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Franka Abel ist als Lehrerin an einer Schule im Brennpunktbezirk Berlin - Neukölln tätig. In ihrer Klasse lernen Kinder 10 verschiedener Nationalitäten, fünf von ihnen mit deutschen Wurzeln. So erlebt sie täglich die ganze kulturelle Vielfalt dieser Stadt auf kleinstem Raum. Jedes Gespräch mit einem Schüler kann ein Abenteuer werden - voller ungeahnter Überraschungen und genügend Stoff für eine ganz eigene Geschichte. Dazu kommen die Eltern der Schüler, Familienangehörige und oft ganze Clans, alle mit der ihnen eigenen Grundlast fremder Kulturen, Sprachen, Religionen und Vorstellungen von Schule, die sich oft weder mit dem Schulgesetz noch den Vorstellungen der Schulbehörde decken. Mangelwirtschaft, die Anforderungen der Inklusion, fehlende Ausbildung oder minimalistische Angebote an guten Weiterbildungsmöglichkeiten sowie schlechte Ausstattung der Schule tun ihr Übriges, um den ganz normalen Schulalltag zu einem täglichen Abenteuer zu gestalten. In diesem Umfeld versucht Franka Abel den Spagat, junge Menschen fit zu machen für unsere komplexe Welt von heute. Szenenwechsel: Klassenfahrt. Hier sind die gemeinsamen Tage ganz anderes, aber ebenfalls voller unerwarteter Geschichten, mit einzelnen Schülern, mit Gruppen und mit der ganzen Klasse: Situationen tauchen auf, die einen zur Verzweiflung zu treiben scheinen, aber dann auch wieder zu unerwarteten Hoffnungen Anlass geben, dass hier ein bisschen ganz von selbst in die richtige Richtung gelaufen ist. Und dass der Aufwand es wert ist.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Franka Abel
Eine Klassenfahrt und andere Desaster
Mein Schulalltag zwischen Inklusion, Islam und Mangelwirtschaft
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Erster Tag
„Schönen Urlaub!“
Wir fahren in die Schweiz
Burat hat Blutdruck
Anschnallen ist uncool
Was wir alles wollen
Eine Kursfahrt nach New York
Anträge, Anträge, Anträge
Kost´doch nix
Das muss doch keiner wissen!
Werbung formt Ansprüche
Geteiltes Leid ist halbes Leid
Keine Jungs auf Mädchenzimmern
Apokalyptisches Chaos
Das Projekt: Betten beziehen
Alle anderen fahren an den Gardasee!
Lassen Sie meine Tochter da, ich hole Sie ab!
Wie definiert man eigentlich Zimmerlautstärke?
Die Ruhe nach dem Sturm
Schlauchboot geht gar nicht! (Teil 1)
Multi-Kulti-Familien
Wandertage im Ramadan
Jeder isst anders…
Efe spielt Superman
Romantischer Aufstieg zur Festung
Das Foto dürfen Sie aber nicht meinen Eltern zeigen!
„Jetzt verstehe ich, warum wir in Deutschland geblieben sind!“
Wieso müssen wir das eigentlich tragen?
Allerlei Highlights auf Klassenfahrten
Die Vorräte gehen aus!
Muss ich wirklich eine Schwimmweste tragen?
Inklusion im realen Schulalltag
Schlauchboot geht gar nicht (Teil 2)
Soziales Training: Klassenrat
„Scheiß Klassenfahrt“
Wenn die Familie weit entfernt wohnt
Abenteuer Geocaching
„Mein Deo ist geklaut!“
Olfaktorische Herausforderungen
„Warum gibt es in Berlin keine Sterne?“
Ein Telefonmast wirft einen Schatten
Wertschätzung
Wie waren die Ferien?
„Wallah, ich schwöre bei Alles!“
„Nur, weil sie mich nicht leiden können!“
Natascha ist alt genug
„Ich kletter nicht ohne meinen rosa Strickmantel!“
Wir hatten Zimmerkrieg!
„Ist doch nur Spaß!
Haarshampoo in Trinkflaschen
„Wir dachten, wir grillen nach dem Abendbrot?“
„Wenn ich mal Geld brauche…
Ich mache Abitur oder werde You Tube-Star
„Leila hat keinen Bock auf Mathe!“
„Warum dürfen wir nicht auf die Mädchenzimmer?“
Zappelphilipp
Warum braucht man eigentlich Kondome
„Wo ist mein Handy?“
Zu Hause ist Nele viel selbstbewusster!
„Wann kommt ihr?
Morgen ist Ramadan
Zu wenig Aktivitäten
„Können wir endlich gehen, wir haben noch etwas vor?“
Ich habe gehört, auf der Klassenfahrt gab es Vorkommnisse?
Zweiter Tag
Dritter Tag
Vierter Tag
Fünfter Tag
Nachlese
Impressum neobooks
Als ich mich dafür entschied Lehrerin zu werden, stand ich gerade im Blau-Hemd auf dem Fahnenappell und erfuhr, welche Klasse die meisten Altstoffe gesammelt hatte. So, jetzt weiß auch jeder gleich, wo ich herkomme.
