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»Man reißt ein Grasbüschel aus und glaubt, man sei das Kraut für immer los, aber nach einem Vierteljahrhundert wächst Gras derselben Art an derselben Stelle wieder nach.« Im Sommer 1949 wird ein palästinensisches Beduinenmädchen von israelischen Soldaten missbraucht und ermordet. Jahrzehnte später versucht eine junge Frau aus Ramallah, mehr über diesen Vorfall herauszufinden. Sie ist fasziniert, ja besessen davon, vor allem, weil er sich auf den Tag genau fünfundzwanzig Jahre vor ihrer Geburt zugetragen hat. Ein Detail am Rande, das jedoch ihr eigenes Leben mit dem des Mädchens verknüpft. Adania Shibli verwebt die Geschichten beider Frauen zu einer eindringlichen Meditation über Krieg, Gewalt und die Frage nach Gerechtigkeit im Erzählen. »Ein außergewöhnliches Kunstwerk, das immer wieder überrascht und fesselt: eine äußerst rare Mischung aus moralischer Intelligenz, politischer Leidenschaft und formaler Virtuosität.« Pankaj Mishra
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2022
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AdaniaShibli
Roman
Aus dem Arabischenvon Günther Orth
Kapitel 1
Kapitel 2
Die einzige Bewegung war das Flirren einer Fata Morgana. Kahle, weite Flächen schichteten sich bis an den Rand des Himmels und zitterten in der Luftspiegelung, während das glühende Licht der Nachmittagssonne die Silhouette sandiger blassgelber Hügel fast verwischte. Die Erhebungen waren kaum zu unterscheiden und schlängelten ziellos aneinander vorbei, ab und an durchbrochen von den dünnen Schatten trockener Distelstauden und von Steinen, die wie Tüpfel über die Hänge verteilt lagen. Mehr war da nicht. Die Ödnis der Negev-Wüste erstreckte sich endlos unter der Last der Augusthitze.
Das einzige Zeichen von Leben war ein in Abständen hörbares Jaulen und der Lärm von Soldaten, die mit dem Aufbau des Lagers beschäftigt waren, während er, auf einer Erhebung stehend, mit einem Fernglas das vor ihm liegende Gebiet absuchte. Gegen das gleißende Licht folgte er bedachtsam schmalen Pfaden und Rinnen im Sand und verweilte von Zeit zu Zeit an einer Erhöhung, die er sich besonders genau ansah. Schließlich nahm er den Feldstecher von den Augen, wischte den Schweiß davon ab und steckte ihn ins Etui. Dann bahnte er sich durch die schwer lastende Spätnachmittagsluft einen Weg zurück zum Lager.
Bei ihrer Ankunft hatten sie hier lediglich zwei einfache Hütten vorgefunden; daneben die Mauerreste eines weiteren, zur Hälfte zerstörten Baus. Das war alles, was nach dem intensiven Beschuss zu Beginn des Krieges von dem Ort übrig geblieben war. Jetzt standen neben den Hütten zwei Zelte, eines für das Kommando und ein Speisezelt, und es klopfte und klapperte ringsum vom Einschlagen der Pflöcke und dem Rasseln von Stangen für drei weitere Zelte, die die Soldaten beziehen würden. Der Hauptfeldwebel, sein Stellvertreter, kam ihm bei seiner Rückkehr entgegen und teilte ihm mit, die Mannschaft habe den Standort von sämtlichen Trümmern und Steinen geräumt. Eine Gruppe von Soldaten sei zudem damit beschäftigt, die Gräben wieder instand zu setzen. Er entgegnete, dass alles vor Anbruch der Dunkelheit erledigt zu sein habe und trug seinem Vertreter auf, die Feldwebel sowie einige der Unteroffiziere und erfahrenen Soldaten unverzüglich zu einer Versammlung im Kommandozelt einzubestellen.
