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In "Meine Zweite Weltreise" entführt die Pionierin der Reiseliteratur, Ida Pfeiffer, ihre Leser in eine aufregende Reise durch die unerforschten und geheimnisvollen Regionen der Welt des 19. Jahrhunderts. Mit einem detailreichen, lebendigen Schreibstil und einer eindringlichen Beobachtungsgabe schildert Pfeiffer ihre Erlebnisse in fremden Kulturen und Landschaften. Sie fängt die gelebte Realität der Menschen ein und reflektiert ihre eigenen Wahrnehmungen in einer Zeit, in der Frauen nicht häufig als Reisende anerkannt wurden, was das Werk nicht nur literarisch, sondern auch gesellschaftlich bedeutend macht. Ida Pfeiffer, geboren 1797 in Wien, war eine der ersten Frauen, die als Reisende und Autorin Anerkennung fanden. Über persönliche Schicksalsschläge und gesellschaftliche Konventionen hinweg entwickelte sie eine unstillbare Neugierde für die Welt. Ihre Reisen, oft allein und unter widrigen Bedingungen, spiegeln ihren Mut und ihre Entschlossenheit wider, neue Horizonte zu erkunden und ihre Erlebnisse in Form von Berichten und Essays zu perpetuieren. "Meine Zweite Weltreise" ist nicht nur eine eindrucksvolle Erzählung von Abenteuer und Entdeckungen, sondern auch ein kraftvolles Statement über die Möglichkeiten, die Frauen im 19. Jahrhundert eröffnet werden können. Diese faszinierende Autobiografie ist jedem Leser zu empfehlen, der sich für die Weiten der Welt, feministische Perspektiven und historische Reisen interessiert. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Zwischen dem Drang, die Erde mit eigenen Augen zu vermessen, und den gesellschaftlichen wie geographischen Widerständen einer Epoche, die Entdeckerlust feiert und zugleich begrenzt, spannt Meine Zweite Weltreise von Ida Pfeiffer eine Erfahrung auf, in der Wege über Ozeane zu Prüfsteinen von Erkenntnis, Selbstbehauptung und Blickdisziplin werden; indem das Fortkommen an Wind, Verhandlungen und eigene Widerstandskraft gekoppelt bleibt, tritt ein Erzählen hervor, das planerische Strenge, wache Improvisation und die Bereitschaft, das Unerwartete auszuhalten, zu einer prägenden Haltung formt, wodurch eine Spannung zwischen nüchterner Beobachtung und staunender Annäherung entsteht, die jede Station weniger als exotische Kulisse denn als Prüfraum der Wahrnehmung begreift.
Das Werk gehört zur Gattung des Reiseberichts und verbindet autobiografische Notizen mit sachlichen Beobachtungen aus Natur- und Alltagswelten, wie sie im europäischen 19. Jahrhundert eine breite Leserschaft fanden. Seine Schauplätze reichen über mehrere Kontinente, von südamerikanischen Küsten über Inselräume des Pazifiks bis zu asiatischen Städten und Binnenregionen, stets getragen von der Bewegung zwischen Schiffsrouten, Übergängen und Landwegen. Erstveröffentlichungen erfolgten Mitte des 19. Jahrhunderts, im historischen Kontext einer rasch wachsenden globalen Mobilität und eines lebhaften Markts für Reiseliteratur. Diese Einordnung genügt, um den Rahmen zu erkennen, ohne Einzelstationen vorwegzunehmen. Ida Pfeiffer, eine österreichische Reisende, schrieb aus unmittelbarer Erfahrung und mit dem Anspruch, Erlebtes nachvollziehbar zu ordnen.
Die Ausgangssituation ist schlicht und wirkungsvoll: Nach einer ersten Weltumrundung folgt eine zweite, umfangreichere Reise, getragen von der Absicht, Bekanntes zu prüfen und Unbekanntes zu erkunden, ohne dem Sensationellen nachzugeben. Das Lesen eröffnet sich in einer ruhigen, klar strukturierten Stimme, die das Geschehen in Etappen gliedert und Beobachtungen mit praktischen Erwägungen verknüpft. Der Ton bleibt überwiegend sachlich, bisweilen trocken, doch immer aufmerksam für Details in Landschaft, Handel, Alltagspraxis und Verkehr. Der Stil meidet Ausschmückung zugunsten von Präzision, sodass Erfahrungen und Rahmenbedingungen – Wege, Kosten, Distanzen – als integraler Teil des Erzählten sichtbar werden.
Zentrale Themen entfalten sich entlang der Bewegung: Grenzen werden überschritten, nicht nur als Linien auf Karten, sondern als soziale Schwellen, sprachliche Hürden und klimatische Zonen. Die Reise verknüpft Naturbeobachtung mit der Beschreibung von Arbeit, Versorgung und Austausch, wobei der Rhythmus aus Ankunft, Orientierung und Weiterfahrt die Dramaturgie bestimmt. Risiken bleiben präsent, doch gewinnen sie selten die Bühne; wichtiger ist das beharrliche Weiterarbeiten an einer verlässlichen Darstellung. So verbindet das Buch die kleine Geschichte des Unterwegsseins – Lager, Quartiere, Ausrüstung – mit der großen Frage, wie Wahrnehmung belastbar wird, wenn Staunen, Mühsal und Methode zusammenfinden.
Besondere Spannung gewinnt der Bericht daraus, dass seine Autorin in einem Feld schreibt und reist, das ihrer Zeit nach überwiegend männlich geprägt war. Daraus ergibt sich keine Pose, sondern eine stille, konsequente Selbstbehauptung: Entscheidungen werden begründet, Wege abgewogen, Abhängigkeiten benannt. Die Perspektive bleibt individuell, ist aber nicht privatistisch; sie sucht Anschluss an Wissen, das gesammelt, verglichen und überprüft werden kann. So spricht das Buch zugleich zur historischen Neugier und zur Reflexion über Handlungsspielräume, die sich im Reisen eröffnen, wenn Ausdauer, Aufmerksamkeit und organisatorisches Geschick die eigentlichen Werkzeuge sind. Darin liegt ein leiser Widerspruch zur Erwartung spektakulärer Abenteuer, der die Lektüre umso nachhaltiger macht.
Da der Text im 19. Jahrhundert entstand, zeigt er neben genauer Anschauung auch Denkgewohnheiten seiner Herkunftskultur. Manche Bewertungen und Kategorisierungen folgen einem europäischen Blick, der heute kritisch befragt wird; das Buch bietet damit nicht nur Beobachtungen über ferne Orte, sondern ebenso Einsichten in die Wissensordnungen, die sie einst rahmten. Gerade diese Doppelperspektive – Reise und Zeitzeugnis – macht den Wert einer reflektierten Lektüre aus. Wer liest, kann die Sorgfalt der Beschreibung würdigen und zugleich prüfen, wie sich Begriffe, Maßstäbe und Erwartungen verschieben, wenn historische Distanz und Gegenwartswissen gemeinsam den Blick schärfen.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Meine Zweite Weltreise relevant, weil sie die Verbindung von persönlicher Initiative, methodischer Genauigkeit und verantwortungsvoller Aufmerksamkeit modelliert. Sie zeigt, wie Wissen unterwegs entsteht: aus geduldigem Hinschauen, dem Abgleich von Eindrücken und dem Mut, Vorannahmen zu prüfen. Zugleich macht der Bericht frühe Formen weltweiter Verflechtung sichtbar – Verkehrswege, Austauschbeziehungen, Kommunikationsnetze –, deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart reichen. Wer sich für Reise- und Kulturgeschichte interessiert, findet hier ein präzises, zugängliches Dokument; wer nach Orientierung im Umgang mit Fremdheit sucht, erhält eine Schule des Maßes, die ohne Pathos auskommt.
Meine zweite Weltreise ist Ida Pfeiffers chronologischer Bericht über ihre zweite Erdumrundung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Aufbauend auf den Erfahrungen ihrer ersten langen Reise beschreibt sie, wie sie mit bescheidenen Mitteln, großer Beharrlichkeit und nüchterner Beobachtungsgabe weit entfernte Regionen erreicht. Das Buch verbindet Reisetagebuch, naturkundliche Notizen und kulturkundliche Skizzen. Leitende Fragen sind, wie sich mit knappen Ressourcen sicher reisen lässt, wie man fremde Gesellschaften möglichst fair beobachtet und wie sich eine allein reisende Frau in globalen Verkehrsnetzen behauptet. Pfeiffer hält ihren Ton sachlich und verzichtet weitgehend auf romantisierende Ausschmückungen.
Zu Beginn schildert Pfeiffer die Abreise aus dem vertrauten europäischen Umfeld, organisatorische Hürden und die Realität des Seereisens: engen Raum, Versorgung, Wetter, Gesundheitsvorsorge und die Abhängigkeit von Fahrplänen und Schiffsrouten. Frühe Stationen in bedeutenden Häfen machen die Verzahnung von Handel, Verwaltung und Mission deutlich. Ein erster Wendepunkt liegt in der Einsicht, dass selbst sorgfältige Planung Unvorhersehbares nicht ausschließt und Improvisation zur Kernkompetenz wird. Durch Briefe der Empfehlung und kleine, verlässliche Netzwerke sichert sie Wege, Unterkünfte und Informationen. Zugleich markiert sie die Grenzen externer Hilfe und die Notwendigkeit konsequenter Selbstorganisation.
Es folgen Abschnitte in Teilen Asiens und Ozeaniens, die Pfeiffer mit akribischen Beobachtungen zu Klima, Landschaft, Flora und Fauna begleitet. Sie kontrastiert die geschäftigen Küstenstädte mit ruhigeren, ländlichen Regionen und vermerkt Unterschiede in Lebensweisen, Ritualen und Wirtschaftsformen. Ein zentraler Wendepunkt ist die Entscheidung, ausgewählte Binnenräume zu erkunden, statt nur den üblichen Küstenpfaden zu folgen. Das erfordert zusätzliche Logistik, Verhandlungen mit Ortskundigen und die Abwägung von Risiken. Pfeiffer sammelt naturkundliche und ethnografische Objekte, reflektiert jedoch immer wieder über die Grenze zwischen berechtigter Neugier und ungebührlicher Einmischung.
