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Letzte Ausfahrt vor dem KI - Zeitalter. Diese Geschichte ist noch von einem wirklichen Menschen erlebt wurden. Der Journalist Torsten Preuß war 8 Jahre als Korrespondent in Australien und hat dort Deutschlands Buch über die geteilten Zeiten geschrieben. Mit 11 Jahren gibt sich der Autor das erste Indianerehrenwort seines Lebens: „Noch bevor der Eiserne Vorhang eines Tages fällt, bin ich schon auf allen 5 Kontinenten gewesen.“ Wo es für ihn am schönsten war, will er dann leben. Aber schon mit 15 trifft er die Liebe seines Lebens, mit der er den großen Traum zusammen verwirklichen will: raus hier! Am besten so weit weg wie möglich. Auch wenn es schwer wird...erst durch den Osten der Welt, dann durch den Westen der Welt, dann bis ans Ende der Welt ist fesselnde Zeitgeschichte, die eine ganze Epoche, ihr plötzliches Ende und die Jahre danach erzählt. Eine Erinnerung für die Ewigkeit. Als Buch im TOPonlineverlag erhältlich.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Schlimmste an einer Diktatur ist, dass man sie nie mehr los wird. Solange man in ihr lebt, will man sie nicht wahrhaben und danach will man nicht wahrhaben, dass man solange so dumm war, in ihr zu leben.
Deshalb entstehen immer wieder neue.
Dieses Buch will das ändern
toponlineverlag.com
präsentiert
Eine Liebe. Zwei Welten
oder
NEVER GIVE UP!
Dies ist eine wahre Geschichte.
Nie mehr zu ändern.
Nur noch zu erzählen…
Haben Sie schon mal eine Ballkönigin geküsst? Ich meine so richtig, mit Zungenschlag und Augen zu? Ich frage das nur, weil in Hollywood mal ein armer Regisseur, nachdem er reich geworden war, gesagt hat: „Am besten, es fängt mit einem Erdbeben an und steigert sich dann langsam“. Zungenschlag mit einer Ballkönigin kommt einem Erdbeben ziemlich nah. Aber ich glaube, der Mann ist an einem Herzversagen gestorben. Oder war es die Leber? Beides braucht man aber, um eine Liebesgeschichte wie diese zu erzählen. Also werde ich nicht mit einem Erdbeben anfangen, sondern einem Sonnenaufgang. „Always the Sun“ war schon immer eine meiner Lieblingszeilen. Heute hier, in meiner neuen, wie damals dort, in meiner alten Heimat, der Stadt meiner Geburt. Rotgoldwarm steigt sie hinter der Ruine der Dresdner Frauenkirche in einen wolkenlosen Himmel. Ich nehme es als gutes Zeichen. Schönes Wetter hatte ich mir für meine erste große Reise immer gewünscht. Bis dahin bin ich immer nur im Auto meiner Eltern zu meiner Oma gefahren. Ich stritt oder lachte einfach auf dem Rücksitz mit meiner großen Schwester Andrea und drei Stunden später waren wir da. Aber im Sommer des Jahres 1973 nicht. Da soll ich zum ersten Mal alleine fahren. Ich meine, ganz alleine. Obwohl ich noch keine zehn Jahre alt bin, aber meine Mutter sagte schon immer gern: „Reisen bildet. Und je eher man damit anfängt, umso besser.“ Außerdem geht es ja erst mal nur zu meiner Oma. Die wohnt nicht auf einem anderen Kontinent, nicht mal in einem anderen Land. Sie wohnt in Deutschland, so wie ich damals. Nur etwas mehr in der Mitte, mitten im Grünen.
*
In Gummistiefeln über die Weide laufen und die Kühe zusammentreiben, frischgelegte Eier aus dem Hühnerstall holen, Pferde striegeln oder federleichte Küken in der Hand halten, Ferien bei Oma ist das Beste, was mir als Kind passieren kann. Also habe ich einfach gute Laune, als der Zug den Hauptbahnhof von Dresden langsam verlässt. Meine Stimmung steigert sich noch, als ich im Zug sogar einen Platz finde, in einem Abteil, in dem ein Mann Mitte 40 sitzt und eine Frau um die 35. Beide sehen ganz sympathisch aus. Obwohl? Als der Mann anfängt zu sprechen, kann ich an einer Hand seine Zähne zählen:
„Der Zug rast ja heute wieder in einem Tempo, als würden sie vor ihm noch die Gleise verlegen.“
Die Frau lacht nicht. Ich grinse vorsichtshalber. Er grinst mit. Dann fixiert er mich eine Weile mit seinen Augen:
„Wo willst du denn hin?“
„Zu meiner Oma.“
„Ferien?“
„Ja.“
„Ferien waren immer das Beste an der Schule.“
„Hat sich nicht geändert.“
„Schön zu hören.“
Er zwinkert mich dabei an wie einen alten Kumpel:
„Wo musst du denn raus?“
„Plauen.“
„Plauen? Kenne ich. War früher mal `ne schöne Stadt.“
Er holt aus einem blumenbedruckten Stoffbeutel eine Flasche Bier:
„Prost.“
Kurz darauf kommt der Schaffner und will meine Fahrkarte sehen. Ich zeige sie ihm und er locht sie ab. Als die schwere Lokomotive ein paar langsame Stunden später im Hauptbahnhof von Plauen beim Abbremsen so schrill quietscht, dass mein Rücken kurz erkaltet, weiß ich, dass ich endlich da bin. Ich halte mir die Ohren noch so lang zu, bis sie endgültig steht, dann steige ich aus.
Mit mir verlassen vielleicht noch fünf Leute den Zug. Ich frage den Mann, der den Bahnsteig kehrt, nach dem Weg zum Busbahnhof. Er murmelt mich an:
„Um die Ecke.“
„Danke.“
Ich laufe in die Richtung, in die er genickt hat, bis zu einem kleinen Haus, das zwischen den Bussen steht, und trete an das runde Fenster. Vor meinen Augen fängt ein Lippenstift an zu sprechen:
„Wo willst du denn hin, mein Kleiner?“
Mir gefällt zwar das Wort „Kleiner“ nicht, trotzdem antworte ich freundlich:
„Nach Hirschberg.“
„Hirschberg?“
Sie sieht mich an, als hätte sie „Hamburg“ verstanden. Ich nicke so lange, bis sie eine Spur zu freundlich fragt:
„Was willst du denn in Hirschberg?“
„In der Nähe wohnt meine Oma.“
„Dort wohnt noch jemand?“
Sie gibt mir zweifelnd eine Fahrkarte aus Pappe. Ich stecke sie in meine Tasche und gehe zurück zur Bahnhofshalle. Von Weitem sehe ich noch, wie der Lippenstift in ein Telefon spricht, dann setze ich mich auf eine Bank und überlege eine Weile, was ich tun kann. Ich habe noch eine Stunde Zeit. Warum nicht einfach Plauen anschauen? Muss ja niemanden mehr fragen. Ist ja keiner mehr da. Obwohl? Plötzlich wird es vor meinen Augen schwarz. Vier schwere Lederstiefel stehen vor mir auf dem Boden. Ich sehe langsam nach oben. Die zwei Männer, die darin wippen, tragen dunkelblaue Uniformen. Ich weiß sofort: Transportpolizei. Wir nennen sie immer „Trapos“. Sie laufen auf allen größeren Bahnhöfen Streife. Getan haben sie mir noch nie etwas, also bin ich einfach freundlich:
„Guten Tag.“
„Mitkommen.“
„Mitkommen?“
„Mitkommen. Und vergesse deinen Beutel nicht.“
„Ich wollte mir doch gerade Plauen anschauen gehen.“
„Plauen? Wolltest du nicht nach Hirschberg?“
„Woher ...“
Mir fällt der Lippenstift am Telefonhörer ein. Ich sage zu dem Älteren:
„Mein Bus fährt aber bald.“
„Das werden wir noch sehen.“
Wir laufen Richtung Bahnhofshalle, ich in der Mitte. Die Menschen, die uns entgegenkommen, blicken alle von uns weg. Ungestört kommen wir zu einer Tür auf der „Betreten verboten“ steht. Der Raum dahinter hat nur ein Fenster. Von außen ist es vergittert, innen fehlt der Griff. In der Mitte steht ein billiger Büroschreibtisch aus falschem Holz. Die Tür fällt zu, wir sind nur noch zu dritt. Zwei Menschen in Uniform, die ich vorher noch nie gesehen habe und danach auch nie wiedersehen werde, und ich, ein Junge, der zu seiner Oma will.
