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Wir schreiben das Jahr 1989. Eine Zeit ohne Handys, Sat-Navigation, GNSS und ähnliche Hilfen. Solchen Luxus können sich nur die wenigsten leisten, wir nicht. Und dennoch beschließen mein Mann und ich, zusammen mit unserer damals zweijährigen Tochter, die Reise zu wagen. Sie soll uns von Cogolin in Frankreich nach Zadar im damaligen Jugoslawien bringen. Aus geplanten drei Wochen werden fünf Wochen. Aus einem wunderschönen Reisebeginn wird der nackte Kampf ums Überleben. Natürlich wussten wir um die gefährlichen Fallwinde an der jugoslawischen Küste, doch niemand konnte uns vorwarnen was passiert, wenn sich gleich mehrere Naturgewalten vereinen. Wir haben überlebt, doch nichts war danach mehr, wie es vorher war. Und ich weiß bis heute nicht, was überwiegt. Die schönen Momente dieser Reise, die Hilfsbereitschaft, der wir begegnet sind, diese wunderschöne Stille und das Dahingleiten des Bootes im unendlichen Wasser ... oder diese paar Stunden Kampf, die uns fast das Leben gekostet hätten. Es sind jetzt viele Jahre her und ich segle noch heute begeistert. Aber die Angst von damals werde ich wohl nie vergessen. Und den Respekt vor der Natur werde ich nie verlieren.
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Seitenzahl: 269
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Doris Garden
Eine - nicht ganz - alltägliche Überführung
so segelten wir früher
© 2015 Doris Garden
Umschlag, Illustration:
Doris Garden
Lektorat, Korrektorat:
Maeggi Smith, Maya Vogl
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-6099-4
Hardcover
978-3-7323-6100-7
e-Book
978-3-7323-6101-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Widmung
Dieses Buch ist meiner Tochter Kristin gewidmet.
Inhalt
Wie alles begann
Ein Abschied für immer?
Leinen los - oder: Die spinnen, die Römer
Wenn der Vater mit der Tochter
Unterwegs im Tyrrhenischen Meer
ROM
Ein Beinahe-Unglück und schon geht’s weiter
In der Straße von Messina
Gartenzäune in der Seekarte
Brindisi – Teil 1
Der Ausbruch
Brinsidi – Teil 2
Brindisi – Teil 3
Von Brindisi nach Vieste
Der Kampf beginnt
Überleben ist alles
Einklarieren in Jugoslawien
Zadar – wir kommen!
Wie alles endete
Epilog
Legende
Vorwort
Viele Erzählungen und Geschichten sind bereits über das Segeln geschrieben worden. Und das war auch der Grund, weshalb ich so lange zögerte, eine weitere ‚Geschichte‘ hinzuzufügen. Gab es denn nicht bereits genug? Lag denn nicht alles schon viel zu lange zurück?
Fast 30 Jahre waren inzwischen vergangen …
„Nein!“, meinten meine Freunde, „kein Mensch überführt ein Schiff mit einem kleinen Kind, noch dazu zu einer Zeit, in der es noch nicht mal Handys gab! Ganz abgesehen davon, dass ihr alle dabei beinahe drauf gegangen seid …“
Und so entstand dieses Buch auf ihr Drängen hin, nicht zuletzt aber auf die Bitten meiner Tochter Kristin. Sie war ja einst dabei gewesen, wenn auch ganze zwei Jahre jung, und sie wollte nun endlich wissen, wie das damals, auf dem Schiff, ‚wirklich‘ war.
Und so setzte ich mich eines Tages hin und schrieb es auf.
Ein Abschied für immer?
RAPPEL … RAPPEL … RAPPEL … in meiner absoluten Unkenntnis der französischen Sprache rappel ich mich halt auf und suche in unserem
mitgebrachten Wörterbuch nach der Bedeutung dieses vielgebrauchten Wortes auf französischen Autobahnen.
