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Ida Pfeiffer: Ausgewählte Werke E-Book

Ida Pfeiffer

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Beschreibung

In "Ida Pfeiffer: Ausgewählte Werke" versammelt die Autorin eine Vielzahl ihrer literarischen Schöpfungen, die sich nicht nur durch ihren prägnanten Stil, sondern auch durch tiefgreifende anthropologische und geografische Einsichten auszeichnen. Die Texte reflektieren ihre beeindruckenden Reisen, insbesondere in ferne Länder wie Südamerika und die Südsee, und bieten einen einzigartigen Blick auf die Kulturen und Gesellschaften, die sie besuchte. Pfeiffer gelingt es, in lebhaften Beschreibungen sowohl die Schönheit der Natur als auch die Herausforderungen der Menschen darzustellen, was ihre Werke zu einem wertvollen Zeugnis der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts macht. Ida Pfeiffer (1797-1858) war eine Pionierin unter den Reisenden und eine der ersten Frauen, die im 19. Jahrhundert die Welt bereisten und darüber schrieben. Ihr Mut, die Konventionen ihrer Zeit zu hinterfragen, führte sie auf zahlreiche Abenteuer, die diverse Erfahrungen in ihren Essays und Reiseberichten einfließen ließen. Als Botanikerin und Ethnologin hatte sie ein ausgeprägtes Interesse an der Natur und der menschlichen Gesellschaft, was sie als Vorreiterin für zukünftige Explorationsliteratur prädestinierte. Für Leser, die sich für Entdeckungsreisen, Reiseberichte und die Geschichte der Frauen in der Literatur interessieren, ist "Ida Pfeiffer: Ausgewählte Werke" ein unverzichtbares Leseerlebnis. Es bietet nicht nur spannende Geschichten von Abenteuern und Erlebnissen, sondern auch tiefere Einblicke in die sozialen und kulturellen Strukturen der damaligen Zeit. Pfeiffers Werke zeigen, wie die persönliche Entdeckung der Welt Hand in Hand gehen kann mit einer kritischen Auseinandersetzung mit den Normen ihrer Zeit. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Ida Pfeiffer

Ida Pfeiffer: Ausgewählte Werke

Bereicherte Ausgabe. Eine Frauenfahrt um die Welt + Meine Zweite Weltreise + Reise einer Wienerin in das Heilige Land…
Einführung, Studien und Kommentare von Daniel Frank
EAN 8596547757009
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Ida Pfeiffer: Ausgewählte Werke
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Ida Pfeiffer: Ausgewählte Werke führt zentrale Texte einer der prägenden Reiseschriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts in einer Edition zusammen. Die Sammlung zeigt die Spannweite ihres Schaffens und macht zugleich die innere Konsequenz ihrer Perspektive sichtbar: von frühen, biographisch grundierten Selbstzeugnissen bis zu groß angelegten Reiseberichten. Ziel ist es, Pfeiffers Werk in seiner Vielfalt zugänglich zu machen und zugleich einen verlässlichen Überblick zu bieten. Leserinnen und Leser erhalten damit einen Einstieg in Ton, Themen und Arbeitsweise der Autorin, während Kennerinnen und Kenner die Möglichkeit haben, die großen Stationen ihres publizierten Oeuvres in dichter Folge erneut zu durchschreiten.

Die Edition umfasst Reise einer Wienerin in das Heilige Land, Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845, Eine Frauenfahrt um die Welt, Meine Zweite Weltreise und Reise nach Madagaskar. Ergänzt werden diese Hauptwerke durch Ein Brief von Ida Pfeiffer aus Californien, durch Ida Pfeiffer unter den Kannibalen sowie durch die Biographische Skizze: Ida Pfeiffer, nach ihren eigenen Aufzeichnungen. Zusammengenommen bilden die Texte eine Abfolge, die unterschiedliche Etappen, Räume und Schreibsituationen bündelt, ohne den Charakter der jeweiligen Einzelschriften zu nivellieren. So entsteht ein Panorama, das Reiselektüre, Selbstdeutung und Momentaufnahmen produktiv verschränkt.

Vertreten sind verschiedene Gattungen und Textsorten der Reiseliteratur: umfangreiche Reiseberichte mit erzählenden und deskriptiven Passagen, tagebuchnah strukturierte Kapitel, reflektierende Abschnitte und ein eigenständiger Brief. Die biographische Skizze, die sich auf Pfeiffers eigene Aufzeichnungen stützt, rahmt das Werk aus persönlicher Perspektive und liefert komprimierte Kontextualisierung. Die großen Reisebände arbeiten mit einer fortlaufenden Ich-Erzählung, die Beobachtung, Orientierung und Erfahrungswissen verknüpft. Der Brief aus Californien zeigt dagegen eine konzentrierte, situativ gebundene Stimme. Mit dieser Mischung erlaubt die Sammlung, Pfeiffers Schreibhaltung über verschiedene Formen hinweg zu verfolgen und Wechselwirkungen zwischen dokumentarischem Anspruch und literarischer Gestaltung sichtbar zu machen.

Als verbindende Themen treten Neugier, Beharrlichkeit und die Bereitschaft zur Überschreitung vertrauter Horizonte hervor. Pfeiffer interessiert sich für Verkehrswege, Landschaften und klimatische Bedingungen ebenso wie für Alltagspraktiken, religiöse Rituale und gesellschaftliche Ordnungen. Sie reflektiert wiederholt über Reisemotive, Risiko und Anstrengung und verhandelt die Position einer alleinreisenden Frau im globalen Raum des 19. Jahrhunderts. Der Perspektivwechsel zwischen Nahsicht und Überblick, zwischen Detail und Route, erzeugt eine Dynamik, die Erfahrungen nicht isoliert, sondern in größere Zusammenhänge von Bewegung, Austausch und Wissensgewinn einbettet. So entstehen Texte, die Beobachtung, Selbstprüfung und Weltbeschreibung eng miteinander verschränken.

Pfeiffers Stil ist sachlich, konzentriert und von genauer Gegenstandswahrnehmung getragen. Sie bevorzugt klare, oft knappe Sätze, gliedert ihre Darstellungen übersichtlich und hält persönliche Eindrücke mit zurückhaltendem Ton fest. Wo andere exotisieren, bemüht sie sich um Nüchternheit; wo Überraschung nahe liegt, sucht sie nach Einordnung. Charakteristisch sind die Aufmerksamkeit für praktische Abläufe des Reisens, die kritische Prüfung von Hörensagen an der eigenen Erfahrung und die respektvolle Distanz gegenüber Ungewohntem. Diese Schreibweise verbindet Anschaulichkeit mit prüfender Reflexion und verleiht den Texten einen dokumentarischen Wert, der über den Moment der Entstehung hinaus trägt.

Die hier versammelten Werke sind zentrale Dokumente deutschsprachiger Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts. Sie zeigen, wie individuelle Bewegung Wissen erzeugen und verbreiten kann, und veranschaulichen zugleich, wie sich Lektüreerwartungen und Reisepraktiken gegenseitig beeinflussen. Pfeiffer gilt heute als Pionierin weiblichen Reisens und als aufmerksame Beobachterin kultureller Begegnungen. Ihre Texte besitzen Quellenwert für Geschichts-, Kultur- und Mobilitätsforschung und lassen sich auch als Beiträge zu Debatten über Wahrnehmung, Vermittlung und Verantwortung des Reisens lesen. In ihrer Mischung aus persönlicher Stimme und sorgfältiger Beschreibung wirken sie weiter, weil sie Neugier mit Maß und Urteilskraft verbindet.

Die Sammlung lädt dazu ein, die Entwicklung einer Autorin nachzuzeichnen, die aus Notizen, Beobachtungen und Wegerfahrungen Texte von bleibender Wirkung formte. Gleichzeitig erfordert die Lektüre historisches Bewusstsein: Bezeichnungen wie in Ida Pfeiffer unter den Kannibalen spiegeln zeitgenössische Fremdzuschreibungen und sollen heute kritisch gelesen werden. In der Zusammenschau entsteht kein abgeschlossenes Weltbild, sondern ein offener Dialog zwischen Reisebericht, Selbstzeugnis und Brief. So wird Pfeiffers Werk nicht musealisiert, sondern als lebendige Herausforderung präsentiert, die zum Vergleich von Perspektiven ermutigt und die Frage stellt, wie verantwortungsvolle Reise- und Weltbeschreibung damals wie heute gelingen kann.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Ida Pfeiffer (1797–1858) gilt als eine der ersten allein reisenden Reiseschriftstellerinnen Europas. Die in Wien aufgewachsene Bürgerliche finanzierte ihre Unternehmungen durch sparsames Leben, den Verkauf von Sammlungsstücken und die Publikation ihrer Berichte. Die Sammlung „Ida Pfeiffer: Ausgewählte Werke“ bündelt zentrale Stationen: von der frühen „Reise einer Wienerin in das Heilige Land“ über die „Reise nach dem skandinavischen Norden ... 1845“ bis zu „Eine Frauenfahrt um die Welt“, „Meine Zweite Weltreise“ und späten Texten zu Kalifornien, Borneo und Madagaskar. Die „Biographische Skizze ...“ fixiert das Selbstbild der entschlossenen, zugleich bescheidenen Beobachterin.

Diese Reisen vollzogen sich in einer Epoche rasanter Mobilität. Dampfschiffe, verbesserte Postrouten und konsularische Netzwerke erleichterten ab den 1840er Jahren transkontinentale Bewegung, noch vor der Eröffnung des Suezkanals 1869. Pfeiffers frühe Expedition ins Heilige Land (1842/43) stand im Kontext europäischer Bibelforschung, Pilgerfahrten und der Tanzimat-Reformen im Osmanischen Reich, die Visa- und Verkehrsfragen regelten. Europäische Missionsgesellschaften und Archäologen prägten die Wahrnehmung Jerusalems, Jaffas und Beiruts als Kontaktzonen. Diese Infrastruktur machte eine „Wienerin“ mobil, blieb jedoch unsicher: Grenzregime, Krankheiten und lokale Konflikte bestimmten Takt und Risiko ihrer Unternehmungen. Reiseversicherungen standen noch am Anfang, und Wetterrisiken blieben erheblich.

