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Klara hat augenscheinlich allen Grund glücklich zu sein. Soeben ist sie mit ihrem Ehemann Tobias in eine geräumige Wohnung gezogen, ein mehrwöchiger Urlaub auf Mauritius steht an, Tobias ist kurz davor einen Karrieresprung zu machen, der auch ihr den Zugang zu neuen Kreisen eröffnen wird. Dennoch weiß Klara gerade nicht so recht, wohin im Leben. Soll sie, womöglich Tobias' drängendem Wunsch, Vater zu werden, nachkommen, obschon ihr Kinderwunsch vage ist und sie aufgrund seiner Geschäftsreisen, unterwöchig eine alleinerziehende Mutter wäre? Tobias' Vorschlag ihr ein AuPair als Hilfe beiseite zu stellen, macht die Idee verlockend. Noch auf Mauritius willigt sie in das Kinderprojekt ein. Doch unvermittelt vor der Abreise plagen Klara starke Gliederschmerzen, die nach der Heimkehr zu einer lebensbedrohlichen Herzerkrankung ausufern. Klara entkommt dem Tod und beginnt ihre Reise zu sich selbst.
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Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Helena Hoffmann
Eine Herzenssache
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Klara trat im Dunkeln ans Wohnzimmerfenster. Seit Stunden schlug der Regen ununterbrochen gegen die Fensterscheibe und bildete darauf dünne Rinnsale. Regentrommeln, mal schneller mal langsamer, einem Marsch gleich, beherrschte den Raum. Einen Moment lang drängte sich schrilles Kreischen vor das beharrliche Trommeln. Ein gelber S-Bahnzug rauschte in Klaras Augenhöhe über die Brückengleise, kurzzeitig blendeten sie seine grellen Lichter. Dann abermals nichts als monotones Prasseln. Unterhalb der Hochbahnbrücke im Halbdunkeln keine Passanten, keine fahrenden Autos, weit und breit. Kein Wunder, ging es Klara durch den Kopf, bei diesem Hundewetter. Zwar ungewöhnlich mild für Mitte Februar, aber dafür stürmisch und nass.Die Kälte fiel sie durch die Fensterscheibe an, unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück, zog ihre beige Strickweste enger um die schmalen Schultern. Im schwachen Widerschein der Straßenlaterne prüfte sie die Uhrzeit. Kurz nach sieben Uhr. Warum musste der Flieger ausgerechnet immer am Freitagabend Verspätung haben, wenn sie beide sich einen schönen Abend machen wollten? Sie seufzte. Gedanken über die noch notwendigen Erledigungen für den anstehenden Urlaub begannen durch ihren Kopf zu wirbeln. Sie durfte keinesfalls vergessen, Insektenspray die Tage zu besorgen, und dann noch Reisetabletten und ausreichend Sonnencreme. Plötzlich bog vor ihren Augen ein Taxi auf die gegenüberliegende Straßenseite ein. Die roten Bremslichter, sich spiegelnd im nassen, schwarzen Asphalt, ließen ihr Herz höher schlagen. Endlich, hörte sie sich innerlich jubilieren. In der langen dunkel gekleideten Gestalt, die mit Rollkoffer und Handtasche bestückt im spärlichen Licht vom Wagen in Richtung Haustür eilte, erkannte sie Tobias augenblicklich. Nach Betätigung der Schließanlage hörte sie ihn raschen Schrittes die Stufen zum ersten Stock nehmen, schon stand er vom Regen durchnässt vor ihr im Flur. Was für ein fürchterliches Wetter, stieß er aus während er sich eilig seines Mantels und des Gepäcks entledigte, hier Regen und Windböen, die die Landung verzögert haben, und in Düsseldorf Schneetreiben, so dass wir nicht rechtzeitig los konnten. Kurz nahm er sie zur Begrüßung in den Arm und küsste sie auf den Mund. Klara verspürte ein Glücksgefühl, wie allwöchentlich an den Freitagabenden, wenn Tobias nach einer langen Arbeitswoche von seinen Geschäftsreisen zurückkam. Nach fünf Tagen ihres allwöchentlichen Singledaseins mit Beruf, Erledigungen und Freizeitaktivitäten lag nun wieder ein Wochenende zu zweit vor ihnen, das stets einem gänzlich anderen Rhythmus unterlag. Wenngleich sie seit knapp sieben Jahren im Wechsel von gemeinsamen Wochenenden und unterwöchiger Fernbeziehung lebten, hatte sie sich an diese Umstände nie gewöhnt. Sie fieberte schon ab Mitte der Woche dem Freitagabend entgegen und verabscheute stets die sonntäglichen Abende im Bewusstsein des erneut drohenden Abschieds. Auch an diesem Freitag hatte sie in ungeduldiger Erwartung seiner Rückkehr ein kleines Abendessen zubereitet, so dass sie unmittelbar am langen Holztisch im Wohnzimmer Platz nahmen. Das Wetter ist im Moment wirklich unerträglich, nahm Tobias die Unterhaltung wieder auf, während er die Weinflasche entkorkte, die ihm Klara hingestellt hatte, aber glücklicherweise müssen wir nur noch eine Woche durchhalten, bevor es los geht. Ja, nur noch eine Woche und das ist auch gut so. Ich kann den Urlaub nach dem Umzug wirklich gut gebrauchen, pflichtete Klara ihm bei und legte ihnen beiden jeweils ein Stück selbstgemachte Quiche auf. In einer Woche würden sie die Wärme von Mauritius endlich genießen, dachte sie freudig und fuhr fort: Stell dir vor, diese Woche haben sie die Heizungsventile ausgewechselt und unser Kleiderschrank ist auch angekommen. Tobias zog positiv überrascht die Augenbrauen hoch. In der üblichen Hektik der Woche hatte er längst die anstehende Ankunft des letzten fehlenden Möbelstücks vergessen. Sie machten eine Stippvisite ins Schlafzimmer. Der Cappuccino farbige Lack des Schranks glänzte jungfräulich. Er passte in der Tat perfekt zu ihrem Bett aus Nussbaum, versicherten sie sich gegenseitig. Zurück im Wohnzimmer stießen sie in gelöster Stimmung auf die neue Wohnung an. Dann begann Klara vom Gang ihrer Woche zu erzählen. Üblicherweise hatten sie im Laufe der Woche kaum Kontakt zueinander gehabt. So war Klaras Drang freitagabends stets groß, ihn ins Bild über ihre Erlebnisse zu setzen. Ihr gemeinsames, stilles Einvernehmen auf unterwöchige Telefonate weitestgehend zu verzichten, mutete für viele ihrer Freunde befremdlich an, doch beide Seiten hatten im Laufe der Zeit erkannt, dass ihnen Gespräche am Telefon nicht sonderlich lagen. Aus Klaras Sicht wirkte Tobias am Telefon häufig zerstreut und kurz angebunden. Selbst Gespräche über alltägliche Belange gerieten schnell ins Stocken. Außerdem schien er selbst in der Woche nichts zu erleben, was der besonderen