Eine Frau für Mama - Elmar Zinke - E-Book

Eine Frau für Mama E-Book

Elmar Zinke

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Beschreibung

Getrieben von der Mutter, geht der Hamburger Single Martin von Klopp - gut betucht, ein Feingeist, verklemmt - auf Brautschau. In Kambodscha leistet er den Offerten der käuflichen Liebe kaum Widerstand. Es kommt zu mehreren One-Night-Stands, die Halbchinesin Nhim weiße tiefere Gefühle in ihm zu wecken. Stationen des Liebesodyssee sind zudem zwei weitere Fernost-Reisebekanntschaften, die Deutsche Betty und die Französin Odette. In Berlin schaltet die Mutter für ihren Sohn eine Kontaktanzeige. Es kommt zum Rendezvous mit drei sehr unterschiedlichen Frauen. Die ereignisreiche Handlung findet ein überraschendes Happy End.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Elmar Zinke

Eine Frau für Mama

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Impressum neobooks

Kapitel 1

Der Taxifahrer öffnet die Tür, der Rücksitz behagt von Klopp wie die Wohnzimmercouch seiner Mutter. Er stellt seine Beine quer vor die Rückbank und denkt, der Herr am Steuer wirft ein merkwürdig Auge auf mich. Im Losfahren ruckt der Mercedes älterer Bauart, hinter der nächsten Ampelkreuzung streckt sich eine Schlaglochpiste, der Wagen legt nur mäßig an Tempo zu. In Folge unterbleibt der Sichtkontakt über den Innenspiegel. Der Schwarze in nachlässiger Kleidung lenkt einhändig, die andere Hand umschließt den Knauf der Automatikschaltung. Ein stinknormaler Nachmittag zieht an von Klopp vorüber.

Die Trennung rührt Mama dieses Mal nicht zu Tränen, geht von Klopp durch den Kopf. Zudem die Merkwürdigkeit, dass sie für unsere letzten Stunden die Garderobe eines Opernbesuches wählt. Drückt mir zudem die Daumen, als stände mir ein bedeutsamer Wettkampf bevor. Käthe, die Herzensgute, gibt sich dagegen wie immer. Diese tränenreiche Umarmung. Als bräche ich, welch Trugschluss, zu einer Weltreise auf.

Verkehrsschilder weisen die Holidayparkplätze aus, ein Zubringerbus kreuzt den Weg, eine Lufthansamaschine sinkt zur Landebahn. Die Flughafenvorboten üben in von Klopp einen Sinnestaumel aus, er fiebert vor freudiger Erregung. Das Auto taucht in den Tunnel, überwindet mit hoher Drehzahl die ansteigende Straße zum Abflugterminal, an die Frontscheibe klatscht in Handschuhfachhöhe ein Flugobjekt. Was war das?, durchzuckt es von Klopp. Schwarze Federn bestücken einen weit aufgespannten Flügel, der Fahrtwind bläst das Erkennungsmerkmal umgehend fort, zudem sichtet von Klopp im Innenspiegel griesgrämige Züge.

Der Taxifahrer stellt den Motor ab, schraubt seinen mächtigen Schädel zum Fahrgast, flucht: „Scheiß Tier.“

„Es war ein Rabe“, verbessert von Klopp.

„Ein Rabe?“, stutzt der Andere. „Die gibt es nur noch in Filmen. Gerade gestern zog ich mir totalen Mist rein. Wie hieß der noch? … Der Rabe, Prophet des Bösen.“

Von Klopps Augen blitzen vor Unbeschwertheit und ihm entfährt: „Und in Büchern. Da kommen meine beiden Raben, was mögen die für Botschaft haben? Ich fürchte gar, es geht uns schlecht.“

„Wo steht das?“, fragt der Fahrer halbherzig.

Von Klopp streicht durch die schwarze Dichte des Haares, an den Schläfen wechselt es ins Graue.

„In Goethes Faust.“

„Genau“, hellt sich das Fahrergesicht auf. „Das ist doch dieser Studiertyp, der mit dem Teufel einen Trip macht.“

„Sozusagen“, anerkennt von Klopp. „Wir breiten nur den Mantel aus, der soll uns durch die Lüfte tragen.“

„Na ja, für Ihre Reise nehmen Sie besser den Flieger. Und das Fahren kostet bei mir Neunzehndreißig.“

Von Klopp entfaltet eine Fünfzigeuronote in den vorgehaltenen Handteller, sagt freundlich: „Der Rest ist für Sie.“

Der Fahrer kratzt seine glatt rasierte Kopfhaut, die Finger vereinnahmen den Schein im Zeitlupentempo. Mit Schwung setzt er seine Dickleibigkeit in Bewegung, mit Leichtigkeit hievt er den mittelgroßen Samsonitekoffer aus dem Gepäckraum.

„Danke, Herr Doktor“, schnauft er vor Erstaunen. „Ein echt gutes Trinkgeld. Beim Einsteigen wäre ich jede Wette eingegangen, dass Sie der absolute Geizkragen sind.“

Im Flughafengebäude findet von Klopp auf Aufhieb die Schalterzone der China Airline. Aus Mangel an Kundschaft fertigt die Schalterdame der Businessclass die Reisenden der Economyclass mit ab. Sie präsentiert ein Gutelaunegesicht, ihr förmlicher Augenaufschlag gilt ihm.

„Endlich einmal erste Klasse fliegen“, scherzt er.

„Mit unserer Gesellschaft haben Sie eine gute Wahl getroffen.“

Die Frau in moosgrüner Uniform und weißem Tüchlein um den schlanken Hals äugt in den Computer, jedes Wort an von Klopp paart sie mit einem persönlichen Lächeln.

„Reichen Sie mein Gepäck bis zum Endziel durch?“, fragt er zwischendurch.

„Selbstverständlich“, gibt sie ohne Blickwechsel zur Antwort. „Allerdings erhalten Sie ihre Boardingcard nach Bangkok erst in Schanghai.“

Von Klopp schaut über sie hinweg, unter dem Wort Schanghai sieht er klein gedruckt erstmalig das Wort Frankfurt.

„Was bedeutet Frankfurt?“, reagiert er verdutzt. „Der Flug ist als Direktflug ausgewiesen.“

„Ein kleiner Zwischenstopp“, beschwichtigt die Frau. „Sie verlassen das Flugzeug nur kurz.“

Von Klopp bündelt seine Verstimmung zu einem Stoßseufzer, steuert nach dem Aushändigen der Boardingcard den Kontrollbereich an. Seit jeher übersteht er das Durchschreiten der Sicherheitsschleuse ohne Warnsignal. Eilfertig entsorgt er vom Körper alle gängigen Rotlichtauslöser, spart die silberne Halskette, den schmalen Gürtel sowie die Schuhe mit den von Metall umrandeten Schnürsenkellöchern nicht aus. Das leidige Abtasten des Körpers durch fremde Hände bleibt ihm erspart.