Die Reise in den skandinavischen Norden und nach Island (1845) fiel in die Blüte naturkundlicher Neugier. Vulkanologie, Gletscherforschung und Meteorologie mobilisierten Gelehrte und Sammler; Island stand unter dänischer Verwaltung, was Verwaltungswege und Sprachen bestimmte. Pfeiffer nutzte den florierenden Markt für Naturalien, Insekten und Mineralien, den Museen in Wien, Berlin oder London bedienten, und verknüpfte Beobachtung mit Sammlungspraxis. Diese wissenschaftsnahe Perspektive prägt auch spätere Werke: präzise Notizen zu Topografien, Flora, Fauna und Alltagskulturen legitimierten weibliche Reisetätigkeit gegenüber skeptischem Publikum und förderten ihre Akzeptanz in bürgerlichen Wissenskulturen. Korrespondenzen mit Geographen und Verlegern strukturierten Routen und Zeitpläne.

Auf ihren Weltumrundungen traf Pfeiffer auf Knotenpunkte imperialer Expansion. Britische und niederländische Stützpunkte – Kapstadt, Singapur, Batavia – strukturierten Logistik, Schutz und Konflikte. In Borneo und Sumatra kursierten europaweit Geschichten über Dayaks oder Batak als „Kannibalen“; Sarawak stand seit 1841 unter dem „Weißen Rajah“ James Brooke. Solche kolonialen Deutungsrahmen färbten die ethnografische Sprache der Zeit, prägten „Ida Pfeiffer unter den Kannibalen“ und verwandte Passagen. Zugleich erlaubte ihr Status als Frau Einblicke in häusliche Sphären, die Männern oft verschlossen blieben, während diplomatische Räume patriarchal kontrolliert wurden – eine Spannung, die ihre Berichte produktiv machte.

Die Jahre 1846–1848 und 1851–1855, in denen Pfeiffer die Welt bereiste, fielen mit der europäischen Krisenzeit 1848 zusammen und mit globalen Migrationswellen. Die Revolutionen beeinflussten Pässe, Zensur und Geldflüsse; Leserinnen und Leser suchten nach Orientierung und Eskapismus. Ihr „Brief aus Californien“ reflektiert die Goldrauschgesellschaft von 1848–1855: rasantes Stadtwachstum, transozeanische Schifffahrt, multinationale Lager, spekulative Ökonomien. Diese Verdichtungen machten ihre Texte zu Zeitdiagnosen eines beschleunigten Jahrhunderts, deren nüchterner Ton – abwägend, moralisch ohne Predigt – Vertrauen schuf und den Abstand zwischen Wiener Wohnzimmern und globalen Boomtowns überbrückte. Zeitungen und Lesevereine verbreiteten ihre Briefe rasch.

Die „Reise nach Madagaskar“ dokumentiert die Spannungen des Jahres 1857 unter Königin Ranavalona I., deren Hof europäische Einflüsse begrenzte. Inmitten von Handelskonflikten, Missionspolitik und einem vereitelten Komplott wurden europäische Residenten verdächtigt; Pfeiffer geriet ins Räderwerk von Misstrauen, Verfolgungen und Ausweisungen. Die erzwungene Abreise und ihre schwere Erkrankung vor dem Tod 1858 verliehen dem Werk Tragik und Aktualität. Zeitgenössisch las man darin ein Lehrstück über Grenzen europäischer Einwirkung und die Ambivalenzen zwischen Neugier, Intervention und Respekt. Das Buch schärfte Debatten über Souveränität, Religion und die Risiken „ziviler“ Expansion sowie die Rolle von Vermittlern am Hof.

Als Autorin profilierte sich Pfeiffer im Spannungsfeld von Geschlecht, Bürgertum und Markt. Titel wie „Eine Frauenfahrt um die Welt“ oder „Reise einer Wienerin …“ vermarkteten das Unerhörte, ohne die Norm zu sprengen: Sie stilisierte sich als sparsame, pflichtbewusste, gläubige Beobachterin. Diese Selbstinszenierung öffnete Türen zu Salons, Presse und Gelehrten, zugleich brachte sie paternalistische Beurteilungen ein. Ihre Texte zeigen, wie Frauen durch Beharrlichkeit, Netzwerke und Kenntnis der Etikette Handlungsspielräume erweiterten. Die „Biographische Skizze … nach ihren eigenen Aufzeichnungen“ stabilisierte dieses Bild und diente als Referenzrahmen für spätere Neuauflagen und weltweite Übersetzungen.

Die ausgewählten Werke bezeugen die Verdichtung der Welt im 19. Jahrhundert: neue Routen, Imperien, Wissenschaften und Märkte verbanden entlegene Räume. Pfeiffers Beobachtungen und Sammlungen flossen in Museen und populäres Wissen ein und beeinflussten Erwartungen an Authentizität im Reiseliteraturmarkt. Gleichzeitig reproduzieren sie zeittypische Stereotype und Hierarchien, deren Sprache kritisch zu lesen ist. Ihre zurückhaltende, methodische Erzählweise, der Blick für Alltagspraktiken und Kontaktzonen und die Erfahrung als allein reisende Frau machten sie zu einer Schlüsselfigur. Posthum wirkten ihre Bücher als Quellenkorpus für Globalgeschichte, Geschlechtergeschichte und die Geschichte des Wissens, und sie prägen bis heute Lektüren von Mobilität und Begegnung.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Selbstzeugnisse: Biographische Skizze & Ein Brief von Ida Pfeiffer aus Californien

Die biographische Skizze bündelt Pfeiffers eigene Aufzeichnungen zu Herkunft, Antrieb und Arbeitsweise und zeichnet ein nüchternes Selbstporträt einer entschlossenen Reisenden.

Der Brief aus Kalifornien bietet eine unmittelbare Momentaufnahme von Reisealltag und Gesellschaft im Umbruch, festgehalten in knapper, ungeschönter Beobachtung.

Reise einer Wienerin in das Heilige Land

Der Bericht folgt Pilger- und Handelsrouten durch das östliche Mittelmeer zu religiösen Zentren und urbanen Knotenpunkten.

Im Fokus stehen pragmatische Wegbeschreibungen, Kosten und Sicherheitsfragen sowie vorsichtige Vergleiche von Bräuchen in sachlichem Ton.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island (1845)

Die Reise verknüpft Seefahrt und lange Landetappen mit präzisen Notizen zu Klima, Landschaft und Alltagskultur in Skandinavien und auf Island.

Betont werden Ausdauer und Beobachtungslust: Naturphänomene, karge Lebensweisen und logistische Hürden erscheinen in kühler, respektvoller Darstellung.

Eine Frauenfahrt um die Welt

Die erste Weltumrundung schildert Ozeanpassagen und Aufenthalte in Häfen sowie Binnenstationen, begleitet von minutiösen Beobachtungen zu Reisebedingungen, Handel und Sitten.

Der Ton ist beharrlich und unprätentiös; sichtbar wird, wie eine Reisende mit Improvisationsgabe Barrieren überwindet, Kontakte knüpft und Wissen sammelt.

Späte Expeditionen: Meine Zweite Weltreise, Reise nach Madagaskar & Ida Pfeiffer unter den Kannibalen

Diese Unternehmungen steigern Risiko und Reichweite: Zwischen entlegenen Regionen und höfischen Zentren (Madagaskar) entstehen knappe Protokolle zu Verhandlungen, Grenzübertritten und physischer Belastung.

Begegnungen mit als „Kannibalen“ bezeichneten Gruppen werden ohne Sensationsdrang aus einer nüchternen Beobachterperspektive beschrieben, während die zweite Weltreise die ethnografische und politische Aufmerksamkeit weiter schärft.

Gesamtwerk: Leitmotive und Stil

Durchgängig prägen Genauigkeit, Routen- und Kostenangaben sowie eine sachliche, inventarisierende Prosa das Werk, getragen von der Grenzüberschreitung einer allein reisenden Frau des 19. Jahrhunderts.

Wiederkehren Neugier, Vergleichsblick und Resilienz; zugleich spiegeln die Texte ihre Zeit mit deren Wertungen, wodurch eine Spannung zwischen Empirie, Abenteuer und Selbstbehauptung entsteht.

Ida Pfeiffer: Ausgewählte Werke

Hauptinhaltsverzeichnis
Biographische Skizze: Ida Pfeiffer, nach ihren eigenen Aufzeichnungen
Reise einer Wienerin in das Heilige Land
Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845.
Eine Frauenfahrt um die Welt
Meine Zweite Weltreise
Reise nach Madagaskar
Ein Brief von Ida Pfeiffer aus Californien
Ida Pfeiffer unter den Kannibalen

Biographische Skizze: Ida Pfeiffer, nach ihren eigenen Aufzeichnungen

Inhaltsverzeichnis

Es existiren über Ida Pfeiffer verschiedene, in Encyklopädieen und Zeitschriften zerstreute biographische Aufsätze, die sich theils auf mündliche Mittheilungen der Verstorbenen, theils auf Erzählungen ihr nahe gestandener Personen stützen. Eine authentische Lebensbeschreibung der Weltreisenden gibt es bis jetzt aber noch nicht, obwohl gewiß Viele, welche mit ihren Sympathien die muthige Frau begleiteten, den Wunsch hegen, auch etwas Näheres über das frühere Leben Ida Pfeiffer's zu erfahren. Bei bedeutenden Menschen finden sich die Grundbedingungen einer außerordentlichen Entwickelung meistens schon in der Jugend, und wer ein interessantes Menschenleben von seiner Mittagshöhe bis zum Niedergang mit Theilnahme verfolgt hat, der wird gerne einen Rückblick in die frühen Tage werfen, in welchen die Keime der späteren Bedeutung gelegt wurden.