Mitteilung bedurfte. Ein zwölfstündiger Arbeitstag als Unternehmensberater, vielleicht noch ein, zwei Bierchen mit den Kollegen am Abend und morgendliches Joggen, für viel mehr blieb wohl keine Zeit. Obgleich Klara durchaus in der Lage gewesen wäre, vieles von Tobias beruflichen Aufgaben zu verstehen, hatten sie doch beide Wirtschaftswissenschaften studiert, zog sie es mittlerweile vor, Nachfragen bezüglich des Jobs am Telefon zu meiden. Wozu auch, noch früh genug würde Tobias am Wochenende von selbst darauf zu sprechen kommen. Tobias seinerseits hatte schon immer Telefonieren als lästig empfunden. In den letzten Jahren aber fehlte ihm während einer strengen Arbeitswoche, wenn der Tag im Kopf tobte, vermehrt die Ruhe, für tiefgreifende Unterhaltungen oder längere Diskussionen über häusliche Pflichten. Klara übernahm mittlerweile die meisten Verpflichtungen des Alltags ohne Rücksprache zu halten. Stillschweigend hatte er dies akzeptiert. Nie hatte er sie darum explizit gebeten oder gar gedrängt, vielmehr war es Klara selbst, die sich über Zeit der einzelnen Aufgaben bemächtigt hatte. Nun alles im allem war es eine ganz gute Woche, schloss schließlich Klara heiter. Insbesondere freut mich, dass die Liste der Erledigungen vor dem Urlaub, die am Montag noch so bedrohlich lang auf mich wirkte, deutlich übersichtlicher geworden ist. Somit sollten die letzten Tage vor unserem Abflug nicht mehr so hektisch werden. Sie schob sich lächelnd eine lange braune Strähne aus dem Gesicht und lehnte sich zufrieden im Stuhl zurück, um anschließend einen Schluck aus ihrem Weinglas zu nehmen. Aber sag, wie ist es dir ergangen? Habt ihr denn die geplante Statuspräsentation diese Woche halten können? Tobias braune Augen bekamen plötzlich hinter den rechteckigen Brillengläsern einen lebhaften Ausdruck. Ja und unsere Präsentation ist sogar so gut angekommen, dass uns der nächste Auftrag schon so gut wie sicher ist. Allerdings haben sie uns noch um eine Erweiterung des bisherigen Angebots in den nächsten vierzehn Tagen gebeten, fügte er nach kurzem Zögern an. Klaras schmale Brauen zogen sich zusammen. Ihr Gesichtsausdruck, gerade noch zutiefst entspannt, verfinsterte sich. Vierzehn Tage. Damit würde eine Woche der Angebotserstellung bereits in die Zeitspanne ihres Mauritius Urlaubs fallen. Damit würde Tobias als verantwortlicher Projektmanager auch in diesem Urlaub mit schier endlosen Emailkorrespondenzen und Telefonaten beschäftigt sein. Ihre Hoffnung, es dieses Mal von vornherein gemeinsam entspannt angehen zu lassen, schien sich gerade vor ihren Augen in Nichts aufzulösen. Dennoch, sie mochte die neuen Umstände nicht widerstandslos hinnehmen. Was gedenkst du nun zu tun?, fragte sie so ruhig wie möglich. Vielleicht könnte ausnahmsweise ein Kollege, die Angebotserstellung übernehmen und du müsstest nicht wieder aus dem Urlaub heraus arbeiten?, wagte sie einen Versuch. Tobias Augen fingen an zu flackern. In dem Taucherhotel, wo wir die erste Woche verbringen, gibt es zwar meines Wissens Internetzugang, fuhr Klara fort, ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass der besonders schnell sein wird. Einen Drucker oder Kopierer haben sie bestimmt nicht. Alles im allem ist das ja eine bescheidene Unterkunft für Tauchsportler. Spitz klang nun Klaras Stimme. Klara, nun beruhige dich doch, entgegnete Tobias sachlich. Mir ist bewusst, die Situation ist ungünstig. Wir haben auch schon intern diskutiert, ob nicht Sven sich verantwortlich für das Angebot zeichnen kann. Tatsache ist jedoch, dass ich bei diesem Auftraggeber derzeit das meiste Vertrauen genieße. Ja überhaupt ist die gute Beziehung maßgeblich auf meine Arbeit der letzten Monate zurückzuführen. Wie du weißt, hätten wir diesen Auftraggeber beinahe verloren, bevor ich das Ruder übernommen habe. Tobias lehnte sich auf die Ellbogen gestützt vornüber auf den hölzernen Esstisch, als wolle er hierdurch seiner Rede Nachdruck verleihen. Sein Weinglas kreiste in der rechten Hand. Er betrachtete Klara und das Weinglas abwechselnd, während er sich in ausschweifenden Ausführungen darüber erging, welche Fehler seiner Vorgänger beim Kunden zum Vertrauensverlust geführt hätten und wie er durch monatelange Arbeit nun eine neue Basis für langfristige Kontakte aufgebaut hätte. Klara wusste Vieles davon bereits aus früheren Unterhaltungen. Ihre Gedanken waren auf dem Wege abzuschweifen, als Tobias mit festem Blick auf sie gerichtet, darauf zu sprechen kam, dass Klara die weitreichende Bedeutung dieser Geschäftsbeziehung für seine berufliche Karriere verstehen müsse. Würde er den nächsten Auftrag an Land ziehen, wäre der Weg zur Beförderung frei. Ja, man hatte sie ihm explizit in Aussicht gestellt, offenbarte er triumphierend. Diese Chance kann ich mir unter keinen Umständen entgehen lassen.Diese Aussichten machen damit die zusätzlichen Anstrengungen auch während unseres Urlaubs notwendig. Im Übrigen habe ich in keiner Sekunde daran gedacht, den Urlaub auf Kosten der Firma zu stornieren, da ich weiß, dass du nach der gesamten Umzugsorganisation dringend diesen Urlaub benötigst. Er warf ihr einen aufmunternden Blick zu. Sieh mal, alles läuft doch hervorragend. Die Wohnung ist top und mit Ausnahme von Kleinigkeiten vollständig eingerichtet, maßgeblich durch deinen Einsatz. Unser Urlaub steht vor der Tür und eine Beförderung und Gehaltserhöhung ist auch in Sicht. Lass uns darauf anstoßen! Er streckte ihr sein Weinglas zum Toast entgegen. Gläserklirren durchbrach die Stille. Klara schluckte mit dem anschließenden Zug, die aufgekeimte Bitterkeit hinunter. Tobias hatte wohl Recht mit seiner Sicht der Dinge, es gab berechtigten Anlass zur Freude, auch wenn sie sich eigentlich nichts sehnlicher als drei ruhige Urlaubswochen zu zweit gewünscht hatte. Verärgerung half nun nichts, ging es ihr durch den Kopf, Tobias würde nicht von seinem Plan abrücken. Gut, entgegnete sie schließlich, den süßlichen Geschmack des Weißburgunders auf der Zunge. Dann werde ich mich einmal die Tage erkundigen, was in unserem Taucherressort an moderner Kommunikationstechnik vorhanden ist.