Der Kurzaufenthalt in Frankfurt streckt sich ohne erkennbaren Grund. Er schaltet sein Handy an, wählt die Nummer seiner Mutter.

„Hallo Mama, ich melde mich noch mal.“

„Ist etwas passiert?“, klingt sie besorgt. „Fährst Du nicht längst durch die Luft?“

„Nein, es ist nichts passiert“, beruhigt er sie mit gesalbter Stimme. „Bloß eine Zwischenlandung in Frankfurt.“

Nach einem Klicken fragt sie: „Ich höre Dich nicht. Bist Du noch unter uns?“

Er bejaht es, ergänzt mit einer Spur Heiterkeit: „Passiert ist allerdings etwas auf dem Weg zum Flughafen. Ein Rabe vollführte auf der Frontscheibe des Taxis eine Bruchlandung.“

„Was ist mit Frau Raabe?“ platzt sie mit dumpfem Groll hervor. „Ist sie etwa Deine Reisebegleiterin? Hast du mich angeschwindelt?“

„Nein“, reagiert er gelassen. „Ich reise allein. Wie immer.“

„Nichts gegen diese Frau Raabe. Sie mag eine adrette Person sein“, wendet sie in hoher Tonlage ein. „Aber geschäftlich und privat verlangen eine strikte Trennung.“

„Natürlich Mama.“

„Deine Eltern vermitteln Dir eine Lehre.“

„Ja, Mama“, bekundet er trocken.

„Bestimmt krönt der Erfolg dieses Mal deine Glückssuche“, überkommt es sie fast überschwänglich.

„Mama“, beschwichtigt er. „Wie immer stille ich mein Fernweh. Nur diese Leidenschaft! Die im Übrigen Du mir einpflanzt. In meinen Kindertagen. Mit diesen wunderbaren Bildbänden.“

„Das mag richtig und klug sein“, setzt sie plötzlich zu einer Strafpredigt an. „Und jetzt sage ich es mit aller gebotener Klarheit. Nimm endlich deine Verantwortung wahr. In unser Haus gehört eine junge Frau. Vor meinem Ableben, damit Seelenruhe mich bettet.“

„Mama, bitte …“

„Martin von Klopp“, unterbricht sie ihn forsch, „mich drängt heiliger Ernst. Ich flechte in mein Testament eine Klausel ein. Glaub mir, Du trittst das Erbe nur an, wenn am Tage meines Todes eine junge Frau von Klopp unser Haus bereichert. Ansonsten erbst Du nur Deinen Pflichtteil. Der andere Brocken geht an meine Stiftung zur Ächtung von Tierversuchen.“

„Mama“, übt er sich in Geduld, „ich bin ein Beamter im hohen Besoldungsbereich. Du kannst mich enterben, aber nicht in die Fänge der Armut treiben.“

„Sei nicht so widerspenstig“, entrüstet sie sich mild.

„Ach Mama“, lenkt er ein, „ich habe doch Dich.“

„Sei nicht kindisch!“

Von Klopp spürt ein warmes Gefühl aufsteigen, lebt es aus, sagt mit Herzklopfen: „Behalte ich dieses Ansinnen im Blick, dann einzig aus dem Grund, dass damit der innige Wunsch meiner Mama in Erfüllung geht. Insofern gilt das Versprechen, ich besorge Dir eine Frau. Zumindest mühe ich mich redlich.“

„Kindskopf du“, kehrt sie ihre versöhnliche Seite hervor, ermahnt ihn im Handumdrehen vorwurfsgeladen: „Denk auch bitte daran, alles verläuft längst in bester Ordnung, wenn …“

In von Klopp brechen Widerspruch und Argwohn aus: „Du bist ungerecht. Du kennst die Gründe. Zumindest den Hauptgrund.“

„Überdies nahm mir die Trennung meine Enkeltochter.“

„Am besten, ich mache Frau Raabe Avancen“, steigert er seine Angriffslust. „Sie ist Siebenunddreißig. Zum Kinderkriegen kein schlechtes Alter.“

„Gebäre sie ein Rudel Kinder, aber nicht von Dir“, übertrifft sie seine Schlagfertigkeit um Längen.

„Ich…“

„Du weißt, auch eine Schwarze erhält meinen Segen“, unterbreitet sie geschwind ein neuerliches Friedensangebot. „Dein Urgroßvater…“

„Ich fliege nicht nach Afrika, sondern nach Asien“, fällt er ihr ins Wort. „In Kambodscha schimmern die Menschen höchstens leicht angebräunt. Wie nach einem Besuch aus dem Sonnenstudio.“

„Beweise Deinen Realitätssinn“, ermahnt sie ihn fürsorglich. „Den Zenit Deines Lebens, Du hast ihn überschritten. Alles Wählerische kennt mittlerweile Grenzen. Ich hoffe, mein Liebling, Du bist nicht begriffsstutzig. Ich jedenfalls glaube fest daran, dass diese Reise Dein Leben grundlegend ändert.“

„Ja, Mama“, sagt er gereizt. „Jetzt sage ich Lebewohl.“

„Mein lieber Junge, gestatte mir schlussendlich noch ein Kompliment. Mit dem Halstuch und diesem khakifarbenen Aufzug siehst Du echt fesch aus. Zum Anbeißen. Wie ein reicher Farmer in den Kolonien, der auf Brautschau geht. Allein Pfeife und Hut fehlen.“

„Ich lege jetzt auf, Mama, der Flieger ist zum Einsteigen bereit“, flunkert er mit rosigen Wangen, legt auf.

Der Zwischenaufenthalt auf dem Flughafen Frankfurt/Main weitet sich zur Hängepartie. Wachsendem Unmut entflieht er durch Menschenbeobachtungen. Er nimmt seinen Spähposten stehend ein, mustert eine alleinreisende Frau, leugnet seinen Gefühlsschub.

Während des Fluges flimmern auf seinem persönlichen Monitor unentwegt die aktuellen Flugdaten, zuweilen überschreitet das Flugzeug die Grenze von eintausend Stundenkilometern, mit dem Aufsetzen schmilzt die einstündige Verspätung im Abflug auf eine Viertelstunde in der Ankunft. Eine Abfolge langer Gänge über mehrere Etagen mündet in einen riesigen Raum, Neuankömmlingen bürdet er die Eigenart des Unübersichtlichen auf. Ein unauffälliges Schild Transferservice weist auf die Angebote eines halben Dutzends uniformierter Angestellter hin, vor den Schaltern krümmen Absperrbänder im Zickzack eine Menschenschlange.

