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Nichts ist wie es war. Eine Katastrophe stellt einen Menschen vor scheinbar unlösbaren Problemen. Es beginnt der Kampf um das Überleben. Viele kleine Zufälle ermöglichen aus der Verzweiflung ein Leben wie im Paradies zu führen
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Seitenzahl: 505
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Wolfgang Cremer
Eine Insel in 650m Höhe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Katastrophe
Die Straße
Die erste Enttäuschung
Der LKW
Die zweite Enttäuschung
Das Paradies
Die Jagdhütte
Die Erkundung
Die Wiederkehr
Die Fallgrube
Entenhausen
Bestandsaufnahme
Der erste Hase
Der Supermarkt
Der erste Winter
Die Krankheit
Die Ernte bestellen
Die Notrufflagge
Die Quelle
Das Ende der Einsamkeit
Ein Lebensrückblick
Neue Erkundung
Ein Schiff ?
Verteidigung
Die Natur schlägt zurück
Impressum neobooks
Den dritten Tag war ich nun unterwegs. Alleine mit einem riesigem Rucksack in den scheinbar endlosen Weiten der belgischen Wälder. Ausspannen, den Kopf frei machen und den alltäglichen Sorgen und Nöten einfach entfliehen. Keinerlei Stress haben. Gehen solange ich wollte, bleiben wo ich wollte. Kein Radio, kein Handy, kein PC und kein Fernseher. Natur pur. So hatte ich mir das vorgestellt. Gut den PDA hatte ich mit ausreichender Batteriekapazität doch mitgenommen. Aber nur wegen der Navigation über GPS. Der Rucksack war natürlich auch entschieden zu schwer geworden. Mini Zelt, Schlafsack und Isomatte waren zwar großvolumig aber die Lebensmittel machten das Gewicht aus. Es tröstete jedoch die Vorstellung, dass es ja jeden Tag etwas leichter wurde.
Ich ging nicht schnell, eher schon fast langsam und bedächtig. Meistens auf Tierpfaden, machte viele Pausen und genoss die Einsamkeit und die Natur in vollen Zügen. Ich legte mich auf den weichen Boden und lauschte den Stimmen des Waldes. Nie war es mir so bewusst gewesen wie laut der Wald im Grunde ist. Vogelgesang und warnende Schreie die mich als Eindringling verrieten, das Rauschen des Windes in den Bäumen. Laute, die man ansonsten nicht wahrnimmt, weil irgendeiner immer irgendetwas zu erzählen hat. Hatte ich keine Lust mehr weiterzugehen, suchte ich mir eine trockene und geschützte Stelle und begann mein Lager aufzubauen. Natürlich war das schnell geschehen. Den Boden etwas säubern mit Farn auslegen und das kleine Zelt war in wenigen Minuten errichtet. Im Grunde genommen gehörte jetzt ein kleines Lagerfeuer dazu um die Romantik zu komplettieren, aber das traute ich mich dann doch nicht. Ein kleiner Kocher mit Gaskartusche heizte das bisschen Wasser schnell auf und die Suppe aus der Tüte sowie eine kleingeschnittene Cabanossi wurden zu einem leckeren Mahl in der Wildnis zubereitet.
Ich ging früh schlafen, meist mit Einbruch der Dämmerung. Hier im Wald waren alle Schlafstörungen wie weggeblasen. Das mochte an der ständigen frischen Luft liegen oder auch mit Sicherheit an der ganztägigen Bewegung. Die Bewegung schien mir sowieso sehr gut zu tun. Bis auf den Muskelkater in den Schultern der vom schweren Rucksack sein mochte hatte ich keine Probleme bisher. Einen Wecker brauchte ich nicht. Geweckt von den unzähligen Vogellauten und den Sonnenstrahlen die sich einen Weg durch die Bäume brachen und mein kleines Zelt sehr schnell aufheizten. Das war mein Wecker. Ich genoss diesen Augenblick des Wachwerdens und der Gewissheit einen weiteren Tag ohne Termine und Verpflichtungen in der Natur verbringen zu dürfen.
Ich versuchte immer den Lagerplatz in der Nähe eines Rinnsals zu wählen. Das hatte vielfältige Vorteile. Es erleichterte die morgendliche Toilette sehr, Wasser für Abendbrot und zum Füllen der Tagesration Trinkwasser konnte frisch aufgenommen werden und nichts auf der Welt war beruhigender zu Einschlafen als das leise Plätschern von Wasser in einem noch so kleinen Graben. Glücklicherweise waren meine Sorgen um Mücken und Zecken bisher vergeblich geblieben. Unbeschadet hatte ich bisher meine kleine Wanderung, mein kleines Abenteuer überstanden. Das Frühstück bestand aus einem löslichen Kaffee, etwas Schüttelbrot und der zweiten Cabanossi. Das sollte erst mal reichen um den Tag zu beginnen. Es war wunderschön in den warmen Sonnenstrahlen die das Frühjahr jetzt mitbrachten. Gerade wollte ich beginnen mein Lager abzubrechen, da drangen einige Geräusche zu mir die nicht vom leichten Wind stammen konnten. Drei nein vier Rehe kamen durchs Unterholz auf die Kleine von Sonnenstrahlen überflutete Lichtung und nahmen ganz vorsichtig Witterung auf. Das noch von leichtem Tau der Nacht befeuchtete Gras stellte sicherlich einen Leckerbissen dar. Es war ein herrliches Bild, diesen eleganten Tieren beim Frühstück zuzusehen. Es mochte fast eine Stunde vergangen sein, bis sich das kleine Rudel wieder zur anderen Seite in den Wald entfernte. Dies war dann auch für mich das Zeichen zum Abbruch des Lagers. Reste wurden vergraben und der inzwischen gut gelüftete Schlafsack zusammengerollt. Es wunderte mich immer wie viele kleine Schmutzpartikel mit ins Zelt gebracht wurden. Gründlich schüttelte ich es aus und faltete es genau nach Vorgabe zusammen um es zusammen mit der Isomatte an den übergroßen Rucksack zu binden. Ja, ich war spät dran heute, sehr spät sogar. Aber es war ja auch vollkommen unerheblich. Keine Zeitvorgabe für das nächste Nachtlager und das Schauspiel das mir die Rehe geboten hatten war die verlorene Zeit allemal wert. So begann ich also meinen neuen Tagesmarsch erst gegen 11°°Uhr und schritt dennoch gemütlich und mit bester Laune entlang der von mir zu Hause festgelegten Route. Das Wandern nach GPS verbrauchte erfreulicherweise weniger Strom als gedacht. Das war darin begründet, dass ich immer nur kurz die Richtung überprüfte und dann das Display wieder abschaltete.
Das Wetter änderte sich. Bewölkung zog auf und der Wind frischte zunehmend aus Westen auf. Es mochte zwar erst gegen 15°°Uhr sein, aber dennoch beschloss ich eine sich bietende Lagermöglichkeit nicht verstreichen zu lassen. Zwei Rehe brachen aus einem dichten Wald mit Jungfichten heraus und stürmten mit höchster Eile davon. Ein Kaninchen raste in eine andere Richtung. Aber ich konnte nicht ausmachen was die Tiere so aufgeschreckt hatte. Dennoch irgendetwas war seltsam. Ich wusste nur nicht was. Es hatte sich etwas gravierend verändert in den letzten Minuten, aber was. Ich horche in den Wald hinein. Nichts. Das war es, genau das war es, es war nichts. Völlige Stille. Mein Atem stockte, nicht ein einziger Vogel war zu hören, nicht ein einziges Blatt am Baum bewegte sich. Es war Still. Einfach nur still. Total unnatürlich und beängstigend zugleich. Ich versuchte mich abzulenken und dachte über meinen Tag nach.