Hoch am Himmel stand bereits die Äquatorsonne. Im Schatten von Palmen gähnte Klara und reckte sich wohlig. Tobias lag links neben ihr bäuchlings im Liegestuhl. Seine knatternden Atemzüge verrieten einen tiefen Schlaf. Wie müde einen doch immer diese Tauchgänge machten, dachte sie. Aber wahrlich war es immer zu ein faszinierendes Erlebnis, sich in diese bunte stille Unterwasserwelt zu begeben. Nach ihrer Ankunft vor zwei Tagen war es an diesem Morgen ihr erster Tauchgang gewesen. In der Morgenröte hatten sie ein leichtes Frühstück aus Früchten und Toast mit Marmelade zu sich genommen. Dann, weit vor Einbruch der Hitze, waren sie mit John und seinem Assistenten ohne weitere Gäste aufgebrochen. John hatte das lange Motorboot geschickt über die bewegte, dunkelblaue See zu einer lediglich an die zehn Meter tiefen Stelle gelenkt. Glasklares Wasser gab dort den Blick frei auf pudrig weißen Grund und silbrig glänzende Fischschwärme. Klara stieß einen Schrei des Entzückens aus. Nun, sagte John schmunzelnd in unverkennbaren nordenglischen Dialekt, dann fangen wir heute erst einmal ganz langsam an. Ich glaube, du hast die Tauchschule gut ausgesucht, nickte Tobias Klara anerkennend zu und machte sich daran, die Tauchausrüstung anzulegen. Viele Tauchlehrer in den Urlaubsorten waren Freaks, so empfanden es die beiden aus ihren Urlaubsbegegnungen. Auch John, schätzungsweise an die vierzig, mittelgroß, hager, muskulös und dunkelgebräunt, wirkte durch seine kamelfarbenen Dreadlocks wie einer. Allerdings, so hatte Klara recherchiert, galt er als besonnener Taucher, der sein Terrain durch sein jahrelanges Leben auf der Insel wie seine Westentasche kannte. Er war, wie sie in seinem Blog hatte lesen können, mit Mitte zwanzig auf die Insel gekommen und wegen der Liebe seines Lebens geblieben. Johns Frau Marie, eine schlanke, kleine Mulattin mit herzlichem Blick, hatten sie bereits am Anreisetag kennengelernt. Sie hatte ihnen ihre Unterkunft und alle Ausstattungen der kleinen, am Cap nördlich der Hauptstadt Port Louis gelegenen Anlage gezeigt, dabei fortan mit charmant französischem Akzent auf Englisch über dies und jenes gescherzt. Trotz der Bescheidenheit ihrer Ferienwohnung, die Möblierung war einfach und bereits etwas in die Jahre gekommen, ließ sie Maries Herzlichkeit, sich sogleich wohl fühlen. Mittlerweile dümpelten Klara, Tobias und John in ihrer Tauchausrüstung neben dem Boot im Wasser. John, der mit aufgesetzter Taucherbrille an einen Frosch erinnerte, warf ihnen einen prüfenden Blick zu, dann gab er das Zeichen zum Abtauchen. Langsam, in aufrechter Haltung, sanken sie hinab. Die blendende Helligkeit der prallen Sonne verblasste durch die sich über ihnen auftürmenden Wassermassen, obschon der weiße Meeresgrund noch ihr Licht reflektierte. Das Tosen des Ozeans wich einer zur Langsamkeit auffordernden Stille. Am Grund angelangt, starteten sie ihre Wanderung nun in horizontaler Lage, schwerelos treibend, gemächlich. John schwamm meist vorneweg, um sie mit ruhigen deutlichen Handbewegungen auf besondere Fische und Korallen aufmerksam zu machen. Seinem gewissenhaften Blick schien kein Meeresbewohner zu entgehen. Sie erkannten Steinfische anhand von aus einer knubbelig grauen Oberfläche hervortretenden Augenpaaren. Ohne Johns geübten Blick hätten sie sie für ein paar Steine zwischen Korallen gehalten. Ferner führte er sie zu den höhlenartigen Behausungen einzelner Muränen. Da nachtaktiv, war von ihnen zu dieser Zeit meist nur ein Auge oder eine Schnauzenspitze zu sehen, zu ihrem Glück konnten sie einen kurzen Blick auf den senffarbenen Kopf eines großen Exemplars erhaschen. Klara faszinierten diese schlangenartigen Fische seit langem. Ihre Größe konnte man nur erahnen, da ihr Körper meist im Verborgenen blieb. Nur ein einziges Mal hatte sich ihr der vollständige Anblick einer mehr als armdicken, über zwei Meter langen Muräne geboten, die ihr Versteck in der Dämmerung verlassen hatte. Blitzschnell, in schlängelnden Bewegungen schwimmend hatte sie erneut Unterschlupf in einem anderen Felsspalt gesucht. Das nahezu lautlose Gleiten im dreidimensionalen Raum, gleich einem Vogel in der Luft, die vielfältigen Farben und bizarren Formen dieser fremden, vielfältigen Welt, Klara durchlebte erneute ihre Eindrücke, während sie versonnen von ihrem Liegestuhl unter den Palmen auf das strahlendblaue Meer blickte. Unvermittelt drehte sich Tobias auf seiner Liege auf den Rücken und rieb sich mit beiden Händen die Augen. In der schonungslosen Helligkeit der mauretanischen Sonne sah Klara, wie blass und müde er aussah. In seinem aschgrauen Haar traten die Geheimratsecken stärker als üblich zum Vorschein, dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Seine Haut schien fahl, das hervorstehende Kinn mit der charakteristischen Furche, wirkte scharfkantiger als üblich. Klara erschrak. Ich bin wohl eingeschlafen, murmelte Tobias, während er sich seine schwarze, rechteckige Hornbrille aufsetzte. Wie spät ist es jetzt?Gegen ein Uhr, entgegnete Klara. Gut, damit bei uns also gegen 10 Uhr, konstatierte er. Was hältst du davon, wenn wir in Port Louis heute gemeinsam zu Mittag essen? Danach könntest du einen kleinen Spaziergang durch die Stadt oder am Strand machen und ich gehe in das Internetcafe für ein bis zwei Stündchen? Klara war einverstanden. Hoffentlich würde es mit einer Stunde Internetcafe getan sein und sie könnten im Anschluss gemeinsam durch Port Louis schlendern. Die Anlage von Marie und John verfügte über keine ausreichend schnelle Internetverbindung zum Verschicken großer Datenmengen. Das hatte Klara vor ihrer Anreise in Erfahrung gebracht. Glücklicherweise war die Hauptstadt Port Louis mit wenigen Kilometern Entfernung per Taxi auf die Schnelle erreichbar und Tobias hatte sich unmittelbar nach ihrer Ankunft eines der von Klara recherchierten Internetcafes ausgesucht, das seine Belange für die Abstimmung mit den Kollegen bezüglich des Angebots abdeckte. Dort hatte er bereits mehrere Stunden die letzten beiden Tage zugebracht. Den restlichen Teil der ersten Woche würde es so weitergehen, mutmaßte sie. Obwohl sie sich eingestehen musste, trotz andersartiger Vorsätze, mit den gegen ihren Willen auferlegten Umständen zu hadern, bewunderte sie Tobias für seine Disziplin und Energie, mit der er die Aufgabe anging, freilich befeuert durch seine feste Entschlossenheit, die nächst höhere Karrierestufe schon bald zu erklimmen. Klara selbst hingegen hatte sich die letzten beiden Tage häufig außer Stande gesehen, klare Gedanken zu fassen. All die über die letzten Monate in ihr angesammelte Müdigkeit, sei es befördert durch die herrschende Hitze und Luftfeuchtigkeit, trat nun zu Tage. Andererseits stand sie in einem gänzlich anderen Verhältnis zu ihrer Berufstätigkeit als Tobias. Für sie war ihre Einkäuferinnentätigkeit in einem Großunternehmen trotz mancher Überstunden und ihrem anflugweisen Stolz über das von ihr verantwortete Einkaufsvolumen klar von ihrem Privatleben getrennt. Bei Tobias, fand sie, waren die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem immer mehr dabei zu verwischen. Neuerdings hatte sie ihn darauf anzusprechen gesucht, bedingt durch die für sie verstärkt wahrnehmbaren Auswirkungen auf ihr Zusammenleben. Sie empfand ihre Beziehung als zunehmend versachlicht und geschäftsmäßig. Auch bekam ihr immer weniger das wöchentliche Alleinsein. Sie verspürte eine sich steigernde Unruhe an den Tagen ihres Strohwitwendaseins, die sich erst kurz vor seiner Rückkehr wieder legte. Ihre