Damals hatten wir auch am Samstag Schule. Vier Stunden, dafür hatten wir in der Woche höchstens mal bis zur 7. Stunde, aber das war eher selten und dann hatten wir frei. Wenn einer geschwänzt hat, wurde im Betrieb der Eltern angerufen. Das war einfacher, weil zu Hause kaum jemand ein Telefon hatte. Und wenn man aus der Schule nach Hause kam, hatte man immer erst einmal sturmfrei, weil die Eltern noch arbeiten waren, es sei denn, sie haben Schicht gearbeitet. Die Mutter von Kathrin war Hausfrau, das fanden wir alle ungemein exotisch, außer Kathrin, die wiederum hat uns „Normale“ beneidet.
Dinge wie Internet, Google oder Privatfernsehen kannten wir nicht mal aus dem Westen. Gabs halt noch gar nicht. Dafür kannten wir noch Telefonbücher, Rechenschieber und Gummihopse.
In der Schule hatten wir Russisch und wenn man wollte, konnte man noch Englisch oder an manchen Schulen sogar Französisch dazu wählen.
Auf dem Zeugnis gab es die sogenannten Kopfnoten. Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung. In Ordnung hatte ich nie eine Eins. In Betragen schon eher mal.
Die Bildungsministerin hieß Margot und hatte blaue Haare und da sie den Job 26 Jahre lang innehatte, kannte sie auch jeder. Gemeinsam mit ihrem Mann wohnte sie mit den anderen Politikern, die auch jeder kannte, in einer großen WG. Nicht, weil sie, wie viele Leute heute, Miete sparen wollten, sondern weil irgendwie sonst niemand mit ihnen zusammenleben wollte.
Das ist jetzt mehr als 35 Jahre her. Ich bin tatsächlich Lehrerin geworden. Inzwischen spreche ich mehr Türkisch als Russisch, kenne mich bestens mit Datenschutz aus und weiß, dass man den Begriff Hausaufgaben an Ganztagsschulen nicht mehr verwendet, die heißen bei uns jetzt Arbeits- und Übungsaufgaben und werden in der Schule gemacht. Oder oft auch gar nicht, aber das ist ein ganz anderes Problem. Lehrer heißen jetzt Lehrende und Schüler Lernende. Ich nenne sie trotzdem noch meine Schüler. Als meine Lernenden sind sie mir irgendwie zu weit weg. Und hier ein Wort an meine Schüler: Auch wenn ihr mich oft an meine Grenzen bringt: Ich habe Euch auch lieb!
Viele Dinge haben sich in diesen 35 Jahren geändert. Zum Beispiel stehen in meinem Arbeitsregal 14 verschiedene Mathematiklehrbücher für ein und dieselbe Klassenstufe. Alle aus demselben Bundesland. Es sind so viele Reformen über mich hinweg gerollt, dass ich manchmal gar nicht mehr aufstehen wollte, weil ich wusste, dass gleich die nächste Welle kommt.
Was daran gut oder schlecht war und ist, sieht jeder Einzelne anders. Schüler, Eltern, Lehrer, Politiker, Schulbuchverlage, Ausbilder…die Liste ist lang. Für niemanden möchte ich hier sprechen, außer für mich selbst.
Ich berichte von meinen Erfahrungen, meinen Erlebnissen, meinen Bedenken, Gefühlen, Ängsten und Erfolgen. Ich habe nichts erfunden, aber vielleicht, wenn auch unbeabsichtigt, etwas verdreht. Jeder sieht die Dinge nun einmal anders. Wenn Sie dieses Buch also lesen und vielleicht etwas davon weitererzählen, dann sagen Sie bitte nicht: „In Neukölln ist das so“, sondern: „In Neukölln gibt es eine Lehrerin, die Frau Abel, die hat das so erlebt.“
Noch bevor ich in dem allgemeinen Gewühl unseren Bus überhaupt entdecke, weiß ich schon Bescheid. In der gackernden Mädchenecke wird auffallend gequietscht und gekreischt. „Frau Abel, unser Busfahrer ist gaaaaanz jung und er sieht gaaaaanz toll aus.“ Nele klimpert mit ihren aufgeklebten künstlichen Wimpern und wirft Chantalle vielsagende Blicke zu. Aha. Ich halte Ausschau und entdecke ihn tatsächlich, ins Gespräch vertieft mit einem uniformierten Beamten. Ich hatte schon vor Wochen eine technische Untersuchung des Busses vor Fahrtantritt beantragt. Man weiß ja nie. Wir wollen schließlich ins Gebirge. Aber es gibt grünes Licht. Zwei Daumen hoch. Alles in Ordnung. Der Busfahrer frisch geschult, der Bus tipptopp in Ordnung. Ein unauffälliges, kleines silbergraues Gefährt für 26 Fahrgäste. Die Schüler betrachten das Gefährt skeptisch und ein bisschen mit Unmut. So ein kleiner Bus? Auch die Eltern scheinen etwas anderes, standesgemäßeres erwartet zu haben. Gibt es eine Klimaanlage? Warum keine Toilette...? Passen da überhaupt alle rein?