„Zurück-, Abberufung, Nachzahlung“ lese ich da und kann mir keinen Reim darauf machen. Ah ja, jetzt entdecke ich es, „Erinnerung“ heißt das also auch noch und so gehe ich davon aus, dass ich alles so weiter machen soll, wie ich es in Erinnerung habe. Wehe dem, der sich nicht erinnern kann.
Seit Stunden sind wir inzwischen unterwegs und unser Auto frisst brav und zuverlässig Kilometer für Kilometer. Am Anfang war es ja noch ein seltsames Gefühl, so langsam, aber stetig, sein früheres Leben hinter sich zu lassen, doch inzwischen überwiegt die Erwartung und die Urlaubsfreude.
Und die Müdigkeit. Unsere Tochter hat es da entschieden leichter. Sie schläft seit Stunden in ihrem Autositz und ist eben erst dabei, aufzuwachen.
Es ist sieben Uhr morgens und Cogolin liegt nicht mehr weit. Noch zwei oder drei Ausfahrten, dann müssten wir da sein. Andy und ich sind rechtschaffen müde und demzufolge ausgesprochen erleichtert, als wir um acht Uhr in Cogolin ankommen. Das klappt ja wunderbar, denn so können wir Ingrid und Thorsten, dem Eignerehepaar, gleich ein paar frische Brötchen zum Frühstück mitbringen. Die Anfahrt zum Hafen wurde uns sehr detailliert beschrieben, so dass wir keine Probleme haben werden, den Hafen zu finden.
Denken wir.
Als wir zum vierten Mal durch Cogolin fahren, werden wir schon etwas skeptischer.
Von den uns beschriebenen Gebäuden können wir kein einziges ausfindig machen, dafür beherrschen wir, nach mehreren Fehlversuchen, den Kreisverkehr mitten in der Stadt inzwischen perfekt. Wir entdecken eine Unmenge an Masten, tippen auf einen Hafen, stellen aber bei näherer Betrachtung fest, dass es sich wohl um eine Werft handeln muss.
Als wir zum achten Mal an der Werft vorbeifahren, beschließen wir hier nachzufragen, wo wohl der Hafen liegt. Wenigstens mein Mann kann ein paar Brocken französisch, wir werden es schon schaffen.
Kristin, unsere Tochter, bekundet uns inzwischen lautstark, dass sie nun keine Lust mehr hat, noch länger in diesem Zustand auszuharren. Andy und ich sind übermüdet, finden gar nichts und hinter uns plärrt Kristin. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, wir werden wohl diesen Hafen noch finden?! Mit frischen Brötchen zum Frühstück wird es sicher nichts mehr.
In der vermuteten Werft finden wir keinen Menschen, der uns hätte sagen können, wo der Yachthafen liegt. Wir sichten lauter Masten, aber keinen Hafen.
Ein älterer Mann, den wir auf unserer weiteren Sight-Seeing-Tour durch Cogolin ansprechen, kann uns auch nicht weiterhelfen. Wir beschließen, trotz lauthalser Protestrufe aus der hinteren Wagenregion, die von vulgärem Geschrei kaum zu unterscheiden sind, jede Straße in und um Cogolin abzufahren, die auch nur erahnen lässt, dass sie Richtung Meer führt.
Und welch Wunder, schon nach ein paar Anläufen liegt der Hafen von Cogolin vor uns. Wie wir das Schiff gefunden haben? Kein Problem. Es springt uns förmlich ins Auge. Stegnummern sind eben leichter zu finden als Häfen!
Um halb zehn Uhr können wir Ingrid und Thorsten endlich begrüßen. Gott sei Dank bekommen wir gleich Kaffee. Er ist übriggeblieben, denn das mit dem gemeinsamen Frühstück war wohl nichts.
