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Es gibt zahllose Veröffentlichungen mit geschichtlichenThemen, für Fachleute ebenso wie für Laien. Dabei stehen allermeist die Mächtigen und die "Helden" im Vordergrund, in Europa dazu noch die christliche Religion und insbesondere die katholische Kirche mit einer eigenen sehr blutigen Geschichte. Sehr versteckt nur spielen religionskritische und atheistische Strömungen in den üblichen Geschichtswerken eine Rolle. Es gibt auch nur wenige und dann sehr umfangreiche Werke zum Thema Geschichte und Atheismus. Hier nun soll diese "Kurze Geschichte des Atheismus" einen raschen Überblick gewähren über ein ganz spannendes Thema, das auch heute noch gar zu gern unterdrückt wird. Und man lernt dabei eines: Im Namen des Atheismus wurden noch nie Kriege geführt! Aber allzu oft gegen ihn!
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Seitenzahl: 121
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Heinz Boemer
Eine kurze Geschichte des Atheismus
Von der Frühgeschichte bis in die Gegenwart
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Einleitung
Frühgeschichte
Griechisch-römische Antike
Europäisches Mittelalter
Renaissance
Neuzeit
20. und 21. Jahrhundert
Zeittafel
Anhang
Fußnoten
Impressum neobooks
In den Monaten Februar, März und Juni des Jahres 2015 wurde von der Regionalgruppe Stuttgart/Mittlerer Neckar der Giordano-Bruno-Stiftung (GBS) über den Sender Freies Radio für Stuttgart eine dreiteilige Sendung zur Geschichte des Atheismus ausgestrahlt.. Der Autor dieser hier vorgelegten Kurzen Geschichte des Atheismus war seinerzeit für den Text der ausgestrahlten Sendungen verantwortlich. Da der Sender Freies Radio für Stuttgart nur in einem geografisch eng begrenzten Raum zu empfangen ist, entstand die Idee, die damals vorgestellten Inhalte einem breiteren Publikum anzubieten, eben in Form eines Buches. Dieses liegt nun hier vor. Dabei wurde die Gelegenheit genutzt, den Text etwas zu überarbeiten, vor allem aber, die Inhalte um einige Details anzureichern und zeitlich bis in das 21. Jahrhundert auszuweiten, denn jene kleine Sendereihe endete mit der Wende zum 20. Jahrhundert.
Über die Geschichte des Atheismus gibt es nicht allzu viele Werke, hervorzuheben sind hier v. a. zwei Arbeiten: zum einen die schon 1922/23 erschienene vierbändige Geschichte des Atheismus im Abendlande von Fritz Mauthner, zum anderen die 2000 erschienene Geschichte des Atheismus von Georges Minois, einem französischen Historiker. Beide Werke wurden hauptsächlich für die Radiosendungen wie auch das hier vorliegende Bändchen herangezogen. Hinzu kamen einige weitere Quellen, wie aus dem Bücherverzeichnis im Anhang zu ersehen. Auf die Quellen wird jeweils im Text Bezug genommen.
Die Jahrtausende lange Geschichte des Atheismus in einem so schmalen Band wie dem vorliegenden darstellen zu wollen ist natürlich ein kühnes Unternehmen. Allzu vieles musste verkürzt dargestellt werden, vieles musste ganz weggelassen werden. Andererseits wirken die beiden oben genannten sehr umfangreichen Werke von Mauthner und Minois für den nicht speziell Interessierten eher abschreckend. So glaubt der Autor, diese bewusst sehr kurz gehaltene Übersicht über die Geschichte des Atheismus verantworten zu können. Und sollte sich der eine oder andere Leser dadurch angeregt fühlen, mehr zu erfahren über die Freidenkerei und die höchst spannenden Kritiken an der Religion allgemein und das Christentum speziell, so kann er sich ja der angeführten Literatur bedienen. Wenn es gelingen sollte, die Hauptströmungen des (religions-)kritischen Denkens über seine lange Zeit hinweg etwas allgemeiner bekannt zu machen, so wäre das Ziel dieses Bändchens erreicht.
Im Übrigen sei noch angemerkt, dass jene drei Radiosendungen aus dem Jahr 2015 in bebilderter Form auf youtube.de unter der Eingabe „GBS“ nachzuhören sind. Diese sehr gelungene Darstellung ist dem Videofilmer Volker Kirsch zu verdanken.
