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In "Eine Frauenfahrt um die Welt" entführt die Reiseautorin Ida Pfeiffer die Leser in eine faszinierende und abenteuerliche Weltreise des 19. Jahrhunderts. Mit einer unerschütterlichen Entschlossenheit und einem scharfen Blick für die kulturellen Besonderheiten der von ihr bereisten Länder, beschreibt sie ihre Erlebnisse und Begegnungen auf eine lebendige und eindringliche Weise. Ihr literarischer Stil ist geprägt von einem authentischen, journalistischen Ansatz, der die Leser nicht nur informiert, sondern auch emotional berührt. Im Kontext ihrer Zeit stellt dieses Werk einen bemerkenswerten Beitrag zur Reiseliteratur dar und bricht mit den zeitgenössischen Geschlechterkonventionen, indem es eine Frauenstimme in einem von Männern dominierten Genre etabliert. Ida Pfeiffer, die als eine der ersten weiblichen Reisenden bekannt wurde, schöpfte aus ihren eigenen Erfahrungen als Mutter und Hausfrau. Ihre Leidenschaft für das Reisen und das Sammeln von Erlebnissen ließ sie ihre Rolle in der Gesellschaft hinterfragen und motivierte sie zu einer mutigen Entscheidung: die Welt allein zu bereisen. Ihr Lebensweg spiegelt den aufkommenden Feminismus und das Streben nach Selbstverwirklichung in einer Zeit wider, als Frauen oft auf das Haus beschränkt waren. Dieses Buch ist nicht nur eine reisegeographische Erzählung, sondern auch ein eindringliches Plädoyer für die Unabhängigkeit der Frauen. Es lädt Leser ein, sich von Pfeiffers Neugier und Entdeckerdrang anstecken zu lassen und nimmt sie mit auf eine Reise, die ihren Blick auf die Welt nachhaltig verändern könnte. Ein Muss für alle, die sich für Frauen in der Literatur und für die Geschichte des Reisens interessieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen staunender Welterkundung und den unsichtbaren Grenzen eines Jahrhunderts, das Frauen Zurückhaltung abverlangt, entfaltet sich hier die Spannung einer Soloreise, die Neugier in Entschlossenheit verwandelt und aus der privaten Sehnsucht nach Horizonten ein öffentliches Dokument macht, in dem maritime Übergänge, fremde Städte und wechselnde Klimazonen nicht nur eine Route markieren, sondern auch eine Haltung: die beharrliche Weigerung, den eigenen Blick einschränken zu lassen, und das stille Wagnis, sich als schreibende Reisende in einer von Männern dominierten Gattung zu behaupten, ohne die Genauigkeit der Beobachtung dem Sensationellen zu opfern, und die Geduld, Erfahrungen in maßvolle, doch eindringliche Prosa zu überführen.
Ida Pfeiffers Eine Frauenfahrt um die Welt gehört zur klassischen Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts und versammelt die Erlebnisse einer globalen Umrundung in nüchterner, quellennaher Darstellung. Die Autorin, eine österreichische Reisende und Chronistin, notiert Beobachtungen aus Häfen, Städten und Landschaften verschiedener Kontinente und skizziert Wege, die über See- und Landrouten verlaufen. Das Buch entstand auf Grundlage von Aufzeichnungen aus den 1840er Jahren und wurde um die Mitte des Jahrhunderts veröffentlicht; es verknüpft persönliche Erfahrung mit einem zeittypischen Interesse an Geografie, Alltagskulturen und praktischen Reiseumständen und positioniert sich zwischen Tagebuch, Bericht und ethnografisch gefärbter Notiz.
Ausgangspunkt ist der entschlossene Entschluss einer Einzelnen, die vertraute Umgebung zu verlassen und eine Bewegung in die Welt zu setzen, deren Ziel weniger im Ankommen als im fortgesetzten Beobachten liegt. In den ersten Etappen prägen Schiffsreisen, Zwischenstopps und die Organisation des Alltags an Bord das Erzählen; mit der Ankunft in wechselnden Küsten- und Hafenorten wechselt der Fokus auf Begegnungen, Topografien und das Nützliche, das unterwegs gelernt werden muss. Ohne dramatische Inszenierung, aber mit beständiger Selbstdisziplin richtet sich der Blick auf das, was sich zeigen lässt: Wege, Witterungen, Arbeitsrhythmen, Preise, Umgangsformen, Routenentscheidungen.
Die Stimme der Erzählerin ist sachlich und zugleich aufmerksam auf Nuancen; sie bevorzugt klare, geordnete Sätze, vermerkt Details präzise und lässt persönliche Regungen kontrolliert, eher beiläufig einfließen. Der Ton bleibt überwiegend ruhig, bisweilen prüfend, mit einer Neigung zu praktischen Erwägungen, die das Reisen möglich machen: zu Transportmitteln, Unterkünften, Behördenwegen und Zeitökonomien. Stilistisch entsteht daraus eine Prosa, die die Bewegung der Reise in eine Abfolge von Beobachtungsbildern übersetzt und eine Lesart nahelegt, die weniger auf dramatische Wendungen zielt als auf Rhythmus, Abstand, Wiederholung und die allmähliche Erweiterung dessen, was gesehen und verglichen werden kann.
Zu den zentralen Themen gehören Grenzüberschreitung und Selbstbehauptung, die in der Figur der reisenden Frau eine besondere Intensität erhalten. Wiederkehrend ist die Frage, wie man sich als Einzelne in fremden Ordnungen bewegt, welche Anpassungen notwendig sind und wo Beharrlichkeit geboten ist. Das Buch verhandelt zudem das Verhältnis von Wissen und Erfahrung: Es prüft, was Karten, Berichte und Erwartungen versprechen, und was die konkrete Anschauung bestätigt oder korrigiert. Dabei verbinden sich Naturbeobachtung, Alltagsstudien und Logistik zu einem Gefüge, das die Welt nicht exotisiert, sondern in Arbeitsabläufe, Materialien, Wetterlagen und Umgangspraktiken auffächert.
Für heutige Leserinnen und Leser ist das Werk in mehrfacher Hinsicht relevant: als frühe, weithin beachtete Frauenstimme der Reiseliteratur, als Dokument konkreter Mobilität im Zeitalter des Segel- und Dampfschiffs und als Text, der das historische Selbstverständnis europäischer Reisender sichtbar macht. Zugleich lädt es zu einer kritischen Lektüre ein, die Perspektiven und Wortwahl im Kontext seiner Entstehungszeit verortet, inklusive jener eurozentrischen Blickwinkel, die das 19. Jahrhundert prägten. Gerade diese Spannung zwischen Pioniergeist und Zeitgebundenheit eröffnet produktive Gesprächsanlässe über Beobachten, Beschreiben und Interpretieren – und darüber, wie wir heute über Ferne und Nähe schreiben.
Wer dieses Buch aufschlägt, findet eine Folge klar strukturierter Etappen, die aus Hafenlogiken, Straßen, Märkten und Kabinenräumen bestehen und sich zu einer ausgewogenen Bewegung durch sehr unterschiedliche Lebenswelten fügen. Die Lektüre bietet weniger Sensationsdrama als eine stetige Erweiterung von Kenntnis und Maß, getragen von einer Stimme, die sich auf Genauigkeit verpflichtet. Damit entsteht ein seltenes Gleichgewicht aus Distanz und Anteilnahme: Die Reise bleibt konkret, die Reflexion maßvoll, das Staunen kontrolliert. So wird Eine Frauenfahrt um die Welt zu einer Schule des Sehens, die über ihren historischen Anlass hinausweist und neugierig auf weiteres Erkunden macht.
Ida Pfeiffers Reisebericht Eine Frauenfahrt um die Welt versammelt die Aufzeichnungen einer eigenständig unternommenen Erdumrundung und stellt Beobachtung vor Selbstinszenierung. In nüchternem Ton schildert die Autorin, wie sie ihre Route Schritt für Schritt plant, auf Schiffe gelangt, Grenzformalitäten überwindet und unterwegs Kosten, Gesundheit und Gepäck im Blick behält. Die Erzählung folgt dem Weg der Reise und ordnet Eindrücke nach Stationen, ohne fiktionale Dramaturgie. Leitend ist die Frage, wie sich ferne Räume und Lebensweisen aus unmittelbarer Anschauung erschließen lassen. Zugleich tastet Pfeiffer die Möglichkeiten weiblicher Mobilität ihrer Zeit ab und legitimiert ihre Fahrt als ernsthafte Erkundung.
Die ersten Etappen führen von vertrauten europäischen Stationen über lange Seepassagen in überseeische Häfen, wo Pfeiffer zwischen Neugier und Vorsicht balanciert. Die Logistik des Reisens bildet die Folie: Ticketkauf, Wartezeiten, Ausklarieren, Heuerverträge der Besatzungen, Quarantäne und die Abhängigkeit von Wind, Wetter und Fahrplänen. An frühen Aufenthaltsorten registriert sie Topografie, Märkte, religiöse Praktiken und soziale Hierarchien, wobei sie das Fremde mit sachlicher Genauigkeit beschreibt. Ein wiederkehrender Konflikt entsteht aus der Spannung zwischen eigenständigem Handeln und der Notwendigkeit, auf lokale Vermittlerinnen und Vermittler, Konsulate oder Missionsstationen zurückzugreifen. Diese Phase markiert die Grundhaltung des Buches: systematisches, prüfendes Sehen.
