Eine philosophische Reise der Selbstfindung - Jörg Schader - E-Book

Eine philosophische Reise der Selbstfindung E-Book

Jörg Schader

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Beschreibung

Wer bin ich? Wohin gehe ich? Wie kann ich die Person sein, die ich sein will? Jörg Schaders existenzphilosophische Abhandlung "Eine philosophische Reise der Selbstfindung" ist kein Ratgeber für jeden Tag, ganz gewiss kein Ratgeber für ein paar Mußestunden. Fast wie absichtslos erzählen sich die Dinge an die Oberfläche, drängen hervor, in aller Leichtigkeit, in Schwung und Schwebe. Das verborgene Wort in aller Gelassenheit und Ruhe werden zu lassen, wie ein Strom, der bedächtig vor sich hin fließt und hier und da einen Stein aufwirbelt, der überraschend einen neuen Ort findet - das ist nicht nur erzählerisches Programm, das ist am Ende in jedem Sinne Erkenntnis auf dem Weg zu sich selbst …

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EPUB
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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2020 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99064-753-0

ISBN e-book: 978-3-99064-754-7

Lektorat: Heinz G. Herbst

Umschlagfoto: https://de.cleanpng.com/png-cas176

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Jörg Schader

www.novumverlag.com

Vorwort

Den Mutigen …
… und all jenen auf dem Weg dorthin.
www.wachstum-im-wandel.at

Teil 1: Anbahnung

Willkommen, welcome, ¡hola!

Danksagung

Dieses Buch des Menschseins entstand zu großen Teilen inmitten derselben. Zahlreiche Zugfahrten halfen mir dabei, meine Gedanken schweifen zu lassen, unterstützten mich dabei, mich in meiner Doppelfunktion – als Teil der Gesellschaft wie auch als deren Betrachter – zu positionieren. Ein großer Dank gilt Andrea und Christian vom „ARTiSAN“ in Schladming, Maida von „By Maida“ in Graz und Werner vom „Larini“ in Deutschlandsberg, die mir in ihren jeweiligen Lokalitäten stets eine angenehme Atmosphäre boten, um meine Gedanken in Worte fassen zu können.
Ich danke Elke Mandl, Margit Silldorff, Jasmin Kloepfer, Angelina Stadlmann, Günther Bitzer-Gavornik, Ingrid Schader, Julia, Sieglinde und Ferdinand Tritscher für ihre Unterstützung und konstruktive Kritik. Zudem danke ich meinen Eltern für ihr Vertrauen in meine Entscheidungen und meine Wege. Ohne Rechtfertigungszwang durfte ich mich dem Studium der Soziologie widmen, einem Herzensprojekt mit ungewissen Jobaussichten. So war ich nicht gezwungen, mir permanent Hard Skills anzueignen, um mich stets dem Moloch „Arbeitswelt“ anzunähern, sondern konnte all jenen Themenbereichen der allgemeinen Menschenbildung frönen, die mich umtrieben.
Ein großer Dank gilt jenen Menschen, die ich als Sozialpädagoge, als Kommunikationstrainer, als Unternehmensberater, als Lektor im Studienfach Soziologie, als Gesundheitstrainer und Life-Coach begleiten durfte, um mit ihnen zu lernen.
Nun bleibt noch eines zu tun: Danken Sie sich selbst – liebe Leserin, lieber Leser – für die Entscheidung, in Ihre Selbstexploration, in Ihre Selbstfindung, in Ihr Voranschreiten zu investieren.

