Eine Heimat des Krieges - Jan-Henrik Martens - E-Book

Eine Heimat des Krieges E-Book

Jan-Henrik Martens

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Beschreibung

Dörfer brennen und Bauern fliehen, als die Grauen den Süden Vernlands mit Gewalt überziehen. Die Beweggründe der Kreaturen sind unbekannt. Unter den flüchtenden Dörflern ist der Jäger Roren, der zusammen mit seiner Familie hofft, Schutz bei den Etarianern zu finden. Dieses Echsenvolk besiegte die Fürsten Vernlands einst in einem Glaubenskrieg, herrscht seitdem mit strengen Gesetzen über den Kontinent. Von dem menschenverachtenden Militärstaat der Etarianer ist keine Hilfe zu erwarten, dennoch strömen täglich Hunderte Flüchtlinge in ihr Wüstenreich; und als der Flüchtlingsstrom das etarianische Volk zu überfordern beginnt, bietet sich den rachsüchtigen Fürsten die langersehnte Gelegenheit, die Echsen aus Vernland zu vertreiben. Die Menschheit plant einen weiteren Krieg, während Rorens Familie in der Wildnis gegen Hunger und Krankheiten kämpft und die Grauen Jagd auf menschliche Beute machen. Ein Fantasy-Roman über Familien und Völker und die Gräuel eines Krieges.

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Seitenzahl: 750

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Jan-Henrik Martens

Eine Heimat des Krieges

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Funken

Steine

Karren

Helden

Namenstag

Kriegsrat

Kronenwald

Sonne

Wolken

Beute

Verrat

Norden

Befreit

Verlies

Käfige

Bestrafung

Gräber

Blutsbande

Söhne

Ernte

Gift

Zerklüftet

Schwärze

Mauern

Trümmer

Wunden

Blätter

Feinde

Abyssus

Krankheit

König

Nachleben

Heimat

Grau

Der Autor

Impressum neobooks

Widmung

Für meine Familie und Freunde und all die Testleser, die mich bei der Entstehung dieses Romans unterstützt haben. Euretwegen fand ich die Motivation, die Reise nach Vernland bis zum Ende durchzustehen.

Und für meine Lehrmeister, die Wortkrieger. Eure unermüdliche Hingabe für die Literatur hat mich inspiriert, und ohne eure ehrlichen Kritiken hätte ich nie die Worte gefunden, um zu sagen, was ich schon lange sagen wollte.

Funken

Als Roren zur Jagd aufbrechen wollte, schallten Stimmen durch das Dorf.„Die Echsen scheren sich einen Dreck um uns, die werden nicht herkommen. Wir müssen fliehen, und zwar schnell“, rief jemand. „Wenn wir bleiben, werden wir gefressen.“ Der zustimmende Aufschrei einer Menschenmenge ertönte.

Roren trat aus seiner Hütte und blickte gen Dorfmitte. Mehrere Männer hatten sich vor dem Lebensmittellager von Seros versammelt. Jemand stand in der Tür und fuchtelte mit einem Gegenstand, der in der Sommersonne schimmerte.

„Was ist das für ein Gebrüll?“, fragte Ariane. Sie folgte Roren aus der Hütte und sah besorgt aus. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn. Sie entdeckte die Menge und sagte: „Geht es schon wieder um die Flucht? Dieses Gerede über Graue treibt unser Dorf noch in den Wahnsinn.“

Roren sagte: „Bleib bei unserer Tochter, pass auf sie auf. Ich werde nachsehen, was da los ist. Sie regen sich sicher grundlos auf, das ist immer so.“

Ariane berührte seinen Arm. „Sei bitte vorsichtig. Gestern Abend haben die Männer so entschlossen geklungen, und die Flammen haben sie nur wütender gemacht. Sogar mein Bruder ließ kaum mit sich reden. Ich glaube nicht, dass sie sich diesmal beruhigen.“

„Wir werden sehen. Passiert schon nichts.“

Ariane ging zurück in die schattige Hütte und fragte: „Hilla, Liebes, wo bist du?“

Roren atmete durch und umklammerte seinen Jagdbogen, während er sich den Rufen näherte. Eine Brise fuhr über trockenes Gras und die staubige Erde. Die Luft war stickig. Dutzende Holzhütten flirrten in der Hitze. Der Himmel über Seros war blau, doch dort, wo das Nachbardorf Gerwind lag, trübten Rauchfahnen die Schönheit des Frühsommermittags.

Der Älteste von Seros stand vor dem Lebensmittellager und der Menschenmenge. Er richtete eine Mistgabel auf die Männer, auf Nachbarn und alte Freunde. Sie wollten durch die Tür und in das Steingebäude, es ausräumen und in den Norden fliehen, das hatten sie am Vorabend angedroht. Bei frisch gebackenem Brot, Bier und dem Knistern eines Lagerfeuers hatten sie beisammengesessen und über die Gefahr aus dem Süden geredet. Die Grauen. Sie würden alle Männer und Frauen und Kinder fressen, wenn sie nicht schnell in den Norden flöhen, hieß es. Sämtliche Bewohner von Seros sollten Zuflucht bei dem Echsenvolk der Etarianer suchen, bevor es zu spät sei. Roren hatte dagesessen, den Wortgefechten der Dörfler gelauscht, in das Feuer gestarrt und nichts gesagt.

Die Grauen waren vor einem Monat aus ihrem Gebirge im Süden Vernlands gekrochen, so wurde es in allen Winkeln des Kontinents verkündet. Sogar bis nach Seros war die Nachricht gedrungen. Als ein Bote von Grauen berichtete, hatte Roren gelacht. Er war nicht allein gewesen; doch im Laufe der Zeit wurde aus dem Gelächter ein nervöses Lächeln.

Der Älteste hatte versucht, die Dörfler zu beschwichtigen, behauptet, die Etarianer würden kommen und dafür sorgen, dass niemandem ein Leid geschähe, so denn eine Gefahr bestehe. Aber eine solche gebe es ohnehin nicht, die Grauen seien bloß eine Schauermär. Gestalten aus Geschichten, die man nach Einbruch der Dunkelheit erzählte, damit Kinder nicht allein durch die Wälder streifen würden und des Nachts in ihren Betten blieben.

Bis in die frühen Morgenstunden hatten sich die Einwohner von Seros gestritten. Sie waren immer feindseliger, immer gereizter geworden; bis Rauch am Horizont aufstieg und wutverzerrte Gesichter in verzweifelte verwandelte.

Heute stand der Älteste erneut vor seinen Mitmenschen, diesmal bewaffnet. „Falls es die Grauen wirklich gibt, werden die Etarianer uns helfen“, sagte er, als müsse er sich selbst davon überzeugen. „Dazu wären sie verpflichtet, denkt an den Friedensvertrag.“

„Und wann werden die Echsen kommen? Wenn wir bereits brennen?“, fragte jemand. „Wenn die Grauen uns gefangen nehmen und unsere Kinder fressen? Die Etarianer werden uns hier nicht helfen, sieh das doch ein. Also gehen wir zu ihnen. In Seros bleiben wir nicht, die Grauen sind nur einen Tagesmarsch entfernt.“

„Genau. Gerwind ist gestern niedergebrannt, du hast das Feuer doch auch gesehen, oder nicht?“, sagte Dohan, der Metzger. Er war ein dicker Mann, immer nett, immer freundlich. Gestern hatte er noch versucht, die Dörfler zum Bleiben zu bewegen; heute hatte er Angst um sein Leben. Roren wusste, wie sich das anfühlte. In der Nacht war das Nachbardorf in Brand gesteckt worden und man hatte das Feuer in der Ferne sehen können. Und den Rauch, der die Sterne verdeckte. Für Dohan und die meisten Männer bestand kein Zweifel daran, dass die Grauen dafür verantwortlich waren.

Die Angst, dass es Seros ähnlich ergehen könnte, hinterließ Funken, und die Dorfbewohner waren wie trockenes Laub; es war nur eine Frage von Augenblicken - ein falsches Wort oder eine plötzliche Bewegung -, bevor sie Feuer fangen würden. Und etwas lag im Blick des Ältesten, etwas, das Tiere haben, wenn sie in eine Ecke gedrängt werden.

Dohan machte einen Schritt auf den Ältesten zu und sagte: „Wir müssen hier weg, also steh uns nicht im Weg, alter Mann. Lass uns endlich ins Lager.“

„Ihr geht nach Norden und was dann?“ Der Älteste brüllte. Er hob drohend die Mistgabel. Seine Fingerknöchel waren weiß. „Da gibt es nur die Wüste. Die Etarianer werden euch nicht willkommen heißen, sie mögen keine Menschen. Die jagen euch weg und lassen euch verrecken.“

„Mag sein, aber die Etarianer fressenunswenigstens nicht“, sagte Eron, Arianes Bruder. Er stand mit verschränkten Armen inmitten der Männer. Seine Miene war steinern. „Wenn wir hierbleiben, dann sind wir todgeweiht. Die Grauen mögen Menschenfleisch und werden uns bei lebendigem Leibe kochen.“

Der Dorfälteste schüttelte den Kopf. „Seid ihr so kleingeistig, dass ihr diesen Unsinn über Menschenfresser glaubt? Nichts als Ammenmärchen und Schauergeschichten. Dafür gibt es keine Beweise. Aber dass die Etarianer Flüchtlinge verhungern lassen, das ist sicher. Wie oft muss ich das noch sagen?“

„Wir werden gehen“, sagte Dohan mit ruhiger Stimme. „Wir werden das Dorf verlassen und das Essen nehmen wir mit.“

„Was wird aus denen, die nicht fliehen können? Oder es nicht wollen? Die Alten und Schwachen, die Frauen und Kinder?“, fragte der Älteste. „Ich werde hier stehen bleiben. Und der erste, der hier rein will, ich verspreche euch, den stech ich ab.“

„Mach keine Dummheiten und lass uns durch.“ Dohan erhob die Stimme nicht, aber seine Anspannung war offensichtlich. Er stand kerzengrade da und hatte die Hände zu Fäusten geballt.

