Eine Frau im Männerberuf - Vreny Liechti-Hermann - E-Book

Eine Frau im Männerberuf E-Book

Vreny Liechti-Hermann

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Beschreibung

Erleben sie die aussergewöhnliche Geschichte einer Frau, die sich in der Schulzeit für einen technischen Beruf entschieden hat. 1970 stiess sie mit einer 4- jährigen Lehre als Maschinenzeichnerin in eine «Männerdomäne» vor. Ein 45 jährige Kampf um interessante Arbeit, Anerkennung und Lohngleichheit begann. In der Lehre musste sie bereits um den gleichen "Stiften Lohn" kämpfen, in der Berufsschule gab es keine Frauentoiletten, und auch am Telefon wollte niemand von einer Frau eine technische Auskunft. Anerkennung, Erfolge, Ungerechtigkeiten, Neid und Intrigen waren die ständigen Begleiter. Die Freude am Beruf und die «Faszination Technik» gingen dabei nie verloren.

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Seitenzahl: 101

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Geschichte einer jungen Frau, die sich vor 50 Jahren entschloss, einen Beruf in der Technik zu erlernen. Dass sie mit diesem Entscheid in eine Männerdomäne vorstiess, wurde ihr erst im Nachhinein mit allen Konsequenzen bewusst.

Dieses Buch widme ich Allen die mich auf meinem beruflichen Werdegang unterstützt haben.

Allen die mich gefördert und motiviert haben, meinen Traum zu verwirklichen und meine Ziele zu erreichen.

Lohngleichheit: Geld ist wichtig, aber eben nicht nur Geld allein

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kindheit

Schulzeit

Berufswahl

Lehrvertrag

Kapitel 2

Lehrzeit

erste Liebe

Lehrabschluss

erste Arbeitsstelle

erste CAD Erfahrung

Kapitel 3

Weiterbildung

Abstecher in die Politik

Kapitel 4

Lehr- und Wanderjahre im Rorschacherberg und Herisau

Kapitel 5

Zurück an den Bodensee

Vreny und das CAD

Vreny und die Lehrlinge

Ein Traum wird wahr

Leiterin Berufsbildung

Kapitel 6

Die letzten 2 Jahre

CE Verantwortung

CSME Ausbildung

Kapitel 7

Licht am Ende des Tunnels

Notfall

Herzinfarkt

Der Kreis schliesst sich

Epilog

Biographie

Vreny liebte schon im Kindergarten alles knifflige! und Puppen auch!

Mädchen spielen gerne mit Puppen, Jungs mögen alles, was Räder hat ein gängiges Vorurteil bis in die heutige Zeit.

Prolog

Das Mädchen kommt von der Schule nach Hause. Die Mutter sitzt wie jeden Tag am Tisch und macht «Heimarbeit». Der ganze Tisch im Wohnzimmer ist belegt. Da liegen gedrehte Drähte, gestanzte Blattfedern, kleine runde Metallhülsen, Kartonscheiben, Zange, Ahlen und vieles mehr wirr durcheinander.

«Mama, was hast du nur für eine Ordnung auf dem Tisch, so ein Durcheinander. Ich mach es dir einfacher.» Das sagte ein 14-jähriges Mädchen 1968, zu seiner Mutter. Sein Vorstellungsvermögen zeigte ihm einen geordneten Weg vor. Sie setzte die Worte mit einfachen Mitteln in die Tat um. Die Mutter war begeistert.

Der Start zu einer interessanten technischen beruflichen Laufbahn als Konstrukteurin!

Kapitel 1

Vreny geht an der Hand seiner Mutter in das Sterbezimmer des Spitals. Viele Jahre später erinnert sie sich an diese Minuten, wo sie als 5-jährige Abschied nehmen musste von ihrem Vater. Er starb völlig unerwartet nach kurzer schwerer Krankheit. Neben Vreny verloren auch die ältere Schwester und der ältere Bruder den Vater.

Der Vater war bei einer Firma in Arbon als Dreher angestellt gewesen. Eine schwierige Zeit folgte für die Familie, vorallem für die Mutter. Am wenigsten bekam die 5-jährige Vreny von den Problemen mit. Sie war behütet in ihre Familie. Die Rente war überaus bescheiden. Für den Unterheilt reichte sie nicht.