Methodisch verbindet die Darstellung kurze Wegskizzen mit dichten Beobachtungen zu Natur, Stadtleben und Handelsverflechtungen. Pfeiffer beschreibt Küsten, Vegetation und Tierwelt ebenso wie Hafenarbeit, Wohnformen und die Präsenz kolonialer Verwaltungen. Sie hält Sitten, Kleidung, Feste, Speisen und religiöse Gebräuche fest, vergleicht Preise und Reisezeiten und protokolliert Begegnungen mit Behörden, Händlern und Reisenden. Dabei schwankt der Blick zwischen nüchterner Neugier und den Wertmaßstäben ihrer Herkunftsepoche; beides wird erkennbar, ohne belehrend zu werden. Wiederholt sammelt sie Gegenstände und Naturproben als Belege gesehener Wirklichkeit, wodurch der Bericht den Charakter einer tragbaren Sammlung annimmt und empirischen Anspruch erhebt.
Auf den langen Seewegen und in Insel- wie Küstenräumen des Pazifik und Ostasiens verdichten sich die Motive der Gefährdung und Anpassung. Stürme, Seekrankheit, knapper Proviant und restriktive Gesundheitsvorschriften verlangen Disziplin, während Verständigung oft nur über Dolmetscher gelingt. Pfeiffer korrigiert anfängliche Erwartungen, entwickelt Routinen für Gepäck, Notizen und die Auswahl sicherer Unterkünfte und richtet ihr Beobachten stärker auf alltägliche Abläufe statt auf Sehenswürdigkeiten. Ein Wendepunkt der Reise liegt in dieser Professionalisierung: Aus der neugierigen Reisenden wird eine geübte Feldbeobachterin, die Situationen einschätzen, Risiken kalkulieren und dennoch spontane Umwege wagen kann, wenn besondere kulturelle Einblicke zu erwarten sind.
In süd- und südostasiatischen Regionen werden die sozialen Dimensionen des Unterwegsseins deutlicher. Pfeiffer zeigt, wie Geschlechterrollen Wege öffnen oder verschließen: Als allein reisende Frau gewinnt sie Zutritt zu häuslichen Bereichen, bleibt jedoch auf Schutzbriefe, Empfehlungen und taktvolle Distanz angewiesen. Preisverhandlungen, Behördenwege und das Sichern von Transportmitteln werden zu Prüfsteinen praktischer Klugheit. Erkrankungen, Klimaextreme und Erschöpfung verlangsamen zeitweise den Rhythmus und erzwingen Planänderungen. Gerade diese Belastungen schärfen ihre Fragestellung: Was lässt sich verantwortet berichten, ohne Sensationslust zu bedienen? Der Bericht gewichtet mehr und mehr das Verstehen von Gewohnheiten, Arbeit und Glaubenspraxis gegenüber exotisierender Überraschung.
Auf den weiteren Etappen verdichtet sich der globale Zusammenhang der Reise: Dampfschiffe, Segler, Karawanenwege und Postrouten greifen ineinander, Häfen erscheinen als Knoten weltweiten Handels. Pfeiffer macht Infrastruktur, Behördenpraxis und alltägliche Kooperationen sichtbar und stellt Beobachtetes in einen größeren Zusammenhang von Mission, Handel und politischer Ordnung. Dabei bleibt die Darstellung protokollarisch und knappt, notiert Maße, Distanzen und Kosten, ohne erzählerische Ausschmückung. Ihr Blick schwankt zwischen Sympathie für Einzelne und kritischer Distanz gegenüber Hierarchien und Gewaltverhältnissen, die sie registriert, wenn auch aus der Perspektive ihrer Zeit. Die Spannung zwischen faktischer Strenge und historischer Begrenztheit prägt die Lektüre.
Als Ganzes bietet Eine Frauenfahrt um die Welt einen früh prominenten, deutschsprachigen Reisebericht aus weiblicher Feder, der individuelle Bewegungsfreiheit, empirische Neugier und die Zirkulation von Wissen verbindet. Das Werk wirkt durch seine Unmittelbarkeit, seine prüfbare Detailfreude und die konsequente Orientierung am Verlauf der Route. Es erweitert den Horizont zeitgenössischer Leserinnen und Leser, stellt tradierte Rollenbilder in Frage und dokumentiert gleichzeitig die Vorurteile und Machtgefülle des 19. Jahrhunderts. Nachhaltig bleibt die Einladung, Weltwissen aus Ortserfahrung zu gewinnen und dabei die eigenen Maßstäbe mitzulesen. Die Synthese aus Reisetagebuch, Beobachtung und Reflexion macht den Bericht bis heute anregend.
Ida Pfeiffers Eine Frauenfahrt um die Welt erschien 1850 in Wien, im Umfeld der Habsburgermonarchie der 1840er Jahre. Die Autorin Ida Pfeiffer (1797–1858), in Wien geboren, veröffentlichte aus einem Milieu heraus, das von Hof, katholischer Kirche und einem dichten Beamtenapparat geprägt war; Zensur und Polizeistaat der Vormärzzeit lenkten den öffentlichen Diskurs bis zu den Umbrüchen von 1848. Gleichzeitig wuchsen Bildungsinstitutionen und Gelehrtenvereine: 1847 wurde die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien gegründet, geographische und naturhistorische Sammlungen expandierten. Ein prosperierender Buchmarkt, Lesegesellschaften und Leihbibliotheken verbreiteten Reiseberichte. In diesem Spannungsfeld verortet sich das Werk.
Die Reiserouten der 1840er führten zwangsläufig durch Räume imperialer Kontrolle. In Asien dominierte die Britische Ostindien-Kompanie große Teile des indischen Subkontinents; Hongkong war seit dem Vertrag von Nanking 1842 britische Kolonie. In der Südsee entstand 1842 das französische Protektorat über Tahiti, begleitet von Missionarstätigkeit, etwa der London Missionary Society. In Südamerika konsolidierten sich nach der Unabhängigkeit Monarchie und Republiken, darunter das Kaiserreich Brasilien unter Pedro II. und die Republik Chile. Solche Konstellationen bestimmten Häfen, Konsulate, Quarantänen und Routen, auf denen Reisende verkehrten, und bildeten die politische Kulisse für die Beobachtungen, die Pfeiffer dokumentierte.
Die gesellschaftlichen Normen des deutschsprachigen Bürgertums sahen Frauen vor allem in der häuslichen Sphäre; selbst gebildete Reisende agierten meist in Begleitung. Weibliche Reiseberichte existierten, doch überwiegend in Europa oder im Nahen Osten und oft aus aristokratischen Milieus, etwa bei Ida von Hahn-Hahn. Eine alleinreisende, bürgerliche Frau, die interkontinentale Routen absolvierte, blieb die Ausnahme. Vor diesem Hintergrund erhält Pfeiffers Unternehmung ihr besonderes Gewicht. Ihr Buch positioniert sich innerhalb eines etablierten Genres – des moralisch-didaktischen Reiseberichts – und nutzt zugleich dessen Autorität, um weibliche Erfahrung als faktengesättigte Beobachtung zu präsentieren, ohne den Rahmen zeitgenössischer Anständigkeits- und Tugendideale offen zu sprengen.
Technisch vollzog sich Pfeiffers Reise in einem Übergang von Segel- zu Dampfschifffahrt. Linien wie die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company verbanden ab den frühen 1840er Jahren Mittelmeer, Rotes Meer und Indien; auf dem Nordatlantik etablierten sich 1840 die Dienste von Cunard. Der Suezkanal existierte noch nicht, weshalb die meisten globalen Routen Kap Hoorn, Kap der Guten Hoffnung oder Landtransfers über den Vorderen Orient nutzten. Hafenregime regelten Passpapiere, Konsulate, Quarantänen und Zoll. Verbesserte Postwege und der Telegraph verdichteten die Kommunikation, wenngleich auf interozeanischen Abschnitten weiterhin Wochen vergingen. Diese Infrastruktur prägte Takt und Perspektive der Beobachtungen im Buch.
Das 19. Jahrhundert war von einer Sammel- und Vermessungspraktik geprägt, die Naturgeschichte, Ethnographie und Geographie verband. Humboldtianische Wissenschaft förderte genaue, vergleichende Beschreibung; Geographische Gesellschaften in Paris (1821), Berlin (1828) und London (1830) vernetzten Reisende und Lesepublikum. Museale und private Sammlungen in Europa kauften Pflanzen, Insekten und „Curiositäten“ an. Pfeiffer reiste mit knappem Budget und finanzierte Unternehmungen wesentlich durch den Verkauf solcher Stücke sowie durch die Veröffentlichung ihrer Berichte. Ihre Beobachtungen orientieren sich häufig an zeitgenössischen empirischen Standards und liefern Daten zu Klima, Wegen, Handel und Alltagspraktiken, auch wenn die Kategorien der Darstellung europäische Deutungsmuster spiegeln.
Während Pfeiffer 1846–1848 unterwegs war, erlebte Europa die Revolutionen von 1848, die auch in Wien Zensur und Autoritäten kurzfristig erschütterten. Obwohl in Österreich bald wieder eine restaurative Ordnung etabliert wurde, blieb das Interesse an Weltkunde und Reiseerfahrung groß. Die Buchmärkte setzten auf gut verkäufliche, sachliche Berichte. Eine Frauenfahrt um die Welt erschien 1850 und wurde früh in mehrere Sprachen, darunter Englisch, übertragen, was die internationale Resonanz stärkte. Die Publikation traf auf Lesererwartungen nach anschaulicher Kenntnis ferner Räume und trug dazu bei, globale Vorgänge – von Handel bis Mission – in ein bürgerliches Wissensformat zu übersetzen.
