Verlag: CORA Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Eine Frau mit Vergangenheit E-Book

Kate Hoffmann  

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E-Book-Beschreibung Eine Frau mit Vergangenheit - Kate Hoffmann

Auf der Flucht vor ihrem Verlobten landet Payton im australischen Outback - direkt in den Armen eines aufregenden Fremden. Hals über Kopf stürzt sie sich in eine leidenschaftliche Affäre mit Brody Quinn. Doch schneller als gedacht holt ihre Vergangenheit sie ein …

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E-Book-Leseprobe Eine Frau mit Vergangenheit - Kate Hoffmann

IMPRESSUM

Eine Frau mit Vergangenheit erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: kundenservice@cora.de
Geschäftsführung:Ralf MarkmeierRedaktionsleitung:Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)Produktion:Jennifer GalkaGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2009 by Peggy A. Hoffmann Originaltitel: „The Mighty Quinns: Brody“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY SEXYBand 68 - 2010 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Übersetzung: Christian Trautmann

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A., GettyImages_NycyaNestling

Veröffentlicht im ePub Format in 09/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733758493

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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PROLOG

Queensland, Australien – Januar 1994

„Wie kann ein Berg Zauberkräfte haben?“, fragte sein ältester Bruder Callum, der am Fuß des riesigen Felsbrockens stand, und Brody schaute nach oben. „Es ist doch bloß ein verdammter großer Stein.“

„Sieh dich mal um, Depp!“, rief Teague, der mittlere von ihnen, von der Spitze des Felsens herunter. „Siehst du vielleicht noch andere Felsbrocken wie diesen hier? Gramps sagte, er liegt hier, weil er Zauberkräfte hat. Wenn man oben auf diesem Felsen steht und sich etwas wünscht, geht es in Erfüllung. Aborigines haben ihn hergebracht, und die verstehen was von Zauberei.“

„Ich glaube, Gramps war nicht ganz richtig im Kopf“, spottete Callum. „Ich würde nicht alles glauben, was er gesagt hat.“

Brody trat näher. „Das ist nicht wahr. Und es ist nicht nett, schlecht über die Toten zu sprechen.“

„Er hat auch behauptet, hier draußen seien Schätze versteckt“, meinte Callum. „Er hat mir sogar erzählt, als kleiner Junge habe er danach gegraben.“

„Hilf mir mal rauf.“ Brody boxte seinen Bruder gegen die Schulter.

„Nein, wir müssen zurück. Mum wird das Abendessen schon fertig haben.“

„Aber ich will hinaufklettern.“ Er ließ nicht locker. Es war schon schwer genug, der Jüngste zu sein, deshalb hasste er es, wenn Callum ihn herumkommandierte. Wenigstens war Teague immer auf der Suche nach Abenteuern und behandelte ihn, Brody, als wären sie gleich alt und nicht achtzehn Monate auseinander. Callum war stets der Vorsichtige. Er war drei Jahre älter als er, benahm sich aber schon wie ein Erwachsener.

„Du wirst herunterfallen und dir die Birne aufschlagen“, prophezeite Callum ihm. „Und ich bekomme die Schuld, wie immer, wenn ihr zwei Blödmänner irgendwelchen Mist baut.“

„Cal, hilf ihm rauf“, rief Teague. „So hoch ist es gar nicht, und ich werde ihn festhalten.“

„Du brauchst mich nicht festzuhalten“, erklärte Brody. „Ich bin kein Baby mehr.“

Widerstrebend verschränkte Callum seine Finger, und er stelle einen Fuß auf die Räuberleiter, sodass Teague ihn auf den Felsen ziehen konnte.

„Wow“, sagte Brody. „Das ist hoch. Ich wette, ich kann ganz Queensland von hier oben sehen.“

„Du bist schon auf Windräder geklettert, die sind viel höher“, sagte Callum, der ebenfalls den Felsen erklomm. „Und von denen kann man nicht einmal Brisbane sehen, dabei liegt das in Queensland.“

„Wünsch dir was“, forderte Teague ihn auf. „Dann werden wir sehen, ob es funktioniert.“

„Ich muss erst nachdenken.“ Er wollte so viele Dinge. Einen Computer, Videospiele, ein Mountainbike, doch es gab etwas, was er mehr als alles andere wollte. Er hatte es seinen Brüdern nie erzählt, aus Angst, sie könnten ihn auslachen, schließlich war die Chance nur sehr gering, dass er jemals von der Farm wegkam.