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Nachmittägliche Sonnenstrahlen fielen durch den Eingang und ergossen sich über den Sandboden, wo sie kleine Vertiefungen sichtbar machten, die die Füße der Soldaten hinterlassen hatten. Er ergriff das Wort und erklärte, ihre Hauptaufgabe hier sei es, neben der Absteckung und Sicherung der Südgrenze zu Ägypten gegen Eindringlinge den Südwesten des Negev systematisch zu durchkämmen und von etwaig verbliebenen Arabern zu säubern. Es gebe Hinweise der Luftaufklärung, dass noch immer solche herumliefen und es zu Infiltrationen komme. Man würde tägliche Patrouillenfahrten durchführen, was auch den Zweck habe, sich mit dem Terrain vertraut zu machen. Die ganze Operation könne durchaus einige Zeit in Anspruch nehmen, doch die Einheit bleibe hier stationiert, bis die Sicherheit in diesem Teil des Negev vollständig hergestellt sei. Es seien im Übrigen tägliche Übungen und Manöver abzuhalten, die dem Erlernen von Kampftechniken in der Wüste und der Anpassung an die klimatischen Verhältnisse dienten.
Die Anwesenden folgten den Bewegungen seiner Hand auf einer vor ihnen hingebreiteten Landkarte. Das Camp war darauf als kleiner schwarzer Punkt eingezeichnet, der in dem großen grauen Dreieck, das den südlichen Landesteil darstellte, kaum zu erkennen war. Niemand kommentierte seine Ausführungen, Augenblicke lang herrschte Schweigen im Zelt, und er wandte seinen Blick von der Karte zu ihren beklommenen Gesichtern, die im einfallenden Sonnenlicht verschwitzt glänzten. Nach einer Pause setzte er seine Ansprache fort, indem er ihnen auftrug, Sorge dafür zu tragen, dass die Soldaten, zumal diejenigen, die neu zur Einheit gestoßen seien, gut auf Ausrüstung und Uniformen achteten, und ihm sofort Meldung zu erstatten, sollte jemandem etwas abhandenkommen. Auch sollten die Soldaten an die Bedeutung der eigenen Körperpflege erinnert werden, tägliche Rasur sei Pflicht. Bevor er die Versammlung auflöste, wies er den Fahrer, einen Feldwebel und zwei Korporale an, sich für eine erste Patrouillenfahrt unter seinem Kommando bereitzumachen.
Kurz vor Aufbruch betrat er jene der zwei Hütten, in der er sich selbst einquartiert hatte, und räumte seine Ausrüstung, die noch im Eingangsbereich lag, in eine Ecke. Dann nahm er einen Kanister aus seinen Sachen, goss daraus Wasser in eine kleine Schüssel und zog aus einem Seesack ein Handtuch hervor, das er ins Wasser tauchte und mit dem er sich den Schweiß vom Gesicht wischte. Er spülte das Handtuch aus, dann legte er sein Hemd ab und wusch sich unter den Achseln. Er zog das Hemd wieder an, knöpfte es zu, spülte das Handtuch gründlich aus und hängte es an einen in die Wand geschlagenen Nagel. Dann trug er die Schüssel nach draußen und schüttete das Schmutzwasser in den Sand, stellte sie zu seinen Sachen in der Ecke zurück und verließ den Raum.
Der Fahrer saß bereits am Steuer, während die übrigen Soldaten, die er zur Patrouillenfahrt eingeteilt hatte, um den Wagen herumstanden. Als er kam, stiegen sie hinten ein, er selbst nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Der Fahrer rückte sich den Sitz zurecht, bevor er den Startknopf drückte, um den Motor anzulassen, der in der leeren Weite laut aufröhrte.
Sie fuhren in westlicher Richtung, zwischen endlosen blassgelben Hügeln hindurch, gefolgt von dicken Staubwolken, die von den Autoreifen hoch aufgewirbelt wurden und keinen Blick nach hinten zuließen. Der Flugsand traf auch die Soldaten auf der Rückbank, die zum Schutz Augen und Münder verschließen mussten. Die Wolken türmten sich in Wellen auf und legten sich erst wieder, als das Fahrzeug in der Ferne verschwand und der Motor nicht mehr hörbar war. Dann senkte sich der Sand ganz langsam wieder über die Hügel und verwischte die scharfen Kanten der parallelen Bahnen, die die Reifen hinterlassen hatten.