Pfeiffers Darstellung bewegt sich in Diskursen, die im 19. Jahrhundert Reisen rahmten: Sie berichtet über Häfen, Behördenwege, Preise, Transportmittel und beschreibt zugleich Religion, Kleidung, Ernährung und Feste lokaler Gesellschaften. In von europäischen Mächten kontrollierten Regionen treten Missionen, Garnisonen, Handelsposten und koloniale Verwaltung als sichtbare Ordnungsmächte hervor. Wie viele zeitgenössische Texte arbeitet das Buch mit Kategorien des Vergleichs und der Klassifikation, die eurozentrische Wertungen nahelegen können, stellt aber zugleich zahlreiche, konkret datierte Beobachtungen bereit. Der empirische Duktus macht die Schrift zu einer Quelle für Alltags- und Infrastrukturgeschichte weithin vernetzter Räume der 1840er Jahre.
Als Zeitdokument kommentiert Eine Frauenfahrt um die Welt gleich mehrere Prozesse der Epoche: die Verdichtung globaler Verkehrsnetze, die Ausbreitung imperialer Ordnungen und die Popularisierung empirischer Wissensformen. Zugleich zeigt es, dass eine bürgerliche Frau diese Strukturen nutzen konnte, um eigenständig zu reisen und zu publizieren. Damit erweiterte Pfeiffer den Handlungsspielraum des Genres und seiner Autorinnen sichtbar. Das Buch machte koloniale Rahmungen und missionarische Präsenz ebenso greifbar wie die Praktiken des Sammelns und Messens. Es bot Lesenden ein Bild der Welt der 1840er Jahre, das Neugier weckte und die Grenzen zeitgenössischer Geschlechterrollen faktisch verschob.
Schon in mehreren Zeitungen ward ich Touristin genannt; dieser Name gebührt mir indessen, seiner gewöhnlichen Bedeutung nach, leider nicht. Einerseits besitze ich zu wenig Witz und Laune, um unterhaltend schreiben, und andrerseits zu wenig Kentnisse, um über das Erlebte gediegene Urtheile fällen zu können. Ich vermag nur schmucklos das zu erzählen, was mir begegnet, was ich gesehen, und will ich etwas beurtheilen, so kann ich es blos von dem Standpuncte einfacher Anschauung aus.
Manche glauben vielleicht, Eitelkeit sei die Veranlassung zu dieser großen Reise gewesen. Ich kann darauf nichts erwiedern, als: wer dies denkt, möge selbst eine ähnliche Reise unternehmen, um zu sehen, daß solche Beschwerden, solche Entbehrungen und Gefahren nur durch angeborne Reiselust, durch unbegränzte Mißbegierde überwunden werden können.
Wie es den Maler drängt, ein Bild zu malen, den Dichter, seine Gedanken auszusprechen, so drängt es mich die Welt zu sehen. — Reisen war der Traum meiner Jugend, Erinnerung des Gesehenen ist nun das Labsal meines Alters.
Freundlich und gütig hat das geehrte Publicum meine ungeschmückten Reiseberichte "nach dem heiligen Lande, nach Island und Scandinavien" aufgenommen, und dies ermuthigt mich, abermals mit dem Tagebuch dieser meiner letzten und größten Reise in Oeffentlichkeit zu treten.
Möchte die Erzählung meiner Erlebnisse den geehrten Lesern und Leserinnen nur einen Theil jenes Vergnügens bieten, das die Reise selbst mir in großem Maße gewährte!
Wien, den 16. März 1850.
Die Verfasserin.
Am 1. Mai 1846 verließ ich Wien und ging, einige kleine Unterbrechungen zu Prag, Dresden, Leipzig abgerechnet, gerade nach Hamburg, um mich von da nach Brasilien einzuschiffen. In Prag hatte ich das Vergnügen, den Grafen Berchthold, einen Gefährten auf einem Theile meiner orientalischen Reise, zu sehen und von ihm zu hören, daß er Lust habe, die Reise nach Brasilien mitzumachen. Ich versprach, in Hamburg auf ihn zu warten.
Ein zweites interessantes Zusammentreffen hatte ich auf dem Dampfboote zwischen Prag und Dresden, und zwar mit der Witwe des Professors Mikan, die im Jahre 1817, bei Gelegenheit der Vermälung der österreichischen Prinzessin Leopoldine mit Don Pedro I., ihrem Gemale nach Brasilien gefolgt war und später mit ihm auch das Innere des Landes wissenschaftlich bereiste. Oft schon hatte ich von dieser Frau sprechen gehört, und groß war meine Freude, sie nun persönlich kennen zu lernen. Die liebenswürdige Greisin theilte mir freundlich viele ihrer Erfahrungen mit, und gab mir manche Rathschläge und Verhaltungsregeln, die mir in der Folge sehr nützlich waren.
Am 12. Mai kam ich in Hamburg an, und schon am 13. hätte ich Gelegenheit gehabt, mich einzuschiffen und zwar auf einer herrlichen, schnellsegelnden Brigg[1], die noch dazu meinen Namen "Ida" trug. Mit schwerem Herzen sah ich das schöne Schiff absegeln — ich mußte zurückbleiben, da ich meinem Reisegefährten versprochen hatte, ihn hier zu erwarten. Woche um Woche verging, und nur das Zusammensein mit meinen Verwandten verkürzte mir die lange Zeit des Erwartens. Endlich, Mitte Juni, kam er an, und bald darauf war auch ein Schiff gefunden, eine dänische Brigg "Caroline," Kapitän Bock, die nach Rio de Janeiro unter Segel ging.
Mir stand nun eine lange Seereise bevor, eine Seereise, die unter zwei Monaten nicht zu machen war, die aber auch drei und vier Monate dauern konnte. Zum Glück hatte ich schon auf meinen frühern Reisen ziemlich bedeutende Fahrten auf Segelschiffen gemacht, und war dadurch mit deren Einrichtung bekannt geworden, die von jener auf Dampfschiffen gänzlich verschieden ist.
Auf einem Dampfschiffe ist alles luxuriös und bequem, die Fahrt selbst geht bei jedem Winde rasch vorwärts, und der Reisende findet frische und gute Nahrung, geräumige Kajüten und gute Gesellschaft.
Anders ist es auf Segelschiffen; diese sind, mit Ausnahme der großen Ostindienfahrer, für Reisende selten eingerichtet[1q]. Als Hauptsache werden die Waaren betrachtet, und die Reisenden sind eine dem Schiffspersonale sehr unangenehme Zugabe, auf die gewöhnlich nur wenig Rücksicht genommen wird. Der Kapitän ist der einzige, der sich für sie interessirt, da ihm von dem Passagiergelde ein Drittheil, ja auch die Hälfte zufällt.
Die Räume sind meist so beschränkt, daß man sich in der Schlafcabine kaum umwenden, in der Coje (Schlafstelle) nicht einmal aufrichten kann. Außerdem ist auch auf einem Segelschiffe die Bewegung weit stärker als auf einem Dampfschiffe, — dagegen behaupten aber wieder Viele, daß auf letzterem das ewig gleichmäßige Erzittern, sowie der üble Geruch des Oeles und der Steinkohlen unerträglich sei. Ich fand dies nicht; es ist wohl unangenehm, doch viel leichter zu ertragen als die vielen Unannehmlichkeiten, die man auf einem Segelschiffe trifft.
Da ist man der Laune des Kapitäns ganz und gar anheim gegeben. Er ist unumschränkter Gebieter und herrscht über Alles. Auch die Kost hängt von seiner Großmuth ab; sie ist zwar für gewöhnlich nicht ganz schlecht, doch im besten Falle nicht so gut, als auf einem Dampfer.
Die gewöhnlichen Gerichte sind: Thee und Kaffee ohne Milch, Speck und Salzfleisch, Erbsen- oder Kohlsuppen, Kraut, Kartoffeln, harte Klöse, Stockfische und Schiffszwieback. Ausnahmsweise findet man auch Schinken, Eier, Fische, Pfannkuchen, oder wohl gar magere Hühner. Brot wird auf kleineren Schiffen nur höchst selten gebacken.
Um sich die Kost zu verbessern, besonders bei einer längeren Reise, thut man sehr wohl, sich mit einigen Aushilfsmitteln zu versehen. Die zweckmäßigsten sind: Suppenglace mit feiner Zwieback; beide verwahre man in Blechkästchen, um Feuchtigkeit und Ameisen davon abzuhalten — ferner eine tüchtige Portion Eier, die man aber, wenn die Reise in südliche Gegenden geht, zuvor in starkes Kalkwasser tauchen oder in Steinkohlenstaub verpacken muß; dann Reis, Kartoffeln, Zucker, Butter, und alle Ingredienzien zur Bereitung von Weinsuppe und Kartoffelsalat. Erstere ist sehr stärkend, letzterer sehr kühlend. Dem, welcher mit Kindern reist, würde ich ganz besonders eine Ziege mitzunehmen empfehlen.
In Betreff des Weines muß man ja nicht vergessen, den Kapitän zu fragen, ob dieß Getränk in der Zahlung mit begriffen ist, da man es sonst um theures Geld von ihm kaufen muß.
Aber auch noch andere Sachen als Lebensmittel sind da mitzunehmen, und zwar vor Allem eine Matratze sammt Polster und Decke, da man gewöhnlich nur eine leere Coje vorfindet. Man bekömmt diese Gegenstände in jeder Hafenstadt billig zu kaufen.
Außerdem thut man auch gut, sich mit farbiger Wäsche zu versehen. Die Stelle des Wäschers vertritt ein Matrose, und daß man da die Wäsche nicht im besten Zustande zurückbekömmt, ist leicht begreiflich.
Sind die Matrosen gerade mit der Stellung der Segel beschäftiget, so muß man außerordentlich Acht haben, von einem herabfallenden Taue nicht beschädiget zu werden.