Der Dorfälteste und der Metzger sahen sich tief in die Augen. Nicht bei einem Fest oder beim freundschaftlichen Handeln; sie standen im Staub vor einer Steinhütte und starrten sich an. Wütend, angespannt, abwartend. Wie hungernde Tiere vor ihrer Beute. Und es galt, die Rangfolge zu klären. Roren lebte seit seiner Geburt in Seros, und nie hatte sich jemand mit dem Ältesten angelegt. Nicht auf diese Weise. Es musste ein Traum sein, etwas Unwirkliches.

„Zurück, das Essen bleibt hier“, sagte der Älteste. „Verschwindet, wenn ihr so wild darauf seid. Geht in den Norden, macht euch auf die beschwerliche Reise, wer weiß, vielleicht kommt ihr sogar an. Vielleicht habt ihr Glück und verhungert nicht, werdet nicht überfallen und getötet. Und vielleicht reichen die Etarianer euch sogar die Hand und geben euch Gestrüpp zu fressen; aber nicht jeder ist bereit, monatelange Fußmärsche zu erdulden. Das Essen bleibt hier.“

Einige Männer wurden unsicher. Hier eine gerunzelte Stirn, da ein nachdenklicher Blick gen Boden. Aber nicht Dohan. Er näherte sich dem Ältesten.„Du alter Spinner, mach dich weg jetzt, oder es setzt was. Wir werden nicht darauf warten, von den Grauen geschlachtet zu werden. Wenn die kommen, dann war’s das. Dann bleibt uns nur der Abyssus.“

Der Älteste riss die Augen auf.„Unser Glaube wurde uns verboten“, sagte er. „Du darfst sowas nicht aussprechen.“

„Was soll das? Hier ist keine verdammte Echse, die dich deswegen auspeitscht. Der Große Richter wird uns sicher in den Norden geleiten, wirst schon sehen, alter Mann. Der Richter wird uns beschützen.“Dann wiederholte er es wieder und wieder, reckte dabei eine Faust in die Luft und wurde immer lauter. Die Menge stimmte mit ein. Der Richter wird uns beschützen. Seit vierzehn Jahren hatten nicht mehr so viele Menschen ihren Glauben bekundet, so kam es Roren jedenfalls vor. Und selbst wenn es in diesem Augenblick nur ein Kriegsschrei war, fühlte er, dass die Echsen den Glauben doch nicht hatten verbieten können. Dass er noch da war, tief verwurzelt in den Seelen seiner Freunde. Dohan lächelte, packte den Ältesten am Kragen.„Weg da jetzt.“

„Lass mich los, Bursche.“Der Älteste wand sich, doch der Griff des Metzgers war zu stark. Dann stach der Älteste zu. Er versenkte die Mistgabel in Dohans Bauch. Fassungslose Blicke, ungläubiges Schweigen. Der Älteste erbleichte und ließ die Mistgabel los. Sie blieb im Metzger stecken. Dohan presste mit der Hand auf die Wunde, aus der Blut strömte, das über seine Finger floss. Niemand rührte sich.

„Du alter Bastard“, sagte Dohan. Er rang nach Atem. „Du hast mich umgebracht.“Und dann knallte er auf den Boden. Staub wirbelte auf, die Mistgabel ragte wie ein Fahnenmast aus Dohans Bauch. Sein Blick war auf die Sonne gerichtet. Ein letztes Ausatmen, dann begann die Menge zu toben.

Zwei Männer packten den Ältesten, bevor er reagieren konnte. Ein dritter schlug zu. Mit der Faust ins Gesicht, immer wieder. Der Schläger war ein Jüngling, der beim Ältesten das Lesen und Schreiben gelernt hatte. Die Männer brüllten, fluchten, schlugen ebenfalls auf den Ältesten ein. Roren wollte eingreifen, der Wut ein Ende bereiten. Er hob den Bogen und zog einen Pfeil aus seinem Köcher. Dann dachte er an seine Frau und an Hilla. Und daran, dass sie hierbleiben mussten. Er durfte nicht verletzt werden, musste für sie da sein. Er ließ die Arme sinken.

Der Älteste sackte zu Boden, die Männer stürmten das Lager, nahmen mit, was sie tragen konnten. Schinken, Fische, Brote. Sie fielen über die Lebensmittel her wie Fliegen über einen Tierkadaver. Dann war es vorbei. Die Männer gingen ihrer Wege, ließen den Ältesten und die Leiche Dohans im Dreck liegen. Sie blickten nicht zurück.

Eron trug Brotlaibe und blieb neben Roren stehen. „Du solltest auch gehen“, sagte er. „Nimm meine Schwester und die Kleine und verschwinde von hier, bevor die Grauen kommen.“

Roren sagte: „Selbst wenn es die Grauen gäbe, wir können nicht gehen, das würde Hilla nicht überleben. Das weißt du.“

Eron nickte, seufzte dann. „Ich wünschte, ich könnte bei euch bleiben, aber meine Frau und mein Sohn ... Ich will nicht riskieren, dass sie von Grauen gefressen werden."

„Das kann ich verstehen, wirklich."

„Sag meiner Schwester, dass ich sie liebe. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, mein Freund.“

Roren rang sich ein Lächeln ab. „Das werden wir, eines Tages. Da bin ich sicher.“

Eron sagte: „Bist ein guter Mann, Roren. Pass auf dich auf, ja? Und auf unsere Familie. Die Grauen dürfen ihnen nicht wehtun, hörst du?“

„Werden sie nicht, das verspreche ich.“

Roren kniete neben dem Ältesten, dessen Gesicht angeschwollen war. Er blutete aus Mund und Nase und sagte: „Roren, mein Bester.“ Der Älteste versuchte zu lächeln. Ihm fehlten mehrere Zähne.

„Es tut mir so leid“, sagte Roren. Er legte eine Hand auf die Brust des Ältesten, konnte seinen schwachen Herzschlag spüren. „Ich hätte eingreifen sollen.“

„Ich habe Dohan getötet“, sagte der Älteste.

„Ja, das hast du.“

„Dafür wird er sich im Abyssus rächen, nicht wahr?“ Seine Stimme wurde leiser.

„Der Große Richter wird die Wahrheit erkennen.“

Der Älteste kicherte gurgelnd. Dann hustete er Blut.„Bist ein guter Junge, Roren, schon immer gewesen.“

„Rede nicht weiter, du musst dich ausruhen.“

„Ja … glaubst du auch, dass es die Grauen gibt? Dass sie kommen werden?“

„Ich weiß es nicht.“ Er nahm die Hand des Ältesten. „Ich weiß es wirklich nicht.“

„Dennoch bleibst du hier?“

„Seros ist meine Heimat. Und Hilla … mit ihrer Krankheit. Sie würde eine Reise nicht überstehen. Es wäre Folter für sie.“

„Was … was wirst du tun?“

„Ich bin ein Jäger und der beste Bogenschütze, den du je gesehen hast, das hast du mal gesagt, erinnerst du dich?“Der Älteste nickte kaum merklich. Roren sagte: „Ich kenne die Wälder, jeden Baum, jeden Hügel. Ich werde den Grauen meine Hilfe anbieten. Ich werde tun, was immer sie verlangen, wenn sie das Dorf und meine Familie verschonen.“

„Und wenn sie es nicht tun?“

„Dann werde ich sie erschießen und nach meinem Tod um Vergebung bitten.“

„Wen erschießen?“Roren antwortete nicht.

Als der Älteste aufhörte zu atmen, küsste Roren seine Stirn und wünschte ihm, dass er im Nachleben als Fürst wiedergeboren werde.

Die Sonne ging unter, und das Dorf war wie ausgestorben. Nur die Alten und Schwachen waren geblieben und spazierten ziellos zwischen den Hütten umher. Ihre Blicke wanderten über den Boden, als würde sich dort ihr Lebenssinn verbergen und sie müssten nur lang genug auf Dreck starren, um ihn zu finden. Die Menschen waren still. Kein Kinderlachen, keine Frauen beim Dorftratsch, keine Männer, die sich über die Jagd unterhielten. Nur die Blätter der Bäume raschelten im Wind und der nahegelegene Fluss plätscherte. Das Rad der alten Mühle drehte sich quietschend und die Vögel sangen unverändert ihr Lied. Die Sonne verschwand am Horizont und tauchte die Holzhütten von Seros in ein sattes Orange. Das Lebensmittellager war zerstört. Die Tür hing aus den Angeln und das Innere war leer, verwüstet, ohne Ordnung. Vor dem Lager trocknete Blut auf dem Boden. Niemand hatte die Leichen des Metzgers und des Ältesten fortgeräumt. Sie lagen im Schatten des Lagers, als gehörten sie da hin.

Roren hatte das Lager vor zwei Jahren zusammen mit den anderen Männern errichtet. Es erschien ihm so lang her, wie eine Geschichte aus einem Buch, irgendwo in einer staubigen Bibliothek. Das Gemäuer sollte als Rettung dienen, falls eines Tages ein Krieg vor ihrer Haustür stünde. Eine Lebensmittelreserve in einer Zeit des Abwartens, ohne Möglichkeit zum Handel mit anderen Siedlungen. Roren strich mit der Hand über den rauen Stein des Gemäuers, wandte sich dann ab.