Nachdem ich fast zwei Stunden durch offenes Venn gewandert war, befand ich mich seit einiger Zeit wieder in einem nicht allzu dichten Mischwald aus Fichten und Laubbäumen. Der Boden fühlte sich ungewöhnlich weich und federnd an und ich blieb einen Augenblick stehen. Nein, ich war nicht sonderlich erschöpft und durchgeschwitzt, aber seit einigen Minuten zeigte sich ein leichter Schwindel. Kaum wahrnehmbar eine leichte Schaukelbewegung meines Umfeldes. In ca. 100m halbrechts bemerkte ich einen kleinen Felsen der sicherlich einen guten Schutz vor dem aus Westen kommenden Wetter sein könnte. Ich setzte mich auf einen Baumstumpf um den Schwindel abklingen zu lassen. Komischerweise wurde es nicht besser sondern mehr. Ich fixierte einen Urlaubsjet der ruhig seine Bahn in Richtung Süden zog und war sehr verwundert. Das Flugzeug blieb stabil in meinem Blick.
Jäh wurde ich aus meinen Gedanken gerissen als ein unbeschreibliches Getöse losbrach. Es schienen 1000 Panzer über den Boden zu rollen und das tiefe dumpfe Rollen wurde zum lauten Gebrüll. Gleichzeitig wurde die Landschaft um mich herum aus den Fugen gezerrt. Erst jetzt begriff ich, dass es ein Erdbeben ein musste. Und scheinbar kein kleines. Voller Panik versuchte ich in Richtung des kleinen Felsens zu gelangen. Immer wieder verlor ich das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Der Felsen wollte einfach nicht näherkommen. Verzweifelt versuchte ich auf allen vieren meine Lage zu stabilisieren. Ich blieb im Unterholz hängen, richtete mich mit großem Kraftaufwand auf und versuchte nur das Gleichgewicht zu halten. Mein Gott, so etwas hatte ich noch nicht erlebt. Die ganze Umgebung befand sind Bewegung. Der Boden mitsamt den Bäumen bewegte sich wie Wellen auf dem Meer. Unter lautem Bersten brachen Bäume, die Erde hob sich und riss donnernd auf kam in fast 2m zum Halt. An anderer Stelle riss die Erde zu Gräben auf.
Der Felsen, ich musste unbedingt zu dem Felsen hin. Er bot den einzigen Schutz um nicht von Ästen oder Bäumen erschlagen zu werden. Verzweifelt versuchte ich die lähmende Angst zu überwinden. Langsam, unendlich langsam nährte ich der Stelle die mein Leben retten konnte. Luftnot überkam mich und ein Stechen in der Herzgegend mahnte zur Vorsicht. Doch es ging nicht, keine Zeit auch nur darüber nachzudenken. Der Felsen, da musste ich hin. Nichts war mehr gerade und standfest. Alles schien sich zu bewegen, alles versuchte mich daran zu hindern mein Ziel, den sicheren Felsen zu erreichen. Wieder hatte ich mich im Unterholz verfangen, bekam meine Füße, meine Beine nicht frei und stürzte erneut zu Boden. Dornen rissen mein Gesicht auf, meine Hände umklammerten einen Baumstamm der sich plötzlich wie von einer Maschine gezogen entfernte. Ich hielt fest, mein Körper wurde hochgehoben und mit einem Überschlag wieder zu Boden geworfen. Stechender Schmerz durchzog meinen Rücken. Ich drehte mich durch Dornengestrüpp und nahm den rettenden Felsen in vielleicht noch 20m wahr. 20m die nahezu unerreichbar waren. War dieser Fels überhaupt die Rettung?
Er bewegte sich, nein er tanzte regelrecht in langsamen Bewegungen. Erneut krachte es fürchterlich und ein Baum schlug kurz neben mir ein. Die Zweige streiften mich, verletzten mich glücklicherweise aber nicht. Der Fels, zumindest davor konnte er mich schützen. Also auf und weiter. Es ging nicht, Zweige und Dornen hielten mich fest. Ich schrie vor Verzweiflung und wurde augenblicklich durch einen Erdstoß regelrecht aus meiner Situation befreit. Jedoch nur für einen winzigen Augenblick. Immer wieder stand ich auf und wurde durch diese unglaublichen Bewegungen der Erde um mein Gleichgewicht gebracht. Ich konnte nicht einmal stehen, geschweige gehen. Panik überkam mich erneut. Den rettenden Felsen vor Augen ein erneutes grauenvolles Krachen und Splittern hinter mir. Ich warf den Kopf zurück und erstarrte als ich den riesigen Baum sah der genau in meine Richtung zu falle schien. „Zur Seite“ schrie ich mich selbst an und schaffte in meiner Verzweiflung vielleicht gerade einmal einen einzigen Meter. Ich versuchte den Kopf zu drehen als ich plötzlich einen gewaltigen Schlag an Oberkörper und Kopf spürte. Das Ende.
Ich fiel und fiel, immer tiefer in einen Trichter der voller Steine war und in dem sich eine Walze mit hunderten Armen befand die sich sehr schnell drehte um die Steine zu zerschlagen. Warum hatte ich nicht aufgepasst. Keine Ahnung wie ich da hineinfallen konnte. Immer neue Schläge prasselten auf mich ein. Ich musste da raus sonst erschlug mich diese Maschine. Ich schrie um Hilfe, vergeblich. Mit aller Gewalt versuchte ich den Schlägen zu entkommen. Aber es wurde immer schlimmer. Jemand hatte nun auch noch irgendwo das Wasser aufgedreht. Mein Gott, warum schaute denn keiner von diesen Idioten einmal in dieses Mahlwerk, warum hörte mich denn keiner. Mein Kräfte wurden weniger und meine Verzweiflung wisch einer Gleichgültigkeit. Bald würden die Schmerzen vorbei sein, bald würde ich Ruhe und Frieden finden.
Das furchtbarste Grollen das ich je gehörte hatte. Ich lebte und befand mich unter einem unglaublich großen Baum. Bersten und Krachen. Neue Bäume brachen und fielen auf den Baum. Er hatte mich zwar unter sich begraben, aber nun schützte er mich vor den anderen Angreifern. Ich bekam kaum Luft und versuchte mich zu bewegen. Die Erde bebte noch immer. Wie lange war ich ohne Besinnung gewesen. Steine durchschlugen die schützenden Zweige und ich begriff das dies von dem Felsen sein musste den ich als Rettung gesehen hatte. Es hatte den Eindruck wie in einem Lift. Als Jugendlicher durfte ich einmal in eine Zeche einfahren. 800m tief in Zeche „Anna 2“. Diese Fahrt in dem Fahrkorb hatte ich gut in Erinnerung. und jetzt fühlte es sich genauso an. Ich fiel immer tiefer. Nein das konnte nicht sein, durch eine lichte Stelle konnte ich durch den Baum hinaussehen und sah in den Wald, gute 300m weit bestimmt, eher weiter. Wieder ein Schlag gegen meinen Kopf. Erneut verlor ich mein Bewusstsein.
Diesmal befand ich mich auf dem offenen Meer. Um mich herum tosende Wassermassen die mich unter lautem Gebrüll hin und her warfen. Gierig sog ich die Luft ein, jedoch immer wieder musste ich Wasser mit aufnehmen und mich verschlucken. Verzweifelt versuchte ich immer auf dem Wellenkamm Luft zu holen. Das gelang auch, nur ging es dann so rasant abwärts, das ich die Luft wieder auspresste und mit offenem Mund in das Wellental hinein raste. Immer und immer wieder das gleiche. Ich erbrach und erwachte.
Es hatte sich nichts geändert. Wie lange mochte ich dieses Mal ohne Besinnung gewesen sein. Immer noch bebte die Erde, immer noch stürmte und regnete es in Strömen, immer noch das Gebrüll von 1000 Panzern, immer noch im freien Fall nach unten. Ein erneutes Bersten, ein anderer Baum war auf den schon auf mir liegenden Baum gestürzt und mein Gesicht wurde durch den Aufprall in eine recht große Pfütze gedrückt. Nur wenige Sekunden, aber das reichte um mich in Panik zu versetzen und ich erbrach erneut. Wieder verlor ich das Bewusstsein.