Bis zu von Klopps Direktkontakt mit einer Frau hinter Glas verstreicht eine geschlagene Viertelstunde, er erhält keine Bordkarte und keine Auskünfte für den Weiterflug. In einem schmalen Gang erahnt er den Weg zum richtigen Gate, ein Mann in Uniform stellt sich quer, von Klopp orientiert sich zur Raummitte. Hundert Meter weiter blockiert der Einreiseschalter die Suche. Eine Frau vor ihm füllt ein Formular aus, er erkennt in ihr seine Frankfurter Beobachtung, stellt sich zu ihr.

„Wir müssen den Transitbereich verlassen und uns ganz normal einchecken“, sagt sie zu ihm.

Sie schiebt ihm ihren Montblant zu, akribisch füllt er sein Formular aus. Die Situation überfordert sie, ihr Lächeln deutet es an. Der Passuniformierte nahe dem Pensionsalter lichtet ihr Dokument ab, prüft misstrauisch die Übereinstimmung des Fotos mit der Person vor ihm, blättert seelenruhig nach der letzten freien Seite für den Einreisestempel. Auch die eigene Abfertigung empfindet von Klopp als halbe Ewigkeit.

„Kommen Sie“, ruft er plötzlich ruhelos, greift den Arm seiner Reisebekanntschaft. „Wir schaffen es.“

Nach einer Rundumdrehung hetzen sie die Rolltreppe hinab ins Erdgeschoss, es mangelt eklatant an sichtbaren Informationen, Fluggästen und Bediensteten.

„Der Flughafen von Schanghai ist ein Geisterhaus“, fasst er seine Eindrücke zusammen.

„Ich nerve mal“, sagt sie, läuft einem jungen Mann entgegen.

An der Brusttasche seines weißen Hemdes zwickt ein Namensschild, seine Arme wirken überlang. Von Klopp stellt sich hinzu, das Nuschelenglisch des Mannes versteht er nur ansatzweise.

„Was hat er gesagt?“

„Closed“, sagt sie achselzuckend. „Good bye Bangkok. Wenigstens kriegen wir Tickets für die Mittagsmaschine.“

„Was ist mit unserem Gepäck?“

„Darum kümmert sich der Boy.“

Ihr Kopf nickt in die Richtung des Angestellten, wenige Schritte entfernt drückt er auf seinem Smartphone eine Nummer nach der anderen.

„Sehen wir die Angelegenheit positiv“, erfasst Heiterkeit sein Gemüt. „Der Zufall beglückt uns mit dem Reich der Mitte. Ich jedenfalls überschreite diese Grenze zum ersten Mal.“

Sie verschränkt die Arme, ihr Kopf führt eine Regung wie zur Abwehr eines Insektes aus. Der Kopf birgt müde tiefdunkle Augen und eine schmale spitze Nase. Zwei Zöpfe bündeln das kräftig blonde und volle Naturhaar mit einem Trend ins Rotstichige. Die Haartracht hebt den stark ausgeprägten Hinterkopf hervor, festigt den Anschein einer Neigung ins Unkonventionelle. Ein rehbraunes Longarmshirt aus Seide, ein gleichfarbiges Stirnband und ein melonenartiger Hut im angegrauten Weiß markieren das Auffällige der Garderobe. Mitte Dreißig, denkt er, eher ein paar Jahre darüber als darunter.

Beide folgen dem Angestellten in die benachbarte Halle. Ein Laufband bewegt Gepäckstücke durch menschenloses Gebiet, stärkt den öden Charakter des Flughafens. Von Klopps Koffer wirkt unverwechselbar durch das kräftige Rot, den Silberstreifen und einen breiten Gurt, das Auftauchen erscheint von Klopp rätselhaft. Er trägt ein Namensschild, denkt er, gewiss, aber wie mag ein chinesischer Arbeiter diese Schrift entziffern, zumal in der gebotenen Eile und eingedenk der Unmasse an Fracht. Offenbar dienen Glücksgriffe als taugliches Mittel, dem Unglück Einhalt zu gebieten.

Von Klopp hievt sein Gepäck vom Band, eine Frau taucht neben ihm aus dem Nichts auf, klebt an den Koffergriff eine neue Banderole, nimmt von Klopps Pass zur Hand, reicht ihm eine Bordkarte. Kurze Zeit später ereilt der Mitreisenden derselbe Umstand.

„Recht so“, legt sie ihre Gedrücktheit ab. „Stemmen wir uns nicht gegen das Schicksal. Bis zur Boardingtime verbleiben vier Stunden. Schon mal ein Höllentempo in luftiger Höhe gefahren?“

„Ja“, versucht er sich im Originellen. „Mit dem Flugzeug.“

„Das Flugzeug fliegt und fährt nicht.“

„Wie Recht Sie haben“, lächelt er beschämt. „Da spricht wieder mal meine Mutter aus mir. Anstelle ´Fliegen´ sagt sie immer ´Fahren´. Ganz bewusst. Um meine Nerven zu kitzeln.“

Sie schiebt ihre Unterlippe nach vorn, pustet Nase und Stirn Luft zu, sagt sachlich: „Fliegen oder fahren wir? Das stellt sich manchmal wirklich als Frage. Der Transrapid fährt in der Spitze dreihundert Sachen. Sportflugzeuge erreichen mit diesem Tempo die normale Reisegeschwindigkeit.“

„Ich bin gespannt“, frohlockt er.

Sie wechseln ausreichend Geld für die Fahrscheine, auf den Laufbändern nutzen sie die Gelegenheit zum Gehen. Der Transrapid sieht aus wie ein ICE, im Abteil mit über fünfzig Plätzen leistet ihnen eine Handvoll Mitreisender Gesellschaft. Die Beschleunigung drückt sie in die Sitze, an den Fahrzeugen auf der parallel verlaufenden Schnellstraße rauscht der Transrapid vorüber wie Autos an Pferdewagen. Nach zweieinhalb Minuten zeigt die Leuchtanzeige über der Abteiltür die Höchstgeschwindigkeit Dreihunderteins an. Mein Herz, denkt er. Wie rasch es heftig schlägt. Wie rasch es ins Unauffällige wechselt. Seine Augen gleiten zur Geschwindigkeitsanzeige, der leuchtende Zahlenwert sinkt unaufhörlich. Der Bremsvorgang spaltet sich in Sehen und Fühlen, hält er weiter Zwiesprache. Am Ende sehe ich den Stillstand durch die Zahl Null. Stillstand und Bewegung gleichen sich im Gefühl an.