Er ging vorbei an den Holzhütten, die für Dörfer des Fürstentums Rygmoor bezeichnend waren. Seros war kaum mehr als eine Ansammlung solcher Hütten. Vor Ewigkeiten waren sie an einem Fluss errichtet worden, eine Siedlung mitten im Wald. Die Jagd und der Handel mit anderen Dörfern hielt Seros am Leben, und es war nicht unüblich, dass Menschen aus Gerwind nach Seros zogen und umgekehrt. So war es immer gewesen, so würde es immer bleiben. Das hoffte Roren. Er beobachtete den Sonnenuntergang und sah seine eigene Hütte am Fluss. Rauch strömte aus den Öffnungen im Dach. Ariane bereitete das Abendessen zu. Der Rauch zog dunkle Striemen über den rötlichen Himmel. Roren befürchtete, es wäre das letzte Mal, dass hier jemand Essen kochte.

Hilla saß auf einem Hocker und ließ die Beine baumeln. Sie trug ein einfaches weißes Leinenkleidchen und atmete schwer.„Hallo Liebes“, sagte Roren.

Hilla sagte: „Vater, gleich gibt's was zu essen.“Sie zeigte auf einen Topf, in dem Suppe blubberte. Ariane stand vor dem offenen Feuer, über dem der Topf hing, und blickte gedankenverloren in die Flammen.

„Da komme ich ja gerade rechtzeitig“, sagte Roren.

„Hast du Liese gesehen?“, fragte Hilla.

„Deine Strohpuppe?“

„Ja.“

„Nein, das habe ich nicht. Aber sie kann ja nicht weggelaufen sein, oder?“ Er zwinkerte ihr zu. „Nach dem Essen helfe ich dir suchen, ja? Wir werden sie finden.“

Hilla lächelte, wie neunjährige Mädchen lächelten, wenn man ihnen eine Geschichte über Prinzessinnen und Prinzen erzählte. Aber da war kein Leuchten in ihren Augen. Sie lächelte nur für ihn. Damit er es sich einprägte, bevor Hilla nicht mehr lächeln könne.

Roren war mit ihr in Willet gewesen, der Hauptstadt des Fürstentums Rygmoor. Das Gehen fiel ihr schwer, sie klagte über Schmerzen. Ein alter Mann mit schlechten Augen hatte Hilla angesehen. Er war Heiler, kannte sich mit allerlei Beschwerden aus. Er hatte Hilla untersucht, hier draufgedrückt, dort getastet, und dann gesagt, sie sei todkrank. Ihre Muskeln würden allmählich verschwinden. Der Heiler sagte, er hatte einst einen Mann gekannt, dem es ähnlich ergangen war. Zuerst die Beschwerden beim Gehen, später fiel ihm das Sprechen schwer. Am Ende fehlte ihm die Kraft zum Atmen, er sei erstickt. Hilla würde dasselbe Schicksal ereilen. Es sei der Zorn des Großen Richters, flüsterte der Heiler, eine Bestrafung für Vergehen in einem früheren Leben. Doch für welche Tat vermochte er nicht zu sagen. Dann waren Roren und Hilla nach Hause gegangen und er hatte Ariane alles erzählt. Seine Frau hatte ihn mit feuchten Augen angeblickt. Trauer lag in ihrem Blick, Trauer und Wut, als wäre ihre Tochter bereits gestorben. Und Roren wusste, dass er eines Tages an Hillas Bett treten und sie tot vorfinden würde. Manchmal wünschte er sich, er wäre nie zum Heiler gegangen.

Die Suppe kochte über. Ariane hatte vergessen, umzurühren. Der Anblick erinnerte Roren an die Hitze und an die Stimmen und an das Blut. Erinnerte ihn daran, wie die Gemüter alter Freunde hochgekocht waren, sie zu Mördern gemacht hatten.„Scheiße“, sagte Ariane.

„Sowas sagt man nicht“, sagte Hilla.

Roren sagte: „Ganz recht. Als Strafe muss Mami dir heute eine Geschichte erzählen, bevor du schlafen gehst.“

„Oh ja. Machst du das, Mami?“

„Sicher.“ Sie drehte sich nicht zu ihrer Tochter um und es lag keine Wärme in ihrer Stimme. Dass ihr Bruder Seros zusammen mit den anderen verlassen hatte, schien sie mehr mitzunehmen, als sie zeigen wollte. Roren wusste, dass sie auch gegangen wäre. Ohne zu zögern, ohne zurückzublicken, einfach fort. Wäre Hilla nicht, wäre seine Frau an diesen Tag nach Norden gezogen. Er konnte es ihr nicht verübeln. Seros war nicht mehr wie früher, würde es nie mehr sein; und nach den gestrigen Flammen wirkten die Schatten vor den Fenstern dunkler.

„Hat ihr die Geschichte gefallen?“, fragte Roren.

„Sie ist schnell eingeschlafen“, sagte Ariane.

Der Mond schien ins Schlafzimmer. Es war noch immer sehr warm. Roren lag nackt auf dem Bett und schwitzte trotzdem. Ariane streifte ihre Kleidung ab. Das Leinenkleid fiel zu Boden und entblößte Arianes verschwitzten Körper. Ihr Bauch war flach und wunderschön. Ariane hatte einige Narben, die von der Schwangerschaft stammten, aber das machte sie anziehender, weiblicher. Diese Male verdeutlichten die Verbindung zwischen ihr und Roren. Hilla war vor neun Jahren unter diesen Streifen herangewachsen.„Erinnerst du dich an das Dorffest damals?“, fragte Roren.

„Damals?“

„Vor neun Jahren, nach unserer Hochzeit.“

Ariane lächelte.„Natürlich. Du warst betrunken.“

„Ja, das Starkbier meines Vaters. Das Zeug hätte den stärksten Hirsch umgehauen.“

„Und du warst so glücklich an dem Abend.“

„Das bin ich noch immer.“

Sie blickte ihn lange an, presste die Lippen zusammen.

Roren sagte: „Damals haben wir unter dem Sternenhimmel miteinander geschlafen. Ich kann mich noch gut an dieses Gefühl erinnern, unser erstes Mal. Wir lagen im Gras und haben uns angesehen. Es gab nur uns beide. Du hast nach Himbeeren und Wein gerochen.“

Ariane kletterte zu ihm ins Bett und schmiegte sich an ihn. Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter und er spürte, wie ihre Brüste seinen Arm streiften und ihr Atem auf seiner Haut kitzelte. Er streichelte ihren Rücken. Er liebte es, Dinge zu berühren. Sie gaben viel über ihre Natur preis, wenn man sie berührte. Die Rauheit eines Steins, das Gefühl von Wildnis beim Berühren von Baumrinde, die Klarheit und die Lebendigkeit des Wassers. Wenn er seine Frau berührte, spürte Roren ihre Seele. So sanft und voller Leben. Doch heute war ihre Haut seltsam kühl.„Kaum zu glauben, dass dein Vater schon so lange tot ist, hm?“, fragte sie, sah dabei aus dem Fenster. „Sieben Jahre schon.“

„Ja, manchmal kommt es mir vor, als wäre er erst gestern gestorben. Verfluchtes Fieber.“

„So viele sind tot. Und es werden mehr sterben. Vielleicht heute Nacht“, sagte Ariane.Eine Träne kullerte über ihre Wange. Nur eine einzige.

„Heute wird niemand sterben. Nicht ich, nicht du und erst recht nicht Hilla. Das verspreche ich dir“, sagte Roren. „Ich liebe dich.“ Er küsste ihre Stirn. Sie schmeckte salzig.

Roren konnte nicht schlafen, er wollte es auch gar nicht. Er stieg aus dem Bett. Ariane atmete ruhig und regelmäßig, während sie schlief. Er zog leise seine Jagdkleidung an und griff nach seinem Bogen. Roren strich mit dem Daumen über die Sehne, spürte die Spannung, die auf ihr lag und den Tod bedeuten konnte. Dann streichelte er über die Federn an den Pfeilen. Federn, die einst einem Tier gehört hatten, das wild und frei gewesen war. Roren verließ das Haus.

Im Dorf war es still. Keine Feuer brannten in den Häusern, niemand wanderte durch die Nacht; doch als sich Roren umsah, fühlte er sich beobachtet. Er hatte das Gefühl, wilde Tiere hockten im Dickicht und beäugten ihn. Füchse, Eichhörnchen, Rehe. Tiere, die er in den Wäldern getötet hatte. Er hatte mit seinem Bogen gezielt, langsam ausgeatmet, losgelassen, gespürt, wie die Pfeilfedern seine Hand streiften, und dann war etwas gestorben. Heute riefen die Tiere seinen Namen, lockten ihn in die Dunkelheit, in den Abyssus. Roren schloss die Augen und sah Seros brennen. Seine Frau lief schreiend durch die Nacht. Ihre Haare standen in Flammen. Hilla lag blutüberströmt in ihrem Bett. Roren atmete tief durch, und als er die Augen öffnete, hatte sich nichts verändert. Er war allein, das einzige Geräusch war das Heulen einer Eule.

Rorens Schritte klangen ungewöhnlich laut, als er zu dem Weg ging, der nach Gerwind führte. Rauch hing noch immer über dem Dorf, aus dem die Grauen kommen würden. Roren wartete auf eine Bewegung, auf Lichter oder Stimmen. Lange stand er da und erwartete die Ankunft der Grauen. Er sah nur Bäume und Schatten und das Funkeln der Sterne. Wind strich über seine Haut und trug die Düfte von Blumen und Gräsern zu ihm, die Gerüche des Sommers. Sie wirkten beruhigend. Roren lauschte dem Rascheln der Blätter; und als der Wind abflaute, raschelten die Blätter weiter und Äste knackten. Roren drehte sich um. Hinter ihm stand jemand.