Als ich die Augen öffnete benötigte ich erst eine Weile um mich zu orientieren und mich an meine Lage zu erinnern. Daran hatte sich nichts geändert, wohl aber alles andere. Die Erde bewegte sich zwar noch ein wenig, aber kaum spürbar. Es war ruhig, kein Sturm, kein Bersten von Bäumen aber es war dunkel. Es war Nacht. Also war ich mehrere Stunden ohne Bewusstsein gewesen. Ich versuchte zunächst alle Gliedmaßen zu bewegen. Alles tat weh, besonders der rechte Fuß und der Rücken, aber es schien nichts gebrochen zu sein. Mein Kopf dröhnte wie es bei einer schlimmen Migräne sein mochte. Als ich versuchte mich unter dem riesigen Baum heraus zu bewegen stellte ich mit größter Verwunderung fest, dass es heller wurde. Es war also nicht Abend sondern früher Morgen. Der Baum hielt mich mit aller Kraft am Boden fest. Sehr mühsam konnte ich mich vom Rucksack trennen und mich durch kräftige Bewegungen in den weichen Waldboden drücken. Es war zum Heulen, nur durch minutenlanger größer Kraftanstrengung war eine Befreiung von wenigen Millimeter möglich. Ich war total erschöpft und musste oft eine Pause einlegen.
Es war schon sehr hell, ehe ich den entscheidenden Durchbruch erzielte und nun ging es wesentlich besser. Nach einer gefühlten weiteren Stunde konnte ich mich aus dem Baum befreien. Doch die Freude war nur sehr kurz, ich hatte den Rucksack unter dem Baum vergessen. Den brauchte ich nun dringender denn je. Mühsam krabbelte ich wieder in den Baum hinein und brauchte eine Weile bis ich das gute Stück geborgen hatte. Diese Aktionen hatten mich total verausgabt und ich wollte nur kurz ausruhen.
Als ich erwachte dämmerte es bereits. Ich nahm meine Umgebung in Augenschein und mir stockte der Atem. Jeder dritte Baum war geborsten und es war alles ein großes Trümmerfeld. Der Felsen war tatsächlich meine Rettung gewesen. Die Spitze des großen Baumes der mich nieder gestreckt hatte, lag auf dem Felsen und hatte mir so den freien Raum gelassen zu überleben. Danke Felsen.
An ein Gehen war nicht zu denken und so beschloss an der Stelle zu bleiben und mein Nachtlager aufzuschlagen. Ständig grollte die Erde noch und in unregelmäßigen Abständen spürte man auch noch Bewegungen. Ich hatte große Angst das es Beben wieder kräftiger würde. Doch alle Bäume im Umkreis von 20-30m lagen bereits am Boden und gegen plötzliches Aufreißen der Erdkruste konnte ich mich nicht wehren. Also baute ich Schmerzerfüllt mein kleines Zelt auf und schaffte es gerade noch bevor der Regen loslegte. Ich kroch in meinen Schlafsack und durchsuchte den Rucksack nach Medikamenten. Ich nahm zwei Kopfschmerztabletten und zwei Entzündungshemmer die auch schmerzlindernd sein sollten. Es war inzwischen dunkel und der Regen wurde noch stärker. Ich hatte mich entschieden mit voller Kleidung in den Schlafsack zu kriechen. Mein Fuß war würde sicherlich sehr anschwellen und noch mehr schmerzen wenn ich den Schuh ausziehen würde. Irgendwann hatte ich gelesen, dass es beim Umklinken während des Wanderns sehr wichtig sei auf keinen Fall den hohen Schuh auszuziehen. Das würde ein sofortiges Anschwellen bewirken und ein erneutes Anziehen des Schuhes unmöglich machen. Tausend Gedanken beschäftigten mich. Wie stark war das Beben wohl gewesen. Welche Schäden hatte es angerichtet und wie würde es meine Wanderung beeinflussen. Natürlich konnte ich alles vergessen was ich mir vorgenommen hatte. Ich musste so schnell wie möglich einen Ort und damit Menschen erreichen. Gnädig erlöste mich der Schlaf und meine Erschöpfung ließ mich bis zum nächsten Tag durchschlafen. Leider hatte dieser Schlaf nicht viel zu meiner Gesundheit beigetragen.
Alle Schmerzen meldeten sich sofort mit dem Aufwachen zurück und auch der Regen hatte nicht nachgelassen. Es trommelte sehr stark auf das kleine Zelt und ich war sehr erstaunt, dass es bisher dicht geblieben war. Nach mindestens einer Stunde zwang ich mich dazu mich umzudrehen den Kochtopf zu suchen und diesen durch den kleinen Eingang hinaus in den Regen zu stellen. Der Eingang war mit einem kleinen Vorbau überdacht und so konnte ich einen Blick an meine unmittelbare Umgebung richten ohne mich dem Regen auszusetzen. Das Ergebnis war recht trüb. In dem ganzen Durcheinander von Bäumen, Ästen und Sträucher hatte sich bereits ein kleines Rinnsal gebildet in dem das Wasser sich einen Weg suchte. Glücklicherweise fast 4 Meter von mir weg und noch besser etwa 1 Meter tiefer als meine Lagerstatt. Die Erde grollte immer noch aber ich hatte den Eindruck, dass es keine Bewegungen mehr gab. Hunger hatte ich keinen, nein auf keinen Fall konnte ich jetzt etwas essen. Ich hatte den Eindruck, dass die Temperatur deutlich abgenommen hatte und kuschelte mich so tief wie möglich in den Schlafsack.
Wieder war ich eingenickt und es mochte schon im Nachmittag sein als ich wieder erwachte. Ohne die Augen zu öffnen versuchte ich meinen Körper zu analysieren. Rechter Fuß schmerzt nicht mehr in Ruhestellung aber bewegen ist sinnvoll. Mein Rücken schmerzte aber anders als vorher. Ich hatte vielleicht nicht richtig den Lagerplatz begradigt und die Unebenheiten drückten sich durch die dünne Isomatte und verursachten sicher einen Teil der Probleme. Die Kopfschmerzen waren nicht weg aber wesentlich besser. Arme und Hände zeigten noch die typischen Auswirkungen eines Muskelkaters was bei der Befreiungsaktion nicht verwunderlich war. Ich öffnete das Zelt und holte den überlaufenden Kochtopf ins Zelt. Der Topf hatte schwer gelitten und zahlreiche Beulen davongetragen. Die Gaslampe war total zerstört und nicht mehr brauchbar. Ich hoffte auf den kleinen Gasbrenner und freute mich sehr, dass die Gasflamme sofort und gleichmäßig brannte.
Es gab eine sehr heiße Hühnersuppe aus Trockenbouillon die ich in langsamen Schlucken trank. Ich stellte den Topf wieder ins Freie um das Regenwasser aufzufangen. Meine Gedanken kreisen um den nächsten Tag. Bestimmt konnte ich aufstehen, aber gehen war bestimmt noch nicht möglich. Zumal es ja weit und breit keinen Weg gab und ich vielleicht stundenlang durch das Chaos dieser Naturkatastrophe klettern musste. Also das hatte keinen Zweck. Ich musste den nächsten Tag abwarten und sehen wie es ging. Ich wünschte ich hätte ein Radio gehabt um mehr über die Auswirkungen und den Sachstand erfahren zu können. Meinen PDA konnte ich vergessen. Der machte keinen Mucks mehr und somit war auch die Navigation verloren. Ich hatte bereits mehrfach versucht mich an die letzte Position zu erinnern um in etwa die Marschrichtung zum nächsten Ort bestimmen zu können. Aber vergeblich. Ich hoffte am nächsten Tag etwas Orientierung zu bekommen. Vielleicht konnte man einen Baum erklimmen oder kam auf einer Anhöhe die eine Orientierungshilfe sein konnte. Der Tag ging zu Ende und ich genehmigte mir eine weitere Hühnersuppe. Der Regen schien etwas nachzulassen und dafür frischte der Wind auf. Ich fiel in einen unruhigen und sicher auch nicht erholsamen Schlaf der von Träumen geplagt war an die ich mich aber nicht erinnern konnte. Ich wachte auf weil sich mein Körper meldete und eine Erleichterung forderte. Ich öffnete das Zelt und schob den mit Wasser gefüllten Topf vorsichtig auf Seite.