Doch all' diese Unannehmlichkeiten sind noch sehr gering — die wahre Qual beginnt gegen das Ende der Reise. Des Kapitän's Geliebte ist sein Schiff. Auf dem Meere gestattet er ihr das bequeme Negligée; aber im Hafen muß sie geputzt und geschmückt erscheinen. Keine Spur der weiten Reise, der Stürme, der glühenden Sonnenhitze darf man an ihr gewahren. Da beginnt denn ein unaufhörliches Hämmern, Hobeln und Sägen; jeder Sprung, jede Fuge und Beschädigung wird ausgebessert und am Ende das ganze Schiff mit Oelfarbe übermalt. Am ärgsten ist das Gehämmer, wenn die Fugen des Deckes ausgebessert und mit Theer eingelassen werden. Dies ist beinahe unerträglich.
Aber genug von den Unannehmlichkeiten. Ihre Beschreibung soll nur dazu dienen, jene, die noch nie zur See gereist sind, einigermaßen vorzubereiten. Leute, die in Seehäfen wohnen, bedürfen dieser Andeutungen freilich nicht, denn die hören ja täglich davon sprechen; — nicht so wir armen Binnenstädter. Wir wissen oft kaum, wie ein Segel- oder Dampfschiff aussieht, viel weniger, wie man darauf lebt. Ich spreche aus Erfahrung, und weiß nur zu gut, was ich bei meiner ersten Seereise litt, weil ich, von nichts unterrichtet, außer einiger Wäsche und Kleidung, nichts mit mir nahm.
Nun zu dem weiteren Verlaufe meiner Reise. Am 28. Juni Abends schifften wir uns ein, und am 29. vor Sonnenaufgang wurden die Anker gelichtet. Die Reise begann eben nicht sehr ermuthigend; wir hatten höchst flauen, beinahe gar keinen Wind, jeder Fußgänger ward, im Vergleiche zu uns, ein Schnellläufer — wir legten die 8 Meilen [Auf der See wie auf Flüssen rechne ich immer nach Seemeilen, von welchen vier auf eine geographische Meile kommen.] bis Blankenese in sieben Stunden zurück.
Zum Glücke ward uns diese Langsamkeit nicht so lästig, da wir Anfangs noch lange die herrliche Hafenstadt im Gesichte behielten, und später an der holsteinischen Küste an den schönen Landhäusern der reichen Hamburger, die auf reizenden Hügeln gelegen, und von zierlichen Gärten umgeben sind, fortwährend unser Auge ergötzten. So schön dieses Ufer ist, so einfach und langweilig ist das linke, das Hannoveranische. Die Elbe hat an manchen Stellen schon eine Breite von 3 bis 4 Meilen.
Unterhalb Blankenese versehen sich die Schiffer mit Wasser aus der Elbe, das zwar schmutzig und trübe aussieht, doch die gute Eigenschaft haben soll, jahrelang der Fäulniß zu widerstehen.
Glückstadt (32 Meilen von Hamburg) erreichten wir erst am 30. Morgens. Der Wind hörte hier ganz auf, die Fluth gewann die Oberhand, und wir trieben zurück. Der Kapitän ließ daher die Anker fallen, und benützte diese aufgedrungene Ruhe, die Kisten und Koffer auf und unter dem Decke befestigen zu lassen. Uns Müßiggängern wurde erlaubt an's Land zu gehen und das Städtchen zu besehen, an dem wir jedoch wenig zu bewundern fanden.
Die Reisegesellchaft bestand aus 8 Personen. Die vier Cajütenplätze waren, außer dem Grafen B. und mir, noch von zwei jungen Leuten besetzt, die in Brasilien schneller Glück zu machen hofften als in Europa. — Der Preis eines Cajütenplatzes betrug 100, jener des Zwischendeckes 50 Dollars.
Im Zwischendecke befand sich, außer zwei achtbaren Bürgersmännern, noch ein altes Mütterchen, die dem Rufe ihres einzigen, in Brasilien angesiedelten Sohnes folgte, und eine Frau, deren Mann bereits 6 Jahre in Rio de Janeiro das Schneiderhandwerk betrieb. Man lernt sich auf Schiffen schnell kennen und hält so viel als möglich zusammen, um dadurch die Einförmigkeit einer langen Seereise erträglich zu machen.
Am 1. Juli gingen wir bei ziemlich stürmischem Wetter wieder unter Segel. Wir gewannen einige Meilen; mußten uns aber alsbald wieder vor Anker legen. Die Elbe ist nun schon so breit, daß man ihrer Ufer kaum mehr ansichtig wird. Durch die Heftigkeit des Wellenschlags zeigte sich bereits bei einigen aus unserer Gesellschaft die Seekrankheit. Auch am 2. Juli versuchten wir die Anker zu lichten, es war jedoch so erfolglos wie Tags zuvor. Gegen Abend sahen wir einige Delphine, auch Tummler genannt, nebst mehreren Möven — Verkünder der nahen See.
Viele Schiffe zogen gar eilig an uns vorüber, — ach, sie konnten Sturm und Wind benützen, ihnen schwellte er die Segel, und trieb sie eilend der nahen Stadt zu. Wir mißgönnten ihnen dies Glück, und vielleicht hatten wir es dieser christlichen Liebe zu danken, daß wir auch am 3. Juli nicht weiter als bis Kurhaven (64 Seemeilen von Hamburg) kamen.
Der 4. Juli war ein schöner, herrlicher Tag — für Jene, die ruhig am Lande bleiben konnten; aber für Seefahrer war er sehr schlecht, denn es ging auch nicht das kleinste Lüftchen. Am unsern Klagen zu entgehen rühmte uns der Kapitän das niedliche Städtchen, und ließ uns an's Land setzen. Wir besahen sowohl das Städtchen als auch das Badehaus und den Leuchtthurm, und gingen dann sogar nach dem sogenannten "Busch", wo wir, wie man uns sagte, eine große Menge von Erdbeeren finden würden. — Nachdem wir bei glühender Hitze eine gute Stunde über Felder und Wiesen gestrichen waren, fanden wir wohl den Busch, aber statt der Erdbeeren nur Frösche und Nattern.
Wir drangen nun in den magern Hain, und sahen bei 20 Zelte aufgeschlagen; ein geschäftiger Wirth trat hervor, und während er uns einige Gläser schlechter Milch kredenzte, erzählte er, daß hier im Busche alljährlich durch 3 Wochen, oder eigentlich besser gesagt, an drei Sonntagen (denn unter der Woche blieben die Zelte geschlossen) Markt gehalten werde. Auch die Frau Wirthin trippelte herbei, und lud uns gar freundlich ein, ja nur den nächsten Sonntag hier zuzubringen. Wir würden uns, wie sie sagte, gewiß "köstlich amüsiren"; wir älteren hätten Unterhaltung an den erstaunlichen Künsten der Seiltänzer und Taschenspieler, und die jungen Herren würden schmucke Dirnen zum Tanze finden.
Wir thaten sehr erfreut über diese Einladung, versprachen ganz sicher zu kommen, und gingen dann noch nach Ritzebüttel, wo wir ein Schlößchen und einen Miniaturpark bewunderten.
5. Juli. Nichts ist so veränderlich als das Wetter; gestern schwelgten wir im Sonnenscheine, heute umgab uns dichter, finsterer Nebel, — und doch war uns das heutige schlechte Wetter lieber als das gestrige schöne, denn es erhob sich etwas Wind, und um 9 Uhr Morgens hörten wir die Ankerwinde knarren.
Unsere jungen Leute mußten sich nun die Parthie nach dem Busche aus dem Kopfe schlagen, und das Tanzen mit hübschen Mädchen bis zur Ankunft in dem neuen Welttheile verschieben, — in Europa sollte kein Fuß mehr an's Land gesetzt werden.
Der Uebergang von der Elbe in die Nordsee ist kaum bemerkbar, da sich die Elbe nicht in Arme theilt, und bei ihrem Ausflusse eine Breite von 8 — 10 Meilen hat. Sie bildet selbst ein kleines Meer, und hat auch schon die grüne Farbe desselben angenommen. Wir waren daher sehr überrascht, als uns der Kapitän freudig zurief: "Nun haben wir den Strom übersegelt!" — wir meinten, schon lange auf dem Meere zu schiffen!
Nachmittags sahen wir die Insel Helgoland (den Engländern gehörig), die wirklich zauberhaft aus dem Meere emporsteigt. Sie ist ein nackter, kolossaler Fels, und hätte ich nicht aus einer der neuesten Geographien gewußt, daß sich bei 2500 Menschen darauf aufhalten, ich hätte die ganze Insel für unbewohnt betrachtet. Auf drei Seiten steigen die Felsenwände so schroff aus dem Meere, daß man gar nicht anlanden kann.
Wir schifften in ziemlicher Ferne vorüber, und sahen nur den Kirch- und Leuchtturm und den sogenannten "Mönch," einen freistehenden, senkrecht abfallenden Fels, der von dem eigentlichen Stammfels getrennt ist und einen Streifen des Meeres durchschimmern läßt.
Die Einwohner sind sehr arm. Die einzigen Quellen ihres Erwerbes sind der Fischfang und die Badegäste, deren jährlich Viele kommen, da die hiesigen Seebäder, ihres außerordentlichen Wellenschlages wegen, von großer Wirkung sein sollen. Leider besorgt man, daß dieser Badeort nicht sehr lange mehr existiren dürfte, — alljährlich soll die Insel kleiner werden, bedeutende Felstrümmer lösen sich beständig ab, und das ganze Eiland kann einstens in die Tiefe des Meeres versinken.
Vom 5. bis 10. Juli hatten wir beständig stürmische und kalte Witterung, hohe See und starkes Rollen des Schiffes. Unter uns armen "Landkrabben" (so nennen die Seeleute die Landbewohner) herrschte allgemein die Seekrankheit. Den Kanal von England, auch Kanal la Manche genannt (360 Meilen von Kurhaven), erreichten wir erst in der Nacht vom 10. auf den 11.