Das Wesen war einen Kopf größer als er. Roren hörte, wie es atmete. Luft strömte aus den Nüstern der flachen Schnauze. Schwarze Schuppen bedeckten den Körper des Fremden. Sie machten ihn fast eins mit der Finsternis. Wären da nicht der Glanz seines Kettenhemdes und die Augen, die Roren neugierig musterten. Die Pupillen waren schwarze Schlitze inmitten von Gold. Die Anspannung fiel von Roren ab. Ein Etarianer stand vor ihm, sie waren endlich gekommen.„Bin ich froh, euch zu sehen“, sagte Roren. „Ich dachte schon, ihr würdet nie kommen, um uns zu helfen. Und ich weiß nicht, was heute Nacht noch passiert wäre. Die Grauen sind nah. Sag, gibt es sie denn? Weißt du das? Warum seid ihr sonst hier?“

Die Echse sagte nichts. Mehrere Etarianer schlichen durch den Wald, betrachteten die Hütten von Seros.

„Eine Schande, dass ihr nicht heute Mittag eingetroffen seid“, sagte Roren. „Dann würde unser Ältester noch leben und die meisten unserer Männer wären noch da. Sind alle abgehauen.“Die goldenen Augen des Etarianers verengten sich. Roren sagte: „Keine Sorge, sie haben Karren und Kinder dabei. Weit können sie nicht gekommen sein. Ich bin sicher, wir holen sie schnell ein. Die Männer werden euch im Kampf gegen die Grauen unterstützen, darauf könnt ihr euch verlassen.“

Der schwarze Etarianer sagte mit rauer und kehliger Stimme: „Wir sind nicht hier, um euch zu retten.“

„Was?“Stahl blitzte auf. Ein Schwert raste auf Rorens Gesicht zu. Reflexartig trat er einen Schritt zurück und hob abwehrend den Arm. Die Klinge fuhr durch Haut, Muskeln und Knochen. Warme Flüssigkeit sprudelte auf Rorens Gesicht, brannte in den Augen. Seine rechte Hand hing in einem merkwürdigen Winkel vom Handgelenk. Roren versuchte, die Finger zu bewegen. Nichts geschah. Er wollte weglaufen, doch ihm war schwindelig.

Erneut fuhr das Schwert auf ihn nieder, schnitt durch Fleisch und Knochen. Etwas fiel zu Boden. Roren senkte den Blick. Eine Hand lag vor ihm. Wie ein Insekt lag sie da, fremdartig und ekelerregend. Blut strömte aus dem Stumpf, schimmerte im Mondlicht. Roren spürte keine Schmerzen, und doch schrie er bei dem Anblick, bis ihn jegliche Kraft verließ und er verstummte. Seine Beine gaben nach und er ging auf die Knie. Er wollte den Etarianer fragen, wessen Hand das sei, doch das Sprechen erschien zu anstrengend.

Jemand rief etwas, die schwarze Echse grinste und wandte sich wortlos ab. Die Nacht wurde dunkler. Roren hörte das Rascheln der Blätter nicht mehr, alle Geräusche klangen weit entfernt und dumpf. Weitere Etarianer traten aus dem Wald. Sie trugen Fackeln in den Händen und näherten sich dem Dorf. Dann stoben Funken in den Nachthimmel.

Steine

Saoana saß auf einem Schimmel und ritt an der Seite ihres Vaters durch ein Waldstück. Die Leibgarde folgte ihnen. Fünf Mann in schwerer Rüstung, die auf Hengsten stumm die Umgebung beobachteten. Ein Pferd schnaubte, Grillen zirpten im Dickicht.

„Wir hätten die Echsen abschlachten sollen“, sagte Tiogan. Er war ein dünner, großer Mann. Ein grauer Bart umrahmte sein Gesicht, sein Haupthaar begann sich zu lichten. Er war aufgebracht, seit Tagen schon. Saoana fühlte sich unwohl, wenn er sich über die Etarianer aufregte. Ihr Bauch grummelte dann und sie traute sich nicht, etwas zu sagen, wagte es nicht, ihn zu unterbrechen. Tiogan sagte: „Ohne ihre Verbote hätten wir noch ein Heer, das die Dörfer beschützen könnte. Da würden die Bauern nicht fliehen, nur weil sie glauben, Graue überfielen sie. Graue, welch Schwachsinn. Ich sage dir, wer die Dörfer angreift. Barbaren aus den Bergen, die leichte Beute machen wollen. Das ist alles. Der König hätte sich darum gekümmert, bevor es zum Problem geworden wäre. Doch jetzt fürchten sich die Bauern, weil sie Altweibergeschichten über Menschenfresser glauben. Als ob wir nicht genug Sorgen hätten.“ Er schüttelte mit dem Kopf. „Für all das sind nur die Echsen verantwortlich, niemand sonst.“

Tiogan war der Herrscher von Aureld, eines Fürstentums im Herzen von Vernland. Vor vierzehn Jahren hatte er gegen die Echsen gekämpft und diese Zeit nie vergessen. Manchmal schwärmte er davon, wie er schwitzend im Wüstensand gestanden und Seite an Seite mit den anderen Fürsten Blut vergossen hatte. Damals, als es noch einen König gab, für den sie gestorben wären. Seitdem nannte er die Fürsten Brüder und blickte oft verträumt gen Norden.

Als Saoana mit ihrem Vater den halbdunklen Wald hinter sich ließ und vom Sonnenlicht geblendet wurde, fragte sie: „Was willst du gegen die Angriffe unternehmen?“ Sie fuhr sich durch ihr rotes Haar, das in ihrem Gesicht klebte. Schweißflecken breiteten sich unter ihren Achseln aus, verdunkelten das blassblaue Kleid. Saoanas sommersprossige Arme waren gerötet und schmerzten. Ein Leiden, das alljährlich wiederkehrte, immer wenn der Sommer anbrach.

Tiogan trug ein dunkelblaues Gewand aus Brokat und Schweißperlen rannen über seine Stirn. Er schnaufte, wirkte außer Atem. „Was ich dagegen tue? Nichts. Solche Probleme lösen sich von selbst. Die Barbaren plündern, nehmen sich, was sie brauchen, dann verschwinden sie wieder in das Loch, aus dem sie gekrochen sind. Es ist nicht das erste Mal. Sie sind lästig, aber zu einer ernstzunehmenden Bedrohung werden sie nie.“ Er reckte sich auf seinem Sattel. Das Leder knirschte. „Das Gerede über Graue bereitet mir wesentlich mehr Sorgen. Wenn die Bauern weiter diese Mär verbreiten, gerät noch ganz Vernland in Panik.“

Gemächlich ritten sie weiter. Getreidefelder wogten im Wind wie goldene Meere. Einige Bauern arbeiteten inmitten der Ähren. Es war Erntezeit. Unter blauem Himmel schwangen sie Sensen und luden Getreide in Karren. Tiogan beobachtete die Arbeiten und nickte bei jeder neuen Fuhre. „Wieder ein gutes Jahr, dem Großen Richter sei Dank. Wir werden jeden Halm brauchen“, sagte er.

Ein Bauer streckte sich. Getreide hing in seinen Haaren. Er hustete und wischte sich Schweiß von der Stirn. Ein anderer musterte den Fürsten, als wäre er ein fremdartiges Wesen. Als dem Bauern klarwurde, wer vor ihm stand, verbeugte er sich. „Sollen arbeiten, nicht glotzen“, sagte Tiogan. „Viel Zeit bleibt nicht mehr.“

„Viel Zeit? Was meinst du damit? Was hast du vor?“, fragte Saoana.

„Mach dir keine Gedanken.“ Er sah sie nicht an. „Lass uns zur Burg reiten, diese Hitze ertrag ich nicht länger.“

Sie ritten durch das Südviertel Austadts. Steinerne Häuser, die für die Stadt bezeichnend waren, reihten sich links und rechts die gepflasterte Straße entlang und verliehen der Stadt einen kargen Charakter. Eine graue Insel inmitten eines Ozeans aus Getreide. Ein Fluss, benannt nach Grisos, dem ersten Fürsten Aurelds, verlief durch die Stadt wie ein blaues Band, teilte sie in Nord und Süd. An diesem Nachmittag waren die Märkte und Gassen des Südviertels überfüllt. Männer feilschten mit Händlern um die Preise von Kartoffeln, Brot und Kleidung. Frauen unterhielten sich miteinander, lachten und tratschten. In der Ferne ragte der spitz zulaufende Turm des Richterheiligtums in den Himmel. Das Heiligtum war einst ein Ort des Glaubens und der Gemeinschaft, bevor die Etarianer es in ein Relikt der Vergangenheit verwandelt hatten.

Wenn Austädter die Aurelds erblickten, verbeugten sie sich oder nickten respektvoll. Staunen, Getuschel, verstohlene Blicke. Saoana wusste, dass die Aufregung größtenteils ihrem Vater galt. Gelegentlich lächelte Fürst Tiogan den Anwohnern zu und sprach ein paar Worte mit dem Schmied, dem Metzger, dem Kürschner. Er tat es nicht, weil er das Volk liebte. Präsenz zeigen, nannte er es. Er wollte den Austädtern zu verstehen geben, dass er für sie da war, immer da sein würde. Das erzählte er Saoana gern bei Abendbrot und Kerzenschein.