Es war der Mutter ein grosses Anliegen, immer zu Hause zu sein, wenn die Kinder von der Schule kamen.

Deshalb erledigte sie viel Heimarbeit. Es gab verschiedene Firmen, die zu diesem Zweck den Frauen die Einzelteile nach Hause liefert und als Fertigware wieder abholten. Da wurden Karten für den Versand zusammengestellt, oder Baugruppen vor montiert. Es musste geklebt, geschraubt und vieles mehr erledigt werden. Da die Bezahlung nach Stück und sehr bescheiden war, musste meistens bis spät in die Nacht gearbeitet werden, wenn die Kinder schliefen. Es gab aber auch Zeiten, in denen keine Arbeit zu erledigen war. Deshalb ging die Mutter zu fremden Leuten zum Putzen um doch noch etwas Geld zu verdienen.

Sie war eine sehr gute Köchin. Mit bescheidenen Zutaten gelang es ihr immer ein feines Essen auf den Tisch zu zaubern.

Vreny als jüngstes Kind war viel mit der Mutter zusammen. Der Altersunterschied zur 7 Jahre älteren Schwester und dem 11 Jahre älteren Bruder war gross. Der Bruder verliess bereits mit 16 Jahren Rorschach, im Todesjahr des Vaters, um auswärts in eine Lehre als Bäcker Konditor zu gehen. Er wohnte auch später nicht mehr in seinem Elternhaus. Die Schwester ergriff nach Handelsschule, einigen Jahren Büroerfahrung bei einer Firma in Horn und nach einem Auslandsaufenthalt einen sozialen Beruf.

Die «grosse» Schwester war eine engagierte Blauringleiterin. Sie nahm die kleine Schwester gerne an Veranstaltungen mit. Die Mutter kochte in den Blauring Lagern, sodass auch Vreny mitgehen durfte, obwohl sie noch zu jung war. Ihr gefiel das Lagerleben, das Spielen mit Geleichgesinnten, sitzen am Lagerfeuer und organisieren von bunten Abenden. Sie half mit wo sie konnte und machte gerne mit. Sie liebte es Wanderungen zu unternehmen und sich in der Natur aufzuhalten.

Später durfte Vreny in den Blauring eintreten. Das Blauringleben war ihr besonders wichtig. Jede Woche war Gruppenstunde. Die gleichaltrigen Mädchen trafen sich zum Basteln, singen lachen und plaudern. Vreny freute sich immer auf die Stunde. In der gleichen Gruppe traf sie sich auch mit Klassenkameradinnen, mit denen sie zum Teil alle 9 Schuljahre gemeinsam besuchte. Später belegte sie einen Kurs um auch selber Gruppenleiterin zu werden. Mit viel Fantasie und Herzblut leitete sie ihre Gruppe. Nach Lehrbeginn blieb ihr leider nicht mehr viel Zeit neben Schule und Arbeit. Deshalb beendete sie diesen wichtigen, prägenden Abschnitt in ihrer Jugend. Viele Jahre später jedoch sollte ihr diese Begeisterung und Erfahrung, die ihr das Blauringleben mit auf den Weg gegeben hat, von Nutzen sein. Ein weiteres Puzzleteil in ihrer späteren Tätigkeit.

***

Die Kindheit in Rorschach verflog für Vreny viel zu schnell. Sie genoss es, mit den Nachbarskindern zu spielen. Der Mutter war es dabei immer wichtig zu wissen, wo Vreny war.

Vreny besass ein Trottinett (nur) mit Hartgummirädern. Ihre Freundin besass bereits ein Trottinett mit richtigen Pneus. Neugierig wie Vreny damals schon war, liebte sie es immer etwas Neues auszuprobieren. Die Freundin wollte sie überreden damit zu fahren. «Ich darf nicht, meine Mutter hat mir verboten, mit fremden Sachen wie dieses Trottinett zu fahren». Ihre Freundin meinte «ach das macht doch nichts, probiere es doch, es passiert schon nichts.». Damit sie die Mutter nicht sah, fuhr Vreny hinter das Haus. Sie übersah die Treppenstufen und stürzte. Die Knie und die Arme waren aufgeschürft. Ihre Freundin stichelte «du musst deiner Mutter ja nicht die Wahrheit sagen. Sag nur, dass du beim Fangis gestürzt bist».