Seit wann es Atheisten geben mag, weiß man nicht. Jedenfalls ist der Atheismus sehr alt, viel älter als das Christentum. Man kann mit der Geschichte der religionskritischen Denkrichtungen dicke Bücher füllen, wie die oben angeführten zwei großen Werke zeigen, zum einen von Fritz Mauthner (1849-1923, Philosoph und Schriftteller) das vierbändige Werk Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande, erschienen in den Jahren 1920-1923, zum anderen von Georges Minois Geschichte des Atheismus aus dem Jahre 2000. Ansonsten sind geschichtliche Darstellungen zum Atheismus nur recht verstreut aufzufinden
Ehe wir in die Geschichte des Atheismus einsteigen, sollen noch einige in diesem Zusammenhang verwendete Begriffe erläutert werden.
Atheist: Ein Atheist ist ein Mensch, der nicht an Gott glaubt. An keinen Gott. Dann gibt es noch jene, die sich Agnostiker nennen. Sie können sich vielleicht nicht so recht entscheiden und sagen, sie glaubten weder an die Existenz Gottes noch an seine Nichtexistenz. Denn weder das eine noch das andere sei zu beweisen. Womit sie durchaus Recht haben. Den sogenannten lieben Gott des Christentums lehnen sie jedoch zumeist ab, in dieser Hinsicht haben sie also eine gemeinsame Schnittmenge mit den entschiedenen Atheisten. Dann gibt es jene, die sich Deisten nennen oder auch Freidenker, sie leben in der Vorstellung von einem Gott irgendwie, der zwar das All geschaffen haben mag – er muss also aus naturwissenschaftlicher Sicht den Urknall inszeniert haben - der aber, im Gegensatz beispielsweise zum christlichen Gott, nicht in das Leben der Menschen, ja in das Geschehen im All eingreift. Vom christlichen Standpunkt aus sind sie also in den Umkreis der Ungläubigen zu rechnen, denn den Gott der Deisten anzubeten lohnt nicht, er leistet den Menschen keinerlei Beistand, also kann man auf ihn gut verzichten, ihn zu lobpreisen oder ihm Tempel zu bauen ist sinnlos. Der Deismus findet bis heute weite Verbreitung, oft sind deren Anhänger sich dessen nicht klar bewusst, weil sie sich durchaus als Gottgläubige empfinden, aber an das praktische Eingreifen Gottes in ihr eigenes Leben oder das anderer nicht recht glauben mögen. Recht häufig, von der Antike an, gibt es den sogenannten Pantheismus. Pantheisten pflegen eine Weltanschauung, in der sich Gott oder Götter ganz allgemein in der uns umgebenden Natur verkörpern. Diesen Pantheismus, wie wir noch sehen werden, kann es mit Gott und auch ohne einen solchen geben. Jedenfalls ist in dieser Geistesrichtung ein persönlicher Gott, der ein moralisch gutes Leben belohnt und ein weniger gutes bestraft, nicht vorgesehen. Unter dem Begriff Theismus schließlich werden all jene Anschauungen zusammengefasst, in denen der Glaube an einen Gott oder mehrere Götter grundlegend ist, wie immer auch diese beschaffen sein mögen.
Wie und wann und wo fingen Religion und ihr Gegenpol Atheismus überhaupt an? Diese Anfänge liegen im Dunkel der Geschichte, in prähistorischer Zeit. Zwar versuchen Archäologen immer wieder, urgeschichtliche Monumente wie Stonehenge in England oder Göbeklitepe in der Türkei, um nur zwei Beispiele zu nennen, als religiös motiviert zu deuten, aber eindeutige Überlieferungen religiöser Art sind erst durch Kulturen möglich, die über eine Schrift verfügten und diese so fixieren konnten, dass sie bis in unsere Tage erhalten blieb. Soziologen und Ethnologen wie auch natürlich Philosophen versuchten und versuchen immer noch, in das Dunkel der Vorgeschichte vorzudringen, indem sie beispielsweise noch existierende sog. Naturvölker und ihre Verhaltensweisen studieren. Doch ist dieser Schluss von heute lebenden Naturvölkern auf die Völker der Vorgeschichte eine grundsätzlich fragwürdige Methode. Es wundert daher nicht, dass verschiedene Forscher zu ganz widersprüchlichen Aussagen kommen. Meint der eine, wie z. B. John Lubbock vor über 100 Jahren, der sich mit primitiven Volksstämmen in Australien und Feuerland und auch anderswo beschäftigte und herausfand, wie er meinte, dass es völlig atheistische Völker gebe oder gegeben habe. Er war der Meinung, die frühe Menschheit sei atheistisch gewesen, das heißt, sie habe keine Idee irgendeiner göttlichen Welt gehabt. Andere Forscher des ausgehenden 19. Jahrhunderts widersprachen dem jedoch und glaubten, bei sogenannten primitiven Völkern religiöse Gefühle und gar einen Urmonotheismus gefunden zu haben. Wieder andere fanden bei einigen afrikanischen Völkern, z. B. den Pygmäen und den Bantus, eine Art Deismus, sie glauben an ein höchstes, allmächtiges Wesen, dem häufig kein Kult gewidmet ist, denn dieser Gott sei unerreichbar und kümmere sich nicht um die Menschen. 1
Aus dem alten Indien gibt es erstmals Dokumente, aus denen hervorgeht, dass es in Indien etwa 2000 Jahre früher als in Griechenland Atheisten gegeben hat. Selbst der Dictionaire théologie catholique räumt dies ein.2 Wir halten fest: Schon in uralten Zeiten gab es nicht nur Religion, sondern auch deren Gegenpol, den Atheismus. Vermutlich entstanden beide gleichzeitig.
