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Eine Frau am Wendepunkt. Ein Geheimnis, das sie von allen trennt, die ihr wichtig sind. Und die Möglichkeit, mit viel Verständnis füreinander Brücken zu schlagen. Surie Eckstein erfüllt ihr Leben als Oberhaupt einer Großfamilie. Sie erwartet gerade ihr erstes Urenkelkind, als eine Katastrophe eintritt – oder ist es ein Gottesgeschenk? Mit 57 Jahren ist sie noch einmal schwanger - mit Zwillingen! Plötzlich fühlt sich Surie, in der chassidischen Gemeinde von Brooklyn hochangesehen und ständig von Menschen umgeben, völlig allein. Nicht einmal Yidel, der nicht nur ihre große Liebe, sondern auch ihr bester Freund ist, wagt sie sich anzuvertrauen, so groß ist ihre Scham. Denn was sollen bloß die Leute denken? Zum ersten Mal stellt Surie die starren Regeln infrage, die ihr ganzes Leben geprägt haben. "Ein Buch voller Weisheit, über die Differenz zwischen dem Leben, wie es sein sollte und wie es ist." Amy Bloom "Eine lebenserfahrene ältere Frau in einem jugendlichen Dilemma. Ein Roman, so schön wie überraschend." Claire Messud "Goldie Goldbloom zeigt, wie schwierig es ist, sich selbst zu akzeptieren, sich selbst wirklich zu kennen." Audrey Niffenegger
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2021
Goldie Goldbloom
Eine ganze Welt
Roman
Aus dem Englischen von Anette Grube
Hoffmann und Campe
Für meinen Sohn Yuda,
der später kam und mit seiner Musik
dieses Buch möglich machte.
Und Gott sprach zu Abraham: »Du sollst dein Weib Sarai
nicht mehr Sarai heißen, sondern Sara soll ihr Name sein.
Denn ich will sie segnen, und auch von ihr will ich dir einen
Sohn geben; denn ich will sie segnen, und Völker sollen aus ihr
werden und Könige über viele Völker.
Da fiel Abraham auf sein Angesicht und lachte, und sprach in
seinem Herzen: Soll mir, hundert Jahre alt, ein Kind geboren
werden, und Sara, neunzig Jahre alt, gebären?«
Die Hebamme sagte zu der chassidischen Frau: »Der Entbindungstermin ist der 13. Juli. Ist das nicht aufregend?«
Surie zögerte. »Nein«, sagte sie. »Ich habe mich darauf gefreut, endlich ein bisschen Zeit für mich zu haben.«
»Haben Sie nicht schon Enkelkinder? Sie müssen sowieso viel zu tun haben. Was macht in einer Familie wie Ihrer schon ein Kind mehr aus?«
Surie antwortete leise, dass ein einziges Kind eine ganze Welt sei.
Nach dem Termin saß Surie an der Haltestelle des Bikur-cholim-Busses, starrte auf den Strom von Menschen, die in das Krankenhaus in Manhattan gingen oder es verließen, und versuchte, nicht zu weinen. Es war später Freitagnachmittag, der Tag nach der katastrophalen Hochzeit ihrer Tochter. Menschen in Laborkitteln, schlanke Sekretärinnen mit Aktenmappen, Mütter in Leggings und durchsichtigen Oberteilen mit Pferdeschwänzen, die über ihren Rücken schwangen – sie alle eilten ihrem Wochenende entgegen. Auf der anderen Straßenseite stand sogar ein junger chassidischer Mann, der aussah wie ihr Sohn Lipa, und starrte sie unverhohlen an. So viel zur Privatsphäre! Hinter ihm ragte das Krankenhaus auf, ein Turm aus Glas und Stahl, und roch auch noch aus der Entfernung nach Desinfektionsmittel.
»Sie hören Unterm Strich.« Ein Taxi, aus dem lautstark Nachrichten plärrten, hielt vor ihr und blockierte die Sicht auf den jungen Mann. Sie hörte nie Radio. Die Ansager sprachen Englisch und noch dazu viel zu schnell, als dass sie hätte folgen können. Aus unerfindlichem Grund bewahrte ihr Mann Yidel ein kaputtes Radio aus den fünfziger Jahren im Keller auf, schraubte es hin und wieder auf und bastelte an den Röhren herum.
Yidel liebte Wortspiele und Rätsel und die alten Witze auf dem Einwickelpapier der Süßigkeiten, die die Kinder gern aßen. Abends sang er unter der Dusche, bevor er ins Bett ging, obwohl chassidische Männer im Bad möglichst keinen Laut von sich geben. Ein Regelverstoß, aber ein kleiner. Er liebte es, Feuer im Hinterhof zu machen und morsche Äste in die Flammen zu werfen. Er liebte es, die Kontrolle zu übernehmen, Lösungen zu finden, das Richtige zu tun. Das konnte ein bisschen nervig sein, war aber insgesamt nicht schlecht. Er liebte es, im Kreis seiner ganzen Familie auf dem Bett zu sitzen und im Halbdunkel Geschichten zu erzählen. Er hatte alle seine Söhne geliebt. Alle. Und obwohl sie eine verbrauchte, siebenundfünfzigjährige Frau war, hatte er nicht aufgehört, auch sie zu lieben. Aber würde er sie noch lieben, nachdem er es erfahren hätte? Oder würde etwas in ihm zuschnappen wie eine Mausefalle?
Sie kramte in ihrer Tasche nach ihrem Gebetbuch. Während der letzten vier Jahre hatte ihr Mund die Worte der Psalmen sagen müssen, wie andere Münder Kaugummi kauen müssen. Doch da war kein Buch. In ihrer Tasche war nichts außer einer Brille mit grüner Fassung, ein Merkblatt zu Schwangerschaften, ein Zettel mit dem nächsten Krankenhaustermin, denn offensichtlich war dieses Mal eine Hausgeburt keine Option, eine Dose mit Schwangerschaftsvitaminen und eine Gratiswegwerfwindel. Zuvor waren jedes Mal Freudenbläschen in ihr hochgesprudelt, nach Baby duftendes Seltzer des Glücks. Sie hatte jedes ihrer Kinder so sehr gewollt, dass es an Wahnsinn grenzte, sobald sie wusste, dass sie schwanger war. Aber jetzt war es anders. Sie war zu alt. Einen Arzttermin für den Tag nach der Hochzeit zu vereinbaren, war eine Einladung an den bösen Blick gewesen!