Hiermit ist die Veröffentlichung nachstehender Blätter wohl hinlänglich gerechtfertigt, um so mehr, als diese biographische Skizze in Bezug auf das Thatsächliche ausschließlich auf der Erzählung der Verstorbenen selbst beruht. Frau Ida Pfeiffer hat einen kurzen Lebensumriß, von ihrer eigenen Hand geschrieben, hinterlassen, dessen Benutzung die Familie mit großer Bereitwilligkeit gestattete. Ihm soll sich eine übersichtliche Darstellung ihrer Reisen und endlich ihr Tagebuch aus Madagaskar, welchem ihr Sohn, Herr Oskar Pfeiffer, die Erzählung ihres Leidens und Todes beifügte, anschließen. Somit läge dann der ganze Lebenslauf der Verstorbenen, mit besonderer Betonung der letzten Ereignisse ihres viel bewegten Daseins, d. h. der in ihren Einzelnheiten so interessanten Reise nach Madagaskar, vor dem Leser.

Unsere Reisende ist am 14. Oktober 1797 in Wien geboren. Sie war das dritte Kind des wohlhabenden Kaufmannes Reyer und erhielt in der Taufe die Namen Ida Laura. Bis zu ihrem neunten Jahre gab es in ihrem elterlichen Hause, außer ihr selbst, nur Knaben, so daß sie unter sechs Geschwistern das einzige Mädchen war. Durch den fortwährenden Umgang mit ihren Brüdern bildete sich in ihr eine große Lust an dem Wesen und den Spielen der Knaben aus. „Ich war nicht schüchtern, sondern wild wie ein Junge und beherzter und vorwitziger als meine älteren Brüder,“ sagt sie von sich selbst, indem sie beifügt, daß es ihr größtes Vergnügen war, in Knabenkleidern sich unter Jungen umherzutummeln und alle tollen Knabenstreiche mitzumachen. Von Seite der Eltern legte man dieser Tendenz nicht nur kein Hinderniß in den Weg, sondern man gestattete auch, daß das Mädchen Knabenkleider trug, wodurch die kleine Ida vollends den Puppen und dem Küchen-Geschirr gram wurde und sich dagegen mit Trommeln, Säbeln, Gewehren und dergleichen beschäftigte. Der Vater scheint namentlich an dieser Anomalie seine Freude gehabt zu haben. Er versprach im Scherz dem Mädchen, er werde es in einer Militär-Erziehungs-Anstalt zum Offizier heranbilden lassen und forderte mittelbar dadurch das Kind auf, Muth, Entschlossenheit und Verachtung des Schmerzes zu zeigen. Daran ließ es Ida denn nun auch nicht fehlen, nachdem es ihr eifrigster Wunsch war, sich einmal mit dem Säbel in der Faust den Weg durch das Leben zu bahnen. An Beispielen von Unerschrockenheit und Selbst-Ueberwindung mangelte es sogar in ihrer frühen Kindheit nicht.

Ueber Kinder-Erziehung hegte Herr Reyer seine eigenen Ideen, deren Durchführung in seiner Familie er mit Macht aufrecht erhielt. Er war ein sehr rechtlicher, aber strenger Mann, der die Ueberzeugung hatte, daß die Jugend vor allem vor Unmäßigkeit zu bewahren sei und ihre Gelüste und Begierden bezähmen lernen müsse. In Folge dessen erhielten seine Kinder eine genau zugemessene, einfache, fast karge Kost und mußten ruhig bei Tische zusehen, wenn die Erwachsenen sich an verschiedenen Speisen gütlich thaten. Ebenso war es den Kleinen nicht gestattet, ihr Verlangen nach irgend einem eifrig gewünschten Spielzeug in wiederholter Bitte auszusprechen. Ja, die Gesinnungs-Strenge des Vaters ging so weit, daß er den Kindern manchen billigen Wunsch abschlug, manche Freude versagte, nur um sie an Entbehrung zu gewöhnen. Widerstand duldete er nicht, und selbst Vorstellungen gegen seine an Härte streifende Strenge ließ er nicht gelten.

Unzweifelhaft ging der alte Herr in der Konsequenz seines Erziehungs-Systems zu weit; aber eben so sicher ist es, daß aus der kleinen Ida, ohne diese spartanisch strenge Erziehung, nie die Weltreisende geworden wäre, die Wochen und Monate lang die stärksten Strapazen oft bei der erbärmlichsten Nahrung ertragen konnte. So finden die Haupt-Eigenschaften Ida Pfeiffer's — Muth, Ausdauer, Gleichgiltigkeit gegen Schmerz und Entbehrungen ihre Ausbildung in einer fast bizarren Erziehungs-Methode, für welche sich in unserer alles Eigenthümliche mit Hast nivellirenden Zeit schwer ein Vertheidiger finden dürfte. Das Besondere mit seinen scharfen Umrissen und tiefen Schatten verblaßt immer mehr in dem Lichte einer hellen, vernünftigen Alltäglichkeit, die Charakterköpfe, die wir noch in unserer Jugend unter uns umherwandeln sahen, scheiden unersetzt einer nach dem anderen und machen sehr rationellen, aber etwas langweiligen und einförmigen Gestalten Platz.

Ida's Vater starb im Jahre 1806 und hinterließ eine Witwe mit sieben Kindern. Die Knaben befanden sich in einer Lehr-Anstalt und der Mutter fiel die Erziehung des fast neunjährigen Mädchens anheim. So gefürchtet die väterliche Strenge bei den Kindern war, so erschien sie dem Mädchen doch nicht so fatal wie die Melancholie der Mutter, die mit Aengstlichkeit und Mißtrauen jede Bewegung der Kinder überwachte und aus übertriebenem Pflichtgefühl der heranwachsenden Tochter manche bittere Stunde bereitete.

Einige Monate nach dem Tode des Vaters wurde der erste Versuch gemacht, dem Mädchen die Knabenkleider zu nehmen und die Hose gegen den Unterrock zu vertauschen. Das Attentat erschien der zehnjährigen Ida aber so unerhört, daß sie vor Schmerz und Aerger darüber krank wurde. Auf den Rath des Arztes gab man ihr wieder die Knabenkleider zurück und versuchte nun mit Vorstellungen nach und nach auf den Verstand der Widerspänstigen einzuwirken.

Die dem Mädchen wieder zugestellten Knabenkleider wurden mit stürmischem Enthusiasmus in Empfang genommen, die Gesundheit kehrte zurück und Ida benahm sich nun mehr als je wie ein Junge. Sie lernte alles, was ihr für Knaben passend schien, mit Fleiß und Eifer, betrachtete dagegen jede weibliche Arbeit mit der tiefsten Verachtung, und da sie beispielsweise Klavierspielen mehr als weibliche Art betrachtete, so schnitt sie sich häufig in die Finger oder brannte letztere mit Siegellack, um nur den verhaßten Uebungen zu entgehen. Für Violin-Spiel zeigte sie große Lust. Die Mutter gestattete jedoch dieß nicht, und der Klavier-Lehrer wurde förmlich oktroyirt und mit Macht aufrecht erhalten.

Als das für Oesterreich so verhängnißvolle Jahr 1809 kam, war Ida zwölf Jahre alt. Nach dem gerade von ihren Neigungen und Ideen Mitgetheilten wird man es natürlich finden, daß sie das größte Interesse an den Kriegsbegebenheiten nahm. Sie las mit Eifer die Zeitung und verfolgte auf der Landkarte die Stellungen der beiden sich feindlich gegenüberstehenden Armeen. Voll Patriotismus jubelte und tanzte sie, wenn die Oesterreicher siegten, während sie bittere Thränen vergoß, wenn das Kriegsglück den Feinden günstig war. Da das elterliche Haus in einer der lebhaftesten Straßen Wiens lag, so gaben die vielen Truppenmärsche oft Gelegenheit zur Unterbrechung der Studien und zur Formulirung der eifrigsten Wünsche für den Sieg der Oesterreichischen Fahnen. Wenn Ida so von ihrem Fenster aus ihre Landsleute in den Krieg ziehen sah, so bedauerte sie nichts mehr, als daß sie noch zu jung war, um den bevorstehenden großen Strauß mitzukämpfen. Sie glaubte nämlich ihre Jugend sei für sie das einzige Hinderniß, mit in den Krieg zu ziehen.

Leider siegten die Franzosen, der Feind rückte in die Hauptstadt ein und die Angelegenheiten Oesterreichs standen grundschlecht. Ja, die kleine Patriotin erlebte den Aerger, daß die verhaßten Sieger in Masse im elterlichen Hause einquartirt wurden, bei dieser Gelegenheit die Hauptrolle spielten, am Tisch mitaßen und für alle derartigen Gefälligkeiten die zuvorkommendste Behandlung beanspruchten. Zeigten nun auch alle Hausbewohner den Siegern ein freundliches Aeußere, so konnten weder Bitten, noch Befehle, noch Drohungen das Mädchen veranlassen, daß es den Franzmännern ein gutes Gesicht machte. Sie gab im Gegentheil ihre Gesinnung durch Schweigen und Trotz, und wenn sie direkt von den Feinden aufgefordert wurde, sich zu äußern, durch Worte des Unmuthes und des glühendsten Hasses zu erkennen. Sie sagt über diesen Punkt: „Mein Haß gegen Napoleon war so groß, daß ich den Mordversuch des bekannten Staps in Schönbrunn als eine der verdienstlichsten Thaten betrachtete und den Thäter, als man ihn vor ein Kriegsgericht stellte und erschoß, wie einen Märtyrer verehrte. Ich glaubte, wenn ich selbst Napoleon hätte ermorden können, ich würde keinen Augenblick gezaudert haben.“

Es ist bekannt, daß man Ida dazu zwang, eine Revue, die Kaiser Napoleon in Schönbrunn über seine Truppen abhielt, mit anzusehen, daß das Mädchen, als der Verhaßte vorüber ritt, ihm den Rücken kehrte und für diese Gesinnungstüchtigkeit mit einer Ohrfeige von mütterlicher Seite belohnt wurde, daß die Mutter sie dann an den Schultern festhielt, dabei aber nichts erreichte, da Ida, während der Kaiser mit seinem glänzenden Stab von Marschällen zum zweiten Mal vorüber ritt, die Augen schloß.