Ja, wir passen alle rein. 26 Plätze, 25 Personen. Das geht eindeutig auf. Und drei Stunden Fahrt schafft man auch einmal ohne Toilette. Dafür haben wir aber eine Klimaanlage. Sehr viel mehr Kopfzerbrechen machen mir da die schrankgroßen Hartschalenkoffer, die sich noch vor dem Bus türmen und vermuten lassen, wir würden uns auf eine vierwöchige Exkursion in unerschlossenes Gebiet begeben. Dabei ist es Montagvormittag und wir werden bereits am Freitagmittag zurückerwartet. Dazu noch unzählige riesige Verpflegungsarsenale aus Chipstüten, Legionen von Gummibärchen, hektoliterweise Eistee, Keksen, Schokowaffeln und Bergen von asiatischen Instantnudeln ... Die sind gerade der neueste Ernährungstrend. Zumindest an meiner Schule. Trocken, direkt aus der Tüte. Ob das auch für Gebiete im weiteren Umfeld gilt, kann ich nicht beurteilen.
Im bunten, quirligen Durcheinander aus Schülern, Eltern, Koffern und weiteren reiselustigen Klassen eines benachbarten Gymnasiums, dessen, bei diesen Gelegenheiten leider immer hoffnungslos überfüllter Parkplatz, als beliebter Be- und Entladepunkt für Klassenfahrten der Umgebung genutzt wird, erkenne ich aus den Augenwinkeln Fadil, einen meiner ADHS – Sprösslinge, der in modernen pädagogischen Publikationen viel und gern bemühten Aufmerksamkeitsdefizitstörung gepaart mit Hyperaktivität. In diesem Fall mit sehr viel Hyperaktivität und einem hohen Energieüberschuss. Fadil pflegt sich von Kaffee und Nutella zu ernähren. Man erkennt ihn in der Regel daran, dass er mit allen vier Extremitäten gleichzeitig wild rudernd, eine Schneise furchend, durch die Gegend rennt und sich hin und wieder auch einfach nur auf dem Boden wälzt.
Hatte ich schon erwähnt, dass es sich bei meiner Klasse um eine Zehnte handelt?
Nach einem Tetris verdächtigen Packmanöver des gutaussehenden, jungen und immer noch gut gelaunten Busfahrers kann es tatsächlich losgehen. Alle Koffer sind verstaut, die letzten Mütter haben mir noch beim Einsteigen diverse Extrawünsche mit auf den Weg gegeben und mich noch einmal eindringlichst ersucht, doch ja auf ihre Lieblinge, Prinzen und Prinzessinnen aufzupassen. „Schönen Urlaub“, ruft mir Cecylias Mutter noch kichernd hinterher und auch Neles Mutter seufzt theatralisch: „Ja, so eine Urlaubswoche extra hätte ich jetzt auch gerne.“ Dieser Witz ist so alt wie die Klassenfahrten selbst.
Wir verlassen die kleine sichere Enklave Berlin-Neukölln, in der die Geschäfte türkische oder arabische Schriftzüge tragen, die Männer mit kleinen Teegläsern in der Hand auf der Straße beieinandersitzen oder stehen und mehr Moscheen als Kirchen besucht werden und machen uns auf in Richtung unbekanntes Sachsen. Genauer ins Elbsandsteingebirge oder auch Sächsische Schweiz.
Das führte lange Zeit unter Schülern und auch einigen Eltern zu der irrigen Annahme, es ginge in die Schweiz. Also ins AUSLAND! Als ich den Irrtum durch eine Unterrichtseinheit „Die Entstehung des Elbsandsteingebirges“ im Erdkundeunterricht aufklärte, kam für viele die Ernüchterung. „Was, wir machen unsere Klassenfahrt nur nach Deutschland?“ Die Schüler maulten, die Eltern intervenierten. Die Kinder müssten doch fremde Sprachen und Kulturen kennenlernen! Das führte wiederum zu Irritation, diesmal auf meiner Seite. Ich fand, Deutschland kann man auch mal kennenlernen. Und für viele ist Deutsch eine fremde Sprache. Meine Schüler sprechen untereinander und manchmal leider auch als einzige Sprache Neuköllsch.
„Ey, Alta, gehst du Cafeteria?“ Oder auch: „Ey, bist du Parchimer?“„Ne, bin isch Fahrrad!“ Was so viel heißt wie: “Gehst du heute in der Cafeteria essen?“ oder „Fährst du heute von der U-Bahnstation Parchimer Allee nach Hause?“ „Nein, ich bin mit dem Fahrrad da.“
Na gut, war eher eine pädagogisch bedingte Einzelmeinung. Aber nun sitzen wir doch im Bus. 22 von 24 Schülern einer Neuköllner Gemeinschaftsschulklasse. Dazu zwei begleitende Lehrkräfte und die dreijährige Tochter meines Kollegen. Zehn verschiedene Nationalitäten. Familien, in denen manchmal die Mutter, der Vater und die Kinder verschiedene Sprachen sprechen. Und verschiedenen Religionen angehören.
Ömer durfte nicht mit. Alles Reden und Bitten waren umsonst. Die Klassenfahrt ist zu teuer und geht ja nicht mal ins Ausland. Eine der zahlenmäßig minder vertretenen Familien, die ihr Geld nicht vom Amt bekommen. Häufig wird es da ganz besonders knapp. Ob das der Grund war? Ich weiß es nicht. Wir wollten Kuchen- und Waffelbasare veranstalten und Geld über den Förderverein beantragen. Nein. Es blieb dabei. „Ömer fährt nicht mit!“ Schade. Ich mag Ömer sehr. Ein netter, sehr feiner Junge. Liebenswert, ruhig, fleißig, zurückhaltend. Viel zu zurückhaltend, finde ich manchmal.