„Na los“, ermutigte Teague ihn. „Raus damit. Es geht aber nur in Erfüllung, wenn du es laut herausschreist.“

„Ich will Footballer werden“, schrie er. „Ich will eine richtige Schule besuchen und in einem richtigen Team spielen. Ich will berühmt werden, damit jeder meinen Namen kennt. Und ich will ins Fernsehen kommen.“ Zu seiner Überraschung lachten seine Brüder nicht.

„Das ist ein ziemlich großer Wunsch“, stellte Callum nüchtern fest.

„Jetzt bin ich an der Reihe“, sagte Teague. „Ich weiß genau, was ich mir wünsche. Ich will ein Flugzeug. Oder einen Helikopter. Ich will fliegen können, damit ich überallhin kann, einfach so. Ich könnte sogar über den Ozean fliegen und Amerika sehen oder Afrika oder den Südpol.“

„Du könntest mich zu meinen Footballspielen fliegen.“

Teague wuschelte ihm über den Kopf. „Ja, das könnte ich. Aber nur, wenn du mir Freikarten besorgst.“

Er wandte sich an Callum. „Und du?“

„Ich weiß, was ich will.“

„Du musst es laut sagen.“

Callum setzte sich, legte die Arme über die Knie und sah in die Ferne. „Was glaubt ihr, wie dieser Felsen wirklich hierher gekommen ist?“

„Ich glaube, er ist ein Meteor“, sagte Brody und setzte sich neben ihn. „Er stürzte vom Himmel.“

Callum strich über die glatte Oberfläche. „Vielleicht haben die Aborigines ihn hergebracht. Vielleicht war er so etwas wie das Stonehenge in England, ihr wisst schon, diese Kultstätte aus riesigen Steinen.“

„Ich glaube, es ist die versteinerte Kacke eines gigantischen prähistorischen Vogels.“ Teague setzte sich zu ihnen. Alle drei mussten sie lachen. Sie legten sich auf den Rücken und sahen in den wolkenlosen Himmel hinauf.

Brody rümpfte die Nase. „Wie kann Vogelkacke Zauberkräfte haben?“

„Vielleicht stammt sie von einem Zaubervogel“, schlug Teague vor. „Na gut, es ist ein Meteor oder ein Asteroid aus einem anderen Universum. Komm schon, Cal, du musst dir etwas wünschen.“

Callum atmete tief durch. „Ich wünsche mir, dass ich eines Tages einen Ort wie diesen habe.“

„Du willst einen Felsen?“, fragte Brody.

„Nein, Dummkopf. Eine Farm. So groß wie die Kerry Creek Farm oder am besten noch größer. Und ich werde die besten Rinder in ganz Queensland züchten.“

„Warum willst du auf einer Farm leben?“

„Weil es mir hier gefällt“, erwiderte Callum.

Brody schüttelte den Kopf. Sein Bruder hatte einfach keine Fantasie. Das Leben auf einer Farm war schrecklich langweilig, nie gab es irgendetwas Interessantes zu tun. Alle guten Sachen passierten in Städten wie Brisbane und Sydney. Callum sollte ruhig seine Farm haben, und Teague sein Flugzeug. Er wusste genau, dass sein Wunsch der beste war.

„Dad hat mir gesagt, er sei mit Mum hierher gegangen, als er ihr den Heiratsantrag gemacht hat“, erzählte Callum und stand auf, um den Horizont zu beobachten.

Brody tauschte einen Blick mit Teague, dann sahen sie schweigend woanders hin. Er hatte keine Ahnung, warum Callum mit diesem Thema angefangen hatte. Seit ungefähr einem Jahr verstanden seine Eltern sich nicht mehr. Wenn sie sich nicht gerade stritten, gingen sie sich aus dem Weg. Beim Abendessen war es entweder laut oder es herrschte tödliches Schweigen.

„Ich möchte meinen Wunsch ändern“, murmelte er und richtete sich ebenfalls auf. „Ich wünschte, Mum und Dad würden nicht mehr streiten. Ich wünschte, sie wären wieder wie früher.“ Er kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an. „Wisst ihr noch, wie sie sich immer geküsst haben und Dad Mum so fest umarmte, dass sie lachen musste? Und wie sie das Radio anstellten und durch die Küche tanzten?“

„Ja.“ Teague stützte sich auf die Ellbogen.

