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Vor 25 Jahren fand ein Gesellschaftssystem sein Ende- und auch eine Liebe.
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Seitenzahl: 199
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Miguel de Cervantes
Paul Weimar hatte eine unruhige Nacht. Er wollte heute früher als sonst aufstehen, um rechtzeitig und frisch einen wichtigen Termin wahrnehmen zu können. Seine Frau Melanie stand bereits in der Küche und goss heißes Wasser auf den "Mona". Nach dem Abschiedskuss rief sie ihm zu: "Viel Glück!" Heute nahm er nicht das Fahrrad, sondern die "Öffentlichen". Vor ungefähr vierzehn Tagen hatte er in der "Leipziger Volkszeitung", in der Rubrik "Stellengesuche", eine Anzeige aufgegeben und eine Antwort erhalten. Und heute sollte das Einstellungsgespräch stattfinden. Paul sah schon von Weitem das moderne Gebäude in der Leipziger Permoserstrasse 5, das "Institut für angewandte Radioaktivität". Pünktlich um acht Uhr saß er einer Kaderleiterin gegenüber, die ihn freundlich empfing und nach Aufnahme der Personalien und einem informativen Gespräch, ihn zum Abteilungsleiter Dr. Vorman führte. Dieser befragte Paul, warum er eine neue Arbeit aufnehmen wolle und welche Anforderungen er an diese stelle. Das Institut suchte dringend einen technischen Mitarbeiter und die gehaltlichen Aussichten waren besser als die an der jetzigen Arbeitsstelle. Dr. Vorman machte Paul Hoffnungen, dass sich die Kaderabteilung für seine Einstellung einsetzen wird. Froh gelaunt machte sich Paul auf den Weg zu seiner Arbeitsstelle, in die Linne´Straße 5. Hier steht das "Institut für Experimentelle Physik", das zur berühmten Leipziger Universität gehört. Schon im Jahr 1557 wurde der erste Lehrstuhl für Physik geschaffen, an dem berühmte Physiker lehrten. Mit den Physikern Heisenberg und Hertz erlebte die Fakultät eine Blütezeit. Paul betrat heute die breite Treppe vor dem Institut mit einem neuen Gefühl. Die Kolleginnen saßen noch immer beim ausgedehnten Frühstück und die Kollegin Schellenbrück füllte Paul ein Laborglas mit Tee. Beim Betrachten seiner Kolleginnen wurde er nachdenklich. Wie sollte er es seiner Kollegin Gisela erklären, die seine Ausbildung begleitet hatte und den Kolleginnen und Kollegen, mit denen er ein gutes Einvernehmen hatte. Eigentlich war er in einer netten Arbeitsgruppe und die Arbeiten waren interessant. Von seiner Absicht, das Institut zu verlassen, ließ er noch nichts verlauten. Als er aber nach Tagen seinem Abteilungsleiter, Prof. Müller, gegenüber stand, wurde ihm klar, dass er seinen Wechsel nicht geheim halten kann, weil die "Genossen" ein umfangreiches "Kommunikationssystem" unterhalten. Die Arbeiten am Institut wurden immer mehr durch die ideologische Politik der DDR- Führung beeinflusst. Die SED und der Staatssicherheitsdienst bestimmten die Arbeiten und das Klima am Institut. Paul arbeitete als technischer Assistent an interessanten, zukunftsweisenden Themen. Die Halbleiterphysik und die Supraleitung waren weltweit gefragte Gebiete. Die rote Leuchtdiode blinkte schon auf vielen Paneelen und die Kofferradios erklangen nun ohne Radioröhren. Im Nachbarlabor zogen die Mitarbeiter künstliche Rubine, die in gleichnamigen Lasern eingesetzt wurden. Doch die wirtschaftliche Misere in der DDR machte sich auch im Institut bemerkbar, wichtige Projekte und Mittel wurden gestrichen. Den meisten Mitarbeitern gelang es, sich den ideologischen Einflüssen bei der Arbeit zu entziehen und alte