Und Burat, ja, BURAT - „Hat Burat Blutdruck, kann Burat nicht kommen!“ Neuköllsch für: „Burat leidet derzeit stark unter zu hohem Blutdruck und kann deshalb nicht teilnehmen.“ Ein Satz am Telefon, der in den letzten drei Jahren Geschichte machte. Ich erinnere mich an seine aufkommende Panik, als er registrierte, dass die Fahrt ins Gebirge geht und wir viel zu Fuß unterwegs sein werden. ZU FUSS! IM GEBIRGE!! BERGE!!! In der 8. Klasse nahm Burat nicht an der Klassenfahrt teil, weil wir eine Fahrradtour geplant hatten. In der Gegend um Wismar. Also nahezu ohne Anstiege. „Wenn Sie mich zwingen eine Fahrradtour mitzumachen, dann haue ich einfach ab!“
Burat verweigert seit Jahren bei jeder sich bietenden Gelegenheit mehr oder weniger erfolgreich die Teilnahme am Sportunterricht oder überhaupt körperliche Bewegung, ist übergewichtig und fehlt mehr als die Hälfte aller Schultage, immer mit ärztlichem Attest von verschiedensten Ärzten. Besonders an Tagen mit Sportunterricht und im Anschluss an die großen Ferien ist Burat schwer krank. Da ist er am letztmöglichen Rückreisetag immer transportunfähig und kann leider nicht in den ohnehin nicht gebuchten Flieger steigen. Spaßeshalber hatte ich einige Male um den Nachweis der Buchung gebeten, mit der man den ersten Schultag nach den Ferien pünktlich erreicht hätte und bei der Mutter damit einen gewissen Erklärungsnotstand ausgelöst. Deshalb kann ich das jetzt einfach so behaupten.
Eine Zeit lang versuchte sie dann während des Schuljahres meine offensichtlichen Zweifel an Burats permanenter Schulunfähigkeit auszumerzen, indem sie mir Beweisfotos schickte. Fotos vom Blutdruckmessgerät, Fotos vom Fieberthermometer, einmal erhielt ich ganze sieben Fotos von seinen Füßen, weil er sich auf einem Wandertag Blasen gelaufen hatte. Das führte zu 14Tagen Komplettausfall. Selbstverständlich mit ärztlichem Attest.
Wie es zu diesen schweren Verletzungen kommen konnte? An besagtem Wandertag - in jedem Monat ohne Schulferien gibt es einen, streng geregelt durch die Ausführungsvorschrift Wandertage - wollten wir mit unserer 8. Multikulti-Klasse tatsächlich im Berliner Forst ein paar Kilometer wandern. Wir wollten in die Müggelberge. Raus aus Neukölln. Rein in den Wald. Großes Abenteuer.
Wer die Müggelberge googelt findet bei Wikipedia folgenden Eintrag: „Die Müggelberge (früher auch Müggelsberge genannt) sind ein bewaldeter Hügelzug mit Höhen bis zu 114,7 mü. NHN[1] im Südosten Berlins im Bezirk Treptow-Köpenick. Sie werden durch den Kleinen Müggelberg (88,3m) und den Großen Müggelberg (114,7m) dominiert. Die Müggelberge umfassen eine Fläche von rund sieben Quadratkilometern. Entstanden ist der Höhenzug im Eiszeitalter.“ Ein sogenannter Endmoränenzug.
Außerdem liegen sie direkt am Müggelsee und von dort aus kann man entspannt mit einem Dampfer auf die andere Seite nach Friedrichshagen übersetzen, um dort wieder in die Berliner S-Bahn zu steigen. Eine Gegend Berlins, von der die meisten unserer Schüler, obwohl es Neuköllns direkter Nachbarbezirk ist, noch nie etwas gehört, geschweige denn etwas gesehen haben. Für diesen Ausflug hatte Burats Mutter ihm extra die super coolen, neu gekauften Schuhe ausgesucht. Das ging nicht gut.
Selbstverständlich waren es Schuhe mit Klettband. Der arme Junge konnte sich in der achten Klasse noch nicht einmal selbst die Schuhe binden und versuchte regelmäßig seine Mitschüler oder den Sportlehrer zu animieren, diesen schwierigen Part bei seinen Turnschuhen zu übernehmen. Was aus verschiedenen Gründen, zum einen pädagogische zum anderen eher olfaktorische, weder bei dem Einen noch bei den Anderen auf großes Verständnis stieß.
Ein Unter–Vier–Augen–Gespräch mit der Mutter endete in einem hysterischen, für mich vorerst völlig überraschenden und unverständlichen Lachanfall ihrerseits. Ich wechselte mit dem anwesenden Sozialpädagogen irritierte Blicke, weil wir die Mutter eigentlich vorsichtig und wie wir fanden höchst diplomatisch darauf hinweisen wollten, dass sie ihrem Sohn damit einen nicht ganz stressfreien Stand bei seinen Mitschülern verschaffte. „Aber Frau Abel, mein Sohn muss sich doch nicht selbst die Schuhe zu machen!“ Er musste sich auch nicht eigenständig die Brote schmieren oder den Müll rausbringen, sein Zimmer aufräumen, mal einen Teller abräumen oder sich Chips und Getränke eigenständig zur Couch holen. Das machte alles Mama für ihn. Das war ihr Lebensinhalt. Und nach eigenen Worten war es ihr großer Traum, zu gegebener Zeit bei ihm und einer zukünftigen Schwiegertochter mit einzuziehen, um dem Sohn auch weiterhin den Haushalt zu führen, alle Wünsche von den Augen abzulesen und ihm alles recht zu machen.