Sie erreichten die Waffenstillstandslinie zu Ägypten und nahmen den Grenzstreifen in Augenschein. Nichts deutete auf Durchbruchversuche hin. Hitze und Staub hatten den Männern zugesetzt, und als die Sonne sich dem Horizont näherte, befahl er dem Fahrer, ins Camp zurückzukehren. Während der gesamten Tour waren sie, trotz der Berichte von angeblichen Bewegungen im Gebiet, keiner Menschenseele begegnet.
Obwohl sie das Lager noch vor Einbruch der Nacht erreichten, hatte sich die Himmelsbläue im Osten schon beinahe in Finsternis verwandelt, aus der schwach ein paar Sterne zu flackern begannen. Die Aufbauarbeiten waren noch nicht abgeschlossen, und er verkündete, kaum aus dem Wagen gestiegen, alles habe vor dem Abendessen fertig zu sein. Daraufhin kam noch einmal Bewegung in die Soldaten, und ihre Schatten huschten eilig über die Szenerie.
Er betrat sein Quartier. Im Raum herrschte völlige Dunkelheit, daher öffnete er noch einmal die Tür, um ein wenig Licht hereinzulassen. Er nahm das Handtuch, das bereits getrocknet war, vom Nagel, befeuchtete es erneut mit Wasser, diesmal direkt aus dem Kanister, und wischte sich wieder Schweiß und Staub aus dem Gesicht und von den Händen. Dann beugte er sich über seine Sachen und holte eine Petroleumlampe heraus. Er hebelte ihre Glasfassung hoch, ohne sie jedoch anzuzünden, stellte sie auf den Tisch und verließ den Raum.
Er war nur wenige Minuten in der Hütte gewesen, und doch war der Himmel mittlerweile über und über von Sternen bedeckt. Die Dunkelheit hatte den Himmel so vollständig eingehüllt, dass es schien, als hätte sich die Nacht schlagartig über das Camp gelegt. Die Schemen der Soldaten bewegten sich wieder langsamer, und ihre Stimmen schallten durch eine schwarzblaue Finsternis, während der Schein von Öllampen durch Ritzen in den Zelten nach außen schimmerte.
Um den Stand der Arbeiten zu überprüfen, machte er einen Rundgang durch das Camp und nahm besonders die Schützengräben und den Trainingsstand in Augenschein. Alles schien planmäßig voranzugehen, nur dass es bereits nach acht war, schon einige Minuten nach der üblichen Abendessenszeit. Wenig später begaben sich alle ins Speisezelt und setzten sich an die langen Tische.
Nach dem Essen ging er im Schein des Vollmonds und der Sterne über dem Horizont zu seiner Hütte. Er machte sich bettfertig, löschte die Lampe und legte sich hin. Sofort deckte er sich wieder auf, denn die Hitze des Tages stand noch schwer im Raum, schlief aber dennoch gleich ein. Es war ein langer und anstrengender Tag für sie alle gewesen: der 9. August 1949.
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Er erwachte von einem Kribbeln auf seinem linken Oberschenkel und schlug die Augen auf. Es war stockfinster und heiß, er schwitzte aus allen Poren. Kurz unterhalb des Saums seiner Unterhose kroch ihm etwas übers Bein. Jetzt wanderte es ein Stück nach oben und verharrte dort. Stille toste um ihn herum, nur dann und wann unterbrochen von gedämpften Geräuschen der Soldaten, die zur Bewachung des Lagers eingeteilt waren, dem Flattern von Zeltplanen im Wind, dem fernen Heulen eines Hundes, vielleicht dem Stöhnen von Kamelen.