Ein wiederkehrendes Motiv ist der kritische Blick auf koloniale Strukturen. Pfeiffer beschreibt Amtswege, Machtasymmetrien und die Rolle von Handel und Missionen, ohne ihre Darstellung zu dramatisieren. Sie vergleicht Hörensagen mit eigener Anschauung und korrigiert, wo möglich, gängige Vorurteile. Konflikte entstehen aus widerstreitenden Erwartungen: die Pflicht zur Rücksichtnahme auf lokale Gepflogenheiten trifft auf den Druck, Wissen zu gewinnen und Proben zu sichern. In solchen Situationen sucht sie nach stillen Kompromissen, passt Reisepläne an und macht methodische Grenzen transparent, statt problematische Zugänge zu forcieren oder zweifelhafte Quellen unbesehen zu übernehmen.
Die Reise setzt sich über große Seeetappen fort, die Pfeiffer als Abfolge logistischer Prüfungen beschreibt: begrenzte Navigationsoptionen, Witterungswechsel, Sicherheitsfragen und die Abhängigkeit von Zwischenstationen. Bei der Passage in den amerikanischen Raum beobachtet sie Städte im Umbruch, neue Verkehrsachsen und die Reibung zwischen rasantem Zuzug und unzureichender Infrastruktur. Ein weiterer Wendepunkt liegt in der Entscheidung, die Strapazen fortzusetzen, um den globalen Bogen der Unternehmung zu schließen, statt vorzeitig umzukehren. Damit verschiebt sich der Fokus von der Erkundung einzelner Orte zu einem Gesamtbild weltweiter Verflechtungen und ihrer praktischen Konsequenzen.
Gegen Ende verdichtet Pfeiffer Erlebnisse, Notizen und Sammlungen zu einem übergreifenden Erfahrungswissen. Sie bilanziert, welche Beobachtungen belastbar sind, wo Daten fehlen und wie Umstände Wahrnehmungen färben können. Die Rückkehr nach Europa rahmt diese Reflexionen, ohne den sachlichen Grundton aufzugeben. Ihre Darstellung bleibt bei den unmittelbaren Eindrücken, meidet Sensationslust und betont die Verantwortung, Beobachtetes korrekt, aber nicht anmaßend zu deuten. Der Schlussabschnitt skizziert, wie sich Reiseerfahrungen in eine geordnete Darstellung überführen lassen, die zugleich persönlichen Einsatz würdigt und methodische Vorsicht festhält.
In der Summe entfaltet Meine zweite Weltreise das Bild einer nüchternen, ausdauernden Forscherreisenden, deren Blick Neugier mit Respekt verbindet. Das Werk verknüpft Natur- und Kulturbeobachtung mit Reflexionen über Mobilität, Wissenstransfer und die Grenzen eigener Perspektiven. Es zeigt die Chancen und Ambivalenzen globaler Kontakte im 19. Jahrhundert und demonstriert, wie eine Einzelne durch Konsequenz und Genauigkeit verlässliche Einblicke gewinnen kann. Pfeiffers Bericht wirkt nachhaltig, weil er keine endgültigen Urteile sucht, sondern zu genauer Wahrnehmung, besonnener Einordnung und verantwortlichem Erzählen ermutigt – auch über die Reise hinaus.
Ida Pfeiffers Meine zweite Weltreise erschien 1856 in Wien und beruht auf einer Unternehmung der Jahre 1851 bis 1855. Entstanden ist das Werk im Kontext des österreichischen Kaisertums nach den Revolutionen von 1848, als die neoabsolutistische Verwaltung unter Innenminister Alexander Bach das öffentliche Leben ordnete. Prägende Institutionen der Wissensproduktion waren die 1847 gegründete kaiserliche Akademie der Wissenschaften, das Hof-Naturalienkabinett und gelehrte Vereine im deutschsprachigen Raum. Der Wiener Buchmarkt mit Verlagen wie der Gerold’schen Buchhandlung trug zur Verbreitung von Reiseberichten bei. Europas Aufmerksamkeit für weltweite Waren, Menschen und Routen wurde zeitgleich durch Londons Great Exhibition von 1851 verstärkt.
Die zweite Hälfte der 1840er und die 1850er Jahre sahen eine Verdichtung der globalen Verkehrsnetze. Dampfschiffe, Postrouten und Clipperverkehr verbanden Europa mit dem Indischen Ozean und dem Pazifik, während der Suezkanal noch nicht existierte (Eröffnung 1869). Reisende aus Europa nutzten häufig den Weg um das Kap der Guten Hoffnung sowie Konsulate, Missionsstationen und Handelshäuser als Infrastruktur. Reedereien wie die 1837 gegründete Peninsular and Oriental Steam Navigation Company etablierten planmäßige Verbindungen nach Indien und Ostasien. Diese technischen und institutionellen Neuerungen bildeten den logistischen Hintergrund der Stationen, die Pfeiffer beschreibt, und ermöglichten zügigere, verlässlichere Passagen zwischen imperialen Knotenpunkten.
Das Buch führt in Regionen, die Mitte des 19. Jahrhunderts unter europäischer Kolonialverwaltung standen. In Südasien herrschte die Britische Ostindien-Kompanie bis 1858, in Ceylon bestand eine britische Kronkolonie, und im malaiischen Archipel dominierten die Niederlande in Java und Sumatra. Handelsplätze wie Singapur, seit 1826 Teil der Straits Settlements, fungierten als Drehscheiben für Waren, Arbeit und Informationen. Portstädte waren multiethnisch und von Hafenpolizei, Gesundheitsämtern und Zollstationen reguliert. Die kolonialen Rechts- und Arbeitsregime, etwa Vertragsarbeit im Indischen Ozeanraum, prägten Alltagsbegegnungen, die europäische Reisende dokumentierten. Pfeiffers Beobachtungen stehen damit in einem Umfeld, das durch imperiale Verwaltung, Missionen und Handel bestimmt wurde.
Ida Pfeiffer schrieb im Geist der humboldtschen Naturforschung, der genaue Orts- und Objektbeschreibungen privilegierte. Reisende sammelten Pflanzen, Insekten, Gesteine und Alltagsgegenstände, die nach Europa gelangten und in naturkundlichen und ethnographischen Sammlungen inventarisiert wurden. Pfeiffer finanzierte ihre Unternehmungen nachweislich durch den Verkauf von Naturalien und kuriosen Objekten an Museen und Privatsammler, was ihre Texte mit kataloghaften Details füllte. Das Wiener Hof-Naturalienkabinett und verwandte Einrichtungen in Deutschland und Frankreich boten Aufnahme und wissenschaftliche Begutachtung. Über Korrespondenzen, Vorträge und Zeitschriftenartikel wurden Beobachtungen in gelehrte Netzwerke eingespeist, in denen geographische Kenntnisse systematisch verdichtet und verglichen wurden.
Der deutschsprachige Reisebericht war um 1850 ein stark nachgefragtes Genre, getragen von Leihbibliotheken, illustrierten Zeitschriften und populären Verlagen. Pfeiffers frühere Weltreise wurde 1850/51 publiziert und rasch in andere Sprachen übertragen, wodurch sie Bekanntheit erlangte. Meine zweite Weltreise knüpft 1856 daran an und bietet eine fortlaufende, datierte Reisedokumentation mit topographischen, naturkundlichen und sozialhistorischen Notizen. Übersetzungen in europäische Sprachen vergrößerten die Reichweite solcher Texte im Zeitalter wachsender Alphabetisierung. Ihre sachliche, knappe Prosa fügt sich in eine Tradition, die Beobachtung, Statistik und Anekdote verband und die Leserschaft mit verlässlichen, überprüfbaren Angaben über Klima, Wege, Preise, Verkehrsmittel und koloniale Ordnungen versorgte.
Als allein reisende Frau entsprach Pfeiffer nicht den bürgerlichen Geschlechternormen ihrer Zeit, fand jedoch Anerkennung in gelehrten Kreisen. Große geographische Gesellschaften wie die Royal Geographical Society ließen Frauen erst Jahrzehnte später als Mitglieder zu (in London 1913), nahmen aber Berichte und Sammlungen von Reisenden entgegen. Pfeiffer erhielt in den 1850er Jahren Auszeichnungen und Unterstützung; 1856 wurde ihr in Österreich eine kleine Pension gewährt. Praktisch stützte sie sich auf Pässe, Schutzbriefe und Empfehlungsschreiben an Konsulate, Missionshäuser oder Kaufleute. Ihre Präsenz in Häfen, Gouvernementskanzleien und Sammlungsräumen zeigt, wie Wissenszirkulation und imperiale Bürokratie voneinander abhingen.
Ökonomisch und geopolitisch war Pfeiffers Reisezeit von wachsendem Welthandel und Konflikten geprägt. Der Krimkrieg (1853–1856) veränderte Routen im Schwarzen Meer und lenkte Aufmerksamkeit auf maritime Machtprojektion, während im Indischen Ozean Kaffee, Zucker, Gewürze und Zinn den Warenverkehr bestimmten. In Ceylon expandierte der Kaffeeanbau bereits massiv, lange vor dem späteren Umstieg auf Tee. Arbeitsmigration über See, etwa von Indien nach Mauritius, war seit den 1830er Jahren institutionalisiert. Missionarische Gesellschaften und wissenschaftliche Expeditionen nutzten ähnliche Infrastrukturen wie Kaufleute. Diese Konstellationen strukturieren die Räume, die Pfeiffer beschreibt, und rahmen ihre Notizen zu Hafenregimen, Zoll, Quarantäne und interkulturellen Begegnungen.