Als sie sich einer Brücke näherten, die über den Grisos führte, sagte Tiogan: „Eine Taube ist heute früh angekommen. Hat einen Brief aus Rygmoor gebracht.“

„Was stand in dem Brief?“, fragte Saoana. „Schlechte Kunde?“

„Albin macht sich Sorgen um sein Fürstentum. Ich kann es ihm nicht verübeln. Die Bauern lassen Felder und Dörfer zurück. Wenn sie weiterhin in Scharen fliehen, wird Albins gesamte Ernte verkommen. Er befürchtet, dass die Angst vor den Grauen sein Fürstentum in den Abgrund stürzt.“ Tiogan schmunzelte.

„Und wenn es wahr ist?“, fragte Saoana. „Es steht ja außer Frage, dass Graue gesichtet wurden.“

Tiogan schnaubte und sagte: „Außer Frage? Ich weiß nicht, was Albins Späher gesehen haben wollen, Graue gibt es jedenfalls nicht; und die angebliche Sichtung war vor einem Monat, seitdem ist nichts geschehen. Wie dem auch sei, im Brief stand nichts Näheres. Nur eines noch, Fürst Albin wird Willet verlassen und nach Austadt kommen.“

„Fürst Rygmoor kommt? Warum?“

„Nun, mein sechzigster Namenstag ist nächsten Monat. Ich habe ihn eingeladen, und es gibt da noch etwas, worüber wir reden müssen. Er wird seinen Sohn mitbringen.“

„Owin? Das bedeutet …“ Saoana verstummte. Vor Jahren hatte ihr Vater dem Fürsten Rygmoors ein Versprechen gegeben. Saoana hatte es verdrängt, nicht daran denken wollen. Wenn ihre Eltern von der Heirat sprachen, hörte Saoana kaum zu, nickte nur. Und doch stellte sie immer wieder dieselbe Frage, auch wenn sie die Antwort kannte. „Muss ich Owin wirklich heiraten?“

Tiogan sagte: „Fang nicht schon wieder damit an. Es wird Zeit, dass du deiner Pflicht nachkommst. Wir haben das lange genug aufgeschoben. Du bist schon einundzwanzig. Als ich deine Mutter geehelicht habe, war sie fünfzehn. Und du kennst Owin doch, oder nicht?“

„Ich habe ihn seit dreizehn Jahren nicht gesehen, wie kann ich ihn da kennen?“

„Du wirst ihn heiraten, das habe ich Albin nach dem Krieg geschworen. Haben im Dreck gelegen, Echsen geköpft und gemeinsam schwere Zeiten überstanden. Der Mann ist mir ein wahrer Freund, das weißt du doch. Und du weißt, dass ich ihm versprochen habe, unsere Häuser zu verbinden.“ Seine Stimme wurde von Satz zu Satz lauter. Saoana kannte es nicht anders. Er schrie sie immer an, wenn es um Heirat ging. „Owin ist ein kluger und gesunder Mann. Du hast früher deine Spiele mit ihm gespielt, du wirst künftig deine Spiele mit ihm spielen. Lächle, sieh gut aus, schenk ihm einen Sohn und mir einen Enkel, das ist deine Pflicht als meine Tochter. Das hat nichts mit Gefühlen zu tun.“

Saoana blickte auf die Pflastersteine der Stadt, lauschte dem Klappern der Hufe und dem Treiben auf der Straße. Metall klirrte in den Schmieden, Marktschreier priesen Waren an, Kinder lachten in einer Seitenstraße. Die Geräusche erinnerten Saoana an ihre Kindheit. An das Spielen in den Gassen zwischen den Steinhäusern. Ihr Vater hatte Saoana nie daran gehindert, mit den Kindern des einfachen Volks auf dem Markt Verstecken zu spielen. Die Austädter waren stets nett zu ihr gewesen, hatten ihr Brot und Kekse gegeben, sie behandelt, als wäre sie ein gewöhnliches Mädchen. Sie hatte damals viele Freunde gehabt und die Tage waren von Gelächter erfüllt. Sogar Owin war unter ihnen gewesen, lachte und tobte mit Saoana, während ihre Väter Blut vergossen. Bis der Glaubenskrieg dem ein Ende bereitete.

Als Saoana sieben Jahre alt gewesen war, ging der Krieg verloren, und ihr Vater hatte sich verändert. Blutend und humpelnd war er aus dem Norden heimgekehrt. Auf seinem Pferd hatte eine Leiche gelegen. Blutige Lumpen verdeckten den Körper. Seitdem begleiteten Leibwächter Saoana bei ihren Ausflügen, verfolgten sie auf Schritt und Tritt. Saoana durfte nicht mehr allein ausreiten, ohne bewaffnete Begleitung keinen Fuß vor die Burg setzen. Sie verspürte bei ihren Ausflügen keinen Frohsinn, sah nur die Leibwächter, die ihr folgten, sie beäugten.

Saoanas unbeschwerte Kindheitstage waren zu den einzigen Erinnerungen geworden, die sie lächeln ließen, immer wenn sie durch Austadt ritt. Owin zu heiraten, würde bedeuten, in Rygmoor leben zu müssen; und Saoana befürchtete, dass ihre wohltuenden Erinnerungen in der Fremde verblassen würden, bis sie schließlich vollends verschwänden.

Soldaten bewachten den einzigen Weg, der den grasbewachsenen Hügel hinaufführte, auf dem die Burg der Aurelds thronte. Eine vier Meter hohe Mauer umrahmte den Rest des Hügels, sorgte für Schutz und Abgeschiedenheit.

Während sie zur Burg hinaufritten, dachte Saoana an die gemeinsamen Ausflüge mit ihrem Vater. Bevor ihm das Reiten zunehmend Hüftschmerzen bereitet hatte, war er oft mit ihr ausgeritten, sogar bis zu den kleinen Siedlungen, die mehrere Wegstunden von Austadt entfernt lagen. Seit einigen Jahren stieg Tiogan nur noch in den Sattel, wenn er den Wunsch verspürte, seinen Untergebenen vom Rücken eines Rosses aus zuzuwinken. Saoana kümmerte das wenig. Sie genoss die frische Luft und die Stimmen des Volkes bei jeder Gelegenheit, blendete die schlecht gelaunten Leibgarden aus; und im Laufe der Jahre hatte Saoana alle Wälder und Felder beritten, jede Gasse kennengelernt. Sie wollte sich nicht vorstellen, ihre Heimat zu verlassen. Nicht wegen eines Mannes, den sie das letzte Mal gesehen hatte, als er mit Stöcken spielte.

Saoana schlenderte über die Burgterrasse und genoss die Sonnenstrahlen. Juana blätterte durch ein dickes Buch, das sich mit der Historie der großen Adelshäuser Vernlands befasste. Sie sagte: „Ich könnte mir das nie merken.“ Juana war Saoanas Zofe und beste Freundin.

Saoana lehnte sich gegen das Geländer der Terrasse. Der Garten der Burg erstreckte sich unter ihr. Haselnusssträucher, Lavendel, ein Springbrunnen. Saoanas Mutter, Fürstin Fernora, hatte den Garten anlegen lassen, um etwas Farbe in die Burg zu bringen. Juana fragte: „Welches Fürstentum ist das?“ Sie ging lächelnd auf Saoana zu, drückte ihr das Buch in die Hand und deutete auf blutrote Wellen vor blauem Grund.

„Das ist das Wappen Fürst Ubars. Er ist der Herrscher über die Dorrküste“, sagte Saoana. Sie hatte die Wappen auswendig lernen müssen, dazu wurde sie von ihrem Vater gezwungen. Stets betonte er, wie wichtig das sei. Eine pflichtbewusste Adelige müsse befreundete Häuser kennen.

„Und hier ist die grüne Linde auf weißem Grund“, sagte Juana. Auf einer Landkarte war das Wappen Fürst Rygmoors eingezeichnet. „Das Haus deines Gemahls.“

Saoana hatte ihr von dem Gespräch mit Tiogan erzählt. Nun musste sie sich wieder anhören, wie sehr Juana das Hochzeitsfest herbeisehnte. Möglichst prunkvoll solle es sein. Mit großen Kutschen, weißen Tauben und innigen Küssen. Saoanas Bündnis mit Owin war etwas, über das Juana sich freute, wie es nur eine beste Freundin konnte. Mit großen Augen, strahlendem Lächeln und einem Hauch von Neid. Saoana konnte es ihr nicht verübeln. Juana war unscheinbar. Ihre Figur glich einem Grashalm. Dunkelblonde Haare umrahmten ihr schmales Gesicht. Sie war eine bescheidene Frau, die stets hoffte, dass etwas vom Glanze der Aurelds auf sie abfärbte. Nachdem Juana ihre Eltern verloren hatte, war sie in die Burg gezogen und für Saoana dagewesen. Sie konnte mit Juana über alles reden. Kleider, Frisuren, Beschwerden während der Monatsblutungen. Saoana fragte sich, ob Juana mit ihr nach Rygmoor käme, ob Tiogan es erlauben würde. Saoana brauchte keine neuen Zofen, nur die eine. „Wer denkt sich denn sowas aus?“, fragte Juana und verzog das Gesicht.

Saoana brauchte eine Weile, um das Wappen zu finden, das diese Reaktion ausgelöst hatte. „Hm, das ist das Wappen Fürst Hohs von der Zunge. Vater sagt, er habe nie einen humorloseren Mann getroffen. Obwohl ich Fürst Hoh nicht kenne, glaube ich Vater. Wer sich einen abgetrennten Kopf zum Wappen nimmt, muss ja humorlos sein.“

„Du weißt so viel.“ Juanas Augen leuchteten vor Bewunderung. Der Blick verunsicherte Saoana. Sie hatte nicht das Gefühl, sonderlich bewundernswert zu sein. Nicht für das Auswendiglernen von Namen und Wappen. Sie hatte nur getan, was von ihr verlangt wurde.