Zunächst war er ruhig liegen geblieben, doch nun richtete er sich sachte auf. Als das Wesen auf seinem Bein daraufhin wieder ein Stück weiterlief, hielt er still und heftete den Blick auf seinen Oberschenkel. In der Dunkelheit konnte er nicht erkennen, was da krabbelte, obwohl er in dem durch Ritzen eindringenden matten Mondlicht die Umrisse der Gegenstände in der Hütte und die Holzpfeiler ausmachen konnte, auf denen das Dach ruhte. Plötzlich ließ er seine Hand in Richtung des Wesens an seinem Bein schnellen, packte es und warf es von sich, dann sprang er auf und zündete die auf dem Tisch stehende Lampe an. Sobald der Docht aufflammte, ließ er die Lampe über dem Boden zwischen Bett und Tisch kreisen. Da sich dort nichts bewegte außer den Schatten von ein paar Kieseln im schwankenden Laternenlicht, weitete er den Suchradius auf das Bett aus, sah darunter nach, beleuchtete die Ecken des Raumes und die Tür, seinen Seesack, die Kiste, die Wände bis hinauf an die Zimmerdecke, noch einmal die Matratze und seine Schuhe. Er schüttelte die an Nägeln in der Wand hängende Kleidung aus, sah noch einmal unters Bett und suchte ein weiteres Mal gründlich den Boden samt aller Ecken ab, noch einmal die Wände und die Decke und schließlich seinen eigenen Schatten, der mal in die eine, mal in die andere Richtung sprang. Dann hielt er inne, und das Licht und alle Schatten im Raum kamen zur Ruhe. Schließlich hielt er die Lampe an seinen Oberschenkel, von dem ein leicht brennendes Gefühl ausging. Im Lichtschein waren zwei kleine rote Punkte zu sehen. Offenbar war das Etwas schneller gewesen als er und hatte ihn gebissen, bevor er es weggeschleudert hatte.
Er löschte die Flamme, stellte die Lampe neben die Kiste und legte sich wieder ins Bett, allerdings ohne Schlaf zu finden. Das brennende Gefühl an der Bissstelle wurde immer stärker, und bei Tagesanbruch war es ein Schmerz, als löste sich ihm die Haut vom Fleisch.
Schließlich stand er auf und ging in die Ecke, in der seine Sachen lagerten, jetzt hell getüpfelt vom Sonnenlicht, das durch Löcher im Dach drang. Er goss Wasser in die Metallschüssel, nahm das Handtuch vom Nagel, tauchte es ein, wrang es aus und wischte sich damit über Gesicht, Brust, Rücken und Achselhöhlen. Dann zog er Hemd und Hose an, die er bis übers Knie hochkrempelte. Er betrachtete den Biss am Oberschenkel. Mittlerweile hatte sich eine kleine Schwellung um die beiden Punkte gebildet, die jetzt fast schwarz waren und einen pulsierenden Schmerz in alle Richtungen sandten. Er zog die Hose weit nach oben und steckte das Ende seines Hemdes hinein. Dann legte er sich seinen Stoffgürtel um die Hüfte und schnallte ihn da fest, wo der Dorn ein Loch gebohrt hatte, wusch das Handtuch aus und hängte es wieder an den Nagel. Ein letztes Mal ließ er seinen Blick eingehend über die Wände, die Decke und den Boden schweifen und verließ den Raum.
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Sie beendeten ihre Patrouillenfahrt, als die Sonne fast im Zenit stand und sie die Glut nicht mehr ertrugen. Im Wagen war es so heiß geworden, dass man sich die Hände verbrannte, wenn man etwas berührte. Es war der Vormittag des 10. August 1949.
Die Soldaten im Lager zogen sich auf schmale Schattenplätze neben den Zelten zurück und mieden die von der Sonne beschienenen Flächen, wo sich jedes Sandkorn seit dem Morgen mit Hitze vollgesogen hatte. Ihn dagegen trieben die heftigen Bauchschmerzen, die er seit der Ausfahrt hatte, nicht die Hitze, auf direktem Weg in seinen Verschlag. Er besuchte weder das Kommandozelt, noch inspizierte er das Lager.