Meine zweite Weltreise fungiert als zeitgenössischer Kommentar zur globalen Verdichtung der 1850er Jahre: Es vermittelt deutschsprachigen Leserinnen und Lesern überprüfbare Einzelbeobachtungen aus kolonial verwalteten Räumen, zeigt die Abhängigkeit des Reisens von imperialen Netzen und dokumentiert naturkundliche sowie ethnographische Sammlungspraktiken. Ohne dramaturgische Zuspitzung bietet das Buch eine quellengesättigte Außenperspektive auf Alltagsordnungen, Preise, Wege und lokale Autoritäten. Zugleich legt es die Grenzen seiner Epoche offen, etwa eurozentrierende Kategorisierungen und die Autorität amtlicher Statistiken. Gerade in dieser Mischung aus Empirie, Nüchternheit und institutioneller Einbettung spiegelt das Werk die Wissenskultur und Mobilitätsregime des mittleren 19. Jahrhunderts.
lch weiß, daß es das gewöhnliche Schicksal der Widmungen und Vorreden ist, von Niemanden gelesen zu werden. Ich kann aber unmöglich das Tagebuch meiner Wanderungen veröffentlichen, ohne der eigentlichen Urheber derselben zu gedenken, und als solche muß ich die in den Holländisch-Indischen Colonieen ansässigen Holländer, vorzugsweise die daselbst angestellten öffentlichen Beamten und Offiziere betrachten.
Ich hatte nämlich, als ich meine Heimath verließ, nichts weniger im Sinne als eine zweite Reise um die Welt zu machen. Der Betrag aus meinem kleinen Vermögen, über den ich gebieten konnte, war sehr unbedeutend; die Oesterreichische Regierung vermehrte ihn zwar mit einem Zuschuß von 150 Pfund St.; doch würde die ganze Summe dessen ungeachtet zu einer so großen Reise nicht ausgereicht haben.
Ich ging nach London mit dem Vorhaben, mich nach Australien einzuschiffen. Diesem Vorhaben mußte ich entsagen, denn meine Reise wäre gerade in die Zeit gefallen, als man in Australien die reichen Goldlager entdeckte, als die Auswanderer von allen Seiten dahin strömten und in Folge dessen Leben und Aufenthalt über alle Maßen theuer wurden.
Nach einigen Zweifeln, wohin ich nun mich wenden sollte, reiste ich glücklicher Weise nach Holländisch-Indien. Wider mein Erwarten wurde ich von den Holländischen Beamten und Offizieren jedes Ranges und jeder Stellung so zuvorkommend aufgenommen, so thatkräftig unterstützt, daß ich Reisen ausführen konnte, wie es mir bisher noch in keinem Lande der Welt möglich gewesen war, und daß ich, wie gesagt, jene Männer als die Schöpfer dieser meiner zweiten Reise um die Welt betrachten muß.
Aber nicht nur die Beamten und Offiziere der Holländischen Regierung unterstützten mich, auch viele Privatpersonen und meine Deutschen Landsleute trugen das ihrige redlich bei. Letztere machten mir eine Karte zur Reise auf dem Dampfer nach Batavia und zurück zum Geschenke, und die Directoren der beiden Dampfschiffahrts-Gesellschaften, die Herren Cores de Vries und Fraser gaben mir später auf ihren Schiffen überall hin freie Passage.
Nachdem ich keine andere Gelegenheit habe, allen diesen Herren meine Dankbarkeit auszudrücken, so ersuche ich sie, die Widmung des vorliegenden Werkes anzunehmen, nebst der Versicherung, daß ich ihre Güte und Gefälligkeit in ihrer ganzen Größe gewiß zu schätzen weiß, und derselben stets mit der wahrsten Erkenntlichkeit gedenken werde.
Endlich darf ich der Nord-Amerikaner nicht vergessen, da ich ihnen ebenfalls einen großen Theil meiner Reise verdanke. Sie gestatteten mir viele freie Fahrten auf Segelschiffen sowohl, wie auf ihren großen, prachtvollen Dampfern, und in keinem Lande der Welt. Holländisch-Indien ausgenommen, nahm man mich mit mehr Auszeichnung auf, als in den Vereinigten Staaten. Aus vollen Herzen sage ich daher den Amerikanern meinen innigsten Dank.
Die Verfasserin.
Ein Dajakischer Rajah.
Die Reise von Wien nach London ist heutigen Tages eine Spazierfahrt, die man bequem in vier Tagen machen kann[1q]; ich benöthigte jedoch dazu beinahe einen Monat, da ich bei meinen Freunden und Verwandten in Prag und Hamburg einige Zeit zu Besuch blieb. Am 18. März 1851 verließ ich Wien, und erst am 10. April gelangte ich nach London.
Es war früh Morgens, als sich unser Dampfer dem Hafen der Weltstadt näherte. Der von ferne undurchdringlich scheinende Mastenwald tauchte vor unsern Blicken auf, und die unzähligen Schiffe, vom großen Ostindienfahrer[1] bis zur kleinen Jacht, theils vor Anker liegend, theils die Segel entfaltend oder von brausenden Dampfern in's Schlepptau genommen, gewährten ein reiches, wahrhaft großartiges Bild. Weniger zog mich das Gewühl im Hafen selbst an. Ich dachte hier ein Gemenge aller Nationen der Welt zu finden, und sah nichts als Europäische Matrosen und Englische Arbeitsleute. In dieser Hinsicht ist jeder Ostindische Hafen, und besonders jener von Bombay ungleich interessanter, weil man dort Menschen von allen Ländern und Farben, und Trachten von den verschiedenartigsten und seltsamsten Formen sieht.
Wir landeten an dem Zollamte, welches ich mit ziemlicher Angst betrat, da man mir gesagt hatte, daß sehr strenge untersucht würde, daß jede Kleinigkeit, sobald sie neu sei, versteuert werden müsse, und daß selbst die Taschen vor den Händen der gierigen Zollbeamten nicht geschlossen seien; doch dem war nicht so: sämmtliche Effekten wurden ziemlich oberflächlich besehen. Man verlangte auch die Pässe, stellte sie aber, nachdem man die Namen in ein Buch eingetragen, sogleich wieder zurück. Ich erhielt weder eine Aufenthalts-Karte, noch frug man in der Folge nach meinem Passe, — ja, ich schiffte mich nach Afrika ein, ohne daß ich mit der Polizei oder einer andern Behörde das Geringste mehr zu thun hatte.
Den Eindruck, den das Leben auf den Straßen auf mich machte, war kein angenehmer. Dieses Pressen und Drängen der Menschen, das Gewirre der zahllosen Wagen, die das Ueberschreiten einer Straße wahrhaft lebensgefährlich machen, ließen mich die Minute segnen, in der ich mein Zimmer erreichte.
Das größte Gewühl herrschte in den Straßen der City; hier sind die Komptoirs der Kaufleute, die Börse, die Bank, Mansion-house[2] (Residenz des Lord-Mayor) u.s.w. Die Kaufleute selbst wohnen nicht in der City; sie kommen selten vor 11 Uhr auf ihre Komptoirs und verweilen nur bis vier oder fünf Uhr. Die vielen Verbindungsmittel, Eisenbahnen, Dampfschiffe, Omnibusse machen es ihnen leicht möglich, in entfernten Orten der Stadt, ja oft acht bis zehn Englische Meilen weit auf dem Lande zu leben. Die Züge auf den Eisenbahnen verkehren jede Viertelstunde, die Dampfer fahren von der ersten Brücke Londons bis zur letzten alle fünf Minuten, und die Omnibusse sind in steter Bewegung; letztere erscheinen jedoch für den Fremden anfänglich beinahe unbrauchbar, und er muß erst ein kleines Studium machen, um zu wissen, in welchen er einzusteigen hat. Die Hauptstationen sind zwar auf der Aussenseite des Wagens angeschrieben; aber der eine Omnibus nimmt den Weg durch diesen, der andere durch jenen Theil der Stadt; sich an die Kondukteurs zu wenden ist eben nicht sehr anzurathen, denn auf die Frage, ob man hier oder dort vorüberfahre, antworten sie nicht selten mit vollkommener Ruhe „Yes“ — und setzen dann den armen Fremden an irgend einem Orte ab, wo er von seinem Ziele vielleicht weiter entfernt ist als vorher.
Ueberhaupt gehört eine Fahrt in einem Omnibus gerade nicht zu den Annehmlichkeiten des Londoner Lebens. Die Wagen sind weder sehr breit noch sehr lang und enthalten 25 Plätze (13 im Innern, 12 außen [Während meines Aufenthaltes begann man im Innern einen und außen drei Plätze abzuschaffen.]. Es kann daher von einem nur einigermaßen bequemen Sitze natürlich keine Rede sein. Hiezu kommt das ewige Anhalten, Ein- und Aussteigen, alles in der größten Eile, und nun gar wenn Regenwetter ist — die triefenden Schirme, die nassen Kleider, die beschmutzten Schuhe — wahrlich ein Comfort ohne Gleichen!
Comfort, Comfort, Comfort — führt doch jeder Engländer dieß Wort unaufhörlich im Munde, und gerade in England habe ich weniger Comfort genossen als irgendwo. So litt ich z. B. von der Zimmerkälte nirgends so viel wie hier. Die Kaminfeuer erwärmen wohl den, der ganz nahe am Kamine sitzt, und der nichts anderes zu thun hat als sich zu wärmen, aber nicht den, der entfernter ist und sich mit Schreiben oder Nähwerk beschäftigen will, — Feder, Nadel entfallen alsbald der steif gewordenen Hand. Das nenne ich Comfort in einem Laude, in welchem man sechs bis sieben Monate des Jahres mit Kälte zu kämpfen hat! — Die Engländer lieben den Anblick des Feuers so über alle Maßen, daß sie die daraus entspringenden Unannehmlichkeiten übersehen oder gerne ertragen. Eben so absonderlich sind sie hinsichtlich der Wohnung. Jede Familie, wenn noch so beschränkt, will ihr eigenes Haus haben, ein Haus natürlich oft nur mit zwei Fenstern in der Fronte und einem Stockwerke; haben ja selbst die Häuser der ziemlich Bemittelten selten mehr als drei Fenster und zwei bis drei Stockwerke. Ist das vielleicht Comfort, jeden Augenblick von einem Stock zum andern zu steigen? — Es versteht sich von selbst, daß ich hier nicht von den Häusern der Reichen und überhaupt nicht von den Reichen spreche — diese können sich natürlich in England alle Bequemlichkeiten verschaffen, sie können es aber auch in allen andern Ländern, und in den meisten mit ungleich geringeren Kosten. Meine Bemerkungen betreffen nur die Mittelklasse.