„Wo seid ihr denn so lange geblieben …?!?“ wir könnten Stories erzählen, begnügen uns aber mit dem notwendigsten, denn nun heißt es erst mal meine Eltern informieren, die sicher schon seit Stunden in ihrem Hotel in Nizza auf eine Nachricht von uns warten. Sie sind bereits vor zwei Tagen angereist, um sich die Gegend anzusehen und um sich von den Strapazen einer solchen Reise zu erholen und zu akklimatisieren.
Erst gestern hatten wir noch von zu Hause aus mit ihnen telefoniert, denn sie wollten mit ihrem Auto den Hafen von Cogolin ausfindig machen, doch unterwegs verweigerte die Wasserpumpe ihren Dienst. In einer wahrlich „Odyssee“ zu nennenden Reise kamen sie wieder zurück zu ihrem Hotel, aber nun waren sie da so ziemlich festgenagelt. Zudem mussten sie auch noch eine Reparaturwerkstätte ausfindig machen, die sich um das Auto kümmerte und es wieder zu neuem Leben erweckte. Schließlich wollten sie ja nach einer Woche die Heimreise wieder antreten, und bis dahin musste alles geregelt sein.
Mit ohne jeglichen Kenntnissen der französischen Sprache schafften sie es tatsächlich, eine Reparaturwerkstätte ausfindig zu machen, die nicht nur den Wagen wieder auf Vordermann brachte, sondern auch noch bis zu ihrer Rückkehr beschützte, hegte und pflegte. Hut ab vor einer solchen Aktion, meiner Bewunderung jedenfalls waren sie sicher.
Nichts desto trotz müssen sie nun in Nizza abgeholt werden. Mein Mann opfert sich und fährt zusammen mit Ingrid nach Nizza, um meine Eltern aus ihrer Isolation zu befreien. Ich dagegen bleibe auf dem Schiff, um mit Thorsten zusammen die letzten Feinheiten zu regeln.
„Feinheiten“ ist wohl etwas untertrieben, denn ich beneide ihn keineswegs, wie er da die Bilge, so ganz ohne Gasmaske, zu reinigen versucht. Ich selber widme mich der Bugkoje, räume sämtliche Kissen heraus und versuche diese zu säubern. Doch ein Vergleich mit den Heckkojen stimmt mich traurig und ich frage mich, wie viel Zeit und Geduld Ingrid wohl damit verbracht hat, auch jedes noch so kleine ‚Härchen‘ aus den Polstern zu entfernen.
Ich jedenfalls schaffe das nicht und gebe ziemlich schnell den Kampf auf. Soll doch jemand anders sich die Mühe machen, mir reicht es auch so. Es werden wohl noch ein paar ‚Härchen‘ dazukommen.
Um zwei Uhr kommen Ingrid und mein Mann mit der restlichen Crew zurück. Die Kajüte ist inzwischen wieder begehbar und die Bugkoje nach meinen kläglichen Reinigungsversuchen mehr recht als schlecht zusammengestellt. Ich postiere mich auf dem Steg und versuche die Ankunft unserer Crew zu filmen.
Später wundere ich mich gewaltig darüber, dass die Bilder nicht hoffnungslos verwackelt sind, denn ich zittere enorm. Ich weiß bis heute nicht genau, warum eigentlich. Vielleicht, weil meinen Eltern ein Abenteuer bevorsteht, dessen ganze Konsequenzen sie gar nicht überblicken können? Vielleicht, weil ich meine Eltern zum ersten Mal auf einem Schiff begrüße? Vielleicht aber auch, und diese Erklärung erscheint mir am wahrscheinlichsten, weil es mir den immer näher rückenden Start dieses großen Abenteuers ins Bewusstsein ruft.
Am Abend heißt es Abschied nehmen. Ingrid und Thorsten fahren nach Hause und lassen uns doch tatsächlich hier so mutterseelenallein stehen.
Als ich unserem Auto nachsehe, das wir Ingrid anvertraut haben, kullern mir unaufhaltsam die Tränen über die Wangen. Ich komme mir vor, als ob man mir die letzte Möglichkeit zur Flucht genommen hätte und ich nun auf Gedeih und Verderb zum Segeln verdonnert bin.