Das Schmutzwasser vom Morgen stand noch in der Schüssel. Er kippte es vor der Hütte in den Sand und füllte die Schüssel erneut aus dem Blechkanister. Dann zog er sich bis auf die Unterhose aus, nahm wieder das Handtuch vom Nagel, tauchte es ins Wasser und rieb sich damit ab. Er begann im Gesicht, wusch sich den Hals, die Brust und, so gut es ging, den Rücken. Er spülte das Handtuch erneut aus und wusch sich Arme und Achseln. Am Schluss nahm er sich die Beine vor, sparte aber die Bissstelle aus, um die herum sich die Rötung und Schwellung verstärkt hatten. Nachdem er das Handtuch noch einmal gründlich ausgewaschen und zurück an den Nagel gehängt hatte, griff er nach einer kleinen Truhe in der Ecke, wo seine Sachen lagerten, und stellte sie auf den Tisch. Er öffnete sie und nahm Verbandszeug und ein Desinfektionsmittel heraus, gab ein wenig davon auf ein Stück Watte und reinigte sehr vorsichtig die Wunde. Anschließend umwickelte er den Oberschenkel mit der Mullbinde und legte sich aufs Bett. Heftige Krämpfe hatten seinen Rücken und seine Schultern erfasst.
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Die Nachmittagspatrouille erschien ihnen zwar insofern zweckmäßig, als sie dabei auch abgelegenere Teile des Geländes erkunden und sich mit dessen Eigenheiten vertraut machen konnten, aber auch dieses Mal trafen sie auf keine Eindringlinge. Monotone, still daliegende Sanddünen kreisten sie von allen Richtungen ein und wiesen außer denen ihres eigenen Wagens keine Reifenspuren auf.
Unterdessen krochen die Soldaten im Lager, während die Sonne immer heißer niederbrannte, weiter dem Schatten hinterher, der an den Zeltwänden entlangwanderte. Zurück von der Patrouillenfahrt, schloss er sich einer Gruppe von älteren Soldaten an, obgleich seine Bauchschmerzen seit dem Vormittag noch schlimmer geworden waren. Er berichtete ihnen von den beiden bisherigen Rundfahrten, bevor er sie fragte, ob sie sich an die hiesigen Bedingungen, zumal an die Hitze beim Exerzieren, schon gewöhnt hätten. Er hörte sich ihre knappen Antworten an und erklärte dann erneut, wie bedeutsam ihre Anwesenheit hier und die Übungen seien. Letztere seien ebenso wichtig wie jeder Einsatz außerhalb des Lagers. Unabhängig von einzelnen Missionen seien ihre Präsenz und ihre Beharrlichkeit entscheidend dafür, die Gegend zu kontrollieren, die neue Grenzlinie nach Ägypten zu sichern und Infiltrationen vorzubeugen. Sie seien die erste und einzige Einheit, die seit dem Waffenstillstand so weit südlich stationiert worden sei. Ihnen obliege nun die vollständige Verantwortung für die Sicherheit vor Ort.
Auf dem Weg zu seiner Unterkunft machte er einen Abstecher zum Kommandozelt, wo sein Stellvertreter, die Gruppenführer und der Fahrer nach der Patrouillenfahrt vom Nachmittag ausruhten, und gab bekannt, dass sie vor Sonnenuntergang zu einer weiteren Tour aufbrechen würden.
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Dann noch eine Fahrt und am nächsten Tag eine weitere, und noch eine, und wieder eine, aber alles, was die Gegend preisgab, waren Sandwirbel und Staubwolken, die scheinbar Spaß daran hatten, den Soldaten überallhin zu folgen. Doch sie vermochten den Sucheinsätzen kein Ende zu bereiten, und die Leblosigkeit der kahlen Hügel schmälerte nicht seine Entschlossenheit, in der Gegend verbliebene Araber aufzuspüren und jene unter ihnen festzunehmen, die über die Grenze eingedrungen waren und sich in Sanddünen versteckten, sobald sie das Armeefahrzeug hörten. Zuweilen sah er ihre dünnen schwarzen Gestalten zwischen Hügeln hin und her huschen, doch jedes Mal, wenn das Fahrzeug auf sie zuhielt, waren sie spurlos verschwunden, sobald es die Stelle erreichte.