Eine weitere Unbequemlichkeit liegt in der ungemeinen Größe der Stadt. Jeder Besuch, jedes Geschäft, jede Unterhaltung kostet viel Zeit und viel Geld, weil man häufig fahren muß. Sind es Geschäfte, so kann man wohl Omnibus und Eisenbahn benützen; sind es aber Unterhaltungen, Einladungen zu Tische, zum Thee, bei welchen man im Putz erscheinen muß, so ist man gezwungen einen Cab (einspännigen Wagen) zu miethen, welcher pr. englische Meile einen Schilling kostet [Seit einem Jahre auf 6 Pence herabgesetzt.], — keine kleine Ausgabe, wenn man, wie es leicht der Fall sein kann, hin und zurück einen Weg von zehn oder noch mehr Meilen zu machen hat. Ein Besuch der Italienischen Oper ist schon gar nur reichen Leuten möglich, da die Loge allein drei bis vier Pfund St. kostet und man darin nicht anders als in großem Putze erscheinen darf.
Die Kosten und Schwierigkeiten des Zusammenkommens mögen die Hauptursache sein, daß in den Englischen Häusern das angenehme gesellige Leben nicht herrscht, an das wir Süddeutsche so sehr gewöhnt sind. Hier gibt es Gesellschaften und sogenannte Aufwartungen, aber selten freundliche, gemüthliche Besuche.
Das Leben der Frauen aus dem Mittelstande ist höchst einförmig; den Tag über sind sie an ihr Haus gewiesen, Abends an die Gesellschaft des Gemahls, der vom Geschäftsleben ermüdet heim kommt, sich nach Ruhe und Bequemlichkeit sehnt und selten gelaunt ist, seine Frau durch Gespräche zu unterhalten, oder durch Besuche sich stören zu lassen; gewöhnlich setzt er sich in den Lehnstuhl nahe am Kamine, nimmt Zeitungsblätter zur Hand und schlummert mitunter dabei ein.
Die Sonntage, bei andern Völkern ebenfalls Tage der Weihe und des Gebetes, aber auch der Heiterkeit und Fröhlichkeit, sind in England so langweilig, daß der aufgeweckteste Südländer davon den Spleen bekommen könnte. In echten altenglischen Familien geht das so weit, daß die Kinder an diesem Tage nicht einmal Ball schlagen oder irgend ein unschuldiges Spiel treiben dürfen; ja man läßt sogar die meisten Gerichte Tags zuvor bereiten, damit die Köchin hinlänglich Zeit findet, die Kirchen zu besuchen. Vor- und Nachmittags werden mehrere Stunden in der Kirche zugebracht, und den ganzen Tag über darf kein anderes Werk als ein Andachtsbuch zur Hand genommen werden! So lobenswerth ich es finde, daß man in Familien die ganze Dienerschaft Morgens und Abends um sich versammelt, um mit ihr vereint ein kurzes Gebet zu halten, so unpassend finde ich es, einen ganzen Tag mit Gebeten hinzubringen, Ich zähle mich nicht im entferntesten zu den Freigeistern; aber den ganzen Tag vermag ich nicht zu beten. Gebete sollen mit dem Geiste gehalten werden, mit Bewußtsein dessen, was man betet, mit Aufmerksamkeit und Andacht; durch Uebertreibung arten sie zu Lippengebeten aus, und diese sind meiner Meinung nach zwecklos und ohne Verdienst.
In keinem Lande der Welt, vielleicht China und Persien ausgenommen, verstößt man so leicht gegen die sogenannte „feine Lebensart“ als hier. Wer z. B. die Gabel in die rechte statt in die linke Hand nimmt, wer das vorgelegte Gericht in kleine Stückchen theilt, anstatt jedes Stückchen einzeln herabzuschneiden, wer einer Dame vom Geflügel einen anderen Theil als ein Bruststück vorlegt, wer Jemanden in sein Schlafzimmer führt (dieß wird gar als ein halbes Verbrechen betrachtet) und dergleichen mehr, der macht sich lächerlich und wird zu der Klasse jener gezählt, die auf feine Erziehung keinen Anspruch machen können. — Bei den unbedeutendsten Sachen findet man hier Verstöße gegen die Sittlichkeit, und andere weit größere, die wir Nicht-Engländer als unsittlich bezeichnen würden, finden die Engländer ganz in der Ordnung. So die Sitte, daß zwei Schwestern oder zwei Dienstmädchen mit einem Lager vorlieb nehmen. Ja dieser Gebrauch geht so weit, daß bei Besuchen, die über Nacht bleiben, sehr häufig zwei Freundinnen oder überhaupt zwei weibliche Wesen eine und dieselbe Bettstelle theilen [Einschläfrige Betten hat man in England höchst selten.]. Kann es etwas Unsittlicheres, Ungesünderes geben?! Ich weiß, wenn diese Bemerkung einer Englischen Dame zu Gesicht kommen sollte, daß sie Zeter und Wehe über mich schreien wird, — doch deßhalb ist sie nicht minder wahr, und ich sehe mich für meine Aufrichtigkeit reich belohnt, wenn durch diesen Anlaß auch nur eine Familie dahin gebracht würde, jener abscheulichen Sitte zu entsagen.
Nicht minder anstößig kommt mir der Gebrauch vor, daß ein neuvermähltes Ehepaar einen Wagen besteigt, dessen Bespannung, Kutscher und Diener mit Blumensträußen geziert sind; so beginnen sie ihre Hochzeitsreise, so kehren sie im Gasthof ein .. sonderbares Sittlichkeitsgefühl!
Stolz und Hochmuth der Aristokratie und der Reichen haben in England unbestreitbar den Kulminationspunkt erreicht. Um in die Gesellschaft (Rout) eines Englischen Aristokraten zu gelangen, muß man von hoher Geburt sein, oder ausgezeichnete Verdienste aufweisen, oder durch irgend ein besonderes Mittel sich eindrängen. Eitelkeit ist natürlich hier wie überall der Sporn, der die Leute antreibt, nötigenfalls alle Minen der Intrigue spielen zu lassen, um sich in hoher Gesellschaft einige Stunden zu langweilen; denn steif, kalt und trocken sind diese Routs über alle Beschreibung. Der Hausherr setzt seinen Stolz darein, die Säle so gefüllt zu sehen, daß Niemand sich bewegen kann; er zwängt sich mühsam durch die Räume, richtet an diesen und jenen einige nichtssagende Worte und — der Spaß hat ein Ende. Am folgenden Morgen aber füllt die Beschreibung des herrlichen Festes eine Viertelspalte in der Zeitung, und die Namen der Auserwählten glänzen in dem beigedruckten Register.
Man sollte meinen, daß in einem so alt-konstitutionellen Lande wie England, Hof und Adel weniger hoch angesehen wären, als in einem rein-monarchischen; dem ist nicht so. Es wird hier von dem Hofe mit weit mehr, ich möchte sagen kleinlicher Ehrfurcht gesprochen, als es selbst in Deutschen Staaten der Fall ist. Ich mußte oft lächeln über das Gewicht, das man auf die Frage legte: „Haben Sie die Königin gesehen? und Prinz Albert? und den Prinzen von Wales?“ — Viele der Straßen und Plätze Londons führen die Namen von Regenten, Prinzen, Fürsten und andern hochgestellten Personen.
Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, der Hamburger zu erwähnen, die sich gerne Republikaner nennen, eigentlich aber, wenigstens was Ehrfurcht und Verehrung des Adels und der Titel anbelangt, die entschiedensten Legitimisten Europas sind. Ich will hier nur ein kleines Beispiel anführen. Während meines Aufenthaltes in Hamburg, im Winter vom Jahre 1848 auf 1849, kam ein zweit- oder drittgeborner Prinz von Leiningen in Begleitung seines Hofmeisters dahin auf Besuch; da hätte man sehen sollen, was diese Republikaner thaten, um den prinzlichen Jüngling in ihre Gesellschaften zu ziehen. Bälle, Diners, Soireen wurden ihm zu Ehren gegeben, ja sogar eine Schlittenfahrt, die aber leider das rücksichtslose Tauwetter zu Wasser machte. In allen Zirkeln sprach man nur von ihm, jedes Wort, das seinen Lippen entsiel, fand man geistreich, witzig und verständig, und jede Mutter, mit deren Töchterchen er tanzte, fühlte sich hochgeehrt und beglückt.