Wir erwarteten mit Sehnsucht die aufgehende Sonne, — sie sollte uns zwei der mächtigsten Reiche Europas zeigen. Zum Glücke bekamen wir einen schönen heitern Tag, und die beiden Reiche lagen vor unsern Blicken so nahe und herrlich, daß man zu glauben geneigt war, ein Schwestervolk bewohne die beiden Länder.
An Englands Küste sahen wir North—Foreland, das große Castell Sandowe, und die sich am Fuße der mehrere Meilen langen, etwa 150 Fuß hohen Kreidewände ausbreitende Stadt Deal; ferner South—Foreland, und endlich das antike Castell Dover, das ächt ritterlich auf einer Anhöhe thront und die Umgegend Dover gegenüber, wo der Kanal am schmälsten ist, sahen wir an Frankreichs Küste Cap Grisnez, wo Napoleon ein kleines Gebäude errichten ließ, um, wie man sagt, nach England wenigstens sehen zu können — weiterhin den Obelisk, welchen Napoleon zur Erinnerung eines Lagers bei Boulogne setzen ließ, der aber erst unter Louis Philipp beendet wurde.
In der Nacht mußten wir in der Gegend von Dover kreutzen, da der Wind nicht zu unserm Vortheil war. Bei der tiefen Finsterniß, die Land und Meer bedeckte, war dieß sehr gefährlich, einerseits wegen der nahen Küste, andererseits wegen der Menge von Schiffen, die den Kanal befahren. Um das Zusammenstoßen zu vermeiden, wurde auf dem Fokmaste eine Laterne aufgehangen, zeitweise eine Fakel angezündet und über Bord gehalten, und manchmal mit der Schiffsglocke geläutet — lauter sehr beängstigende Zeichen für einen der Seefahrt noch Ungewohnten.
Vierzehn Tage hielt uns der 360 Meilen lange Kanal gefangen; oft blieben wir 2 — 3 Tage an einer und derselben Stelle wie festgebannt, oft mußten wir Tagelang kreutzen, um nur einige Meilen zu gewinnen. In der Nähe von Start überfiel uns sogar ein tüchtiger Sturm. In der Nacht wurde ich plötzlich auf das Deck gerufen. Schon wähnte ich, es sei irgend ein Unglück geschehen. Ich warf nur einige Kleider um, und eilte hinauf, — da hatte ich den überraschenden Anblick eines Feuermeeres; das Kielwasser bildete einen so starken Feuerstreif, daß man dabei hätte lesen können, die Wogen an der Seeseite glichen glühenden Lavaströmen, und jede aufspringende Welle warf Feuerfunken aus. Die Züge der Fische umgab ein unnachahmliches Licht, — weit und breit erschimmerte Alles.
Dieses außerordentliche Leuchten des Meeres gehört zu den seltenen Erscheinungen, und es ereignet sich höchstens nach anhaltenden, heftigen Stürmen. Der Kapitän erzählte mir, daß er selbst noch nie das Meer in solcher Art habe leuchten gesehen. Mir wird dieser Anblick ewig unvergeßlich bleiben.
Eine andere, kaum minder schöne Erscheinung bot uns einst, nach einem Gewitter, das Wiederspiegeln der sonnebeglänzten Wolken auf der Meeresfläche. Sie schimmerten und prangten in einem Farbenspiele, das noch jenes des Regenbogens übertraf.
Eddystower, den berühmtesten Leuchtthurm Europa's, konnten wir mit voller Muße betrachten, da wir zwei Tage in seinem Angesichte kreutzten. Die Höhe, Kühnheit und Stärke seines Baues ist wirklich wunderbar, noch wunderbarer aber seine Lage auf einem gefährlichen Riffe; vier Meilen von der Küste, entfernt erscheint er wie in das Meer hinein gemauert.
Wir schifften häufig so nahe an der Küste von Cornwallis, daß wir nicht nur jedes Dörfchen genau betrachten konnten, sondern selbst die Menschen auf den Straßen und Feldern sahen; das Land ist hügelig und üppig, und scheint sehr sorgfältig kultivirt.
Die Temperatur war während der ganzen Fahrt im Kanal ziemlich kalt und rauh; nur selten stieg der Thermometer über 15 Grad [Ich rechne stets nach Reanmur, und zwar in Schatten.].
Endlich, am 24. Juli, erreichten wir das Ende des Kanales, und kamen in die hohe See; wir hatten ziemlich guten Wind, und befanden uns an 2. August schon auf der Höhe von Gibraltar, wo uns eine Windstill überfiel, die 24 Stunden anhielt. Der Kapitän warf einige Stücke weißen Geschirres, so wie einige große Knochen in das Meer, um uns zu zeigen, wie wunderschön grün derlei Gegenstände erscheinen, wenn sie langsam in die Tiefe sinken; natürlich kann man dies nur bei gänzlicher Windstille bemerken.
Des Abends erfreuten uns viele Mollusken durch ihr schönes Leuchten im Meere; sie sahen aus wie handgroße, schwimmende Sterne; auch bei Tage sahen wir sie häufig unter dem Wasser. Bräunlichroth gefärbt glichen sie an Form einem Fliegenschwamme; manche hatten einen dicken Stengel, der unter etwas ausgefranzt war; bei andern hingen statt des Stengels viele Fäden hinab.
4. August. Heute war der erste Tag, der sich durch Hitze als südlich kund gab, doch fehlte ihm, wie auch den folgenden, jener reine, dunkelblaue Himmel, der sich so unnachahmlich schön über das Mittelmeer wölbt. Eine kleine Entschädigung gewährten die Auf- und Untergänge der Sonne, die oft von den seltsamsten Wolkenbildungen und Farbenmischungen begleitet waren.
Wir befanden uns auf der Höhe von Marokko, und waren an diesem Tage so glücklich, eine große Menge Boniten zu sehen. Das ganze Schiffspersonale kam in Bewegung, und von allen Seiten wurden Angeln ausgeworfen, — leider ließ nur ein einziger sich von unsern freundlichen Lockungen verführen, er biß an, — und sein gutmüthiges Vertrauen verschaffte uns ein langentbehrtes frisches Gericht.
Am 5. August sahen wir nach 12 Tagen wieder einmal Land, und zwar schon bei Sonnenaufgang das Inselchen Porto Santo, das aus spitzen Bergen besteht, die in ihren Formen vulkanischen Ursprung verrathen. Einige Meilen vor dieser kleinen Insel steht gleich einem Vorposten der schöne Fels Falcon.
Noch am selben Tage kamen wir an Madeira vorüber, (20 Meilen von Porto Santo), aber leider in solcher Ferne, daß wir nichts als den langen Bergrücken sahen, der diese Insel durchschneidet. Unweit Madeira liegen die gebirgigen Inseln Desertas, die bereits zu Afrika gehören.
Wir begegneten nahe diesen Inseln einem Schiffe, welches mit kurzen Segeln unter dem Winde ging, woraus unser Kapitän schloß, daß es ein Kreutzer sei, der Seeräuber auf der Fährte habe.
Am 6. August sahen wir die ersten fliegenden Fische, doch in solcher Entfernung, daß wir sie kaum ausnehmen konnten.
Der 7. August brachte uns in die Nähe der canarischen Inseln, die aber leider, des starken Nebels wegen, für uns unsichtbar blieben. — Nun empfing uns der Passatwind, der von Osten bläst und allen Schiffern erwünscht ist.
In der Nacht vom 9. auf den 10. August traten wir in den Wendekreis der Tropen [Die Tropen erstrecken sich auf 23 Breitengrade südlich und nördlich von der Linie.]. Wir erwarteten nun von Tag zu Tag glühendere Hitze und heiteren Himmel, — und fanden keines von beiden. Die Atmosphäre war düster und neblich und der Himmel so umwölkt, wie dies in unserm rauhen Vaterlande höchstens an einem Novembertage statt hat. Alle Abende thürmten sich die Wolken der Art auf, daß wir stets einem Wolkenbruche entgegen sahen; erst nach Mitternacht heiterte sich der Himmel gewöhnlich wieder auf, und ließ uns die schönen hellglänzenden Sternbilder des Südens bewundern.
Der Kapitän erzählte uns, daß er nun schon zum 14. Mal die Reise nach Brasilien mache, stets die Hitze sehr erträglich gefunden; und den Himmel nie anders als im düstersten Gewande gesehen habe. Dies rühre von der feuchten, ungesunden Küste von Guinea her, deren böse Wirkung sich noch weit über uns hinaus erstrecke; — wir waren 300 Meilen von ihr entfernt.
In den Tropen macht sich der schnelle Uebergang vom Tage zur Nacht schon sehr bemerkbar; 35 — 40 Minuten nach Untergang der Sonne herrscht schon tiefe Finsterniß. Der Unterschied zwichen Tag- und Nachtgleiche vermindert sich noch mehr, je näher man der Linie kömmt. Unter der Linie selbst ist der Tag und die Nacht gleich lang.