bislang dahin gehenden Gesprächsversuche, so musste sie sich im Nachhinein eingestehen, waren allerdings von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Statt ruhig und gelassen ihre Wahrnehmungen darzulegen, um danach Tobias‘ Meinungen und Vorstellungen anzuhören, hatte sie ihn zu einer hitzige Diskussion getrieben. Dabei wusste sie doch aus ihrer nun rund dreizehnjährigen Beziehung, dass er diese Art der Auseinandersetzung nicht vertrug. Klara biss sich beim Gedanken an die zurückliegenden Streitigkeiten auf die Lippen und nahm sich vor, beim nächsten Gesprächsversuch klüger vorzugehen, als das Taxi vor dem Restaurant Keg and Marlin im Hafen von Port Louis hielt. Beim Betreten des Restaurants wurde das Paar von einem hochgewachsenen, dunkelhäutigen Kellner freundlich empfangen und sogleich auf die Veranda geführt. Hier herrschte Hochbetrieb. Sogleich schüttelte Klara ihre trübseligen Gedanken ab und musterte neugierig die Gäste. Es bot sich ihr eine ethnische Vielfalt, wie sie in Deutschland nicht anzutreffen war. Neben Englisch und Französisch meinte sie Hindi und Chinesisch zu hören, zumindest legten die farbprächtigen Saris der beiden Frauen am runden Nebentisch und die schlitzen Augen der vor ihnen sitzenden Herrengruppe in dunklen Anzügen diese Sprachen nahe. Tobias hatte sich schon in die ihm vom freundlichen Kellner gereichte Speisekarte vertieft. Kaum hatte sie selbst die Karte geöffnet, schlug er Speisen vor. Er scheint es wirklich sehr eilig mit dem Essen zu haben, dachte sie missbilligend. Danke, ich schaue mir die Karte selbst an, erwiderte sie kühl, ohne ihn dabei anzublicken. Such‘ du nur schon einmal einen Wein aus. Tobias wehrte ab. Wein käme für ihn zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in Frage, schließlich wäre da die Hitze und die noch vor ihm liegende Arbeit. Klara rümpfte verdrießlich die Nase. Natürlich handelte Tobias seinerseits in gewohnt vernünftiger Weise, aber es widersprach ihrer Vorstellung von einem entspannten Mittagessen im Urlaub. Dann bestelle ich mir eben ein Glas, ließ sie es damit bewenden. Während des Essens nur schleppende Konversation. Nach der Bestellung hatte sie Tobias in betont heiterem Ton auf die verschiedenartigen Tischgesellschaften hingewiesen. Insbesondere ließ sie ihn von ihrer Faszination bezüglich der hinduistischen Frauen am Nebentisch wissen, ihre prächtig farbfrohen Gewänder, das reichliche Gold auf dunkler Haut hatten es ihr angetan. Tobias Blick war amüsiert über die Gäste gelitten. Wie ethnisch vielfältig die mauretanische Gesellschaft sei und wie ungewöhnlich viele gut aussehende Menschen es in diesem Land gebe, wäre ihm schon im Internetcafe aufgefallen. Kaum standen jedoch die Speisen vor ihnen auf dem Tisch, wandte er sich vorwiegend dem Essen zu und wurde einsilbig, den Kopf offenbar schon bei dem Angebot oder seinen Kollegen. Alsbald gab Klara ihre Gesprächsbemühungen auf. Besser sich an der kreolischen Hühnerbrust erfreuen, besser den Ausblick über den Hafen genießen, sagte sie sich. Es herrschte kaum Betrieb auf dem Wasser. Das Farbspiel aus türkisgrünem Wasser und einem Himmel von sattem Blau, geschmückt mit tief ziehenden Wolken wie aus Zuckerwatte, zog sie in seinen Bann. Schau doch wie schön, appellierte sie innerlich an ihr Gegenüber, ohne es auszusprechen. Beim Kaffee angelangt, war es nun Klara, die die Eile überkam. Der zähen Unterhaltung überdrüssig und begierig auf einen Stadtrundgang nach dem Mittagessen, bat sie Tobias ihr eine Textnachricht zu schreiben, sobald er wieder zur Verfügung stehen würde. Ein flüchtiger Abschiedskuss, dann teilten sich ihre Wege vor dem Restaurant. Klara wandelte die lebhafte Hafenpromenade entlang, vorbei an zahlreichen Malls, Restaurants und Cafés. Das bunte Völkergemisch, wie bereits im Keg and Marlin von ihr beobachtet, war allerorts zugegen. Sie verließ die schattenspendenden Arkaden der Promenade und wanderte stadteinwärts auf der Suche nach den Markthallen. Sie galten einen Besuch wert. Ohne schattenspendenden Schutz lastete mit einem Mal die ganze Hitze des Nachmittags auf ihr. Das zum Rossschwanz gebundene schulterlange Haar, das dünne Sommerkleid mit Spaghettiträgern halfen nicht. Schweiß rannte ihr den ganzen Körper entlang. Schon bereute sie ihren vorherigen Drang, unbedingt Wein zum Essen trinken zu müssen. Natürlich war ihr der Alkohol bereits zu Kopf gestiegen, natürlich machte er es ihr nunmehr schwerer, mit der tropischen Hitze klarzukommen. In den eisernen Markthallen, die sie durch ihre unmittelbare Nähe zum Hafen auf Anhieb fand, empfing sie nun noch mehr schleimige Hitze, Gedränge und Lärm. Klara rang nach Luft, kurzweilig überkam sie Schwindel. Sie suchte, einige Minuten abseits der Menge, still auszuharren und ruhig und tief die schwere, modrige Luft ein- und auszuatmen, bevor sie in den Menschenstrom eintauchte und sich von ihm treiben ließ. Aufgetürmtes Obst und Gemüse, bekannt und unbekannt, teils frisch, teils weniger, gerupfte Hühner, Gewürze, Reissäcke, Blumensamen, bunte Stoffe, billige Textilien, dunkle und helle Körper, Saris, Turbane, westlich Gekleidete, Marktgeschrei. Wären da nicht das im Magen liegende Mittagessen und die Hitze gewesen, hätte sie gerne einen der vielen, angebotenen Imbisse probiert. Was das Kulinarische betraf war Klara stets experimentierfreudig, sowohl auf ihren Reisen als auch zu Hause. Ob roher Fisch, Innereien, gegrillte Insekten, Hühnerbeine, Klara war willens nahezu alles, zu probieren. Kochen zählte für sie zu ihren Lieblingswochenendbeschäftigungen, gerade in der Winterzeit, wenn die Tage dunkel und kurz waren. Sie mochte es, bereits mittags in der Küche zu stehen, stets das Radio laut aufgedreht, Gemüse zu putzen und zu schnipseln, Fleisch lange zu schmoren und Soßen einzukochen. All das verschaffte ihr Entspannung. Ferner entdeckte sie hierbei eine Kreativität an sich selbst, an der es ihr sonst im Alltag mangelte. Tobias meinte nicht selten scherzhaft, eine wahre Köchin wäre an ihr verloren gegangen. Unbedingt musste sie diesen Markt, in den kommenden Tagen ohne vollem Bauch erneut aufsuchen. Die gefüllten Fladenbrote und Frühlingsrollen sahen sehr verlockend aus, auch von den Currys würde sie unbedingt kosten müssen. Bestimmt würde auch Tobias daran Gefallen finden. Wenngleich ihn manchmal der Mut beim Probieren verließ, mochte er die kreolische und asiatische Küche. Als sie aus den Markthallen heraustrat, erschien ihr die Luft geradezu frisch. Sie prüfte ihr Handy. Es war mittlerweile gegen vier Uhr nachmittags, eine Nachricht von Tobias fehlte bisweilen. Zum Zeitvertreib setzte Klara ihren Rundgang fort. Sie entdeckte einige Kolonialbauten, teils herausgeputzt, teils verfallen sowie das Durcheinander der vielen modernen Hochhäuser aus Beton. Mangels weiterer Attraktionen fasste sie jedoch schon bald den Entschluss, zum Hafen zurückzukehren. Dort wollte sie in einem der Cafes auf ein Zeichen von Tobias warten. Schließlich, gegen sechs Uhr, die Sonne stand schon tief am Himmel und tauchte die Hafenpromenade in mildes Himbeerlicht, Klara saß bereits vor ihrem zweiten Joghurtgetränk, erreichte sie seine Mitteilung. Mit Erleichterung las sie seine Nachricht, in der er zu einem gemeinsamen Drink anregte, hatte sie doch zwischenzeitlich mit dem Gedanken gekämpft, alleine ins Ressort zurückzukehren. Lediglich die Hoffnung auf einen gemeinsamen Abendausklang in Port Louis, wenngleich stetig schwindend, hatte sie von der sich immer weiter aufdrängenden Idee abgehalten.