Da die armen Hamburger so unglücklich sind, keinen Adel zu besitzen, so suchen sie sich mit Titeln zu entschädigen, welche natürlich, wie in Oesterreich und Preußen, auch den Frauen beigelegt werden; die Frau eines Senators ist eine Senatorin, eines Konsuls eine Konsulin, eines Doktors eine Doktorin. Hat aber Jemand das Glück, adelige Verwandte im Auslande zu haben, so wird er von diesen nie sprechen, ohne den Titel beizusetzen. Da heißt es: Haben Sie Tante von A. gesehen? Schwager Baron B. gesprochen? u.s.w. Wie lästig und beschwerlich dieses Titelwesen den geselligen Umgang macht, vermag nur ein Fremder zu ermessen. Ich wagte kaum in einer Gesellschaft zu Wien, Berlin oder Hamburg meine Nachbarin anzusprechen, denn ich hatte vergessen, ob sie mir als Feldmarschall-Lieutenantin, Vize-Präsidentin, Senatorin oder Baronin vorgestellt worden war. Ich saß stumm und dachte, daß am Ende die vielverlachten Chinesen vernünftiger seien, die auf der Brust ein Täfelchen hängen haben, worauf ihre Namen und Titel verzeichnet sind. — Bei solchen Gelegenheiten fiel mir stets folgende Anekdote unseres unvergeßlichen Kaisers Josef ein: „Die Witwe eines Beamten kam einst mit der Bitte zu Kaiser Josef, ihre Pension zu erhöhen, da ihre heranwachsenden Kinder einer Erziehung bedürften. Der Kaiser frug: „Wie heißen Sie?“ Sie antwortete: „Ich bin die Hofräthin N. N.“ — „Wenn Sie die Hofräthin N. N. sind,“ sagte der Kaiser, „habe ich mit Ihrer Bitte nichts zu thun, Sie müssen sich an Ihren Monarchen wenden.“ Die Frau, über diese Antwort verblüfft, konnte stammelnd kaum hervorbringen, daß sie ja vor ihrem Monarchen stehe. „Da irren Sie sehr,“ erhielt sie zur Antwort, „ich habe wohl Hofräthe, aber keine Hofräthinnen.“ Und — er schlug ihr die Bitte ab.
Man verzeihe mir diese kurze Reise nach Hamburg, Wien und Berlin, — ich kehre wieder nach London zurück, zu den Engländern, bei welchen diese Unsitte nicht stattfindet. Man macht nicht den geringsten Verstoß, wenn man die Gattin eines Ministers gleich der Frau eines einfachen Handwerkers mit „Madame“ oder „Mistreß“ so und so anredet.
Einen sehr unangenehmen Eindruck machte mir in London der Besuch der Kirchen; es kam mir jedesmal vor, als träte ich in ein Theater. Der ganze Raum, wenige Bänke an den Seitenwänden ausgenommen, ist in Logen und Sperrsitze getheilt, die Logen sind mit Teppichen, gepolsterten Bänken und Fußschemeln versehen, und geschmackvoll gebundene Bibeln und Andachtsbücher liegen vor den durchgehends im Putze erscheinenden Personen.
Auf meine Frage, woher es käme, daß man in den Kirchen gar keine dürftig gekleideten Leute sähe, gab man mir die vernünftige Antwort: „Wer sich nicht anständig kleiden kann, geht nicht in die Kirche“. [In Singapore frug ich eine Dame, die sich gerade zum Kirchenbesuche schmückte, ob sie denn glaube, daß ihr Gebet im Putze mehr Werth habe als im einfachen Kleide. Sieantwortete: „das gerade nicht, allein der Gouverneur befahl, oder gab gleich einem Befehle zu verstehen, daß die Herren im schwarzen Frak und die Damen elegant gekleidet beim Gottesdienste erscheinen möchten.“] Also nur die Reichen, die Wohlhabenden sind Gott gefällig? — Leider äffen die Katholiken in vielen Ländern diese entwürdigende Sitte nach, — Gott und die Vernunft möge sie und die Protestanten von diesem Hochmuthe heilen.
Eben so unpassend ist es, für den Besuch der St. Pauls-Kirche und der Westminster-Abtei in den Stunden, in welchen kein Gottesdienst stattfindet, Eintrittsgeld zu verlangen. Gerade als ich die letztere besuchte, wollten auch drei Matrosen mit eintreten; sie wurden zurückgewiesen, weil sie nicht bezahlen wollten oder konnten. Man sagte mir, daß dieser Mißbrauch abgeschafft werde. Ich erwiderte darauf, daß ich nicht begreife, wie man ihn je habe einführen können.
Ein anderer Mißbrauch ist auch der, daß der Viehmarkt in der Mitte von West-End liegt und daher alle Arten Vieh, Ochsen, Kühe, Schafe u. dgl. m. durch die belebtesten Straßen der Stadt getrieben werden, was natürlich häufig Unordnungen und nicht selten Unglücksfälle veranlaßt [Ist jetzt abgestellt.].
Eine ausführliche Beschreibung der Merkwürdigkeiten Londons zu machen, liegt nicht in meiner Absicht. Es gibt der ausführlichen und vortrefflichen Werke dieser Art so viele, daß meiner schwachen Feder nichts anderes übrig bliebe, als oft und gut Gesagtes unvollkommen wiederzugeben. Ich beschränke mich darauf, mit kurzen Worten des Gesehenen zu erwähnen.
Um von dem Umfange der Stadt eine gute Ansicht zu haben, besteige man die Spitze der St. Paulskirche oder jene der Waterloo- oder Brand-Säule. Ich bestieg die letztere, muß aber aufrichtig gestehen, daß der Anblick dieser ungeheuren Häusermasse keinen angenehmen Eindruck auf mich machte. Die einzelnen Schönheiten gehen zu sehr verloren, die kleineren Squares (Plätze) verschwinden ganz und gar, und nur die schönen zierlichen Brücken über die Themse ziehen die Aufmerksamkeit einigermaßen auf sich. Die Umgebung ist eine weite Ebene, deren Grenzen in der beständig neblichten Atmosphäre verschwimmen.
Von dem Gewühle in den Straßen Londons, vorzüglich in den Geschäftsstunden, kann sich nur derjenige einen Begriff machen, der die Neapolitanischen und Sicilianischen Städte besucht hat, in deren Straßen zur Abendzeit die ganze Bevölkerung, Kranke und Misanthropen ausgenommen, auf- und niederwogt. Der Unterschied besteht nur darin, daß in Italien die Leute fröhlich und heiter lustwandeln und der schönen Abende sich erfreuen, während in London Alles ernst und tiefsinnig nur dem Gelde und den Geschäften nachläuft. Als ich mich das erste Mal allein in dieses Gewühl begab, ward mir ordentlich bange, und ich wagte kaum einen der vielen, wie mit Dampf an mir vorüber getriebenen Geschäftsleute anzuhalten und um Auskunft über einen Weg zu ersuchen; aber zu ihrem Lobe muß ich sagen, daß sie im eiligsten Laufe einhielten und meine Frage sehr höflich beantworteten, Mancher ging sogar ein Stückchen Weg mit mir zurück, um mich auf die richtige Bahn zu weisen.
Der schönste Theil Londons ist das West-End; hier sind die großen, Straßen, Plätze (Squares), Clubs und Privatpaläste, die Parks und die reichen Gewölbsauslagen. Von den Straßen zeichnen sich Oxford und Regentstreet (jede mehrere Meilen lang) [Ich rechne (nicht nur in England, sondern während der ganzen Reise) nach ,,englischen Meilen,“ deren 4¼auf eine Deutsche Meile gehen.], von den Plätzen der Regent-Cirkus, Waterloo-Place, Charlestown-Terrace, Longham-, Portland-, Trafalgar-Square u.s.f. besonders aus. Schade ist es, daß alle diese Plätze belebender Zierden, wie Springbrunnen, gänzlich entbehren; nur Trafalgar-Square besitzt zwei Kaskaden.
Das hervorragendste öffentliche Gebäude ist Westminster-Hall, ein im reinsten gothischen Style aufgeführter Palast, unübertrefflich an Geschmack, Leichtigkeit und Zierlichkeit. Der Krönungs- und zugleich Sitzungssaal ist leider klein und so sehr mit Vergoldungen und Verzierungen überladen, daß er schwerfällig und ungeschmackvoll erscheint.
Somerset-House am Strande, mit der Hauptfronte gegen die Themse, nimmt sich imposant und großartig aus; es ist aus Quadersteinen erbaut und mit den geschmackvollsten Façaden und Arkaden versehen. Der Buckingham-Palast, Residenz des Hofes, ist zwar größer als Somerset-House, aber nicht so geschmackvoll. Die Theater Drurylane, Haymarket, das Italienische Opernhaus u.s.w. sind gewöhnliche Gebäude, die bloß durch ihre Größe auffallen. Das Kolosseum am Regentpark ist eine von Säulen umgebene Rotunde. Wie dieses kleine Gebäude zu dem anspruchsvollen Namen „Kolosseum“ kommt, vermag ich mir nicht zu erklären; — es mit jenem in Rom vergleichen zu wollen, kann doch unmöglich Jemanden in den Sinn kommen?! Das Schönste an diesem Gebäude ist im Innern ein Rundgemälde von London, welches zu besuchen ich allen Jenen anrathe, die nicht so glücklich sind, einen nebelfreien Tag zu erhaschen, um die Stadt selbst von einem ihrer hohen Punkte übersehen zu können. — Bemerkenswerthe Gebäude sind ferner die Admiralität, der Schatzkammer-Palast, Whitehall, mehrere Clubs und Privat-Paläste.
Unter den Brücken, die alle schön sind, zeichnet sich besonders die Waterloobrücke durch ihre ungemeine Zierlichkeit und vollkommen gerade Richtung ohne alle Steigung, aus. Die Hungerfordbrücke, ein prachtvolles, kühngespanntes Kettenwerk, ist nur für Fußgänger bestimmt.
Kirchen gibt es in London zwar viele, jedoch sind außer der St. Paulskirche in der City und der Westminster-Abtei im West-End, wenige des Besehens werth. Erstere ist ein Tempel im Neu-römischen Style mit einer hochgewölbten, majestätischen Kuppel und mit zwei Reihen von Säulen, deren eine den äußeren, die andere den inneren Theil des Gebäudes trägt. Im Innern stehen an den Wänden schöne Denkmäler zur Erinnerung an ausgezeichnete Admirale und Seeoffiziere. Die Westminster-Abtei, ein prächtiges Denkmal Gothischer Baukunst, hat die Gestalt eines länglichen Kreuzes. Auch hier stehen viele Slawen zur Erinnerung an berühmte Männer, an große Schriftsteller und Musiker, wie Milton, Shakespeare, Händel u.s.w. Man könnte diese Abtei füglich das Englische Pantheon nennen, hätten sich nicht auch Denkmäler für Leute eingeschlichen, deren einziges Verdienst war, mit hochklingendem Namen zur Welt gekommen zu sein.