Mit dem dreizehnten Lebensjahre erhielt sie zum zweiten Male Mädchenkleider, und diesmal für immer. Sie war nun freilich schon verständig genug, die Nothwendigkeit dieser Umwandlung einzusehen; aber nichts destoweniger kostete dieselbe ihr viele Thränen und machte sie sehr unglücklich. Es handelte sich ja dabei nicht nur um andere Kleider, sondern auch um anderes Benehmen, um andere Beschäftigungen, Gewohnheiten und Bewegungen. „Wie linkisch und unbeholfen war ich Anfangs,“ sagt sie in ihrem Tagebuche; „wie lächerlich mußte ich in den langen Kleidern aussehen, als ich dabei noch immer lief und sprang und mich in allem benahm wie ein wilder Junge!“

„Glücklicher Weise erhielten wir damals einen jungen Mann als Lehrer, der sich meiner ganz besonders annahm. Ich erfuhr später, daß er die Mutter oft im Geheimen bat, mit mir, als einem Kinde, dessen Gedanken von allem Anfang an eine schiefe Richtung gegeben worden war, Nachsicht zu haben. Er selbst behandelte mich mit ungemeiner Güte, mit dem größten Zartgefühl und bekämpfte mit Beharrlichkeit und Geduld meine verkehrten und verworrenen Ideen. Da ich meine Eltern mehr fürchten als lieben gelernt hatte und er, so zu sagen, das erste Wesen war, das mir mit Freundlichkeit und Theilnahme entgegenkam, so hing ich mit schwärmerischer Liebe an ihm. Ich suchte jeden seiner Wünsche zu erfüllen und fühlte mich nie glücklicher, als wenn er mit meinen Bestrebungen zufrieden schien. Er leitete meine ganze Erziehung, und obgleich es mich gar manche Thräne kostete, meinen jugendlichen Träumereien zu entsagen und mich mit Dingen zu befassen, die ich früher mit der tiefsten Verachtung betrachtet hatte, so that ich es doch — ihm zu Liebe. Selbst alle weiblichen Arbeiten, Nähen, Stricken, Kochen u.s.w. lernte ich. Ihm verdanke ich es, daß ich im Verlaufe von drei bis vier Jahren vollkommen zu der Einsicht der Pflichten meines Geschlechtes gelangte, daß aus dem wilden Jungen eine bescheidene Jungfrau wurde.“

In jener Zeit als Ida der Knaben-Rolle entsagen mußte, keimte in ihr der erste Wunsch die Welt zu sehen. Vom Krieg und vom Soldatenleben wandte sie den Sinn ab, um ihn großen Reisen zuzuwenden; die Reise-Literatur beschäftigte sie auf das Lebhafteste und ersetzte bei ihr das Gefallen an Putz, Bällen, Theatern und allen anderen Vergnügungen, die sonst einen Mädchenkopf ganz anzufüllen pflegen. Wenn sie von Jemanden hörte, der große Reisen gemacht hatte, so erfaßte sie Wehmuth, daß ihr als Mädchen für immer das Glück verschlossen bleiben mußte, das Weltmeer zu durchfurchen und ferne Länder aufzusuchen. Oft lag ihr der Gedanke nahe, mit Naturwissenschaften sich zu beschäftigen; sie unterdrückte ihn aber immer wieder, weil sie darin nur Rückkehr zu den „verkehrten Ideen“ witterte. Es wird gut sein, sich vor Augen zu halten, daß im Anfang unseres Jahrhundertes ein Bürgermädchen, auch aus wohlhabender, angesehener Familie, eine weit einfachere Erziehung erhielt als heut zu Tage.

Ein wichtiger Abschnitt im Leben Ida Pfeiffer's mag hier nach ihrer eigenen Erzählung seinen Platz finden:

„In meinem siebzehnten Jahre hielt ein reicher Grieche um meine Hand an. Die Mutter verwarf seinen Antrag, weil der Bewerber nicht katholisch war und ich ihr zum Heirathen noch zu jung schien. Sie fand es unpassend für ein Mädchen unter zwanzig Jähren sich zu verehelichen.“

„Bei dieser Gelegenheit ging in meinem Inneren eine große Umwandlung vor. Bisher hatte ich nichts geahnt von jener mächtigen Leidenschaft, die den Menschen zum glücklichsten, aber auch zum unglücklichsten Wesen machen kann. Als mich die Mutter von dem Antrage des Griechen unterrichtete, als ich erfuhr, daß es in meiner Bestimmung läge, einen Mann zu lieben und ihm für immer anzugehören, da gewannen die Gefühle, die ich bisher unbewußt in mir getragen, eine feste Gestaltung und es wurde mir klar, ich könne Niemand andern lieben als T..., den Führer meiner Jugend.“

„Ich wußte nicht, daß auch T... mit ganzer Seele an mir hing; ich kannte ja kaum meine eigenen Gefühle, um wie viel weniger war ich fähig, jene einer anderen Person zu errathen. Als T... jedoch von der Bewerbung um mich hörte, als ihm die Möglichkeit vor Augen trat, mich verlieren zu können, da gestand er mir seine Liebe und beschloß, bei der Mutter um meine Hand anzuhalten.“

„T... hatte sich dem Staatsdienste gewidmet und bereits seit einigen Jahren eine Anstellung erhalten, von deren Gehalt er ganz gut leben konnte. Schon lange war er von dem Beruf eines Lehrers zurückgetreten, ohne jedoch deshalb unser Haus seltener zu besuchen. Er brachte im Gegentheil fast alle freien Stunden bei uns zu, als ob er ganz zur Familie gehörte. Meine fünf Brüder waren seine Freunde und die Mutter hatte ihn so gerne, daß sie ihn oft „ihren lieben sechsten Sohn“ nannte. Er fehlte bei keiner Gesellschaft in unserem Hause und bei keiner Einladung, der wir folgten. Bei Theaterbesuchen, Spaziergängen u.s.w. war er stets unser Begleiter. Was war natürlicher, als daß wir beide uns überredeten, die Mutter habe uns für einander bestimmt und werde wahrscheinlich nur die Bedingung setzen, daß wir warten sollten bis ich mein zwanzigstes Jahr erreicht und T... eine bessere Anstellung erlangt haben würde?“

„T... hielt daher um meine Hand an.“

„Doch wer vermag unsere schmerzliche Ueberraschung zu schildern, als die Mutter ihre Einwilligung nicht nur ganz und gar versagte, sondern auch T... von diesem Augenblick an gerade so haßte, wie sie ihm früher gewogen war. Gegen T... konnte kein anderer Grund vorliegen, als daß ich einmal ein ziemlich großes Vermögen zu erwarten hatte, und daß T... vor der Hand nur einen bescheidenen Gehalt bezog. Hätte die Mutter ahnen können, was später aus meinem Vermögen wurde, wie sich mein Loos so ganz anders gestaltete als sie es in ihren Gedanken sich zurecht gelegt hatte, sie würde mir den tiefsten Kummer und endloses Leid erspart haben!“

„Nach dem Antrage T...'s hätte die Mutter gewünscht, mich so rasch als möglich zu verheirathen. Ich erklärte jedoch bestimmt, daß ich T...'s Frau werden oder unverheirathet bleiben wolle. T... durfte natürlich unser Haus nicht mehr betreten, und da meine Mutter wußte, wie hartnäckig ich auf meinem Willen bestand, wenn es mir ernst um eine Sache war, so führte sie mich zuweilen zu einem Geistlichen, der mir die Pflichten der Kinder gegen ihre Eltern und den Gehorsam, den letztere zu fordern berechtigt sind, klar machen mußte. Man wollte mir einen feierlichen Eid vor dem Kreuze abnehmen, T... nicht heimlich zu sehen, noch mit ihm Briefe zu wechseln. Den Eid verweigerte ich, aber ich versprach das Verlangte, vorausgesetzt, daß man mir gestattete, T... von allem in Kenntniß zu setzen. Die Mutter gestand dies endlich zu und ich schrieb T... einen langen Brief, in welchem ich ihm alles mittheilte und ihn bat, ja nichts zu glauben, was ihm andere Leute von mir sagen würden. Ich fügte hinzu, daß ich ihn weder sehen noch einen zweiten Brief ihm schreiben könne, daß aber — im Fall ein anderer um meine Hand anhielte und die Mutter mich zu einer Ehe zwingen wolle — T... dies sofort durch mich erfahren werde.“

„T...'s Antwort war kurz und voll tiefen Schmerzes. Er schien es begreiflich zu finden, daß unter solchen Umständen keine Hoffnung für uns war, und daß mir nichts anderes übrig blieb als den Befehlen meiner Mutter zu gehorchen. Doch erklärte er bestimmt, er selbst werde nie sich verehlichen.“

„Hiermit schloß unsere Korrespondenz. Drei lange traurige Jahre vergingen, ohne daß ich ihn sah und ohne daß sich in meinen Gefühlen oder in meiner Lage etwas änderte.“

„Eines Tages ging ich mit einer Freundin meiner Mutter spazieren und begegnete zufällig T... Unwillkürlich blieben wir beide stehen; aber lange vermochten weder er noch ich ein Wort über die Lippen zu bringen. Endlich wurde T... seiner Bewegung Meister und fragte mich, wie es mir ginge. Ich aber war zu tief erschüttert um sprechen zu können. Meine Kniee bebten und es war mir, als müßte ich bewußtlos niedersinken. Dann faßte ich krampfhaft den Arm meiner Begleiterin, zog sie fort mit mir, und ohne zu wissen was ich that, eilte ich nach Hause. — Zwei Tage später lag ich im hitzigen Fieber.“

„Der herbeigerufene Arzt mochte die Ursache meiner Krankheit wohl ahnen und erklärte, wie ich später erfuhr, meiner Mutter, daß mein Uebel nicht im Körper, sondern im Gemüth seinen Ursprung habe, daß Arzneien hier wenig helfen würden und daß vor allem eine Besserung meines Seelenzustandes angestrebt werden müsse. Die Mutter beharrte jedoch auf ihrem Willen und sagte dem Arzte, sie vermöge nichts zu ändern.“

Die Kranke schwebte lange in Lebensgefahr und wünschte in ihrer Exaltation nichts sehnlicher als den Tod. Als sie durch eine Ungeschicklichkeit ihrer Wärterin erfuhr, wie man in der That täglich ihre Auflösung erwartete, beruhigte sie dies so sehr, daß sie in einen tiefen Schlaf verfiel und die Krise glücklich überstand.