Die nächsten Tage folgten einem vergleichbaren Rhythmus. Frühmorgens unternahmen sie mit John Tauchgänge in den unterschiedlichen Arealen um das Kap herum. Dann eine gemeinsame Ruhephase im Schatten der Palmen, schließlich Tobias‘ Aufbruch nach Port Louis, um seinen Verpflichtungen nachzugehen. Klara zog es nun vor, die Nachmittage auf der Anlage zu verbringen und sich in den Abendstunden mit ihm vornehmlich in der Grand Baie, der größten Bucht zwischen dem Kap und Port Louis zu treffen. Ihrem Vorsatz folgend, hatte Klara nochmals mit Tobias die Markthallen aufgesucht und diverse Snacks gekostet. Damit erschöpfte sich jedoch ihr Interesse an der Hauptstadt, zumal diese nach Ladenschluss einem Hühnerdorf glich. Dagegen pulsierte das Leben in dem ehemaligen Fischerort an der langen, tief ins Land hineinreichenden Grand Baie in unzähligen Restaurants, Cafes, Bars und Diskotheken auch nach Einbruch der Dunkelheit. Ganz Nordmauritius schien sich hier zu versammeln. Klara und Tobias verabredeten sich stets an der Bucht zum gemeinsamen Spaziergang für den späten Nachmittag. am Strand herrschte um diese Zeit geradezu Volksfeststimmung. Neben Touristen tummelten sich die Einheimischen in großen Scharen zum Tagesausklang. Mauritianische Frauen wateten knietief durch das türkisblaue, ruhige Meer, vollständig bekleidet, sei es im Sari oder in T-Shirt und Shorts, im Plausch vertieft. Kleine Mädchen und Jungen jeglichen Couleurs rannten und plantschten kreischend und lachend, um sie herum, teils in Straßenbekleidung, teils in Badesachen. Die Männer hingegen standen meist abseits am Strandufer in Gruppen, sprachen wenig, rauchten viel und musterten vor allem die ausländischen, weiblichen Badegäste. Klara und Tobias hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, gemächlich am Strandufer auf und ab zu schlendern und das Menschenspektakel zu beobachten. Dann, wenn die Sonne als große, glutrote Scheibe dicht über dem Horizont hing, suchten sie sich ein Plätzchen im Sand und verabschiedeten, jedes Mal aufs Neue ergriffen, mit dem Sonnenuntergang einen weiteren Urlaubstag. In diesen Momenten, fiel es Klara auf einmal leicht, ganz im Augenblick zu verweilen. Frei von im Kopf tobenden Gedanken, Erinnerungen und Plänen wurde sie allem um sich herum gewahr. Dann, als das letzte Glühen des Himmelkörpers dem Dunkelblau der Nacht gewichen war, erhoben sie sich schweigend, um im Ortskern nach einem Restaurant zum Abendessen Ausschau zu halten.
Mittlerweile war es Freitag geworden. Klara war früher als an den Vortagen zu ihrer Verabredung mit Tobias in der Bucht eingetroffen. Nach nahezu einwöchigem Aufenthalt in der Anlage von Marie und John hatte sie sich allmählich dort zu langweilen begonnen und freute sich auf den Trubel am Strand von Grand Baie. Es war eben, ging es ihr durch den Sinn, während sie sich im sonnenbeschienenen Sand am vereinbarten Treffpunkt niederließ, eine einfache Taucherunterkunft, die wenige Annehmlichkeiten bot. Sie hatte sie ganz gezielt wegen der Tauchschule auserkoren und in der Tat hatten sich die Tauchausflüge tagtäglich als Höhepunkt bewahrheitet. Zum Zeitpunkt ihrer Wahl hatte sie schließlich nicht ahnen können, die Nachmittage dort weitestgehend alleine verbringen zu müssen. Schlafen und Lesen waren zum bestimmenden Zeitvertreib an jenen Nachmittagen geworden. Vielleicht hatten diese Umstände auch etwas Gutes gehabt. Die Abwesenheit von Tobias hatte sie geradezu zur Untätigkeit gezwungen, einem Zustand, der ihr sonst nicht besonders lag. Der Möglichkeit, sich in irgendwelche Unternehmungen zu stürzen, beraubt, hatte sie sich an die tropische Hitze ohne wesentliche körperliche Anstrengungen gewöhnt. Eine Erkundung der Insel auf eigene Faust war von vornherein für sie nicht in Frage gekommen. Somit hatte sie endlich ihrem enormen Schlafbedürfnis statt gegeben. Das Verlangen ihres Körpers nach Schlaf war wie auf leisen Sohlen gekommen. Anfänglich hatte ihr noch ein Mittagsstündchen Ruhe genügt, doch mit den Tagen waren ihre Ruhephasen immer länger geworden, als ob ihr Körper ahnte, eine derartige Gelegenheit würde nicht allzu bald wiederkehren. Nur ein einziges Mal hatte sie sich daran gemacht, den felsigen Strandabschnitt vor Maries und Johns Anlage schnorchelnd zu erkunden. Obgleich sich hier eine Vielzahl bunter Fische um die Felsen tummelte, bot sich in dieser kleinen Welt nichts Neuartiges gegenüber ihren morgendlichen Tauchgängen. Zudem fühlte sich Klara alleine im Wasser immer etwas unwohl, Gedanken an unerwartete Strömungen und giftige Meeresbewohner im Kopf. Die übrigen Tauchgäste, meist wie sie selbst zwischen dreißig und vierzig, schienen nach ein- bis zwei täglichen Tauchfahrten kein Verlangen nach weiteren Erkundungen zu haben. Vielmehr verbrachten sie, weitläufig im Garten verstreut, den restlichen Tag schläfrig auf ihren Liegestühlen. Palmen, Akazien, Unbekanntes spendeten in weiten Teilen des Gartens Schatten. Die klebrige Hitze mahnte zur Langsamkeit. Dann und wann ein spärlicher Windzug vom Meer. Im Ressort gab es nur Paare als Gast. Einige von ihnen tauschten auffällig viele Zärtlichkeiten aus, beobachtete Klara. Womöglich handelte es sich dabei um Frischvermählte in ihren Flitterwochen, mutmaßte sie. Unvermittelt, als sie nun in der Grand Baie im Sand sitzend sich von der Sonne bescheinen ließ und das bunte Menschentreiben beobachtete, kam ihr das kürzlich angereiste Paar aus Frankreich in den Sinn. Sie eine Bilderbuchfranzösin, von kleiner schlanker Statur, mit schwarzem Pagenkopf und dunklen, ausdrucksvollen Brauen, er ein großer, breiter Kerl, mit wildem blonden Schopf und dem lässigen Blick eines Lebemanns. Fortwährend kokettierten sie miteinander. Augenscheinlich galten ihre Gesten nur ihm, ihr graziöser Augenaufschlag, ihr unablässiges kindliches Kichern, die demonstrative Zurschaustellung ihrer weiblichen Reize in grellfarbigen Bikinis. Er ließ sie nicht aus den Augen, nutzte jede Gelegenheit während ihrer Schäkereien, um ihren zarten Körper zu umfassen und mal behutsam, mal wild an sich zu drücken. Das ausgelassene Lachen der beiden durchbrach immer wieder die träge Ruhe der Nachmittage. Tobias und sie waren nie so solche Turteltäubchen gewesen, selbst zu Beginn ihrer Verliebtheit nicht, ging es Klara durch den Sinn. Überhaupt hatte Klara in keiner ihrer Beziehungen, jemals eine gleichsam wilde und offene Leidenschaft erlebt, wie sie das französische Paar zu erleben schien. Obgleich sie sich sagte, sie und Tobias wären eben ganz andere Charaktere als diese beiden Franzosen, wohl weniger sinnlich, mehr rational, obgleich sie sich sagte, in der Phase ihres Verliebtseins viel zu jung gewesen zu sein, um ein ähnliches Feuer wie die beiden Franzosen entfachen zu können, führten ihr diese Verliebten abermals vor Augen, wie wenig inspirierend ihrer beider Beziehung mittlerweile geworden war. Es war nicht allein diese zunehmende Versachlichung im täglichen Umgang miteinander. Auch ihre Körper sehnten sich kaum noch nacheinander. Selbst während dieser freien Tage, hatten sie die Vereinigung nur selten gesucht. Der jeweilige Akt, erschien ihr im Nachhinein, lakonisch, liebesmüde. Klara