Juana blickte zum Himmel. Ihre Augen weiteten sich. „Die Sonne geht bald unter“, sagte sie. „Ich muss los.“

„Wo willst du denn hin?“

„Ich treffe mich mit jemandem.“ Sie lächelte. Ihre Wangen erröteten.

„So? Mit wem? Einem Mann?“

Juana antwortete nicht, fragte stattdessen: „Darf ich gehen?“

„Du fragst doch sonst nie. Was soll die Geheimniskrämerei?“ Juana legte den Kopf schief und sah Saoana tief in die Augen, ihr Ich-möchte-nicht-darüber-sprechen-Blick. Saoana seufzte und sagte: „Natürlich darfst du gehen.“

„Danke, danke. Wir sehen uns dann morgen, ja?“ Sie gab Saoana einen Kuss auf die Wange und stürmte aus dem Garten. Während der Wind durch Sträucher strich, schaute Saoana ihr hinterher. Juanas Speichel trocknete auf ihrer Haut, und sie konnte noch immer die Wärme ihrer Lippen spüren.

Im Kamin prasselte ein Feuer, das den fensterlosen Speisesaal in ein angenehmes Rot tauchte. Saoana saß mit ihren Eltern zu Tisch. Das Banner ihres Hauses prangte über dem Kamin - eine goldene Getreideähre auf schwarzem Grund. In den dunklen Ecken des Raumes standen Bedienstete und warteten auf Anweisungen, doch es herrschte Schweigen. Tiogan starrte auf ein gebratenes Hähnchen und Fürstin Fernora nippte an einem Becher Wein. „Du isst ja gar nicht“, sagte sie, unterbrach damit die Stille.

„Ich habe keinen Hunger“, sagte Tiogan. Seit der Sichtung der Grauen wurde der Fürst von Tag zu Tag schweigsamer. Wenn Fernora bei ihm war, sagte er nur das Nötigste. Oft saß er ganze Abende allein in seinem Arbeitszim­mer. Das hatte er vorher nie getan. Die Falten in seinem Gesicht wirkten tiefer.

„Worüber grübelst du jetzt schon wieder?“, fragte die Fürstin. „Ist ja nicht mehr auszuhalten mit dir.“

Er räusperte sich. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

„Denkst du, ich merke nicht, wenn du mit deinen Gedanken woanders bist?“

Saoana steckte sich ein Stück Hähnchenfleisch in den Mund. Sie wollte sich nicht an dem Streit beteiligen. Wenn ihre Mutter in Rage geriet, war es unklug, sich einzumischen.

„Ich denke über unsere Zukunft nach“, sagte Tiogan.

„So? Geht uns das Geld aus? Ist die Ernte schlecht?“

„Unserem Fürstentum geht es prächtig. Ich denke an die Zukunft der Menschen.“

Fernora legte die Stirn in Falten. „Das solltest du nicht tun, das bringt nur Unglück. Hat es nicht gereicht, dass unser …“

Tiogan hob die Hand. „Bitte, sprich nicht davon.“

Fernora öffnete den Mund, schwieg jedoch, als die große Holztür des Speisesaals knarrend aufschwang und ein Eta­ria­ner den Raum betrat. Er verneigte sich und sagte: „Mein Fürst, meine Damen.“

„Guten Abend, Xaviin“, sagte die Fürstin.

Tiogan schüttelte mit dem Kopf und griff nach einer Weinkaraffe. Die Echsen hatte er noch nie gemocht, weder damals noch heute; und er machte keinen Hehl daraus. „Was willst du, Schuppiger?“, fragte er.

Die Etarianer hatten den Fürsten nach dem Krieg Botschafter zur Seite gestellt, doch das war ein verharmlosender Begriff für das, was sie wirklich waren. Spitzel, die jene aufspüren sollten, die sich nicht an die etarianischen Verbote hielten; und für den reichsten Fürsten war ihr bester Spitzel gerade gut genug.

„Verzeiht mir die Störung, mein Fürst.“ Xaviin trug eine dunkelgraue, schmucklose Robe. Seine olivgrünen Schuppen schimmerten im Schein des Feuers und seine gelben Augen reflektierten das Licht. „Es sind Flüchtlinge aus dem Süden eingetroffen. Sie stehen vor Euren Toren und bitten um Nahrung für die Weiterreise.“ Von allen Etarianern, denen Saoana begegnet war - viele kannte sie nicht -, beherrschte Xaviin die Sprache der Menschen als einziger akzentfrei.

„Wie viele, Echse?“ Tiogan wandte seinen Blick von der Weinkaraffe ab, musterte den Etarianer mit zusammengekniffenen Augen.

„Fast zweihundert, mein Fürst.“

„Wohin wollen sie?“

„Nun, es scheint, als wären sie auf dem Weg in den Norden, nach Etovernem.“

„Zu den Schuppigen?“

Xaviin atmete hörbar aus und kratzte sich am haarlosen Hinterkopf. „Das haben sie mir jedenfalls erzählt.“

„Was hindert sie daran, in meinem Fürstentum Hilfe zu suchen?“ Tiogan blickte ihn herausfordernd an. Er wartete auf ein falsches Wort, eine falsche Geste, einen Grund, die Echse anzuschreien.

Xaviin blieb ruhig. „Mein Fürst, ich kann Euch nur antragen, was mir erzählt wurde. Offensichtlich glauben sie, bei Euch keinen Schutz finden zu können, sollten die Grauen tatsächlich das Reich der Menschen angreifen. Ihr habt keine Armee, die Etarianer schon. Und denkt an den Friedensvertrag. Ihr habt ihn dereinst selbst unterzeichnet.“

Tiogan füllte seinen Becher mit Wein und sagte: „Ja, gezwungenermaßen. Und wessen Schuld ist das? Ihr Echsen habt uns alles genommen, nicht wahr? Armee, König, den Glauben. Und nun wenden sich die Hilfesuchenden an euch, nicht an ihre Fürsten. Das habt ihr geschickt eingefädelt. Ich würde Beifall klatschen, hätte ich die Hände frei. Bist du Stolz darauf? Freust du dich? Es ist einfacher, ein Volk zu unterdrücken, das keinen Glauben hat, nicht wahr?“

Der Große Richter war der Grund für den Glaubenskrieg gewesen, folglich hatten die Etarianer den Glauben verboten. Wer ihn dennoch ausübte, wurde bestraft. Saoana hatte gesehen, wie die Menschen, die in ihren Kellern Altäre errichtet hatten, von Henkern ausgepeitscht wurden. Ihre Rücken waren mit blutigen Rissen übersät, ihr entblößtes Fleisch hatte in der Sonne geglänzt.

„Ihr wart es doch, Fürst. Ihr habt den Glaubenskrieg begonnen“, sagte Xaviin. „Oder habt Ihr das vergessen?“

Das entsprach der Wahrheit, doch Tiogan sah das anders. Er erhob sich - der Holzstuhl scharrte über den Steinbo­den -, presste die Lippen zusammen und ballte die Fäuste. „Beruhige dich“, sagte die Fürstin und berührte seinen Arm.

Tiogan atmete tief durch. „Sag den Flüchtlingen, dass sie von mir keine Hilfe zu erwarten haben, weder heute noch sonst wann. Sollen sie doch beim Echsenpack glücklich werden.“

Xaviin zeigte sich unbeeindruckt, sagte bloß: „Sehr wohl.“ Er lächelte und verneigte sich, dann machte er kehrt und verließ den Saal.

Tiogan leerte seinen Wein mit einem Zug. Dann musterte er den Becher, als befänden sich Worte darauf, die ihm sagten, was zu tun sei. Tiogan nickte und sagte, er habe etwas zu erledigen. Nachdem er den Raum verlassen hatte, schmeckte Saoana das Hähnchen nicht mehr und ihre Mutter blickte besorgt in das Kaminfeuer.

Der Vollmond warf ein fahles Licht auf die Dächer von Austadt. Saoana stand auf dem Wehrgang der Burg und lehnte sich gegen eine Zinne. Sie blickte auf die Stadt und die wogenden Getreidefelder jenseits der Wirtshäuser und Marktstände, dann schloss sie die Augen. Eine Brise streichelte über ihr Gesicht. Saoana stellte sich vor, dass der Wind Gelächter zu ihr trug. Das Gelächter von angetrunkenen Männern, die in Kaschemmen Geschichten erzählten; das Lachen von Frauen, die sich mit Freundinnen über den neusten Tratsch amüsierten; und das Kichern von Kindern, die von ihren Vätern gekitzelt wurden. Erinnerungen überkamen Saoana.

Sie hatte vor einem Altar gestanden, unten im Verlies. Sie war elf Jahre alt gewesen. Neben ihr hatte Tiogan gekniet. Er stank nach Wein und Schweiß und war lediglich mit einem weißen Leinentuch bekleidet. „Komm, meine Kleine, lass uns zum Großen Richter beten.“

Saoana kniete nieder und spürte kalten Stein, der gegen ihre Haut drückte und rote Striemen hinterließ. Ihr Schatten flackerte im Licht der Fackeln. Saoana sah den Großen Richter auf dem Altar, eine Skulptur, so groß wie eine Männerhand. Sie stellte einen Greis dar, der auf einem weißen Wal ritt. Die blauen Augen des Gottes musterten Saoana, und obwohl sie gewusst hatte, dass die Augen bloß Saphire waren, fühlte sie sich beobachtet.