Am Anfang war ich einige Male versucht, der Mutter zu erklären, dass Blutdruck eine wichtige Voraussetzung für das Leben des Menschen an sich ist. Mir schwebte da in etwa folgende Anmerkung vor: „Ich bin sehr froh, dass Burat Blutdruck hat, sonst wäre er ja mausetot.“ Natürlich unterdrückte ich den Anfall, denn aus schmerzlicher Erfahrung weiß ich: Das kommt nicht gut an.
Zwei Jahre lang versuchten wir alles, um den Jungen regelmäßig in die Schule zu bekommen. Gespräche mit Mutter und Kind, mit Mutter ohne Kind, mit Kind ohne Mutter, mit Mutter und Familienbegleiterin vom Jugendamt, die mehr als die beste Freundin der Mutter auftrat und sich zumindest den Lippenstift mit ihr teilte, mit und ohne Sozialpädagogen, Gespräche mit der Schulleitung, Termine mit der Schulpsychologin, Einschalten des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes - auch bekannt als Amtsarzt, Schulversäumnisanzeigen - es gab schon diverse aus der Grundschule, nichts half. Burat hatte Blutdruck, Blasen an den Füßen, abwechselnd Knie-, Rücken-, Kopf- oder Magenschmerzen - Burat konnte nicht kommen. Irgendwann gaben wir auf und verwalteten ergeben die Berge von ärztlichen Attesten.
Als sie dazu überging mir auch Fotos ihrer eigenen Füße zu schicken, um ihr Fernbleiben vom Elternabend zu erklären, bat ich nachhaltig darum, dass weitere Kommunikation bitte nur noch den offiziellen Weg über unser Schulsekretariat nimmt. Das hat mir dort nicht nur Freunde eingebracht. Egal, welches Anliegen mich ins Sekretariat führt, als erstes höre ich: „Hat Burat Blutdruck, kann Burat nicht kommen.“
Ihre Handynummer habe ich der schwarzen Liste beigefügt. Seitdem kann ich wieder unbesorgt Nachrichten aller Art öffnen, während ich in ein Pausenbrot beiße.
Das sonore Brummen des Motors und die verschlossenen Türen des Busses gaukeln mir für einige Minuten eine trügerische Sicherheit vor. Keiner kann weg, sie sitzen angeschnallt auf ihren Plätzen und beschäftigen sich mit den ersten Chipstüten. „Dürfen wir Musik hören?“ Ich bin begeistert. Sie fragen erst einmal nach. Der nette junge Busfahrer hat nichts dagegen, solange er ganz vorne seine eigene Musik hört und sich aufs Fahren konzentrieren kann. Eine Weile geht das auch gut. Bis Efe, mein zweiter ADHS-Schüler, seine eigene Bluetooth-Box auspackt und dagegenhält. Er wechselt in schwindelerregendem Tempo zwischen Gangster-Rap, ich höre Textfetzen wie: “Isch ficke deine Mutter“ oder „Ich kille euch, ihr schwulen Säue“, türkischer Folklore und „Sandmann, lieber Sandmann“. Leider ist Efe auf dem Appell-Ohr taub. Erst die Androhung, das Gerät einzuziehen, sorgt für Einsicht und erträgliche Musikbeschallung. Allerdings musste ich mich umdrehen.
Fadil turnte gerade über die Lehne zu seinem Vordermann. Für alle, die dieses alltägliche Manöver nicht im eigenen Repertoire haben, hier zum besseren Verständnis: das funktioniert nur, wenn man nicht angeschnallt ist! Und auch diverse andere Herren der Schöpfung hatten sich ihrer Gurte entledigt. Na gut. Also noch mal eine kurze Belehrung: Anschnallpflicht im Bus, Sicherheit, Verantwortung... Ich gab mein Bestes. Appell an die jugendliche Vernunft. Es wurde gemurrt, aber gegurtet. „Mein Vater schnallt sich auch nie an“, „Anschnallen ist uncool“... egal. Geschafft. Zufrieden konzentrierte ich mich wieder auf mein Buch.
Ein Kontrollblick 10 Minuten später belehrte mich eines Besseren. „Ihr sollt euch anschnallen und angeschnallt bleiben!“ Der Ton diesmal schon schärfer. „Mein Gurt geht nicht.“ Grins. Ich tabere nach hinten und stelle fest, dass sie inzwischen die Gurtbänder eingedreht haben. „Witzig Jungs. Dreht sie wieder aus. Und jetzt anschnallen.“ Ich begebe mich wieder auf meinen eigenen Platz und schnalle mich demonstrativ an.