Vreny konnte sich nicht erinnern, die Mutter jemals angelogen zu haben. Die Lüge plagte sie die ganze Zeit. Erst Monate später beichtete sie der Mutter, was tatsächlich geschehen war. Die hatte das natürlich bereits vermutet. Sie wollte es von Vreny selber hören. So erfuhr sie dann auch, dass die Mutter immer grosse Angst hatte, Vreny könnte etwas passieren.

Schulzeit

Vreny ging von der ersten Klasse an gerne zur Schule. Sie gehörte zu den Besten und brachte zur Freude der Mutter immer sehr gute Zeugnis Noten nach Hause. Sie musste nicht viel lernen, war dennoch sehr ehrgeizig. In der Schule verbrachte sie die Zeit gerne mit ihren Klassenkameraden. Nach der Schule ging sie meistens sofort nach Hause zur Mutter. Nähen, lesen, lernen und Flöte spielen, das waren ihre Leidenschaften.

Der Wechsel in die 4. Klasse beutete nicht nur Schulhaus, sondern auch Lehrerwechsel. Der neue Lehrer war jung und forderte viel mehr von den Schülern und benotete strenger als die Lehrerin in den ersten 3 Jahren. Vreny freute sich gefordert zu werden, lernte darum mehr um zu den Besten zu gehören.

Der Anfang?

Ihr erinnert euch, Vreny's Mutter machte viel Heimarbeit auch für eine Firma in Horn.

Die Hauptaufgabe, war das vorbereiten von sogenannten Metallplomen, bestehend aus einem geformten Draht, einer Blattfeder, einer Hülse und einer Kartonscheibe. Mit einer Zange musste der Draht in der Feder befestigt werden. Der Tische in der Stube war immer voll belegt. Die Arbeitsgänge kompliziert, fand die damals 11-jährige. Helfen konnte sie nicht, schaute aber der Mutter gerne zu.

Wieder einmal sass Vreny neben der Mutter und schaute gelangweilt zu. Plötzlich hatte sie einen Geistesblitz, wie der Ablauf einfacher gehen könnte.

Förderband unten ...Seil oben...

Vreny bastelte, sortierte, und hielt die Mutter von der Arbeit ab. «Bist du bald fertig? dass ich weitermachen kann?» Vreny: «ja nur noch die Zange auf diese Seite und die Vorrichtung auf die andere. Jetzt bin ich fertig». So die 11-jährige. «Ich zeige dir, wie ich das gedacht habe» Die Mutter staunte, es ging wirklich besser und schneller!

***

Logistische Platzierung aller Einzelteile, Beschickung von Hand oder Pneumatisch, logischer zeitsparender definierter Ablauf, viele Jahre später belegte Vreny ein Freifach «Automation». Was sie als 11-jährige aus dem «Bauchgefühl» geplant hatte, lernte sie später auch noch richtig.

Der Lateiner

Das Schuljahr in der 6. Klasse neigte sich dem Ende zu. Vreny's Schwester hatte die Sekundarschule in einer von Klosterfrauen geleiteten Institut belegt. Dort waren nur Mädchen zugelassen. Der Weg für Vreny also vorgezeichnet. Es kam aber anders. Das Institut wurde geschlossen. Ein Wink des Schicksals? Was wäre anders gelaufen, wenn Vreny dort die Sekundarschule besucht hätte?