Ich sah wenige Meter entfernt einen schmalen Ast der vielleicht 3 cm Durchmesser und eine Länge von gut 2 Meter hatte. Vorsichtig humpelte ich dorthin und testete meine Errungenschaft. Nicht ideal aber trotzdem sehr gut als Hilfsstock zu verwenden. Der Regen hatte aufgehört und die noch recht schnell durchziehenden Wolken wurden heller und ich war überzeugt, dass sich die Wolkendecke noch heute teilen würde und freute mich auf die wärmende Sonne. Erst jetzt fiel mir auf das dieses dunkle gefährliche Grummeln der Erde nicht mehr zu hören war und ich hatte auch seit gestern keine Bewegungen mehr wahrgenommen. Sollte diese Laune der Natur wirklich vorbei sein und die Erde wieder friedlich den Menschen beherbergen. Ich musste an die unzähligen Tiere denken die in unvorstellbarer Panik durch den Wald gehetzt sein mussten auf der Suche nach Sicherheit. Wie viele hatten das wohl nicht überlebt. Mein Lebensretter, der kleine Felsen, war nicht besonders hoch, aber ich hatte ein unglaubliches Verlangen hochzusteigen und von dieser erhöhten Position meine Umgebung zu betrachten. Es ging besser als gedacht und mein Fuß fügte sich in diesen ersten Belastungstest.
Das Besteigen dieses kleinen Steines erfolgte mehr auf allen vieren und bereitete mir doch einige Schwierigkeiten. Doch dann stand ich oben und blinkte enttäuscht in die Runde. Aber was hatte ich denn erwartet? Einen Ort in Rufnähe, einen Sanitäter der mich sofort entdeckte und mich auf starken Händen in den geländegängigen Krankenwagen legte. Stattdessen auf einer Halbseite ca. 1000m Sicht auf Chaos und auf der anderen Halbseite schien der dortige Laubwald in vielleicht 500m nahezu unbeschädigt zu sein. Unter normalen Umständen in wenigen Minuten zu erreichen. Zurzeit für mich nahezu unerreichbar. Dieses Trümmerfeld der Natur erforderte zumindest Standsicherheit auf beiden Füßen wenn ich nicht wieder stürzen wollte. Und das wollte ich nun wirklich nicht. Mühsam begab ich mich wieder zum Zelt und bereitete mir eine kleine Mahlzeit. Von Zeit zu Zeit durchbrach die Frühjahrssonne die Wolken und spendete wollige Wärme. Ich öffnete die Wanderschuhe und betrachtete meinen verletzten Fuß mit einigem Staunen. Sehr farbenfroh reagierte er auf jeden Druck und zeigte mir durch einen stechenden Schmerz die mangelnde Wanderbereitschaft an. Ich zog mich ganz aus und humpelte zum Rinnsal um mich gründlich zu waschen. Das Wasser war sehr kalt und natürlich schien jetzt nicht die Sonne sondern die Wolkendecke war geschlossen. Regelrecht durchgefroren zog ich mich wieder an und versuchte Schlafsack und Zelt einigermaßen zu reinigen. Es hatte keinen Zweck jetzt voreilig zu handeln. Zunächst musste ich zumindest schmerzfrei auftreten können und dann würde sich alles andere ergeben. Ab und an schaute ich hinauf zu den Wolken als würde die Rettung aus der Luft erfolgen. Ganz so abwegig erschien mir das nicht, warum sollte nicht ein Team in einem Hubschrauber oder in einem kleinen Sportflugzeug unterwegs sein um die Gegend zu inspizieren.
Schließlich mussten ja nach einer Katastrophe die Schäden ermittelt und gewertet werden. Vielleicht war man in den Orten oder Städten aber auch so sehr mit den eigenen Problemen beschäftigt und noch dachte kein Mensch an die Schäden die ein Erdbeben in einem fast Menschenlehren Naturpark angerichtet haben könnten. Vielleicht war aber das Beben auch nur hier lokal aufgetreten und schon wenige Kilometer seitwärts kaum noch zu spüren gewesen. Ich konnte mir die Frage nicht beantworten und bereitete mich auf die kommende Nacht vor. Doch noch lange lag ich wach und überlegte welche der Versionen wohl zutreffend war und wie die Chancen sein könnten, dass mich hier jemand findet.
Ich hatte gut geschlafen und wachte nahezu ohne Kopfschmerzen auf. Die Sonne schien auf meine kleine Unterkunft und ich genoss die Wärme die sich schnell in dem Zelt bemerkbar machte. Die Vögel sangen bereits wieder ihre unendliches Lieder und es war als wäre nichts geschehen. Ich schälte mich aus dem Schlafsack und öffnete den Eingang. Es war nicht mehr so früh denn die Sonne stand bereits weit am Himmel. Ich versuchte aufzutreten und der Schmerz kam sofort. So ging es also nicht. Nun zog ich den Wanderschuh an und versuchte es noch mal. Ganz vorsichtig erhöhte ich den Druck in dem ich das Gewicht verlagerte. Erheblich besser als gedacht funktionierte das und ein Glücksgefühl durchströmte mich. Nun konnte ich es kaum noch abwarten. Die morgendliche Toilette an dem schon merklich kleineren Rinnsal und ein karges Frühstück wurden schnell erledigt. Ich hatte es plötzlich sehr eilig und verstaute alles an meinen an einigen Stellen doch stark angeschlagenen Rucksack. Mit dem Stock als wertvolle Stütze verabschiedete ich mich still aber mit dankbarem Blick von meinen felsigen Lebensretter. Der Blick auf das Ziel, den Laubwald in rund 500 Meter gerichtet ging ich vorsichtig los. Mit dem schweren Rucksack war diese Strecke eine wirkliche Tortur. Immer wieder musste ich um gestürzte Bäume herumklettern und ständig war etwas im Weg. Mein Körper meldete sehr oft Ruhezeiten an die ich ihm auch gab. Ich hatte nur das Ziel den Laubwald vor Anbruch der Dämmerung zu erreichen und diese Etappe war nicht einfach. Doch es gelang. Es mochte schon später Nachmittag sein als ich den Laubwald erreichte. Man konnte weit hineinsehen und so stellte ich fest, dass hier erheblich weniger Schäden waren und der Boden recht frei von Gewächsen und Unterholz. Hier beendete ich den ersten Tag, denn ich wollte unter keinen Umständen meinen Fuß überlasten. Er hatte mich zwar widerwillig und mit ganz ordentlichen Stichen bis hierher gebracht, aber ich wusste nicht wie weit er noch in den nächsten Tagen gequält werden würde. Also suchte ich mir einen weichen mit Moos bedeckten Platz aus und richtete mein Lager ein. Entspannt und beruhigt durch diesen Erfolgreichen Tag bereitete ich mein Abendessen und legte mich dann sofort ins Zelt. Ich wollte den nächsten Tag ausgeruht und möglichst fit sein.
Nach einer ruhigen Nacht wachte ich wirklich ausgeruht am nächsten Morgen auf. Die Kopfschmerzen waren endgültig verschwunden und die gestrige Strapaze hatte meinem Fuß glücklicherweise weniger zugesetzt als ich befürchtet hatte. Es war stark bewölkt aber zumindest trocken. Da ich nicht wusste, wie lange ich noch unterwegs war und was mich in den nächsten Tagen alles erwartete, schränkte ich meinen Lebensmittelverbrauch etwas ein. Zwei Müsliriegel mussten erste einmal ausreichen. Ich baute mein Lager ab und verstaute alles im und am Rucksack. Irgendwie erschien er mir schon immer schwerer statt leichter und ich hatte auch einige Druckstellen bemerkt. Nach einer halben Stunde einstellen und neu probieren hatte ich dann wohl eine Haltestellung gefunden mit der ich glaubte die nächste Zeit überstehen zu können. Und so startete ich meinen Weg auf die Suche nach dem nächsten Ort bzw. einfach nach dem nächsten Menschen. Diese völlige Ungewissheit über die Auswirkungen des Bebens war anfangs sehr beklemmend gewesen. Nun aber wo ich den relativ gut erhaltenden Laubwald vor mir hatte und die Tier- und Pflanzenwelt wieder ein scheinbar ganz normales Leben führten, war ich schon guter Hoffnung das ich vielleicht sogar genau in einem eng bemessenen Zentrum gewesen sei. Natürlich die Vulkaneifel war ja nicht weit weg und ich konnte mich gut erinnern, dass es immer wieder geheißen hatte, dass es an irgendeiner Stelle jederzeit zu einer Verwerfung kommen könne. Nun, diese Stelle war vielleicht genau da gewesen und hatte mich voll erwischt. Ich konnte schon die erstaunten Gesichter der Leute sehen, wenn ich sie nach den Auswirkungen des Bebens fragte und sie erstaunt nachfragten: „welches Beben denn“.
