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Kreta...Insel voller Faszination und Reiz. Anna aus Deutschland flieht kurz vor´m Burnout nach Kambos, einem kleinen Dorf im Norden Kretas. Fasziniert von der Lebensweise der Kreter blüht sie auf. Von kretischen Freunden wird sie auf ein Konzert mitgenommen und lernt dort den Sänger Miltos kennen...
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Nauka Dagakis
Eine Liebe auf Kreta
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kreta
Knossos
Vasili
Irakleio
Malia
Das kretische Fest
Matala und Agia Gallini
Das Konzert
Miltos
Der Grillabend
Miltos in Kambos
Vai
Der Entschluss
Agios Nikolaos
Santorini
Stephan
Wo ist Miltos?
Impressum neobooks
Das Meer schlug leicht ans Ufer. Der feine Sand unter dem Wasser leuchtete hell. Anna blickte liebevoll auf´s Meer. Sie saß auf einem Handtuch am Strand und genoss die Abendstunden. Ganz alleine war sie in Griechenland. Aber sie fühlte sich nicht einsam. Sie genoss die Ruhe. Hals über Kopf war sie aus Deutschland abgehauen. Die Flucht hatte sie ergriffen. Ihr Chef hatte ihr überraschender Weise spontan Urlaub gegeben. Und sie hatte den nächsten Flieger nach Kreta gebucht und war abgehauen. Abgehauen von der Arbeit, die sie so anstrengte, abgehauen vor Stephan, der sie langweilte, und den sie nicht mehr ertragen konnte. Jetzt wollte er sie auch noch heiraten. Eine Schlinge legte sich um ihren Hals. Sie wollte nicht heiraten. Sie wollte weiter frei sein. Alles war mies gelaufen in der letzten Zeit. Da hatte sie die Reißleine gezogen, hatte ihren Chef gefragt, ob sie Urlaub haben könne. Zwei Monate vor ihrem geplanten Urlaub und war einfach abgehauen. Sie wohnte in einem schönen Hotel. Aber es war keine Clubanlage. Clubanlagen mochte Anna nicht. Sie wollte Land und Leute kennenlernen. Und sie hatte nur Frühstück gebucht. Sie wollte abends in eine Taverne ihrer Wahl gehen. Und das Frühstück nahm sie oft nicht wahr, denn sie wollte ausschlafen. Und so stand sie meist erst um elf Uhr auf und suchte sich direkt eine kleine Taverne zum Mittagessen. Eine Kleinigkeit aß sie dann. Bauernsalat, genannt Choriatiki, oder Dolmades, gefüllte Weinblätter. Sie hätte nicht gedacht, dass sie so gut alleine klar kam. Stephan gab ihr immer das Gefühl, dass sie unselbständig sei und ihn brauchen würde. Allmählich begriff sie, dass das nur Taktik war. Er wollte sie halten. Er liebte sie über alles. Aber sie war so unzufrieden in der Beziehung. Anna war dreißig und hatte eine Stelle als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei. Normalerweise verstand sie sich gar nicht gut mit ihrem Chef, aber diesmal hatte er ihr geholfen. Er hatte gemerkt, dass sie kurz vor´m Schlappmachen war und war froh gewesen, dass sie um Urlaub gebeten hatte. Er hatte sich ernsthafte Sorgen gemacht. Anna war überrascht gewesen, anscheinend mochte er sie doch. Sie stand auf und lief eine kleine Strecke den Strand entlang. Mit den Füßen war sie im Wasser. Kleine Muschelreste leuchteten im Sand. War das herrlich. Sie überlegte, ob sie nochmal schwimmen gehen sollte. Ja, sie würde noch mal ein kleines Stück hinaus schwimmen. Dann wäre es Zeit für das Abendessen. Der Strand war menschenleer. Das war toll an Kreta, es gab so viele Strände, dass viele oft ganz leer waren. Sie war in Kambos gelandet. Dieses lag an der Nordküste von Kreta und war eine halbe Stunde mit dem Bus von Irakleio, der Hauptstadt entfernt. Anna schwamm mit kräftigen Zügen hinaus. Das Wasser war noch angenehm mild. „Ich schwimme besser nicht so weit hinaus“, dachte sie, „ich bin ganz alleine am Strand.“ Unter ihr schwammen kleine Sardellen. Sie leuchteten silbrig. Anna genoss das Wasser. Dann kletterte sie hinaus, trocknete sich ab und zog den nassen Badeanzug aus. Da sie ganz alleine war, genoss sie es, einen Moment lang nackt zu sein. Dann zog sie Shorts und Top an und schlüpfte in ihre Flip Flops. Sie machte sie sich auf den Weg ins Hotel. Es war nicht weit. Kambos war ein kleines Dörfchen mit nur wenigen Hotels. Sie begrüßte den stolzen Kreter an der Rezeption:
„Hatten Sie einen schönen Tag?“, fragte er auf Englisch.