seufzte. Was konnte man nur für diese Gewöhnung des Alltags. Vielleicht versprachen zumindest die nächsten Urlaubstage Besserung. Schließlich sollte Tobias heute endlich die Angebotserstellung abgeschlossen haben, dann würde er möglichweise seinen Kopf frei bekommen und zugänglicher sein. Auch würden sie morgen in ein luxuriöseres Ressort in den Süden von Mauritius für die verbleibenden zwei Wochen ziehen. Dort gab es ein reichlicheres Angebot an Freizeitaktivitäten, dem sie gemeinsam nachgehen konnten.Die Vorstellung, sich mit Tobias ein Segelboot zu leihen und durch die Lagune zu segeln, brachte sie zum Lächeln. Ja, Segeln, obschon es in Hamburg dazu ausreichend Möglichkeiten gab, hatten sie es im vorherigen Sommer kein einziges Mal geschafft, zu kurz waren immer die Wochenenden gewesen. Plötzlich ragte in einiger Entfernung am Sandstrand eine scheinbar vertraute Silhouette sonnenumrahmt vor ihr auf. Von den dort umherstehenden Männern sich lösend, wurde sie immer deutlicher. Mit Wohlwollen erkannte sie Tobias. Zügigen Schrittes bahnte er sich seinen Weg durch die Menschenmengen, dort, wo das ruhige Wasser der Bucht auf den weißen Sandstrand traf und ihn gleich einer Straße geebnet hatte. Mit lindgrünem T-Shirt und bunten Shorts bekleidet, Flipflops und Notebooktasche in den Händen gab er ein ungewöhnliches Bild ab. Neugierige Blicke begleiteten seinen Gang. Klara machte durch energisches Winken auf sich aufmerksam. Trotz der langen Nachmittage im Internetcafe hatte er Farbe bekommen. Doch nun hatte sich zu den Vortagen auch sein Gesichtsausdruck verändert. Entspannt wirkten seine Gesichtszüge als er herantrat. Das unruhige Flackern, das ihm stets in den Augen gestanden hatte, wenn für ihn der Aufbruch nach Port Louis bevorstand, war verschwunden. Hallo! Bist du schon lange hier? begrüßte er sie freudig und machte es sich neben ihr im Sand bequem. Schon eine Weile, entgegnete Klara und schickte sich sogleich an zu erfragen, wie es denn so gelaufen wäre. Die Antwort vermochte sie aufgrund seines Gesichtsausdrucks zu erahnen. Super, grinste er mit Genugtuung, wir haben heute Mittag alles eingereicht, mit allen geforderten Ergänzungen. Ich bin zuversichtlich, wir werden den Auftrag bekommen. Toll, entgegnete Klara,weniger wegen der Erfolgsaussichten für Tobias und die beteiligten Kollegen, als aus Vorfreude auf die lang ersehnten ruhigen Urlaubstage. Sie freute sich auf gemütliches Frühstücken, stundenlanges Schnorcheln in der flachen Lagune, weitläufige Spaziergänge am Strand, die Erkundung des unweit der neuen Unterkunft gelegenen Nationalparks, alles ohne Zeitdruck, ohne Internetcafetermine. Tobias erläuterte indessen die besonderen Herausforderungen, die dieser Auftrag, wenn sie ihn denn nun bekommen würden, wovon auszugehen wäre, an ihn und sein Team stellen würde. Klara blickte gleichgültig auf das ihr zu blinzelnde Meer. Sag mal, was ist das nun für ein Hotel, in das wir umziehen?, wechselte er unvermittelt das Thema. Ich kann mich nicht mehr so recht daran erinnern. Und hast du schon irgendwelche konkreten Pläne für die Zeit vor Ort? Mehrfach hatten Klara und Tobias an den zurückliegenden Wochenenden über den Urlaub gesprochen, Klara hatte die letztendlich ausgewählten Unterkünfte beschrieben, mögliche Freizeitaktivitäten angeführt, doch scheinbar hatte Tobias wieder einmal nicht richtig zugehört. Morgen früh bringt uns ein Shuttleservice in den äußersten Südwesten. Dort gibt es eine Halbinsel mit einem knapp fünfhundert Meter hohen Felsen und einem durchgängigen breiten Strand, der wegen seines weiten und flachen Riffs besonders gut zum Schnorcheln geeignet ist. Unsere Hotelanlage liegt genau an diesem Strand, wir wohnen dort in einem Gartenbungalow.Das Hotel verfügt über verschiedene Restaurants, eines davon ist direkt am Strand gelegen, zudem gibt es dort allerlei Freizeitangebote, hörte sie sich gleich einem Reiseführer Auskunft erteilen.Dann fuhr sie fort mögliche Ausflugsziele in der näheren Umgebung anzuführen und sogleich ihre eigenen Präferenzen kundzutun. Tobias schlang gemächlich einen Arm um sie und folgte ihren Schilderungen, die sich auf Wissen aus Reiseführern, Internetforen und Tipps von Marie und John stützten. Die Wanderung im Nationalpark möchte ich in jedem Fall machen, meinte sie schließlich, nachdem Tobias zwar weitergehende Fragen gestellt, aber bislang kein offenkundiges Interesse für eines der Ausflugsziele geäußert hatte. Machen wir, antwortete er gutmütig und zog sie enger an sich. Inzwischen war die Sonne dicht an den Horizont gesunken. In enger Umarmung beobachteten sie, wie mit dem Sinken der Sonne unter den Horizont das dunkle Abendrot immer schwächer wurde und mit ihm der Tag allmählich verblasste.
Splitternackt lagen sie auf den gestärkten, weißen Bettlaken ihres neuen Quartiers. Über ihnen zogen die hölzernen Rotationsblätter des Ventilators unermüdlich ihr Kreise, um die feuchte Mittagshitze zu vertreiben. Leises Surren erfüllte den Raum. Obschon ihr neues Hotelzimmer auch über eine Klimaanlage verfügte, hatte Klara beim Eintritt darauf bestanden, diese durch den Ventilator zu ersetzen. Unmittelbar nachdem sie die Unterkunft bezogen hatten, hatten sie sich geliebt, stürmischer als seit langem. Jetzt lagen sie da auf dem Rücken, Arme und Beine weit von sich gestreckt, um die letzte Kühle der Bettlaken über die Haut aufzunehmen. Lass uns bitte wieder die Klimaanlage einschalten, bat Tobias mit geschlossenen Augen. Mir wäre es lieber, wenn nicht. Wir werden sonst erst recht unter der Hitze leiden, wenn wir gleich das Zimmer verlassen. Sie richtete sich in den gestärkten, weißen Kissen auf und sog begierig am Strohhalm des Willkommensdrinks. Kokosmilch mit Ananas und etwas Süßem, das sie nicht benennen konnte. Zufrieden seufzte sie. Der Empfang gefiel ihr, das Zimmer auch, das solide wirkende Mobiliar aus rotbraunem Holz und die dunkelblaue Polsterung der Couchgarnitur ließen sie an eine Schiffskajüte denken, wenngleich sie niemals zuvor in einem Passagierschiff gereist war. Alles war hier deutlich luxuriöser als in ihrem vorherigen Taucherhotel und hatte augenscheinlich nichts mit dem alltäglichen Leben der Mauritianer zu tun, das sie im Norden kennengelernt hatten. Mit Ausnahme des Hotelpersonals würden sie hier wohl auch kaum auf Einheimische treffen. Denn während der Norden der Insel um Port Louis urbanisiert war und Palmen, Akazien sowie die derzeit feuerrot blühenden Flamboyants die Straßen zierten, war der Küstenstreifen, je weiter sie von ihrem Shuttleservice in den Südwesten gebracht worden waren, von Zuckerrohrplantagen geprägt und nur dann und wann eine ärmliche Wellblechhütte zu sehen gewesen. Klara hatte sich ernsthaft gefragt, ob darin noch Menschen wohnten. Zu gegensätzlich waren ihr diese armseligen Behausungen zu den Wohnhäusern im Norden vorgekommen. Tobias hielt die Augen geschlossen, sein Gesicht wirkte entspannt auf dem schneeweißen Kopfkissen. An Wangen und Kinn waren erste Anzeichen von Bartwuchs erkennbar, das Rasieren hatte er heute erstmals ausfallen lassen. Ein leichtes knatterndes Geräusch ging von ihm aus, das mehr an das Schnurren einer Katze