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Der Autor Hans Baesekow erzählt über seine Jugendjahre in seiner Heimatstadt Rathenow (1943-1960). Dabei schmiedet er Freundschaften, die ein Leben lang halten sollen und trifft die Frau seines Lebens. Er erzählt von seinem Vater, der 1946 in die Sowjetunion musste. Immer zeugen Tagebuchauszüge von seinen Gefühlen. Er berichtet über seine Reisen mit dem Fahrrad und dem Paddelboot und baut gekonnt kleine Anekdoten ein.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2015
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1. Meine Kindheit (1934 – 1945)
2. Meine Jugend (1945-1954)
3. Meine Reifezeit (1954 – 1960)
4. Epilog
5. Bilder meiner Stadt
6. Nachtrag
7. Zufälle und Entscheidungen
8. Vorfahren und Nachkommen
9. Ein Tag im Februar (2007)
10. Nachwort
Meine Lebensphilosophie:
„Habe die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die du nicht ändern kannst, den Mut und die Kraft, Dinge zu ändern, die du ändern kannst und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
(Marie von Ebner-Eschenbach)
Zuweilen komme ich wieder zurück in meine Geburtsstadt Rathenow. Da außer Lothar Schmidt alle meine alten Freunde in andere Gegenden verzogen sind, ist es meist nur noch zweimal im Jahr: im November schmücken wir die Gräber zum Totensonntag, und im Frühjahr werden sie wieder abgedeckt, d.h. der Winterschmuck entfernt. Meines Vaters Grab ist längst verschwunden, hier stehe ich jetzt an einer Streuwiese. Keine hundert Meter weiter befindet sich auf dem städtischen Friedhof das Urnengrab meiner Mutter, sie überlebte ihren Mann
16 Jahre und starb 1986.Geht man von der Milower Straße den Weinberg hinauf, befindet sich auf der rechten Seite der kirchliche Friedhof. Hier ruhen in einer Grabstelle vereint meine Tante Elise und ihr Mann Max Lücke. Ach ja, der Weinberg! Von Premnitz her kommend, grüßt schon vor dem Stadteingang in der Ferne der Bismarckturm. Er steht eben auf diesem kleinen Hügel als ein Wahrzeichen meiner Heimatstadt. Wenn ich ihn auftauchen sehe, weiß ich, ich bin gleich wieder in Rathenow.
Am 4.Tag im Monat Oktober des Jahres 1934 erblickte ich in der Bergstraße 3 das Licht der Welt. Es war eine Hausgeburt, und ich soll ein strammer Junge gewesen sein. Ich war das erste Kind, dass meine Mutter mit 31 Jahren zur Welt brachte, und ich sollte auch ihr einziges bleiben. Trotzdem hatte ich eine Schwester Edith, die mein Vater aus erster Ehe besaß, also eine so genannte Halbschwester, immerhin 10 Jahre älter. Unsere Wohnung befand sich in einem kleinen einstöckigen Haus der Familie Heinze, in einer der älteren Straßen der Stadt. Wenn ich später, als ich schon lange nicht mehr in Rathenow wohnte, diese Straße entlang ging, dachte ich im Spaß, vielleicht wird sich einst an diesem Haus eine Gedenktafel befinden mit der Aufschrift :“ Hier wurde der Sohn unserer Stadt Hans Baesekow geboren und verbrachte die ersten 6 Jahre seines Lebens.“ Aber meine Berühmtheit hielt sich in engen Grenzen, ich war eben kein Johann Heinrich August Duncker mit großen Verdiensten um seine Stadt. Und als ich später wieder einmal hier vorbeikam, waren die ersten 3 Häuser in der Bergstraße abgerissen, an der Stelle meines Geburtshauses befand sich ein freier Platz. Aber das Nachbarhaus, die Nummer 4 stand ja noch, und auch zu diesem Haus hatte ich eine enge Beziehung. Hier wurde nur fast zwei Monate später, am 26.11.1934, ebenfalls ein Junge geboren, der zweite Sohn der Familie Hinneburg bekam den Namen Günter. So kam es, dass wir beide im September 1941 in der Neustädtischen Schule zusammen eingeschult wurden, wobei sich eine unvergleichliche und herzliche Freundschaft zwischen uns entwickelte, die auch heute nach Jahrzehnten noch Bestand hat. Obwohl sich unsere Lebenswege nach dem Ende der Oberschulzeit trennten, riss unsere Verbindung nie ab. So viele Gemeinsamkeiten, ergänzende Gegensätze und verbindende Erlebnisse schweißten das Freundesband fest zusammen. Heute trennt uns beide die räumliche Entfernung zwischen Rostock und Dessau, aber sie ist nicht so groß, dass wir uns nicht jedes Jahr ein paar mal treffen. Er ist bis heute mein bester Freund geblieben.