„Ja, sehr“, meinte Anna.
„Genießen Sie den Abend.“
„Das werde ich“.
Sie ging hoch auf ihr geräumiges, helles Zimmer und stellte sich unter die Dusche. Es tat gut, das Salzwasser aus den Haaren und von der Haut zu waschen. Dann machte sie sich einen Turban und legte sich nackt auf das strahlend weiße Laken. Ach, das Leben war schön. Sie dachte nach. „Wie sollte es weitergehen?“ Wenn sie nach Hause zurückkommen würde, würde Stephan auf eine Antwort auf seinen Heiratsantrag warten. Wie sollte sie ihm nur beibringen, dass sie unglücklich in der Beziehung war? Stephan war ein netter Mann und er sah gut aus, aber er langweilte sie. Sie wusste auch nicht, woran das lag. Sie brauchte sehr viel Spannung und Stephan war ein sehr ruhiger Mensch. „Vielleicht bin ich nur überarbeitet“, dachte sie „und wenn ich zurückkomme, vielleicht verliebe ich mich neu in ihn.“ Aber viel Hoffnung hatte sie nicht. Sie hatte die Balkontüre geöffnet und die Vorhänge flatterten im Abendwind. Laut fuhren unten auf der Straße Motorräder und Vespas vorbei. Ach, der Süden. Sie liebte den Süden und vor allem Griechenland, und besonders Kreta. Die Kreter sind stolz, das mochte sie sehr. Anna genoss es, allein zu sein. Niemand, der etwas von ihr wollte. Es war herrlich. Dann wurde es Zeit, sich für das Abendessen herzurichten. Sie zog eine weite, weiße Hose an und ein blau-weiß gestreiftes T-Shirt. Auch ihre rosafarbene Jacke nahm sie mit. Die langen braunen Haare ließ sie offen. Sie schminkte sich nicht. Es reichte ihr, dass sie sich immer für`s Büro schminken musste. Sie wollte sich im Urlaub nicht schminken. Sie hasste es. Sie fand sich so natürlich viel besser. Aber ein bisschen Parfüm legte sie noch auf. Narciso Rodrigez. Sie liebte dieses Parfüm. Dann lief sie leichtfüssig die Treppe zur Rezeption hinunter. Und schon hatte sie das Hotel verlassen. Sie schlenderte durch die Straßen von Kambos. Mit dem Bus eine halbe Stunde war es bis Malia. Aber dort war der Bär los. Malia war die Partymeile von Kreta. Diskos, Bars, Restaurants und jede Menge vergnügungssüchtige Touristen. Das war nichts für sie. Sie wollte vor allem in ein Restaurant gehen, in dem auch die Einheimischen essen gingen. Sie wollte Land und Leute kennenlernen und war nicht vergnügungssüchtig. Als sie ein wenig durch die Gassen von Kambos geschlendert war, fand sie ein hübsches, kleines Restaurant. Sie setze sich draußen auf einen mit Binsen bespannten Stuhl. Der Kellner kam sofort. Er fragte sie auf Englisch, was sie denn trinken wolle. „Bringen sie mir bitte einen Retsina und die Karte.