Man würde denken, dass jemand der Mutterseelen alleine mit einem riesigen Rucksack aus dem Wald kommt und sicherlich nicht gerade frisch und gepflegt aussieht schon einen an der Klatsche haben sollte. Aber ein Beben. Das musste schon ein größerer Dachschaden sein. Ich würde lächeln, mir ein kleines Hotel suchen mich mit einem umfangreichen warmen Essen auf mein Zimmer zurückziehen und in einer gut beheizten Badewanne die nächsten Stunden verbringen. Vielleicht heute Abend schon, also Abmarsch. Der weiträumige Laubwald war erwartungsgemäß sehr schnell durchquert und wurde zunächst von einem Mischwald und dann von dem typischen Nadelwald abgelöst. Ich kam sehr viel langsamer voran als gedacht. Immer neue Verwerfungen lagen auf meiner Route. Mal eine schmale Spalte von 1-2 Meter Breite die aber schätzungsweise 10 oder 15 Meter tief war und mich zwang, solange an deren Rand vorbei zu gehen bis ich eine Stelle fand, die entweder so schmal war das ich überspringen konnte oder aber so in der Gestaltung das sie flacher an den Rändern war und dafür viel breiter so dass man hier hinunterklettern und an der anderen Seite wieder hochkam. Umgekehrt gab es aber auch Verwerfungen an denen der Boden mehr als 3 Meter fast senkrecht nach oben gehoben worden war und auch hier blieb nichts anderes übrig als in eine Richtung so lange zu gehen bis die Steigung überwunden werden konnte. Ich versuchte mich an der Sonne zu orientieren um zumindest halbwegs eine Gerade zu gehen. Es wäre eine Katastrophe wenn ich unbeabsichtigt einen weiten Kreis gehen würde und mich dann völlig erschöpft nach Tagen an der Ausgangsstelle wiederfände. Das durfte keinesfalls geschehen und so achtete ich sehr auf meine Richtung.
Und dann stand ich plötzlich vor einer geteerten und für zwei nebeneinander fahrende Autos ausgebaute Straße. Total überrascht hielt ich inne und konnte es noch nicht glauben. Wie aus dem Nichts, aber wie hätte sich die Straße auch ankündigen sollen. Klar, im normalen Leben konnte man die vorbeifahrenden Fahrzeuge schon mehrere hundert Meter vorher hören. Völlig erschöpft sank ich auf die Knie und schnallte den Rucksack ab. War das die Rettung? Brauchte ich jetzt nur noch auf ein vorbeifahrendes Auto warten um mich in die nächste Stadt fahren zu lassen? Doch diese Hoffnung wurde sehr schnell zunichte gemacht. Zwar hatte die Straße dem Beben etwas mehr Widerstand geleistet, aber nach rechts war der erste Bodenspalt bereits in etwa 40m sichtbar und auf der linken Seite eine größere Verwerfung von etwa eineinhalb Meter Höhe in vielleicht 200m auszumachen. Auf dieser Straße würde in der nächsten Zeit mit großer Sicherheit kein Auto, kein Motorrad und kein Fahrrad mehr fahren. Also konnte man nicht von Rettung oder Entwarnung reden sondern die Straße war für mich lediglich eine Richtungsvorgabe. Man konnte statt orientierungslos durch den dichten Wald zu irren eine der beiden Richtungen einschlagen und brauchte nur noch dieser Straße folgen um zu einem bewohnten Ort zu kommen. Die Straße kam von einem Ort und führte auch wieder zu einem Ort hin. Und wo ein Ort war, befanden sich auch Menschen und somit Hilfe und Unterstützung. Natürlich würde auch diese neue Wandermöglichkeit sicherlich nicht so einfach sein. Mit großer Sicherheit würde man eventuell große Umwege gehen müssen um bei einer Verwerfung oder einen Spalte wieder auf die Straße zurückzukommen, aber die riesengroße Gefahr des Rundlaufens im dichten Wald war zunächst gebannt und schon das war ein Grund zur Freude. Die Straße war das erste Zeichen, der erste Weg und die erste Möglichkeit gezielt auf andere Menschen zu treffen.
Ich beschloss zunächst eine Pause zu machen und überlegte in welcher Richtung ich nun weitergehen wollte. Ich hatte keinerlei Ahnung wo ich war, keine Ahnung welche die kürzere Seite sein mochte. Dabei könnte sich die kürzere natürlich auch als die mit Abstand zeitraubende Strecke sein. Nein, man konnte nicht sagen welche Seite sich schlussendlich als die günstigste erweisen würde. Von daher war es also vollkommen egal wie ich mich entscheiden würde. Dennoch konnte ich mich nicht für eine Seite entscheiden. Immer wieder starrte ich das zerklüftete und zerrissene Band der Straße mal nach rechts und mal nach linke an. Es begann mal wieder zu Regnen. Ich suchte etwas Schutz und wollte diesen Regenschauer dort relativ trocken abwarten und meinem Fuß für den nächsten Marsch noch etwas schonen.
In greifbarer Nähe lag ein Ast der meine Aufmerksamkeit erregte. Etwa 4cm im Durchmesser und nach rund eineinhalb Meter gabelte er sich für etwa 20cm nach beiden Seiten. Das könnte gerade auf einer Straße eine große Hilfe sein wenn sich dieser Ast als eine Art Stock oder Krücke nutzen ließe. Ich probierte es sofort aus. Er war etwas zu lang und ich kürzte ihn mit meinem Taschenmesser soweit, dass er mir eine gute Stütze zu sein schien. Der Regen ließ nach etwa einer Stunde nach und ich machte mich wieder reisefertig. Als ich die Straße betrat, bemerkte ich, dass das Regenwasser nach rechts ablief. Also es war sicherlich einfacher der Straße dem Gefälle nach zu folgen. Die Richtung war also vorgegeben und ich wollte gerade losgehen als mir ein Gedanke kam. Wie wenn dies nun die falsche Richtung wäre und ein Rettungs- oder Informationsteam würde von links kommen. Ich musste also eine Nachricht hinterlassen. Den Rucksack wieder ablegend schaute ich mich um und dann war es ganz einfach. Mit kleinen Ästen schrieb oder besser gesagt legte ich das Wort „HELP“ auf den geteerten Boden. Die Äste beschwerte ich mit kleinen Steinen, damit diese nicht von Wind und Regenwasser verschoben wurden. Zum Schluss legte ich noch einen Richtungspfeil in die rechte Richtung und sah mir dann mein Werk an. Es war unübersehbar und sicherlich auch von einem Tief fliegenden Hubschrauber zu sehen wenn einer diese Straße prüfend abfliegen sollte. Nun das sollte und musste genügen und zufrieden schnallte ich den Rucksack wieder um.
Gerne hätte ich etwas gegessen aber ich zwang mich zu Verzicht. Erstens konnte ich nicht wissen wie lange ich noch mit den wenigen mir jetzt noch verbleibenden Lebensmitteln auskommen musste und zum zweiten wollte ich noch einiges an Weg vor Einbruch der Dunkelheit bewältigen.