„Setzen.“
Der ältere der beiden Polizisten drückt mich auf den Stuhl und blickt mir von der Seite ins Gesicht:
„Wo sollte es noch einmal hingehen?“
Ich zeige ihm meine Fahrkarte wie ein Beweisstück:
„Hier. Bitteschön. Nach Hirschberg.“
„Was willst du denn in Hirschberg?“
„In der Nähe wohnt meine Oma.“
„Die Oma.“
„Ja. Und der Opa.“
Seine Stimme wird etwas freundlicher:
„Willst wohl Ferien machen, so richtig auf dem Land, hm?“
Ich könnte ihm jetzt viel erzählen. Von Emil zum Beispiel. Der hatte schon zwölf Weihnachten überlebt und gehört längst zur Familie. Manchmal läuft er Oma die steile Dorfstraße hoch entgegen, um sie abzuholen. Ich frage mich dann immer, woher der Gänserich bloß weiß, wann der Bus kommt. Aber der Mann vor mir ist ein schlechter Schauspieler. Seine Freundlichkeit stinkt zum Himmel. Ich erzähle ihm also lieber:
„Ja.“
Erst wartet er, ob ich vielleicht doch noch … dann wird er etwas lauter:
„Und wo ist dann dein Passierschein? Hast du schon mal davon gehört, dass Besuche in diesem Gebiet nur mit einem Passierschein gestattet sind?“
Obwohl er jetzt wirklich nicht mehr nett klingt, bin ich richtig erleichtert:
„Na klar, weiß ich das. Ich fahre doch schon lange in die Ferien zu meiner Oma. Sie hat mir einen Brief geschrieben, dass ich mir diesmal meinen Passierschein in Hirschberg selbst abholen soll. Die Zeit war zu knapp, um ihn mir nach Hause zu schicken.“
Sie schauen sich beide an, als hätten sie sich gerade zum ersten Mal gesehen.
„Abholen?“
„In Hirschberg?“
„Wo gibt es denn so etwas?“
Ihre Augen werden immer schmaler. Dann fragen sie fast gleichzeitig:
„Wo wohnt denn deine Oma überhaupt?“
„In Venzka. Der Ort heißt Venzka.“
„Venzka?“
„Venzka? Noch nie gehört.“
Sie tuscheln sich etwas zu. Der Ältere schaut zu mir herunter:
„Mann Kleiner, ich hoffe, du hast recht.“
Diesmal ist mir das Wort „Kleiner“ egal. Ich sehe nur, wie sie den Raum verlassen. Und dass die Tür, die hinter ihnen zufällt, auch keinen Griff auf meiner Seite hat. Erst mal durchatmen und warten, wie es weitergehen wird. Es dauert nicht lange, da geht die Tür plötzlich auf, wir sind wieder zu dritt. Ich rühre mich nicht. Der Ältere greift meinen Arm und zieht mich nach oben:
„Schöne Ferien.“
Er blickt auf seine Uhr:
„Dein Bus fährt in zehn Minuten.“
Ich atme einmal kurz aus, dann renne ich los, quer über den Bahnhofsplatz bis zur Abfahrtsstelle.
*
Der Bus nach Hirschberg steht schon bereit. Ich zeige dem Fahrer meine Fahrkarte und setze mich ganz nach hinten, in die letzte Reihe, auf einen Platz am Fenster. Unterwegs wechseln sich Hügel, auf denen Tannen bis zum Himmel wachsen, mit Feldern ab, auf denen Mähdrescher Getreide fressen. Thüringen heißt die Gegend und ist wirklich schön. Nach einer halben Stunde hält der Bus an, obwohl ringsherum nur Wald ist. Zwei Soldaten springen aus dem Busch und steigen ein. Sie tragen Stahlhelme und Uniformen in Tarnfarben. Der Bus fährt wieder an und rollt weiter. Sie beginnen die Papiere der wenigen Fahrgäste zu kontrollieren. Ich komme als Letzter dran. Ohne zu fragen, wissen sie meinen Namen. Ich wundere mich gar nicht erst. Ich sehe nur die Funkgeräte an ihren Gürteln und nicke mit dem Kopf. Sie setzen sich in die Reihe vor mir. Vielleicht sind sie gerade 19 oder 20, älter nicht. Einer hat sogar ein niedliches Milchgesicht. Er stellt seine Maschinenpistole zwischen seinen Beinen ab und dreht sich zu mir:
„Wie kommst du denn auf die lustige Idee, ohne Passierschein hierherzufahren?“
„Ich habe ja einen. Die Zeit war nur zu knapp ihn per Post nach Hause zu schicken. Deshalb hat meine Oma ihn in Hirschberg abgelegt.“
„Wo wohnt denn deine Oma?“
„Noch hinter Hirschberg, in Venzka.“
„Venzka? Das kenne ich doch. Ein kleines Dorf, kurz vor dem Aussterben.“
„Darf ja keiner mehr hinziehen.“
„Stimmt.“
Es dauert eine Weile, bis der Bus wieder langsamer wird:
„Hirschberg, wir sind da.“
Der Fahrer öffnet die Tür automatisch, die beiden Soldaten stehen auf:
„Du musst erst mal mitkommen.“
„Wohin?“
„Wir sollen dich abgeben, am Kontrollpunkt.“
Sie bringen mich zu einem flachen Haus aus grün angestrichenen Betonplatten. Ein hagerer junger Mann, Anfang 30, in einer Uniform, sitzt hinter einem Holztisch, auf dem rechts von ihm ein Feldtelefon steht. Links von ihm steht ein kleiner Kasten. Während er darin blättert, fragt er:
„Name?“
„Preuß.“
„Vorname?“
„Torsten.“
„Geboren?“
„08.08.1963.“
„Wohnhaft?“
„8036 Dresden, Zschachwitzer Straße 24.“
„Wohin?“
„Venzka.“
„Verwandte welchen Grades?“
„Oma und Opa.“
Er nickt und zieht einen Zettel aus dem Kasten. Ich erkenne ihn sofort. Er reicht ihn mir über den Tisch:
„Das ist eine Ausnahme.“
„Ja.“
„Sag das deiner Oma.“
„Ja.“
„Das nächste Mal gibt es das nicht mehr.“
„Nein.“
„Aber nicht verlieren.“
„Nein.“
Draußen wird es jetzt schon langsam dunkel, ich kann die ersten Lichter in den Häusern Hirschbergs sehen. Noch ist der Schlagbaum aber vor mir zu. Es dauert eine Weile, dann kommt ein Soldat und öffnet ihn für mich. Obwohl ich sie nicht höre, spüre ich, wie sich die rot weiß gestrichene Eisenstange hinter meinem Rücken wieder senkt. Damit befinde ich mich jetzt in verbotenem Territorium. Niemand, kein Mensch der Welt, darf hinter diesen Schlagbaum. Nicht ohne Passierschein.
*
Ich laufe die leere Straße entlang, bis in die Mitte des Ortes und biege in eine schmale Seitengasse aus Kopfsteinpflaster, die steil zwischen zwei alten Häuserblöcken nach oben führt, auf einen freien Platz, auf dem eine 100 Jahre alte Kastanie steht. Wie immer grüße ich sie mit einem Augenzwinkern und gehe weiter zum Anfang einer schmalen Straße, die rechts von dem Platz weg in den Wald nach Venzka führt. An ihrem Anfang flackert der Schein einer Petroleumlampe durch die Schlitze eines Wachhauses. Als ich in seine Nähe komme, fängt der Betonklotz an zu sprechen:
„Halt! Stehen bleiben.“
Ich gehorche und warte, bis die schwere Tür aufgeht.
„Wo willst du denn hin?“
„Nach Venzka.“
„Passierschein.“
Ich ziehe ihn aus meiner Tasche. Der Soldat schwingt seine Maschinenpistole auf den Rücken und richtet den Strahl seiner rechteckigen Taschenlampe auf die Buchstaben in Schreibmaschinenschrift. Unter „gültig für“ steht: „Hirschberg/ Venzka“.
„In Venzka gibt es doch nicht mal mehr eine Kneipe.“
„Aber meine Oma. Und meinen Opa.“
Er öffnet den Schlagbaum:
„Na dann, viel Spaß.“
Ich bin fast da. Nur noch etwas mehr als einen Kilometer zu Fuß. Die Bäume stehen wie eine schwarze Wand neben mir. Beleuchtung gibt es keine mehr. Nur ein paar Sterne. Wie immer suche ich zuerst nach dem Großen Wagen, finde ihn aber nicht. An einer Gabelung nehme ich die Straße, die nach rechts führt, zwischen Weiden und Bäumen bis ins Dorf zum Haus meiner Oma. Als ich endlich in die große Küche trete, will sie natürlich wissen, wie es war:
„Is mal alles jut jegangen, mein Kleiner?“
Diesmal gefällt mir das Wort „Kleiner“ sogar. Ich nicke mit dem Kopf, aber bevor ich etwas sagen kann, drückt mich mein Opa wie jedes Mal an seine Brust, als sollte ich für den Weltrekord im Luftanhalten üben.
Schlafen will ich in der Nacht nach meiner ersten großen Reise allein noch nicht. Stattdessen warte ich bis die anderen schlafen. Dann schleiche ich mich zurück in die Küche und nehme mir den großen alten Topf aus blauer Emaille vom Herd.
Ich setze mich im Dunkeln ans Fenster, auf den Rand des alten weichen Sofas und beginne mit einer silbernen Kelle den kalten Kakao hinunter zu schlürfen. Dabei denke ich an die Bilder des Tages: Ein rasend langsamer Zug, ein am Ende leicht betrunkener Mann, ein von Anfang an neugieriger Mund mit zu viel Lippenstift, ein die ganze Zeit vergitterter Raum mit einer Tür ohne Griff, eine Menge Uniformen und Maschinenpistolen zwischen Beinen von Milchgesichtern. Alles war gut gelaufen, nicht mal langweilig, manchmal sogar spannend, kein schlechter Tag, kein schlechtes Ende für meine erste große Reise. Ich bin, wo ich hinwollte, ans Küchenfenster meiner Oma. Das Haus steht etwas höher als die anderen, so kann ich ihn sogar von oben sehen. Wie immer sieht es nachts am gespenstischsten aus.