China bietet dann ein erstes Beispiel für die Vielfalt atheistischer Haltungen. Zu nennen sind da der späte Taoismus ebenso wie der Mystizismus von Laotse und der Buddhismus sowie insbesondere die zentrale Religion des traditionellen Konfuzianismus, der ein wahres Kaleidoskop atheistisch-religiöser Facetten darstellt, wie der Buddhismus eine Art Religion ohne Gott. Auch im antiken Persien ist unter dem Namen Zervanismus eine atheistische Strömung zu finden, mit Zervan als höchstem unpersönlichem Prinzip, einer Spekulation über die unendliche Zeit. Diese Strömung wurde vom Parsismus verurteilt und als gottlos verfolgt. Im alten Ägypten und Babylonien finden sich keine Spuren von Atheismus, was aber nicht heißen muss, dass es keine Atheisten gab, Menschen eben, die keinen Kult, keine Riten, keine Tempel und keine liturgischen oder dogmatischen Texte besaßen.3 Auffallend ist aber der Versuch des Pharaos Echnaton gegen Ende des 2. Jahrtausends v. u. Z., mit der alleinigen Verehrung der Sonne als Gott einen Monotheismus einzuführen. Hermann Ley deutet diesen gegen die herrschende Priesterschaft gerichteten religiösen Umsturz als großen Schritt quasi in Richtung Atheismus, zumindest als aufklärerischen Versuch. Aber schon Echnatons Nachfolger Tutanchamon kehrte zu den früheren Verhältnissen zurück, vermutlich unter dem Druck der mächtigen Priesterschaft. 4
Auch unter den alten Hebräern gab es Zweifler und Gottesleugner. Aus verschiedenen Passagen des Alten Testaments lässt sich indirekt auf die Existenz von Ungläubigen schließen. Gleich mehrfach wird da mit den Gottlosen gehadert, die die Existenz Gottes leugnen: Zum Beispiel in Psalm 10,4 heißt es ganz klar:
Überheblich sagt der Frevler: Gott straft nicht. Es gibt keinen Gott. So ist sein ganzes Denken.
Oder Psalm 14,1: Die Toren sagen in ihrem Herzen: Es gibt keinen Gott.
Und Jeremia erklärt: Sie haben den Herrn verleugnet und gesagt: Er ist ein Nichts.
Auch in den Büchern Sirach, Hiob und Kohelet finden sich äußerst skeptische Passagen. Gläubige Exegeten freilich neigen dazu, solch klare Aussagen abzuschwächen oder gar zu entstellen.
Wenn wir über Atheismus und verwandte Denkströmungen in der griechischen Antike sprechen, haben wir heutigen Menschen ein gewisses Problem, denn wir verstehen unter Religion und religiösem Verhalten, unter Glauben eine Haltung, die immer die Idee der Transparenz einschließt, also die Vorstellung, dass es etwas Wichtiges und unser Leben Bestimmendes gibt, das über die irdische Welt hinausgreift. Das ist bei den alten Griechen anders, ihnen widerstrebt diese Vorstellung einer Transzendenz. Für sie ist die letzte Realität die Natur, und nicht nur der Mensch ist ein Teil von ihr, sondern auch die Götter sind es, sie befinden sich in der Welt. Sie sind ewig, immerhin, besitzen aber eine körperliche Gestalt, sie greifen aktiv in das menschliche Leben ein, sie reden zu den Menschen, wenn auch in Orakeln, und lassen sich durch gewisse Praktiken, meist magischer Art, erreichen und auch erweichen. Man kann zusammenfassend sagen, dass die traditionelle griechische Religion einem naturalistischen Pantheismus nahe kommt, der in großem Umfang auf Mythen gegründet ist. Auf Mythen, deren Trivialität zu der Frage herausfordert, ob die Menschen im alltäglichen Leben an diese Geschichten wirklich glaubten. Man pflegte wohl eine Kultur, in der nicht nach den Begriffen von wahr und falsch gedacht wurde. Jedenfalls nicht auf religiösem Gebiet.
