sich.
»Sybille!« Sie trat hinaus auf den Flur, aber von ihrer Tochter war nichts zu sehen. »Sybille, bist du da?«
Keine Antwort. Claire schüttelte den Kopf. Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte ihr, daß sie völlig die Zeit übersehen hatte. Zufällig fiel ihr Blick auf die Garderobe. Da hing der Mantel ihrer Tochter.
Ein Verdacht stieg in Claire auf. Mit wenigen Schritten war sie beim Zimmer ihrer Tochter und riß die Tür auf. Wie üblich lag die Schultertasche mitten auf dem Boden. Wo aber war Sybille?
Als Claire wieder auf den Flur trat, hörte sie Wasser rauschen. Erleichtert atmete sie auf, um gleich darauf die Badezimmertür zu öffnen. Sybille stand über das Becken gebeugt und benetzte sich das Gesicht mit Wasser.
»Kleines, was ist denn los?« Claire wollte auf ihre Tochter zugehen, doch diese wandte demonstrativ ihr Gesicht ab.
Claire preßte die Lippen zusammen. Sie atmete tief durch, dann sagte sie möglichst gleichgültig: »Es ist schon spät. Wir wollen essen.«
Das Gesicht noch immer abgewandt, murmelte Sybille: »Ich habe keinen Hunger.«
Claire setzte sich auf den Rand der Badewanne. »Bitte, drehe den Wasserhahn zu.«
Unter der patzigen Antwort ihrer Tochter zuckte Claire zusammen. »Ich bin noch nicht fertig. Wenn es dich stört, kannst du ja wieder gehen.«
Claire blieb sitzen. Sie ließ keinen Blick von ihrer Tochter, doch diese ließ sich nicht stören. Erneut hielt sie ihr Gesicht unter den Wasserstrahl, um dann nach der Seife zu greifen und sich gründlich die Hände zu waschen. Sie widmete sich ganz dieser Arbeit. Es schien, als habe sie ihre Mutter vergessen.
»Wie lange bist du schon da?« fragte Claire schließlich.
Sybille zuckte die Achseln. »Ich habe nicht auf die Uhr gesehen.«
»Also schon einige Zeit«, stellte Claire fest. Sie erhob sich. Auf den Widerstand ihrer Tochter nicht achtend, legte sie dieser den Arm von hinten auf die Schultern.
»Du hättest dich melden sollen. Du hättest uns begrüßen müssen.«
Heftig befreite sich Sybille aus dem Arm ihrer Mutter. »Darüber hätte Herr Scholz sich sicher nicht gefreut«, sagte sie aufsässig.
»Wie kannst du nur so etwas sagen?« meine Claire. »Onkel Harro hat mich heimbegleitet…«
»Ja, weil er mit dir etwas zu besprechen hatte.« Sybille eilte an ihrer Mutter vorbei. Heftig warf sie die Badezimmertür hinter sich zu. Auf keinen Fall sollte die Mutter ihre Tränen sehen.
Mit hängenden Armen stand Claire da und starrte die Badezimmertür an. Nun war sie sicher, daß Sybille ihr Gespräch mit Harro belauscht hatte. Arme Kleine! Sie konnte verstehen, wie ihrer Tochter jetzt zumute war. Schnell verließ sie das Badezimmer.
»Sybille«, sagte Claire laut, »wir wollen die Prospekte nun gemeinsam ansehen. Ich bin gespannt, was du dazu sagst.« Sie ging auf das Zimmer ihrer Tochter zu. Anstelle einer Antwort wurde jedoch der Schlüssel herumgedreht.
Claire zögerte nur kurz, dann klopfte sie energisch an die Zimmertür. »Sybille, komm heraus! Wir müssen miteinander sprechen.«
»Ich wüßte nicht, was es zu besprechen gäbe«, kam die patzige Antwort. So war Sybille jedoch überhaupt nicht zumute. Mit dem Rücken hatte sie sich an die Tür gelehnt und versuchte ihre Tränen zurückzuhalten. Noch immer fühlte sie sich von ihrer Mutter verraten.
»Komm heraus«, forderte Claire erneut. Sie kam sich ziemlich hilflos vor. »Ich möchte von dir hören, was du zu Onkel Harros Vorschlag meinst. So schlecht ist er doch gar nicht.«
Keine Antwort. Claire ahnte nicht, daß Sybille ihre Fäuste verzweifelt auf ihren Mund gepreßt hatte. Es ist furchtbar, es ist das letzte – und Mutti ist von diesem Herrn Scholz zu verblendet, daß sie es nicht einmal merkt, dachte das Mädchen.
Claire probierte es nochmals: »Sybille, wir haben bis jetzt über alles gesprochen. Du kannst mir offen sagen, wie du über Onkel Harros Vorschlag denkst.« Da wieder keine Antwort kam, fügte sie hinzu: »Ich mache inzwischen das Essen warm.«
Einige Sekunden zögerte Claire noch, doch als sich im Zimmer ihrer Tochter nichts rührte, ging sie in die Küche. Jetzt bereute sie, mit Sybille noch nicht über ein Internat gesprochen zu haben. Sie mußte sich eingestehen, daß sie vor diesem Gespräch Angst gehabt hatte. Eines stand für sie jedoch schon jetzt fest. Sie würde Sybille niemals zwingen, in ein Internat zu gehen.
Wenig später stand das Essen auf dem Tisch, und Claire begab sich erneut zum Zimmer ihrer Tochter. »Das Essen ist fertig«, rief sie und pochte an die Tür.
»Ich habe keinen Hunger«, antwortete Sybille prompt.
»Dann mußt du dich zum Essen zwingen. Im übrigen ist auch mir der Appetit vergangen.«