Gestern Nacht war Yidel, der ärgerlich gutgelaunte Yidel, blind gewesen für alle Enttäuschungen der Hochzeit. »Es ist so schön, die ganze Familie herausgeputzt an einem Ort zu sehen«, hatte er hinten im Taxi auf der Heimfahrt vom Hochzeitssaal gesagt. »So ein gutaussehender Haufen! So ein Nachess!«
»Die Mutter des Bräutigams«, erwiderte Surie aufgebracht, »hat eine Perücke ohne Kopftuch getragen. Warum haben wir nicht gewusst, dass sie so eine Frau ist? Dass sie so eine Familie sind?« Es war nach drei Uhr morgens. Ihre unschuldige Tochter war irgendwo mit einem Jungen, der sich die Schläfenlocken schnitt, einem Jungen, der zu seiner eigenen Hochzeit eine lange Hose trug statt der würdevollen dreiviertellangen Hose und schwarze Socken statt weißer Kniestrümpfe. Sein billiger Schtrajml – gefärbte Eichkätzchenschwänze wahrscheinlich! – saß ihm auf dem Hinterkopf, als wollte er ihn nie wieder tragen, und tropfte vor Modernität. Alle im Kaboless-ponim-Saal hatten gesehen, wie dieses Spektakel auf ihr wunderschönes Kind zuging, und die Nase gerümpft. Suries Freundinnen hatten ihr verstohlen Blicke zugeworfen, um zu sehen, wie die ehemalige Königin ihres Kreises diese proletenhafte Partie für ihre Tochter verkraftete. Zehn Minuten nach Beginn des Tanzens hatte sogar ihre beste Freundin etwas gemurmelt, das Surie nicht verstanden hatte, und war davongeschlichen. Egal. Sie kannte den wahren Grund.
Als das Gesicht der Braut wie üblich feierlich verschleiert wurde, grinste der Junge ihre Tochter ohne jeglichen Anstand an. Nach der Chupe hatte er die Hand seiner Frau nicht schüchtern gehalten, er hatte sie vergnügt schmunzelnd an sich gerissen. Das Gesicht ihr Tochter war puterrot angelaufen, Suries ebenfalls. Und die Gesichter ihrer Freundinnen. Wer wusste, was in ihrem Hotelzimmer vor sich ging? Sie wollte die Augen schließen und sie lange, lange Zeit nicht mehr öffnen.
Yidel tätschelte den Ärmel ihres perlenbesetzten schwarzen Gewands. »Unsere Tochter ist zweiundzwanzig«, sagte er. »Sie war fast schon eine alte Jungfer. Wir sollten dankbar sein. Und es sind nette Leute. Wirklich. Der Junge hat einen guten Job und verkauft Elektronik.«
»Du hast es gewusst?«
»Wir sind keine perfekte Familie mehr, Surie. Die Leute reden.«
»Was?«, fragte sie. Ihr war heiß, sie war durcheinander, ihr gepudertes Gesicht wurde zum zwanzigsten Mal in dieser Nacht rot. »Worüber reden sie?« Aber natürlich wusste sie es. Hinter vorgehaltener Hand klatschte die Gemeinde über Lipa, ihr sechstes Kind, das vier Jahre zuvor gestorben war. Infolgedessen musste sich ihre kleine Perle, ihr siebtes Kind, mit einem Mann und einer neuen Familie weit unter ihrem Stand zufriedengeben oder riskieren, unverheiratet zu bleiben.
Früher an diesem schrecklichen Freitag nach der Hochzeit – würde sie sich die Terminwahl jemals verzeihen? – hatte ihr die Hebamme eine Handvoll Broschüren gegeben und gesagt: »Nehmen Sie jeden Morgen und jeden Abend die Vitamine. Sie brauchen Folsäure.«
»Was ist Folsäure?«, hatte sie gefragt und die Sätze der Hebamme im Kopf, der noch immer voll von der Hochzeit war, langsam ins Jiddische übersetzt. »Was ist ein Neuralrohr?«
»Neuralrohrdefekt«, murmelte Surie auf Englisch, bevor sie ihre Tasche erneut öffnete und die Flasche auf den Asphalt stellte. Die Vitamine waren nicht koscher. Sie müsste sich Vitamine in einer Apotheke außerhalb der Gemeinde kaufen. Sie würden ihr Kopftuch anstarren, ihre Kleidung, über ihren Akzent kichern, aber zumindest würden sie keine Klatschgeschichten verbreiten.
Die Hebamme, Val, hatte Suries zehn Babys auf die Welt geholfen. Aber Val war kinderlos; trotz all ihres Geschicks konnte sie nicht wissen, wie es sich anfühlte. Sie konnte nicht wissen, wie es war, jahrelang an einen kleinen, fordernden Körper gebunden zu sein. Die Last zu spüren, jemanden am Leben zu erhalten. All die harten Jahre, sie großzuziehen, und wofür? Eine Hochzeit mit so einer zwielichtigen Erscheinung? Für so eine Schande und Peinlichkeit?
Und dann hatte die Hebamme plötzlich seltsam dreingeblickt. Ein blitzendes Licht wie die Sonne über dem dunklen Fluss, ein Glanz, aber nur kurz. Was hatte Val von Surie erwartet? Freudentränen? Lächeln? Surie war uralt. Von dem Augenblick an, als sie die ersten Anzeichen bemerkte, hatte sie zuinnerst gewusst, was sie bedeuteten. Trotz ihrer Scham hatte sie sich fast damit abgefunden, bis Val sagte, dass es Zwillinge seien. Zwillinge! Seit dem Brustkrebs waren ihre Armmuskeln so steif, dass sie morgens kaum ihre Strickjacke anziehen konnte. Wie sollte sie zwei Babys hochheben? Während Surie schluchzte, schaute die Hebamme weg und sagte etwas von Glukosestresstests und mehrfachgebärenden Frauen. Die Wörter waren ihr nicht bekannt. Im Jiddischen gab es keine Wörter für Neuralröhren und Stresstests und intime Stellen. Es gab kein jiddisches Wort für bitte, deswegen sagte sie es auf Englisch.
»Bitte«, bat sie niemanden. »Bitte.«
Die Hebamme neigte sich vor, wollte eine beruhigende Hand auflegen, doch sie spürte eine Kälte, eine Zurückweisung, noch bevor sie sie ausstreckte, und ratterte stattdessen Wörter über Suries ärgerlichen Körper herunter: Kondom. Interruptus. Rhythmus. Spirale. Die Pille. Sie sind für Ihre Fruchtbarkeit selbst verantwortlich. Val hatte vor langem schon Frieden geschlossen mit diesem okkulten Wissen. Sie war in einer gläubigen katholischen Familie aufgewachsen, hatte ihren Glauben jedoch vierzig Jahre zuvor zurückgelassen, als sie anfing, als Hebamme zu arbeiten. Glaube war keine Entschuldigung für Unwissen. Das war ihr einziger fester Glaube.