*
Bis zum schwarzen Horizont fällt gleitendes Flutlicht auf den Eisernen Vorhang, der Deutschland, Europa, die ganze Welt, vor meinen Augen teilt. Das legendäre Bauwerk besteht aus zwei Stahlgitterzäunen, die ungefähr dreimal so hoch sind wie ich. Dazwischen stehen in regelmäßigen Abständen Wachtürme. Sie werfen im Rhythmus der suchenden Scheinwerfer lange Schatten auf eine provisorische Straße aus hingelegten Betonplatten, die alle Wachtürme miteinander verbindet. Zum Schichtwechsel kann ich die Soldaten immer sehen, wie sie die Türme besteigen. Die Maschinenpistolen auf dem Rücken, die Feldstecher um den Hals. Wir nennen die Jungs immer nur Grenzer. Wenn ich am frühen Morgen die frische Milch in silbernen Kübeln aus dem Stall von Oma die steile Dorfstraße hoch schleppe, legen sie manchmal die Maschinenpistolen bei Seite und packen mit an. Meistens setzen wir uns danach noch auf den Rand der Rampe und warten bis der kleine Lebensmittelladen, den alle nur Konsum nennen, um acht Uhr morgens öffnet. Ich glaube, einer von ihnen hat mir dabei sogar meine erste Zigarette gegeben. Ich will sagen, sie sind immer nett, nette Jungs, die mich erschießen würden. Einfach so. Obwohl? Einfach so nicht. Vorm Erschießen haben sie sogar den gleichen Schiss wie ich. Wie gesagt, sie sind Jungs im schönsten Alter, die alle nur einen Wunsch haben: „Hoffentlich nicht ausgerechnet bei mir! Hoffentlich rennt nicht ausgerechnet mir jemand in meiner Dienstzeit durchs Bild, hoffentlich muss nicht ausgerechnet ich jemanden erschießen. Einen Jungen, ein Mädchen, eine Frau oder einen Mann, jemanden, den ich nicht mal kenne, den ich noch nie gesehen oder von dem ich noch nie gehört habe.“ Das wollen sie alle nicht, die Milchgesichter in Uniformen, die wir, ihre potenziellen Opfer, freundlich Grenzer nennen. Wenn ich mit den wenigen Jungs, die in Venzka noch wohnen, am Rande des Dorfes Fußball spiele, müssen wir immer aufpassen, dass der Ball nicht zu weit wegfliegt. Weil mitten durch Deutschland auch noch Minen im Gras liegen. Manchmal wecken sie mich nachts auf. Zum Glück musste ich aber noch nie wirklich erleben, dass eine einen Menschen zerfetzte. Meistens ist es nur eine Fehlzündung oder eine „dumme Kuh“. Mehr dürfen die Grenzer ja am nächsten Tag nicht sagen. Und ich? Will es gar nicht wissen. Muh? Warum nicht? Als Kind bleibt das Licht lieber an, der Keller lieber zu, das Leben lieber ewig am Fenster über Deutschland. Dort reicht mir schon das, was ich gerade wieder vor mir sehe. Und höre: das Bellen der Schäferhunde:
„Wau, Wau, Wau, Wau, Wauu…“
Irgendjemand aus dem Dorf hat mal erzählt, sie bekommen nur alle drei Tage etwas zu fressen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber sie hören sich immer so an wie hungrig genug gehalten, um jederzeit – in der Grenzer-Sprache gesagt – einen Menschen zu stellen. Mit einem Biss ins Bein oder einem Sprung ins Genick des Jungen, des Mädchens, der Frau, des Mannes, der es mit oder sogar ohne Passierschein bis hinter den ersten Zaun geschafft hat. Danach beginnt der Todesstreifen. Ab da hilft nur noch rennen … Hunde im Genick? Eine Kugel in den Rücken? In den Bauch? Mitten ins Herz? Oder doch daneben? Weil ein Milchgesicht in diesem Augenblick vielleicht zum Mann geworden ist? Das alles und noch viel mehr, weiß man erst, wenn man hinter dem zweiten dreimal so hohen Zaun, im Westen Deutschlands, Europas, der Welt oder, einfacher gesagt, frei ist. Und das ist das Geniale an einer Oma im Grenzgebiet. Ich kann auch ohne gleich erschossen oder erbissen zu werden, hinter den Eisernen Vorhang schauen. Viel sehe ich nicht, aber das wichtigste schon: Auf meiner Seite stehen Wachtürme, leuchten mir Scheinwerfer entgegen, explodieren „dumme Kühe“, bellen die Schäferhunde nachts nach Futter. Und auf der anderen Seite? Dort, wo die bösen „Kapitalisten! Imperialisten!! Faschisten!!! Und Kriegstreiber!!!!“ Regie führen? Dort steht an einer fernen Landstraße nur eine einsame Straßenlaterne. Und wenn ich die Jungs ab und zu frage, ob sie wenigstens von ihren Wachtürmen aus schon mal jemand gesehen haben, von denen, die angeblich Gewehr bei Fuß stehen, um uns zu überfallen, feixen die meisten nur stumm vor sich hin. Der Unterschied zwischen „beschützen“ und „bewachen“ wurde mir so schon ziemlich zeitig klar. Aber noch nie so klar, wie an diesem Abend, am Küchenfenster meiner Oma, beim Blick auf das Ende meiner Welt: Bis hierher und nicht weiter! Sonst wirst du gestellt, erbellt, erbissen oder erschossen. Warum? Wieso?? Weshalb??? Weswegen???? Ich bin gerade zehn, ich weiß nur: So ist es eben, geboren hinter dem Eisernen Vorhang, im „kommunistischen Lager“, dem größten lebenden Gefängnis, das Menschen jemals errichtet haben. Es erstreckt sich über vier Kontinente und zwölf Zeitzonen und mitten durch Europa, mitten durch Deutschland, treffen der „Osten“ und der „Westen“ der Welt im Kalten Krieg aufeinander. Sogar für immer und ewig, wie es scheint. Dass der Eiserne Vorhang jemals wieder fallen würde, glaubt 1973 jedenfalls schon lange niemand mehr.
Ich auch nicht, an diesem Abend, als ich mich zum ersten Mal allein unterwegs, mit mir und meinem Leben, frage, was ich deshalb wohl alles verpassen werde, in der Zeit, in der ich einmal existiere. Die Liste erscheint mir sofort endlos, aber wie immer ist das erste Bild dazu ein Strand mit Palmen. Palmen stehen für mich für alles, was ich im Kommunismus vermisse. Und das ist nicht wenig. Manchmal schaffen es die Kommunisten nicht einmal, uns ausreichend mit Klopapier zu versorgen. So gibt es vieles nur wenig, nur ab und zu oder noch seltener, aber das wichtigste gibt es eben nie: Freiheit. Von der kann man nur träumen, geboren hinter dem Eisernen Vorhang: Bis hierher und nicht weiter! Sonst wirst du gestellt, erbellt, erbissen oder erschossen auf dem Weg in die weite Welt, die mir an diesem Abend noch weiter weg vorkommt als sonst. Dass ich in einem großen Gefängnis geboren bin, weiß ich zwar schon seit dem ersten Blick aus dem Küchenfenster meiner Oma, aber noch nie war mir das so bewusst wie nach meiner ersten Reise allein darin. Ohne Passierschein wäre schon in Plauen Endstation gewesen. So ist es Venzka. Weiter westlicher geht es nicht. Und trotzdem verspreche ich mir an diesem Abend im Sommer 1973 das genaue Gegenteil. Schließlich hat mir meine erste Reise allein auch Spaß gemacht und gelernt habe ich dabei vor allem eins: Dass ich mich auch alleine durchschlagen kann. Also schlürfe ich den letzten Kakao herunter, dann hebe ich die silberne Kelle wie ein Kreuz in die Luft und gebe mir in einem Anfall aus Trotz, Ohnmacht, Wut und Mut das erste Indianerehrenwort meines Lebens:
Bevor der Eiserne Vorhang irgendwann fällt, bin ich schon auf allen fünf Kontinenten gewesen!
Ich muss nicht mal lachen dabei. Obwohl es sogar zum Totlachen ist. Ein Blick aus dem Fenster genügt: Wer kommt hier schon lebend raus? Die Schäferhunde scheinen der gleichen Meinung. Hungrig freuen sie sich schon auf mich:
„Wau!!! Wau!!! Wau!!! Wau!!! Wauuu!!!“
Ich habe sie noch in den Ohren, als ich dann doch noch schlafen gehe. Eine Mine explodiert in dieser Nacht nicht. Die haben die Grenzer gerade ausgewechselt, gegen „Selbstschussanlagen“. Der Mensch löst seinen eigenen Tod aus. Selbst schuld sozusagen. Was rennt er auch durch dieses schöne Land. Auch noch in die falsche Richtung. In die andere ist es nämlich völlig ungefährlich. Zumindest an dem Tag, an dem ich zwei Wochen später wieder zurück nach Dresden fahre. Da interessiert sich niemand mehr für mich. Allein gelassen mit mir und meinem Indianerehrenwort komme ich dort an, von wo ich ab jetzt nur noch wegwill, auf den Trip meines Lebens: Einmal um die Welt. Noch bevor der Eiserne Vorhang fällt. Das ist der Traum. Nicht mein Einziger, aber ab jetzt mein Größter.