“, antwortete Anna. Der Keller verschwand und kam mit einem Glas Retsina und der Karte zurück. Anna wählte Meze, das sind griechische Vorspeisen. Taramas, eine Fischrogencreme, Dolmades, gefüllte Weinblätter, Sardelles, kleine Sardellen, Oktopodi, Oktopus und Kalamarakia, das sind Kalamares. Dazu bestelle Anna noch einen Salat. Es dauerte eine zeitlang bis das Essen kam und Anna hing ihren Gedanken nach. Die Bilder stiegen in ihr auf. Sie dachte an ihre Schulzeit. Sie war eine sehr gute Schülerin gewesen, liebte Deutsch und Geschichte und wollte eigentlich nach der Schule diese beiden Fächer studierten. Aber dann war ihr Vater krank geworden und Anna musste Geld verdienen. So hatte sie sofort nach der Schule die Stelle in der Anwaltskanzlei angenommen, die gerade frei geworden war. Der Anwalt war ein Freund ihres Vaters. Sie mochte ihn nicht besonders, aber dass er ihr Urlaub gegeben hatte, war wirklich nett gewesen. Stephan war ihr erster Freund und sie hatte ihn vor sieben Jahren kennengelernt. „Ach, wenn Stephan mich doch wieder mehr reizen würde.“ Vielleicht war es ja nur eine kurzzeitige Krise ihrerseits. Dann kamen die Vorspeisen. Langsam und bedächtig, wie es in Griechenland üblich war, aß Anna die Köstlichkeiten. Sie bestellte noch einen Retsina und war nun bereits ein bisschen beschwipst.
Sie genoss das Alleinsein. Wenn Stephan wüsste, wie gut es ihr hier ging. Er meinte immer, sie käme nicht alleine zurecht. Aber sie liebte es, alleine zu sein. Bisher nur zu Hause. Dass sie auf dem fernen Kreta so gut alleine zurecht kam, damit hatte sie selbst nicht gerechnet. Stephan hatte versucht, sie davon abzuhalten. „Das schaffst du nicht“, hatte er gesagt.
„So weit weg, alleine, ohne mich, ohne irgendjemand.“
„Ich will es ausprobieren“, hatte Anna geantwortet, „wenn ich es nicht schaffe, buche ich den nächst besten Flieger und komme zurück nach Hause.“ Und nun war sie schon drei Tage hier auf Kreta und genoss die Zeit alleine. Bisher war sie fast immer am Strand gewesen. Sie war so fertig und kaputt von der letzten Zeit gewesen, dass sie nur noch am Strand liegen wollte. Nun aber hatte sie sich schon ein wenig erholt und überlegte sich, ob sie nicht bald anfangen sollte, die Insel zu erkunden. Ja, das würde sie machen. Morgen schon würde sie ein Auto mieten und sich Ziele suchen. Zu Hause fuhr sie nicht Auto, denn sie hatte sehr schlechte Augen. Der Verkehr in der Großstadt, in der sie wohnte, überforderte sie mit ihrer Sehschwäche. Aber auf Kreta war das etwas anderes. Hier war nicht so viel Verkehr und sie würde es einfach ausprobieren, mit einem Geländewagen durch Kreta zu fahren. Sie freute sich schon darauf. Was würde Stephan sagen, wenn er erführe, dass sie sich ein Auto gemietet hatte. Er würde Augen machen. Anna fühlte sich wie neugeboren. Aus dem Lautsprecher des kleinen Restaurants ertönte Rembettikomusik. Sie wippte mit dem rechten Fuss mit und genoss die langsamen, wehmütigen Töne. Sie liebte griechische Musik. Die Melodien der Griechen waren so sehnsuchtsvoll. Ob das am Meer lag? Wenn sie auf`s Meer hinaus blickte, ja dann ergriff sie auch immer die Sehnsucht. Bis zum Horizont wollte sie dann mit einem Boot fahren. Anna ließ sich den angenehmen Nachtwind durch die Locken fahren. Sie schüttelte