Surie war ihre eigene Fruchtbarkeit nicht fremd. Jeden Morgen kontrollierte sie ihre Menstruationstabelle, obwohl sie seit über zehn Jahren nicht mehr blutete. Sie war hocherfreut gewesen, als die Chemotherapie sie direkt in die Menopause katapultierte. Erst nach vielen krebsfreien Jahren wähnte sie sich auf der sicheren Seite und hörte auf, das Tamoxifen zu nehmen. Vielleicht hatte sich ihr Körper so sehr darüber gefreut, das Medikament los zu sein, dass er zurückgekehrt war zu was immer das Gegenteil von Menopause war? Vielleicht war sie deshalb schwanger geworden? Doch Val sagte, dass das Tamoxifen kein Verhütungsmittel war. Für Surie lag es auf der Hand, dass sich die Hebamme täuschte.
Val war älter als Surie. Obwohl sie dünn wie eine Bohnenstange war, schwabbelten Hautfalten unter ihrem Kinn. Sie redete, bis sich weiße Flecken in ihren Mundwinkeln bildeten, und dann entfernte sie den Speichel mit Fingerspitzen, die in blauen Einweghandschuhen steckten. Surie konnte sich nicht erinnern, dass die Frau überhaupt etwas gesagt hatte, als sie die anderen Babys auf die Welt holte. Ihr Eindruck war gewesen, dass die Hebamme damals ein bisschen Angst vor ihr gehabt hatte. Aber jetzt plapperte sie immer weiter. Erinnern Sie sich, wie Sie das letzte Mal geblutet haben? Sie laufen Gefahr zu verbluten. Ich spreche mit Ihnen. Würden Sie bitte zuhören? Putzen Sie sich die Nase. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt zusammenzubrechen. Wissen Sie, was verbluten bedeutet? Blutverlust mit Todesfolge. Das Geplapper der Hebamme musste von irgendjemandem irgendwo genehmigt worden sein.
»Ihr Mann wird so überrascht sein, wenn Sie es ihm sagen!«
Normalerweise erzählte Surie Yidel alles. Doch nach zwei Monaten hatte sie den Mund seltsamerweise noch immer nicht aufgemacht, um ihn davon in Kenntnis zu setzen, dass sie wieder Eltern würden. Warum hatte sie so viel Zeit vergehen lassen? Die ersten paar Wochen hatte sie nicht gewusst, dass sie schwanger war. Als sie es merkte, empfand sie die Schwangerschaft wie einen schlechten Traum, wie etwas, das einfach nicht möglich war. Später waren da dieses Flimmern am Rand ihres Sichtfelds gewesen, Gesichter, die es nicht geben konnte, der Geruch von frisch umgegrabener Erde, Minze und Äpfeln. Der Wahnsinn des Alters, hatte sie gedacht. Ein Wunder, dass sie überhaupt einen Termin vereinbart hatte. Und bei der Hochzeit hatte sie getanzt, als wäre sie eine gewöhnliche Großmutter, nicht eine schwangere Frau. Obwohl sie natürlich nicht gewusst hatte, dass sie Zwillinge erwartete.
»Wenn nötig, nehmen Sie sich von der Arbeit frei. Arbeiten Sie? Trinken Sie keinen Wein.« Zu spät. Sie hatte auf der Hochzeit mehrere Gläser geschluckt, um ihr Entsetzen zu beruhigen. Val roch wahrscheinlich den Alkohol in ihrem Atem. »Das kann bekanntermaßen ein fetales Alkoholsyndrom verursachen.«
Val sagte es, als wäre Surie irgendwann einmal mit fetalem Alkoholsyndrom vertraut gewesen. Als hätte sie davon hören sollen. Na ja, wahrscheinlich hatte sie das, aber sie erinnerte sich nicht. Sie war keine böse Frau, Val. Jedes Mal, wenn Surie sich an etwas nicht erinnerte, ging die Hebamme los und kam mit einer anderen Broschüre zurück, die sie ihr in die Hand drückte. Jedes Mal klopfte ihr Val auf die Schulter, als wollte sie sagen, dass alles in Ordnung sei. In Suries knarzendem Alter Zwillinge zu erwarten konnte nie und nimmer in Ordnung sein.
»Kaffee führt zu vorzeitigen Wehen, ein großes Risiko bei geriatrischen Schwangerschaften«, fügte sie hinzu.
Geriatrisch. Dieses Wort … bedeutete es alte Leute? Wollte Val damit sagen, dass Surie in einem Pflegeheim sein sollte und nicht auf einer Geburtsstation?
»Wenn Sie diese Babys in Ihrem Alter nicht austragen wollen, müssen Sie nicht.« Val senkte die Stimme, kam näher. »Die meisten älteren Mütter haben eine Fehlgeburt. Wenn Sie wollen, spreche ich mit dem Arzt über eine Abtreibung.«
Surie wollte sich übergeben. Ihr Mund lief voll mit Speichel. Ihre Kehle brannte. Sie schüttelte den Kopf. So abscheuliche und verbotene Worte. Gott bewahre! Chass vescholom! Abtreibung.
Ein langes silbernes Messer in der Hand der Hebamme, ein schauerlicher Schrei, überall Blut. Leises Flüstern hinter geschlossenen Türen, ihre drei Söhne, die noch zu Hause wohnten, deuteten mit dem Finger, eine Eiseskälte in den wenigen Freundschaften, die Lipa überlebt hatten. Eine steinerne Mauer, die sie vom göttlichen Licht abschnitt. Was hatte sie über Abtreibungen tuscheln gehört? Es war ganz und gar schlecht, so viel war gewiss. Nur andere Menschen töteten Babys. Nur Gojim glaubten, dass Föten nicht wirklich lebten.
Am nächsten Morgen, Samstag, spülte sie das ganze Geschirr von dem extravaganten Abendessen des Vortags, das ihre verheirateten Kinder für die Braut zubereitet hatten. Suries Haut kribbelte bei dem Gedanken, wie ihre Tochter den obszönen Bräutigam angelächelt hatte, als würde sie ihn mögen, als hätte sie sich selbst auch für ihn entschieden, als wäre er wie ihre heiligen Brüder. Wie konnte ihre Tochter nur glauben, dass Surie so einen Mann für sie gewählt hätte, wenn sie bessere Optionen gehabt hätte? Ihre schönen unschuldigen Enkelinnen legten sich abwechselnd auf die Couch und massierten sich gegenseitig, beschwerten sich, dass sie nicht die vollen fünf Minuten bekämen, stöhnten unter dem Druck einer Hand zwischen ihren Schulterblättern, ahnten nichts von der Tragödie, die über ihre Familie hereingebrochen war, die bald auch über sie hereinbrechen würde! Auch ihre Heiratschancen würden sich verschlechtern.