*
Ich schenke ihn mir nur zwei Tage später, am 8. August 1973, als ich meine ersten zehn Jahre in der ostdeutschen Baracke des kommunistischen Lagers mit einer großen Nuss-Nougat-Torte abschließe. Was mir die nächsten zehn Jahre bringen werden, weiß ich nicht. Ich weiß nur, was sie mir bringen sollen: Freiheit. Um sie zu bekommen, gibt es zwei Möglichkeiten: Revolution oder abhauen. Das Erste, bedeutet alle zu befreien. Das Zweite, sich selbst zu befreien. Nach einer Revolution sieht es in Deutschland aber schon lange nicht mehr aus. Weil ich keine Zeit mehr zu verlieren habe, entscheide ich mich an meinem 10. Geburtstag also lieber für das Zweite und fange gleich am nächsten Morgen damit an. Ich nehme mir die Freiheit und schlafe einfach so lange, wie ich will. Schließlich sind die Ferien noch nicht zu Ende. Erst drei Wochen später ist es wieder mal soweit.
Der Wecker klingelt schon vor dem Aufstehen und danach steht wie immer eine Schüssel Haferflocken auf dem schmalen Küchentisch, der kaum 60 m² messenden Dreiraumwohnung, in der ich mit meinen Eltern und meiner vier Jahre älteren Schwester Andrea wohne. Sie kann noch eine Stunde länger schlafen, während ich mir schon die heiße Milch über die Haferflocken kippe, sie Löffel für Löffel in mich hineinschiebe, dann lässt mich meine Mutter gehen. Ich schnalle meinen Schulranzen auf die Schultern, öffne die Tür und treffe wie immer auf Tilo, meinen Klassenkameraden von nebenan. Im Erdgeschoss wohnt noch Hansi, der längste in unserer Klasse, und zu dritt laufen wir dem Beginn unseres vierten Schuljahres entgegen.
Im Jahreszeugnis nach der dritten Klasse in der 69. Polytechnischen Oberschule Dresden stand noch über mich in der Beurteilung:
Torsten erfüllt seine schriftlichen Aufgaben rasch, gewissenhaft und kritisch. Große Bemühungen zeigte er, seine Einstellung zum Kollektiv zu verändern. Er ordnete sich jetzt mehr unter und beachtete Erziehungsmaßnahmen.
Für jemanden, der sich selbst befreien will, bin ich also gerade auf dem falschen Weg. Aber das war vor dem Indianerehrenwort. Jetzt freue ich mich mehr über diese Zeile:
Er versucht sich selbst Ziele zu stellen und sie einzuhalten.
Von meinem neuen Ziel sage ich aber niemandem etwas. Obwohl mich die meisten in meiner Klasse verstehen würden. Einmal die Welt sehen, davon träumt jeder hinter dem Eisernen Vorhang. Wenn auch nicht jeder so gern wie ich nach meiner ersten großen Reise. Die Erfahrung, auch alleine unterwegs sein zu können, kommt gerade noch rechtzeitig. Den Weg ins „Kollektiv“ breche ich danach jedenfalls wieder ab. Körperlich bin ich zwar weiter mittendrin, aber geistig versuche ich mich ab jetzt nur noch an meinen liebsten Spruch zu halten, mein Lebensmotto sozusagen: Du solltest deinen Kopf nur zweimal in deinem Leben aus den Händen geben: Einmal der Hebamme, die ihn rauszieht, und einmal dem Totengräber, der ihn wieder reindrückt. Was zugegebenermaßen nicht so einfach ist, wenn man es nie gelernt hat. Das Letzte, was die Kommunisten wollen, sind Menschen, die ihren eigenen Weg gehen. Totale Gleichschaltung ist angesagt, geistig wie moralisch. Erst in der Kinderkrippe, dann im Kindergarten, jetzt in der Schule.
Zum Glück sitze ich wieder ganz hinten, in der letzten Reihe, auch noch ganz außen, dort, wo man mir am wenigsten ansieht, wo ich mit meinen Gedanken gerade bin. Schon irgendwo draußen, in der weiten Welt oder noch hier, in der Klasse 4a der 69. Polytechnischen Oberschule Dresden, an der mir die Welt erklärt wird? Von Lehrern, die sie auch noch nie gesehen haben, obwohl sie gerne würden. Aber auch ein Lehrer darf genauso wenig jenseits des Eisernen Vorhangs, wie ein zehnjähriger Junge. Erst wenn man in Rente geht. Frauen mit 60. Männer mit 65. Dann darf man auch, ohne dabei erschossen oder erbissen zu werden, „rüber“, wie wir immer sagen.
Ich rechne es im Mathematikunterricht manchmal für mich aus: 2028. Im Jahre 2028 würde mein großer Traum auch so wahr werden. Ganz ohne Revolution oder abhauen. Ich wäre frei und könnte einfach reisen, reisen wohin ich will. Und wohin will ich? Einmal auf alle fünf Kontinente. Aber nicht erst im Jahre 2028, sondern so schnell wie möglich. Als Rentner will ich nicht mehr reisen, sondern mich daran erinnern wollen. Am liebsten in meinem eigenen Haus am Meer. Wo das stehen soll? Ich habe noch keine Ahnung. Nur das ich mal eines haben will. Am liebsten dort, wo es mir auf meiner Reise um die Welt am besten gefallen hat. Noch ist das Dresden. Hier bin ich geboren, hier kenne ich mich aus. Ich bin jedes Mal froh, wenn ich wieder zurück bin. Irgendwo anders zu leben, kann ich mir ernsthaft noch gar nicht vorstellen. Alles, was ich bis dahin gesehen habe, war nicht halb so schön wie die Stadt an der Elbe. Obwohl aus ihren schönsten Zeiten nicht mehr viel steht. Das meiste wurde während der großen Bombenangriffe am 13. Februar 1945 zerstört. Aber alleine was aus den alten Zeiten übrig blieb, reicht schon um Dresden schöner als die meisten anderen Städte im Osten Deutschlands zu machen. Die Hofkirche, die Kreuzkirche, der berühmte Zwinger, und das Grüne Gewölbe, dazu die Gemäldegalerie und natürlich der legendäre Fürstenzug, auf dem die verewigt sind, die in den Anfangszeiten hier regierten. Da war Dresden noch die Hauptstadt des Königreichs Sachsen. Jetzt ist sie die Hauptstadt des „Bezirks Dresden“, einem von 15, in die die Kommunisten den Osten Deutschlands nach 1945 aufgeteilt haben. Obwohl wir darin weiter „Sachsen“ sagen und bleiben. Schon wegen unserer Sprache, unseres Dialektes. Der verrät uns überall. Meistens werden wir dann ausgelacht, aber richtig lustig wird es erst, wenn man auch noch sagt, dass man geborener Dresdner ist. Dann ist die Antwort meistens:
„Na Super! Dann erzähl doch mal, wie es ist, im ‚Tal der Ahnungslosen‘ groß zu werden, hi, hi, hi…“
Meistens lache ich einfach mit. Nach zehn Jahren habe ich mich längst daran gewöhnt, dass die Stadt, in der ich geboren bin, das Tal der Ahnungslosen genannt wird. Weil es die einzige Stadt in Deutschland ist, in der es nur das Fernsehen der Kommunisten gibt. Überall sonst können die Menschen auch „Westen“ sehen. Nur wir in Dresden nie. Die Hänge, die links und rechts der Elbe in die Höhe gehen, machen jeden Empfang des Westfernsehens unmöglich. Abgeschnitten vom Rest der Welt erfahren wir so immer nur das, was uns „die Roten“ über ihn berichten.
*
Jeden Abend pünktlich 19.30 Uhr, in den Hauptnachrichten der „AK“ für Aktuelle Kamera, wird das Wichtigste zusammengefasst. Oder weggelassen. Je nachdem ob es in ihr Weltbild passt. Das ist immer das Gleiche: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Und damit gegen das Gute. Denn Gutes wollen die Kommunisten ja. Das verkünden sie uns jeden Tag aufs Neue in den Massenmedien der „Deutschen Demokratischen Republik“ wie die Kommunisten den Osten Deutschlands seit dem 07. Oktober 1949 offiziell nennen. Obwohl die DDR weder eine Demokratie noch eine Republik, sondern die nächste Diktatur in Deutschland ist. Die „Diktatur des Proletariats“, wie es immer heißt. Auch wenn der, der sie anführt, nicht Diktator genannt werden darf, sondern „Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Vorsitzender des Staatsrates und des nationalen Verteidigungsrates der Deutschen Demokratischen Republik, unser verehrter Genosse Erich Honecker.“ So wird er jeden Abend angetextet. Die meisten Ostdeutschen schalten spätestens dann auf „Westen“ um, nur wir in Dresden nie. Wir erfahren wirklich immer nur das, was uns die Kommunisten auf den Sendern DDR 1 und DDR 2 berichten, über die Welt jenseits des Eisernen Vorhangs. Dort herrscht überall die große Ausbeutung, es gibt Arbeitslosigkeit, unbezahlbare Mieten und ständig steigende Preise. Was davon stimmt und was nicht? Auch davon habe ich keine Ahnung. Aber manchmal muss ich daran denken, wenn ich mir vorstelle, dass ich dorthin will. Dann nehme ich zur Ablenkung immer meinen Kassettenrekorder Marke „Anett“ aus Ost-Produktion zur Hand. Er ist ungefähr so groß wie ein Schuhkarton und klingt auch so. Aber das ist mir egal. Viel wichtiger ist, dass er auch ein Radio besitzt. Radio ist die einzige Möglichkeit für uns, wenigstens ein paar Informationen von „drüben“ zu bekommen und mit meinem kann ich auf Kurzwelle Radio Luxemburg empfangen. Auch wenn es uns eigentlich verboten ist, Sender des „Klassenfeindes“ zu hören, aber mir und meiner Schwester ist das egal.