Die ersten zehn Jahre hatte Brody in einer glücklichen Familie verbracht. Zumindest hatte er das geglaubt. Nach und nach bemerkte er, wie unglücklich seine Mutter war und wie frustriert sein Vater. Seine Mutter hasste das Leben auf der Farm, während sein Vater kein anderes Leben kannte.

„Wünscht es euch“, forderte Callum sie auf und griff nach ihren Händen. „Schließt die Augen und wünscht es euch ganz fest, dann wird es auch in Erfüllung gehen.“

„Ich dachte, du glaubst nicht an diesen Felsen“, sagte Teague.

„Los, macht es!“, forderte Callum sie erneut auf. „Jetzt.“

Sie schlossen die Augen und konzentrierten sich auf den Wunsch. Doch er wusste, dass weder der Felsen noch die geballte Kraft der drei Quinn-Brüder etwas bewirken konnte. Es lag allein an ihren Eltern, ob dieser Wunsch in Erfüllung ging.

Als Brody die Augen wieder aufmachte, stellte er fest, dass seine beiden Brüder ihn ansahen. Er zwang sich zu einem Lächeln, aber das linderte seine Ängste nicht. Etwas Schlimmes würde geschehen, das spürte er genau.

Er rollte sich auf den Bauch, rutschte am Felsen hinunter und plumpste auf den staubigen Boden. Sein Pferd war ganz in der Nähe angebunden. Er schnappte sich die Zügel, schwang sich in den Sattel und ritt im Galopp davon. Wenn seine Mutter die Farm verließ, würde er mit ihr gehen. Sie würde jemanden brauchen, der sich um sie kümmerte. Er hatte es immer geschafft, sie zum Lächeln zu bringen. Einmal hatte sie ihm zugeflüstert, dass er ihr Liebling sei. Wenn das stimmte, dann war es seine Pflicht, mit ihr zu gehen. Er merkte, wie ihm die Tränen aus den Augen liefen und im Wind auf den Wangen trockneten.

Sein Cowboyhut flog ihm vom Kopf, doch das Band unter seinem Kinn hielt ihn auf. Brody machte die Augen zu und überließ dem Pferd das Ziel. Vielleicht würde es einfach immer weiter galoppieren, an einen Ort, an dem das Leben nicht so verwirrend war.

1. KAPITEL

Queensland, Australien – Juni 2009

Alles tat ihm weh. Angefangen bei seinem Kopf, in dem es hämmerte, bis hinunter zum dumpfen Schmerz im Knie. Weitere Beschwerden registrierte er im Rücken, im rechten Ellbogen und den Fingern seiner linken Hand. Sie waren heftiger als sonst. Brody Quinn fragte sich, ob er für den Rest seines Lebens mit der Erinnerung an jenen Motorradunfall aufwachen würde, der seine Zukunft zerstört hatte, oder ob die Schmerzen eines Tages auf wundersame Weise verschwinden würden.

Er war gerade erst sechsundzwanzig geworden und fühlte sich schon wie ein alter Mann. Er rieb sich die Stirn und wusste nur eines mit Sicherheit: Er hatte am vergangenen Abend im „Spotted Dog“ gesessen und sich betrunken.

Von irgendwo war ein Elvis-Presley-Song zu hören, da wusste er, dass er im Gefängnis von Bilbarra übernachtet hatte. Der Polizeichef Angus Embley war ein großer Elvis-Fan, der gern mit jedem diskutierte, der die Einzigartigkeit des King anzweifelte. Momentan verstärkte Elvis jedoch nur seine Kopfschmerzen.

„Angus!“, rief er. „Kannst du die Musik nicht leiser stellen?“

Seit er auf die Rinderzuchtfarm seiner Familie zurückgekehrt war, hatte er die Annehmlichkeiten des örtlichen Gefängnisses schätzen gelernt. Zwar handelte es sich für gewöhnlich um eine läppische Dummheit, für die er hinter Gittern landete, aber dadurch blieb ihm die lange Heimfahrt oder eine Nacht in seinem Geländewagen erspart. „Angus!“

„Der ist frühstücken gegangen.“

Brody drehte sich auf die Seite und warf einen Blick in die Nachbarzelle, aus der er zu seiner Überraschung eine Frauenstimme gehört hatte. Er rieb sich die müden Augen und entdeckte nur wenige Meter von ihm entfernt eine schlanke Rothaarige, die eine hübsche geblümte Bluse und Jeans trug. Ihre Finger umschlossen anmutig die Gitterstäbe, die seine und ihre Zelle voneinander trennten, und ihr Blick aus dunklen Augen war auf ihn gerichtet.