Suries Mund verlangte nach Kaffee und einem großen Stück Schokoladenkuchen. Durfte sie? Ihr drehte sich der Magen um, wenn sie einen Schokoriegel nur sah, doch seltsamerweise gelüstete es sie nach Schokoladenkuchen. Erst ein Tag war vergangen, und schon konnte sie sich nicht mehr an die Ratschläge der Hebamme erinnern. Vielleicht litt sie, abgesehen von der Schwangerschaft, auch an einer frühen Form von Alzheimer? Val sprach zu schnell. Eine Jiddisch-Dolmetscherin wäre hilfreich gewesen, aber Surie hätte sich geschämt, vor jemandem aus ihrer eigenen Gemeinde zu weinen. Und nicht nur das … Sie sah vor sich, wie die Dolmetscherin die Jahre seit Suries letzter Niederkunft zusammengezählt – dreizehn! – und ihr einen überraschten und ungläubigen Blick zugeworfen hätte. Der Ojberschte weiß, was er tut. Der Ojberschte wird dir Kraft geben. Kein böser Blick, Liebes. Deine Babys werden dich jung halten. Es ist Baschert. Aber insgeheim würde die Frau denken, dass Suries Kinder an der Reihe waren, Babys großzuziehen, nicht Surie. Sie würde überlegen, wem sie diese verrückte Neuigkeit als Erstes erzählen konnte.
Eine Geburt würde öffentlich bekanntmachen, dass sie und Yidel sich lange über das normale Alter des Kinderkriegens hinaus noch begehrenswert fanden. Keine gleichaltrige Frau war im letzten Jahrzehnt schwanger gewesen. Die Mädchen, mit denen sie aufgewachsen war, ihre Freundinnen, sprachen nie über ihr Liebesleben. Die Annahme lag nahe, dass sie ihre Männer nicht mehr anschauten, dass sie in den jungfräulichen Zustand ihrer Jugend zurückgekehrt waren. Diese Mädchen, die sie noch in Schuluniformen und mit Zöpfen vor sich sah, waren jetzt Großmütter, eine sogar Urgroßmutter. Sie würden über die Logistik ihrer Schwangerschaft nachdenken. Die meisten Mütter in der Gemeinde hatten mit Anfang vierzig den Laden dichtgemacht, und das schien richtig, angemessen, anständig. Niemand wollte ein Baby – zwei Babys! – mit Downsyndrom oder einem anderen, vom Alter verursachten Unheil. Und da war sie, siebenundfünfzig, Großmutter von zweiunddreißig Enkelkindern, und immer noch mit dabei. Die Frauen aus der Gemeinde würden Masl-tow sagen, aber insgeheim würden sie ihretwegen, des sexbesessenen Flittchens wegen erröten. Nach Lipas Tod und Gittys Heirat noch diese befremdliche Neuigkeit … Ihre armen Enkelinnen! Sie würden dem neuen Status der Familie nie entkommen können, gleichgültig, wie tadellos sie oder ihre Mütter sich verhielten.
Surie lehnte sich an die Spüle und schauderte. Im kalten Spülwasser trieben ein paar Nudeln. Es war abstoßend. Wieder stieg ihr die morgendliche Übelkeit in die Kehle. Mit den Zwillingen war sie viel schlimmer dran als mit den Einzelexemplaren. Wegen ihres Umfangs, weil ihr Bauch nach vorn anschwoll und an den Seiten überquoll und weil er hart, nicht weich war, bekam sie die Hähne über der Spüle kaum mehr zu fassen. Sie streckte sich, drehte den Hahn zu, wandte sich um und ging hinaus auf die Feuerleiter in die kühle Brise, die vom Fluss wehte.
Sie machte vorsichtige Schritte, weil sie aufgrund des zusätzlichen Gewichts leicht aus dem Gleichgewicht geriet. Sie stand auf dem rostigen Eisengitter. Das Geländer war locker. Es ginge nicht an, drei Stockwerke tief hinunter auf die Straße zu fallen und zu platzen wie eine überreife Melone. Feldwespen hatten unter dem Giebel Nester gebaut, und obwohl es schon Anfang Dezember und kalt war, fielen sie benommen eine nach der anderen ungeschickt heraus. Sie breiteten die Flügel aus, rührten sich jedoch nicht. Welkendes Bischofskraut und schwarze Goldruten standen hinter dem Haus und auf dem leeren Grundstück daneben. Wenn der Wind blies, klang das Rascheln des Espenlaubs wie Regen.
Yidel war über ihr, auf dem flachen Teil des Dachs ging er zwischen den auf Rahmen gespannten Häuten hin und her, die in der Sonne trockneten. Er durfte die Häute am Schabbes nicht anfassen, aber er betrachtete sie gern, wenn er aus der Synagoge zurückkam. Er war ein Sofer, ein Schreiber. Er rief sie.
»Guten Schabbes, kleine Frau!«
Die Schwangerschaft, die von den ersten Tagen an zu sehen gewesen war (sie hatte es für das Fett der Wechseljahre gehalten), stand wie ein fester Ball zwischen ihren Hüften hervor und drückte gegen ihre Oberschenkel, während sie auf einer Stufe saß, den Rücken im Wind. Sie war gewaltig. Es war beleidigend, wirklich, dass ihre Familie glaubte, all das Fleisch sei allein ihres. Yidel rief noch einmal, drängte sie, die letzte wacklige Treppe zu ihm aufs Dach zu steigen.
»Ich bin zu dick«, schrie sie. Ein Chasside, der unten auf der Straße vorbeiging, schaute hinauf, schirmte die Augen mit der Hand ab, um besser sehen zu können, und hastete dann davon.
»Sie müssen jede Woche in die Klinik kommen, damit wir Sie im Auge behalten können. Sie brauchen nicht so entsetzt zu schauen. Das ist kein Todesurteil. Sie wissen doch, dass ich Ihnen keine Angst machen will«, hatte die Hebamme gesagt. »Bin ich nicht eine angenehme Gesprächspartnerin? Gemeinsam werden wir viel über diese Babys erfahren.« Val hatte Surie unbeholfen die Schulter getätschelt, als wäre sie ein kleines Kind. Surie hätte sie am liebsten gebissen.
So ein Klischee! Val, eine Absolventin des Friedenskorps mit Sandalen an den Füßen, ohne Make-up, schlaksig, mit großer Nase. Eine eingefleischte alte Jungfer, wenn auch nur, weil sie zuinnerst hochgradig schüchtern war. Sie war die einzige Hebamme, die bereit gewesen war, in den Slums von Williamsburg mit Frauen zu arbeiten, die kein Englisch sprachen und jedes Jahr ein Kind bekamen. Val – einsam, idealistisch, bereit, alle zu lieben und ihr Leben zu verbessern – wollte, dass alle Mütter über ihre lustigen T-Shirts und ihr grell orange gefärbtes Haar lachten, aber die Chassidinnen wussten bei ihrem Anblick nicht, wo sie hinschauen sollten.