Den 14. und 15. August segelten wir parallel mit den Cap-Verdi'schen Inseln. Wir waren kaum 20 Meilen von ihnen entfernt; konnten sie aber des düstern Dunstkreises wegen nicht erblicken. Nun erfreuten uns schon häufig kleine Schwärme fliegender Fische, die sich oft so nahe der Schiffswand erhoben, daß wir sie vollkommen genau betrachten konnten. Sie haben beiläufig die Größe und Farbe der Häringe, nur daß ihre Seitenflossen länger und breiter sind, und sie dieselben öffnen und schließen können, wie kleine Flügel. Sie erheben sich bei 12 — 15 Fuß in die Höhe und fliegen oft über 100 F. weit, worauf sie auf Augenblicke untertauchen, um sich dann neuerdings zu erheben; letzteres geschieht besonders häufig, wenn sie von Boniten oder andern Feinden verfolgt werden. Wenn man sie etwas entfernt vom Schiffe auffliegen sieht, gleichen sie wirklich zierlichen Luftbewohnern. Gar oft sahen wir auch Boniten hinter den Armen herjagen, die dann ebenfalls versuchten, sich über das Wasser zu erheben; selten kam aber mehr als der Kopf zum Vorschein.
Sehr schwer hält es, einen dieser Luftsegler zu erhaschen, da sie sich weder mit Netzen noch Angeln fangen lassen; nur zufällig treibt der Wind manchmal in den Nächten einige auf's Deck oder in den Rost [Rost nennt man den Vorsprung an den äußern Schiffswand, in welchem die Mast-Taue befestigt sind.], wo man sie dann des Morgens todt findet, da sie auf trocknen Stellen nicht die Kraft haben, sich zu erheben. Auf diese Art erhielt ich einige Exemplare.
Heute den 15. August ward uns ein höchst interessantes Schauspiel zu Theil: wir befanden uns gerade um die Mittagsstunde in Zenithe der Sonne, deren Strahlen so senkrecht herabfielen, daß kein Gegenstand den geringsten Schatten warf. Wir stellten Bücher, Stühle, uns selbst in die Sonne, und ergötzten uns ungemein an diesem seltsame Spiele — Dank dem Zufalle, der uns zur rechten Zeit an den rechten Ort führte; — wären wir zur selben Stunde nur Einen Grad näher oder entfernter gewesen, so würde die ganze Erscheinung für uns verloren gegangen sein. — Unsere Lage war: 14 Grad 6 Minuten der Breite; — ein Grad hat 60 Minuten; eine Minute ist gleich einer Seemeile.
Das Messen mit dem Sextanten[3][Der Sextant ist ein mathematisches Instrument, mittelst welchem berechnet wird, unter welchen Breiten- und Längengraden man sich befindet, und wie man in der Zeit steht. Nach ihm werden auch die Uhren gerichtet. Um die Breitengrade zu bestimmen, mißt man Mittags, aber nur wenn die Sonne scheint, denn sie ist unbedingt nöthig hiezu, weil nach dem Schatten, den sie auf die unten bemerkten Zahlen wirft, die Berechnung gemacht wird. Die Längengrade kann man Vor- oder Nachmittags messen, hiezu ist die Sonne nicht nöthig.] mußte unterbleiben, bis wir uns wieder einige Grade von dem Zenithe der Sonne entfernt hatten.
17. August. Ganze Schaaren von Springern (4 — 5 Fuß lange Fische, zum Geschlechte der Delphine gehörig) tummelten um unser Schiff umher. Schnell wurde eine Harpune zurecht gemacht und eine Matrase damit auf das Bugsprit geschickt, um einen zu harpuniren. Entweder hatte der Bursche kein Glück oder er war in der Kunst des Harpunirens zu unerfahren, der Wurf ging fehl, und das Wunderbare dabei war, daß die Thiere wie mit einem Zauberschlage verschwanden, und auf mehrere Tage nicht mehr zum Vorscheine kamen; es war, als ob sie sich einander zugeflüstert und vor der drohenden Gefahr gewarnt hätten. Desto häufiger kam ein anderes Geschöpf des Meeres zum Vorscheine, die herrliche Molluske Physolide[2], in der Schiffersprache "portugiesisches Segelschiff" genannt. Auf der Oberfläche des Meeres schwimmend gleicht sie mit ihrem länglichen Kamme, den sie auf- und niederlegen kann, wirklich einem kleinen, zierlichen Segler. Ich hätte mir gerne eines dieser Thierchen verschafft; aber es zu erhaschen war nur mittelst eines Netzes möglich, und ich hatte keines, auch nicht einmal Nadel und Bindfaden, um mir schnell eines zu verfestigen. Die Noth aber macht erfinderisch, ich schnitzte eine Nadel aus Holz, drehte einen groben Bindfaden auf, und nach einigen Stunden hatte ich ein Netz. Bald war auch eine Molluske gefangen und in ein mit Seewasser gefülltes Gefäß gesetzt. Der Körper des Thierchens ist bei 6 Zoll lang und 2 Zoll hoch; über den ganzen Rücken zieht sich der Kamm, der in der Mitte, wo er am höchsten ist, bei 1 1/2 Zoll mißt. Kamm und Körper sind durchsichtig und wie angehaucht von blasser Rosafarbe; an dem Unterkörper, der violett gefärbt ist, hängen viele Fäden oder Arme von derselben Farbe.
Ich hing das Thierchen außerhalb des Schiffes am Stern auf, um es zu trocknen; einige der Fäden reichten bis in die See (eine Tiefe von wenigstens 12 Fuß), fielen aber meist ab. Der Kamm blieb nach dem Tode aufgerichtet und der Körper vollkommen ausgedehnt; die schöne Rosafarbe aber ging in weiß über.
18. August. Heute wurde uns ein heftiges Donnerwetter zu Theil. Es war uns sehr erwünscht, da es die Luft bedeutend kühlte. Zwischen dem 11. und dem 2. bis 3. Breitengrade nördlich der Linie (Aequator) finden überhaupt häufige Veränderungen in Luft und Wetter statt. So überfiel uns auch am Morgen des 20. ein bedeutender Wind, der die Wogen des Meeres stockhoch aufthürmte, und bis Abend anhielt, wo ihn ein tropischer Regen, den man bei uns einen Wolkenbruch nennen würde, ablöste. Unser Deck war augenblicklich in einen See verwandelt, dabei trat solche Windstille ein, daß selbst das Steuerruder vollkommen Ferien hatte.
Mich kostete dieser Regen eine Nacht, denn als ich Besitz von meiner Koje nehmen wollte, fand ich das Bettzeug ganz durchnäßt, und mußte mein Lager auf einer hölzernen Bank suchen.
Am 27. August kamen wir aus dem Bereiche dieser uns so feindlichen Grade, und wurden nun von dem sehnlich erwünschten Süd-Ost-Passat empfangen, der uns rasch vorwärts brachte.
Wir waren nun schon der Linie sehr nahe, und hätten gerne, gleich andern Reisenden, die gepriesenen Sternbilder des Südens gesehen. Am begeistertsten hörte ich immer von dem südlichen Kreuze sprechen. Da ich selbes aus den Sternen nicht heraus fand, so bat ich unsern Kapitän, es mir zu zeigen. Er meinte, nichts davon gehört zu haben, ebenso der Obersteuermann, nur dem Untersteuermanne schien es nicht ganz unbekannt. Mit seiner Hülfe fanden wir auch wirklich am sternbesäeten Firmamente vier Sterne, die ungefähr die Form eines etwas schiefen Kreuzes bildeten, aber durchaus nichts besonderes an sich hatten und uns gar keine Begeisterung einflößten. — Herrlich dagegen waren: der Orion, der Jupiter und die Venus; letztere erglänzte der Art, daß ihr Licht eine schöne Silberfurche über das Meer zog.
Das Fallen vieler und großer Sternschnuppen kann ich ebenfalls nicht bestätigen. Es fielen wohl mehr als in kalten Ländern; aber gar zu häufig kommen sie auch nicht vor, und was ihre Größe betrifft, so sah ich nur eine, welche die unsern übertraf; sie erschien ungefähr dreimal so groß als ein gewöhnlicher Stern.
Seit einigen Tagen bemerkten wir auch schon die "magellanischen oder Cap-Wölkchen", und die sogenannte "schwarze Wolke", — erstere sind licht und werden, gleich der Milchstraße, durch zahllose kleine Sterne gebildet, die dem entwaffneten Auge nicht sichtbar sind; letztere erscheint schwarz, da an dieser Stelle des Firmamentes gar keine Sterne sein sollen.
Alle diese Zeichen machten uns auf den interessantesten Moment dieser Fahrt aufmerksam, — auf das Ueberschreiten der Linie.
Am 29. August Nachts 10 Uhr begrüßten wir, die südliche Hemisphäre! Ein beinah stolzes Gefühl bemächtigte sich Aller, aber besonders jener, die zum ersten Mal die Linie überschritten. Wir schüttelten einander freudig die Hände, und beglückwünschten uns, als hätten wir eben eine Heldenthat vollbracht. Einer der Reisenden hatte für diese Feierlichkeit ein Paar Flaschen Champagner mitgenommen. Lustig flogen die Stöpfsel in die Luft, und ein fröhliches Lebehoch wurde der neuen Hemisphäre zugetrunken.
Unter dem Schiffsvolke fand keine Feierlichkeit statt; es ist dieß auf den wenigsten Schiffen mehr gebräuchlich, da dergleichen Feste selten ohne Unordnung und Trunkenheit ablaufen. — Unserm Schiffsjungen, der die Linie zum erstenmale passirte, konnten es aber die Matrosen doch nicht ganz schenken, und er wurde mit einigen Eimern Seewasser tüchtig getauft.
Schon lange vor Erreichung der Linie hatten wir Reisende von all' den Leiden und Qualen gesprochen, die wir unter dem Aequator würden auszustehen haben. Jeder hatte irgend etwas Fürchterliches gelesen oder gehört, und theilte es den Andern mit. Der Eine erwartete Kopfschmerzen oder Magendrücken, der Zweite sah die Matrosen vor Mattigkeit dahin sinken, der Dritte fürchtete eine glühende Hitze, die nicht nur den Theer schmelzen [Zur Schmelzung des Theers in den Fugen des Schiffes, braucht die Hitze eben nicht sehr bedeutend zu sein; ich sah ihn schon bei 22 Graden in der Sonne weich werden und Blasen aufwerfen.], sondern das ganze Schiff derart austrocknen werde, daß nur beständiges Begießen mit Wasser das Entzünden desselben werde verhüten können, — der Vierte sah wieder alle Lebensmittel verderben und uns dem Hungertode nahe.