Das Narrenhospital, Bedlam[3] ist ein großartiges Gebäude mit einfacher, zweckmäßiger Einrichtung im Innern und von Gärten umgeben. Die Schlafsäle sind der Länge nach durch Breterwände in drei Theile gesondert, deren mittlerer den Kranken zum Auf- und Abgehen und den Aufsehern zum Aufenthalte dient. Die beiden Seitentheile des Saales sind in Kämmerchen abgetheilt, gerade groß genug für ein Bett und ein befestigtes Bänkchen. Die Thürme haben kleine Oeffnungen, durch welche die Wärter die Kranken beaufsichtigen können. Außerdem besitzt jede Abtheilung ihre Wasch-, Bade-, Gesellschafts- und Speise-Zimmer. Der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Narren erschien mir ausnehmend grell. Man sah es den Männern beinahe durchgehends auf der Stirne geschrieben, daß ihre Narrheit Folge des abscheulichsten Lebenswandels sein mochte. Der Wärter führte mich durch einen Theil des Gartens, in welchem sich gerade mehrere dieser Unglücklichen aufhielten; ich kann nur sagen, daß ich froh war, ohne thätliche Beleidigung hindurch gekommen zu sein, und daß ich diesen Gang gewiß kein zweites Mal mehr unternehmen würde. Stets flößte mir der Anblick von Narren Mitleid und Wehmuth, hier — zwar ebenfalls Mitleid, doch auch Ekel, Abscheu und Furcht ein. Ganz anders war es bei dem weiblichen Geschlechte. Manche dieser armen Geschöpfe saßen in Winkelchen und weinten, andere starrten unbeweglich vor sich hin; eine trug, hätschelte und küßte eine große Puppe, als wäre sie ein lebendes Wesen. Was mögen diese Unglücklichen erduldet haben, bis sie hieher kamen, welch' traurige Geschichten voll Noth, Kummer und Verzweifelung mögen da begraben liegen!—
In Bedlam sind nur Leute der armen, unbemittelten Klasse; für Reiche gibt es der Privatanstalten genug.
Ein herrliches Gebäude ist das Brittische Museum. Es enthält viele reich ausgestattete Säle und ist gewiß in seiner Art das großartigste Institut der Welt. Hätte ich nicht kurz zuvor jenes in Berlin mit Muße und Aufmerksamkeit besehen, so würde es mich noch mehr überrascht haben. Einzig in ihrer Art dürfte die Sammlung der Alterthümer Ninive's sein, deren Ausgrabungen das Museum selbst veranlaßt hat. Viele von diesen Schätzen sind bereits aufgestellt, und beinahe eben so viele sollen noch eingepackt liegen, da es an Raum zur Aufstellung fehlt.
Das College of Surgeons enthält abnorme Skelette von Menschen und Thieren, Todtenschädel aller Völker der Welt, eine große Sammlung der seltensten Mißgeburten, nebst vielen andern höchst interessanten Gegenständen. Herr Professor Owens, einer der ausgezeichnetsten Männer Englands im Fache der Anatomie, ist Direktor dieses Kollegiums, welches unter seiner Leitung den jetzigen Punkt der Vollkommenheit erreicht hat. Ich war so glücklich, die nähere Bekanntschaft dieses gelehrten Mannes zu machen. Er gestattete mir, zu jeder Zeit die Säle zu besuchen und machte mich auf gar Vieles aufmerksam. Nicht minder dankbar bin ich dem Professor Wateshouse im Britischen Museum, welcher mir ebenfalls viele Stunden schenkte und mich besonders über die Art des Sammelns belehrte. Bei dieser Gelegenheit rechne ich es mir zur Ehre und Freude, des ausgezeichneten Geheimrathes Lichtenstein, Direktor des Museums zu Berlin, zu gedenken, der mir gleichfalls erlaubte, zu jeder Zeit das Museum zu besuchen, und mich selbst einigemale durch die Säle geleitete. Ihm, wie den beiden vorerwähnten Herren sage ich meinen innigen Dank für die Güte und Freundschaft, die sie mir bewiesen.
Außer dem Brittischen Museum, dem College of Surgeons gibt es noch mehrere Museen, unter welchen East-India-House, das ausschließend Gegenstände aus Indien enthält, das bedeutendste ist.
Die National-Bildergallerie hat keinen großen Reichthum an Meisterwerken. Drei Gemälde von Murillo gefielen mir am besten. Viele ausgezeichnete Gemälde sollen in den Gallerien reicher Privatleute zu finden sein.
Von den Parks liegen die beiden größten und besuchtesten, der Regent- und Hydepark in West-End. Hieher muß man kommen, um die reiche, elegante Welt zu sehen; da gibt es Equipagen in Hülle und Fülle, und Herren, Damen und Kinder auf Pferden aller Gattungen, von dem edlen Araber und dem langgestreckten Engländer herab bis zu dem Pony von der wunderbarsten Kleinheit und Zierlichkeit. Man sieht Frauen das Wagengespann leiten, ohne daß es Jemanden einfallen würde, darin irgend einen Anstoß zu finden. Eben so wenig ist es gegen die Sitte, wenn eine Frau oder ein Mädchen allein in Gesellschaft eines ihr nicht anverwandten Herrn spazieren reitet.
In Regentpark befindet sich der zoologische Garten, dessen Reichthum an exotischen Thieren ganz vorzüglich ist. Er enthält Löwen, Tiger, Leoparden, Giraffen von vollendeter Pracht und Größe. Ein Exemplar eines herrlichen Hippopotamus war dieser Menagerie erst ganz kürzlich zugewachsen, — ausgezeichnet fand ich die Abtheilung der Reptilien, unter welcher Schlangen und Boa's der seltensten und größten Arten.
Dem Hydepark schließt sich der ebenfalls ziemlich große, viel besuchte Kensingtonpark an. Er zeichnet sich besonders durch seine alten, ehrwürdigen und umfangreichen Bäume aus.
Der St. James- und der Green-Park gehören in dieselbe Kategorie.
Alle diese Parks, und nicht allein die öffentlichen, sondern auch jene der Privatleute sind ziemlich in derselben Art angelegt, — weite Rasenplätze, große prachtvolle Bäume, besonders Eichen- und Ulmbäume, Alleen und kleine Gruppen von Gesträuchen. Blumenboskette oder überhaupt Blumen findet man gewöhnlich nur in den Glashäusern.
Interessant ist noch ein Morgenbesuch des Coventgarden an Markttagen, besonders Sonnabends. Man findet hier zwar keinen Garten, wie der Name zu versprechen scheint, sondern bloß einen großen Platz mit Hallen und Gängen; allein der Anblick der in ungeheuerer Menge für den Bedarf von beinahe ganz London aufgestellten Vorräthe an Gemüsen, Früchten und Blumen lohnt die Mühe des Ganges.
In der City gibt es zwar weniger zu sehen, als in dem aristokratischen West-End; doch findet man auch hier höchst interessante Gegenstände. Vor allem merkwürdig ist der Tower, das älteste Gebäude Londons, ein großartig einfaches, ehrwürdiges Denkmal Gothischer Baukunst, — ferner die Bank, die Börse, Guildhall, letztere durch einen ungeheuren Saal ausgezeichnet, der zu Festessen u. dgl. benützt wird. Manston-House, Residenz des Lord Mayor's, erscheint etwas schwerfällig. Die Docks, für sich allein eine kleine Welt, bestehen aus sehr tiefen, breiten und großen durchgehends von Quadersteinen gebauten Kanälen und Becken, in welchen die größten Ostindienfahrer bis knapp an die Magazine gelangen und an Ort und Stelle ausladen können. Die Magazine sind vier bis sechs Stockwerke hoch; ihre Keller bergen die reichhaltigsten Weinlager der Welt. Die Docks sind von hohen, festen Mauern umgeben und des Abends geschlossen.
In der Nähe der City liegt das achte Wunder der Welt, der viel besprochene Tunnel unter der Themse. Dieses staunenswerthe Werk machte auf mich weit geringeren Eindruck, als ich davon erwartet hätte. Der unansehnliche Eingang schadet dem Ganzen. Ein kleines, beinahe ärmlich aussehendes Häuschen ist nämlich über eine weite, runde Oeffnung gebaut, und erst nachdem man über viele Stufen in die etwas schauerliche Tiefe hinabgestiegen ist, gelangt man in den hochgewölbten Gang oder Tunnel. Ein ähnliches Stiegenhaus führt auf der andern Seite wieder in die Höhe. Der Gang selbst ist durch zwei Reihen von Säulen, welche die Decke unterstützen, in drei Theile getheilt, von welchen zwei den Fußgängern zur Benützung stehen, während der mittlere zu Verkaufs-Läden eingerichtet ist. Er ist reich mit Gas erleuchtet und gewährt einen überraschenden Anblick, der wahrhaft ergreifend wird, wenn man bedenkt, welch ein Strom darüber rollt, wie die Schiffe über den Häuptern der Menschen segeln. Unendliche Summen und mehrere Menschenleben hat dieses Werk gekostet; allein Nutzen bringt es gar nicht. Die Aktionäre haben ihr Geld gänzlich dabei eingebüßt, denn die Einnahme für den Durchgang und für die Verkaufs-Gewölbe, deren nur wenige vermiethet sind, deckt kaum die laufenden Ausgaben, und sollten, was mit der Zeit unvermeidlich ist, kostspielige Hauptverbesserungen vorzunehmen sein, so dürfte das Ganze dem Verfalle überlassen werden. Die Hauptursache der geringen Benützung des Tunnels ist seine Abgelegenheit und der beschwerliche Zugang über die vielen Treppen.