sie eigenwillig. Frei sein, sie fühlte sich so frei. Sie trank noch ein Glas Retsina und bestellte sich dann einen Mokka, einen griechischen Kaffee, der mit dem Kaffeepulver zusammen gekocht wird. Dieses wird auch mit in die kleine Tasse gegossen. Beim Trinken musste man aufpassen, dass man den Satz nicht in den Mund bekam. Aber auch wenn es passierte - ein Glas frisches Wasser stand immer bereit beim Mokka. Sie trank den Mokka metriou, das heißt mittelsüß. Man kann ihn noch ohne Zucker oder ganz süß trinken, aber Anna schmeckte er nun mal metriou am besten. Sie schloss die Augen. Was genoss sie den Urlaub. Weg von der Arbeit, weg von der Großstadt mit ihrem Lärm und ihrer Hektik und weg von Stephan. An den anderen Tischen saßen Kreter. Jetzt, wo es Abend war, saßen sie in großen Guppen und waren sehr lebhaft. Mittags, wenn es heiß war, saßen die Männer oft alleine im Schatten, spielten mit ihren bernsteinfarbenen Perlenketten und hingen stoisch ihren Gedanken nach. Stundenlang konnten sie so sitzen. Anna liebte es, bei ihnen zu rasten. Dann guckte sie sich immer etwas von deren stoischer Ruhe ab. Unvorstellbar, dass man in Deutschland mittags, drei, vier Stunden einfach nur so im Schatten sitzen könnte. Aber mittags war es hier ja auch sehr heiß und da machte man eben Pause. Aber in Deutschland machte ja überhaupt nie jemand Pause. Die Leute hetzten und hetzten und merkten gar nicht, wie sehr sie sich dabei von sich selbst entfernten. Die Kreter waren bei sich selbst und Anna guckte es sich von ihnen ab. Schon das langsame Essen. Hier dauerte ein Abendessen oft zwei, drei Stunden. Unvorstellbar für Deutsche. Die Griechen nahmen einen Bissen von diesem und einen Bissen von jenem. Alle Gerichte standen kreuz und quer auf dem Tisch und jeder nahm sich, worauf er gerade Lust hatte. Herrlich. Anna fand das toll. „Wenn ich doch hier leben könnte“, dachte sie träumerisch. „Hier fühle ich mich viel wohler als in Deutschland.“ Ihr kam ein Song von STS in den Kopf. „Irgendwann bleib i dann dort, lass alles lieg`n und steh`n, geh von daheim für immer fort.“ Ein schöner Song war das. Ja, das würde sie auch am liebsten tun. Einfach abhauen, einfach ausbrechen. Aber wie sollte das gehen? Sie hatte ihre feste Arbeit, sie hatte die Wohnung mit Stephan, in knapp drei Wochen würde ihr Urlaub vorbei sein und sie musste zurück in die graue, hektische Großstadt, zurück in ihren furchtbaren Job, zurück zu Stephan. „Ob ich mit ihm Schluss machen soll?“ Sie wusste es nicht. „Ach, ich lass das jetzt mal auf mich zukommen“, dachte sie sich. „Wer weiß, wie es mir in drei Wochen geht. Einfach mal kommen lassen.“
Allmählich wurde es kühl. Anna fröstelte und zog die leichte Strickjacke, die sie übergezogen hatte, zusammen. Sie würde jetzt bald bezahlen und ins Hotel gehen. Sie winkte den Kellner heran. „Ich möchte bitte zahlen.“, sagte sie auf Englisch.
„Aber sicher, sofort.“, war die Antwort.