„Heiliger Strohsack“, murmelte er und ließ sich wieder auf die Pritsche sinken. Jetzt war er wirklich am Ende. Offenbar war er noch betrunken und hatte Halluzinationen.

Eigenartig war allerdings, dass diese Erscheinung überhaupt nicht seinem Frauentyp entsprach. Normalerweise bevorzugte er Blondinen mit blauen Augen, großen Brüsten, wohlgeformten Hinterteilen und langen, langen Beinen.

Diese Frau war schmal und hatte eine wilde Mähne aus mahagonifarbenen Locken. Seiner Einschätzung nach reichte sie ihm nicht einmal bis ans Kinn. Ihre Gesichtszüge waren eigenartig – die Lippen fast zu sinnlich, die Wangenknochen zu hoch. Ihre Haut war so blass und makellos, dass er sich fragte, ob sie jemals einen Tag in der Sonne verbracht hatte.

„Sie müssen nicht verlegen sein. Viele Menschen reden im Schlaf.“

Brody setzte sich auf. Sie hatte einen amerikanischen Akzent. Die Frauen in seinen Fantasien hatten nie einen amerikanischen Akzent. „Was?“

„Hauptsächlich war es Gemurmel und Schnarchen. Mehrmals erwähnten Sie den Namen Nessa.“

„Vanessa“, sagte er und musterte sie erneut. Sie war ungeschminkt, trotzdem sah sie aus, als wäre sie gerade einem dieser Modemagazine entstiegen, die Vanessa ständig mit sich herumschleppte. Sie sah frisch und natürlich aus, sodass er sich unwillkürlich fragte, ob sie auch so duftete.

Seit seiner Heimkehr hatte es keine Frau gegeben, die ihn wirklich interessiert hätte. Bis jetzt. Die Lady in der Nachbarzelle konnte irgendwo zwischen sechzehn und dreißig sein, aber wenn sie jünger als achtzehn wäre, säße sie wohl nicht im Gefängnis.

„Sie haben Nessa gesagt“, meinte sie. „Das weiß ich genau, weil ich den Namen seltsam fand.“

„Es ist die Kurzform von Vanessa. Sie ist Model und wird so genannt.“ Nessa war so berühmt, dass sie keinen Nachnamen brauchte, so ähnlich wie Madonna oder Sting.

„Ihre Freundin?“

„Ja. Nein“, verbesserte er sich sofort. „Exfreundin.“

„Tut mir leid, ich wollte keine schlechten Erinnerungen wecken.“

„Das haben Sie nicht.“ Er schwang die Beine von der Pritsche und strich sich durchs Haar. „Ich weiß, weshalb ich hier bin, aber was machen Sie in einer Gefängniszelle?“

„Nur ein kleines Missverständnis.“

„Angus sperrt niemanden wegen eines kleinen Missverständnisses ein“, erklärte Brody und stand auf. „Schon gar keine Frauen.“ Er ging zu ihr und umfasste die Gitterstäbe oberhalb ihrer Hände. „Was haben Sie getan?“

„Die Zeche geprellt.“

„Was?“

Sie errötete auf hübsche Weise.

„Ich habe meine Rechnung in dem Lokal ein Stück die Straße runter nicht bezahlt. Und in einigen anderen Restaurants in anderen Städten. Tja, mein kriminelles Leben wurde mir zum Verhängnis. Der Besitzer des Lokals rief die Polizei, und jetzt sitze ich hier ein, bis ich einen Weg gefunden habe, meine Schulden abzuarbeiten.“

Er presste die Stirn gegen die Gitterstäbe, in der Hoffnung, der kühle Stahl würde seine Kopfschmerzen lindern. „Warum haben Sie nicht einfach bezahlt?“

„Das hätte ich ja, aber ich besitze keinen Cent. Ich hinterließ einen Schuldschein und erklärte, ich würde wiederkommen und bezahlen, sobald ich Arbeit gefunden hätte. Anscheinend reichte das nicht.“

Brody ließ die Hände sinken, bis er ihre berührte. „Was ist mit Ihrem Geld passiert?“, fragte er und sah sie an, während er über ihre Finger strich. Es kam ihm ganz natürlich vor, sie zu berühren, obwohl sie eine Fremde war. Seltsamerweise schien es ihr nichts auszumachen.