Eine halbe Stunde später baten mein Kollege und ich den Busfahrer entnervt darum, an der nächsten Raststätte eine Pause einzulegen. Diesmal drohten wir mit Heimreise direkt nach der Ankunft. Pubertäres Augenrollen, die Jungs grinsten... tuschelten auf Türkisch. Ich kämpfte um meine gute Laune. „O.K. Leute, wer aufs Klo muss, geht noch mal. Beeilt euch bitte, wir fahren sofort weiter. Keine Einkäufe an der Raststätte.“ 10 Minuten später saßen die Mädchen vollständig und angegurtet im Bus, von den Jungs fehlte jede Spur. Verschollen bei McDonalds. Mein Kollege übernahm das Aufspüren und Treiben der Herde. „Sie hatten doch aber nur gesagt, wir sollen an der Raststätte nicht einkaufen gehen? Wir dachten, McDonald ist O.K.!“ Ich hüllte mich sicherheitshalber in Schweigen.
Es war Montagmittag und ich hatte den ersten Anflug von pädagogischem Klassenfahrtskoller.
Unser Ziel war eine katholische Familien-Ferienstätte, 150 Höhenmeter über der Elbe. Maximale Entfernung zur nächsten menschlichen Behausung. Um uns herum nichts als Gegend, dörfliche Ruhe und über uns Himmel. Jede Menge Himmel. Das Wetter versprach einen traumhaften Altweibersommer. Ich hatte mir das Objekt schon einmal vor Monaten bei einem privaten Ausflug in die Sächsische Schweiz angesehen und war sofort angetan. Ich fand es ausgesprochen geeignet, um dort einige Tage mit einer Klasse zu verbringen. Große Zimmer, viel Gelände, Lagerfeuerplatz, Sportmöglichkeiten, öffentliche Verkehrsmittel in der Nähe, wenn auch 150m tiefer, nette Mitarbeiter vor Ort und unglaublich viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen.
Im Gepäck hatte ich ein ordentliches Programm voller Aktivitäten und, wenn man wollte, Spaß. Geocaching, die moderne Form der Schnitzeljagd, Lagerfeuer - mit Feuerstein und Zunder zu entfachen, Klettern, Schlauchboot fahren, ja, auch mal Wandern, ein gemeinsamer Grillabend, ein Ausflug zur Festung Königstein. Auch den Kletterfelsen hatte ich vorher erkundet und selbst ausprobiert, damit auch ja für alle etwas Geeignetes dabei ist und jeder zu seiner ganz eigenen Portion körpereigenem Glückshormon kommt.
Ich hatte auch lange über einen Besuch der Felsenbühne Rathen nachgedacht, diesen Plan dann aber nach einem Ausflug zur Probebühne des Jugendtheaters Grips im Rahmen des Deutschunterrichtes schleunigst aufgegeben. Nach der Veranstaltung war ich schweißgebadet und ausgesprochen peinlich berührt nach Hause gefahren.
Ganz offensichtlich hatten viele unserer Schüler nicht den leisesten Anflug von Regeln des guten Benehmens in einer Theateraufführung parat. Obwohl wir in der Vorbereitung natürlich sehr lange darüber gesprochen hatten. Die ganze Zeit waren meine Kollegen und ich damit beschäftigt, Gespräche über mehrere Reihen, sowie lautes Knistern oder Essen zu unterbinden, Schüler in aufrechte Sitzposition zu bringen, die angestrengt so taten, als müssten sie vor lauter Langeweile einschlafen oder auch nur daran zu hindern, ihre Füße auf den Lehnen des Vordermannes zu positionieren. „Mache ich im Kino auch immer!“
Kurz und gut: Ich hatte maßlosen Schiss, mich in einer öffentlichen Vorstellung in Rathen vor tausenden von Besuchern bis auf die Knochen zu blamieren.
Ich mache Klassenfahrten seit vielen Jahren, deshalb kann ich aufgrund wirklich eigener Erfahrung behaupten: Die Erwartungen an eine Klassenfahrt haben sich deutlich geändert. Und das nicht nur, was die Qualität der Unterkunft angeht.
Wie weit gehen da die Ansichten von Schülern, Eltern, Lehrern und offizieller Seite eigentlich auseinander?
Meine Schüler wollten auf jeden Fall ins Ausland und Spaß haben. Wobei Spaß haben nicht genau definiert werden konnte. Aber zumindest sollte es nicht zu anstrengend werden. Da herrschte Einigkeit. Und nicht ins Museum. Und keine langweiligen Stadtführungen. Mmmhhhh... Am liebsten mit dem Flugzeug. Aber heutzutage weiß man nie, wann die nächste Airline Insolvenz anmeldet oder welche Piloten oder welches Bodenpersonal gerade streiken, wenn man eigentlich in den Flieger steigen möchte. Selbstredend wird es auch gleich sehr viel teurer. Und mit dem Bus ins Ausland zu fahren, heißt auf Hin- und Rückreise gerne mal 14 Stunden oder mehr im Bus zu hocken. Keine erholsamen Aussichten. Und zu guter Letzt kann ich im Ernstfall niemanden nach Hause schicken, also auch gar nicht erst damit drohen. Auch das gab mir in der Tat zu denken.