Bedienungsanleitung

Dieses Buch breitet seine Seiten aus, um eine Leserschaft anzusprechen, die sich durch Diversität auszeichnet, die nicht vorgegebenen Bahnen folgt, sondern vielmehr verqueren Gedanken offen gegenübersteht. So verhält sich der Titel des Buches auch etwas verquer zum Inhalt. Denn eine bloße Philosophie würde doch im theoretischen Schwelgen verharren, eine soziologische Abhandlung im besseren Verstehen des eigenen Seins in den Wirren des Treibens der Nachmoderne, lediglich praktischen Anleitungen würde der theoretische Unterbau fehlen usw.
Die „Reise der Selbstfindung“ sieht sich vielmehr als Hybrid, als axis mundi, von welcher aus in vielzählige Richtungen gedacht werden kann und soll. Der Zugang soll ganzheitlich sein und dennoch vielschichtig, keinesfalls versteckend hinter so oft bemühten Paradigmen, sondern will sich der Komplexität des menschlichen Daseins mutig stellen. Die „philosophische Reise der Selbstfindung“ will aber auch keinem Größenwahn anheimfallen, will und kann nicht Heilsbringerin, Letztwahrheit, eierlegende Wollmilchsau sein. Vielmehr will sie zum Sinnieren und Reflektieren anregen und zur aktiven Arbeit am eigenen Selbst ermutigen.
Die Leserschaft weniger anspruchsvoller Lektüre verzeihe mir die Erwähnung des einen oder anderen Fremdwortes, doch sind eben solche Terminologien häufig sinnvoll, Inhalte zu verdichten wie auch zu konkretisieren. Die im wissenschaftlichen Diskurs geschulten Rezipient*innen verzeihen mir vage Ausdrücke, wie „der Stimme des Herzens folgen“ usw.1
Nach einigen wenigen einleitenden Kapiteln und nach einem knappen, gegenwartsdiagnostischen Streifzug wird rasch zum Brennpunkt des Sinnierens übergegangen: dem Menschsein an sich und die Möglichkeit der Selbstwandlung in Eigenregie. Die Wege der Gedanken, betreffend diese beiden großen Themenbereiche, ziehen häufig ungewohnte Bahnen, auch wenn sie sich teilweise altbekannter Schlagwörter wie „Selbstliebe“ und „Initiation“ bedienen.
Die handlungsleitenden Fragen sind basal und dennoch existenziell: Wodurch blockiere ich mich selbst? Was fehlt mir, um mich „ganz“ zu fühlen? In welche Richtung soll ich mein Leben gestalten? Unser Streben nach Sicherheit bedingt einen immanenten Wunsch, unser Leben in geordneten Bahnen führen zu können, doch das Leben ist Veränderung, ist Wachstum und Herausforderung. Wollen wir hierzu einen Aphorismus formulieren, so lautet dieser wie folgt: Das einzig Beständige ist der Wandel!
Etwas schwieriger gestalten sich die zu treffenden Entschei­dungen, betreffend die Art und Weise, wie eben Antworten auf die oben gestellten Fragen gefunden werden können. An dieser Stelle kommt nun jenes Schriftwerk ins Spiel, das noch im Entstehen begriffen ist, welches nahtlos an das hier Erarbeitete anschließen wird, denn die „philosophische Reise der Selbstfindung“ ist, wenn man so will, nur eine Seite der Medaille. Sie bildet gemeinsam mit der „Schatzkiste voll sinnerfüllter Lebensweisen“ eine Dualogie.
Sprechen wir vom Forschungsobjekt (dem zu Analysierenden), so fließt dieses auf den Stationen unserer philosophischen Reise mit dem Forschungssubjekt zusammen: Wir sind beides zugleich, Forscher und Beforschte. In der „Schatzkiste voll Lebensweisen“ werden dann Menschen zu Wort kommen, die neue, oftmals gewagte Wege in ihrer Vita eingeschlagen haben, die umgestiegen sind in eine Lebensalltäglichkeit, die deren individuelle Frage nach dem Sinn passender beantwortet.
In gewisser Hinsicht sind all jene Personen, von denen im nachfolgenden Buch „Eine Schatzkiste voll sinnerfüllter Lebensweisen“ die Rede sein wird, „Aussteiger“. Doch leitet dieser Terminus uns allzu leicht fehl. Selbstverständlich steigen besagte Personen aus dieser und jener Situation, aus dieser und jener Dynamik aus. Dies tun sie aber, um schlussendlich in eine andere soziale Wirklichkeit einzusteigen. Deshalb sprechen wir nachfolgend von „Umsteigern“, und vielleicht werden auch Sie – nach unserer philosophischen Reise – zu einem Umsteiger/einer Umsteigerin.