Sie seufzte. „Es ist alles weg. Verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen. Ich bin kein unehrlicher Mensch, ich war nur sehr, sehr hungrig.“

Sie hatte den schönsten Mund, den er je gesehen hatte, ihre Lippen waren voll und weich, wie geschaffen zum Küssen. Er kämpfte gegen sein Verlangen an. „Wie heißen Sie?“

„Payton.“

„Payton“, wiederholte er und lehnte sich zurück, um ausgiebig ihren Körper zu betrachten. „Ist das Ihr Vor- oder Nachname?“

„Payton Harwell.“

„Sie sind Amerikanerin?“

„Ja.“

„Und Sie sitzen im Gefängnis.“

„Sieht ganz so aus. Zumindest noch für eine Weile. Ich habe angeboten, in dem Lokal Teller zu waschen, aber der Besitzer will mich dort nicht mehr sehen. Anscheinend sind Jobs hier in der Gegend knapp.“

Brody war eigenartig fasziniert von ihr, dabei wäre sie ihm auf einer Party vermutlich gar nicht aufgefallen.

„Quinn!“

Er drehte sich um und entdeckte Angus, dessen Uniform nach nur wenigen Stunden Dienst schon völlig zerknittert war.

„Bist du endlich nüchtern?“

„Du hättest mich nicht einzusperren brauchen.“ Brody ließ die Gitterstäbe los.

„Brody Quinn, du hast eine Schlägerei angefangen, einen Spiegel zerbrochen und mir einen Drink ins Gesicht geschüttet, nachdem du meinen Musikgeschmack schlechtgemacht hast. Da blieb mir gar keine andere Wahl.“ Angus stemmte die Fäuste in die Hüften. „Du wirst Strafe zahlen müssen, ein paar Hundert. Und Buddys Spiegel musst du auch ersetzen.“ Der Polizeichef kratzte sich das Kinn. „Außerdem will ich dein Versprechen, dass du dich von jetzt an benimmst und dich an das Gesetz hältst. Dein Bruder ist hier, also bezahl die Strafe, dann kannst du gehen.“

„Teague ist hier?“

„Nein, Callum. Er ist nicht begeistert darüber, dass er extra in die Stadt fahren musste.“

„Ich hätte ja selbst nach Hause fahren können“, sagte Brody.

„Dein Freund Billy hat letzte Nacht versucht, dir die Autoschlüssel wegzunehmen. Damit fing der Streit an. Er hat sie im Klo runtergespült, deswegen hat Callum dir deine Ersatzschlüssel gebracht.“ Angus schloss die Zellentür auf. „Wenn du nächstes Mal einen Streit vom Zaun brichst, behalte ich dich eine Woche hier. Das ist ein Versprechen.“

Brody deutete auf Payton. „Du kannst sie auch gehen lassen. Ich werde ihre Strafe bezahlen.“

„Zuerst musst du bei Miss Shelly drüben im Coffeeshop bezahlen und anschließend dieser jungen Dame einen Job besorgen. Erst dann werde ich erlauben, dass du ihre Strafe zahlst. Bis dahin wird sie mein Gast sein.“

„Ist schon in Ordnung“, mischte Payton sich ein. „Mir geht es gut hier. Ich habe einen netten Platz zum Schlafen und bekomme regelmäßige Mahlzeiten.“

„Wie Sie wollen“, sagte Brody, obwohl es ihm nicht richtig vorkam, sie zurückzulassen. Wer war sie? Und was hatte sie nach Bilbarra verschlagen? Viele Fragen, auf die es keine Antworten gab.

Er folgte Angus durch das vordere Büro zur Tür. „Lass sie gehen“, flüsterte er ihm zu. „Ich werde für den Schaden aufkommen, den sie angerichtet hat.“

„Ich glaube, sie möchte noch bleiben. Ich vermute, dass sie nirgends hinkann. Ich werde ihr einen Job besorgen. Hier hat sie wenigstens zu essen.“ Angus räusperte sich. „Außerdem meckert sie nicht über meine Musik. Sie mag Elvis sogar. Kluges Mädchen.“

Als sie auf die Veranda vor dem Polizeirevier hinaustraten, entdeckte Brody seinen Bruder Callum, der auf einem alten Holzstuhl saß, die Füße auf dem Geländer, den Cowboyhut in die Stirn geschoben.