Ida's Vater hatte ein bedeutendes Vermögen hinterlassen, es fehlte daher nicht an Bewerbern um ihre Hand. Sie wies indeß jeden Antrag zurück und kam dadurch ihrer Mutter gegenüber in ein immer unangenehmeres Verhältniß, denn der Wunsch der letzteren, Ida möge ihre Wahl treffen, sprach sich stets drängender aus. Durch diese häuslichen Mißhelligkeiten wurde endlich der Wille des Mädchens gebrochen, nachdem ihr jedes Loos erträglicher erschien als in der bisherigen Lage fortzuleben. Sie erklärte, sie werde den nächsten Freier annehmen, nur müsse er ein bejahrter Mann sein. Damit wollte sie T... beweisen, daß nicht Liebe sondern moralischer Zwang sie zum Ehebündniß getrieben habe.

Im Jahre 1819, als Ida 22 Jahre alt war, wurde Dr. Pfeiffer, einer der ausgezeichnetsten Advokaten Lembergs, Witwer und Vater eines schon erwachsenen Sohnes, in dem Reyer'schen Hause eingeführt. Er hielt sich nur einige Tage, verschiedener Geschäfte wegen, in Wien auf, und empfahl bei seinem baldigen Abschied der Reyer'schen Familie seinen Sohn, der an der Wiener Universität die Rechte studirte.

Ungefähr vier Wochen später kam ein Brief von Dr. Pfeiffer, in welchem er um Ida förmlich anhielt. Da er mit Ida nur einige Worte über die gleichgiltigsten Dinge gewechselt, so hatte sie auch nicht im entferntesten an die Möglichkeit einer Werbung von dieser Seite gedacht. Sie wurde nun an ihr Versprechen erinnert, den nächsten Freier anzunehmen.

„Ich versprach die Sache zu überlegen,“ sagt sie in ihrem Tagebuch. „Dr. Pfeiffer schien mir ein sehr vernünftiger, gebildeter Mann zu sein; was aber in meinen Augen noch weit mehr zu seinem Vortheil sprach, war, daß er hundert Meilen von Wien entfernt lebte und 24 Jahre mehr zählte als ich.“

Nach acht Tagen willigte sie unter der Bedingung ein, Dr. Pfeiffer die wahre Lage ihres Herzens mittheilen zu dürfen. Dieß geschah denn auch in einem ausführlichen Briefe, in welchem sie ihrem Freier nichts verheimlichte, wobei sie die stille Hoffnung nährte, derselbe werde von seiner Werbung abstehen. Dr. Pfeiffer aber antwortete alsbald, er sei durch das Geständniß einer 22jährigen Jungfrau, daß sie schon geliebt habe, gar nicht überrascht. Diese wahrheitsgetreue, offene Darstellung lasse ihm Ida gerade um so achtungswerther erscheinen; er beharre bei seiner Werbung und glaube fest, daß er sie nie zu bereuen haben werde.

Nun lag Ida die schwere Pflicht ob, T... die Wendung ihres Geschickes mitzutheilen. Sie that dieß in einigen Zeilen, wie man sich denken kann, mit den schmerzlichsten Gefühlen. Die Antwort war durchaus in dem würdigsten Tone gehalten, voll Entsagung und Edelsinn. T... sprach wiederholt die Versicherung aus, er werde ihrer nie vergessen und sich nie verehelichen. Er hat sein Wort gehalten.

Die Trauung mit Dr. Pfeiffer fand am 1. Mai 1820 statt, und acht Tage später reiste das neue Ehepaar nach Lemberg ab. Die Fahrt brachte Zerstreuung, indem sie in der jungen Frau die alte Reiselust anfachte und gab dem Paar Gelegenheit sich näher kennen zu lernen. Ida fand in ihrem Mann Redlichkeit, Offenheit und Verstand, und wenn es auch nicht in ihrer Macht lag, ihn zu lieben, so konnte sie ihm doch Achtung und herzliche Zuneigung um so weniger versagen, als er sich ebenso liebevoll als zartsinnig gegen sie zeigte. Sie nahm sich vor, ihre Pflichten redlich zu erfüllen und sah mit einer gewissen Beruhigung der Zukunft entgegen.

Dr. Pfeiffer war ein Mann der geraden und freien Gesinnung, der das Unrecht, wo er es antraf, rücksichtslos aufdeckte und angriff, und aus seiner Ueberzeugung kein Hehl machte. In dem Beamten-Schlendrian in Galizien war damals gar mancherlei faul; es fehlte nicht an bestechlichen und unredlichen Beamten. Namentlich hatte Dr. Pfeiffer Gelegenheit, bei einem großen Prozeß, den er siegreich durchführte, Schwindeleien der stärksten Art zu entdecken, die er furcht- und schonungslos der höchsten Autorität in Wien anzeigte. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet, die Angaben Dr. Pfeiffer's erwiesen sich als begründet und mehrere Beamte wurden theils entlassen, theils versetzt.

Indeß blieben für Dr. Pfeiffer die schlimmen Folgen auch nicht aus. Durch seine Anzeige hatte er sich den größten Theil der Beamten zu Feind gemacht, und diese feindselige Gesinnung trat so oft und so entschieden zu Tage, daß Dr. Pfeiffer endlich seine Advokatur niederlegen mußte, denn er wäre für seine Klienten nicht nur von keinem Nutzen gewesen, sondern hätte ihnen geradezu geschadet.

„Mein Mann,“ schreibt Ida Pfeiffer, „hatte das alles wohl vorausgesehen; aber es ging ihm gegen die Natur, über schmachvolle Ungerechtigkeiten ein Auge zuzudrücken. Noch in demselben Jahre legte er seine Stelle nieder und nachdem er seine Privat-Geschäfte geordnet, übersiedelten wir 1821 nach Wien, wo er bei seinen vielseitigen Kenntnissen leicht eine Beschäftigung zu finden hoffte. Sein Ruf jedoch war ihm bereits vorausgeeilt; man kannte in Wien seine Gesinnung und seine Handlungen so gut wie in Lemberg und witterte in ihm einen unruhigen Kopf und einen Feind des Bestehenden. In Folge dessen waren alle seine Bewerbungen um Agenten-Stellen u. dgl. vergeblich. Man gab den unbedeutendsten, talentlosesten Menschen, was man ihm wiederholt verweigerte.“

Alles dieß wirkte natürlich sehr störend auf Pfeiffer's Gemüth ein. Er sah sich überall in seinen Arbeiten und Bestrebungen gehemmt und durchkreuzt und was er sonst mit Eifer und Vergnügen betrieb, verursachte ihm jetzt Mißmuth und Aerger. Seine Thätigkeit verlor sich endlich zum Theil, und was er arbeitete, das brachte ihm entweder sehr geringen oder gar keinen Nutzen. Dadurch wurden die Lebens-Verhältnisse des Pfeiffer'schen Ehepaares alle Tage kritischer. Dr. Pfeiffer hatte wohl früher als tüchtiger Advokat in Lemberg eine bedeutende Einnahme gehabt; aber er liebte es auf großem Fuße zu leben, hielt Wagen und Pferde, führte gute Tafel und dachte nie daran, für die Zukunft zu sorgen. Viele Leute, die seine Großmuth kannten, benutzten ihn, indem sie ihm Geld abborgten. So schwand auch Ida's väterliches Erbe durch einen Freund Pfeiffer's, dem man aus der Klemme helfen wollte. Er fallirte trotz der Hilfe und alles war verloren.

Nachdem Dr. Pfeiffer vergeblich gesucht hatte in Wien Beschäftigung zu erhalten, kehrte er mit seiner Frau nach Lemberg zurück, kam später wieder nach Wien und versuchte endlich sogar sein Glück in der Schweiz, wo er geboren, aber nur die ersten Jahre seines Lebens geblieben war. Es wollte ihm jedoch nirgends gelingen und die Noth, die bittere Noth klopfte an die Pforte dieser Familie.

„Gott allein weiß, was ich durch achtzehn Jahre meiner Ehe litt!“ ruft Ida Pfeiffer aus. „Nicht durch rohe Behandlung von Seite meines Mannes, sondern durch die drückendsten Lebens-Verhältnisse, durch Noth und Mangel! Ich stammte aus einem wohlhabenden Hause, war von frühester Jugend an Ordnung und Bequemlichkeit gewöhnt, und nun wußte ich oft kaum, wo ich mein Haupt niederlegen, wo das Bischen Geld hernehmen sollte, um mir nur das höchst Nöthige anzuschaffen. Ich verrichtete alle Hausarbeiten, ich fror und hungerte, ich arbeitete im Geheimen für Geld, ich ertheilte Unterricht in Zeichnen und Musik, und doch trotz aller Anstrengungen gab es oft Tage, an welchen ich meinen armen Kindern kaum etwas mehr als trockenes Brot zum Mittagessen vorzusetzen hatte!“

„Allerdings hätte ich bei meiner Mutter oder bei meinen Geschwistern Unterstützung suchen und finden können; allein dagegen empörte sich mein Stolz. Jahre lang kämpfte ich mit der Noth und verheimlichte meine Lage; oft war ich der Verzweiflung so nahe, daß mich nur noch der Gedanke an meine Kinder aufrecht erhielt. Endlich brach das Uebermaß der Leiden meinen Sinn und ich nahm verschiedene Male die Hilfe meiner Brüder in Anspruch.“

Ida Pfeiffer hatte zwei Söhne. Eine Tochter war einige Tage nach der Geburt gestorben. Die Erziehung der Söhne fiel ganz der Mutter zu, und da der jüngere viel Talent für Musik zeigte, so gab sie sich besondere Mühe mit ihm, um seine guten Anlagen auszubilden.

Im Jahre 1831 starb die alte Frau v. Reyer, während der langen Krankheit, die ihrem Tode voranging, von ihrer gerade in Wien weilenden Tochter sorgsam gepflegt. Ida begab sich nach dem Tode ihrer Mutter abermals nach Lemberg, von wo Dr. Pfeiffer neuerdings über sichere Aussichten auf eine passende Beschäftigung schrieb. Der nunmehr 60jährige Mann lebte aber nur immer in Illusionen — ein einfaches Versprechen genügte, um ihn mit größtem Vertrauen in die Zukunft zu erfüllen. Als daher Ida das schwankende dieser Verhältnisse noch einmal während zwei Jahren genau erfahren hatte, kehrte sie wieder nach Wien zurück, wo es ihr wenigstens leichter war, ihren Söhnen eine ordentliche Erziehung zu geben.