„Zieht es Sie gleich wieder zurück?“

Das Ende eines Zopfes fegt über ihre Nasenspitze, sie fragt zurück: „Was meinen Sie?“

„Essen wir einen Happen“, schlägt er vor. „Chinesisch essen in China lehrt uns bestimmt eine neue Erfahrung.“

Vor dem Bahnhof senden beliebige Hochhäuser und Geschäfte ohne Glanz eine triste Vorortatmosphäre aus, an einem Achtzigmeterhaus gelobt ausgeschaltete Leuchtreklame in großen Formaten den Wandel in der Dunkelheit. Von Klopp frönt unbändiger Entdeckerlust, spart das Banale nicht aus. Sie geht wortlos neben ihm her, fingerzeigend weist er sie auf die Vielfalt der Kopfbedeckungen in der Frostkälte hin, mancherorts treiben sie ausgefallene Blüten. An einer verkehrsreichen Kreuzung streckt eine Ampel die Wartezeit. Er starrt zum roten Ampelmännchen, denkt an Bilderbuchmotive der Stadt. Sie beäugt von Klopps gezügelte Leibesfülle, die Geradlinigkeit der Nase, den gepflegten Dreitagebart, die schmalen Augen. Sie quellen vor Himmelblau über, schrägen sich an den Außenseiten.

Er hält vor einer unscheinbaren Gaststätte, zwei großflächige Drachenbilder überkleben die Schaufensterfront. Im ersten Eindruck besticht das Lokal durch die behaglich kleine Räumlichkeit, im zweiten durch eilfertige Kellnerinnen. Eine Angestellte ganz in schwarz misst von Klopps Größe im Sitzen, händigt eine Speisekarte in Chinesisch aus, verneint kichernd die Ausführung in Englisch. Speisebilder bewahren die beiden Deutschen vor einer Zufallsbestellung und ausschließlich in Abhängigkeit des Preises.

„Ich heiße übrigens Betty. Betty Winter.“

„Natürlich, höchste Zeit, dass wir uns vorstellen“, sagt er, schützt seine Unsicherheit mit der Übertreibung seines Lächelns. „Mein Name ist Martin von Klopp.“

„Verarmter Landadel?“

„Hamburger Industriellenspross.“

Ihr Gesicht drückt sichtbares Erstaunen aus, wie zum Ballauffangen hebt er die Hände.

„Mein Name steht im Übrigen für eine Geschichte“, erklärt er heiter. „Eine Geschichte, die von einem Cocktail handelt aus höchst Privatem und rein Geschäftlichem. Mein Großvater mixte ihn als weitsichtige Maßnahme zur Förderung der Reputation. Und was sagt Ihr Name über Sie aus? Ihr Name klingt nach einem Künstlernamen. Nach Kunst.“

„Nicht ganz falsch“, sagt sie, versucht sich erstmalig an einem Lächeln. „Wobei, zum Künstler taugen wir doch alle.“

„Zum Lebenskünstler?“

„Mein Wort lautet Daseinsakrobat.“

„Daseinsakrobat, beileibe, das lässt aufhorchen“, anerkennt er mit Nachdruck. „Wissen Sie, ich liebe Wörter, im speziellen Wortpaare. Zum Beispiel Lächelmund, Sinnentanz oder Frauenzimmer. Diese unüberschaubare Pracht und Herrlichkeit der Wörterehen.“

„Ihr Erbe gönnt Ihnen offensichtlich Muße für die Kunst des Daseins“, taut sie beinahe spitzzüngig weiter auf. „Also für die Daseinskunst. Oder lieber für das Kunstdasein?“

„Durch Zauberworte reifte die Sehnsucht nach geschmackvollen Worten. Dieses heiße, zuweilen auch schmerzliche Verlangen verdanke ich Mama. Also meiner Mutter.“

„Verstehe, das reine Dasein als reine Kunstform.“

„Mitnichten“, wiegelt er ab, spürt ein Erwärmen seiner Wangen. „Ich sorge für mich selbst. Empfange Gehalt für meinen Lebensunterhalt.“

„Ein Gehaltsempfänger also. Und wofür halten Sie jeden Monat die Hand auf?“

„Als Beamter gehöre ich einer Behörde an, der auch gute Menschen allerlei Böswilliges andichten. Raubritterei, Wegelagerertum, Abzockermentalität.“

Ein Ausbruch von Fröhlichkeit schmückt ihr Gesicht, sie sagt: „Nun, wie der Prototyp dieser Menschenverärgerer sehen Sie nicht aus.“

„Danke. Das ist eine echte Freundlichkeit.“

Sie essen mit Curryhuhn das gleiche Gericht, sammeln gleichermaßen die Erfahrung atemberaubender Gewürzschärfe. Sie halten tapfer ihr Lächeln aufrecht, kämpfen gegen das Höllische im Mund mit überreichlich stillem Wasser. Ein Wort beschwingt das andere, entführt sie zu einer stimmungsvollen Entdeckungsreise ins Vage. Stumme Phantasien gleichen Schweigephasen aus.

„Ich glaube, Bangkok ruft“, sagt sie hörbar traurig.

„Nehmen wir einfach den nächsten Flieger“, schlägt er vor.

„Die Bordkarte ist kein Freibrief für jede Lust“, wahrt sie einen kühlen Kopf.

Von Klopp übernimmt die Rechnung, Betty quittiert den Fingerzeig des Großzügigen mit einem Breitziehen des Mundes.

„Welches Ziel verfolgt mein Gegenüber in Thailand?“ fragt sie am Gate.

„Duzen wir uns doch bitte“, wendet er heiter ein. „Sozusagen als Anredeerleichterungsmaßnahme.“

„Gut, was zieht Dich nach Thailand?“

„Zunächst reise ich nach Kambodscha. Siem Reap. Angkor. Die Tempelstadt im Urwald. Und Du?“

„Ich steige für eine Weile aus“, entfährt ihr fahrig. „Ein Bekannter wohnt im Südosten, nahe der Grenze, auf einer Insel … Hält sich mit einer Tauchschule über Wasser... Wenn Du willst …“

„Sich mit einer Tauchschule über Wasser halten“, unterbricht er sie. „Ein schönes Wortspiel.“

„Ach so, nicht der Rede wert… Also, wenn Du willst, gebe ich Dir die Adresse. Für alle Fälle.“

„Nach Angor mache ich ein paar Tage Station in Pattaya, danach zieht mich mein Plan ins Landesinnere, in den Norden.“

Im Feixen erklärt sie unumwunden: „In Pattaya rekrutieren die Singleboys ihre pflegeleichten Frauen“.