Brody setzte sich neben ihn und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Na los, bringen wir es hinter uns. Krieg deinen Anfall, und dann ist es gut.“

Callum schob den Hut zurück und musterte seinen jüngeren Bruder. „Mann, Brody, das ist das dritte Mal in diesem Monat. Wenn du so weitermachst, kannst du gleich hier einziehen und sparst dir an den Wochenenden die zweistündige Fahrt. Dann müsste ich mir jedenfalls keine Sorgen machen, ob du heil nach Hause kommst.“

„Es wird nicht wieder passieren“, murmelte Brody.

„Ich hab nicht so viel Zeit. Und Benzin ist auch nicht billig. Mit dieser ganzen Landgeschichte, die gerade wieder hochkocht, habe ich schon genug um die Ohren.“

Seit Harry Fraser vor einem Monat beschlossen hatte, den vermutlich längsten Streit um Land in der Geschichte Australiens wieder einmal vor Gericht auszufechten, war Callums Laune im Keller. Harry besaß die Nachbarfarm, und zwischen den Frasers und den Quinns gab es seit nahezu hundert Jahren eine Fehde. Hauptsächlich ging es dabei um einen schmalen Streifen Land zwischen den beiden Farmen, auf dem sich der ergiebigste Brunnen im Umkreis von mehreren Hundert Kilometern befand. Im Lauf der Jahre hatte der Besitzer immer wieder gewechselt, je nachdem, welchem Richter der Fall vorgetragen worden war. Zurzeit stand das Land für die Quinns auf dem Spiel.

„Er hat schon drei Mal vor Gericht verloren“, sagte Brody. „Und neue Beweise dafür, dass er der rechtmäßige Besitzer ist, hat er auch keine gefunden.“

„Mag sein, aber ich muss einen verdammten Anwalt engagieren, und die sind nicht billig.“ Callum seufzte. „Und dann ist da noch diese Stammbaumforscherin, die gestern Morgen bei uns aufgetaucht ist und von mir erwartet, dass ich meine Zeit damit verbringe, ihr Geschichten über unsere Familie zu erzählen.“

„Ich habe doch schon gesagt, dass es mir leidtut.“

„Du verwandelst dich in einen echten Schwachkopf. Wir könnten deine Hilfe auf der Farm gut gebrauchen, jetzt wo Teagues Praxis anläuft. Er wird inzwischen jeden Tag angefordert, und wenn er zu Hause ist, muss er sich um den Papierkram kümmern.“

„Ich habe noch keinen Plan“, räumte Brody ein. „Aber Farmarbeit wollte ich eigentlich nicht machen. Kann ich jetzt meinen Autoschlüssel haben? Ich habe noch etwas zu erledigen.“

„Buddy will dich im ‚Spotted Dog‘ nicht mehr sehen. Du wirst dir eine andere Kneipe zum Randalieren suchen müssen. Oder du hörst auf zu trinken und sparst auch noch Geld.“

Teague war seit etwa einem Jahr auf der Kerry Creek Farm, nachdem er als Tierarzt in der Nähe von Brisbane gearbeitet hatte. Er war in Doc Daleys Praxis in Bilbarra eingestiegen und wollte den alten Mann auszahlen, damit der sich zur Ruhe setzen konnte. Er hatte in Brisbane genug gespart, um sich ein Flugzeug kaufen zu können.

Callum bezog sein Einkommen direkt aus der Kerry Creek, der Fünfundzwanzigtausend-Hektar-Ranch der Quinns. Ein Teil des Gewinns ging an ihre Eltern, die jetzt in Sydney lebten, wo ihre Mutter unterrichtete und ihr Vater eine kleine Landschaftsgärtnerei aufgebaut hatte.

Brody, der einst über ein beeindruckendes Bankkonto verfügt hatte, war inzwischen arbeitslos. Sein Millionenvertrag war aufgelöst und viele seiner Investitionen verkauft, seine Ersparnisse schrumpften. Er konnte noch weitere drei oder vier Jahre überstehen, wenn er sparsam lebte, aber spätestens dann würde er einen anständigen Job brauchen, eine Tätigkeit, die nicht beinhaltete, einen Football zwischen zwei Torstangen zu schießen.