Was mich nun selbst betraf, so freute ich mich schon außerordentlich auf die tragischen Erzählungen, die ich meinen theuren Lesern würde auftischen können; ich sah sie Thränen vergießen über unsere ausgestandenen Leiden, — ich kam mir schon vor wie eine halbe Märtyrerin!
Ach! ich hatte mich bitter getäuscht. Wir blieben Alle gesund, — von den Matrosen sank keiner hin, — das Schiff verbrannte nicht, und die Lebensmittel verdarben nicht, — sie blieben so schlecht wie zuvor.
3. September. Vom 2. bis zum 8. Breitengrade, südlich der Linie, sind die Winde unregelmäßig, und oft sehr ungestüm. Wir hatten eben heute den 8. Grad zurückgelegt, und zwar ohne Land zu gewahren, was den Kapitän in die heiterste Laune versetzte. Er erklärte uns, daß wir, wenn Land sichtbar geworden wäre, bis beinah' an die Linie zurückgemußt hätten, weil die Strömung dem Lande zu ungeheuer heftig sei, und man die Fahrt nur in der gehörigen Entfernung vom Lande ungehindert fortsetzen könne.
7. September. Zwischen dem 10. und 20. Grade herrschen wieder ganz eigenthümliche Winde. Sie heißen Vamperos[4] und zwingen den Seefahrer zu immerwährender Aufmerksamkeit, da sie plötzlich kommen und oft sehr heftig sind. Diese Nacht überfiel uns ein solcher, aber glücklicherweise keiner der heftigsten. Nach einigen Stunden war alles vorüber, — nur die See wollte sich lange nicht beruhigen.
Auch am 9. und 11. September hatten wir kurze Anfälle des Vampero zu überstehen; die stärksten kamen aber zum Schlusse am:
12. und 13. September. Den einen bezeichnete der Kapitän zwar nur als "eine starke Briese," den 2. trug er aber schon als "Sturm" in's Logbuch [Das Logbuch ist das Tagebuch des Schiffers. Alle 4 Stunden wird darin genau verzeichnet, welche Winde man hatte, wie viele Meilen man gesegelt u.s.w., kurz alle Begebenheiten. Mit diesem Buche muß sich der Kapitän beim Schiffseigenthümer ausweisen.]. Die starke Briese kostete uns ein Segel, der Sturm zwei. Die See ging fortwährend so hoch, daß uns das Essen die größte Mühe kostete. Mit einer Hand mußte man den Teller und zugleich sich selbst am Tische festhalten, während man mit der andern die Speisen dem Munde höchst mühsam zuführte. Des Nachts mußte ich mich in der Coje mit Mantel und Kleidern fest stauen (packen), um meinen Körper vor blauen Flecken zu schützen.
Am Morgen des 13. war ich schon mit Tagesanbruch auf dem Decke. Der Steuermann führte mich an die Schiffswand und hieß mir, den Kopf darüber hinaus zu halten und die Luft einzuathmen; — ich sog den herrlichsten Blüthenduft ein. Ueberrascht blickte ich umher und meinte das Land sehen zu müssen. Es lag jedoch noch weit entfernt, und nur der Sturm wehte den zarten Duft vom Lande her. Sonderbar war es, daß er innerhalb des Schiffes ganz verloren ging.
Das Meer selbst war bedeckt mit unzähligen Leichen armer Schmetterlinge und Nachtfalter, die ebenfalls der Sturm in's Meer getragen. Auf einer der Schiffsraaen ruhten zwei niedliche Vögelchen, noch ganz matt und erschöpft von dem ungewohnten weiten Fluge.
Für uns, die wir 2½ Monate lang nichts als Himmel und Wasser gesehn hatten, waren all' diese Erscheinungen höchst ergötzlich, und wir spähten nun sehnsüchtig nach dem Cap Frio, welchem wir schon sehr nahe waren. Der Horizont war aber wolkig und neblig, und die Sonne hatte keine Kraft den trüben Schleier zu zerreißen. Wir hofften auf den nächsten Morgen, — da brach in der Nacht ein neuer Sturm aus, der bis 2 Uhr anhielt. Das Schiff wurde so weit als möglich in die offene See gesteuert, und wir waren am Ende noch glücklich, am Tage dieselbe Höhe und Breite wieder zu erreichen, die wir Abends zuvor gehabt hatten.
Auch heute, den 14. September, gelang es der Sonne nur selten, das düstere Gewölke zu durchbrechen; dabei war es sehr kalt, der Thermometer stieg nur auf 14 Grade. Nachmittags waren wir endlich so glücklich, die Umrisse des Cap Frio (60 Meilen von Rio de Janeiro entfernt) zu erblicken, doch nur auf einige Stunden, denn ein abermaliger Sturm zwang uns wieder die hohe See zu suchen.
Am 15. September war und blieb alles Land unsern Augen entrückt, und nur einige Möven, Wassertauben von Cap Frio, verriethen uns die Nähe desselben, und gewährten uns einige Zerstreuung. Sie schwammen dicht an der Seite des Schiffes und verschlangen begierig jedes Stückchen Fleisch oder Brot, das wir ihnen zuwarfen. Die Matrosen fischten mit Angeln nach ihnen, und waren wirklich so glücklich, welche zu fangen. Sie setzten sie auf das Deck, und da sah ich zu meinem Erstaunen, daß sie sich vom Boden gar nicht erheben konnten. Wenn wir sie berührten, schleppten sie sich nur höchst mühsam einige Schritte weiter, während sie sich von der Wasserfläche mit bedeutender Schnelligkeit erhoben, und sehr hoch fliegen konnten.
Gerne hätte einer der Herren einen getödtet, um ihn auszustopfen; allein der Aberglauben der Schiffer protestirte dagegen. Sie sagten: Wenn man auf dem Schiffe Vögel tödtet, fallen dauernde Windstillen ein. Wir folgten ihrem Wunsche und übergaben sie wieder ihrem Luft- und Wasser-Elemente.
Es war uns dieß ein neuer Beweis, daß der Aberglaube unter den Seeleuten noch sehr heimisch ist. In der Folge kamen mir noch viele Beispiele vor. So sah es auf einem Schiffe der Kapitän sehr ungern, daß sich die Reisenden mit Karten- oder andern Spielen erluftigten, — auf einem andern Schiffe sollte Niemand des Sonntags schreiben, u.s.w. Bei Windstillen wurden häufig leere Tonnen oder Stücke Holz in das Meer geworfen — vermuthlich, um dadurch den Göttern der Winde Opfer zu bringen.
Am 16. September. Morgens waren wir endlich so glücklich, die vor Rio de Janeiro gelegenen Gebirge zu erblicken, unter welchen wir auch sogleich den Zuckerhut herausfanden. Schon um 2 Uhr Mittags fuhren wir in die Bucht und in den Hafen von Rio de Janeiro ein.
Gleich am Eingange dieser Bucht liegen mehrere Bergkegel, die sich theils, gleich dem Zuckerhute, einzeln aus der See erheben, theils am Fuße mit andern zusammenhängen und beinah' unbesteigbar sind [Vor mehreren Jahren hat ein Matrose den Versuch gemacht, den Zuckerhut zu erklimmen; es gelang ihn zwar dessen Höhe zu erreichen, aber nicht, wieder herabzukommen. Wahrscheinlich glitt er aus und stürzte in die See.]. Durch dieses "Meergebirge", wie ich es nennen möchte, bilden sich die überraschendsten Ansichten, indem man bald wunderbare Schluchten, bald einen reizend gelegenen Theil der Stadt, bald wieder das hohe Meer, bald wieder eine herrliche Bucht erblickt. Aus der Bucht selbst, an deren Ende die Hauptstadt liegt, entsteigen Felsmassen, die Festungswerken als Grundlagen dienen. Auf einigen der Bergkuppen oder Hügel liegen Kapellen und auch Festungswerke. An eines der größten der letzteren, an St. Cruz, muß man so nahe als möglich heranfahren, um die nöthigen Auskünfte zu ertheilen.
Von dieser Festung rechts zieht sich der schöne Gebirgsrücken Serados-Orgôas hin, der, nebst andern Bergen und Hügeln, eine herrliche Bucht umsäumt, an deren Ufer das Städtchen Praya-grande, einige Dorfschaften und einzelne Gehöfte liegen.
Am Ende der Hauptbucht breitet sich Rio de Janeiro aus, von einer mittelhohen Gebirgskette umgeben (worunter der Corcovado, von 2100 Fuß), hinter welcher sich auf der Landseite des Orgelgebirge erhebt, das seinen Namen den vielen riesigen, gleich Orgelpfeifen in Reih und Glied aufgestellten Zacken verdankt. (Die höchste Spitze darunter von 5000 Fuß.)