Gepflogenheiten, die an den Instituten herrschten, zu bewahren. So gab es immer wieder Anlässe, das Frühstück mit einem Glas Wein oder Schnaps, zu krönen. Geburtstage der Kolleginnen und Kollegen wurden nicht vergessen. Da gesellte sich auch schon mal der Abteilungsleiter hinzu. Die anderen Anlässe wurden spontan gewürdigt. Und derer gab es viele. Dazu gehörte schon der Erwerb eines Kühlschrankes. Konsumgüter waren Mangelware. Eine Wohnung, oder ein Auto zu bekommen, waren wie ein Lottogewinn. In einer Arbeitsgruppe wurde das Frühstück auch ohne Anlass immer länger und fröhlicher. Die Chemiker machten aus dem reinen Alkohol ein süffiges Getränk. Als ein „fröhlicher“ Kollege in eine teure Glasapparatur fiel, wurde die Instituts-Leitung auf die herrschenden Zustände aufmerksam. Die erste Maßnahme war, dass nur noch vergällter Alkohol ausgegeben werden durfte. In Pauls Arbeitsgruppe wurde wieder ein bulgarischer Wein geöffnet. Eine Kollegin erhielt die Zusage, dass ihr beantragter Urlaubsplatz an der Ostsee genehmigt wurde. Paul nahm die fröhliche Stimmung auf, um seinen geplanten Arbeitswechsel öffentlich zu machen. Die Stimmung trübte sich ein. Das tägliche Frühstück und die mittäglichen Spaziergänge, u. a. zum Botanischen Garten, würden dann ohne Paul stattfinden.
Mit den "Öffentlichen" gelangte Paul wieder zu Hause an. Die Wohnung war kalt und leer. Seine Frau Melanie war mit der Tochter wohl noch beim Einkaufen. Obwohl es schon April war, waren die Temperaturen nicht frühlingshaft. Die Zweizimmerwohnung war kalt und feucht. Paul ging in den muffigen Keller und holte Brennzeug für den Ofen im Wohnzimmer. Seine "Mädchen" werden sich über die Wärme freuen. Nicht nur in Taucha, sondern auch in der gesamten DDR, war Wohnraum knapp. Paul hatte von seinem Institut eine Bescheinigung erhalten, die ihn berechtigte, einen Antrag beim Wohnungsamt auf eine Neubauwohnung zu stellen. Es klingelte. Seine Mädchen kamen bepackt die Treppe hinauf, Melanie mit zwei Netzen und Tochter Karina mit Mappe und Turnbeutel. Als Paul von seinem Einstellungsgespräch berichtete, fielen sie ihm um den Hals.
Der 1. Mai 1981 stand vor der Tür. Paul sollte schon als Oberschüler an einer Maidemonstration in Berlin teilnehmen. Doch Paul und sein Schulfreund Werner nutzten die vielen, für die Demonstrationen vorgesehenen Stunden aus, sich den "Kudamm" in West- Berlin anzusehen. Paul hatte auch dieses Mal nicht die Absicht, an einer Bonzen- Huldigung teilzunehmen. Da der Feiertag auf einen Freitag fiel, richtete der Abteilungsleiter an jeden Einzelnen den Appell, sich am Stellplatz Innenstadtring einzufinden.
Mitte Mai erhielt Paul einen Anruf von Dr. Vorman, der ihn zu einer abschließenden Unterredung einlud. Der Arbeitsvertrag kann dann unterschrieben werden und der Arbeitsbeginn wäre der 15. Juni. Am 1. Juni fand die Unterredung im Büro von Dr. Vorman statt. Hier erfuhr Paul nähere Einzelheiten zu seinem Vertrag. Dazu zählte eine Ingenieursstelle mit der Einstufung I2, eine Gefahrenzulage und drei Tage mehr Urlaub. Die innere Freude wurde durch die Frage getrübt, warum er kein Mitglied der Gewerkschaft sei und ob er sich vorstellen könne, dem FDGB beizutreten. „Man sollte auch mit kleinstem gesellschaftlichen Engagement zeigen, dass man würdig sei, Mitarbeiter eines solchen wichtigen Institutes zu sein“, sagte Dr. Vorman. Paul geriet in einen Gewissenskonflikt. Doch bei kurzer gedanklicher Abwägung erklärte sich Paul bereit, Mitglied in der Gewerkschaft zu werden.