Er mutmaßt eine halbernste Unterstellung, erklärt geschwind: „Hoffentlich reicht die Zeit für das, was Dir vorschwebt.“

„Die Zeit, die Zeit“, sagt sie und ihre Augen erlöschen. „Einmal alles vergessen.“

Sitz an Sitz tauchen sie in die milchigweiße Wolkenfront ein, leichte Turbulenzen begleiten das Durchstoßen. Erste Sonnenstrahlen durchbohren die Bordfenster, Mitreisende wehren sich durch Sichtschutzklappen. Einmal alles vergessen, denkt er. War es ein Aufschrei? Mit Atemübungen ringt er sich zu einer klärenden Fragestellung durch, sucht den Blickkontakt und gewahrt geschlossene Lider. Sie ist älter als sie ausschaut, denkt er alsbald, ihre Garderobenteile fallen teurer aus als der Eindruck es erweckt, sie blickt trauriger drein als es den Anschein hat. Ihre Nähe und diese Rätsel, was für ein reizvolles Gespann.

Ihr Kopf neigt sich zu ihm ins Unbequeme, er führt einen fragwürdig höflichen Abstand herbei, mimt den Schlafenden, nickt darüber ein. Eine Liebesszene mit fremden Personen flimmert in ihm. Er reißt die Augen auf, wirft den Kopf zur Gangseite, die Traumbilder verblassen. Zwei blutjunge Frauen schieben ein Metallwägelchen mit zollfreier Ware, von Klopp zählt zu den wenigen Käufern.

Pfeiftöne begleiten den Landeanflug, die Gelassenheit in den Verhaltensabläufen der Stewardessen zerstreut den Verdacht des Abnormen. Die unsanfte Landung öffnet Betty die Augen, im Schein des Verträumten harrt sie aus.

„Zunächst bleibe ich allein in Bangkok“, raunt sie.

„Bist Du zum ersten Mal hier?“

„Ja.“

„Sie geht Dir nicht mehr aus dem Sinn“, sagt er ergriffen. „Wie ein erlesenes Buch. Wie ein schönes Gespräch. Wie ein einmalig wundersames Wort.“

„Dann kennst Du die Stadt in einer Vollkommenheit wie Deinen Lieblingsroman.“

„Besser als die meisten Orte in Deutschland“, bestätigt er.

Vor dem Einreiseschalter entgleiten von Klopp die Gedanken, das Gepäckband fördert zuerst ihren Backpackerrucksack zutage. Auf ihrem Rücken löst er einen Verjüngungsschub aus, denkt er. Im flauen Händedruck wünschen sie einander das allgemein Übliche.

Kapitel 2

Klopps Zweistundenreise mit dem Gemeinschaftstaxi von der Grenze nach Siem Reap trägt ihm die Bekanntschaft mit einem deutsch sprechenden Frauentrio ein, zwei Frauen stammen aus Niederösterreich, die dritte Frau wohnt im Kanton Zürich. Sie unterschreiten sein Alter, bewirten ihn unaufhörlich mit Paprikachips, Energiedrinks und Reisegeschichten, lobpreisen ihre Unterkunft als Geheimtipp.

Der Wagen stoppt im Halbdunkel eines delligen Platzes, ein Tuk-Tuk-Fahrer wuchtet ungefragt von Klopps Koffer auf die vorderen Plätze eines Gefährts, von Klopp steigt hinzu. Der Linksscheitel teilt das kurze Haar des Fahrers mit Strenge, das karierte Hemd mit angeknöpften Kragenecken und die graue Stoffhose unterstützen den Eindruck des Grundanständigen. Während der Hotelsuche sorgen die Autolichter für mehr Helligkeit als alle anderen Lichtquellen im Miteinander. Das vorab gebuchte Hotel liegt leicht zurückversetzt an der National Road, das unscheinbare Äußere weicht im Inneren einer luxuriösen Ausstattung.

Von Klopp behagt die zurückhaltende Art des Mannes und die Verhältnismäßigkeit des Entgeltes, er regelt mit ihm den kommenden Tag. Ein gertenschlanker Page mit kindlichem Lächeln übernimmt den Koffer, eine unschlagbar lächelnde Frau an der Rezeption regelt das Notwendige im Schnelldurchlauf. Im Zimmer wirft der Page die Klimaanlage an, erklärt wortreich die Arbeitsweise des Minisafes, streift von der Begrüßungsfrüchteschale die Folie. Von Klopps Finger spreizen sich auf die Matratze des Doppelbettes, prüfen kraftvoll den Grad von Härte und Weiche. Die Aussicht auf gutes Schlafenkönnen beschwingt ihn, verführt ihn zu einem guten Trinkgeld.

Der Page streicht die drei Eindollarnoten ein, säuselt im Türrahmen: „Mein Name ist Munny. Wollen nicht allein bleiben? Kenne ein Haus mit Superladys.“

„Ich weiß nicht“, gibt sich von Klopp überrascht.

„Eine Frau schöner als andere.“

„Ich suche kein billiges Vergnügen“, entfährt von Klopp nach einer kleinen Ewigkeit.

„Alles fängt mit erste Nacht an“, versteift sich der Page auf sanftes Zureden. „Oder mit Stunde. Dann vielleicht Liebe teuer. Entschuldigung, teure Liebe.“

„Ich bin total kaputt“, wehrt er verlegen ab. „Vielleicht morgen. Ich bleibe drei Nächte hier.“

„Erste Frau vielleicht nicht Richtige für mehr Liebe“, entgegnet Munny in handzahmer Manier. „Drei Nächte, drei Mal probieren, macht Frau euch Freude und Ehre.“

„Ich nehme Drei auf einen Schlag“, überfällt es von Klopp scherzhaft.

„Gute Idee, Sir. Neun Frauen Auswahl.“

„Ich überlege es mir.“

„In Kambodscha viel Frau für wenig Geld“, drängt der junge Mann mit hastigem Eifer. „Eine Nacht ganz billig. Nur vierzig Dollar. Dreißig Dollar für Lady, zehn Dollar für Hotel. Von zehn Dollar fünf Dollar für mich. Fahre Sir nach Arbeit. Zweiundzwanzig Uhr. Genug Zeit zum Essen, zum Entspannen.“

„Mal sehn.“

„Sir nichts finden, kein Problem. Fahren zurück oder zu anderem Haus von Freude.“

„Gibt es auch Frauen nur zum Reden?“

Munny blickt schamhaft zur Seite, überlegt eine Zeit lang, wahrt sein Gesicht: „Schöne Frauen kennen schöne Worte.“

Von Klopp begutachtet die Minibar, trinkt ein Büchsenbier, studiert den Stadtplan. Auf der Route zur Pubstreet quert er dunkle Gestalten und Hundegebell, die Lichter von Geschäften steigern nicht das Sicherheitsgefühl. Eine Hauptstraße markiert die Bruchlinie ins pralle Leben, sein flaues Gefühl im Magen weicht einem heftigen Magenknurren. Ein wuchtiger Gebäudekasten wirbt mit einem asiatischen Büfett par excellence und Nonstopfolklore der Sonderklasse. Das Tanzsaalgroße des Raumes, bierzeltlange Tischreihen und die Gästearmut mehren den Eindruck einer Zweitwahl, ein vielfältiges kaltes und warmes Büfett wähnt ihn eines Besseren. Eine Bedienstete zapft ihm Bier, eine andere händigt von Klopp eine Suppe aus, die gehaltvolle Zusammensetzung wählt er selbst. Auf einen Riesenteller mischt er Chickenspieße, Pekingente, Schweinefleischstreifen, gedünstetes Gemüse, kandierte Früchte und einen bunten Salat.