Wir waren also beide schon fast 7 Jahre alt, als wir das erste Mal mit einer großen Schultüte das Klassenzimmer betraten. Ohne Überheblichkeit kann ich sagen, dass wir beide während unserer gemeinsamen Schulzeit stets zu den guten Schülern gehörten und das Klassenkollektiv prägten. Natürlich blieben wir dadurch auch nicht sitzen und brauchten trotzdem 13 Jahre, um im Sommer 1954 mit dem Abitur aus der Karl-Marx-Oberschule entlassen zu werden. Schuld daran hatte der 2.Weltkrieg, der ja bei Schulbeginn bereits in das zweite Jahr eintrat. Als wir nämlich 1944 die 4.Klasse begonnen hatten, gab es durch die Kriegseinwirkungen kaum noch geregelten Unterricht, so dass wir nach Kriegsende unverschuldet noch einmal mit der gleichen Klasse anfangen mussten.
Wenn wir heute in Erinnerung noch einmal die große Zahl von Lehrern und Lehrerinnen Revue passieren lassen, die unseren jugendlichen Lebensweg begleiteten und prägten, so denken wir mit mehr oder weniger Dankbarkeit an fast alle. So besonders zum Beispiel in den ersten Jahren unserer Schulzeit an den damals schon alten Herrn Schumacher, an Herrn Gerhard Dannehl, später dann an Herrn Sparmann und Fräulein Vater, Herrn Heinrich Mede und Frau Moritz und stark ausgeprägt an Herrn Heinz Schirrholz.
Aber der Reihe nach. In den ersten Jahren unserer Schulzeit merkten wir noch nicht viel vom Krieg. Mein Vater arbeitete als Werkzeugmacher in der optischen Firma Duchrow in der Mittelstraße. Er war mittlerweile über 40 Jahre alt und in einem kriegswichtigen Betrieb tätig, so dass er nicht als Soldat eingezogen wurde. Ich glaube, es war Ende1941, als wir mit Vermittlung des Betriebes von der Bergstraße 4 in die Jägerstraße 87 umzogen und hier im ersten Stock eine schönere und größere Wohnung bekamen. Trotzdem ging ich weiter in die Neustädtische Schule, pendelte auch sonst ständig zwischen Jäger- und Bergstraße, weil ich ja mit meinem Freund Günter Hinneburg Schularbeiten machen musste, oder weil es zu Hause mal nicht so etwas nach meinem Geschmack zu essen gab und ich bei meiner Großmutter Wagener , die ebenfalls in der Bergstraße wohnte, was besseres bekam. Übrigens: die Jägerstraße hieß bald darauf Straße der SA, und nach dem Kriege wurde sie in Goethe-Straße umbenannt. Aber da waren die Häuser Nummer 87 – 92 nur noch Ruinen und erst ab der Nummer 86 (Pestalozzi- oder auch Hilfsschule) noch bewohnbar.
Bald schon bekamen auch wir den Krieg zu spüren. Immer häufiger gab es Fliegeralarm, ich kann mich noch deutlich an die Kondensstreifen erinnern, wenn hoch am blauen Himmel die todbringenden Bomber nach Berlin flogen. Wir saßen aber meist im Luftschutzkeller unseres Hauses und warteten sehnsüchtig auf die Entwarnung. Eines Tages, es war wohl der 18. April 1944, erfolgte auch ein Luftangriff auf Rathenow. Ein furchtbares Getöse, Detonationen ganz in der Nähe und die schreckliche Angst, es könnte auch bei uns einschlagen. Als es wieder ruhig geworden war, ging mein Vater mit anderen Männern nach oben, um nach dem Rechten zu sehen. Wie sie berichteten, brauchten sie nur eine Brandbombe mit Sand zu löschen, die ihren Weg durch das Dach nur bis zum Boden gefunden hatte. Bekanntlich gab es bei diesem Luftangriff viele Tote und Verletzte in Rathenow. Zahlreiche Häuser in der Innenstadt und auch ganz in der Nähe waren zerstört. Es gab da noch so einen beißenden Brandgeruch, der auf der Straße zu spüren war. Er ist in meiner Erinnerung so stark haften geblieben, dass mir reflektorisch dieses Ereignis wieder bewusst wird, wenn ich heute zufällig an einer Brandstelle vorbeikomme. Übrigens war auch unser Apollo-Theater, das größte und bekannteste Kino der Stadt, ausgebrannt, es stand an der Ecke zur Berliner Straße auf dem heutigen Märkischen Platz. Da ich ein begeisterter Kinogänger war, tat mir das besonders leid, weil ich künftig in das weniger schöne Kino „Capitol“ gehen musste. Einige Filme sind mir besonders in Erinnerung geblieben: „Standschütze Bruckler“, “Kadetten“, „Der große König“, „Choral von Leuthen“ oder „Die große Liebe“. Ich weiß heute noch nicht, wie ich in den letzteren Film mit meinen knapp 10 Jahren hineingekommen bin, aber so war ich schon damals ergriffen, als Zarah Leander am Schluss des Films sang: „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“. Es war eigentlich schon ein widersprüchliches Phänomen: einerseits die jugendliche Begeisterung für diese Kriegsfilme und andererseits die panische Angst, wenn die Bomben fielen.