Den Beschluß meiner Wanderungen in der City machte ein Besuch der Barkley'schen Bierbrauerei, der öffentlichen Wohn-, Wasch- und Badehäuser für die ärmeren Klassen, und ein Gang nach dem Postoffice. In der Bierbrauerei der Herren Barkley und Comp. werden täglich 1000 bis 1500 Säcke Malz verarbeitet. Unter den Tonnen, die das fertige Bier enthalten, gibt es viele die an 3000 Eimer fassen. Die Zahl der Arbeitsleute beträgt 400, jene der Pferde 160. Bei dieser Gelegenheit muß ich bemerken, daß ich nirgends so prachtvolle Arbeitspferde gesehen habe, als in London; sie sind von ungewöhnlicher Größe und Kraft und durchgehends wohl genährt und gehalten.
In den öffentlichen Wohn-, Wasch- und Badehäusern fand ich sehr zweckmäßige Einrichtungen, die in allen großen Städten Europa's nachgeahmt zu werden verdienten. Die Wohnhäuser für unverheiratete Männer, bestehen aus großen Sälen, gleich jenen in Bedlam durch Breterwände in kleine Gemächer abgetheilt, wovon jedes hinlänglich Licht, bei Tag von außen, des Nachts von großen Gasflammen empfängt, die an der Decke des Saales angebracht sind. Die Beleuchtung währt bis Mitternacht. Jedes Wohnhaus besitzt außerdem einen Lese- und Speisesaal und eine geräumige Küche, in welcher stets Feuer und kochendes Wasser unterhalten wird, so daß sich die Leute selbst ihre Mahlzeiten bereiten können. Der Preis ist für eine Person für die Woche drei Schillinge. Demnächst sollen auch für Frauenspersonen ähnliche Häuser errichtet werden. Für Familien gibt es deren bereits. Die Wohnungen bestehen aus drei Kämmerchen, nebst Küche und einem Behältnisse für den Kohlenvorrath. In jede Küche ist Wasser geleitet. Der Preis beträgt für die Woche fünf bis sechs Schillinge.
In den Waschhäusern hat jede Partei ihr abgesondertes Plätzchen, wo sie ungesehen von den Nachbarinnen ihre dürftige Wäsche reinigen kann. Der Wasserbedarf, kalt und warm, wird durch Röhren in die Tröge geleitet. Das Trocknen der Wäsche geschieht sehr schnell durch unterirdische Wärme in kleinen abgeschlossenen Räumen, die mit über einander laufenden Stangen versehen sind; eine Maschine windet das Wasser aus großen Gegenständen, wie Decken, Betttüchern u. d. gl. Der Preis per Stunde ist ein Penny. — Die Badehäuser sind mit den Waschhäusern stets vereint. Jedes Kämmerchen hat eine große Badewanne entweder von Metall oder mit weißer Glasur überzogen, sehr rein und nett gehalten. Ein Bad erster Klasse kostet warm sechs, kalt drei Pence, — zweiter Klasse warm zwei Pence, kalt einen Penny.
Das Postoffice besuche man Sonnabends nach fünf ein halb Uhr und verweile bis zum Schlusse, der mit dem Schlage sechs erfolgt. Um das Gedränge der Aufgeber, deren Zahl sich mit jeder Minute vermehrt, recht beobachten zu können, stelle man sich in der großen Halle auf, jedoch an einem sicheren Platze, denn nicht selten sind Verwundungen und Quetschungen die Folge des unauflösbar gewordenen Gewirres. Jedermann will sein Päckchen Briefe vor dem Schlage sechs abgeben. Die Briefe werden zwar noch bis neun Uhr angenommen; allein mit jeder Viertelstunde steigt das Porto.
Von den Umgebungen Londons habe ich ziemlich viel gesehen. Theils machte ich Ausflüge nach den merkwürdigsten Orten, wie Windsor, Woolwich, Kew, Chiswick, Greenwich, theils führten mich Besuche oft zehn bis zwölf Meilen weit in das Land hinein. In Hinsicht des einzig schönen Grün's der Wiesen, der frühzeitigen, reichen Vegetation fand ich alles bestätigt, was ich darüber gehört und gelesen hatte. Es war zu Anfang des Monats April, und schon blühten die Hecken, die Gebüsche waren belaubt, und die niedlichsten Blumen sproßten auf den smaragdgrünen, üppigen Wiesen. Die Stecheiche, der Portugiesische Lorbeer und noch andere Gesträuche bleiben selbst den ganzen Winter über belaubt und erfreuen das Auge stets durch ihr dunkelglänzendes Grün. Die Ursache dieses frischen Lebens in der Pflanzenwelt soll die gemäßigte, salzgeschwängerte und ewig feuchte Temperatur sein. Trotz der hohen nördlichen Lage [London liegt unter dem 50sten Breitengrade.] und der rauhen Witterung, die häufig schon Ende September eintritt und bis gegen den Mai anhält, ist England doch nur selten jener strengen, trockenen Kälte ausgesetzt, die selbst in bedeutend südlicher gelegenen Ländern Mittel-Europa's alles Leben erstarren macht. Der Schnee bleibt beinahe nie über sechs bis acht Tage liegen. In Folge dieses gemäßigten Winterklimas werden die Schafe, wie in Spanien und Portugal, stets im Freien gelassen.
Die schönsten von den in der nahen Umgebung Londons gelegenen Gärten sind jene zu Chiswick und Kew. Im ersteren finden jährlich in den Monaten Mai, Juni und Juli, drei Blumenausstellungen statt, deren jede aber nur einen Tag währt. Nie hätte ich gedacht, daß mir zu einem Ausfluge nach einem Garten Regenwetter nicht nur nicht hinderlich, sondern sogar erwünscht sein könnte, und doch war es so, und zwar bei dem Besuche einer derartigen Ausstellung. Bei schönem Wetter gibt sich hier nämlich die ganze Londoner elegante Welt Rendezvous; man kommt hieher, weniger der Blumen wegen, als um sich in Glanz und Putz zu zeigen; Musikbanden spielen an mehreren Orten und das Auf- und Niederwogen der zahllosen Besucher macht natürlich jedes genauere Besehen der Blumen unmöglich. Mich aber, wie gesagt, begünstigte das Wetter, — der Regen strömte unausgesetzt herab und Niemand störte mich in der Bewunderung der herrlichen Blumen, die in Glashäusern und unter Zelten aufgestellt sind. Von der Pracht, besonders des exotischen Theiles der Ausstellung kann man sich keine Vorstellung machen; ich sah die Fremdlinge hier wahrlich schöner und üppiger, voller und blühender als in ihren Heimathländern. Weniger reich war die Ausstellung an Früchten; die Ananasse allein zogen die Aufmerksamkeit durch ihre außerordentliche Größe (manche waren 10 bis 12 Pfund schwer) auf sich.
Kew ist theils Garten, theils Park. Hier sieht man prachtvolle Wiesen, reiche Baumpartien, spiegelhelle Teiche, künstliche Hügel, Lustgebände und Blumenparterres. Seine wahre Berühmtheit verdankt aber dieser Garten den herrlichen exotischen Blumen und Bäumen (unter letzteren Palmen von 80 Fuß Höhe), die in vielen großen Glashäusern schön gezogen und geordnet sind. Eines dieser Glashäuser könnte man füglich einen Glaspalast nennen; es besteht aus zwei Flügeln und einem prachtvollen Mittelgebäude, das sich kuppelartig über 100 Fuß erhebt; sein Anblick machte mir leicht begreiflich, wie man auf den Gedanken gekommen sei, ein derartiges Gebäude für die große Ausstellung in London aufzuführen. In der Höhe dieses Glaspalastes ist ringsumher eine Gallerie angebracht, von welcher man einen Ueberblick all' der Palmen, Blumen und Gesträuche hat. Mit etwas Fantasie kann man sich vom Standpunkte der Gallerie aus einen kleinen Begriff von Brasiliens Urwäldern machen.
Das Arsenal zu Woolwich bot mir des Neuen wenig; ich sah hier, was ich, in kleinerem Maßstabe, schon in Venedig gesehen hatte. Am meisten interessirte mich der Wagen, in welchem Napoleon zu St. Helena bestattet wurde; es ist derselbe, in welchem er spazieren fuhr; man nahm bloß den Kasten herunter und setzte an seine Stelle ein eisernes Gerippe, welches mit schwarzem Tuche überhangen wurde. — Die Fahrt nach Woolwich ist eines Tunnels von etwa zwei Meilen Länge wegen, nicht sehr angenehm, um so mehr, da weder der Tunnel, noch das Innere der Waggons erleuchtet ist. Man sitzt mehrere Minuten lang in wahrhaft beängstigender Finsterniß. Ich muß abermals bemerken, wie eigenthümlich hier zu Lande die Begriffe von sittlich und unsittlich sind. So ist es z. B. auf mancher Eisenbahn den Männern strenge untersagt, sich in den Wartezimmern der Frauen aufzuhalten. Hier, wo alles erleuchtet, alles offen ist, findet man ein solches Zusammensein unanständig, — in der undurchdringlichen Nacht des Tunnels ist es gestattet. Die Zeitungen ermangeln auch nicht, häufige Berichte von Diebstählen und andern Ereignissen zu geben, die eben nicht zu den sittlichen gehören.