„Auf dass die Menschen, denen wir zu Lebzeiten begegnen, ein gerechtes Urteil über uns sprechen mögen, wenn wir ihnen im Abyssus gegenüberstehen. Möge der Große Richter unsere Absichten erkennen und uns unseren Taten entsprechend wiederauferstehen lassen. Als Fürsten, Bauern oder Straßenköter“, hatte Tiogan gesagt und Saoana angesehen, als wolle er sagen, sie solle ihm keine Schande machen. Dass sie sich benehmen und tun solle, was er verlange, sonst würde er im Abyssus schlecht über sie urteilen. Saoana hatte den Blick gesenkt und die Hände zum Gebet gefaltet.

Eine Stimme riss sie aus ihrer Erinnerung. „Ihr solltet Euch zu Bett begeben, meine Dame.“ Xaviin stand hinter ihr.

„Was macht Ihr hier oben?“, fragte Saoana.

Der Etarianer trat näher. Er hatte die Hände hinter seinem Rücken verschränkt und blickte zum Nachthimmel. „Ich komme gerne hier hoch. Der Anblick des Mondes beruhigt mich.“

„Könnt Ihr nicht schlafen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich … nein, in letzter Zeit nicht so gut.“ Er sah Saoana nicht an, betrachtete stattdessen den Mond, als gäbe es nichts Schöneres.

„Er ist Eurem Volk heilig, richtig?“, fragte Saoana.

„Ich bin überrascht. Woher wisst Ihr das? Euer Vater wird es Euch nicht erzählt haben, nehme ich an.“

„Ich vertreibe meine Zeit mit dem Lesen dicker Bücher, meistens im Garten.“ Sie versuchte vergebens, ein fröhliches Gesicht aufzusetzen.

„Es stimmt, der Mond ist die Heimat der Hohen Kriegsherren, ruhmreiche Anführer der etarianischen Nation.“ Saoana wusste, dass es für Etarianer keinen Gott gab. Stattdessen verehrten sie ihre verstorbenen Krieger, die Heldentaten vollbracht hatten. „Mein Bruder wird nach seinem Tod auch dort leben“, sagte Xaviin.

„Ich wusste nicht, dass Ihr einen Bruder habt. Wenn er nach seinem Tod auf dem Mond ruhen wird, dann muss er ein Held sein, nicht wahr?“

„Ja, das ist er. Er hat im Glaubenskrieg … nun, er hat Großes vollbracht.“

Die Brise wurde stärker und die Getreidefelder am Horizont bewegten sich hin und her. „Dann ist Eure Familie hoch angesehen?“, fragte Saoana.

„Nein, bei uns Etarianern muss man sich hohes Ansehen selbst erarbeiten, ungeachtet der Herkunft. Meine Eltern waren einfache Seeleute, ich bin nur der Berater eines Menschen. Atoz hingegen … er ist viel mehr.“

„So weit entfernt von Eurer Heimat zu sein, das macht Euch bestimmt zu schaffen.“

„Ein wenig.“ Er senkte den Kopf. „Es ist nicht einfach, der einzige Etarianer in einer so großen Stadt zu sein. Überall Menschen, da hab ich schon manchmal Heimweh. Die wenigen etarianischen Händler und Soldaten, die gelegentlich Austadt besuchen, ändern daran auch nichts. Mein Volk verlässt Etovernem äußerst ungern, wisst Ihr? Nur, wenn es nötig ist. Hier draußen erstrahlt die gezackte Sonne nicht.“

Sie schwiegen einen Moment, dann fragte Saoana: „Vermisst Ihr Euren Bruder?“

„Manchmal. Ich weiß noch, wie wir als Kinder lachend durch die Straßen Etovernems gelaufen sind. Egal, was wir gespielt haben, ob Verstecken oder Fangen oder Raufen, ich war ihm stets unterlegen. Ich schätze, Atoz war schon immer für Höheres bestimmt.“

„Warum?“

Xaviin lächelte. „Er hat schwarze Schuppen und goldene Augen. Das kommt bei unserem Volk ausgesprochen selten vor. Nur einmal in hundert Jahren, heißt es. Es ist ein Zeichen des Segens der Hohen Kriegsherren.“

„Deshalb wird er von seinem Volk verehrt? Weil er schwarze Schuppen hat?“

„So ist es Tradition.“ Er machte kehrt und schickte sich an, den Wehrgang zu verlassen. „Nun denn, es ist spät und ich muss mich zu Bett begeben. Ich will versuchen, wenigstens etwas Schlaf zu finden. Ich wünsche Euch eine erholsame Nacht, meine Dame. Ich hoffe, wir bekommen häufiger die Gelegenheit, uns so angenehm zu unterhalten.“ Er verneigte sich und lächelte. Anders, als er beim Abendessen gelächelt hatte. Wärmer und aufrichtiger. Bevor er ging, warf er einen letzten Blick auf den Mond.

Saoana schlenderte über den Hof der Burg. In Gedanken war sie bei Xaviin und seinen Worten über die Kriegsherren und ihre Ruhestätte am Nachthimmel. Vielleicht lebten die Helden der Etarianer tatsächlich auf dem Mond, vielleicht wurden sie von jemandem zu Göttern erhoben. Eine Belohnung für ein Leben des Kampfes und der Aufopferung. Könnte es dann nicht auch stimmen, dass Menschen in den Abyssus gelangten? Dass dort entschieden wurde, was sie im Nachleben sein würden, welche Belohnung Saoana für ihr Leben bekäme? Vielleicht hatte ihr Vater recht und der Große Richter beobachtete sie und ihre Taten; und wenn sie als ehrbare Person wiedergeboren werden wollte, musste sie tun, was von ihr verlangt wurde, auch wenn das bedeutete, Owin zu heiraten und den Rest ihres Lebens in Rygmoor zu verbringen.

Das Quietschen einer Tür unterbrach Saoanas Gedanken. Aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters drang Licht und Männer der Stadtwache traten heraus. In voller Rüstung marschierten sie über den Burghof. Ihre schweren Stiefel schepperten bei jedem Schritt und Schwerter baumelten von ihren Gürteln. Saoana konnte nicht sagen, ob sie gesehen wurde. Falls dem so war, störte es die Stadtwachen nicht. Sie schauten nicht nach rechts und links, zielstrebig marschierten sie Richtung Stallungen und verschwanden in den Schatten der Burg. Ein lautes Husten ertönte aus dem Arbeitszimmer.

Auf dem Schreibtisch standen Kerzen. Tiogan saß vor einem Schrank, der mit Dokumenten vollgestopft war. Die Luft roch nach Wachs und altem Papier. Der Fürst blickte aus dem Fenster zu den Sternen, bemerkte Saoanas Anwesenheit nicht. „Warum war die Stadtwache hier?“, fragte sie.

Bei dem Klang ihrer Stimme zuckte er zusammen. „Verflucht, schleich dich nicht so an“, sagte er und seufzte. „Du hättest das nicht sehen sollen.“

„Wohin hast du die Wachen geschickt?“

„Sie überbringen den Fürsten eine Nachricht.“

„Allen?“

„Ja, ich lade alle zu meinem Namenstag ein.“

„Aber du kannst die meisten nicht ausstehen.“ Sie zögerte, überlegte. Etwas stimmte nicht. „Warum reiten die Boten bei Nacht aus? Warum in voller Rüstung?“ Tiogan starrte stumm in eine Kerzenflamme, als hoffte er, seine Tochter dadurch verscheuchen zu können. Er sah müde und älter aus, abgekämpfter. Saoana fragte: „Du wolltest nicht, dass Xaviin das mitbekommt, nicht wahr?“

„Dieser verdammte Schnüffler. Ich kann nicht mal niesen, ohne dass er seinen Generälen Bericht erstattet.“ Er fuhr sich durch den Bart, erhob sich von seinem Holzstuhl und trat ans Fenster. „Hab ich dir je erzählt, wie ich zum ersten Mal den König getroffen habe?“

„Nein, davon hast du nie was gesagt.“

„Sein Erbe war geboren, der jetzige Fürst Qubertín. Ein feiger Hund, wenn du mich fragst, aber ich schweife ab. Der alte König richtete ein großes Turnier aus, um die Geburt zu feiern. Ich bin mit meinem Vater in die Königsstadt geritten und habe das Monument des Großen Richters vor dem Königspalast gesehen. Ich war fünfzehn Jahre alt. Beim Turnier habe ich mit dem König gesprochen. Ich weiß nicht mal mehr, worüber. Nur seine goldene Robe und seine Krone, die im Sonnenlicht geschimmert hat, sind mir in Erinnerung geblieben.