»Du bist nicht dick!« Yidel neigte sich über das Geländer, lächelte ihr zu und winkte. In der Ehelotterie hatte sie den ersten Preis gewonnen. Vor der Schwangerschaft hatte sie 119 Kilo auf die Waage gebracht. »Und wenn du es wärst, verdoppelst du den Wert meines Geldes. Komm rauf!«
Er wäre nicht so gutgelaunt, wenn er wüsste, dass ihm zwei weitere Ausbildungen, zwei weitere Hochzeiten bevorstanden, gerade, als er sich auf den Ruhestand vorbereitete. Sie hatten gehofft, dass das Getuschel über ihre Familie verstummen würde. Der doppelte finanzielle Aufwand, die doppelte Schande. Nicht der doppelte Wert seines Geldes.
Nahezu zwanzig Jahre lang hatte er ihre beiden ältesten Söhne, Usher und Eluzer, zu Kalligraphen ausgebildet, die genauso pedantisch waren wie er selbst. Klei kodesch, heilige Gefäße waren die Jungen, beide ordinierte Rabbis und Schreiber. Er hatte alle seine Klienten ihnen übergeben. Heute war Yidel ein Spezialist. Er verfasste keine Mesusa, Megile, Eheverträge und Scheidungsverfügungen mehr. Er schrieb nur noch neue Thorarollen auf besonderen Wunsch des Rebbe. Für eine einzige Rolle brauchte er ein Jahr, wenn er von neun bis Mittag schrieb, montags bis freitags, mit einer handgespitzten Feder. Jeden Nachmittag schmirgelte er die aufgespannten Häute ungeborener Kälber, bis sie glatt und durchsichtig waren, schnitt sie zu, zog Linien auf das Pergament, nähte die Blätter mit getrockneten Sehnen zusammen. Er schnitzte die Holzstäbe, schnitt die Federkiele zu, mischte seine eigene jettschwarze Tinte. Ihr Keller war voller Rahmen mit getrockneten Häuten. Es roch nach faulendem Fleisch und Kalk, nasser Eiche und verbrannten Haaren. Den Geruch bemerkten Gäste als Erstes, wenn sie ihr Haus betraten. Surie roch ihn drei Stockwerke weiter oben, auf der Feuerleiter, bei starkem Wind. Doch in den letzten vier Jahren hatte Yidel nur zwei Rollen geschrieben. Jetzt vergingen Wochen, ohne dass er mit neuen Häuten nach Hause kam. Die Häute auf dem Dach waren die letzten, die er spannte. Er hatte ihr mit Freude in der Stimme erzählt, dass er an seinem Geburtstag in den Ruhestand treten wolle. Sechs Tage vor dem Entbindungstermin.
»Rebezn Eckstein!«, rief er, legte die Hand aufs Geländer, stellte den Fuß auf die erste Stufe hinunter zu ihr. Nur sehr wenige nannten sie Rebezn, obwohl sie mit einem Rabbi verheiratet war. Es war sein kleiner Scherz.
»Komm nicht runter!«, sagte sie, schüttelte den Kopf und wich zurück. »Ich habe viel zu tun.« Sie brauchte Zeit zum Nachdenken, Zeit, sich zu überlegen, wie sie es ihm sagen sollte.
Surie war sich nicht länger sicher, was den Lichtblitz betraf, den sie in den Augen der Hebamme gesehen hatte. Gestern hatte sie gehofft, dass es Bewunderung war. Die altmodischen Juden, die in Williamsburg lebten und der Hebamme ihr Auskommen sicherten, waren ein Volk, das nie der säkularen Welt angehört hatte. Sie lebten, wie sie immer gelebt hatten. Sie spannten Häute in ihren Kellern und stellten sie zum Trocknen in die Sonne, so wie sie es in Europa getan hatten. Sie lasen Bücher über Gesetze und Ethik und Geschichte, die zweitausend Jahre alt waren. Sie kleideten sich im Stil der vierziger und fünfziger Jahre und verehrten die Alten, die nie ein Wort Englisch gelesen hatten. Die Männer studierten ihr Leben lang das Wort Gottes, und statt breit und stämmig zu werden, wurden sie schlank und flink, und in ihren Augen brannte das helle Licht scharfer Intelligenz. Die Frauen zogen wunderbare Familien groß, glorreiche Familien mit Hunderten Enkeln und Tausenden Urenkeln. Als sie Surie die frohe Botschaft mitteilte, hatte die Hebamme die Zwillinge doch sicherlich für ein Wunder und Surie für eine heilige Frau gehalten? Das Aufblitzen in Vals Augen war doch bestimmt Respekt gewesen? Wäre es Mitleid gewesen, bräche sie womöglich zusammen.
Sie ging ins Haus, ließ das Wasser in der Spüle ablaufen, nahm ihre feuchte Schürze ab und zog ihren Schabbes-Ponzhelo an. Dann nahm sie die grün gefasste Brille aus der Schürzentasche und steckte sie in das neue Gewand. Der Saum des Hauskleids roch nach Erbrochenem vom Vorabend, aber gewaschen werden durfte erst nach Einbruch der Dunkelheit. Surie verschloss ihre Nase vor den Gerüchen aus dem Schmortopf und vom Blech. Chulent. Kigel. Fette Suppe. Abends müsste sie sich wieder herausputzen und zur riesigen Schewa brachot ihrer Tochter gehen. Sie würde ein Lächeln, starr wie ein Hüftgürtel, im Gesicht tragen. Die große Uhr im Wohnzimmer schlug zwölf Mal. Sie goss sich eine Tasse Kaffee ein, doch ihr drehte sich der Magen um. Sie schlich ins Bad und verschloss die Tür.
»Alles in Ordnung?« Yidel wartete vor der Badezimmertür wie fast alle Tage, seitdem sie verheiratet waren. Er war zweiundsechzig, fünf Jahre älter als sie. Als geachteter Rabbi trug er lange weiße Socken und einen seidenen Mantel, einen Bekische, der über seine knielange Hose hinunterreichte; sein grauer Bart traf auf den dritten Knopf seines Hemds; sein Schtrajml aus Pelz, echter Zobel, lag auf einem Stuhl wie eine eingerollte Katze. Unter dem Arm trug er gefaltet den gelben Tallis, den sie ihm am Tag ihrer Hochzeit vor einundvierzig Jahren geschenkt hatte.
Die Arbeit an den heiligen Rollen hatte sich seinem Körper eingeschrieben. Seine Schultern waren rund, seine Hüften schmerzten, die tintenfleckigen Finger waren von Arthritis gekrümmt. Er hatte Krampfadern und einen Bauch vom stundenlangen Sitzen. Aber die Arbeit hatte ihn auch auf positive Weise gezeichnet. Yidel konnte sich stundenlang auf eine Sache konzentrieren. Er verlor nie die Geduld. Sein Gesicht war ruhig und unschuldig wie das eines Engels. Im Lauf der Zeit war er berühmt geworden. Menschen auf der ganzen Welt erkannten sofort ein Pergament, das er beschrieben hatte. Von Eckstein, sagten sie. Wunderschön.