So klingen die Saiten des Duetts der „Reise der Selbstfindung“ und der „Schatzkiste voll Lebensweisen“ nicht gleichzeitig, sondern folgen aufeinander, die Lebensführung folgt der Selbstfindung, denn das Stellen existenzieller Fragen, die Schau des eigenen Seins, ist unabdingbar. Ein solches Innehalten, die Ergründung eigener Strukturen, Dynamiken und Potenziale, wie auch Wünsche und Sehnsüchte, sind notwendig, um sich wahrhaftig mit der eigenen Lebensweise auseinandersetzen zu können. Denn wird die Ergründung des Selbst übersprungen, geht man nur allzu leicht fehl. Die „philosophische Reise der Selbstfindung“ und die „Schatzkiste voll sinnverfüllter Lebensweisen“ entsprechen somit zwei aufeinander folgenden Sätzen einer Symphonie der Lebensqualität und Authentizität.
Als Studierender der Soziologie wurde ich aufgefordert, mich vom eigenen Sein, der eigenen Vita, dem eigenen Umfeld zu abstrahieren, um dann die Gesellschaft als neutraler Beobachter betrachten zu können – und dennoch scheitere ich, scheitern wir alle bei diesem Versuch, da hier wahrhaftig Unmögliches verlangt wird. Denn das „So-geworden-Sein“ einer/s jeden Einzelnen kann nie a priori aus unserem Denken, Handeln und Fühlen ausgeklammert werden. Beispielsweise werden mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Inder, eine Österreicherin, eine Chilenin und ein Samoaner bei der Betrachtung des gleichen sozialen Phänomens andere Interpretationen vollziehen, da der Schritt von der genuinen Wahrnehmung hin zu kulturell gefärbten Interpretationen ein äußerst kurzer ist.
Dennoch dürfen wir an ebendiesem Punkt nicht kampflos aufgeben, vielmehr gilt es, dem unerreichbaren Ideal eines neutralen Beobachters möglichst nahezukommen. Denn mithilfe dieses Zugangs können Normen und Dynamiken, Tabus und Sakrilege betreffend das Wertesystem der „Normalgesellschaft“ erfasst und ergründet werden.
Ein Beispiel: Person X und Person Y steigen in denselben Zug mit dem Fahrtziel „Konformitätsbiografie“ ein. Beide fahren Tag für Tag eine Station weiter, stets mit dem hehren Ziel, das eigene Leben so zu leben, wie Mann und Frau es eben zu tun pflegen. Dieser Zugang zur Normalität gibt Sicherheit in Form von interdependenten Bestätigungen des Status quos der „So-ist-es-halt-Gesellschaft“. Anders ausgedrückt: Soziale Realität wird durch die Akzeptanz von Verhaltensregeln durch die Mehrheit einer Gesellschaft konstruiert, die für einen definierbaren Kulturraum zu einer geltenden Zeitspanne auf der Achse gesamtgesellschaftlicher Entwicklung (in-)formell hegemonial ist. Einfacher ausgedrückt: Normalität entsteht dadurch, dass sich die meisten handelnden Akteure der Gegenwart an etablierte Normen halten.
So ist es „normal“, als Mann ein paar Biere mit seinen Freunden zu kippen, so ist es normal als im Ennstal lebende Frau ein „Dirndl“ zu besitzen, so ist es normal, allabends dem TV-Gerät bzw. Video-Stream-Gerät anheimzufallen usw.
Nehmen wir nun an, Person X verlässt den „Konformitätszug“ und steigt in den Zug „Weg des eigenen Herzens“ ein. In diesem Zug sitzt Person X anfangs häufig alleine, in diesem Zug gesellen sich häufig auch Zweifel und Unsicherheit zum einsamen Reisenden durch die eigene Biografie. Angetrieben wird dieses metaphorische Vehikel jedoch von Sinn und Selbstentfaltung, vom Wissen darüber, welcher Vision bzw. welchen Themen das eigene Leben gewidmet ist.
Dieser Umstieg muss nicht radikal gedacht sein. Nur für die Wenigsten kommt ein radikaler Umstieg, ein Auswandern in die Ferne infrage. Vielmehr geht es oft um einzelne Saiten der Lebensharfe, die zum Klingen gebracht werden. Es geht um kleine Adaptierungen im Alltag, die häufig großer Überwindung bedürfen.