Lediglich Hitze und Dunkelheit geboten diesem Verfolgungsspiel Einhalt. Erst wenn die Sonne unerträglich wurde oder ihr Licht schwand, gab er dem Fahrer Anweisung, ins Lager zurückzufahren.
Mit Einsetzen der Dunkelheit lastete die Luft weniger schwer, die Temperaturen wurden erträglich, und es kam Leben in die Soldaten, von denen die meisten seit ihrer Ankunft das Lager noch nie verlassen hatten, ja die kaum einmal aus dem Schatten der Zelte getreten waren, in den sie sich nach ihren täglichen Militärübungen flüchteten. Daher drang erst abends ihr Schwatzen und Lachen aus dem Lager, bis sie um zweiundzwanzig Uhr schlafen gingen und er sich in seine Hütte begab.
Im Inneren herrschte vollkommene Finsternis, während von Zeit zu Zeit Geräusche hineinsickerten, ein undeutliches Murmeln und Rumoren zunächst, das sich erst nach und nach als das Flattern von Zeltstoff im Wind und die Schritte der wachhabenden Soldaten herausstellte, die sich dann und wann unvermittelt etwas zuriefen, während in der Ferne zuweilen Schüsse fielen, ein Hund bellte oder ein Kamel brüllte.
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Er schwitzte und atmete mühsam gegen die schwere Raumluft an, während er am Tisch saß, auf dem mehrere Landkarten ausgebreitet lagen. Die Außengeräusche drangen an sein Ohr und verschlimmerten die Schmerzen in seinem Kopf. Er hatte sich noch nicht entkleidet und noch nicht einmal die Schuhe ausgezogen, in denen seine Zehen seit dem Morgen eingezwängt und nun schweißgetränkt waren. Es war gegen Mitternacht: der 11. August 1949. Er zog seine Hände langsam an den Rand des Tisches, winkelte die Beine an und stand auf, kam aber ins Taumeln und musste sich mit beiden Händen auf der Stuhllehne abstützen. Er holte tief Luft und ging dann zu der Truhe in der Ecke, beugte sich darüber, legte die Hände auf die beiden Schlösser, öffnete sie und hob den Deckel. Er steckte die rechte Hand hinein und förderte ein paar Patronenmagazine zutage. Er stand wieder auf, ging zum Tisch zurück, legte die Magazine darauf und eines nach dem anderen mit zitternden Händen in seinen Munitionsbeutel. Schweiß tropfte aus seinen Haaren und lief ihm an den Schläfen entlang über die Wangen. Dann nahm er sein Gewehr, das an den Tisch gelehnt war, hängte es sich über die Schulter und verließ die Hütte.
Draußen war es nicht völlig dunkel, wenn auch der Mond nicht mehr so voll war wie noch zwei Nächte zuvor. Er blieb kurz am Tor zum Lager stehen, wartete, bis ihm die wachhabenden Soldaten öffneten, und lief dann in westlicher Richtung in tiefschwarze Hügel hinein, die ihn sachte verschluckten.
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Lange lief er unter der Last seiner heftigen Magenschmerzen und der Krämpfe in seinem Rücken dahin. Kleine Unebenheiten im Sand brachten ihn mehrfach aus dem Tritt und aus dem Gleichgewicht, hielten ihn aber nicht davon ab, weiter in die Dunkelheit zu marschieren, aus der ab und zu ein fernes Heulen ertönte, bis ihn plötzlich ein steiler Abhang in die Tiefe riss.
Als der Sand aufhörte zu rutschen, wollte er sich aufrichten, doch schwere Krämpfe in Händen und Füßen warfen ihn erneut zu Boden. Er brachte seinen Körper mehr oder weniger in eine Sitzposition, nahm einen tiefen Luftzug, der seinen flatternden Atem beruhigte, aber nicht den Druck auf seinem Brustkorb linderte.