Durch den Tod ihrer Mutter hatte sie zwar kein großes Vermögen, aber doch so viel geerbt, daß sie anständig leben und ihren Kindern ordentliche Lehrer halten konnte. 1835 siedelte sie definitiv nach Wien über, während Dr. Pfeiffer in Lemberg blieb, wohin ihn Gewohnheit und die Neigung für seinen dort angestellten Sohn aus erster Ehe zog. Nur von Zeit zu Zeit kam er nach Wien, um Frau und Kinder zu sehen.

Bei einer Reise, welche Ida Pfeiffer mit ihrem jüngeren Sohne nach Triest machte, um denselben dort Seebäder nehmen zu lassen, sah sie zum ersten Male das Meer. Der Eindruck, den die See auf sie machte, war überwältigend. Die Träume ihrer Jugend tauchten mit den imposantesten Bildern ferner, noch unbekannter Länder voll fremdartiger, üppiger Vegetation auf. Eine kaum zu bewältigende Reiselust erwachte in ihr, und gerne hätte sie das erste Schiff bestiegen, um hinauszufahren in das unermeßliche, geheimnißvolle Meer. Nur die Pflicht gegen ihre Kinder hielt sie zurück; doch fühlte sie sich glücklich, als sie Triest wieder verlassen konnte und der Karst zwischen ihr und der See lag; denn die Sehnsucht nach der weiten Welt hatte in der Seestadt wie ein Alp auf ihrer Brust gelegen.

Als sie wieder nach Wien in ihr ruhiges Alltags-Leben zurückgekehrt war, beschäftigte sie fortwährend der Wunsch, daß sie so lange bei Kraft bleiben möge, bis ihre Söhne selbstständig und auf das eigene Wissen gestützt sich in der Welt bewegen könnten. Dieser Wunsch wurde ihr erhört. Ihre Söhne wuchsen kräftig heran und wurden in ihrem Berufe wackere Männer.

Die vollendete Erziehung und gesicherte Stellung beider gab Ida Pfeiffer wieder sich selbst und ihren Reise-Gedanken zurück. Das alte Projekt, die Welt zu sehen, tauchte neuerdings auf und fand nun in den Gründen der Vernunft und Pflicht keinen Widerstand mehr. Viel beschäftigte sie die Idee, wie sie allein eine größere Reise ausführen werde — denn allein mußte sie reisen, da ihr Mann schon zu alt war, um die Strapazen eines derartigen Unternehmens zu ertragen, und die Söhne ihrem Berufe nicht auf längere Zeit entrissen werden konnten. Auch die Geldfrage gab viel Stoff zum Nachdenken. Die Länder, welche sie besuchen wollte, hatten weder Gasthöfe noch Eisenbahnen, durch deren Abwesenheit der Reisende zu viel bedeutenderen Ausgaben genöthigt ist, da er alles, dessen er bedarf, mit sich führen muß. Und über viel Geld hatte Ida Pfeiffer, nachdem sie einen Theil ihres mütterlichen Erbe zur Erziehung ihrer Söhne verwendet, nicht zu verfügen.

„Doch war ich bald über diese wichtigen Punkte mit mir einig,“ schreibt sie in ihrem Tagebuche. „Was den ersten anbelangt, daß ich als Frau allein in die Welt hinaus wollte, so verließ ich mich auf meine Jahre (ich zählte deren schon 45), auf meinen Muth und auf die Selbstständigkeit, die ich in harter Schule des Lebens erlangt hatte, als ich nicht nur für mich und meine Kinder, sondern auch mitunter für meinen Mann sorgen mußte. In Betreff des Geldpunktes war ich zur größten Sparsamkeit entschlossen. Unbequemlichkeiten und Entbehrungen schreckten mich nicht. Ich hatte ja deren schon genug und zwar gezwungen ertragen; wie viel leichter mußten die freiwillig aufgesuchten mit einem bestimmten Ziel vor Augen, zu ertragen sein!“

Eine andere Frage, nämlich: Wohin? war auch bald beantwortet, da zwei Projekte die Gedanken der Reiselustigen von Jugend auf beschäftigten — eine Nordpol-Fahrt und eine Reise in das heilige Land. Der Nordpol zeigte trotz aller magnetischen Anziehungskraft bei näherer Ueberlegung unüberwindliche Schwierigkeiten. Es blieb daher das „heilige Land.“ Als sie indeß ihren Freunden von ihrem Wunsch, Jerusalem zu besuchen, erzählte, wurde sie einfach als Närrin, als überspannte Person behandelt und niemand schien ein solches Unternehmen ihr im Ernst zuzutrauen.

Nichtsdestoweniger beharrte sie bei ihrem Entschluß, verheimlichte aber das eigentliche Ziel der Reise, indem sie erklärte, sie werde eine Freundin in Konstantinopel, mit der sie seit langer Zeit in lebhafter Korrespondenz stand, besuchen. Sie zeigte niemanden ihren Paß und keiner von denjenigen, die von ihr sich verabschiedeten, ahnte ihr eigentliches Ziel. Am schwersten wurde ihr der Abschied von ihren Söhnen, die mit großer Liebe an ihr hingen und sie gar nicht aus ihren Armen lassen wollten. Mit aller Kraft kämpfte sie ihre weiche Stimmung hinab, vertröstete die Ihrigen auf baldiges Wiedersehen und bestieg am 22. März 1842 das Dampfboot, das sie die Donau hinabtrug nach dem Schwarzen Meer und der Stadt des Halbmondes. Sie besuchte Brussa, Beirut, Jaffa, das Todte Meer, Nazareth, Damaskus, Balbek, den Libanon, Alexandrien, Kairo und reiste durch die Wüste des Isthmus von Suez zum Rothen Meer. Von Egypten kehrte sie über Sicilien und durch ganz Italien in die Heimath zurück und traf im Dezember 1842 in Wien ein. Da sie nach einem sorgfältig geführten Reise-Tagebuch oft ihren Freunden und Bekannten von ihren Erlebnissen erzählte, so wurde sie mehrfach aufgefordert, ihren ganzen Pilgerzug drucken zu lassen. Der Gedanke, Schriftstellerin zu werden, widerstrebte jedoch ihrer Bescheidenheit, und erst als ein Verleger ihr direkt Anträge machte, willigte sie ein, ihr Erstlingswerk der Oeffentlichkeit zu übergeben. Es erschien unter dem Titel: „Reise einer Wienerin in das heilige Land“ (2 Bände Wien 1843, vierte Auflage 1856) und obgleich die Verfasserin weder viel Neues zu erzählen hatte, noch in dem damals so beliebten Stil berühmter „Reisendinnen“ den geistreichen Damen-Pegasus ritt, so machte ihr Büchlein, wie die vier Auflagen beweisen, doch Glück. Es scheint, daß gerade die Einfachheit der Darstellung und die schmucklose Erzählung der Wahrheit sich rasch ein großes Publikum eroberten.

Der gute Erfolg dieser ersten Reise, welcher der Pilgerin durch Honorar neue Geldmittel zuführte, erweckte in ihr bald wieder Reise-Plane, und dießmal trieb es sie nach dem fernen Norden, wo sie großartige Bilder, außerordentliche Natur-Erscheinungen aufsuchte.

Nach mancherlei Vorbereitungen, zu welchen das Erlernen der englischen und der dänischen Sprache, sowie des Daguerreotypirens zählte, und nachdem sie sich genau über die zu besuchenden Länder unterrichtet, trat sie am 10. April 1845 ihre Reise nach dem Norden an. Am 16. Mai landete sie an der isländischen Küste, durchstreifte die interessante Insel nach allen Richtungen, besuchte den Geiser, sowie die anderen heißen Quellen und erstieg den Hekla, welcher kurz nach ihrer Abreise, nachdem er siebenzig Jahre gerastet, wieder Feuer zu speien begann. Ende Juli segelte sie nach Kopenhagen zurück, reiste von da nach Christiania, Thelemarken, über die schwedischen Seen nach Stockholm, und über Upsala nach den Eisenwerken von Danemora. Ueber Travemünde, Hamburg und Berlin suchte sie wieder ihre Vaterstadt auf, in der sie am 4. Oktober 1845 — also nach sechsmonatlichen Wanderungen — eintraf.

Das Tagebuch dieser zweiten Reise erschien unter dem Titel: „Reise nach dem Skandinavischen Norden und der Insel Island“ (Pest 1846, 2 Bände) und wurde gleichfalls viel gelesen. Der Erlös der mitgebrachten Naturalien, sowie das Honorar des Verlegers bildeten für Ida Pfeiffer die Grundlage von Ersparnissen für neue Unternehmungen, welche in Folge der bisher errungenen Erfolge in jeder Hinsicht größere Dimensionen annehmen sollten. Eine Reise um die Welt war es, die den Geist der kühnen Frau jetzt beschäftigte und diese einmal gefaßte Idee ließ ihr bald keine Ruhe mehr.

„Größere Mühsale und Entbehrungen,“ schreibt sie, „als ich in Syrien und Island ausgestanden hatte, konnte ich nirgends erwarten. Auch die Kosten erschreckten mich nicht, da ich nun schon aus Erfahrung wußte, wie wenig man bedarf, wenn man sich auf das Allernöthigste beschränkt und jeder Bequemlichkeit, jedem Ueberfluß zu entsagen bereit ist. Durch meine Ersparnisse erhielt ich Summen, welche einen Fond bildeten, mit dem Reisende wie der Fürst Pückler-Muskau oder wie Chateaubriand und Lamartine höchstens auf einer vierzehntägigen Badereise ausgekommen wären, die mir, der einfachen Pilgerin, aber zu zwei- und dreijährigen Fahrten genügend schienen und, wie die Folge zeigte, es auch waren.“

Indem sie von ihren großartigen Reiseplanen den Verwandten und namentlich ihren Söhnen nichts sagte, sondern nur Brasilien als ihr Ziel nannte, nahm sie am 1. Mai 1846 von Wien Abschied und begab sich nach Hamburg, wo sie erst am 28. Juni in einer kleinen dänischen Brigg eine passende Gelegenheit zur Reise nach Brasilien fand.