Ein Theil der Stadt ist, wie bereits bemerkt, durch den Telegraphenberg und mehrere Hügel verborgen, auf welchen nebst dem Telegraphen, ein Kapuzinerkloster und andere kleine Gebäude liegen. Von der Stadt sieht man mehrere Häuserreihen und Plätze, das große Spital, die Klöster St. Luzia und Moro do Castella, das Convent St. Bento, die schöne Kirche St. Candelaria und einige Theile der wahrhaft großartigen Wasserleitung. Knapp an der See liegt der öffentliche Stadtgarten (Passeo publico), der durch seine hübschen Palmen, wie durch eine elegante, gemauerte Gallerie mit zwei Pavillons sehr in die Augen fällt. — Links stehen auf Anhöhen einzelne Kirchen und Klöster, als St. Gloria, St. Theresia u.s.w. An diese reihen sich die Praya Flamingo und Botafogo, ausgedehnte Dörfer mit schönen Villen, niedlichen Gebäuden und Gärten, die sich bis in die Nähe des Zuckerhutes verlieren, und so das wundervollste Rundgemälde schließen. — Zu all diesem geben nun noch die vielen Schiffe, die theils im Hafen vor der Stadt, theils in den verschiedenen Buchten vor Anker liegen, — die reiche, üppige Vegetation, das viele fremdartige und überseeische ein Bild, dessen Reize umfassend zu schildern meiner Feder leider nicht möglich ist.
Selten ist man so glücklich, sich gleich bei der Einfahrt eines so schönen ausgedehnten Anblickes zu erfreuen, wie er mir zu Theil wurde, — Nebel, Wolken, oder ein feuchter Dunstkreis verdecken häufig einzelne Partien und stören dadurch den wunderbaren Eindruck des Ganzen.
In solch' einem Falle rathe ich jedem, der einige Zeit in Rio de Janeiro bleibt, an einem vollkommen heiteren Tage mit einem Kahne bis St. Cruz zu fahren, um sich diesen einzig schönen Anblick zu verschaffen.
Es wurde beinahe dunkel bis wir den Ankerplatz erreichten. Erst mußten wir bei St. Cruz anhalten und Auskunft geben, dann auf einen Offizier warten, der die Pässe und versiegelten Briefe in Empfang nahm, dann auf den Arzt, der uns betrachtete, ob wir vielleicht nicht die Pest oder das gelbe Fieber mitbrächten, und endlich wieder auf einen Offizier, der verschiedene Pakete und Kistchen in Empfang nahm, und uns den Ankerplatz anwies.
So war es für uns zu spät geworden, und es ging nur der Kapitän allein an's Land. Wir aber blieben auf dem Decke, und betrachteten noch lange das wunderherrliche Bild, bis die hereinbrechende Nacht Land und Meer tief überschattete.
Wir Alle gingen heute fröhlich zur Ruhe, wir hatten das schöne Ziel der langen Reise ohne große Unfälle glücklich erreicht, — nur die arme Schneidersfrau erwartete eine herbe Nachricht, die ihr der gute Kapitän heute noch verschwieg, um sie der Nachtruhe ungestört genießen zu lassen. — Als nämlich der Schneider Kunde erhielt, daß sich seine Frau wirklich auf der Reise befände, ging er mit einer Negerin durch, und hinterließ nichts als — Schulden.
Die arme Frau hatte ihr sicheres Brod im Vaterlande aufgegeben (sie ernährte sich durch Spitzen- und Kleiderputzen), ihr Erspartes der Reise geopfert, und nun saß sie verlassen und hilflos in einem fremden Welttheile [Tage nach ihrer Ankunft nahm sie die würdige Familie Lallemand bei sich auf.].
Von Hamburg bis Rio de Janeiro gegen 7500 Seemeilen.
Ich hielt mich, die kürzeren und längeren Ausflüge in das Innere des Landes abgerechnet, über zwei Monate in Rio de Janeiro auf; will aber meine Leser durchaus nicht mit einem vollständigen Verzeichnisse aller geringfügigen, alltäglichen Ereignisse ermüden, sondern ihnen nur im Allgemeinen das Hervorragende der Stadt, und der Sitten und Gebräuche ihrer Einwohner erzählen, wie ich Gelegenheit hatte es während meines Aufenthaltes kennen zu lernen; die Beschreibung meiner Ausflüge werde ich in der Form eines Anhanges folgen lassen, und erst dann wieder den Faden meines Tagebuches ergreifen.
Es war am 17. September Morgens, als ich nach beinahe 2 1/2 Monaten zum erstenmale wieder festen Boden betrat. Der Kapitän geleitete uns Reisende selbst an's Land, nachdem er noch Jedem angelegentlich empfohlen hatte, ja nichts einzuschmuggeln und ganz besonders keine versiegelten Briefe. "Nirgends," versicherte er, "seien die Zollbeamten so strenge und die Strafen so groß."
Als wir das Wachtschiff erblickten, waren wir daher beinahe ängstlich, und meinten vom Kopfe bis zu den Füßen untersucht zu werden. Der Kapitän bat um die Erlaubniß, mit uns an's Land gehen zu dürfen. Dies wurde sogleich bewilligt, — und damit war die ganze Sache abgethan. So lange wir auf dem Schiffe wohnten, und nach der Stadt hin- und herfuhren, wurden wir nie einer Untersuchung ausgesetzt; nur als wir Kisten und Koffer mitnahmen, mußten wir nach dem Zollhause fahren, wo die Untersuchung strenge, und der Zoll für Waaren, Bücher, u.s.f. sehr groß ist.
Wir landeten an der Praya dos Minieros[5], einem schmutzigen, ekelhaften Platze, bevölkert mit einigen Dutzenden eben so schmutziger, ekelhafter Schwarzen, die auf dem Boden kauerten, und Früchte und Näschereien zum Verkaufe laut schreiend und preisend anboten. — Von da kamen wir gleich in die Hauptstraße (Rua direita), deren einzige Schönheit ihre Breite ist. Sie enthält mehrere öffentliche Gebäude, wie das Zollhaus, die Post, die Börse, Wache u.s.w., die aber Alle so unansehnlich sind, daß man sie gar nicht bemerken würde, ständen nicht immer viele Leute davor.
Am Ende dieser Straße liegt das kaiserliche Schloß, ein ganz gewöhnliches großes Privatgebäude, ohne Ansprüche auf Geschmack und schöne Architektur. Der Platz davor (Largo do Paco[6]), mit einem einfachen Brunnen geziert, ist sehr unrein, und dient des Nachts vielen armen, freien Negern zur Schlafstelle, die dann des Morgens ihre Toilette ganz ungenirt vor aller Leute Augen machen. Ein Theil des Platzes ist von einer Mauer umfaßt, und wird als Fisch-, Obst-, Gemüse und Geflügel-Markt verwendet.
Von den übrigen Straßen sind noch die Rua Misericorda und Ouvidor die interessantesten, letztere enthält die reichsten und größten Waarenlager, doch darf man weder die schönen Auslagen europäischer Städte erwarten, noch findet man besonders viel Schönes oder Kostbares. Das einzige, was mich besonders anzog, waren die Blumen-Magazine, in welchen die herrlichsten Blumen, künstlich aus Vogelfedern, Fischschuppen und Käferflügeln verfertiget, zur Schau gestellt waren.
Unter den Plätzen ist der Largo do Rocio der schönste, der Largo St. Anna der größte. Auf ersterem, der auch stets ziemlich reinlich gehalten wird, stehen das Opernhaus, das Regierungsgebäude, die Polizei u.s.f. Von hier gehen auch die meisten Omnibus aus, welche die Stadt in allen Richtungen durchkreuzen.
Der letztere ist unter allen Plätzen der schmutzigste; als ich ihn das erstemal betrat, sah ich halbverweste Hunde und Katzen, — ja selbst ein derartiges Maulthier darauf liegen. — Ein Brunnen ist die einzige Zierde dieses Platzes, und beinah möcht' ich es vorziehen, diesen Brunnen hier auch nicht zu sehen, denn, da das Süßwasser in Rio de Janeiro eben nicht in Ueberfluß vorhanden ist, so schlägt die edle Wäscherzunft ihre Stätte auf, wo sich eben Wasser findet, und ganz besonders gerne, wo dabei auch gleich ein Platz zum Trocknen ist. Da wird also gewachsen und getrocknet, geschrien und gelärmt, daß man froh ist, den Platz hinter sich zu bekommen.
Die Kirchen bieten nichts Sehenswerthes, weder von Außen noch von Innen[2q]. Am meisten täuschen noch die Kirche und das Kloster St. Bento, und die Kirche Candelaria, die sich von der Ferne besonders gut machen.
Der einzig wahrhaft schöne und großartige Bau ist die Wasserleitung, die an manchen Stellen wirklich einem ächt römischen Werke gleicht.
Die Häuser sind nach europäischer Art gebaut, aber klein und unansehnlich; die meisten haben nur ein Erdgeschoß, oder ein Stockwerk, — zwei Stockwerke sind eine etwas seltene Sache. Auch findet man hier nicht, wie in andern heißen Ländern, Terrassen und Veranden mit schönen Geländern und Blumen geziert. Geschmacklose und kleine Balkone hängen an den Wänden, und plumpe hölzerne Läden schließen die Fenster, um der Sonne jeden Blick in die Zimmer zu verwehren. Man sitzt beinahe in vollkommener Dunkelheit, was übrigens den brasilianischen Damen, die sich im Arbeiten oder Lesen gewiß nie übernehmen, höchst gleichgültig ist.
Die Stadt bietet also an Plätzen, Straßen und Gebäuden dem Fremden durchaus nichts Anziehendes; wahrhaft abschreckend sind aber die Menschen, welchen man begegnet — beinahe durchgehends nur Neger und Negerinnen mit den plattgedrückten, häßlichen Nasern, den wulstigen Lippen und kurz gekrausten Haaren. Dazu sind sie meist noch halb nackt, mit elenden Lumpen bedeckt, oder sie stecken in europäisch geformten, abgetragenen Kleidungsstücken ihrer Herren. Auf 4-5 solche Schwarzen kommt dann ein Mulatte, und nur hie und da leuchtet ein Weißer hervor.