als an Schnarchen erinnerte. Wer ihn nicht kannte, mochte denken, er befände sich in einem tiefen Schlaf. Doch Klara wusste, sobald das leichte Schnurren einer ruhigen regelmäßigen Atmung gewichen war, war sein Sekundenschlaf schon wieder beendet. In dieser Form von Halbschlaf vermochte er Stunden an den Wochenenden zu verbringen und so seine Batterien nach einer strengen Woche aufzuladen. In ihren gemeinsamen Studienjahren hatte er noch nicht diese Angewohnheit besessen. Vielmehr hatte Klara ihn damals für seine Agilität und seine vielseitigen Interessen bewundert. Wahrlich war ihm das Studium in weiten Teilen leichter gefallen als ihr. Meist war er es gewesen, der die ehrgeizige Klara hinter ihren Büchern hervorgelockt hatte, sie noch Studentin im Grundstudium, teils verunsichert allen Anforderungen gerecht zu werden, er wenige Semester vor dem Abschluss, viel souveräner. Sie waren ins Theater oder Kino gegangen, sie hatte ihn und seine Bandkollegen bei ihren Gigs durch die Studentenszene begleitet. An den Wochenenden im Sommer hatten sie sich regelmäßig ein Segelboot geliehen, um auf der Alster, dem See inmitten von Hamburg, einen Törn zu machen. Segeln, das war Klaras Domäne, aufgewachsen nahe der Ostsee hatte sie es Tobias, aus Süddeutschland stammend, maßgeblich beigebracht. Nach seinem Berufseinstieg hatten dann die Aktivitäten abgenommen, zuerst die Musik und die langen Nächte, später vermehrt kulturelle Unternehmungen und das Segeln. Kaum verwunderlich, da sich alle gemeinsamen Aktivitäten und Verpflichtungen zwangsläufig auf die Wochenenden konzentrieren mussten. Zudem galt es für ihn den Schlafmangel der Woche aufzuholen. Meist, wenn Klara Samstags morgen nach dem Yogaunterricht gegen zwölf Uhr zu Hause eintraf, fand sie Tobias noch immer im Pyjama und mit zerknittertem Gesicht auf dem Sofa liegen. Dorthin hatte er sich nach der ersten Tasse morgendlichen Kaffees begeben. Es schien ihr als hätten ihn die Berufsjahre von sich selbst und ihr entfremdet. Wieder erfasste Klara die Sehnsucht, mit Tobias über diese Entfremdung und das zunehmend unerträglich werdende Gefühl, allein zu sein, zu reden, derweil ihr Blick durch das Hotelzimmer streifte. Nicht jetzt, obgleich sie sich eben so nahe gewesen waren, ermahnte sie ihre innere Stimme. Sie sollte ihm zunächst eine Verschnaufpause gönnen, er war doch eben erst dabei im Urlaub anzukommen. Tobias hatte noch mit verschlossenen Augen seine Hand auf die ihre gelegt. Hast du denn gar keinen Hunger?, fragte er schläfrig und öffnete langsam seine Augen. Ich könnte für meinen Teil jetzt sehr gut eine Kleinigkeit essen. Auch Klara verspürte Hunger, ihr einfaches Frühstück aus Marmeladentoast und Kaffee lag schließlich schon einige Stunden zurück. Fröhlich willigte sie ein, aufzubrechen.
Kurz darauf fanden sie sich im Hotelrestaurant in Strandlage wieder. Auf der Veranda saßen unter emsigen Ventilatoren Hotelgäste vor Longdrinks und Snacks. Obschon es später Nachmittag war und das inbegriffene Abendbuffet nicht mehr fern, bestellten sie Fisch und Wein. Plausch über ihre neue Unterkunft, dann über die Überfahrt vom Cap in den Süden, dann kam das Essen. Der Red Snapper, im Ganzen gegrillt, schmeckte ausgezeichnet. Den Chablis hielt Tobias für eine tolle Ergänzung, Klara befand ihn als zu intensiv zu dem Fisch. Ferner Gespräche über ihre neue Wohnung und die Einrichtung. Klara mochte fast alle ihrer Bilder nicht mehr leiden, diese Kunstdrucke waren eben nicht originell. Stattdessen hatte sie die Idee, auf Flohmärkten nach Gemaltem Ausschau zu halten, ihre beste Freundin Antonina hatte sie auf diese Idee gebracht. Tobias wiegte den Kopf. Ich weiß, du hältst große Stücke auf Antoninas Geschmack, aber ob so alte Schinken, wirklich zu unseren neuen Möbeln passen, die nun mal sehr modern sind? Ich bezweifele es. Ich fände schwarzweiß Fotographien besser. Erinnerst du dich an den Laden in der Schanze, wo wir neulich diese Fotos vom Hamburger Hafen gesehen haben? Die waren stark und da sie auflagenlimitiert sind, sind sie auch durchaus individuell. Also für meinen Geschmack sind diese Hafenaufnahmen zu sachlich, zu unterkühlt, ereiferte sich Klara. Die Kombination von Neuem mit Altem kann doch viel reizvoller sein, als diese Konformität aus Mobiliar und Wanddekoration! Tobias zeigte sich amüsiert über ihren Eifer. Offenbar, merkte er an, und Klara meinte einen Funken von Spott herauszuhören, waren Antoninas Flohmarktfunde extrem überzeugend. Ich hatte bisher nicht gewusst, dass du dich für gebrauchte Sachen interessierst. Geschmack ändert sich eben, Klara zuckte die Achseln und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie kamen dennoch überein, einige Kunst- und Flohmärkte in den anstehenden Frühlingsmonaten aufzusuchen, dann stießen sie an. Im Laufe des Abends wurde die Stimmung vergnügt, die Gespräche geradezu geistreich.
In den folgenden Tagen kamen sie noch des Öfteren auf die Wohnungseinrichtung zu sprechen. Ob Lampen, Spiegel oder Schuhablagen, es gab noch viele fehlende Details und es gab vor allem genügend Zeit, um insbesondere während der Mahlzeiten ausführlich darüber zu reden. Die Tage flossen gemächlich dahin. Wenn sie nicht im oder auf dem Wasser waren - der Korallengarten der Lagune bot auf engem Raum großen Artenreichtum, Segeln indes war langweilig, weil die Lagune einem Planschbecken glich, ihr Verlassen jedoch strengstens verboten war - hielten sie sich meistens vor ihrem Strandpavillon auf. Klara pflegte auf dem beigen Sofa auf der Veranda zu sitzen, oftmals in ihr dickes Buch vertieft. Tobias hatte es sich im Schatten der Sträucher und Palmen im Liegestuhl bequem gemacht. Die Rastlosigkeit der zurückliegenden Tage hatte ihn verlassen. Er begnügte sich mit einigen kurzen Checks der Emails über sein Smartphone, die mitgebrachte Biographie nahm er eher selten in die Hand. Stattdessen lag er stundenlang da, mit Blick in Richtung Meer und Horizont, gar dösend, schlafend. Was er wohl so dachte? Wenn Klara nicht las, fotografierte oder frühmorgens ihre Yogaübungen auf dem dichten, einem Teppich gleichenden Rasen vor ihrem Bungalow praktizierte, war sie mit ihren Gedanken meist in der Zukunft. Sie stellte sich vor, Tobias hatte seine Tätigkeit gewechselt. Er war schließlich schon sieben Jahre Unternehmensberater, die durchschnittliche Verweildauer der Angestellten deutlich kürzer, damit sein baldiger Ausstieg nichts Ungewöhnliches. Mit dieser Referenz würde es für ihn ein Leichtes sein, in einem renommierten Unternehmen eine gutbezahlte Position zu finden, womöglich sogar in Hamburg. Sie würden jeden Morgen gemeinsam aufstehen und frühstücken können, die Küche von Kaffeeduft und Radioklang erfüllt, Tobias hinter ausgespannter Zeitung, Klara beschäftigt mit Notizen für den Tag. An den Abenden hätten sie die Möglichkeit, etwas zusammen zu unternehmen, vielleicht Kino oder Theater, oder sie würden einfach nur den Abend auf der Couch bei einem Glas Wein ausklingen lassen. Nach wie vor könnten sie genügend Freiräume für sich haben. Klara würde weiterhin alleine zum Yoga gehen oder Freundinnen treffen, Tobias möglicherweise einen langen Abend im Büro einlegen