Zuhause wurden gleich Pläne geschmiedet. Mit mehr Gehalt und mehr Urlaub sah die Zukunft schon freundlicher aus. Mit einem Kuchen von Melanie und einigen Flaschen „Rosenthaler Kadarka“, gab Paul im kleinsten Kollegenkreis seinen Ausstand.
Am 14. Juni 1981 waren Volkskammerwahlen. Viele Polizeiwagen fuhren durch die leeren Straßen Leipzigs. Am nächsten Tag fährt Paul zu seiner neuen Arbeitsstelle, zur Permoser Straße. Sein Arbeitsweg ist etwas kürzer geworden. Doch die Zeit reicht aus, um aus der „Leipziger Volkszeitung“ die Wahlergebnisse vom Sonntag zur Kenntnis zu nehmen. Die Kandidaten der Nationalen Front erhielten eine Zustimmung von 99,86%.
Wieder betritt Paul über die breite Treppe das "Institut für angewandte Radioaktivität". Diesmal kennt er sich aus und sucht sofort das Büro von Dr. Vorman auf. Dieser führt ihn gleich in das Erdgeschoß, in dem sich Labor- und Werkstatträume befinden. Dr. Vormann öffnete mehrere Türen, bis er Herrn Zieger findet und ihm Paul überlässt. Joachim Zieger wird Pauls Gruppenleiter sein. Er ist Mittvierziger, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er wohnt in einer Neubausiedlung am Ring. Zieger führt Paul zu seinem Arbeitsplatz. Es ist ein geräumiges Labor mit großen Fenstern. Zieger erklärt Paul seine Arbeitsaufgaben. Seit dem Sommer 1955 besteht die Forschungseinrichtung. Ihre Gründer waren drei Physiker, die nach einem neunjährigen Zwangsaufenthalt in der Sowjetunion, in die DDR entlassen wurden. Für das Militär wurden Szintillationsdetektoren und Dosimetriegeräte entwickelt. Heute sind die Forschungen praxisorientiert. Radionuklide und stabile Isotope finden überall in der Wirtschaft Anwendung. Das IaR arbeitet eng mit der Robert- Rössle- Klinik in Berlin- Buch zusammen, wo diese Produkte ihre praxisnahe Anwendung finden. Der Umgang mit radioaktiven Stoffen erfordert spezielle Maßnahmen und eine besondere Sorgfalt. Da das Institut auch radioaktive Nuklide in höherer Stückzahl verarbeitet, sind die Mitarbeiter ständig einer geringen Strahlendosis ausgesetzt. Pauls Aufgabe soll es werden, den Produktionsprozess für diese Arbeiten zu automatisieren. Dafür soll ihm jede Hilfe gewährt werden. Zieger wünschte Paul eine gute Zusammenarbeit und frohes Schaffen. Er erwähnte nebenbei, dass Paul das Labor vorläufig nicht allein benutzen wird. Eine Doktorandin benutzt zurzeit den Abzug. Dann stellte Zieger Paul die Mitarbeiter seiner Arbeitsgruppe vor. Zuletzt betraten sie ein verräuchertes Büro. Hier arbeitet Dr. Schmidt, der Parteisekretär des Institutes.
Paul darf an seinem ersten Arbeitstag schon nach der Mittagspause das Institut verlassen. Er ruft seine Frau Melanie an. Auch sie kann früher mit der Arbeit aufhören. Die Bibliothek hat montags nur bis 12 Uhr geöffnet. Zusammen holen sie Karina vom Kindergarten ab, um sich einen schönen Nachmittag zu gestalten. Das Wetter war frühlingshaft und warm. Sie spazierten zu den Schoppenteichen und liefen entlang der Parthe. Ihr Ziel war das Café "Esprit", ein Szene-Café. Heute spielte keine Combo, stellte kein Sänger seinen neuesten Song vor. Das Eis und die Leipziger Gose waren wieder lecker.