Surie betätigte die Toilettenspülung und spuckte ins Wasser. Das meiste Erbrochene floss ab. Sie putzte sich Zähne und Zunge mit einem Klecks Zahncreme auf dem Finger und spülte noch einmal.
»Gibst du mir das Izei?«, sagte sie. »Das braune?« Er wusste aus Jahren der Erfahrung, was für ein Dings sie meinte, und schob ihr Lieblingshandtuch durch den Türspalt.
»Was willst du als Unterlage für den Kiddusch?«, fragte sie, nachdem sie sich das Gesicht getrocknet hatte. Sie bedeckte den Mund mit der Hand aus Angst, dass er die Zwillinge in ihrem Atem riechen könnte. »Wann kommen die Jungs nach Hause?«
»Was?«, sagte Yidel. Er fummelte an seinem Hörgerät herum, erinnerte sich, dass Schabbes war, und riss die Hand vom Ohr. »Was?«, fragte er noch einmal und bog das gute Ohr nach vorn. Er hatte sein Gehör mit dem Kreischen des Exzenterschleifers ruiniert, mit dem er die Häute polierte.
»Ich habe einen Bundt und zwei Bilkelach aufgetaut«, sagte sie leise, als sie an ihm vorbeiging.
Als sie so schnell an Gewicht zugenommen hatte, ließ sie sich auf alle diese Dicke-Frauen-Sachen prüfen, Reflux, Diabetes, Schilddrüse. Ihr Hausarzt – der nichts ahnte – riet ihr, weniger Süßes und mehr Eiweiß zu essen. Schließlich hatte sie vor ein paar Wochen herausgefunden, dass sie schwanger war, am Ende der sechsten Woche, als ihr klarwurde, dass Fett nicht auf die Blase drückte oder Übelkeit hervorrief. Die frühen Wochen der Schwangerschaft vergingen in einem Taumel. Sie war zu beschäftigt gewesen mit der Verlobung und der Hochzeit, um es Yidel zu sagen. Und jetzt musste sie ihm nicht nur ein Baby gestehen, sondern zwei. Hoffte sie wirklich auf eine Fehlgeburt? Schäm dich!
»Surie«, sagte er, nahm ihre Hand und hielt sie, ohne sie zu drücken. Hinter seinen Pupillen schimmerte ein blasses Licht wie undurchsichtiges Kristall. Sah so Liebe aus? War das dieser Nebel, der alte Leute erblinden ließ? Vielleicht wollte er sich mit ihr hinlegen? Oder war er verärgert, dass sie nicht zu ihm aufs Dach gekommen war? Nach so vielen Jahren wortloser Verständigung meinte er, ihr Schweigen deuten zu können. Normalerweise konnte er es. Sie jedoch kämpfte nach wie vor damit, diese stillschweigende Sprache zu verstehen.
Sie war immer auf seine Kunstfertigkeit stolz gewesen, stolz, dass sie mit dem Mann verheiratet war, der die Thorarollen für den Rebbe schrieb. Sie würde ihn morgens ebenso wenig beim Schreiben stören, wie sie ohne Strümpfe auf die Straße gehen würde. Im ersten Jahr ihrer Ehe hatten sie eine Zeichensprache entwickelt, sodass sie ihn fragen konnte, ob er etwas brauchte, und er konnte wortlos antworten, ohne seine heilige Arbeit unterbrechen zu müssen. Eine leicht in die Höhe gezogene Augenbraue, eine Geste, ein Lächeln, ein Nicken. Yidel sah alles bis zum winzigsten Zucken ihrer Lippe. Sie hatte oft gelacht und gesagt, dass er ihre Gedanken lesen könne. Jetzt war dieses Schweigen eine tief verwurzelte Gewohnheit.
Sie gingen beide davon aus, dass alles Wichtige vom einen zum anderen schwebte. Mit Worten waren sie ein bisschen aus der Übung. Sie wartete darauf, dass er die harte Kugel ihres Bauches bemerkte, sich eines Morgens zu ihr drehen und sie nach dem berechneten Datum fragen würde. Als das nicht passierte, war sie ratlos. Sie machte sich Sorgen, dass etwas zwischen ihnen nicht stimmte, dass Yidel sie nicht mehr auf dieselbe aufmerksame Weise liebte. Und so wartete sie und hoffte, dass es ihm auffallen würde.
Jedes Mal zuvor hatte er es bemerkt, wenn sie schwanger war, und ihr einen Schwangerschaftstest gekauft, bevor sie ihn darum bitten konnte. Sie hatten sich umarmt, gelacht, Namen vorgeschlagen. Sie liebten es beide, Eltern zu sein. Er erinnerte sich immer an die mystischen Worte, die er bei der Zeugung jedes Kindes gedacht hatte, und schrieb jeden Satz in ein kleines Büchlein, das er ihr zum fünfundzwanzigsten Hochzeitstag schenkte. Für einen Mann hatte er Intuition. Nur jetzt nicht. Was stimmte nicht mit ihm? Warum kam er nicht drauf? Warum sagte sie nichts?
Sie löste sich sanft von ihm und ging ein paar Schritte den Flur entlang.
»Die Jungs werden jeden Augenblick kommen«, sagte sie und blickte demonstrativ auf seine Hand. Irgendwie spürte sie durch die leichte Berührung seiner Haut auf ihrer, an der Weitung der dunklen Stellen in der Mitte seiner Augen, was er wollte. »Das ist nicht richtig.«
»Surie«, sagte Yidel, doch als sie sich abwandte, seufzte er nur und zuckte mit den Schultern.
Wie konnte sie ihm gestehen, dass sie schwanger war, da er doch so begeistert die alten Babymöbel für Tzila Ruchels sechstes Kind restauriert hatte? Vier Jahre zuvor, gleich nachdem sie von ihrer Reise nach Kalifornien zurückgekehrt waren, hatte er das ramponierte Bettchen, den Wickeltisch und den Kinderstuhl hervorgeholt und sie mit ländlichen Szenen aus Rumänien bemalt. Wie konnte sie ihm das nehmen, seine Freude, ein Zeyde zu sein nach all den dürren und schrecklichen Jahren, die er den Zuchtmeister hatte spielen müssen, was überhaupt nicht seiner Natur entsprach. Er wüsste, dass sie es gewusst und ihm vorenthalten hatte. Er hatte sie immer abgöttisch geliebt, ihren Kindern erklärt, dass ihre Mutter eine Heilige war, seine Liebe, seine Liebste, die Beste aller Frauen. Was würde er von ihr denken?