Unsere Lieblingssendung auf RTL ist die „Blaue Stunde“. In der kann man bei dem Sender anrufen. Wenn man durchkommt, stellt der Moderator eine Frage, und wenn man die richtig beantwortet hat, bekommt man einen „Blauen“, also 100 Westmark. Manchmal schaffen es auch Ostdeutsche durchzukommen. Das Geld können sie zwar nicht gewinnen, aber so haben sie immerhin einen Kontakt nach drüben. Der Moderator stellt dann meistens noch ein paar Extrafragen, nach dem Motto: Erzählen sie doch mal, wie ist es denn so in der DDR?
Ich komme gerade aus dem Bad, als ich höre, wie er sich mit einer Frau aus Thüringen unterhält:
„Die Verbindung ist heute so gut, also erzählen Sie uns doch einfach noch, was es heute bei Ihnen zum Mittag gab.“
„Zum Mittag?“
„Ja.“
„Verkehrsunfall.“
„Bitte? Ich glaube, ich habe Sie gerade nicht richtig verstanden.“
„Ist die Verbindung jetzt nicht mehr so gut?“
„Doch, aber können Sie noch mal wiederholen. Was gab es heute bei Ihnen zum Mittag?“
„Mal wieder Verkehrsunfall.“
Ich muss lachen. Weil der Moderator vermutlich nicht weiß, was die Frau meint. Er klingt jedenfalls so:
„Ver…Verkehrsunfall?“
„Ja. Tote Oma.“
„Eine tote Oma??“
Dann höre ich die Frau lachen:
„So hei..."
„Bitte? Hallo, Halloooo????“
Umsonst. Die Leitung ist unterbrochen worden. Oder einfach zusammengekracht. Jedenfalls ist die Stimme aus dem Osten nicht mehr zu hören. Nur die aus dem Westen rätselt weiter:
„Verkehrsunfall? Tote Oma?? Gibt es im Osten zum Mittagessen???“
Ich antworte lachend für die Frau:
„Genau!“
Mir schmeckt es sogar. Obwohl ich damit so ziemlich alleine stehe. Bei der täglichen Schulspeisung verziehen die meisten jedenfalls den Mund, wenn wieder mal Blutwurst zum Mittag serviert wird. Gut gekocht wird sie dann immer über die dazu gereichten Kartoffeln geschüttet. Zusammen ergibt das einen „Verkehrsunfall“, der schmeckt wie „tote Oma“. Sagen zumindest all die, die Blutwurst nicht mögen. Dazu gehöre ich nicht, wie gesagt. Auch wenn sie mir einmal im Monat lieber wäre, als jede Woche.
Der Moderator ahnt von alledem nichts. Er wundert sich nur noch mal lachend über das Leben hinter dem Eisernen Vorhang, dann geht die Sendung weiter. Allerdings ohne mich. Ich schalte lieber auf Osten um. Auf Radio DDR kommen die Fußballergebnisse der Oberliga. Auf die warten immer alle im Tal der Ahnungslosen, denn Fußball ist für uns nicht nur die wichtigste Nebensache der Welt, sondern auch die einzige. Die Einzige, die uns wirklich mit ihr verbindet. Weil Dresden „DY-NA-MO!!! DY-NA-MO!!!“ hat, die beste Elf der Welt.
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Ich trage bei jeder Gelegenheit meinen schwarz-gelb gestreiften Schal um den Hals. Den hat mir meine Mutter gestrickt und ich habe wirklich allen Grund, auf ihn stolz zu sein. Einen Dynamo-Schal kann man nirgendwo kaufen und selbst die Wolle zum Selber stricken ist meistens knapp. Mal gibt es kein Schwarz, mal kein Gelb. Und das in einer Stadt, die so fußballverrückt ist, dass „DY-NA-MO!!! DY-NA-MO!!!“ dazu gehört wie das Wetter: Ob es regnet oder schneit, zu Dynamo ist es nie zu weit.
Sie zeigen den besten Fußball im ganzen Osten. Es gibt sogar ein Wort dafür: den „Dynamokreisel“. Kreiert von unserem Trainer Walter Fritzsch. Er gilt als „harter Hund“, der auf dem Platz lieber schnell als langsam spielen, laufen und denken lässt. So kreiseln wir die Gegner jedes Mal schwindlig. Gerade sind wir wieder DDR-Meister geworden und damit wieder spielberechtigt für den Europapokal der Landesmeister. Normalerweise wären wir mit unserer Elf bis ans Ende der Welt gereist, um sie zu unterstützen, sogar zu beschützen, aber so dürfen wir sie bei Auswärtsspielen jenseits des Eisernen Vorhangs nur vor dem Fernseher anfeuern.
In der ersten Runde müssen wir im September 1973 gegen Juventus Turin, den weltbekannten Meister Italiens, antreten. Niemand gibt uns eine Chance, aber wir nutzen sie. Wir schlagen Juve zu Hause mit 2:0 und verlieren in Turin nur knapp mit 2:3. Eine „Sensation“, wie es überall heißt. Danach kommt die Auslosung für die zweite Runde. Mit einem Ergebnis, das noch sensationeller ist: Am 24. Oktober 1973 soll Dynamo gegen die Besten aus dem Westen Deutschlands spielen: Bayern München.
Es ist das erste Mal, dass der Meister des Ostens auf den Meister aus dem Westen trifft. Seit der Auslosung ist das Spiel Thema Nr. 1 in der ganzen Stadt. Wo man auch hinkommt, mit wem man auch spricht, es geht um DAS Spiel:
„Wir gegen die Bayern!“
Normalerweise wäre ganz Dresden zum Hinspiel nach München gereist, aber so dürfen es wenigstens die Spieler. Der Rest schaut wieder in die Röhre.
Es läuft gerade die 13. Minute. Die Zahl bringt uns Glück, Johnny Hansen schießt ein Eigentor. Wir führen 1:0. Oder besser 0:1. Ist ja ein „Auswärtsspiel“, in der „BRD“, wie die Kommunisten den Westen Deutschlands am liebsten nennen. Dort lassen sie einen als Sportler hin. Vorausgesetzt man gehört zu den Besten und das gehören sie, die Dynamos. Deshalb sind sie wieder Meister im Osten geworden. Wie die Bayern im Westen. So dauert das Glück der frühen Führung auch nur vier Minuten, dann gleicht der Bayernspieler Hoffmann aus. Es kommt sogar noch schlimmer. In der 26. Minute schießt Dürnberger für Bayern das 2:1. Aber schon in der 34. Minute macht Rainer Sachse seinem Namen alle Ehre und schießt das 2:2. So scheinen alle in die Halbzeit gehen zu wollen. Nur einer nicht. In der 42. Minute schießt uns vorher Gerd Heidler noch mit der Führung in die Kabine: 2:3. Ich springe fast bis an die Decke. Gegen Bayern zu gewinnen, wäre das Größte. Dann wären wir die Besten in ganz Deutschland. Und wirklich wahr, bis zur 71. Minute ist nicht daran zu zweifeln. Dann aber schießt erst der Bayernspieler Roth alle Siegesträume tot und in der 83. Minute beerdigt sie Gerd „der Bomber der Nation“ Müller endgültig mit dem Siegtor zum 4:3.
Unsere so knappe Niederlage ist am nächsten Tag Gesprächsstoff in jeder Pause. Alle sind sich einig, dass wir im Rückspiel nicht noch mal verlieren:
„Uns reicht schon ein 1:0.“
„Dann sind wir weiter!!!“
So sehen wir dem Rückspiel am 7. November 1973 voller Optimismus entgegen. Allerdings nur die ersten 11 Minuten. Dann steht es schon 1:0 für die Bayern. Kaum hat sich Stürmerstar Uli Hoeneß dafür feiern lassen, macht er noch mal das Gleiche. Nur zwei Minuten später schießt er auch das 2:0. Oder genauer das 0:2. Ist ja ein Heimspiel. Karten dafür gab es nicht mal mehr für Westgeld auf dem Schwarzmarkt. Einmal Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Gerd Müller oder Sepp Maier mit eigenen Augen zu sehen, ist unverkäuflich. Die 36.000 Glücklichen, die eine Karte haben, wurden vorher von den Kommunisten in den Betrieben ausgesucht. Nur wer als parteitreu galt, hatte eine Chance. Sie werden vor dem Fernseher von allen beneidet. Zumal es jetzt erst richtig losgeht: Siegmar „der Fetzer“ Wätzlich verkürzt noch vor der Halbzeit auf 1:2.
Damit geht es in die Kabine. Ich verschwinde kurz im Bad, dann pfeift der französische Schiedsrichter Wurtz die letzten 45 Minuten des ersten deutsch-deutschen Fußballgipfels an.
Nur sieben Minuten später beginnen wir ihn endgültig zu stürmen: Hartmut Schade schießt in der 52. Minute den Ausgleich. Der Dynamo Kreisel kommt danach in volle Fahrt und keine vier Minuten später, in der 56. Minute, macht Reinhard „der Regisseur“ Häfner das 3:2. Ich springe aus dem Sessel:
„Ja!!! Dor! Dor! Doooor!!!!“
Damit sind wir weiter. Weiter als die Bayern. Aber das „Wunder von Dresden“ hat kein Happy End. Noch ehe ich wieder sitze, startet Gerd Müller zum direkten Gegenschlag und schießt in der 58. Minute das 3:3. Damit sind wir wieder draußen.