Der Kellner kam und brachte die Rechnung, zusammen mit einem riesengroßen Stück Wassermelone.
„Für Sie meine Dame“, sagte er gallant. „Sind sie ganz allleine in Urlaub?“
„Ja, bin ich.“
„Und, wie gefällt ihnen das?“
„Es ist herrlich“, sagte Anna schwärmerisch, „ich fühle mich so wohl auf Kreta.“
„Das ist schön, dass sie sich in meiner Heimat wohl fühlen.“
„Ja, ich liebe die Landschaft, ich liebe den Duft der wilden Gewürze, ich liebe die Menschen, das Meer, den Strand, das Essen.“
„Dann bleiben sie doch hier“, scherzte der Kellner.
„Ja, das würde ich am liebsten tun, aber das geht doch nicht, ich habe zu Hause meine Arbeit, meinen Freund.“
„Wer weiß“, sagte der Kellner verschmitzt. „Vielleicht sind Sie, wenn ihr Urlaub vorbei ist, soweit, dass sie doch hierbleiben. Es scheint ihnen auf Kreta ja ganz besonders gut zu gefallen. Es sind schon viele hier geblieben, die die Nase voll hatten von dem miesen Wetter in Deutschland, von der Hektik und überhaupt.“
„Woher haben Sie denn gemerkt, dass ich Deutsche bin?“
„Das merkt man. Sie sind so angespannt. Deutsche sind immer angespannt.“
„Und ich dachte, ich hätte mich hier schon so sehr erholt, dass ich ganz entspannt wäre.“
„Noch zwei Wochen hier auf unserer schönen Insel und jeder hält sie für eine Griechin“, flachste der Kellner, „dann sind sie so entspannt, dass es nicht mehr auffällt, dass sie eigentlich eine hektische Deutsche sind.“
Anna lachte. Aber sie musste über die Worte des Kellners nachdenken. Sie aß die Melone genussvoll mit Messer und Gabel. Als sie fertig war, ging sie ins Restaurant hinein und verabschiedete sich von dem netten Kellner.
„Kommen Sie doch morgen wieder, wenn Sie möchten“, sagte dieser. Anna meinte, sie wolle es sich überlegen und ging.
Langsam schlenderte sie den Weg ins Hotel entlang. Jetzt unter das herrlich weiße Laken schlüpfen, die Balkontüre offen und von Griechenland, Kreta und einem feurigen Kreter träumen. Sie musste über sich lachen. Als sie im Hotel angekommen war, empfing sie der Kreter hinter der Rezeption.
„Guten Abend schöne Frau, waren sie so lange essen?“
„Ja, es war herrlich. Ich war im Asterios. Ich genieße meinen Urlaub sehr.“
„Oh ja, das Asterios ist eine schöne Taverne“, meinte der Kreter. „Ich kenne den Besitzer sehr gut. Macht es Ihnen denn nichts aus, dass sie alleine sind?“
„Nein überhaupt nicht, ich genieße es“, meinte Anna.
„Dann wünsche ich Ihnen eine gute Nacht und träumen Sie schön.“
„Danke“, sagte Anna und ging die Marmortreppen zu ihrem Zimmer hinauf. Sie schloss die Türe auf, knipste das Licht an und ließ sich aufs Bett fallen. Sie streckte die Arme über den Kopf und und räkelte sich. Eine halbe Stunde blieb sie so liegen, dann raffte sie sich auf und ging ins marmorne Badezimmer, um sich die Zähne zu putzen. Als sie dies erledigt hatte, schlüpfte sie unter das blendendweiße Laken, nicht ohne vorher noch die terrrakottafarbenen Vorhänge vorgezogen zu haben, denn sie liebte es, wenn sie im Nachtwind flatterten. Ganz dunkel wurde es auf der Straße nie und so sah sie beim Einschlafen immer auf die Vorhänge, mit denen der Wind spielte. Behaglich streckte sie sich im Bett aus und schlief schnell ein.