Paul saß wieder in seinem Labor, sichtete Schaltpläne und stellte eine Materialliste zusammen. Außer einigen Werkzeugen und alltäglichem Elektronikkram war nichts für die zukünftige Arbeit vorhanden. Als er das Labor verlassen wollte, klopfte es an der Tür. Eine junge Frau im weißen Kittel, stellte sich als die Kollegin vor, die für einige Zeit den Abzug in Pauls Labor 111 benutzen muss. Paul betrachtet die Kollegin aufmerksam und schätzt ihr Alter auf Ende zwanzig. Die junge Frau unterbricht Pauls Betrachtung mit ihrer Vorstellung. „Ich heiße Simmer, bin Biochemikerin und Doktorandin in der Abteilung Dr. Vorman.“ „Den Abzug benötige ich für die Versuche, die nur unter dem Abzug durchgeführt werden dürfen“, fügte die Kollegin Simmer hinzu.
Die Wochen sind schnell verflogen. Melanie hat nur durch Zufall einen frei gewordenen Urlaubsplatzlatz von der Gewerkschaft erhalten. Mit zwei Koffern bepackt, stiegen sie in Gotha aus dem Zug. Nach einem längeren Fußmarsch kamen sie im FDGB- Ferienheim „Frohe Zukunft“ an. Schon der Eingangsbereich wies auf eine dringende Restaurierung hin. Im Zimmer angelangt, fragte Karina ihren Papa: „Wann bekommen wir endlich unseren Trabant?“ Paul nahm Karina in die Arme und sagte zu ihr, dass sie noch einige Jahre warten müssen. Doch der erste Ferienheim- Urlaub war auch ohne Auto ein Erlebnis. Ab und an wanderten Pauls Gedanken zur Arbeit. Noch waren seine Zweifel vorhanden, ob der Arbeitswechsel richtig war.
Im Institut hatte Paul von seiner Besorgungsliste schon wesentliche Komponenten abhaken können und war nun soweit, mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen. Der Lötkolben rauchte vor sich hin, als es an der Tür klopfte. Frau Simmer, mit einer großen Fotoschale in der Hand, trat ein und stellte ihre Versuchsanordnung in den Abzug. Paul fragte sie, wie weit ihre Versuche sind. Frau Simmer sagte, dass sie bei den Abschlussversuchen sei und schon anfange, ihre Doktorarbeit zu schreiben. Frau Simmer beobachtete eine Weile ihren Versuch. Paul, der sich einen Tee bereitete, bot Frau Simmer auch einen an, den sie zusammen am Schreibtisch tranken. Frau Simmer stellte sich Paul etwas näher vor. Er erfuhr, dass sie verheiratet ist und einen kleinen Sohn Niki hat.
Anfang Dezember, als Frau Simmer wieder im Labor 111 zu tun hatte, fragte sie Paul nebenbei, ob er auch zur Weihnachtsfeier des Institutes kommt, die am 17. Dezember stattfindet. Paul konnte darauf keine Antwort geben, er sagte nur: „Das weiß ich noch nicht.“
Von seiner Frau Melanie bestärkt, meldet sich Paul für die Weihnachtsfeier an. Am 17. Dezember fährt Paul am frühen Nachmittag nach Hause, um sich für die Weihnachtsfeier umzuziehen.