»Ich habe Glück gehabt«, sagte er und ging ihr nach. Erneut nahm er ihre Hand und zog sie an sich, hob ihre Finger ungeschickt an den Mund. Das machte er jeden Freitagabend bei seiner Mutter. Surie wusste, dass er ihre Finger küssen und die Geste damit beenden sollte, aber er hielt ihre Hand einfach nur einen Augenblick hoch und ließ sie wieder los. Sie gingen in die Küche, und sie stellte die Challa und den Kuchen auf den Tisch und schenkte ihm ein Glas Wein ein. Und als ihre drei jüngsten Söhne nach Hause kamen, setzte sie sich und sah ihnen beim Essen zu, die Lippen zusammengepresst, kaum atmend aus Angst, dass sie sich übergeben müsste.
Am nächsten Morgen zog sie ihre gute schwarze Strickjacke und die Bluse mit dem Hahnentrittmuster an. Sie strich den Pony seitlich unter das Kopftuch. Das Nylonhaar war steif, rau und widerspenstig. Yidel hatte ihr zur Verlobung ein goldenes Kropfband geschenkt, und sie trug es, wann immer sie das Haus verließ, obwohl es das hässlichste Ding war, das sie je gesehen hatte. Wie jeden Sonntagmorgen, wenn die große Uhr – die Uhr ihrer Mutter – zehn schlug, gingen sie hinaus ins Gedränge der Straßen von Williamsburg. Yidel ging voraus, beide zogen mit einer Hand einen Einkaufstrolley und hielten sich mit der anderen einen Regenschirm über den Kopf. Typisch Yidel, dass er mit ihr einkaufen ging. In der ersten Woche nach der Hochzeit hatte er damit angefangen. »Warte«, hatte er damals gesagt, als sie den Mantel anzog, um Lebensmittel einzukaufen. Obwohl kein anderer Ehemann, den sie kannte, seiner Frau beim Einkaufen half, hatte der tapfere junge Mann, einundzwanzig Jahre alt, seinen Mantel angezogen und den Trolley nach unten getragen. Er wartete auf dem Gehweg, bis er sah, dass sie bezahlte. Sie hatten eine endlose Reihe Geschichten über das gemeinsame Einkaufen, Episoden, über die sie nachts lachten, wenn sie in ihren Betten lagen, das Licht ausgeschaltet war und die Kinder schliefen.
»Erinnerst du dich an die Dame, die den Gartenflamingo gekauft hat und ihn nach dir benennen wollte?«
»Weißt du noch, als du die tausendste Kundin warst und alles umsonst haben konntest, und du hattest nur eine Seife im Wagen?«
»Erinnerst du dich an den Mann, der seinen Papagei mitgebracht hat, weil er ihm helfen sollte, Käse auszusuchen?«
Surie zog die Uhr jeden Sonntag auf, die schweren Bleigewichte stiegen in dem Mahagonigehäuse nach oben, und dann stellte sie die Zeit. Die Uhr hatte Surie von ihrer Mutter geerbt. Sie war über zweihundert Jahre alt und vom Vormieter in der Wohnung von Suries Eltern gelassen worden, der wahrscheinlich nicht wusste, wie er mit dem massiven Ding umziehen sollte – sie war größer als ein Mensch, oben drauf waren goldene Zwiebeln, und in das silberne Zifferblatt war der Name eines New Yorker Uhrmachers eingraviert. Nach dem Tod ihrer Mutter ging Surie durch die Wohnung, berührte die Fotos, den Nippes, die Haarbürste, das verkratzte Schneidbrett. Schließlich nahm sie die Schabbes-Kerzenhalter. An der Tür zögerte sie und bat Yidel, die Uhr mitzunehmen. Während ihrer Kindheit hatte sie in ihrem Bett gelegen, das zuverlässige Ticken geliebt, die lauten Schläge, den Glanz des Mahagonis, die Fremdheit von etwas so Altem, weil alle, die sie kannte, mit nichts in die Vereinigten Staaten gekommen waren.
An diesem Sonntag stand sie vor der Uhr, als sie zehn schlug. Sie war achtzehn, hielt die Kerzenständer ihrer Mutter in der Hand. Sie war siebenundfünfzig. Wie war es möglich, gleichzeitig beides zu sein? Surie folgte Yidel nach unten und schob mit dem Fuß zwei Hühner beiseite, bevor sie hinter ihrem Mann durch die Tür ging. Die Ecksteins hielten eigene Hühner. Sie aßen kein rotes Fleisch. Das Geflügel lebte im Hinterhof in einem großen Stall, den Dead Opa, Yidels Vater, 1951 gezimmert hatte. Er hatte auch im Flüchtlingslager in Österreich Hühner gehalten. Die Vögel pickten Würmer und rostige Schrauben aus der trockenen, blassgrauen Erde. Die Ecksteins besaßen immer fünfundzwanzig Hennen, dreißig vor Rosch ha-Schana, aber nie einen Gockel. An Sukkot, wenn Tzila Ruchel, Suries älteste Tochter, eine Laubhütte über die ganze Breite des Hauses errichtete und die Türen ständig geöffnet und geschlossen wurden, wanderten die Hühner hinaus auf die Straße und verursachten Unfälle.
Es waren alberne Tiere. Sie sprangen wie Gummibälle in die Luft. Sie gackerten und gurrten und kreischten. Als sie heiratete, hatte Surie nicht gedacht, dass sie Hühner halten würde. Keine ihrer Freundinnen im Viertel hatte einen Hof voller weißer Federn und Mist. Manchmal rief Yidel in weit entfernten Brutbetrieben an und bestellte zweifach verwendbare Küken, Vögel, die in jede Ecke des Hühnerstalls Eier legten, aber sich auch für Suppen und Eintöpfe eigneten, wenn sie mit dem Eierlegen aufhörten. Was auch ihre eigene Fruchtbarkeit hätte tun sollen.
Suries Familie hatte keine Hühner gehalten. Sie hatten im Keller keine Häute gegerbt oder Trauben oder Oliven ausgepresst, um daraus Wein und Öl zu machen. Sie waren vollkommen normal gewesen, bis bei ihrer Mutter mit fünfzig Brustkrebs diagnostiziert worden war. Surie war das jüngste von acht Kindern, das einzige, das noch zu Hause lebte und nicht verheiratet war. Ihr Vater geriet in Panik und wollte sie rasch unter die Haube bringen, damit ihre Mutter sie noch unter die Chupe führen konnte. Die Ironie der Geschichte war, dass ihr Vater kurz nach der Hochzeit an einem Herzinfarkt starb, während ihre Mutter noch zwei Jahre lebte.