Ich nahm mir vor die Schritte zu zählen. Das lenkte von den Strapazen ab. Die Naturkrücke erwies sich bereits nach einigen Metern als sehr hilfreich und ich freute mich über meine gute Idee. Unzählige Bäume waren umgestürzt und lagen im Abstand von höchstens 200m auf der Straße. Ich glaubte festzustellen, dass die Straße von wesentlich mehr Spalten aufgerissen war als das es Aufwerfungen gab. Es setzte wieder Wind und Regen ein der meine Laune nicht gerade begünstigte. Zudem war es meines Erachtens auch wieder kälter geworden. Mehrere Dinge geschahen dann gleichzeitig. Ein Donnerschlag ließ mich erschrecken weil ich den vorangehenden Blitz nicht gesehen hatte. Die Erde vibrierte stärker als vorher, ich rutschte mit der Krücke weg und musste um einen Sturz zu vermeiden stark mit meinem verletzten Fuß auftreten der dies auch sofort mit einem stark schmerzenden Stich quittierte, es wurde dunkler und ich konnte nicht erkennen ob dies am aufziehenden Gewitter oder von der vielleicht schon beginnenden Dämmerung kam, ich sah einen kleinen Graben mit fließendem Wasser und daneben einen mächtigen Nadelbaum der in einer Höhe von 2m bestimmt eine Astlänge von 3m haben sollte.
Darunter war es trocken und bestimmt auf dem Grasboden auch schön weich. Alles das war das Signal für ein Nachtlager. Das erste an der Straße und ich war überzeugt auch das letzte. Morgen würde ich einen Ort erreichen und Menschen finden. Trotz der Kälte nutzte ich nach dem Zeltaufbau die Möglichkeit mich gründlich an dem kleinen Graben waschen zu können. Zitternd und frierend machte ich mich daran mein kleines Abendbrot vorzubereiten. Da dies wohl die letzte Mahlzeit in der Wildnis war, konnte ich auch etwas großzügiger mit den Vorräten umgehen. Es gab also nicht nur eine leckere warme Suppe sondern es wurde auch eine Wurst hineingeschnitten und dieses Mahl mit einem Tee beendend. Der Regen hatte aufgehört und inzwischen übernahm wurde aus der Dämmerung auch Nacht. Es erstaunte mich wie viele Geräusche noch zu hören waren. Immer noch zogen Tiere durch die Dunkelheit. Gewiss machte den Tieren das ständige Grummeln und leichte Zittern der Erde noch weiter Angst. Es war schon erstaunlich wie ich mich als Mensch schon daran gewöhnt hatte. Klar könnte es jederzeit wieder richtig losgehen und ein neues vielleicht noch schlimmeres Beben würde die bisherige Vernichtung fortsetzen, aber ich dachte, dass gerade dieses häufige Zittern der Erdoberfläche sich positiv auswirkte. Dadurch, dass ständige Bewegung war, konnten ja keine großen Spannungen aufgebaut werden die sich dann irgendwann schlagartig mit einem gewaltigen Ruck lösten. Daher war ich also recht zufrieden mit der Situation und hoffte nur, dass die Schäden relativ begrenzt waren und die größeren Orte und Städte vom Schlimmsten verschont geblieben waren. Ein Beben dieser Stärke in einer Großstadt wagte ich mir in den Auswirkungen überhaupt nicht vorzustellen. In diesen Gedanken versunken schlief ich ein und genoss einen tiefen ungestörten und bestimmt erholsamen Schlaf.
Als ich erwachte, überraschte mich der laute und vielfältige Gesang von hunderten Vögeln. Dabei war es noch gar nicht so hell wie ich durch die Zeltplane bemerkte. Ich bewegte meinen Fuß und war überrascht das das gehen mit der Krücke meinem Fuß wohl sehr gut bekommen war. Leider hatte dieses Abstützen mit der Armbeuge auch Nachteile. Nicht nur das die ganze Armbeuge bei Bewegung begann zu schmerzen, es zeigte sich auch, dass die Haut an zwei Stellen Abschürfungen hatten. Dieses System konnte ich so also nicht weitermachen. Ich wollte versuchen die Krücke als Wanderstab zu nutzen und notfalls sogar zu kürzen. Den zweiten Teil der Wurst aß ich kalt noch im warmen Schlafsack liegend. Heute würde mein Leidensweg zu Ende gehen und die Zivilisation würde mich in spätestens einigen Stunden wieder haben. Allein diese Vorstellung ließ meine Laune ansteigen wie schon lange nicht mehr und ganz gemütlich begann ich mit der Morgentoilette. Es war schließlich egal ob ich eine Stunde früher oder später mein Ziel erreichte. Dennoch war ich sehr erstaunt als ich das Zelt geöffnet hatte und hellen Tag erblickte.
Na klar, der riesige Baum unter dem ich mein Zelt errichtet hatte, schützte natürlich auch vor dem Tageslicht. Es war nicht nur trocken sondern die Wolkendecke war ganz weiß und es zeigten sich bereits einige kleine Lücken. Also alles super. Mit bester Laune baute ich mein Lager ab und verstaute alles in meinen Rucksack. Ich überlegte bei wie vielen Schritten ich gestern aufgehört hatte zu zählen. 5822 Schritte hatte ich gezählt. Natürlich nur auf der Straße und nicht die Umwege um Spalten, Bäume oder Aufwerfungen zu umgehen. Wenn ich nun rechnete, dass ein erwachsener Mensch etwa 70cm je Schritt bewältigt konnte ich für mich vielleicht nur etwa 50cm annehmen. Mehr hatte ich insgesamt sicher nicht erreicht wenn ich mir das so richtig überlegte. Genau genommen hatte ich dann also bei rund 6000 Schritten a. 50cm nur 3km reine Straßenstrecke abgegangen. Als Wanderer wusste ich, dass mein GPS-Signal mir immer zwischen 4-5 km je Stunde angezeigt hatte. Also keine hohe Ausbeute für die verausgabte Kraft. Aber das war nicht zu Ändern und es hatte auch keinen Zweck sich über dieses Missverhältnis zu ärgern.
Also startete ich mit einiger Verspätung meine Wanderung. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen mochte es vielleicht 10 Uhr sein. Der Zustand der Straße und des Umfeldes änderten sich nicht allzu sehr. Zwar hatte ich den Eindruck, dass die Spalten enger wurden und bei weitem auch nicht mehr so tief. Aber immer noch gab es rund alle 200-300m eine Blockade. Die enger werdenden Spalten ließen sich bei einer Breite von 1-1,3m zwar überspringen, aber das war nicht die beste Lösung für meinen Fuß. Ich nutzte zwar den gesunden für den Auftritt nach dem Sprung, aber auch das Abspringen war nicht ohne und ohne meinen Stock als Krücke hätte ich sicher ein weiteres Problem.
Ich schaute auf einen riesigen See. Das konnte doch nicht sein. Ich hätte es doch gewusst wenn es in diesem Wandergebiet einen derart großen See gegeben hätte. Mein Gott das Wasser reichte ja eventuell bis zum Horizont. Es war zu diesig um das genau zu beurteilen. Ich ging weiter bis ich mit den Schuhen am Wasser stand. Nein, das konnte doch nicht sein, Wasser soweit man sehen konnte. Nicht nur nach vorne sondern auch nach rechts und links. Das war kein See, das war ein Meer. Fassungslos bückte ich mich und tauchte meine rechte Hand ins Wasser. Es war sehr kalt und als ich mit der Zunge wenige Tropfen ableckte stockte mir der Atem. Ich schmeckte eindeutig Salzwasser. Zwar mit sehr vielen Dreckpartikel aber dennoch gab es keinen Zweifel an dieser Tatsache. Wie konnte das sein, ich musste mich doch in mindestens 600m Höhe über dem Meeresspiegel befinden. Natürlich hätte durch das Beben ein Tsunami ausgelöst sein können. Natürlich hätte es eine riesige zerstörerische Welle geben können die auch eventuell recht hoch gewesen sein mochte. Aber doch niemals über 500m und selbst wenn, wäre das Wasser doch längst wieder abgeflossen und das Werk der Zerstörung freigelegt. Immer wieder schaute ich voller Verzweiflung nach beiden Seiten und obschon ich fast 180° Sicht hatte, blieb nichts außer Wasser. Was konnte ich jetzt tun? Am Wasserrand vorbei wandern erschien sowohl nach rechts als auch nach links kaum realisierbar. Das Wasser reichte ja bis ins Dickicht. Das bedeutete einen Marsch quer durch teilweise kaum durchdringbare Ranken und reißfeste Pflanzen die mit altem Gehölz jeden Schritt zur Qual machten. Nein, das war nicht die Lösung. Ich musste zurück und der Straße in die andere Richtung folgen. Eineinhalb Tage bis hierher und nun wieder eineinhalb Tage zurück. Drei Tage verloren um wieder an der gleichen Stelle zu stehen. Aber ich wollte jetzt nicht mehr gehen. Sicher hatte ich noch 2 Stunden Licht aber mein Frust war einfach zu groß. Ich stellte den Rucksack ab und schaute mich nach einem Lagerplatz um.