Tief und traumlos war die Nacht und als sie am nächsten Morgen erwachte, war sie ausgeruht, gut gelaunt und voller Tatendrang. Da sie sich keinen Wecker gestellt hatte, verpasste sie das Frühstück. „Macht nichts“, dachte sie. „Ich werde jetzt mal losziehen und mir einen Geländewagen mieten und dann irgendwo in Kambos gemütlich essen gehen. Vielleicht gehe ich auch wieder in das kleine Restaurant, in dem ich gestern Abend war, dort hat es mir so gut gefallen. Der Kellner war so ausnehmend nett und das Ambiente gefiel mir auch sehr gut.“ Sie stand auf und ging ins Badezimmer, um zu duschen. Sie ließ sich das lauwarme Wasser - auf Kreta gab es in den Duschen eigentlich nie richtig heißes Wasser, aber das war bei der Hitze eigentlich angenehm - über die langen Haare laufen. Sie wusch sie sich und benutzte ein Duschgel, das angenehm nach Rosen duftete. Erfrischt kam sie unter der Dusche hervor und schlang das blendend weiße Handtuch um den Kopf wie einen Turban. Dann putzte sie sich die Zähne und setzte sich aufs Bett. Eine zeitlang hing sie hier ihren Gedanken nach. Sie wollte, dass ihre Haare ein wenig trocknerer wurden. Sie spielte mit den Zehen. So entspannt war sie schon lange nicht mehr gewesen. Zu Hause war sie eigentlich immer sehr angespannt. Aber hier, man konnte so richtig die Seele baumeln lassen. Nach einiger Zeit ging sie ins Badezimmer und nahm den Turban von den Haaren. Sie schüttelte diese. Dann kämmte sie sich durch und zog sich an. Shorts und rosa Top. An den Füßen trug sie Flip Flops. Eigentlich soll man ja mit Flip Flops nicht Autofahren, aber egal. Sie sprang die marmorne Treppe hinab. Der Kreter an der Rezeption begrüßte sie:
„Guten Morgen schöne Frau, so gut geschalfen, dass sie das Frühstück verpasst haben?“
„Genau“, meinte Anna, so gut habe ich geschlafen. Sagen Sie, gibt es hier irgendwo einen Autoverleih, ich möchte mir einen Geländewagen mieten.“
„Direkt am Ende der Straße. Giorgios vermietet Autos, bestellen Sie ihm einen schönen Gruß von Babis, das bin ich, dann kriegen sie das Auto billiger.“
„Oh, danke“, meinte Anna, das ist sehr nett.“
Sie verließ das Hotel und schlenderte die Straße hinab. Da sah sie auch schon das Schild: Giorgios Partoglu „Rent a car“. Sie ging auf den Besitzer, der bei seinen Autos stand, zu und fragte ihn nach einem Geländewagen.
„Hier habe ich einen schönen roten Mercedes“, sagte dieser. „Genau richtig für Sie.“
„Ich soll sie von Babis grüßen“, sagte Anna und sogleich sagte Giorgios: “Sie kennen Babis, da lasse ich Ihnen das Auto zwanzig Prozent billiger.“
„Oh, wie nett“, meinte Anna, füllte Das Leihformular aus und nahm die Schlüssel in Empfang. Dann verabschiedete sie sich von Giorgios, setzte sich in den Mercedes und fuhr mit einem ziemlich mulmigen Gefühl im Magen los. Aber es klappte wunderbar. Sie kam gut mit dem Wagen zurecht. Sie fuhr eine Runde durch Kambos und dann zurück zum Hotel und stellte den roten Mercedes Geländewagen auf den Parkplatz. Babis kam heraus und meinte: „Schönes Auto, haben Sie Prozente bekommen?“
„Zwanzig Prozent!“, sagte Anna erfreut.
„Sehen Sie, das hat ja gut geklappt.“