Anzeichen von Atheismus und auch Materialismus sind schon früh zu erkennen, beispielsweise bei dem Philosophen Anaximandros (ca. 610 – ca. 547 v. u. Z.) aus Milet im 7. Jahrhundert v. u.Z., der Ursache und Entstehung der Welt ganz und gar aus der Materie erklärt, dem aperion.Empedokles aus Agrigent (ca. 495 – ca. 435 v. u. Z.) stellt sich eine Welt vor, in der nichts verloren geht, nichts erschaffen wird und doch auch alles sich verändert. Zeus, Hera, Nestis, Aidoneus sind für ihn lediglich mythische Personifizierungen der vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde. Anaximenes (ca. 585 – ca. 526 v. u. Z.) hält sich dagegen nur an ein Urelement, die Luft, während Anaxagoras den Ursprung von allem im Chaos sieht. Man stellt fest, diese Vorstellungen sind als krass materialistisch einzuschätzen. Auch Xenophanes aus Kolon (ca. 570 – ca. 470 v. u. Z.) setzt Gott und die Welt gleich, es handelt sich also um einen immanenten Gott, der sich in nichts von der Materie unterscheidet. Die volkstümliche Gläubigkeit verachtet er eher und verurteilt alle Spekulationen, wenn er sagt:
Und das Genaue erblickt kein Mensch in Bezug auf die Götter.
Karl R. Popper, auf den wir im 20. Jahrhundert zurückkommen werden, sieht in ihm einen Vorläufer des kritischen Rationalismus, weil Xenophanes lehrte, dass menschliches Wissen nur aus Vermutung bestehen könne, man könne sich der Wahrheit allenfalls nähern, sie aber niemals als solche erkennen. Auf einem Berg fand er Fossilien und schloss daraus, dass die Erde einst ganz von Wasser bedeckt sein musste und dass alles aus Erde und Wasser, also aus Schlamm entstanden sein müsse.
Eine Lehre, die noch materialistischer daher kommt, noch mehr verfeinert, wird von Leukipp und seinem Schüler Demokrit vorgelegt, der eine um 500 v. Chr. geboren, der andere um 460. Wir befinden uns also in der sogenannten Achsenzeit. Die beiden sehen die letzte Realität im Atom, einem äußerst kleinen, materiellen, festen und unzerlegbaren Teilchen, das sie sich in steter Bewegung denken. Diese Atome sind von unterschiedlicher Größe und Form und bringen durch Verbindungen untereinander alle Formen des Weltalls hervor, belebte wie unbelebte, auch die Seelen und auch die Götter! Demokrit sieht in den Göttern nicht die Erscheinungen, die ihnen die Religion gibt, er hält sie für Trugbilder, die von Naturerscheinungen im Menschen erzeugt werden! Damit haben wir hier erstmals eine psychologische Erklärung für das Phänomen des Götter- bzw. Gottglaubens, dem er damit jeden Wert abspricht.
Demokrits Materialismus findet bei den griechischen Intellektuellen eine günstige Aufnahme, schreibt Minois in seiner Geschichte des Atheismus, und wird durch eine Denkströmung weitergetragen bis hin zu Epikur im 3. Jahrhundert v. u. Z. Dabei ist bemerkenswert, dass bis zum 5. Jahrhundert zwischen den drei Hauptströmungen, nämlich der von Magie gefärbten Volksmythologie, dem offiziellen Kult in den Händen der Tempelpriester und der stark pantheistischen, um nicht zu sagen atheistischen Philosophie offenbar ein sehr entspanntes Verhältnis herrschte. Dabei sollte es jedoch nicht bleiben.
Mit einem Schlag verändert sich die geistige Situation, mit einem Dekret des Diopeithes im Jahre 432 v. u. Z. beginnen die Prozesse wegen Atheismus und Gottlosigkeit in Athen. Exemplarisch dafür steht die Affäre des Protagoras (ca. 490 – ca. 411 v. u. Z.), um 415 v. Chr. verfasst er eine Abhandlung über die Götter, von der nur der erste Satz überliefert ist:
Von den Göttern weiß ich nicht, weder dass sie sind noch dass sie nicht sind; denn vieles hemmt uns in dieser Erkenntnis, sowohl die Dunkelheit der Sache wie die Kürze des Lebens.
Obwohl er hiernach eigentlich nur als Agnostiker zu bezeichnen ist, wird er wegen Atheismus verurteilt, zur Verbannung, vielleicht auch zum Tode, darüber liegen unterschiedliche Überlieferungen vor. Man machte also kurzen Prozess und stritt nicht lange über Agnostizismus und Atheismus.