Direkt in unmittelbarer Nähe gab es rund 4m² ebene Fläche und völlig deprimiert baute ich des Zelt auf. Ich zog die Schuhe aus und ging wieder bis zu dem Punkt wo die Straße ins Wasser führte. Dort setzte ich mich und konnte mich kaum überwinden meine geschundenen Füße ins kalte Wasser zu halten. Den Blick konnte ich nicht vom Wasser wenden. Es war einfach nicht zu glauben oder gar zu verstehen. Es wollte mir einfach nichts einfallen wie sich innerhalb dieser kurzen Zeit der Meeresspiegel soweit heben konnte. Denn von meinem derzeitigen Standort war es mindestens 250km bis zur Küste gewesen. Alles oder besser gesagt überwiegen flaches Land. Holland oder Belgien waren Küstenländer und sehr flach. Es konnte doch nicht sein das ganze Länder völlig überschwemmt waren. Was wäre dann aus den Menschen geworden. Millionen Menschen wären dann von dieser Flutwelle getötet worden. Allein diese Vorstellung war völlig abstrakt. Der Verstand weigerte sich einfach das zu glauben. Ich ging zurück ins Zelt und legte mich in den Schlafsack. Fit und ausgeruht musste ich jetzt sein um morgen die Rückreise anzutreten. Doch der erlösende Schlaf wollte sich nicht einstellen.
Plötzlich hatte ich die Lösung. Das Meer war sicherlich nicht um fünfhundert Meter angestiegen. Das war unmöglich. Aber das Land konnte sich gesenkt haben. Hatte ich nicht während des Bebens immer das Gefühl gehabt zu fallen oder in einem abfahrenden Aufzug zu sein. Natürlich, das war es. Genau so musste es gewesen sein. Genau dieser Höhenbereich war stark eingesunken, daher auch das vielfältige Aufreißen der Erde und mache mochten dann auch so groß gewesen sein das sie bis zur 250km entfernten Küste reichten. Vielleicht gab es Spalten die mehrere hundert Meter breit und genau so tief waren. Durch diese riesigen Kanäle konnte das Meerwasser dann mit voller Geschwindigkeit nachströmen und diesen abgesenkten Bereich mit Wasser füllen. Trotzdem hatte dies sicherlich nicht ohne unglaubliche Verluste an Menschenleben stattfinden können. Ich musste zur anderen Seite und zwar möglichst schnell. Mit diesem Gedanken schlief ich ein. Es war kein guter Schlaf. Geplagt von Träumen die nicht schlimmer sein konnten wachte ich immer wieder auf und als die ersten Vogelstimmen erklangen baute ich mein Lager noch im Dunkeln ab und machte mich reisefertig.
Ich stand am Wasserrand und zwang mich den Müsliriegel zu essen. Langsam erwachte der Tag und zeigte mehr und mehr die Grausamkeit die dieses Land getroffen hatte. Es hatte keinen Zweck den Sonnenaufgang zu genießen und wieder schnallte ich den Rucksack um und marschierte los. Jedoch nur wenige Meter später stoppte ich abrupt. Ich legte den Rucksack wieder ab. Ja natürlich, ich musste doch einen Hinweis hinterlassen. Genau wie beim Einstieg in diese Straßenwanderung suchte ich nach geeignetem Astwerk von rund 50cm Länge und baute etwa fünfzehn Meter vom Wasserspiegel entfernt das Wort „HELP“ auf der Teerstraße. Die Stelle lag ungefähr siebzig Zentimeter oberhalb des Wasserspiegels und ich hoffte, dass die Wellen nicht so stark würden um diese Höhe zu überwinden und meinen Hilferuf zu zerstören. Ich beschwerte die Äste noch mit einigen Steinen und legte einen etwa großen Richtungspfeil aus Ästen vor dem Wort und zeigte somit dem Retter an welche Richtung ich eingeschlagen hatte. Nach diesem Zwangsaufenthalt der mir aber glücklicherweise gerade noch eingefallen war startete ich erneut meine Rückwanderung.
8300 Schritte von gestern plus noch mal 5800 von vorgestern entsprachen bei der geschätzten 50cm Reichweite rund 7km Entfernung. Erstaunlicherweise hatte das gestrige Fußbad meinen Füßen sehr gut getan und ich konnte etwas besser auftreten. Ich wollte nicht denken, wollte nicht über die vielen Toten nachdenken die diese Katastrophe verursacht hatte. Genauso konnte ich mich nicht über den scheinbar wieder sonnigen Tag freuen der gerade erwacht war. Ich konnte mich nicht an den Tieren erfreuen die wieder in großer Zahl durch den Wald zog. Verflucht sei die Erde, die immer noch zwischendurch erzitterte als wenn der endgültige Standort noch nicht gefunden worden wäre. 2000 Schritte getan, nein keine Pause, es ging ganz gut und ich würde meine Pause erst bei 4000 Schritten machen. Ganz unbewusst trank ich viel Wasser und füllte meine beiden Trinkflaschen bei jeder sich bietenden Möglichkeit wieder auf.
Wieder zog eine kleine Herde von vier Rehen in der Nähe vorbei. Die ganze Tierwelt befand sich auch in Aufruhr. Vielleicht durch das Zittern der Erde oder aber durch die ungewohnte Nähe des Meeres. Die Sonne stand nun schon recht hoch am Himmel und wärmte die Luft angenehm auf. Es sollte nun Mittag sein und ich war mit meinem geistigen Zähler bei 4500 angelangt. Ich gönnte mir eine Pause und legte mich in das warme Gras. Ich schrak auf und blickte zur Sonne. Ich war eingenickt und hatte meine Pausenzeit lange überschritten. Laut fluchend nahm ich meinen Marsch wieder auf und kämpfte mich verbissen vorwärts. Sechstausend Schritte vollbracht und ich verurteilte mich zum Pausenverzicht. Ich wollte meinen bekannten Rastplatz unter dem großen Baum in jedem Fall heute noch bei Tageslicht erreichen. Die gelang mir auch und bald stand mein Zelt wieder an der gleichen Stelle an der ich mit so viel Hoffnung übernachtet hatte. Das üppige Mahl mit Suppe und Wurst fiel natürlich aus. Ein Riegel musste reichen und ich bekam regelrecht Panik wenn ich an meine geringen Nahrungsvorräte dachte. Sicher konnte man auch mehrere Tage ganz ohne Nahrung auskommen wenn man genug Flüssigkeit zu sich nahm.