Obwohl wir bis zur 90. Minute weiterkreiseln bleibt es dabei.
Am nächsten Tag sind wir uns in der Schule alle einig:
„Sechs Tore gegen die Bayern. Schon deshalb hätten wir es verdient!“
Wir trauern dem Ausscheiden noch eine Zeit lang nach, aber nicht lange. Denn im November 1973 qualifiziert sich völlig überraschend die Nationalmannschaft der DDR zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft. Damit ist sicher, dass das Ostfernsehen die WM aus dem Westen Deutschlands im Sommer 1974 übertragen wird. Darüber freuen sich alle im Tal der Ahnungslosen, aber am meisten mein Dresdner Opa. Mit ihm unterhalte ich mich am liebsten über Fußball.
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Er wohnt ein paar Straßenbahnhaltestellen außerhalb der Stadt, in Radebeul, einem kleinen Weinanbaugebiet an der Elbe und er ist so fußballverrückt wie ich. Mein Vater hat ihm eine Jahressitzplatzkarte für Dynamo besorgt und damit geht er zu jedem Spiel. Selbst wenn es schneit. Dann steckt er sich eine Wolldecke in seinen Stoffbeutel. Meine Oma denkt immer, er würde sich die Decke im Stadion umhängen, wenn er friert, aber er hat mir mal verraten:
„Ich nehme sie als Kissen für die harte Bank.“
Wenn wir die Spiele danach auseinandernehmen, kommt er schnell auf „früher“ zu sprechen. Er ist ein guter Torwart gewesen. Er hat sogar gegen Helmut Schön gespielt, den Mann, der 1974 die Nationalmannschaft der anderen Hälfte Deutschlands trainiert. Durch meinen Opa erfahre ich, dass der berühmte Trainer in Dresden geboren ist. Er ist sogar mit dem Dresdner Sportclub zweimal Deutscher Meister geworden und 1950, zu ganz frühen DDR-Zeiten, noch vor dem Mauerbau, ist er mit dem Nachfolge-Verein SG Friedrichstadt noch mal Vizemeister geworden. Allerdings zu Unrecht. Sie waren klar besser, aber die Roten wollten, dass Horch Zwickau das Finale gewinnt. Der Schiri durfte nur für sie pfeifen und so gab es eine 5:1 Niederlage. Danach hat Helmut seiner Mannschaft gesagt: „Jungs, wir hauen ab in den Westen.“ Seitdem ist er dort.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit, wie meine Oma immer noch dazu sagt:
„Der Helmut ist doch damals nur abgehauen, weil du immer seine Schüsse gehalten hast.“
Als wir ihn am 22. Juni 1974 auf dem Bildschirm sehen, ist mein Opa jedenfalls richtig stolz, den Trainer der BRD persönlich zu kennen. Trotzdem ist er so wie ich und eigentlich alle, die ich kenne, für „uns“. Auch wenn wir nicht „DDR!“ rufen. Ich meine, wir hassen diesen Staat. Aber wir lieben unser Land: „Ostdeutschland“ oder, wie wir Jüngeren am liebsten sagen, die „Zone“. In ihr sind wir geboren, sie ist unsere Heimat, ob wir wollen oder nicht. Und im Fußball wollen wir. Also drücken wir alle unseren Jungs den Daumen an diesem 22. Juni 1974, als es im Westen, dort wo die Elbe endet, zu Teil zwei des deutsch-deutschen-Fußballgipfels kommt. In Hamburg treffen die Besten aus dem Westen auf die Besten aus dem Osten Deutschlands. Es ist das erste Mal, dass sich die Nationalmannschaften der DDR und der BRD gegenüberstehen. Von Dynamo sind Siegmar Wätzlich und Hans-Jürgen Kreische dabei, von Bayern München Sepp Maier, Georg Schwarzenbeck, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Gerd Müller. Aber unsterblich wird an diesem Tag ein anderer, im Westen noch völlig Unbekannter: Jürgen Sparwasser vom 1. FC Magdeburg. In der 78. Minute schießt er das Tor seines Lebens. Wir führen 1:0. Weil sich daran nichts mehr ändert, sind wir nach 90 Minuten die Sieger und der Tag geht in die Fußballgeschichte als das „Wunder von Hamburg“ ein.
In der Schule reden am nächsten Tag sogar die Lehrer über nichts anderes. Ernsthaft hatte damit ja niemand gerechnet. Gegen Beckenbauer und Co zu gewinnen, ist schon, wie Weltmeister zu werden.
Danach ist die Luft bei uns logischerweise raus. Gegen Brasilien haben wir keine Chance. Wir fahren nach der zweiten Runde wieder nach Hause. Die Besten aus dem Westen aber sind durch die Niederlage erst richtig wach geworden und danach sind sie nicht mehr zu stoppen. Sie werden am 7. Juli 1974 in München die wahren Weltmeister.
In der Schule freuen sich die meisten darüber. Ich aber sage:
„Das haben die alles nur meinem Opa zu verdanken.“
„Deinem Opa?“
Dann erzähle ich ihnen die Geschichte von Helmut Schön, dem Spieler aus dem Tal der Ahnungslosen, der 1950 in den Westen abgehauen ist, und Trainer wurde. Trainer des Weltmeisters.
„Und was hat das mit deinem Opa zu tun?“
„Der war damals Tormann.“
„Bei Helmut Schön?“
„Beim Sportclub Radebeul. Er hat immer seine Schüsse gehalten.“
„Deshalb ist der Schön abgehauen?“
„Ohne meinen Opa wäre das nie passiert.“
„Du spinnst.“
„Fragt meine Oma.“
Eine Woche später fährt sie sogar in den Westen. Sie ist schon 68 und wie gesagt, in dem Alter darf man die DDR auch, ohne erschossen zu werden, verlassen. Den Kommunisten wäre es lieber, sie würde gleich dortbleiben, dann würden sie ihre Rente sparen, aber sie kommt immer zurück. Zum Glück. Meistens bringt sie ja was mit. Wie diesmal:
„Hier, das ist für dich. Als Erinnerung.“
An meine erste WM. Auf dem Buch vorne drauf ist Franz Beckenbauer mit dem goldenen Pokal in den Händen und darüber steht: Fußballweltmeisterschaft Deutschland 1974. Ich bin total begeistert. Alleine die Farben, so bunt und alles auf Hochglanz gedruckt. Sie schenkt es mir am 8. August 1974, dem Tag, an dem ich 11 Jahre werde. Die Zahl erinnert mich wieder an mein Indianerehrenwort, eins und eins zusammenbringen, mich und die Freiheit. Wie das gehen könnte, hatte ich gerade wieder gesehen. Seitdem beschäftigt mich der Gedanke, vielleicht Fußballer zu werden?
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Ich spiele fast jeden Tag selbst. Zusammen mit den anderen Jungs aus der Umgebung. Wir „bäbbeln“ immer auf einem Platz in unserer Nähe und wenn die Mannschaften gewählt werden, gehöre ich immer zu den Ersten, die genommen werden. Meine Position ist Rechtsaußen und meine Spezialität sind Flanken. Geliefert wie eine Pizza, direkt auf den Kopf. Wenn ich die eines Tages bei Dynamo schlagen würde oder sogar in der Nationalmannschaft, könnte ich auch, ohne dabei mein Leben aufs Spiel zu setzen, „rüber“.
Eine Woche später melde ich mich deshalb bei einem Fußballclub in meiner Nähe an. Ich will sehen, wie gut genug ich wirklich bin. Während eines Auswärtsspiels am anderen Ende der Stadt, bei dem es regnet, kalt und viel zu früh ist, kommen mir zwar erste Zweifel, aber die Welt lockt nun mal. Im Fußball wie in der Schule. Dort beginnt im September 1974 die fünfte Klasse. Mit neuen Fächern. Unter anderem Geographie. Es ist ein komisches Gefühl, alles über eine Welt zu lernen, die man nicht besuchen darf. Ich meine, wenn man weiß, wie die Hauptstädte von England oder Frankreich heißen, bekommt man eine gute Note. Aber wenn man hinwill? Wird man erschossen. In die andere Richtung passiert einem das, wie gesagt, nicht. So müssen wir statt Französisch oder Englisch ab jetzt alle Russisch lernen, die Sprache unserer großen Vorbilder aus der UdSSR für Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, auch als die Sowjetunion bekannt. Die wird seit 1964 von dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, unserem verehrten Genossen Leonid Breschnew angeführt. Dem großen Führer der Kommunisten weltweit, für die alle gilt: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ So steht es auch in Ostdeutschland überall geschrieben.
In meinem Zeugnis steht nach einem Jahr dazu in der Beurteilung:
Torsten muss im kommenden Jahr zum Fach Russisch unbedingt eine positive Einstellung entwickeln. In diesem Fach gibt es erhebliche Leistungsreserven.
Weil ich nicht in den Osten der weiten Welt will, sondern in den Westen. Deshalb strenge ich mich lieber weiter auf dem Platz an. Dort gibt es auch noch „Leistungsreserven“ oder „Schwächen“, wie mein Trainer immer sagt. Bis zu Dynamo Dresden ist es also noch ein weiter Weg. Aber sollte ich mit Fußball irgendwann sogar das große Geld verdienen, ist es besser, ich lerne schon jetzt damit umzugehen. Dann reicht es eines Tages vielleicht wirklich für ein Haus am Meer.