Trotz allem waren sich auch die Eltern hierin in weiten Teilen einig: Eine Klassenfahrt sollte ins Ausland gehen. Wieso fahren Sie nur nach Deutschland? Nicht zu teuer sollte es dennoch sein! Auch hier liegen die Wohlfühlwerte weit auseinander. Ich habe mir gerade angelesen, dass die Kosten in Berlin im Durchschnitt derzeit bei 500 Euro pro Klassenfahrt und Schüler liegen. Im Durchschnitt! Wobei die Spanne zwischen den Bezirken weit auseinanderklafft und an welcher Position Neukölln rangiert, wird wohl nicht als die Eine-Million-Euro-Frage bei Günther Jauch zugelassen werden. Das Verlustpotential wäre deutlich zu hoch.
Auf eine parlamentarische Anfrage von Sebastian Schlüsselburg, Abgeordneter der Linkspartei nach Ausgaben für Klassenfahrten im Bezirk Lichtenberg im Jahr 2016 gab Staatssekretär Mark Rackles (SPD) Antwort und somit Aufschluss über die Situation in ganz Berlin.
Im Jahr 2016 wurden in Berlin fast 10 Millionen Euro für Klassenfahrten bewilligt. Das meiste Geld floss mit 1,5 Millionen Euro nach Neukölln, direkt gefolgt von Berlin-Mitte mit Ausgaben in Höhe von 1,4 Millionen – beides sind Bezirke mit einer hohen Zahl von armen Schülern. Die wenigsten Zuschüsse benötigten Schüler im vergleichsweise wohlhabenden Steglitz-Zehlendorf. Hierhin flossen rund 0,36 Millionen Euro, obwohl die absolute Anzahl der Schüler hier noch über der von Neukölln oder Mitte liegt.
Unsere Klassenfahrt kostete in Summe 259 Euro für Hin- und Rückfahrt im eigenen Reisebus, Unterkunft, Halbpension, Aktivitäten und Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel.
Für etwa zwei Drittel meiner Schüler hat das Land Berlin gezahlt, weil die Eltern aus verschiedenen, hier nicht beleuchteten Gründen, diese finanzielle Belastung aus eigenen Mitteln nicht stemmen können. Das ist sehr gut, damit alle Kinder gleichermaßen an Wandertagen und Klassenfahrten teilnehmen können. Obwohl ich der Meinung bin, dass es grundsätzlich sinnvoller wäre, wenn für alle Kinder, unbesehen vom Einkommen der Eltern, ein oder zwei Klassenfahrten in der Mittelstufe durch das Land finanziert würden. Es könnte eine finanzielle Obergrenze geben und vieles wäre einfacher.
Vor einigen Jahren machten sich 15 Schüler eines Berliner Gymnasiums, genauer gesagt eines Englisch-Leistungskurses dieses Gymnasiums, mit Begleitern auf zu einer Kursfahrt nach New York. Und wer jetzt denkt, es handele sich um eine hochgelobte Privatschule, an der sich nur Kinder gutbetuchter Anwälte, Zahnärzte und weltbekannter Schauspieler tummeln, der irrt gewaltig. Hier hatten überdurchschnittlich viele Eltern Anspruch auf Kostenübernahme für eine Klassenfahrt durch das Land Berlin. In Berlin gibt es keine Obergrenze für diese Kostenübernahme, in der Regel regulieren sich diese Kosten durch die selbst zahlenden Eltern einer Klasse. Das war hier aber offensichtlich nicht der Fall. Also bewilligte zuerst der Schulleiter die Klassenfahrt und dann das Jobcenter stolze 38085 Euro für 15 Schüler aus der Steuerkasse, 2539 Euro pro Kopf. Drei nicht unterstützungsberechtigte Schüler blieben zu Hause. Der Schulleiter versicherte aber, dass deren Nichtteilnahme keinen Bezug zur Höhe der Reisekosten hatte.
Dagegen warten verbeamtete Lehrer monate-, manchmal sogar jahrelang auf die Rückzahlung ihrer Dienstreisekosten, die durch eine Klassenfahrt entstehen. Und das ist dennoch ein deutlicher Fortschritt, denn es ist noch nicht sehr lange her, da wurde mir eine Klassenfahrt sogar überhaupt nur dann genehmigt, wenn ich von Vornherein per Unterschrift auf sämtliche finanziellen Ansprüche verzichtete und demzufolge alle Kosten vollständig aus eigenen Mitteln trug, abzüglich des Betrages, den mir das Finanzamt erstattete, weil ich die Kosten von der Steuer absetzen konnte. 5 Tage durcharbeiten und dafür auch noch ordentlich zahlen. Welche Berufsgruppe kann da mithalten?
Und auch jetzt zieht mir mein Arbeitgeber, also das Land Berlin, die Verpflegungskosten von der Rückerstattung ab. Essen müsste ich ja auch, wenn ich zu Hause bliebe. Die Spaghetti mit Tomatensoße und der Früchtetee gehen auf mich!
Zurück zur Kostenübernahme für Klassenfahrten in meiner Klasse. Damit dies so funktioniert, fülle ich den dafür vorgesehenen Antrag mit den entsprechenden Angaben inzwischen eigenhändig aus, kopiere das Ganze mehrere Dutzend Mal, stemple und unterschreibe ihn und gebe die Formulare mit nach Hause, damit dort die privaten Daten ergänzt werden können und sich niemand selbst den Weg ins Sekretariat oder aufs Amt machen muss, um das unerlässliche Antragsformular zu besorgen. Es fehlten also der eigene Name, Adresse, eine Unterschrift und die Rechnungsnummer. Allein das erwies sich häufig schon als Herausforderung, obwohl ich diese ominöse Nummer auf jeder einzelnen Rechnung des Reiseveranstalters, die ich den Eltern gegen Unterschrift ausgehändigt hatte, vorab farbig markiert habe.