So kann es Überwindung für eine Bäuerin sein, nicht dem Druck ihres familiären Umfelds nachzugeben, sondern standhaft zu bleiben, um einer Bauchtanzgruppe beizutreten. So kann für die Betreiberin eines Beherbergungsbetriebes die Informierung der Kunden, dass künftig kein Frühstück mehr angeboten wird, eine heraklische Aufgabe darstellen, der Lohn ist mehr Zeit für eigene Belange. So kann es schwierig sein, den Alltag nicht immer mit Tätigkeit zu füllen, sondern sich bewusst Pausen zu nehmen, um dem Organismus und der Psyche die Chance zu geben, sich zu regenerieren. Es sind kleine Veränderungen, Veränderungen, die oftmals nach außen hin kaum sichtbar sind und dennoch zumeist beträchtliche Auswirkungen für das Leben, genauer gesagt, die Zufriedenheit und Leichtigkeit im Leben der Einzelnen haben.
Diese Reisephilosophie zum Selbst fordert von Ihnen erst mal gar nichts – aber sie lädt Sie bedacht und wertschätzend ein, sich selbst zu schauen, Ihr Gewordensein, Ihre Jetzt-Situation. Meine Person nimmt nun nicht die Rolle eines unnahbaren, „erleuchteten“ Meisters ein. Vielmehr bekleide ich die Funktion eines Expeditionsleiters auf teils verdeckten Pfaden auf dem Weg zum eigenen Selbst. So bin ich Mentor, bin in mancher Sache geübter, und dennoch bin ich ebenso auf der Reise zu mir selbst und dies Tag für Tag.
Aus diesem Grunde wähle ich in der „philosophischen Reise der Selbstfindung“ häufig die erste Person plural, um zu verdeutlichen, dass wir alle homo viator sind – zwar nicht auf dem Weg zum jenseitigen, himmlischen Jerusalem, wie es die Mönche des Mittelalters waren, sondern auf dem Weg in ein „Jerusalem des eigenen Herzens“, wenn man es so bedeutungsschwanger ausdrücken möchte. Leichtigkeit und Lebensfreude dürfen hier und jetzt Einzug in unser Leben halten und sollen nicht für ein Leben nach diesem Leben aufgespart werden.
Ja, dieses Buch ist ein individualtherapeutisches Schriftwerk, ist ein Selbsthilfebuch! Seine Inhalte wollen tief dringen, wollen keinen Nachhall i. S. v. „Ach, das war ja nett“ bewirken. Die Inhalte wollen im Herzen berühren, wollen Mauern einbrechen und Sie auf dem Weg des inneren Vorankommens, des inneren Wachstums begleiten.
Erwarten Sie nun, mittels netter Anekdoten berieselt zu werden, um eine leichte Kost genießen zu können, ist es womöglich besser, das erworbene Buch mit dem Vermerk „unbenutzt“ wieder zu veräußern. Wollen Sie aber sich selbst schauen, sind Sie bereit, Altes zurückzulassen und Neues in Ihr Leben zu integrieren? Sind Sie bereit, Schwere loszulassen und Leichtigkeit zu suchen? Dann machen Sie sich auf, auf eine Reise ins Selbst!
Vielleicht hilft eine Jakobspilgerfahrt oder die Umrundung des Kailash, vielleicht dient Ihnen ein Re-treat in einem indischen Ashram oder etwa auch in einem Kloster unweit des Heimatortes. Vielleicht ist für Sie das Studium der Soziologie oder Philosophie genau das Richtige oder aber vielleicht die Lektüre der „philosophischen Reise der Selbstfindung“. Ich glaube nicht, dass alle Wege nach Rom führen, aber zumindest viele. Für eine jede Person gilt es nun, in Selbstverantwortung den eigenen Weg zu definieren und auch zu beschreiten. Häufig kennt man den eigenen Weg noch nicht, kann die Seinsqualität auf möglichen Wegen noch nicht erfassen. In diesem Gestade der Selbsterkenntnis gilt es, einfach zu beginnen, gilt es, einfach zu tun, einfach auszuprobieren und Erfahrungen zu machen. Fühlt sich ein Weg, eine Entscheidung stimmig an? Oder bleibt das eigene Fühlen ohne Resonanz und verharrt das eigene Wesen in Teilnahmslosigkeit?
So bitte ich Sie um Ihrer selbst willen: Richten Sie sich nicht so sehr nach dem Außen, richten Sie sich nicht so sehr danach, was die Mutter, der Vater, die beste Freundin, der beste Freund usw. meinen, was Ihnen gut tun würde. Wir müssen unser Leben lediglich vor uns selbst verantworten, und so gilt es eben, unserem Herzen, unseren Sehnsüchten zu folgen und nicht den Meinungen und moralischen Instanzen unseres Umfeldes.