Als er den Gesellschaftsraum betritt, waren die Tische schon voll besetzt. Paul stellte einen Stuhl an den Tisch seiner Kollegen und holte sich ein Bier. Als Paul sein Bierglas erhob, sagte der Kollege Zieger „Stopp“. „Bevor wir uns in den Abend stürzen, ich heiße Jürgen.“ Und der Parteisekretär, Dr. Schmidt, sagte mit erhobenen Glas „und ich Werner.“ Nach weiteren Bieren und Schnäpsen wurde das Buffet eröffnet. Als Paul zum Buffet ging, konnte er den Tisch in Augenschein nehmen, an dem die Kolleginnen von Frau Simmer saßen, ein Stuhl war noch frei und Kollegin Simmer noch nicht anwesend. Ein Discjockey ließ leise Musik durch den lärmenden Saal erklingen. Es erklangen mehr westliche Titel, als die Partei „erlaubte“. Dann erschien Frau Simmer und nickte zum Tisch, an dem auch Paul saß. Nach vorgerückter Stunde wurde die Musik lauter und die Mitarbeiter ausgelassener. Paul betrachtete durch sein Bierglas die Mitarbeiter an den Tischen und auf der Tanzfläche. Die Stimmung wurde immer ausgelassener. Ein Hit wurde vom nächsten abgelöst. An Frau Simmers Tisch war ein Kommen und Gehen. Als Kollegin Simmer einmal nicht aufgefordert wurde, machte sich Paul auf, um sie zu einem Tanz aufzufordern. Lächelnd ließ sie sich in Pauls Arme gleiten. Beim Titel "Eiszeit" wurde der Abstand zwischen ihnen enger und die Hände übertrugen die entstandenen Gefühle. Paul, der im Prinzip nur immer eine Runde tanzte, konnte dem fordernden Blick seiner Partnerin nicht widerstehen und tanzte eine weitere.
In den darauffolgenden Tagen hatte Frau Simmer öfter im Labor zu tun. Sie sprachen auch über die Weihnachtsfeier. Frau Immer bestätigte die Betrachtung von Paul, dass es im Institut "Institutsehen" gebe. Ingenieur Roelke zeigte auf der Feier offen seine Beziehungen zu der hübschen Frau Doktor Siener. Und das in Gegenwart seiner Frau, die Sekretärin von Dr. Vorman ist.
Am 24. Dezember war der letzte Arbeitstag des Jahres. Paul hatte in seiner Tasche eine Flasche Wein, um eventuell mit seinen Kollegen, zum Abschluss des Jahres, ein Glas zu trinken. Die Kollegen ließen sich aber nicht blicken. Sie waren vielleicht unterwegs, Weihnachtseinkäufe zu tätigen. Paul öffnete dann doch noch die Weinflasche. Frau Simmer kam in das Labor. Mit einem Laborglas stießen sie auf frohe Feiertage und einen guten Rutsch an. Draußen lag viel Schnee.
In den ersten Tagen des neuen Jahres 1982, sahen sich Paul und Frau Simmer öfter. Paul wurde in den Aufenthaltsraum geladen, um mit Frau Simmer einen Geburtstagskaffee zu trinken. Obwohl sie ein eigenes Labor hatte, durfte in diesem weder gegessen noch getrunken werden. Sie wählten eine Zeit, in der die anderen Kollegen wieder an ihrem Arbeitsplatz waren. Nun konnten sie ungestört plaudern. Auch die Assistentin von Frau Simmer, war wieder an ihrem Arbeitsplatz. Als Paul nach Hause fuhr, fielen ihm immer wieder Sätze von Frau Simmer ein, die ihm zu erkennen gaben, dass sie für ihn eine große Sympathie empfindet. Einen Tag später fragte Paul Frau Simmer nach ihrem Vornamen: "Ulrike". Darauf füllte Paul zwei kleine Gläser. Beim Hinausgehen sagte sie zu Paul, dass sie sich am Nachmittag verabschieden kommt. Sie kam. Zwischen den Laborgeräten führten sie eine kurze Unterhaltung. Paul sah in Ulrikes Augen ein Bild, das Wünsche und Sehnsüchte ausdrückte. Mit den Worten, „die Flamme erlischt, doch die Glut glimmt weiter", verabschiedete sich Ulrike von Paul.