Surie war sechzehn gewesen, als sie im Esszimmer der Ehestifterin Yidel vorgestellt wurde. Sie hatten sich eine halbe Stunde unterhalten. Ein einziges Mal. Ja oder nein?, war sie gefragt worden. Sie konnte sich nicht an seinen Namen erinnern. Yuda Leib? Sie hatten nicht über Hühner gesprochen. Er hatte ein sanftmütiges Lächeln und ein Lachen, das das Zimmer ausfüllte. Später wurde ihr klar, dass er ein bisschen nach Hühnern und Häuten gerochen hatte, aber im Augenblick, im Zimmer der Ehestifterin war ihr der Geruch seiner Kleider exotisch, fremd und aufregend erschienen. Sein Bart war rotblond gewesen.
»Wie bei König David«, sagte er und berührte den Bart, als er merkte, dass sie ihn betrachtete. Obwohl er älter war als sie, war er noch ein Junge, sein Bart gerade mal drei Zentimeter lang. Er war die ganze Zeit rot angelaufen, aufgeregt und beschämt wegen seiner Aufregung, beflissen und schüchtern. Derselbe Yidel, wirklich. »Masl-tow!«, hatte ihr Vater gerufen, als sie ja murmelte. Ihre verheirateten Geschwister und ihre Mutter waren hereingestürzt, um zu feiern, als hätten sie an der Tür gehorcht. Ihre Mutter hatte geweint und geweint und gewünscht, ihre vier älteren Kinder, die im Holocaust ermordet worden waren, könnten dabei sein, aber Surie wollte nicht in die alte Traurigkeit hineingezogen werden. Ihr stand ein neues Leben bevor, ein neues Heim, jenseits des Schattens von Europa.
»Wann hattest du deine letzte Periode?«, war die erste Frage der Rebezn nach der Verlobung gewesen. Sollte sie darüber Buch führen? Offenbar. Glücklicherweise erinnerte sie sich. Die Hochzeit wurde auf zwei Monate danach festgelegt, die Zeit größter Fruchtbarkeit.
Am Morgen nach der Hochzeit kam eine frischverheiratete Freundin vorbei, um ihr zu zeigen, wie sie ein Tuch über den rasierten Kopf band. Surie betrachtete sich im Spiegel. Jede verheiratete Person wusste, was in der vergangenen Nacht passiert war. Die Frauen würden mit ihr zusammenzucken, wenn sie sich setzte. Die Männer würden Yidel auf den Rücken klopfen und auf sein Lächeln hin grinsen. Aber abgesehen vom Kopftuch sah sie aus wie immer. Es fiel ihr schwer zu glauben, dass keine Worte auf ihre Stirn gestempelt waren, die verkündeten, was sie in dem dunklen Zimmer getan hatte. Und zudem: Sie war nicht sicher, ob sie es hätte genießen sollen, aber sie hatte es genossen, und sie grinste Yidel immer wieder an und hielt sich dann die Faust vor den Mund. Und obendrein: Sie wusste es nicht, aber sie war bereits schwanger.
Jetzt war sie auch schwanger, schwanger mit sechzehn und schwanger mit siebenundfünfzig, Lebensabschnitte, in denen man lieber nicht schwanger sein will. Es regnete, auf dem Gehweg bildeten sich breite Pfützen. Das Wasser lief ihr in die Schuhe. Yidel und Surie machten ihren sonntäglichen Gang die Division Avenue entlang bis zur Lee Avenue. Bei Flaum holten sie Pickles und Heringe. Zwei Häuser entfernt von ihrem Haus war ein Fischgeschäft, aber sie kauften seit vierzig Jahren bei Flaum ein. Yidel warf ein paar Münzen in die verwelkte Hand eines Mannes, dessen Rollstuhl vor dem Laden stand und der ständig vor sich hin murmelte. »Tschebiner Jeschiwa«, sagte der Mann. »Tschebiner Jeschiwa.«
Zum Metzger in der Rodney Street. Zurück zur Lee, zu Wagers, dem Lebensmittelhändler. Im Rinnstein trieben glitzernde Fischschuppen davon. Regenwasser floss von den Dächern auf Stapel aus Mülltüten und flachgedrückten Schachteln. Spatzen pickten im Abfall. In der Bäckerei kaufte Yidel außer der Torte, die sie als Geschenk für die Gastgeberin der Schewa brachot an diesem Abend bestellt hatten, noch fünf Kekse. »Für Tzila Ruchels Mädchen«, sagte er. Ihre dreißigjährige Tochter lebte in der Wohnung unter ihnen. »Und einen für mein bestes Mädchen«, sagte er, warf einen sechsten Keks in die Tüte und lächelte sie an. Die Trolleys wurden schwerer und schwerer, neigten sich zur Seite, ihre Räder ächzten. Yidel nahm die schwersten Sachen aus Suries Trolley und legte sie in seinen. Kurz vor dem Mittagessen waren sie wieder zu Hause. Die Uhr ihrer Mutter schlug zwölf.
»Geh schon rauf«, sagte Yidel zu ihr. Er würde beide Trolleys die Treppen hinaufziehen, doch er wurde auch nicht jünger. Manchmal befürchtete sie, dass er einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hätte. Was würde passieren, wenn sie plötzlich damit herausplatzte, dass sie Zwillinge erwartete?
»Ich mache die Suppe heiß«, sagte sie.
Am zweiten Nachmittag nach dem Ultraschall, volle achtundvierzig verschwundene Stunden, nachdem sie von den Zwillingen erfahren hatte, stand Surie wieder an der Spüle und wusch die kleinen Glashalter für die Schabbes-Kerzen mit Ammoniak und einem Lappen. Sie hatte Tränen in den Augen, aber sie hatte immer Tränen in den Augen, wenn sie Ammoniak benutzte.
»Ich habe beschlossen, mit Schwartz Néni jede Woche mit dem Bikur-cholim-Bus zu fahren«, sagte sie zu Yidel. »Freitagnachmittags. Ich habe Zeit.« Es war Montag. Sie kündigte es ihm früh genug an.
Dass sie die Kranken in der Klinik besuchen wollte, war nicht wirklich gelogen. Sie würde Schokoladenkuchen mitbringen. Sie würde an den Betten der Patienten stehen bleiben und Psalme aufsagen. Und dann würde sie zur Gynäkologie gehen. Wenn es eine Lüge war, dann durch Auslassung.
Yidel erwiderte nichts. Er las die jiddische Zeitung.
»Ich langweile mich«, erklärte sie. Unter ihren Armen, am Ende ihres Rückgrats sammelte sich Feuchtigkeit. Auch unter der Kugel ihres Bauchs. »Leere Tage machen komische Dinge mit einem.«
Warum log sie? Nie zuvor hatte sie Yidel angelogen. Sie steckte den Lappen ins Glas und drehte ihn.
»Die anderen Frauen sagen, dass sie in den Wechseljahren ruhelos werden.«