Erschöpft schlief ich ein und verbrachte eine traumlose Nacht ohne Zwischenfall. Wieder weckten mich die ersten Vogelstimmen und ich suchte nach meiner kleinen Taschenlampe um den Rucksack nach einem weiteren Müsliriegel zu durchsuchen. Ich wollte nicht darüber nachdenken wenn es nichts essbares mehr zu finden gab oder die Batterien in meiner Taschenlampe leer waren. Ganz langsam frühstückte den Riegel und bereitete mir noch einen heißen Tee zu. Dann in der ersten Morgendämmerung packte ich meinen ganzen Besitz ein und schulterte den Rucksack. 5800 Schritte bis zu der Stelle an der ich die Straße zum ersten Mal betreten hatte. Es ging zügig voran weil ich viele der Hindernisse noch vom Hinweg kannte und mich noch erinnern konnte wie und wo ich das Hindernis überwunden hatte. Es bewölkte sich zunehmend und der Wind frischte auf. Hoffentlich fing es nicht schon wieder an zu Regnen. Dann würde es deutlich länger dauern, weil es natürlich sofort überall rutschig wurde und ich auf jeden Fall einen Sturz vermeiden musste. Ein verstauchter oder sogar ein gebrochener Fuß wäre mein Ende. Qualvoll würde ich mein Leben auf dieser Straße vor Hunger und Durst beenden. Nein, das hatte alles keinen Sinn. Alles wenn und aber durfte erst gar nicht in den Kopf wenn es negativ war. Nur an positive Dinge denken. Wenn es wieder regnete, na super dann gab es dann gutes und direkt verfügbares Trinkwasser und gleichzeitig war die Dusche geöffnet. 2000 Schritte waren längst vorbei und wie gestern wollte ich die erste Pause einfach übergehen. Mit dem Stock als Krücke ging das Wandern ganz gut und mein Fuß spielte auf erträgliche Weise mit. Der Wind hatte inzwischen zu einem regelrechten Sturm aufgefrischt und die Wolken wurden zunehmend dunkler. Innerhalb von Minuten brach ein Gewitter los und ich konnte froh sein, mich unter einer schräg stehenden Baumwurzel in Sicherheit zu bringen. Der Regen prasselte herab und die Temperatur sank spürbar. Das nahezu gleichzeitig Blitz und der Donnerschlag erfolgten, zeigte mir das das Gewitter genau über mir war. Genau so plötzlich wie das Gewitter gekommen war, hörte der Regen auf und der Donnerhall wurde schnell schwächer.
In einer Entfernung von vielleicht einhundert Meter stand ein LKW irgendwie mit erhobenem Heck auf der Straße. Dreitausend Schritte genau und ich befand mich am Fahrzeug und konnte das Problem sehen. Es handelte sich um einen Mercedes 7,5 Tonner mit geschlossener Ladefläche. Als Kofferwagen glaubte ich wurde dieser Typ bezeichnet. Der Fahrer hatte den Wagen nicht mehr rechtzeitig vor der Spalte abbremsen können und war mit den Vorderreifen über den Rand gerutscht. Dieses Aufschlagen des Chassis auf den Teerboden stoppte den LKW nahezu direkt. Doch wo war der Fahrer geblieben. Ich öffnete die Fahrertüre in Erwartung eine Leiche vorzufinden, doch der Sitz war leer. Die Frontscheibe war fast total zerstört und ich wunderte mich schon wieso der ganze Innenraum nicht voller Glasstücke war bevor mir die Erkenntnis kam. Der Fahrer war nicht angeschnallt gewesen und durch diesen plötzlichen Stopp von seinem Sitz hochgehoben und durch die Windschutzscheibe geschleudert worden.
Ich stieg wieder aus und versuchte in die Spalte hineinzusehen. Die Spalte war vielleicht zehn Meter breit und ebenso tief. Am Boden war jede Menge Geröll nachgerutscht und dann konnte ich einen Teil des Unterarms und der Hand entdecken die so gerade noch aus seinem Grab herausragten. Hier hatte die Natur den Verunfallten bereits beerdigt. Ich stieg wieder in die LKW-Kabine und schaute mich um. Der Schlüssel steckte natürlich noch und wie zu erwarten hatte die eingeschaltete Zündung die Batterie total entleert. Selbst das Radio ging nicht mehr an. Ich fand ein angebrochenes Päckchen Zigaretten in dem ein Feuerzeug steckte und noch zwei ungeöffnete Zigarettenpäckchen. Verschimmelte und stinkende Speisereste lagen auf dem Boden und verdeckten teilweise ein Handy neuester Bauart. Natürlich war auch dieses unbrauchbar weil der Akku total entleert war. Jetzt konnte man die Zeit bedauern wo ein Handy nur zum Telefonieren gebaut war und manchmal eine ganze Woche ohne Ladegerät auskommen konnte. Die neuen Smartphone jedoch waren bereits nach einem Tag am Ende. Ich steckte die Zigaretten ein, stieg aus und ging an der Ladefläche vorbei bis zum Heck. Natürlich waren die Ladetüren verschlossen. Aber was sollte mir das auch bringen. Als Beute 100 PCs oder Flachbildschirme machten mich in meiner Situation nicht glücklicher.
Nein, hier war für mich nichts zu holen und ich wollte keine Zeit verlieren. Und so machte ich mich wieder auf den Weg und suchte einen Übergang der Spalte. Ich versuchte so weit wie möglich zu kommen bis die Dämmerung den Marsch sowieso stoppen würde. Der Zustand der Straße war gleich wie bereits auf der anderen Seite. Spalten, Aufwerfungen und umgestürzte Bäume. Manchmal hatte ich wieder den Eindruck das die Spalten enger wurden und mehrheitlich übersprungen werden konnten aber dann kam wieder eine die mich zwang viele Meter an der Seite entlang zu gehen ehe man sie übergehen konnte. Die Dämmerung hatte zwar noch nicht begonnen, aber es reichte. Meine Kräfte waren am Ende und meine Füße schmerzten. Völlig erschöpft baute ich mein Zelt auf und zwang mich zu einer warmen Suppe. Es wurde eine unruhige Nacht. Der Wind frischte wieder auf und ich träumte ständig von dem LKW-Fahrer. Hätte er sich nur angeschnallt, wäre ihm nichts passiert und lebte mit Sicherheit noch. Unruhig drehte ich mich von einer Seite auf die andere ohne Schlaf zu finden. Was mochte der LKW geladen haben. Die Werbeaufschrift an den Seitenwänden kam mir vom Bild her bekannt vor, aber beim besten Willen konnte ich mich nicht an einen Zusammenhang zu einer Firma erinnern. Ich musste lächeln als ich wieder an einen LKW voll PCs oder Flachbildschirme dachte.
Wasser bis zu einem kleinen Fleck am Horizont. Kein Windrad hatte dieses Geräusch verursacht sondern die Wellen schlugen gegen das Land und brachen sich mit den nachfolgenden Wassermassen. Mein Gott, ich war verloren. Ich hatte doch immer auf den Sonnenstand geachtet und war mir relativ sicher, dass die Straße trotz der vielen Biegungen schlussendlich eine Gerade bildete. Ich befand mich also auf einer Halbinsel und hatte diese auf der kürzesten Seite einmal durchquert. Eine tiefe Traurigkeit erfüllte mich und die Verzweiflung drohte Überhand zu nehmen. Was konnte ich noch tun. Ich ging zum Uferrand und versuchte so weit als möglich die Seiten einzusehen. Da die Bäume aber nicht nur bis ans Wasser standen, sondern natürlich im Geländegefälle langsam immer kleiner und an dieser Stelle bestimmt 50m aus dem Wasser ragten und immer kleiner wurden ergab sich kein Bild. Aber ich musste es wissen. Prüfend streckte ich eine Hand ins Wasser und die Kälte verwunderte mich erneut. Nein, hinausschwimmen ist nicht die Lösung. Zu weit hätte ich schwimmen müssen um eventuell einen Überblick zu bekommen. Zudem glaubte ich, dass ich von der Wasseroberfläche sowieso keinen weiten Blick haben würde. Genau wie auf der anderen Seite war weder rechts noch links eine Möglichkeit vernünftig zu gehen. Das Unterholz war relativ dicht und es rankten sich immer Dornen die das gehen praktisch unmöglich machten. Und wohin gehen. Wenn es eine Halbinsel war, hatte sie natürlich drei Seiten zum Wasser hin. Zwei hatte ich erreicht. Befand sich die dritte nun zur rechten oder zur linken Seite. Hatte ich irgendeine Abzweigung übersehen.