Durch ungünstiges Wetter und Windstillen aufgehalten, brauchte das Schiff von Hamburg zur Passirung des Kanals La Manche einen vollen Monat, d. h. dieselbe Zeit, die es von da bis zum Aequator segelte. Am 16. September landete es in Rio Janeiro. Von hier aus unternahm Ida Pfeiffer verschiedene Ausflüge in das Land. Auf einem derselben wurde sie von einem entlaufenen Negersklaven, wahrscheinlich in raubmörderischer Absicht, angefallen. Da der Schwarze mit einem Messer bewaffnet war, so erlitt sie mehrere Verwundungen, und nur einer ganz zufälligen, rechtzeitigen Hilfe verdankte sie die Rettung ihres Lebens.

Anfangs Dezember 1846 verließ sie Rio Janeiro, umschiffte am 3. Februar 1847 das Kap Horn und landete am 2. März in Valparaiso. So großartig die Eindrücke der Tropenwelt, namentlich in Brasilien, waren, so wenig behagten der Reisenden die Zustände des ehemals spanischen Amerika. Bald schiffte sie sich wieder ein, durchsegelte den großen Ocean und betrat Ende April die Insel Otahaiti. Sie wurde der Königin Pomare vorgestellt, von deren Hofe sie später eine ziemlich lebhafte, mit viel Interesse gelesene Schilderung entwarf. Die damaligen Zustände Europa's waren so ruhig, daß man sich aus Stoffmangel wochenlang in den Zeitungen mit der Königin Pomare beschäftigte. Die Otahaitische Majestät ist heutzutage ziemlich aus der Mode gekommen, wie denn überhaupt Europa jetzt stark mit häuslichen Arbeiten beschäftigt ist und weit weniger Zeit und Muße hat, glückliche Inseln im Stillen Ocean zu protegiren.

Von Otahaiti begab sich Ida Pfeiffer nach China und kam Anfangs Juli nach Macao. Später besuchte sie Hongkong und die Stadt Canton, in der sie sich gerne mehr umgesehen hätte, wenn nicht die ungewöhnliche Erscheinung einer europäischen Frau für die Gehirn-Funktionen der Söhne des Himmlischen Reiches zu aufregend geworden wäre. Sie lief Gefahr vom Pöbel insultirt zu werden, kehrte daher bald dem glücklichen Lande den Rücken und reiste, Singapore einen kurzen Besuch abstattend, nach Ceylon, wo sie Mitte Oktober landete. Sie durchstreifte die schöne Insel nach verschiedenen Richtungen und besuchte Colombo, Candy und den berühmten Tempel Dagoha. Ende Oktober betrat sie in Madras das Festland von Indien, verweilte längere Zeit in Kalkutta, fuhr den Ganges hinauf bis Benares, sah die Ruinen von Sarnath, und durchstreifte dann Cawnpore, Delhi, Indore und Bombay. Auch die berühmten Felsen-Tempel von Adjunta und Ellora, sowie die Inseln Elephanta und Salsette wurden von ihr in näheren Augenschein genommen. Sie erhielt Zutritt in die Häuser vieler vornehmer Indier und bekümmerte sich überall um Sitten, Gebräuche und Eigentümlichkeiten. Auf Tiger-Jagden war sie ebensowohl anwesend wie bei der Verbrennung einer indischen Witwe. Sogar mit den Verhältnissen der englischen Missionäre hat sie sich ziemlich genau eingehend beschäftigt.

Ende April 1848 finden wir Ida Pfeiffer wieder auf der See, den Wanderstab nach Persien hintragend. Von Buschir wollte sie nach Schiras, Ispahan und Teheran; sie wurde aber durch Unruhen im Innern des Landes von diesem Projekte abgebracht und wandte sich nun nach Mesopotamien. Durch den Meerbusen Schat-el-Arab begab sie sich nach Bassora und später nach Bagdad. Nach einem Ausfluge in die Ruinen von Ktesiphon und Babylon reiste sie mit einer Karavane durch die Wüste nach Mosul und den benachbarten Ruinen von Ninive, sodann nach Urumia und Tebris. Dieser Zug durch Mesopotamien und Persien zählt zu den kühnsten und bedeutendsten Unternehmungen der muthigen Frau. Es gehörte ein hoher Grad von Unerschrockenheit und Physischer Kraft dazu, die vielen Beschwerden, bei Tag die brennende Sonnenhitze, bei Nacht Unbequemlichkeiten jeder Art, elende Nahrung, ein unreines Lager, beständige Furcht vor räuberischen Anfällen zu ertragen und dabei nicht zu Grunde zu gehen. Als sie sich in Tebris dem englischen Konsul vorstellte, wollte derselbe gar nicht glauben, daß einer Frau eine solche Fahrt habe gelingen können.

In Tebris wurde sie bei dem Vicekönig Vali-Ahd eingeführt und erhielt die Erlaubniß, dessen Harem zu besuchen. Am 11. August 1848 reiste sie wieder weiter durch Georgien, Armenien, Mingrelien, über Eriwan, Tiflis und Kutais nach Redutkale. Sie berührte Anapa, Kertsch und Sewastopol, landete in Odessa und gelangte von da über Konstantinopel, Griechenland, die Ionischen Inseln und Trieft nach Wien, wo sie am 4. November 1848, gerade nach Einnahme der Stadt durch die Armee des Fürsten Windischgrätz, eintraf. In der von Partheikämpfen durchwühlten Heimath sollte sie also auch keine Ruhe finden.

Indessen verbreitete sich der Ruf Ida Pfeiffer's nach dieser Reise um die Welt immer mehr, denn eine Frau, die, sich nur auf die eigene Kraft stützend, 2800 englische Meilen zu Land und 35.000 Seemeilen zu Schiffe zurücklegt, kann wohl als eine außerordentliche Erscheinung betrachtet werden. Das dritte Werk der Reisenden, welches unter dem Titel: „Eine Frauenfahrt um die Welt“ (3 Bände. Wien. 1850) erschien, hatte guten Erfolg; es wurde zweimal in's Englische und später auch in's Französische übersetzt.

Eine Zeit lang machte sich nun bei Ida Pfeiffer der Gedanke geltend, sich zur Ruhe zu begeben und einen Abschluß der Reise-Erfahrungen eintreten zu lassen. Aber nicht lange hielt die resignirte Stimmung an. Als sie ihre Sammlungen verkauft, ihre Tagebücher geordnet und veröffentlicht hatte, und dabei nicht den geringsten Abbruch ihrer Kräfte fühlte, begann in ihr allmählich der Plan einer zweiten Reise um die Welt zu dämmern. Ihre geringen Reisemittel wurden dießmal von der Oesterreichischen Regierung mit einem Beitrag von 1500 Gulden vermehrt, und am 18. März 1851 verließ sie Wien, um sich vorerst, da sie noch kein bestimmtes Ziel vor Augen hatte, nach London zu begeben und dort die Gelegenheit an sich herankommen zu lassen. Selbst als sie London Ende Mai verlassen und am 11. August in der Kapstadt angelangt war, stand ihr Entschluß noch nicht fest. Lange schwankte sie zwischen Inner-Afrika und Australien, bis sie endlich nach Singapore segelte und daselbst sich zur Bereisung der Sunda-Inseln entschloß. Sie landete vorerst auf der Westküste von Borneo in Sarawak und fand bei dem Engländer Sir James Brooke, der hier ein unabhängiges Fürstenthum gegründet hat, gute Aufnahme und kräftigen Schutz. Bei einem Ausflug unter die wilden, unabhängigen Dayaks wurde sie von den Kopfjägern nicht nur verschont, sondern sogar gut aufgenommen. Sie erreichte Sintang und setzte dann ihre Reise westlich nach Pontianak und den Diamanten-Minen von Landak fort. Ueberall fand sie bei den holländischen Offizieren und Beamten die bereitwilligste Unterstützung, ohne welche es ihr nicht möglich gewesen wäre, ihre Reisen im Indischen Archipel so weit auszudehnen. Sie wollte von Pontianak mitten durch das von den Europäern noch nicht betretene Innere der Insel nach Benjermassing an der Südküste, fand aber keinen Führer oder Begleiter für diese gefährliche Tour. Sie richtete daher ihre Blicke nach Java und landete Ende Mai 1832 in Batavia. Auch hier wurde ihr überall zuvorkommende Hilfe und Unterstützung bei den Holländern und in Folge dessen auch bei den einheimischen Fürsten. Sie hat dies später mit großem Dank wiederholt öffentlich ausgesprochen.

Am 8. Juli 1852 begann sie ihre Fahrt nach Sumatra, welche sie selbst als die interessanteste aller ihrer Reisen erklärt. Von Padang begab sie sich nämlich mitten unter die Battas, die Menschenfresser sind und noch nie einen Europäer unter sich geduldet haben. Trotzdem, daß die Wilden ihrem Weiterkommen Widerstand entgegensetzten, drang sie doch durch Urwald und eine Bevölkerung von Kannibalen fast bis zum See Eier-Taw vor. Hier wurde sie aber mit vorgehaltenen Speeren zum Rückweg gezwungen, nachdem man ihr schon einige Mal in Aussicht gestellt hatte, daß man sie tödten und verzehren werde. Am 7. Oktober traf sie wieder in Padang ein. Auf Sumatra wurde sie zwei Mal von dem dort einheimischen bösartigen Wechselfieber befallen.

Nach der Insel Java zurückkehrend, unternahm sie Ausflüge nach den Fürstenthümern Djokdjokarta und Surakarta, nach dem Tempel Boro Budoo und nach Surabaja. Hierauf segelte sie nach verschiedenen der kleineren Sunda-Inseln und den Molukken (Banda, Amboina, Saparua, Ceram, Ternate), hielt sich einige Zeit bei den wilden Alforen auf und schloß ihre Sunda-Fahrten auf Celebes.