Pauls Arbeiten gingen nur schleppend voran. Irgendetwas fehlte immer, oder funktionierte nicht. Paul dehnte nun seine Versuche auf ein praktisches Gebiet aus. Er bemalte mit Goldglanz zwei Laborgläser mit den Aufschriften "Paul" und "Ulrike". Diese wurden recht bald in Pauls Labor eingeweiht. Paul holte aus seinem Schreibtisch eine Flasche Whisky. Ulrike erzählte von ihrer Familie. Von ihrem sechsjährigen Sohn Niki und von ihrem Mann Steffen. Er ist Chemiker und arbeitet als Abteilungsleiter im VEB Chemiekombinat Bitterfeld. Mit seinen Beziehungen haben sie eine Neubauwohnung in Leipzig- Grünau erhalten. Mit einem Dienstwagen fährt er zur Arbeit und Ulrike benutzt den "Trabant- Kombi“. Ulrike lehnte einen weiteren Whisky ab, da sie noch fahren muss. Zum Feierabend begleitete Paul Ulrike ein Stück im langen Flur. Zum Abschied gaben sie sich den ersten Kuss. Einige Tage später lud Ulrike Paul in den Raum 305 ein. Hier war das Büro von Frau Dr. Siener. Frau Siener war heute nicht im Hause. Ulrike hatte ein freundschaftliches Verhältnis zur Kollegin. Darum hatte sie Ulrike ihr Büro schon öfter überlassen, wenn sie ungestört arbeiten wollte. Nun konnten sich hier Ulrike und Paul ungestört auf- und unterhalten. Auf dem Schreibtisch standen zwei gefüllte Gläser. Beim Auseinandergehen gaben sie sich leidenschaftliche Küsse. Etwas später rief Ulrike Paul an, um ihn zu fragen, ob sie ihn im Auto mitnehmen und nach Hause fahren kann. Paul nahm das Angebot an, da das Wetter äußerst ungemütlich war. Und Ulrike konnte sehen, wo Paul wohnte. In der tiefen Provinz, in Taucha. In den nächsten Wochen waren die Begegnungen seltener. Ulrike schrieb weiter an ihrer Dissertation. Doch immer, wenn sie sich sahen, knisterte es. An einem Freitag machte Ulrike spontan den Vorschlag, die Arbeitswoche etwas anders zu beenden. Beide konnten das Institut früher verlassen. Mit dem Auto ging es Richtung Grünau, wo Ulrike wohnte. Nicht weit entfernt befindet sich der Kulkwitzer See. Diesen steuerte Ulrike an und lenkte das Auto in einen Seitenweg, wo sie anhielt. Sie griff hinter ihren Sitz und holte zwei Gläser hervor. Mit Whisky prosteten sie sich zu. Dann lagen sie sich in den Armen und nach langen Küssen verließen sie das Auto. Sie gingen Hand in Hand zum Kulkwitzer See. In der Nähe von Lausen war eine kleine Restauration, wo sie dann noch einen Kaffee tranken. Als die Zeit ran war, Ulrike musste ihren Sohn von ihrer Kinderfrau abholen, fuhr sie Paul zu der nächsten Bushaltestelle.
Sie verabschiedeten sich mit dem Wunsch, diesen kleinen Ausflug zu wiederholen. Doch vorerst musste sich Ulrike auf eine Dienstreise vorbereiten. Nach dieser kam sie Paul noch liebevoller entgegen. Sie trafen sich wieder ungestört im Raum 305. Doch die neue Beziehung zwischen Ulrike und Paul blieb nicht unbeobachtet. Obwohl die Kollegin Siener nicht im Institut war, wurde an der Tür geklinkt und geklopft. Ulrike sagte nur, dass es bestimmt ihre Assistentin ist, die sie ständig neugierig beobachtet und kesse Fragen stellt. Sie wird die Stimmung und das Verhalten ihrer Chefin als Frau richtig zu deuten wissen. Paul warnte davor, dass ihr Verhältnis die Runde macht. Nach einigen Gläsern Clarke- Whiskey und einem Kaffee sagte Ulrike, als sie sich aus einer Umarmung lösten: "Du hast recht, wir müssen unsere Beziehung mehr geheim halten."