Ich kopiere immer gleich zwei Dutzend Anträge mehr, weil so ein Zettel ja schnell mal verschwindet. Ist weg, verlegt, habe ich gar nicht bekommen, wurde mitgewaschen, hat der Hund gefressen, hat der kleine Bruder zerknüllt/ zerrissen/ vollgesabbert ... Was auch immer, der Gründe gibt es viele. Die Anträge sind weg und es bedarf eines Ersatzes.
Die Einzahlungen verliefen wie zähes Verkehrsaufkommen zur Feierabendzeit auf der Stadtautobahn. Und Stadtautobahnen im Berufsverkehr kennt irgendwie jeder. Es kam, wie es immer kommt: nach dem letzten Einzahlungstermin fehlte Geld. Selbst am allerletzten Arbeitstag vor unserer Abreise fehlte beim Veranstalter die Einzahlung für eine komplette Reise. Die hat dann erst einmal die Schule übernommen.
Und das war ein ganz besonderer Fall. So oder ähnlich erlebe ich ihn aber bei jeder Klassenfahrt. In den meisten Fällen läuft die Zahlung der öffentlichen Zuschüsse für Klassenfahrten reibungslos, wenn die notwenigen Anträge komplett ausgefüllt werden und den zuständigen Bearbeiter rechtzeitig (!) erreichen. Wenige Tage danach werden in der Regel von den zuständigen Stellen die ersten Gelder auf das Klassenfahrtkonto überwiesen. Wenn das nicht passiert, fange ich an, Eltern und Schüler zu erinnern. Erst mündlich, dann schriftlich.
Die Anträge hatte ich im November mit nach Hause gegeben, im März, auf dem Weg in den Osterurlaub, schrieb ich die ersten Erinnerungsmails, da bei etlichen sogar die Anzahlung von 50 Euro, die Ende Dezember fällig gewesen wäre, noch offen war. Alle reagierten, alle gelobten schnellst mögliche Überweisung, zwei taten es wirklich. Im Mai schrieb ich die nächsten Erinnerungen. Letzter Zahlungstermin war der 31. Juli, also noch immer genug Zeit. Bis dahin trudelten dann auch Gelder ein und die meisten hatten die erwartete Summe auch ziemlich genau getroffen. Mal 50 Euro mehr, mal 7,20 Euro weniger, oder irgendetwas dazwischen. Nur für Elaha fehlte die komplette Summe. Die Familie hüllte sich in Schweigen, obwohl ich in den Sommerferien aus Irland weitere Erinnerungsmails schrieb. Ich blieb am Ball und klärte jetzt unverhohlen über rechtliche Konsequenzen auf.
Am 20. August, es war bereits wieder Schule, erhielt ich gruß- und kommentarlos über eine allseits bekannte Kommunikationsplattform, an dieser Stelle mal ein Hoch auf die modernen Umgangsformen, das Foto eines amtlichen Schreibens, in dem Frau E., Elahas Mutter, vom Jobcenter mitgeteilt wurde, dass ihr Antrag nicht bearbeitet werden konnte, weil Kreuze an falscher Stelle gesetzt seien und Sie bitte bis zum 18.8. einen neuen Antrag einreichen möge. Das Schreiben war vom 01. August. Wohlgemerkt, die Anträge sind alle Kopien des Ur-Antrages, den ich ausfülle und ganze 15 davon waren vom selben Amt schon anstandslos bearbeitet worden. Rechtzeitig in einem Zeitraum von 9 Monaten, vor Ablauf der Einzahlungsfrist. Die Frage an Frau E., ob denn ein neuer Antrag abgegeben worden sei, blieb unbeantwortet, auch wenn ich es mir denken konnte, ich hatte ja keinen unterschrieben. Also griff ich mir die Ich-weiß-nicht-wie-vielte-Kopie meines Ur-Antrages, füllte ihn mit Elaha aus, stempelte und unterschrieb ihn, bat um Unterschrift der Mutter und sofortige Abgabe beim Amt.
Nichts passierte. Ich schrieb eine weitere Erinnerungsmail und schloss mit der Bitte, mir irgendetwas zu bringen, in dem das Amt bestätigte, dass der Antrag abgegeben wurde und bearbeitet werde.
Nichts passierte und es war bereits Ende August. Am 10. September wollten wir fahren. Der Reiseveranstalter wurde unwillig und drohte mit Nichtaushändigung der Unterlagen. Ich rief im Jobcenter an, weil ich hoffte, man könne mir zumindest bestätigen, dass der Antrag eingegangen sei. Aber erstens erreicht man telefonisch nur eine zentrale Stelle irgendwo im Berliner Ämter-Nirvana, die gar nichts weiß und nur allgemeine Auskünfte erteilen kann und zweitens könne man mir aus Datenschutzgründen gar nichts sagen. Zum Elternabend ersuchte ich die Mutter dringend, mir die erbetene Bestätigung zu bringen.