Direkt vor der Bühne nimmt er Platz, eine Trachtengruppe löst die andere ab, die Zahl der Akteure und die Art der Aufführungen weichen voneinander ab. Wildheiten und Zeitlupentempo prägen das Erscheinungsbild, der zeitgleich gemeisterte Luftdoppelschlag zweier Darsteller ringt von Klopp Beifall ab, im Rasseln beinlanger Bambusstangen ertönt das Startsignal für das Finale. Ob Mama diese Auftritte wenigstens mit Stillsitzen quittiert?, denkt er. Im Violinkonzert neulich schreitet sie nach der zweiten Dissonanz des Solisten demonstrativ aus dem Raum und spült ihren Unmut über das vermeintliche Totalversagen mit zwei Champagnerschalen hinunter. Auch der prächtige Blumenstrauß des Dirigenten, der am Vormittag darauf eintrifft, mildert nicht ihr vernichtendes Urteil über den Abend. Andererseits bringt sie es fertig, sich in Begleitung des Doktors den Film Nassgaranten anzuschauen und ihn als Beweismaterial für die Erotik des Ekels zu preisen … Oh Gott, Mama erwartet ein Lebenszeichen! Er sieht erste Aufräumarbeiten und spürt Schamröte, im Freien strauchelt er über die fußbreite Lücke zweier Betonplatten.

Pünktlich um zweiundzwanzig Uhr klingelt das Zimmertelefon. Die weiche Stimme des Pagen verschlüsselt das Bevorstehende, kein Uneingeweihter erlangt eine Deutungshoheit. Von Klopp schwingt sich hinter Munny auf den Motorroller, knattert stadtauswärts, genießt die Streicheleinheiten des lauen Fahrtwindes. Tiefe Senken zwingen Munny zum Fahren im Schritttempo, der Motor würgt seine Geräusche hervor. Mehrfarbiges Glitzerlicht rückt ein unüberschaubares Gelände ins Imaginäre, die Auslastung des Parkplatzes drückt sich in Leere aus, eine Vielzahl inländischer Männer läuft umher. Munny parkt das Fahrzeug neben einem Geländewagen, übernimmt von einer dickleibigen Person eine brennende Zigarette. Im Foyer des Flachbaus herrscht der Hochbetrieb einer fröhlichen und vielstimmigen Damengemeinschaft. Ein halbes Hundert Frauen winken im Stehen und auf Stühlen, von Klopp traut weder seinen Augen noch seinen Ohren.

Am seitlichen Tresen warten drei Männer, der Älteste trägt Würgemale am Hals, eine Brille mit einem rosafarbigen Gestell steigert den Eindruck des Kantigen im Gesicht.

Er bequemt sich zum Aufstehen, fragt: „Nummer?“

Die mit Zahlen versehenen kreisrunden Anstecker an den Frauen in Brusthöhe entdeckt von Klopp erst zu diesem Zeitpunkt.

Er antwortet nicht, sagt stattdessen: „Sie sind klein wie Kinder.“

Der Andere wirbelt mit einer Handbewegung alle Frauen hoch, pickt die vermeintlich fünf größten heraus, lässt sie soldatisch zu einer Reihe antreten. Sie lächeln beherzt, überhören neckische Bemerkungen aus dem Hintergrund. Die Körper zappeln Erregungsformen hervor, zwei der Fünf bedienen durchaus von Klopps Vorstellungen fraulicher Reize. Im Zeitlupentempo pendelt sein Zeigefinger zwischen der einen und der anderen Lieblingsnummer. Die Verschmähten im Showroom treten ohne Anzeichen einer Enttäuschung den ungeordneten Rückzug an, die Auserwählten steuern die Rezeption an. Der Mann mit Brille füllt einen Zettel aus, von Klopp dämmert ein Missverständnis.

„Nur eine Frau“, klärt er schamrot auf.

Zur letzten Sicherheit hebt er einen Zeigefinger empor.

„Nummer?“

Die Gesichter und Körper, denkt er, fallen im Typ unterschiedlich, aber in der Ganzkörperausstrahlung gleichwertig aus. Von Klopps Blick schwenkt in die Tiefe, die Wahl fällt auf die Frau mit den kürzeren Absätzen. Der Mann notiert eine Kurzbemerkung auf ein andersfarbiges Blatt, heftet daran ungeschickt von Klopps drei Zehndollarscheine mit einer Büroklammer, den Gesamtvorgang verfrachtet er in eine abschließbare Holzkassette.

„Ich möchte eine Frau näher kennen lernen“, überwindet sich von Klopp. „Ist das möglich?“

„Achtzig Dollar für jeden Tag. Wie viele Tage? Welche Frau?“

„Ich weiß es nicht“, wiegelt er ab. „Vielleicht diese Frau. Vielleicht eine andere.“

„Kein Problem.“

„Und für immer? Wie viele Dollar?“

Der Mann schaut von Klopp ausdruckslos an, antwortet:

„Zehntausend Dollar.“

Von Klopp schreitet der Auserwählten voran, aufflammendes gleißendes Scheinwerferlicht begleitet sie hinaus. Munny wartet im Dunstkreis Gleichgestellter, auf dem Moped nimmt die Frau die Mittelstellung ein. Von Klopps Gemütslage wechselt in mehrmaliger Folge, ein waghalsiges Ausweichmanöver führt eine Schrecksituation herbei. Das Hotel wahrt die Fassade des Diskreten, ein Angestellter gebietet von Klopp den Alleingang in sein Zimmer, wenige Minuten später ertönen an der Tür fast unhörbare Klopfzeichen. Munny steht neben der jungen Frau, streicht dankbar die vereinbarten Dollar ein, zieht die Tür lautlos ins Schloss. Die Frau legt ihre Lebendigkeit an der Türschwelle ab, ein längerer Badaufenthalt erweckt sie ins wie Neugeborene.

„Kalt“, presst sie im Englischen hervor, schlüpft unter das Bettlaken.

An der Fensterfront zieht er die Vorhänge zusammen. Er schärft die Blicke durch den offenen Spalt und denkt, auf dem Liegestuhl am Pool, ganz hinten, geschehen menschliche Verquickungen.

Im Fernseher stellt er ein Musikprogramm an, fragt:

„Möchtest Du etwas trinken?“

Sie hüpft aus dem Bett, langt in der Minibar zu einer Büchse grünen Tee. Er wählt ein Bier, stellt die Klimaanlage zurück, gesellt sich zu ihr.