Also übernehme ich zu Anfang der sechsten Klasse die Funktion des Kassierers.
Ich sammle die Beiträge für die „Ernst-Thälmann-Pioniere“ ein, bei denen wir alle Mitglieder sein müssen. Das Urteil nach einem Jahr:
Seine Funktion als Kassierer erfüllte Torsten gut.
Aber:
An Altstoffsammlungen für das Kollektiv beteiligt er sich kaum.
Weil ich weiter versuche, lieber meinen eigenen Weg zu gehen. Was weiterhin nicht so einfach ist, im Tal der Ahnungslosen, „gleich hinterm Mond“, wie wir immer noch dazu sagen. Zum Glück gibt es jeden Sonntagnachmittag auf RTL die Hitparade. So bekommen wir wenigstens etwas von der Musik mit, die im freien Teil der Welt die Menschen begeistert. Im Sommer 1976 steht gerade Boney M mit „Daddy Cool“ auf Platz Eins. Ich mag aber ABBA mit „Mamma Mia“ oder „Moviestar“ von Harpo mehr. Auch deutsche Hits gibt es. Katja Ebstein mit ihrem Song „Wunder gibt es immer wieder“. Der hält mich am Hoffen, dass ich "eines Tages…". Dann feiere ich in Freiheit mit Roland Kaiser und seinem Hit „Sieben Fässer Wein“. Den westdeutschen Schlagerkönig liebt ganz Dresden. Unser größter Liebling ist aber gerade Frank Zander mit seinem Hit: „Ich bin der Ur-Ur-Enkel von Frankenstein“. Erinnert uns immer an die Führer der SED. Für die alten Männer sind die Hits aus dem Westen alle „Lieder des Klassenfeindes.“
Daran werden wir ab September 1976 sogar dreimal die Woche erinnert. Denn in der siebenten Klasse beginnt das Fach Staatsbürgerkunde.
Weil die 45 Minuten so ziemlich das Langweiligste sind, was einem in der Schule passieren kann, hassen wir das Fach schon deshalb und nennen es schnell nur noch „Rotlichtbestrahlung“. Der Lehrer ist gleichzeitig der SED-Parteisekretär an unserer Schule. Der war zwar auch noch nie jenseits des Eisernen Vorhangs, aber er weiß immer ganz genau Bescheid über das Leben auf der anderen Seite, dort, wo all die wahren bösen Menschen, die „Kapitalisten! Imperialisten!! Faschisten!!! und Kriegstreiber!!!!“ regieren. Die werden angeführt von den Bösesten der Bösen, den Vereinigten Staaten von Amerika, unseren größten Feinden. Sie sollen wir hassen. Obwohl sie uns gar nichts getan haben. Im Gegensatz zu den so guten Kommunisten. Die sollen wir alle lieben. Weil sie nicht für Krieg sind, sondern Frieden. Sie halten sich sogar für die größten Friedenskämpfer der Welt. So wird es uns in jeder Stunde eingetrichtert. Bei mir hat die Gehirnwäsche allerdings keinen großen Erfolg. Mir fällt dann immer der Dresdner Schriftsteller Erich Kästner ein: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Und was tun die Kommunisten? Da brauche ich nur an den Blick aus dem Küchenfenster meiner Oma denken: Wachtürme gegen Straßenlaterne. Das hat mit „Frieden“ so wenig zu tun, wie mit „Beschützen“. Aber alles mit Krieg und Bewachen.
Allerdings darf man das nicht aussprechen. Nicht mal ansprechen. Trotzdem versuchen wir es manchmal. Die Diskussionen gehen meistens nicht sehr lange. Obwohl die Lehrer wissen, dass wir recht haben. Ich meine, sie leben hinter dem gleichen Todesstreifen, stehen in den gleichen Schlangen, fahren durch die gleichen Schlaglöcher und vermissen auch sonst die gleichen Dinge wie wir und trotzdem lehren sie uns das Gegenteil. So werden wir in einer Welt voller Lügner und Lügen groß, in der man am besten mit lügt. Zumal es nicht mal schwer ist, die Theorien des Kommunismus einfach nach zu quatschen. Obwohl sie schon über 100 Jahre alt sind. Aufgeschrieben vom Heiligen Vater aller Roten, Karl Marx, der 1848 in Brüssel ihre Bibel verfasst hat, das „Kommunistische Manifest“, das mit der legendären Zeile beginnt: „Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus“. Seine erste Heimat fand es 1917, als eines unserer größten Vorbilder, „unser verehrter Genosse Wladimir Iljitsch Lenin“, Russland mit einem Staatsstreich, den die Kommunisten die „Große sozialistische Oktoberrevolution“ nennen, zur ersten Baracke des kommunistischen Lagers machte und sich selbst zum ersten Kommandanten darin. Ostdeutschland folgte 1945, als der II. Weltkrieg in Europa endetet. Der Westen wurde von den Amerikanern, den Engländern und den Franzosen besetzt, der Osten von Lenins Nachfolger, dem Genossen Stalin und seiner Roten Armee. Während im Westen Europas Demokratien aufgebaut wurden, entstanden im Osten Europas kommunistische Diktaturen. Auch im Osten Deutschlands, in der „SBZ“ für Sowjetisch besetzte Zone. Daher kommt das Wort „Zone“, die damals von „unserem verehrtem Genossen Walter Ulbricht“ angeführt wurde, Hitlers Nachfolger und Honeckers Vorgänger als nächster Diktator an der Spitze der nächsten Diktatur auf deutschem Boden, der Diktatur des Proletariats, die ihre Repräsentanten am liebsten das „Paradies der Arbeiterklasse“ nennen. Kein Wunder: Ihnen gehört alles, dem Rest nichts. Millionen flohen so in den Jahren nach 1945 lieber in den freien Teil Deutschlands. Die meisten über den freien Teil Berlins. Bis die Kommunisten auch diesen Weg in die Freiheit endgültig zu mauerten. Kurz nachdem der Genosse Ulbricht auf einer internationalen Pressekonferenz eine der bekanntesten Lügen aller Zeiten zum Besten gegeben hatte: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ Ein paar Tage später war es doch soweit. Am 13. August 1961 wird Ostdeutschland abgeriegelt und mitten durch Berlin eine Mauer gebaut. Seitdem gilt im Osten Deutschlands der „Schießbefehl“ auf jeden, der versucht, in den Westen zu gelangen. Auch das weiß jeder, auch jeder Lehrer, aber auch darüber dürfen wir mit ihnen genauso wenig sprechen, wie über all die anderen Ungerechtigkeiten des Kommunismus. So steht am Ende der siebenten Klasse auf meinem Zeugnis hinter Staatsbürgerkunde eine 1. Nur auf Russisch hatte ich weiterhin Probleme, wie ein Roter zu quatschen. Dort steht wieder nur eine Vier. Passend immerhin zu meinem 14. Geburtstag. Den feiere ich wieder mit einer großen Nuss-Nougat-Torte aus der Kaufhalle. Zum letzten Mal als Thälmann-Pionier.
Im September 1977, mit Beginn der achten Klasse, müssen wir alle Mitglieder der „Freien Deutschen Jugend“ werden, abgekürzt FDJ. Wir nennen den Jugendverband der Kommunisten aber lieber „HJ“ für Honecker-Jugend. Obwohl sie nicht von Honecker, sondern dem Vorsitzenden des Zentralrates der Freien Deutschen Jugend, unserem verehrten Genossen Egon Krenz angeführt wird. Der ist schon über 50 und hat wahrscheinlich andere Sorgen als einer, der gerade erwachsen wird. Obwohl ich nie erwachsen werden wollte. Ich meine, bei den Vorbildern? Aber wie immer in einer Diktatur, auch dazu wird man nicht gefragt. Man bekommt es einfach so gesagt. Von unserem Klassenlehrer Herr Beinhoff, einer der wenigen, der den Eindruck hinterlässt, er stünde auf unserer Seite. Aber auch er kann nichts daran ändern:
„Am 16. April 1978 wird es soweit sein. Dann habt ihr eure Jugendweihe und werdet in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen.“
*
Immerhin nehme ich mir für meinen letzten offiziellen Tag als Kind vor, keinen Anzug zu tragen. Seit ich vier Jahre zuvor bei der Jugendweihe meiner Schwester war, will ich für die meinige irgendetwas anderes. Aber wohin ich auch gehe, die Klamotten, die man im Kommunismus zu kaufen bekommt, sind alle so schick wie Postsäcke.
Zum Glück kennt meine Mutter eine Frau, die in Heimarbeit Sachen mit der Hand schneidert. Ich gehe ein paar Mal zum Maßnehmen und gerade noch rechtzeitig ist alles fertig.
Zu Hause vor dem Spiegel kann ich zufrieden sein. Eine Hose ganz in Weiß. Oben eng und unten weit. Sehr weit. Sie hat einen Schlag, in dem man übernachten kann. Dazu ein Sakko aus schwarzem feinem Cord und ein himmelblaues Hemd mit großem Kragen, aber keinen Schlips. Auch das hatte ich mir immer für meine Jugendweihe vorgenommen: Bloß keinen Schlips! Ich trage an diesem Tag lieber ein Tuch.
Als ich am Morgen vor der Staatsoperette in Dresden-Leuben aus dem Auto meiner Eltern steige, bin ich sogar der Einzige ohne Schlips.