Ich selbst bin seit vielen Jahren Suchender und Findender – und werde es (hoffentlich) bis an mein Lebensende sein. So ist dieses Schriftwerk des Sinnierens und Findens auch authentisch, da hier nichts im Fernen verharrt, sondern die hier transportierten Inhalte über die Jahre hinweg Teil meines Wesens, Teil meiner Alltäglichkeit wurden.
An dieser Stelle bitte ich Sie, die Inhalte der „philosophischen Reise der Selbstfindung“ nicht ungefragt zu übernehmen, sie soll kein Katechismus der Selbstfindung, soll kein Standpunkt, sondern vielmehr Weg sein.2 Wenn Sie anderer Meinung sind, sind Sie anderer Meinung! Wenn Sie den einen oder anderen Inhalt als belanglos erachten, dann ist es eben so. Nehmen Sie sich jene Inhalte heraus, die Sie berühren, die sich in Ihrem Bewusstsein ausbreiten – auch nachdem Sie diese Selbstfindungsreise beiseite gelegt haben. Nehmen Sie all jene Inhalte wichtig, bei denen sich Ihre Atmung verändert, vielleicht auch ihr Magen reagiert usw. Für gewöhnlich lohnt es sich, genauer hinzusehen, wenn der eigene Leib in Resonanz geht.3
Leider sind wir oft meisterhaft darin, ebensolche Resonanzen und Fingerzeige unseres Leibes zu ignorieren, die ureigenen Signale unseres Selbst! Man habe jetzt keine Zeit dafür, müsse funktionieren. Achtsamkeit und Selbstgewahrsamkeit sind häufig leere Hüllen, die zwar als Wunschbilder formuliert werden, jedoch keine Auswirkungen auf die Art und Weise der eigenen Lebensführung haben. Doch Sie dürfen sich selbst ernst und wichtig nehmen, sich selbst fragen: Was will mir mein Leib nun sagen? Was ist hier und da noch zu lösen? Warum reagiere ich bei diesem und jenem Thema auf diese und jene Weise? Welchem Teil von mir darf ich ins Gesicht blicken, den ich bislang übergangen bin?
Viele dieser Anteile sind alte Bekannte, und so denken wir uns des Öfteren: „Ach, dieses und jenes Thema schon wieder! Ich dachte, das hätte ich schon lange hinter mich gelassen.“ Wir alle haben unsere Lebensthemen, und es sind zumeist stets dieselben Themen, die uns von Kindesbeinen an begleiten, und so bietet Ihnen dieses Buch, die „Baustellen“ der eigenen Vita wieder zu schauen, aber in einem etwas anderen Licht. So darf die eine oder andere Bürde klarer, besser fassbar, leichter werden – und so darf auch so mancher Schmerz losgelassen werden, so manche Erkenntnis, so manche Übung Katharsis bringen.
Die hier vorliegende philosophische Selbstfindungsreise konzentriert sich auf einige wenige Grundthematiken, erschließt nicht alle Sphären des Seins, vielmehr versucht sie die behandelten Themen (er)fassbar, erfahrbar und anwendbar zu machen. So keimt ab und an ein Neologismus aus dem gewobenen Netz der Gedanken auf, der auch im Glossar nachgelesen werden kann.
Die inhaltliche Struktur gleicht keiner Überraschungstüte, aus der in willkürlicher Reihenfolge Themen und Inhalte gezogen werden. Die Abfolge der Themen ist bewusst gewählt und ist als aufbauend zu verstehen. Folgen Sie diesem roten Faden, denn Sie werden nachfolgende Kapitel tiefgründiger erfassen, wenn Sie sich mit den Kapiteln zuvor vertraut gemacht haben.
So schließe ich diesen Auftakt mit dem tradierten Pilgergruß „ultreya“. Damals motivierte die Semantik dieses Wortes ein ständiges Voranschreiten bis nach Santiago de Compostela, dem Zentrum hoch- und spätmittelalterlicher Heilserwartungen. Im Zuge meiner Reisen und Pilgerfahrten drängte sich mir recht rasch die Gewissheit auf, dass – egal wo ich mich befinde – ich immer nur mir selbst begegnen kann. Wir adaptieren also die Bedeutung von ultreya und zwar im Sinne eines stetigen Voranschreitens im eigenen Leben, um peu à peu das eigene Selbst zur Entfaltung zu bringen. So wünsche ich Ihnen Entdeckergeist und Mut, sich selbst zu schauen!
Ultreya,