„Hast Du eine Frau?“ fragt sie nach einer Ewigkeit.

„Nein.“

„Warum nicht?“

Von Klopp verkürzt den Sachverhalt auf den maßgeblichen Kern, schwächt den Ernst des Gesagten zuweilen durch ein Lächeln ab. Es ist die Wahrheit, denkt er in der Stille. Stärkt sie mein Ansehen ihr gegenüber? Oder schadet sie eher meinem Ansehen? Am besten, ich sage ihr noch etwas anderes. Dass ich eine Frau für Mama suche.

„Wie heißt Du?“

„Martin. Und Du?“

„Ball.“

„Wie der …?“

Er wiederholt das Gehörte nicht wie im Fremdsprachenunterricht, im Begrifferklären gewährt er der Zeichensprache den Vorrang. Ein Finger malt einen Rundkörper in die Luft, sie nickt lächelnd. Ein Missverständnis liegt nahe, denkt er, immerhin deute ich einen Kreis an und der Unterschied zu einem Ball liegt im Nichtvorhandensein des Dreidimensionalen. Von Klopp erwägt die Formung von etwas Ballähnlichem durch das Verknäulen beider Hände. Er verwirft diese Eingebung, schnellt aus dem Bett, deutet im aufrechten Stillstand den Wurf eines Balles an. Er erntet höfliches Lächeln, grübelt nach Steigerungsformen für seinen Anschauungsunterricht, ahmt einen Fußballdribbelkünstler nach. Er kürt zwei Stühle und den Tisch zu Spielern der Gegenmannschaft, führt tänzelndes Kreisklasseniveau vor. Nach der hundertprozentigen Gewinnquote der Zweikämpfe reckt er die Arme nach oben.

Ihr erneut lächelndes Nichtbegreifen treibt ihn zur Rezeption, ein Mann im weißen Hemd erfüllt seine Bitte nach einem Ball mit der Herausgabe eines Golfballes, von Klopp sichert ihm die Rückgabe zum Frühstück zu. Im Fahrstuhl denkt er, bestimmt vermutet der Nachtportier, dass wir unsere Zeit im Zimmer mit Minigolf totschlagen, anstatt das Übliche zu tun. Im Übrigen wäre ein Mixtum compositum nicht die schlechteste Idee. Als Schläger eignet sich ein geschlossenes Buch, als Loch ein aufgeschlagenes Buch. Als Zielprämie für mich winkt ein anderes Loch außer der Reihe. Von Klopp schüttelt den Kopf über seine Auslassung, im Zimmer hält er den Golfball wie eine Trophäe hoch.

„Ball“, sagt die mädchenhafte Frau, nickt heftig. „Ich Ball.“

Ball rekelt ihren Körper, strampelt ihn nackt. Von welch schöner Welt ich umgeben bin, denkt er. Er mutmaßt das unerschöpfliche Vorhandensein erotischer Energievorräte, beäugt die Übertragungsmöglichkeiten, spürt schon ohne eine Direkteinwirkung körperliche Folgeerscheinungen. Ball legt ihre warmen Hände auf seine Brustwarzen, die Temperatur steigt ohne Bewegungsmerkmale ins Hitzige. Er widersteht der Versuchung einer prompten Umsetzung seiner Überreizung, rollt zur Seite, nach einem Schluck aus der Bierbüchse begibt er sich ans Fenster. Du Frau, ich Mann, denkt er, lächelt verstohlen, kehrt zum Bett zurück.

„Massage“, bittet er.

Im Anblick ihrer Fingernägel verbirgt sie ihre Enttäuschung nur bedingt.

„Massage keine Liebe“, sagt sie.

„Massage ist Spiel vor der Liebe. Vorspiel.“

Von Klopp schiebt den Körper in Bauchlage über das Bett, Ball schwenkt ihren Körper auf seinen in Gesäßhöhe. Sie setzt das Studium ihrer Fingernägel fort, ein sanfter Fauststoß an ihre Oberschenkel ruft sein Anliegen in Erinnerung. Die körperliche Konversation leitet Ball im Sektor Schulter und Nacken ein, erweitert das Pflichtprogramm auf die Rückenzone. Seinen Körper vom Gesäß abwärts spart sie als Tätigkeitsfeld ihres vielfingrigen Kundendienstes aus. Der Liebenummeraufschub findet ein Ende.

Ein schmaler Lichteinfall aus dem Bad führt zu Dämmerlicht, ihre Körper ruhen nebeneinander, ihre Augen begegnen einander.

„Sprichst Du gut Englisch?“ fragt er.

Ihre Hand hebt sich, den Spalt zwischen Daumen und Zeigefinger schätzt er auf drei Millimeter. Wie viele Wörter mögen dazwischen passen?, denkt er. Mehr als drei.

„Ich liebe Dich“, erklingt ihre Stimme in freudiger Munterkeit.

Von Klopp deutscht das Worttrio ein, Ball übersetzt es in ihre Muttersprache.

„Bong slang one“, spricht er ihr nach.

Ball nickt verhalten Einverständnis, sagt: „Baby, gontpai.“

Er wiederholt beide Worte, Ball spreizt rechtshändig Zeigefinger und Mittelfinger zu einem schmalen Victoryzeichen, führt die Hand zu den Lippen.

„Barei“, sagt sie, ihre Stimmlage bekundet Abscheu.

„Smoking“, lächelt er seine Vermutung hinaus, „Rauchen“.

Er klopft eine Fingerspitze an die Brust, vollführt eine beiderseitige Kopfdrehung.

Ball faltet die Hände in Kinnhöhe, sagt: „Tamate“.

Die Körpersprache fördert nicht die Übersetzung, auch das Zeigen auf die gegenständliche Welt im Zimmer dient nicht der Wahrheitsfindung. Von Klopp erklärt das Wort kurzerhand zum unlösbaren Rätsel, küsst ihre aalglatte Wange. Den gesprochenen Worten folgt Geschriebenes in sein leeres Notizheft. Ihre Khmerschriftbild wirkt auf von Klopp uniform, die Buchstabenlängen im Falle von ´Tamate´ ähneln aus seiner Sicht den ungelenken Schreibeigenheiten eines Schulanfängers. Die Schreibweise seines Namens, ihres Namens und des Wortes Baby festigen seine Eindrücke, zugleich entdeckt er in ihren Achselhöhlen mehrere Leberflecken.

Womit diene ich uns noch?, denkt er und rutscht vom Bett. Das gesuchte Badetuch findet er feucht auf dem Badfußboden vor. Er schlingt es um seine Hüften, strebt zielbewusst zu einer Wand. Sie liegt dem Bett gegenüber, seine Finger richtet er zum einzigen Bild im Raum. Die lackholzgerahmte Farbfotografie rückt Angkor Wat vor einen verlöschenden Sonnenball, das Nichtvorhandensein von Menschen steigert die besinnliche Grundstimmung.