Tage später, als Paul Jürgen Zieger seine Versuchsanordnung wieder vorstellte, sagte er nur so nebenbei: „Du hast ja ein gutes Verhältnis mit Ulrike.“ Nach einem langen Wochenende trafen sich Ulrike und Paul wieder im Raum 305. Diesmal ungestört, ließ Ulrike ihren Gefühlen freien Lauf. Sie hatte das Bedürfnis, Paul ihre Liebe zu gestehen. Sie sprach darüber, dass viele sinnliche Dinge sie mit Paul verbinden. Wenn sie Musik hört, denkt sie an ihn. Ebenso ergeht es ihr, wenn sie mit ihrem Mann schläft. Ulrike sah das veränderte Gesicht von Paul. Einerseits war Paul erfreut, zum anderen überrascht. Darauf sagte Ulrike, dass man das Familiäre von der Beziehung zueinander trennen müsse. Auch Paul hatte nicht die Absicht, seine Familie durch diese Beziehung zu belasten oder gar zu zerstören.
Die Arbeit von Paul ging voran. Wichtige Komponenten konnten beschafft werden. Doch an Kleinigkeiten haperte es noch immer. Ein spezieller Schaltkreis und ein Netzteil fehlten noch. Diese gab es nur im westlichen Ausland und Devisen waren knapp. Der Schaltkreis wurde bestellt, doch für das Netzteil war kein Geld vorhanden. Zwischen Paul und Joachim Zieger hat sich ein gutes Verhältnis entwickelt. Joachim, der SED- Mitglied ist, erklärte Paul die Situation, mit den Ersatzteilen und den Devisen, aus seiner Parteisicht. Forschung und Produktion leiden schon seit geraumer Zeit am Devisenmangel. Aus diesem Grund wurde der "Wissenschaftliche Gerätebau" ins Leben gerufen. Damit versuchte man, unabhängiger vom kapitalistischen Ausland zu werden. Paul wurde angewiesen, das Netzteil im "Institut für experimentelle Physik", die eine Gerätebau- Abteilung installiert haben, anfertigen zu lassen. Die dortigen Gespräche ergaben, dass sie mit ihren dringenden Aufgaben ausgelastet sind. Mit dieser Aussage entschied Joachim, dass Paul das Netzteil selber entwickeln und bauen soll.
Ulrike hatte wieder freie Zeit und schlug Paul vor, den letzten Ausflug zu wiederholen. Unbeobachtet verließen sie das Institut. Paul stieg, etwas weiter vom Parkplatz entfernt, in Ulrikes Auto. Wieder ging es Richtung Kulkwitzer See. Und der Frühling ließ sein blaues Band durch die offenen Autofenster flattern. Ulrike reichte Paul eine kühle Flasche Sekt. Die Sonnenstrahlen verstärkten die silbernen Perlen im Glas. Auch in Ulrikes Augen vernahm Paul ein Leuchten. Die Küsse und Umarmungen, die darauf folgten, waren leidenschaftlicher als je zuvor. Paul führte seine Hände entlang den Rundungen, die unter Ulrikes Pullover lagen. Beim Spaziergang zum See blieben sie oft in einer Umarmung stehen. Ulrike bewegte ihren Körper rhythmisch zu dem von Paul.