Dann kam die Zeit, wo wir fast jede Nacht in den Luftschutzkeller mussten. In dem Fabrikgebäude der Firma Duchrow gab es einen besonders hergerichteten Luftschutzraum, der war sicherer als der im Keller unseres Hauses. Auf einem direkten Verbindungsweg zwischen Jäger- und Mittelstraße gelangten wir über die Höfe dorthin und trafen dann hier auch auf die Bewohner der benachbarten Häuser. Das Brummen der Flugzeuge drang bis in den Luftschutzraum. Ich weiß noch, dass ich mir dann aus Angst immer die Ohren zuhielt, als ob ich damit auch die Gefahr von mir fernhalten konnte. Bei uns fielen jedoch keine Bomben mehr.
Was ist mir aus dieser Zeit noch in Erinnerung geblieben? Insbesondere meine Erkrankung an Diphtherie und der Aufenthalt in der Isolierstation des Krankenhauses. Wieder genesen, aber noch sehr geschwächt, wurde beschlossen, dass ich meine Tante und meinen Onkel im Juli 1942 auf ihrer „Kraft-durch-Freude“-Reise nach Ruhpolding in Bayern begleiten durfte. Eine lange Bahnfahrt mit Umsteigen in München und ein herrlicher Aufenthalt in der für mich doch unbekannten Hochgebirgswelt. Genau so unbekannt, wie die schmackhaften Walderdbeeren und das Glas Buttermilch mit kleinen Butterstückchen darin. Ja, es ist schon eigenartig, welche Kleinigkeiten im Gedächtnis eines 8-jährigen Jungen haften bleiben.
Den so erfreulichen Urlaubseindrücken sollten bald schlimme Ereignisse folgen, die sich wieder in meiner Heimatstadt ereigneten. Der Krieg kehrte zu seinem Ausgang zurück, und die Front rückte von Osten her immer näher. Man erzählte später, um der Waffen-SS den Rückzug über die Elbe zu ermöglichen, musste die Stadt mit allen Mitteln „verteidigt“ und die Russen möglichst lange aufgehalten werden. Davon wussten wir aber zu dem Zeitpunkt noch nichts, als eines Tages im April 1945 die Sirenen heulten. Dieses Mal kein Luftalarm, sondern „Feindalarm“. Mein Vater sagte, nehmt nur das Notwendigste mit, denn morgen können wir sicherlich wieder in unseren Betten schlafen. Es sollte nun zwar das letzte Mal sein, dass wir den Luftschutzkeller der Firma Duchrow aufsuchten, aber unsere Wohnung konnten wir nie wieder betreten. Ich weiß nicht mehr, wie lange die Zeit in diesem Raum mit der Panzertür dauerte, vielleicht eine Woche oder auch nur 2 Tage? Wieder wie damals beim Luftangriff ein furchtbares Getöse, Granateinschläge wohl ganz in der Nähe. Ein deutscher Stoßtrupp hastet durch die Kellerräume, kurz danach wieder der Rückzug mit einem Verwundeten, der bei uns zurückbleibt. Draußen soll ein toter Soldat liegen, mein Vater geht hinaus, um ihn abzudecken, damit uns Kindern der Anblick erspart bleibt. Er kehrt unversehrt in den Keller zurück. Dann plötzlich die Meldung: „Unser Haus brennt!“ Eine Frau hastet davon, um noch Sachen zu retten, kehrt jedoch kurz danach zurück, weil auf sie geschossen wurde. Wir müssen hilflos zuschauen, wie die Flammen aus den Fenstern schlagen und alles ein Raub des Feuers wird. Ich bin 10 Jahre und kann die Tragweite vielleicht nicht vollends erfassen, aber wie muss es meinen Eltern ergangen sein?! Später wird mein Vater dann sagen: “Wenn wir auch vieles verloren haben, das Wichtigste, wir sind selbst unversehrt aus den Wirren des Krieges herausgekommen.“ Doch zu diesem Zeitpunkt steht das noch nicht fest. Noch zittern die Wände von den Granateinschlägen, noch fragen alle, wann hört das endlich auf. Da trifft mein Vater die Entscheidung: „Wir flüchten aus der Stadt aufs Land“. Es ist nachmittags, als einmal etwas Ruhe eingetreten ist, da packen wir unsere paar Habseligkeiten und verlassen den Keller in Richtung Mittelstraße. In der Waldemarstraße stehen deutsche Soldaten in den Hauseingängen mit Blickrichtung zur Jägerstraße, wo sich der „Feind“ befindet. Wir hasten an ihnen vorbei in die Gegenrichtung. An der Ecke Fehrbelliner-Straße liegt eine tote Frau mit einem Rucksack auf dem Rücken. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich einen toten Menschen.