Windsor Castle (20 engl. Meilen von London) ist nicht nur eines der schönsten Gebäude Gothischen Styles in England, sondern in ganz Europa. Es steht auf einer kleinen Anhöhe, ist aus massiven Steinen erbaut und stammt aus den Zeiten Wilhelms des Ersten. Doch war der eigentliche Gründer dieses Schlosses, so wie es jetzt ist, und der niedlichen Kapelle, Eduard der Dritte. Einige Verschönerungen wurden von nachfolgenden Regenten hinzugefügt. Das Ganze besteht aus zwei Höfen, dem Schlosse und dem runden Thurme. Man bewundert ganz besonders die Pracht der Gebäude, so wie die kühne, kuppelförmige Wölbung des Steindaches über dem Thurme. Die Säle im Schlosse sind alle hoch und groß, wahrhaft königlich; die Einrichtung höchst einfach. Jeder Saal hat seinen Namen, wie auch seine geschichtlichen Merkwürdigkeiten. Ein Saal enthält Bildnisse berühmter Regenten älterer und neuerer Zeit; es scheinen sich aber diese Bildnisse nicht gerade durch große Aehnlichkeit auszuzeichnen, wenigstens jene der Monarchen, die ich gesehen habe, wie des Kaisers von Oesterreich, des Kaisers von Rußland, des Königs von Preußen fand ich herzlich schlecht. — Die Kapelle besitzt schöne Glasmalereien. Der Kirchendiener forderte ein Eintrittsgeld von sechs Pence für die Person, obwohl auf der Karte, welche die Erlaubniß zur Besichtigung des Schlosses Windsor ertheilte, ausdrücklich bemerkt war, daß an Niemanden eine Gabe zu verabreichen sei.
Die Aussicht von dem Thurme ist sehr reizend; der Blick streift über zwölf Grafschaften und verfolgt den Lauf der Themse bis in weiter Ferne. Um den Hügel, auf welchem das Kastell liegt, breitet sich das niedliche Städtchen Windsor aus; südlich daran schließt sich ein prachtvoller Park, dessen Länge vier, dessen Umfang 15 Meilen betragen soll. Alte majestätische Bäume bilden prächtige Alleen, welche die herrlichsten Fuß- und Fahrwege beschatten. Berühmt sind in diesem Parke noch die Virgin waters.
Das Hospital zu Greenwich ist ein ehemaliger Sommerpalast der Königin Elisabeth. Jetzt dient derselbe bekanntlich als Versorgungsanstalt für die Invaliden der königlichen Marine. 2500 Mann finden hier Platz, und jeder hat sein eigenes kleines Schlafkämmerchen mit Stuhl und Bett und einem kleinen Wandschranke. Die Speisesäle sind prachtvoll, hoch und gewölbt. Die Leute saßen an langen Tafeln und aßen vier zu vier Mann die gemeinschaftliche Mittagsportion, bestehend aus Suppe, drei Pfund Fleisch (abwechselnd Rind-, Hammel-, Schweine- oder Salzfleisch) und vier Pfund Kartoffeln, nebst einem großen, schönen Weißbrote, Sie erhalten außerdem auch Hülsenfrüchte, Gemüse oder Mehlpuddings und an Getränken alle Tage Bier und Thee. Ich besuchte das Hospital absichtlich zur Mittagszeit, um bei der Austheilung zugegen zu sein. Ich fand hier, wie in allen öffentlichen Anstalten Englands, die ich zu besichtigen Gelegenheit hatte, daß die Leute nicht nur genügend erhalten, sondern auch daß das, was sie erhalten, vollkommen gut und unverdorben ist — nicht wie in manchen Ländern, wo den Armen nur an jenem Tage eine gesunde Nahrung vorgesetzt wird, an welchem der zufällige Besuch irgend eines Großen des Reiches oder eines Inspektors erfolgt, ein Zufall, von welchem sonderbarer Weise die Anstalt stets schon eine geraume Zeit vorher unterrichtet ist!
Die Austheilung geht auf folgende Weise vor sich. Die Speisen werden in zwei Kesseln bereitet, das Fleisch ist, bevor es in den Kessel kommt, in Stücke zu je drei Pfund getheilt, die Kartoffeln sind zu vier Pfund in kleine Netze gebunden. Das gekochte Fleisch wird in eine Tonne gelegt, die Suppe läuft mittelst einer Rinne in eine andere Tonne. Ein Mann legt die Portion Fleisch in eine tiefe Schüssel, ein zweiter schöpft mit einem Gefäße, das gerade die für vier Mann bestimmte Quantität enthält, die Suppe heraus und schüttet sie über das Fleisch, während ein dritter das Netz mit den Kartoffeln aus dem Kessel hebt, in welchem sie durch Dunst gekocht worden sind. Die Austheilung geht auf diese Art mit unglaublicher Ordnung und Schnelligkeit vor sich.
Ein kleines Seitengebäude dient als Hospital für Kranke, die von den Gesunden gänzlich getrennt sind und sogar ihr eigenes Gärtchen haben.
Ein schattiger, großer Park steht nicht nur den Matrosen, sondern dem ganzen Publikum zur Benützung offen. In diesem Parke liegt die Sternwarte, durch welche die Engländer den ersten Meridian oder Längengrad ziehen.
Das Hospital besitzt auch eine kleine, niedliche Bildergallerie, berühmte Seegefechte und Bildnisse ausgezeichneter Seehelden enthaltend. In zwei Glaskästen werden einige Kleidungsstücke des großen Nelson bewahrt, darunter der Rock und die Weste, durch welche in der Schlacht bei Trafalgar der tödtliche Schuß in die Brust drang.
Noch bleibt übrig, der, obwohl zufälligen, so doch größten und bedeutendsten Merkwürdigkeit Londons zu erwähnen, der universellen Industrie-Ausstellung. Nicht genug kann ich Herrn Buschek (Präsident der Österreichischen Abtheilung) danken, der mich mit einem Billete beglückte, welches mich zu dem Beiwohnen der Eröffnung und zu fünf Besuchen berechtigte.
Die Eröffnung fand, wie bekannt, mit großer Feierlichkeit statt. Die Königin erschien mit Prinz Albert und ihren zwei erstgebornen Kindern in Begleitung der Minister und Großen des Reiches, der auswärtigen Diplomaten und der Abgesandten all jener Staaten, die an der Ausstellung Theil genommen hatten. Nach einer kurzen Rede des Prinzen Albert an die Königin, einem Gebete und einer Hymne, bewegte sich der ganze Zug langsam durch das Gebäude, hin und wieder bei einigen der kunstvollsten Gegenstände verweilend. Dem außen harrenden Volke wurden die Hauptmomente durch Kanonenschüsse verkündet.
Die Feierlichkeit begann um zehn Uhr, um Mittag war sie beendet; jetzt erst hatten jene Eintritt, welche Season Tickets (Billets für die ganze Zeit der Ausstellung) besaßen.
Kurz vorher, ehe die königliche Familie den Krystallpalast[4] verließ, ging ich hinaus, um den Zug von Außen zu sehen und das Benehmen des Volkes zu beobachten. Der Equipagen waren sehr viele, alle sehr reich und glänzend; nur gefiel mir die Maskerade der Kutscher und Diener nicht: erstere trugen gelockte und gepuderte Perücken, auf welchen winzig kleine dreieckige Hütchen saßen; manche waren noch zum Ueberflusse mit großen Blumensträußen auf der Brust geschmückt. Die Diener, deren gewöhnlich zwei hinter dem Wagen standen, waren gleich Portiers mit großen Stöcken versehen. — Den königlichen Wagen umgab einiges Militär und Garden. Das Englische Militär ist eines der schönsten, das man sehen kann; es besteht aus lauter kräftigen, hochgewachsenen Leuten. Die Garde zeichnet sich überdieß durch reiche Uniformirung und durch schöne Pferde, alle von derselben Farbe, aus. [Man hat in London nicht oft Gelegenlieit Militär zu sehen, eine Sache die um so mehr auffällt, wenn man gerade aus Staaten kommt, in welchen beinahe ein Viertheil der Männer den Soldatenrock trägt.]
Das Benehmen des Volkes war vollkommen musterhaft, es fiel nicht die geringste Unordnung vor; nirgends hatte ein ungestümes Hinzudrängen, Stoßen oder Balgen statt, und nie wurde weniger gestohlen als an diesem Tage — man gab bei der Polizei nur drei Diebstähle an. Und — so unglaublich dieß auch gewissen Leuten in gewissen Ländern scheinen mag — nicht ein Mann Militär war aufgestellt. Einfache Polizeimänner mit fußlangen Stäbchen in den Händen reichten hin, das Volk in schönster Ordnung zu erhalten; sie hatten weiter nichts zu thun, als die Leute, die auf Plätze kamen, wohin sie nicht gehörten, auf die Achsel zu klopfen und höflich anzusprechen: „Move, if you please“ (bewegen sie sich gefälligst weiter), und Jedermann ging seines Weges.
Meine Leser werden mich entschuldigen, wenn ich ihnen und mir die Beschreibung der Ausstellung erspare. Zahllose Bücher, Broschüren und Zeitschriften haben ihren Ruhm der ganzen Welt verkündet, und kaum dürfte es Jemanden geben, der nicht Vieles darüber gelesen, der nicht Abbildungen des feenartigen Krystallpalastes und der in ihm enthaltenen Meisterwerke aus jedem Gebiete der Industrie, aus jedem Lande der Welt gesehen hat. Ich kann nur sagen, daß der Anblick des Ganzen ein wunderbarer, unvergeßlicher war, und daß ich kaum glaube, daß je wieder Aehnliches zu Stande kommen wird.
Am 24. Mai Abends begab ich mich an Bord des Schiffes Allanadale[5] von 300 Tonnen Gehalt, Kapitän Brodie.
Zu meinem Erstaunen fand ich Niemanden an Bord als den Kapitän, der mir sagte, daß er der ganzen Mannschaft, bis auf den Matrosenjungen herab, die Erlaubniß gegeben habe, diese Nacht am Lande zuzubringen, und daß er selbst ebenfalls das Schiff verlasse. Ich hätte dasselbe thun können; allein da ich einige Meilen entfernt von London wohnte, so fürchtete ich, mich am folgenden Morgen verspäten zu können. Ich schloß mich in die Kajüte ein, und war für diese Nacht alleinige Herrin des Schiffes[2q].