oder sich ein Hobby suchen. Vorbei wäre wohl die Beklemmung, die sich stets am Sonntagabend bei ihr einstellte in Aussicht auf die anstehende Woche als Strohwitwe, vorbei womöglich auch ihre unterwöchige Rastlosigkeit, wenn sie alltäglich in die leere Wohnung zurückkehrte und nur auf den Widerhall ihrer eigenen Schritte traf. Doch war nicht Tobias gerade drauf und dran seine Karriere erfolgreich fortzusetzen und eine Abkehr des eingeschlagenen Weges unwahrscheinlicher denn je? Sie stellte sich vor, Tobias würde erfolgreich zum Partner gewählt werden. Partner, gewisse Bekannte würden ihm mehr denn je ihre Achtung zollen, manch einer mehr würde ihn beneiden. Dieser Aufstieg würde ihn noch stärker beruflich fordern. Auf seine Tagesordnung kämen Treffen der Partnerschaft, Kontaktpflege mit Wirtschaftsvertretern und Verbänden. Klara würde ihn vielleicht zu Abendveranstaltungen quer durch die Bundesrepublik begleiten. Bisweilen würde sie an den Unterhaltungsprogrammen für die fast ausnahmslos weiblichen Ehegatten teilnehmen müssen. Womöglich hätte sie Gelegenheit, neue, interessante Kontakte zu knüpfen, mit wichtigen Menschen. Wäre es nicht dann an der Zeit, eine Familie zu gründen? Tobias wünschte sich schon seit längerem ein Kind. Vermehrt hatte er in den letzten Monaten diesen Wunsch geäußert und sie hatte ihn dann stets auf später vertröstet, später dann, wenn die anhaltende Fernbeziehung endlich ein Ende hätte. Mit betretenem Schweigen hatten diese Gespräche geendet. Nun schien das Ende ihres bisherigen Lebensstils wieder in weite Ferne zu rücken. Wenn schon Tobias weiterhin auf Reisen sein würde, so wäre sie selbst zumindest nicht mehr so einsam mit einem Kind. Dumm nur, durchfuhr es Klara, dass sie, aus welchem Grund auch immer, gar keinen innigen Kinderwunsch in sich verspürte. Erneut horchte sie in sich hinein. Da war nicht dieses Entzücken für diese kleinen unbeholfenen Geschöpfe, nicht im Gedanken, nicht wenn sie Säuglinge oder Kleinkinder von Freunden auf den Arm nahm, nicht wenn sie mit ihnen spielte. Sie hatte nichts gegen Kinder. Sie verbrachte gerne einen Nachmittag spielend mit ihnen. Ungeachtet dessen war der Wunsch nach einem Kind nicht in ihr erwachsen. Es gab da doch noch so viele Dinge im Leben zu entdecken. Wahrlich konnte ein Kind auch nicht der Ausweg aus der Kälte des Alleinseins sein. Außerdem würde sie lediglich ihr Alleinsein gegen die Rolle einer meist alleinerziehenden Mutter eintauschen. Die Vorstellung, Kind und Beruf auf sich alleine gestellt in Einklang bringen zu müssen, löste Unbehagen in ihr aus, auch der Gedanke, ihre Selbständigkeit durch Aufgabe des Berufs zumindest temporär zu verlieren. Schlummernde Vorwürfe gegenüber Tobias erwachten zu neuem Leben. Sie verspürte einen bitteren Geschmack auf der Zunge und schluckte. Er hatte doch nur seine Karriere im Kopf, er war viel traditioneller in seinen Familienvorstellungen als sie es für möglich gehalten hatte.
Eines Nachmittags, sie waren schon eine Weile schweigsam entlang des pudrig weißen Strandes spaziert, mit dem Ziel, die gesamte Länge der Halbinsel abzuwandern, fragte Klara geradezu beiläufig. Wie lange eigentlich willst du diesen Job noch machen?Ich bin eigentlich immer davon ausgegangen, fuhr sie fort, ohne ihren Blick von dem feinen, nass glänzenden Sand vor ihren Füßen abzuwenden, dass du diese anstrengende Tätigkeit nur wenige Jahre auf dich nehmen wirst, um damit eine gute Referenz und ein Karrieresprungbrett zu haben. Nun sind es bereits an die sieben Jahre. Einen Moment lang hielt sie inne.Da Tobias seinen Weg ungerührt fortsetzte, fuhr sie fort. Willst du denn nun, falls du Partner wirst, wirklich dort noch weiter bleiben? Oder wäre das nicht der richtige Zeitpunkt, sagen wir mal in einem Jahr, um etwas Neues anzugehen? Etwas, was möglicherweise auch mit weniger Reisetätigkeit verbunden ist? Nach dem Studium dachte ich auch, dass nach zwei, drei Jahren Schluss sein wird, lenkte Tobias ein, ohne sein Schritttempo zu ändern. Er ging dazu über in einem sachlichen Ton zu erläutern, wie gut ihm jedoch seine Tätigkeit gefalle, die permanenten Kontakte zu vielen hochrangigen Wirtschaftslenkern, die Chance, direkt an den obersten Beschlüssen mitzuwirken, ja diese geradezu fast selbst herbeizuführen, die Möglichkeit in den Entscheidungszentren unterschiedlicher Unternehmen und Branchen ein- und auszugehen. Welche Tätigkeit sollte ihm etwas Vergleichbares in seinem Alter bieten können? Kurzum, resümierte er, wobei er stehen blieb und Klaras Blick suchte, ich will weitermachen. Natürlich weiß man nie, wie lange es gut geht. Bekanntlich wird die Luft dünner nach oben und wenn etwas schief geht, kann das schnell das Aus bedeuten. Ich sehe aber derzeit wirklich keine Veranlassung, mich nach etwas Anderem umzusehen. Die Dinge laufen gut, sogar sehr gut, fügte er mit Genugtuung hinzu. Klara war neben ihm stehen geblieben und schwieg. Ihre Lippen hatten sich zu einem dünnen Strich geformt, ihre Stirn lag in Falten. Nun, ich weiß, räumte Tobias ein und legte Klara einen Arm auf die Schulter, du bist nicht besonders glücklich mit unseren Lebensumständen. Die letzten Wochen waren wohl besonders hart, mit dem Umzug und Wohnungseinrichtung, alles nebenbei und meist ohne mein Dazutun. Ich weiß nicht, wie du das siehst, aber aus meiner Sicht sind wir ein ganzen Stück vorangekommen. Ja schon, pflichtete Klara ihm zaghaft bei und machte sich daran ohne Aufzublicken ihren Rossschwanz zu richten. Tobias zog seinen Arm zurück. Es war wirklich viel geschafft. Sie hatten jetzt eine komfortable und schöne Wohnung, auch die Lage war super, Cafes, Restaurants und Geschäfte alles fußläufig, bekräftigte sie. Ausgehen auf einen Sprung, kein Problem. Nichtsdestotrotz, ich würde mir wünschen, nicht immer die ganze Woche ohne dich verbringen zu müssen. Es wäre schön, wenn sich nicht immer unser gesamtes Leben auf das Wochenende konzentrieren müsste. Es geht ja nicht darum ständig etwas zu unternehmen, allein ein gemeinsamer Abend gemütlich auf der Couch wäre schön und das Gefühl nicht jeden Abend in eine leere Wohnung heim zu kehren. Es ist ja nicht so, dass ich mich langweile ohne dich. Klar, ich mache Sport, treffe Freunde und mache alle Besorgungen und den Haushalt, damit wir möglichst viel freie Zeit am Wochenende haben. Aber dir machen diese Dinge doch auch Spaß, wandte Tobias ein, sein Blick fragend auf sie gerichtet. Ja schon, entgegnete Klara, ihre Augen wanderten weg von ihm Richtung türkisblaues Meer. Wie sollte sie ihm nur ihre innere Unruhe verständlich machen, an der sie zunehmend litt, die sie quälende Rastlosigkeit, die mit den Jahren des Alleinseins gewachsen war und immer stärker an ihren Kräften zerrte. Hinzu kommt, fuhr sie fort und mied dabei weiterhin Blickkontakt, obschon man durch ihrer beider Sonnenbrillen nur begrenzt in den Augen des anderen lesen konnte, dass aus meiner Sicht die Wochenenden ziemlich eintönig geworden sind. Klar, du musst dein Schlafdefizit aus der Woche nachholen, aber ich würde gerne einmal wieder etwas anders unternehmen, als lediglich Spaziergänge und Fernsehabende.Klaralein, nun übertreibst du aber wirklich!