„Zehn Jahre später kamen die Echsen aus ihrem fernen Land im Westen. Mit Schiffen überquerten sie das Reich des Großen Richters und kauften dem alten Ilarovich die Wüste ab. Aber wie hatten sie das Meer überqueren können? Ungläubige, die von den Walen des Heiligen Ozeans hätten verschluckt werden müssen? Das Volk fing an, unseren Glauben zu hinterfragen, sich vom Großen Richter abzuwenden, während die Schuppigen reicher wurden. Mit ihrem Handel, ihren Verträgen, ihren Waren aus fernen Ländern. Der König musste im Krieg beweisen, dass unsere Kultur die stärkere war. Aber wir haben versagt.“

Während er seine Rede hielt, ging er im Raum auf und ab. Das tat er häufig: Reden halten und hektisch herumlaufen, während seine Worte lauter wurden. Er blieb vor Saoana stehen. Seine stahlblauen Augen waren feucht und funkelten im Kerzenlicht. Er seufzte und seine Stimme zitterte, klang nicht mehr kraftvoll. „Seit dem Krieg sind wir schwach, haben den Glauben an unsere Kultur und Stärke verloren. Fürsten und Grafen sind machtlos. Alte Männer in dunklen Burgen, die nur tun dürfen, was die Echsen ihnen vorschreiben. Wir sind selbst schuld. Zu viele Menschen sind im Glaubenskrieg gefallen, zu viele Familien sind zerbrochen.“

Saoana erinnerte sich an Tiogans Rückkehr und an die Leiche in seinen Armen, die er durch die Stadt getragen hatte. Es war das einzige Mal gewesen, dass sie ihn weinen sah. „Seit vierzehn Jahren bete ich für eine Gelegenheit, das wiedergutzumachen“, sagte er. „Jetzt ist sie endlich da. Diese Flüchtlinge, die zu Hunderten in den Norden strömen, werden Etovernem beschäftigen, die Stadt anfällig machen. Die Boten, die du gesehen hast, werden die anderen Fürsten darum bitten, eine Heerschau abzuhalten. Es ist an der Zeit, eine Armee aufzustellen, es ist an der Zeit, Rache zu nehmen. Für unsere Familien und für das, was verlorengegangen ist.“

Er umarmte Saoana, küsste ihre Stirn. Sie roch seinen Schweiß, lehnte ihren Kopf an seine Schulter und erschrak, als sie seine Knochen spürte und bemerkte, wie dünn er geworden war.

Karren

Roren hörte Vogelgezwitscher, und als er die Augen öffnete, sah er den blauen Himmel und die Kronen von Buchen. Sie zogen an ihm vorbei wie Wolken. Sonnenlicht durchbrach das dichte Blätterdach, blendete Roren. Als ein Ruck durch seinen Körper ging, spürte er, dass er auf hartem Holz lag. Sein Kopf ruhte auf einem Sack Kartoffeln und der Geruch von Erde stieg ihm in die Nase. Hölzerne Räder knarzten. Roren lag auf einem Karren. Dann vernahm er noch etwas; es waren Schrittgeräusche. Er wollte sich aufsetzen, spannte Bauch und Nacken an, hob den Kopf, doch sank zurück. Roren atmete schwer und hustete. Schweiß stand ihm auf der Stirn.

„Guten Morgen, endlich wach?“, fragte jemand. Ein Fremder trat an den Karren. Sein Gesicht war dreckig, Brandblasen zogen sich über die rechte Wange. „Roren, richtig? Dachten, du wärst hinüber.“ Der Mann lächelte, zeigte seine dunkelgelben Zähne.

„Wo bin ich?“, fragte Roren. Seine Stimme klang heiser.

„Irgendwo im Fürstentum Rygmoor. Auf dem Weg nach Norden.“ Der Fremde zeigte in Fahrtrichtung.

„Wer bist du?“

„Feronin. Komme aus Gerwind.“

Roren erinnerte sich an das Aufblitzen von Stahl, an das Gefühl von Blut auf seinem Gesicht und an goldene Augen. „Warum sind wir nicht in Seros?“, fragte er.

Feronin presste die Lippen zusammen. „Ist niedergebrannt, genau wie unser Dorf am Tag davor. Nachdem die Etarianer abgezogen waren, sind wir geflohen, weg von den Grauen. Ob es sie gibt der nicht, haben keine Lust, das rauszufinden, da versuchen wir unser Glück lieber im Norden. Mussten an Seros vorbei. Als wir angekommen sind, waren die meisten Dorfbewohner tot oder verschwunden. Die wenigen, die übrig waren, haben sich uns angeschlossen. Tut mir echt leid.“ Es lag Mitleid in seiner Stimme. „Schreckliche Sache.“

Roren schluckte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie waren rissig. Als würde die Hitze des Feuers sie immer noch austrocknen. Er sah, wie seine Frau in Flammen stand und sich verbrannte Haut vom Gesicht seiner Tochter schälte. „Ariane … Hilla?“, fragte er.

„Ihnen geht es gut. Sitzen auf einem Karren weiter vorne.“

Roren atmete erleichtert aus und richtete den Blick wieder auf die Baumkronen. Sein Rücken schmerzte und er hatte das Gefühl, seine Muskeln bestünden aus Stein. Seine rechte Hand juckte. Als er sich dort kratzen wollte, griff er ins Leere.

„Du warst den ganzen Tag … weggetreten“, sagte Feronin, starrte dabei auf Rorens rechten Arm. „Wenn du nicht bewusstlos warst, hast du wirres Zeug gestammelt und geschrien. Haben dich vor deinem Dorf gefunden, lagst im Dreck wie ein Toter. Verflucht, das war aber auch ein Anblick. So viel Blut. Und die Hand lag da einfach so rum. Hast aber noch geatmet, zwar sehr schwach, aber immerhin. Wir konnten nicht sagen, ob du es schaffen würdest. Sind ja keine Heiler. Einige meinten, du würdest die Nacht nicht überstehen. Doch hier bist du. Blass, aber lebendig.“

Das Jucken wurde unerträglich. Ein Kribbeln und ein Ziehen, als würden Käfer über Rorens Hand krabbeln und in die Haut beißen. Aber es gab nichts zu kratzen, das Jucken blieb. Roren biss die Zähne zusammen und versuchte, an etwas anderes zu denken. An das Plätschern des Flusses hinter seinem Haus, die Gerüche des Waldes während einer Jagd und das Lachen seiner Tochter. Dann wurde das Jucken von dem Gedanken an ein neunjähriges Mädchen verdrängt. Roren fragte: „Wie geht es meiner Tochter?“

„Nun, sie isst kaum und klagt über Schmerzen. Aber wir konnten keine Wunden finden. Vielleicht hat sie einfach Angst oder Heimweh. Bei Kindern weiß man ja nie, nicht wahr?“

Roren hielt sich mit der Hand am Holzrahmen des Karrens fest und zog sich hoch. Holzsplitter bohrten sich in seine Handfläche. Es knackte mehrmals in seinem Rücken. Roren stöhnte. Die Welt drehte sich. Schatten und weiße Punkte jagten durch sein Blickfeld.

„Ganz ruhig“, sagte Feronin. „Nicht, dass du wieder ohnmächtig wirst.“

Roren schaffte es, sich aufzusetzen. Sein Blick klärte allmählich auf, die Welt bekam wieder Farbe. Er sah das Grün der Bäume, den unebenen Weg, auf dem der Karren gezogen wurde, und die Menschen, die dem Karren durch den Wald folgten. Es waren Alte und Schwache, darunter nur wenige Frauen und keine Kinder. Die Dörfler trugen verkohlte Kleidung, kaum mehr als Lumpen. Schwarz und löchrig. Ihre Blicke waren auf den Boden gerichtet. Roren erkannte, dass sie dem Tode näher waren als dem Leben, dass etwas verloren gegangen war, etwas Wichtigeres als Arme oder Beine oder ein gefülltes Lebensmittellager. Und er wusste, dass der lange Weg in den Norden erst begonnen hatte. „Bring mich zu ihr.“ Er streckte sich. Knochen knackten. „Bitte, ich muss meine Tochter sehen.“

Roren legte einen Arm um Feronins Schulter, und mit seiner Hilfe gelang es ihm, Schritt für Schritt an die Spitze der Flüchtlingskolonne zu gelangen. Auf einem morschen Karren, der von einem dürren Esel gezogen wurde, saß seine Tochter. Ihre strohblonden Haare waren verdreckt, fielen ihr ins Gesicht. Für einen kurzen Augenblick dachte Roren, dass sie tot sein musste. Hillas Haut hatte die Farbe von Milch, ihr Blick war ausdruckslos auf ihre Füße gerichtet, die über dem Boden baumelten wie die Zweige einer Trauerweide. Und als der Karren über einen Erdhügel rollte, schwangen sie leblos hin und her. „Hilla?“, fragte Roren.

Sie hob den Kopf, ihre blauen Augen waren klar und kalt. Doch sie lächelte, als sie ihn erkannte; und Roren glaubte, dass etwas Farbe in ihr Gesicht zurückkehrte. Nur das zählte. „Vater“, sagte sie mit müder Stimme. „Endlich bist du wach.“

Er wollte sie umarmen, sie in die Luft heben, ihr sagen, dass alles gut werden würde, doch er war froh, überhaupt stehen zu können. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sie anzusehen. „Wie geht es dir, Kleines?“

„Meine Beine tun weh.“

Feronin half Roren, sich neben seine Tochter auf den Karren zu setzen. Roren nickte dankbar, Feronin erwiderte es und ging. „Wo ist deine Mutter?“, fragte Roren.

„Ganz vorne. Sie redet mit dem Ältesten von Gerwind.“

„Hm.“ Roren musste sich gegen die Seite des Karrens lehnen, um nicht herunterzufallen. Seine Rücken tat weh. Es war wie ein Pulsieren. Wie Wellen des Schmerzes, die zwischen Nacken und Gesäß hin und her schwappten. Und dann war da noch das Jucken, das sich allmählich in Schmerzen verwandelte, gegen die er nichts tun konnte.

„Mama war ganz traurig, weil du so lange geschlafen hast“, sagte Hilla.

„Das tut mir leid, aber ich war sehr krank. Das Schlafen hat mir gutgetan.“ Er legte seine gesunde Hand auf ihren Kopf und lächelte. „Jetzt bin ich ja wach, und Mami muss sich keine Sorgen mehr machen.“ Während er sprach, beäugte Hilla den Stumpf seines Armes, aber sie sagte nichts und richtete den Blick wieder auf ihre Füße.

„Hast du Hunger?“, fragte er. Sie schüttelte mit dem Kopf; und dann schwiegen sie, während Blätter im Wind raschelten und die Zeit verstrich.