Ich will doch gar nicht!!!
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Am nächsten Tag legen wir um zwei Uhr ab.
Alles in mir wehrt sich dagegen und das Wetter scheint mir nicht gerade freundlich gesinnt. Trotzdem helfe ich dabei, die Leinen loszumachen, und schimpfe mich selber einen Hasenfuß. Irgendwann müssen wir nun mal los und wenn nicht heute, dann würde es mir morgen bestimmt auch nicht viel besser gehen.
Doch, nein, da ist noch etwas anderes. Ich habe schon viel zu lange gezögert.
„Meinst Du nicht, wir sollten besser vor auf die Mole gehen und uns das Wetter draußen mal ansehen?“, frage ich Andy, nachdem ich mir einen inneren Ruck gegeben habe. Wie auf Absprache fällt in diesem Moment eine Böe ein und wir kommen dem benachbarten Segelboot gefährlich nahe.
Wir diskutieren nur kurz, denn plötzlich sind alle dafür. Also machen wir das Schiff wieder fest und uns fertig zum Landgang.
Doch was wir da draußen beobachten, lässt sich nicht so leicht in Einklang bringen mit einer gemütlichen Segelpartie und überhaupt - eigentlich wollten wir es ja langsam angehen lassen!
Wir verschieben den Start auf den nächsten Tag. Ich bin noch einmal davon gekommen, denke ich mir, aber morgen geht es los. Die Böen im Hafen erreichen bis zu sechs Beaufort.
Am Abend gehen wir ‚dinieren‘.
Dieter (mein Vater) und ich entscheiden uns für die ‚Platte Royale‘ und bekommen einen Baumstamm voller Köstlichkeiten vorgesetzt, die den anderen kaum mehr Platz lässt für ihre Speisen. Aber die sind ja wohl auch nicht so wichtig!
Der Tisch biegt sich.
Dieter stürzt sich mit Begeisterung auf die dargebotenen Köstlichkeiten. Alles, was das Meer zu bieten hat, liegt hier aufgetischt vor uns und ist wunderbar angerichtet.
Als ich in den Hummer beiße, kann ich mein „igitt, der ist ja kalt“ kaum unterdrücken. Ich liebe Meeresfrüchte aller Art, aber kalt?!? Das ist nicht so mein Geschmack. Die Eiswürfel habe ich doch glatt übersehen.
Alles um mich herum schwärmt ob dieser Köstlichkeiten, ich würge verbissen eine Auster hinunter. Wahre Wunderdinge habe ich vom Geschmack dieser Speise gehört, aber ich kann mich da einfach nicht anschließen. Als mir von kompetenten Kreisen auch noch berichtet wird, dass diese Tiere nur lebend verzehrt werden, weigere ich mich, auch nur einen einzigen weiteren Bissen zu essen. Ich habe eben keine Ahnung von gutem Geschmack.
Wir zahlen 950 ff, in Worten: Neunhundertundfünfzig französische Franc (ca. 144€, damals ein kleines Vermögen für ein Essen). Noch heute gibt es Leute, die von diesem Essen schwärmen.
Ich nicht.
Am nächsten Tag laufen wir - nun endgültig - um zwei Uhr aus. Das Wetter ist besser, wir messen nur noch bis zu vier Beaufort und selbst mir fällt kein weiterer Grund ein, den Start zu verschieben.
Warum auch? Eine wunderbare Reise liegt vor uns.
Leinen los - oder: Die spinnen, die Römer
Ich liege vorne in der Bugkoje und bin der Überzeugung, dass uns im nächsten Moment ein Wal rammen wird.
Oder ein Tanker.
Oder ein Riff kommt gleich herein und sagt mir guten Tag. Jedenfalls kann das, was wir vorhaben, nicht gut gehen. Drei Millimeter GFK trennen mich von den Tiefen des Meeres.