Von da durchschnitt sie den Großen Ozean (10.150 Seemeilen), um Kalifornien zu besuchen. Zwei Monate lang sah sie nichts als Himmel und Wasser. Am 27. September 1853 betrat sie in San Francisco das Land, besuchte die Goldwäschereien am Sacramento und am Juba-Flusse, und schlief in den Wigwams der Rothhäute am Rogue River.

Mit dem Schluß des Jahres 1853 segelte Ida Pfeiffer nach Panama und von da weiter nach der Peruanischen Küste. Von Callao begab sie sich nach Lima, um von dort die Cordilleren zu übersteigen, Loretto am Amazonen-Strome und weiterhin die Ostküste Südamerikas zu gewinnen. Die gerade in Peru ausgebrochene Revolution machte aber das Land unsicher und nöthigte die Reisende an einem anderen Uebergangspunkte der Cordilleren ihr Glück zu versuchen. Sie ging nach Eguador zurück und trat im März 1854 von Guayaquil ihre mühevolle Wanderschaft über das Gebirge an. Ganz in der Nähe des Chimborasso überschritt sie die Cordilleren, gelangte auf die Hochebene von Ambato und Tacunga und erlebte hier das seltene Natur-Ereigniß eines Ausbruches des Vulkans Cotopaxi — ein Schauspiel, um das sie später Alexander von Humboldt beneidete. Als sie am 4. April in Quito eintraf, fand sie leider nicht die gehoffte Unterstützung, d. h. mehrere sichere Leute zur Erreichung und Beschiffung des Amazonen-Stroms. Sie gab daher ihren ursprünglichen Plan wieder auf und mußte die beschwerliche Tour über die Cordilleren zurück machen. In der Nähe von Guayaquil stand sie zweimal Todesgefahr aus, zuerst durch einen Sturz vom Maulthier, und dann durch einen Fall in den von Kaimans stark bevölkerten Fluß Guaya. Ihre Begleiter wollten sie zu Grund gehen lassen, denn sie reichten ihr nicht im geringsten hilfreiche Hand. Mit tiefem Widerwillen kehrte sie dem spanischen Südamerika den Rücken, begab sich zur See nach Panama und überschritt Ende Mai den Isthmus.

Von Aspinwall segelte sie nach New-Orleans und blieb hier bis zum 30. Juni, dann fuhr sie den Mississippi hinauf bis Napoleon und in dem Arkansas bis nach Fort Smith. Ihren den

Cherokee-Indianern zugedachten Besuch mußte sie aufgeben, da sie neuerdings einen hartnäckigen Anfall des Sumatra-Fiebers erlebte. Wieder in den Mississippi zurückkehrend, erreichte sie am 14. Juli St. Louis und besuchte in der Nähe von Libanon den dort angesiedelten badischen Demokraten Hecker. Dann ging sie gegen Norden nach St. Paul und den St. Anthony-Fällen, wandte sich hierauf nach Chicago und gelangte in die großen Seen und zu den Niagara-Fällen. Nach einem Ausfluge nach Canada blieb sie noch einige Zeit in New-York, Boston u.s.w., ging dann zu Schiff und betrat am 21. November 1854 nach einer zehntägigen Fahrt in Liverpool europäischen Boden.

Dieser großen Weltreise hängte sie ein kleines Supplement an, indem sie ihrem Sohn, welcher sich in San Miguel auf den Azoren aufhielt, einen Besuch abstattete und erst im Mai 1855 über Lissabon, Southampton und London nach Wien zurückkehrte.

Die von Ida Pfeiffer gesammelten Naturalien und ethnographischen Gegenstände gelangten zum größten Theil in das britische Museum und in die kaiserlichen Kabinete in Wien. Großes Interesse nahmen Alexander von Humboldt und Karl Ritter in Berlin an den Bestrebungen Ida Pfeiffer's, und Humboldt namentlich ertheilte ihr die freundlichsten Lobsprüche für ihre wackere Gesinnung und ihren Eifer. Auf den Antrag der beiden Gelehrten ernannte die Berliner Geographische Gesellschaft Ida Pfeiffer zum Ehren-Mitgliede, und der König von Preußen verlieh ihr die goldene Medaille für Wissenschaft und Kunst. In Wien ist man mit der Anerkennung gegen die Landsmännin viel karger gewesen, wahrscheinlich weil schon nach alter Regel der Prophet im Vaterlande nichts gilt.

Die Tagebücher der Reisenden über diese Reise erschienen in Wien unter dem Titel: „Meine zweite Weltreise“, 4 Bände. 1856.

Nach jeder ihrer früheren Reisen hatte Ida Pfeiffer eine Zeit lang den Gedanken, auszuruhen und nun der Erinnerung zu leben. Nach ihrer zweiten Reise um die Welt, die so über alle Erwartung befriedigend für sie ausfiel, kamen aber gar keine Ruhegedanken mehr zum Vorschein. Während sie sich noch mit der Ordnung ihrer mitgebrachten Naturalien und der Herausgabe ihrer Tagebücher beschäftigte, faßte sie schon den Plan, Madagaskar zu durchforschen, und ließ sich selbst durch das Zureden Alexander von Humboldts's, der ihr mehrere andere Reise-Projekte vorschlug, nicht von dem einmal in's Auge gefaßten Ziele abbringen.

Das fernere Schicksal Ida Pfeiffers werden die folgenden Tagebücher ihrer Reise nach Madagaskar und schließlich die Mittheilungen ihres Sohnes, des Herrn Oskar Pfeiffer, über ihr Leiden und Ende ausführlicher erzählen. Doch bevor der letzte Akt eines so mühevollen und erfahrungsreichen Lebens beginnt, mag eine kurze Charakteristik der Weltreisenden hier ihren Platz finden.

Ida Pfeiffer machte durchaus nicht den Eindruck einer ungewöhnlichen Frau, einer „Emanzipirten“ oder gar eines Mannweibes. Im Gegentheil, sie war in Gedanken und Worten so einfach, bescheiden und schlicht, daß der, welcher sie nicht näher kannte, nicht ohne Mühe Spuren dessen, was sie gelernt und erfahren hatte, zu entdecken vermochte. In ihrem ganzen Wesen lag eine Ruhe und Nüchternheit, die vorzugsweise an eine praktische Hausfrau ohne alle schwärmerische Hintergedanken erinnerten. Viele Leute waren deshalb mit ihrem Urtheil über Ida Pfeiffer rasch fertig und geneigt, die Reiselust derselben ausschließlich auf Rechnung einer ungewöhnlich entwickelten Neugierde zu schreiben. Dieser Anschauung stand freilich eine Thatsache schnurstracks entgegen, die in Ida Pfeiffer's Wesen sehr eindringlich zu Tage trat, nämlich die vollständige Abwesenheit jeder Neugierde. So unruhig ihr ganzes Leben gewesen war, so gemessen und gelassen war ihre persönliche Erscheinung. Von einer Sucht, sich vorzudrängen oder um ferner liegende Dinge zu kümmern, vermochte auch der schärfste Beobachter nichts zu entdecken. Ernst, sehr reservirt und wortkarg, bot sie dem ihr Unbekannten oder fern Stehenden sehr wenig liebenswürdige Seiten.

Wer indeß dazu gelangte, sie näher kennen zu lernen, der fand wohl die einzelnen Elemente zusammen, welche hinter einem unscheinbaren Aeußeren eine außerordentliche Frau bargen. Willensstärke, Zähigkeit des Charakters, die sich bis zum Eigensinn steigerte, waren bald aus gewissen Aeußerungen zu entdecken. Zählt man hiezu einen für eine Frau seltenen persönlichen Muth, Gleichgiltigkeit gegen körperlichen Schmerz und gegen die Bequemlichkeiten des Lebens und den nie rastenden Drang, dem menschlichen Forschen und Wissen nützlich zu sein, so wird man gestehen müssen, daß das Eigenschaften sind, mit welchen man in der Welt etwas ausrichtet. Doch was den Werth dieser Eigenschaften noch erhöhte, war Ida Pfeiffer's Wahrheitsliebe und strenger Sinn für Recht und Ehrenhaftigkeit. So wie sie nie etwas erzählte, was nicht thatsächlich vollkommen der Wahrheit gemäß war, so hat sie nie etwas versprochen, was sie nicht hielt. Sie hatte Charakter — wie man im gewöhnlichen Leben zu sagen pflegt.

Daß ihre Mittheilungen durch ihre anerkannte Wahrheitsliebe einen erhöhten Werth erhalten, liegt auf der Hand, und da sie weder für konfessionelle noch für andere Vorurtheile zugänglich war, so basirt ihr Urtheil immer auf gesundem Boden. Hätte sie in ihrer Jugend mehr sich mit Natur-Wissenschaften beschäftigt und in dieser Richtung positive Kenntnisse besessen, so wären ihre Reisen allerdings noch von weit größerem Nutzen gewesen; aber im Anfang unseres Jahrhundertes waren die Männer, die sich außer ihrem Fach mit Naturwissenschaften beschäftigten, Seltenheiten, geschweige denn die Frauen. Ida Pfeiffer fühlte wohl diese Lücke und dachte in vorgerückteren Jahren mehrmals daran, sie auszufüllen; sie hatte jedoch dazu weder die Zeit noch die Geduld.

Ihrem Streben deshalb alles Verdienst für die Wissenschaft abzusprechen, wäre ein Unrecht, dessen sich die kompetentesten Männer durchaus nicht schuldig gemacht haben. Sie drang in manche Gegenden, welche nie der Fuß eines Europäers betreten hatte, und gerade daß sie Frau war, schützte sie in ihren gefährlichsten Unternehmungen. Man ließ sie ruhig weiter ziehen, wo man einen Mann gewiß nicht geduldet hätte. Ihre Mittheilungen haben daher häufig das Verdienst des tatsächlich Neuen in der Länder- und Völkerkunde, oder den Nutzen, daß sie irrige oder übertriebene Meinungen auf das richtige Maß zurückführten. Ferner kamen der Wissenschaft die reichen Sammlungen, die sie nach Europa brachte, zu gut. Allerdings wußte sie oft nicht die Größe des Werthes dessen, was sie sammelte, zu bestimmen, aber sie hat darum doch vieles Wichtige mitgebracht, und die Entomologie sowie die Conchyliologie verdanken ihr verschiedene neue Arten.