Pauls Arbeiten wurden immer öfter durch Ulrike angenehm unterbrochen. Die Begrüßungen im Labor wurden immer intimer und aufregender, denn in jedem Moment könnte jemand in der Tür stehen. Das Verlangen, nicht nur Küsse auszutauschen, wurde von beiden immer stärker. Pauls "Liebesstimmung" wurde von seiner Frau Melanie nicht wahrgenommen. Melanie und Paul waren schon über zehn Jahre verheiratet und versuchten, den Alltag zu meistern und die Zukunft gemeinsam zu planen. Ein Autokauf stand an erster Stelle. Sie entschieden sich für den Kauf eines älteren „Trabant- Kombi“. Das hieß nun, Aushänge und Annoncen zu studieren. Mitten in den Aktivitäten der Autosuche, lag ein Brief im Kasten, auf den sie schon lange warteten. Es war ein Brief von der Arbeiter-Wohnungsbaugenossenschaft Markkleeberg. Melanie hatte in ihrem Betrieb vor Jahren einen Antrag bei der AWG gestellt. Nun hatten sie es schwarz auf weiß. Im kommenden Jahr können sie ihre Dreiraum- Wohnung beziehen. Es werden aber von den AWG- Mitgliedern finanzielle Beiträge und Aufbaustunden erwartet, mit denen sie ihren Genossenschaftsanteil erwerben. Melanie und Paul unterschrieben sofort und gaben den unterschriebenen Vertrag persönlich im AWG- Büro ab. Pauls Familie machte sich sofort Gedanken, wie sie ihre Wohnung gestalten werden. Karina freute sich besonders. Mit einem eigenen Zimmer, brauchte sie nicht mehr im kalten Schlafzimmer ihrer Eltern schlafen. Für Paul und Melanie wird es nun Einschränkungen geben. Am Wochenende werden sie Aufbaustunden leisten müssen.
Ulrike wollte am kommenden Freitag ihre Arbeitswoche mit einem Höhepunkt beenden. Sie schlug Paul vor, dass sie an diesem schönen Sommertag wieder ins Grüne fahren, wo sie wieder eine Zweisamkeit genießen können. Am frühen Nachmittag verließen sie das Institut, das bereits verlassen schien und fuhren mit dem Auto zum Kulkwitzer See. An einer einsamen Stelle hielten sie an und umarmten sich heftig. Ulrike griff dann wieder unter ihren Sitz und holte eine Flasche und Gläser hervor. Diesmal wurden die Gläser mit Whisky gefüllt. Beim Anstoßen bemerkten sie, dass sie nicht allein auf Feld und Flur waren. Die Sonne lockte auch andere Paare ins Freie. Ulrike und Paul drängte es zu einem Spaziergang.
Ulrike trug ein langes Kleid, das ihre üppigen Formen besonders hervorhob. Am Wiesenrand pflückte Ulrike Blumen und betrachtete sie verträumt. Paul legte den Strauß beiseite und zog Ulrike an sich. Ulrike blickte immer wieder zur Uhr. „Wir müssen leider unser Rendezvous beenden“, sagte Ulrike, „diesmal muss ich pünktlich meinen Sohn abholen, da die Kinderfrau über das Wochenende verreisen will“. Ulrike fuhr Paul wieder zur Busstation. Im Autoradio erklang, wie bestellt: "Love is a many splendored thing". Nach dem Abschiedskuss sagte Ulrike zu Paul: "Lass´ dir etwas für den Mittwoch nächster Woche einfallen". Paul stand grübelnd an der Bushaltestelle, was hat Ulrike gemeint? Am Montag würde er es erfahren.
Beim Kaffee im Labor 111 fragte Ulrike Paul, was er am Mittwoch vor hat. "Nichts". Ulrike machte den Vorschlag, dass sie den Mittwoch Abend bei ihr zu Hause verbringen könnten. Ihr Mann ist für eine Woche auf Dienstreise und Sohn Niki kann bei der Kinderfrau übernachten. Diese Einladung kam für Paul überraschend, hätte er doch nie an eine solche Möglichkeit gedacht. Paul sagte darauf zu Ulrike, dass er sich zu Hause etwas einfallen lassen wird. Am Dienstag berichtete Paul Ulrike, wie er seiner Frau plausibel beibringen konnte, dass er erst nachts nach Hause kommen wird. „Die Arbeit hat Vorrang“, sagte Melanie zu Paul. Paul war bei dieser Ausrede nicht geheuer, bis dato hatte er Melanie noch nie angelogen. Nur Tochter Karina freute sich, durfte sie neben Mama im Bett einschlafen. Paul würde dann den Rest der Nacht im Wohnzimmer verbringen.