Ich laufe zu meinen Klassenkameraden auf der anderen Seite der Straße. Sie stehen mit ihren Müttern und Vätern, Schwestern und Brüdern, Onkeln und Tanten aufgeregt tuschelnd vor dem Gebäude und warten, bis sich die breiten Türen öffnen.
Es dauert eine ganze Weile, bis alle ihre Plätze gefunden haben. Dann dreht jemand im Hintergrund langsam das Licht aus, bis zum Schluss nur noch die Bühne hell erstrahlt. An der Wand hängt übergroß das Staatswappen der Deutschen Demokratischen Republik. Darunter der Spruch „DDR – unser Vaterland!“ Davor steht ein Rednerpult. Ein „verdienter Genosse der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ tritt an das Mikrofon:
„Heute ist für Sie ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer entwickelten kommunistischen Persönlichkeit.“
Danach redet er eine halbe Stunde über den Sieg des Kommunismus, wie ein Wahrsager von der Erlösung der Welt. Ich finde, dass eine Staatsoperette genau der richtige Ort für die Farce ist, zumal am Ende der Rede alle wie immer Beifall klatschen.
Kaum hat der Genosse der SED das Rednerpult verlassen, werden wir nach vorn gerufen.
Feierlich betreten wir die Bühne. Ich als zehnter in der zweiten Gruppe.
Wir stehen immer abwechselnd. Ein Junge, ein Mädchen, ein Junge, ein Mädchen.
Es dauert eine Weile, bis ich dran bin. Ein Mann, den ich nicht kenne, nimmt meine Hand in seine. Er hat feuchte Haut und Haare an den Fingern. Mit einem breiten Lächeln überreicht er mir ein Buch über das Leben in der DDR. Titel: „Sozialismus – meine Welt!“ Dazu bekomme ich von einer Frau, die ich auch nicht kenne, einen Strauß Blumen:
„Herzlich willkommen im Kreis der Erwachsenen.“
Wie es einem darin ergehen kann, erlebe ich noch am gleichen Abend. Es gibt eine große Party bei uns zu Hause und ich darf zum ersten Mal richtig mitfeiern.
Am nächsten Morgen wache ich mit einem Schädel auf, der schwerer ist, als ein Sack Telefonbücher. Es geht mir erst besser, als ich mein Geld zähle. Wer wie viel von seinen Eltern und Verwandten zur Jugendweihe geschenkt bekommen hat, ist danach noch tagelang Thema Nr. 1 in der Klasse. Die wenigsten haben über 1000 Mark bekommen, ich kann wirklich zufrieden sein. Endlich habe ich genug Geld, um mir diesen Traum zu erfüllen: Eine Karre!
Allerdings muss mein Vater erst einmal einen Bekannten in einem Laden für Mopeds ansprechen, der mich dann immerhin auf eine Warteliste setzt.
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Bis es so weit ist, gehe ich zum Spielen. Nicht zum ersten Mal aber zum ersten Mal mit meinem eigenen Geld. 50 Mark habe ich mir eingesteckt und die Chancen sie zu verdoppeln stehen für mich genau 50:50. Entweder gewinne ich oder nicht. So sehe ich es immer. Im Spiel wie im Leben. Außerdem liebe ich es. Vielleicht weil es so gar nicht in dieses Land passen will. Ich meine, Dresden ist schließlich nicht Las Vegas und trotzdem gibt es so etwas.
Ich weiß es, weil ich in der Nähe der Dresdner Pferderennbahn wohne. Am Abend, wenn die Rennen zu Ende sind, gehen nicht alle nach Hause. Manche versammeln sich noch auf dem Bürgersteig gegenüber dem Haupteingang und warten bis ein paar Männer mit Campingtischen kommen und sie unter den wenigen Gaslaternen aufstellen.
Als ich an diesem Abend komme, sind sie schon da. Ich schiebe mich durch eine der vielen Grüppchen und bleibe vor einem der Tische stehen.
Auf der Platte aus braunem, abgegriffenem Sprelacart, brennt eine Kerze in einem leeren Gurkenglas. Davor liegen sechs umgedrehte Bierdeckel. Auf jedem ist eine Zahl zwischen eins und sechs gemalt. Hinter dem Tisch steht ein Mann in einer Jacke aus Nappaleder. Er steckt sich ein Bündel Geldscheine in die Innentasche. Dabei sieht er unauffällig zu einem anderen Mann, der etwas abseitssteht und alles zu beobachten scheint. Sie nicken sich gegenseitig zu. Dann dreht er sich zu mir und nimmt einen Lederbecher zur Hand. Er schüttelt ihn ein paar Mal in der Luft wie einen Cocktail-Shaker und setzt ihn dann umgedreht in der Mitte des Tisches wieder ab. Sein Zeigefinger klopft auf den nach oben gerichteten Boden des Bechers:
„Meine Damen und Herren. Es ist wieder so weit. Ihre Einsätze bitte.“
Ich lege einen Fünfmarkschein auf die Zahl Vier.
„Für Kinder ist das verboten.“
„Und für Erwachsene?“
„Auch.“
Er lacht mich dabei an. Ich lache zurück:
„Keine Angst. Ich hatte gerade Jugendweihe.“
„Na dann. Aber viel Glück kann ich dir nicht wünschen.“
Er schiebt einen Stein auf meinen Schein, damit er nicht in das Gebüsch geweht werden kann und wartet, bis auch die anderen ihr Geld auf eine der Zahlen gesetzt haben. Dann hebt er den Becher hoch. Die drei Würfel zeigen die Eins, die Fünf und die Sechs. Er zahlt das Doppelte an die zurück, die richtig geraten haben. Meine fünf Mark behält er. Ich wechsel ein paar Mal zwischen den Spieltischen hin und her, aber es wird nicht besser. Trotzdem bleibe ich an diesem Abend das erste Mal bis zum Schluss.
Kurz vor 22 Uhr sehe ich zwischen den vielen Menschen, die, wie ich, noch nicht nach Hause gehen wollen, junge Männer in Windjacken und ausrasiertem Nacken. Es fällt auf, dass sie nicht auffallen wollen. Sie schieben sich vorsichtig in die Nähe der Tische. Dann geht alles ganz schnell. Überfallartig stürzen sie auf die Tische zu. Umsonst. Noch ehe die Polizisten in Zivil einen der Würfelspieler greifen können, sind diese verschwunden. Vor Wut schlagen sie die verlassenen Tische zusammen. Ich stelle mich etwas abseits und sehe, wie sie anschließend einen kleinen Weg, der von der Straße wegführt, hineinrennen. Ich finde das alles unheimlich spannend und folge ihnen.
Am Ende des unbeleuchteten Weges steht ein flaches Haus, in dem Licht brennt. Es ist eine Kneipe, die ich nur als „Rüh“ kenne.
Ich schleiche mich an ein Fenster, das einen Spalt offensteht. An einem Tresen zapft ein Mann Bier. Davor stehen fünf Tische, die alle besetzt sind. An einem spielen vier Männer Skat. Ich erkenne sie sofort wieder. Bei jedem Einzelnen von ihnen hatte ich mein Geld verloren. Jetzt stehen vor ihnen halb volle Biergläser und randvolle Aschenbecher. Es wirkt, als wären sie schon Stunden dort. Als die Windjacken die Kneipe betreten, fällt ihnen der Tisch nicht mal auf. Sie laufen an ihm vorbei zum Tresen:
„Sind hier gerade ein paar Männer reingekommen?“
„Ja.“
„Wo sind die?“
„Stehen vor mir.“
Erst sehen sie aus, als würden sie den Witz nicht kapieren, dann greift der Ältere der beiden in seine Innentasche und zeigt etwas, das wie ein Ausweis aussieht. Seine Stimme klingt jetzt viel schärfer:
„Sind hier gerade ein paar Männer reingekommen?“
Der Wirt scheint etwas unsicher zu werden. Er überlegt einen Moment. Dann bekomme ich einen Schreck, als er zum Fenster zeigt:
„Nein. Aber da draußen sind vorhin welche vorbeigerannt.“
„Vorbeigerannt?“
„Ja. Ich habe mich noch gewundert.“
„Wie viele waren es denn?“
„So gut habe ich es nicht gesehen. Ich muss hier arbeiten. Sie sehen ja, der Laden ist voll.“
Sie schauen sich stumm um. Als sie die vier Männer an dem Tisch vor ihnen mit ihren Blicken abtasten, hebt der, der ihnen direkt ins Gesicht sieht, den Arm:
„He, Manni, wie viel haben wir denn schon?“
„Das war vorhin die neunte Runde.“
„Neun? Ich glaube, eine zehnte passt noch oder?“
Die drei anderen sind der gleichen Meinung. Die Windjacken geben auf und laufen, ohne ein Wort zu sagen, zur Tür. Beim nächsten Mal erfahre ich, dass an jedem Renntag in der Rüh ein Tisch für die „Würfler“ bereitsteht.
*
Ein paar Wochen später habe ich meine erste Fahrerlaubnis. Ich bestehe die Prüfung auf einem Übungskurs im Hinterhof eines „Volkseigenen Betriebes“, abgekürzt VEB. Danach muss ich nur noch so lange warten, bis mein Vater endlich eine gute Nachricht aus dem Laden für Mopeds bekommt und der Traum von einer eigenen Karre wahr wird. Auch wenn es keine Harley, sondern eine Simson S 50 ist. Wir nennen das Moped nur „S-Lustig“.