„Angkor Wat“, strahlt sie.

„Bild“, sagt er. „Das ist ein Bild.“

„Angkor Wat“, wiederholt sie rechthaberisch.

Von Klopp anerkennt den missverständlichen Charakter des Gegenstandes, zeigt in Balls Richtung: „Bett“!

Ihre Hände gleiten über das Metallbettgestell, unsicher entfährt ihr: „Beed“.

„Bett“, wiederholt er ausdrucksstark.

„Bett.“

Von Klopp hebt den Daumen vor Anerkennung, beide steigern ihr Lächeln ins Übertriebene. Das Geschäftspaar bezieht den Stuhl, die Lampe und den Schrank in diese Redeebene ein, im Weiteren dehnt sich der Wunsch zur Verständigung auf das Schreiben in deutsch und in Khmer aus. Die ausgelassene Heiterkeit beflügelt beide zum verbalen Zerlegen des Zimmers bis zu den Nebendingen Bodenvase, Bademantel, Lichtschalter, Kugelschreiber, Menükarte, Klodeckel, Eiswürfel und Zahnbürste. Ball unterbindet das Ausreizen der Idee bis zum letzten Gegenstand. Sie greift vom Nachtschränkchen den Kambodschareiseführer, fortan dienen Fotos als Hilfsmittel zum Reden und Lachen. Von Klopp hört ihr genau zu und denkt, Mama könnte Kuh heißen. Und diese enorm lange Zeit zwischen beiden Silben, hochinteressant. Ball blättert immer neue Bilder auf, sie einigen sich auf die Übersetzung von Tatkru mit Krokodil, von patei meit mit Himmel, von Lok Dschadlei mit Stupa.

Ein Postkartenmotiv zeigt Pfahlbauten am Flussufer. Palmen umgeben sie paradiesisch, in der Flussmitte trägt ein schmales Boot ein Mannweib, Holzkisten, Vogelkäfige und Obstkörbe. Balls Sinne geraten in helle Aufruhr. Ihr Mittelfinger hämmert in die Senke ihrer Brüste, aus ihren Augen quellen Tränen.

„Deine Heimat?“, fragt er ergriffen.

Ihr Gesicht drückt Unverständnis aus, mit gedämpfter Stimme setzt er neu an: „Mama, Papa“?

Sie bejaht die Frage mit ungestümen Regungen, die Klingeltöne ihres Handys schrillen in dieses mitreißende Gefühl. Die andere Seite redet unaufhörlich, von Klopp zieht sich ins Bad zurück, fummelt vor dem Spiegel im Gesicht. Nach seiner Rückkehr zappt die junge Frau durch die Fernsehprogramme, sie wirkt angegriffen und blickleer. Ein Sportsender überträgt Thaiboxen in einer überfüllten Arena, sie stoppt die Suche, von Klopp atmet erleichtert auf,

die unangenehme Luftkühle der Klimaanlage bewegt von Klopp unter das Bettlaken. Du lieber Gott, was so ein Mann nicht alles alles denken kann, redet er mit sich. Beschämt nur steh ich vor ihm da und sag zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwissend Kind, begreife nicht, was er an mir findt. Ihre kalten Hände wagen einen Annäherungsversuch, das Verinnerlichte in ihm klingt aus, er blickt umher. Ball löst sich aus ihrer Wartestellung, an der Türschwelle zückt er das Portmonee für ein gutes Handgeld.

„Du lieben Mann?“, fragt sie ängstlich.

Er verneint es erschrocken, wie zur Beglaubigung streichelt er ihre vollständig freie Schulter.

„Kein Mann, kein Kind, kein Krankheit“, sagt sie, es fehlt nicht an Gefühlen zwischen Gedrücktheit und Zuversicht.

Wenige Minuten nach ihrem Weggang klingelt das Zimmertelefon.

„Hallo Sir“, meldet sich die Stimme des Nachtportiers. „Ihre Lady will das Hotel verlassen. Ist das in Ihrem Sinne?“

„Das geht in Ordnung“, bestätigt von Klopp.

„Gute Nacht, Sir“, sagt der andere, legt auf.

Kapitel 3

Ein Traum zeigt von Klopp mit Betty am Pool seines jetzigen Hotels. Er liegt auf dem blanken Gestell einer Liege, Betty führt Kunststücke eines Zirkusakrobaten vor. Ihre Hände werfen und fangen tennisgroße Bälle, mal drei und mal vier. Klingenlange Messer schlagen in eine Palme ein, an einer Holzwand umreißen vier Äxte ein Quadrat. Im Badeanzug springt Betty ins Wasser, speit aus dem Mund eine Stichflamme, ihr Abtauchen löscht das Feuer. Der Traum reißt ihn im Morgengrauen aus dem Schlaf, die Rückholaktion der Traumbilder macht von Klopp hellwach. Wieso diese Betty und nicht Ball?, denkt er. Er versucht sich im Bücherlesen, ermüdet alsbald für die Reststunden bis zur üblichen Frühstückszeit.

Der Helfershelfer von gestern schwingt von Klopp die Ausgangstür auf, sein Gesicht kündet von verschworener Nähe. Vor der Hotelanlage riecht von Klopp den Geruch von frisch gemähtem Rasen, der Tuk-tuk steht im Schatten eines laubreichen Baumes, der Fahrer wienert den Lederbezug der Rückbank. Nach der Handreichung stellt sich von Klopp mit Martin und der Fahrer mit Dschin vor. Von Klopp steigt ein, breitet über seine bedeckten Oberschenkel eine Karte von der weitläufigen Tempelanlage Angkor. Er kennt die Vorzeigeobjekte aus dem Vorjahr, nennt sie Dschin. Dschins skizzierte Streckenführung beugt einer Wiederholung vor, findet ein gesundes Maß zwischen der Entfernung und der Bedeutsamkeit der Sehenswürdigkeit.

„Angkor Wat möchte ich natürlich wieder sehen“, spricht von Klopp in Vorfreude. „Als krönenden Abschluss.“

Geschmeidig ordnet sich Dschin in einen gut fließenden Verkehr ein, zwischendurch lobpreist er den Fußball in Deutschland. Die Namen Schweinsteiger, Klinsmann und Beckenbauer fallen, der Fahrgast quittiert die Namensnennungen mit nickender Zustimmung und denkt kurz über die Generationenabfolge nach.

Dschin breitet sein mittelprächtiges Fußballwissen weiter aus, eine Leerstelle nutzt von Klopp zur Frage: „Tamatei, was bedeutet dieses Wort?“