Also war der Weg in die «normale» Sekundarschule eine logische Folgerung. «Vreny, willst du nicht die Aufnahmeprüfung in die Lateinklasse machen?», fragte der Lehrer. «Latein? Was soll ich damit? «du bist so eine gute Schülerin, Latein kann immer gebraucht werden. Es ist eine gute Grundlage für viele Sprachen, Allgemeinbildung und das beste Hirntraining. Zudem sind auch die technischen Fächer wie Geometrie, und Algebra im Stundenplan. Das sind ja deine Lieblings Fächer.» «Du könntest nach 2 Jahren sogar in die Kantonsschule» so der Lehrer. Der junge Lehrer war erst seit 2 Jahren in Rorschach, kam von auswärts und hatte eine «moderne» Einstellung auch Mädchen zu fördern.

Die Mutter war einverstanden. Die Aufnahme Prüfung in die Lateinklasse, die sehr schwierig eingestuft wurde, schaffte dann Vreny auch mit Bravour.

So waren die unbeschwerten Jahre in der Primarschule zu Ende. Wieder ein Schulhauswechsel und Lehrerwechsel. Die Sekundarschule gefiel ihr. Das Niveau in der Lateinklasse forderte Vreny, wie es ihr der Lehrer vorausgesagt hatte. Sie war eine sehr gute Schülerin, die auch «Gas geben konnte», wenn die Noten etwas tiefer ausfielen. Die Zeit der «Maximal Noten war nun definitiv vorbei.

Latein war nicht so ihr Ding. Der Lehrer, sehr streng und autoritär, trieb sie an mehr zu lernen. Das tat Vreny auch und die Noten wurden besser. Das vom Lehrer kreierte «Latein Geschlechts Gedicht» blieb ihr bis heute in Erinnerung. Teile davon sind immer noch «abrufbar».

Vreny's Begeisterung galt jedoch den technischen Fächer wie Geometrie und Algebra.

In diesen 2 Jahren Lateinklasse entdeckte sie ganz intensiv die Freude für Zahlen, mechanische Zusammenhänge, Bewegungen, einfach das technische. Die Noten in Geometrie, Rechnen und Algebra waren Spitze, um einiges besser als in Deutsch, Französisch und Geschichte. Die Aufgaben löste Vreny locker. Einmal gelesen wusste sie die Formeln und erkannte die Zusammenhänge. Geometrie blieb das Top Lieblingsfach. Sie machte nichts lieber, als knifflige geometrische Aufgaben zu lösen.

***

Während den 2 Jahren in der Lateinklasse kann sich Vreny nicht an viele Aktivitäten mit der Klasse innerhalb oder ausserhalb der Schule erinnern. Die Klassenkameraden waren meistens zu Hause und am Lernen. Ein richtiger Klassengeist? ein Zusammengehörigkeitsgefühl? Nein, daran kann sich Vreny nicht erinnern. Es waren alles Individuallisten, ehrgeizig, die Karriere vor Augen: Kantonsschule, Studium, Erfolg, Ausland, viel Geld verdienen. «Die Lateiner» gehörten bei «normalen» Sekundarschülern nicht unbedingt zu den Beliebteste: «die Lateiner, das sind die Gescheiten.» Ich würde eher sagen, «ehrgeizig» 1. Priorität lernen und gute Noten. So kam es auch, dass die Klasse selten etwas zusammen unternahm. Es gab die 2er Grüppli, die zusammen lernten. Beziehungen Mädchen -Buben waren eher selten. Es gab jedoch nie Streit oder Uneinstimmigkeiten. Jeder akzeptierte den Anderen so wie er war.

***

Die Meisten entschieden sich nach 2 Jahren für den Übertritt in die Kantonsschule und wählten die akademische Laufbahn. Das mag wohl der Grund sein, dass in den letzten 45 Jahren nur 1 Klassentreffen stattgefunden hat. Das Klassentreffen verlief sehr harmonisch, aber nicht aufregend, wie eben auch die Schulzeit war. Die meisten hatten ihr Ziel erreicht. Eine illustre akademische Gruppe aus Rechtsanwälten, Physiker, Ingenieure, Lehrer, Doktoren und wir andern, die einen Berufsweg eingeschlagen hatten, trafen sich im ehemaligen «Latein» Zimmer. Sogar der «strenge, autoritäre» Lehrer war dabei. Wir sassen auf unserem Platz und es war «fast» wie mit 14 Jahren!

Die «Lateinklasse» 1968

Die Berufswahl