Wege zur Selbstfindung

Habe ich selbst schon überlegt „umzusteigen“? Ab und an, wenn Ungemach über mich hereinbrach, spielte ich durchaus mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen, um dem wie auch immer geheißenen Sonnengott auf den Stränden einer pittoresken Insel zu frönen. Doch um selbst auszusteigen, lebe ich zu gerne in Österreich, habe ich zu spannende und reizvolle berufliche Agenden, sind mir Familie und Freunde allzu lieb.
Vermutlich wäre ich jener Typ, dem das insulare Paradies rasch zu langweilig werden würde – und dennoch tut mir das Sinnieren, das Lesen, das Exzerpieren, das Schreiben usw. rund um die Themen Sinnsuche, Umsteigen und Lebensqualität gut, lässt mich selbst zur Ruhe finden. Die Durchführung des Doppelprojektes – „Eine philosophische Reise der Selbstfindung“ plus „Eine Schatzkiste voll sinnerfüllter Lebensweisen“ – half und hilft mir, die Einfachheit des Lebens nicht aus den Augen zu verlieren, mir selbst treu zu bleiben. Das Credo „Simple Man“ (Lynyrd Skynyrd) ist eine meiner Lebensmaximen und bedarf tagtäglicher Verfolgung.
Doch warum forsche ich nicht über Schweige- oder Fastenseminare, warum nicht über Rituale im Zuge des Wellnessbooms? Die Antwort findet sich autobiografisch fundiert in so manchen Pilgererfahrungen, genauer gesagt, in so manchen Begegnungen auf dem Jakobsweg.
Bereits im Jahr 2002 hatte ich die eine oder andere einschneidende Begegnung. Ganz besonders blieb mir eine Mutter aus deutschen Landen in Erinnerung, die mit ihren beiden Söhnen und zwei Eseln seit zwei Jahren auf Wanderschaft war. Die Mutter kümmerte sich intensiv und rührend um ihre beiden Söhne, doch legte sie auch radikale Ansichten an den Tag. Das besagte Fünfergespann ernährte sich fast ausschließlich frutarisch, also hauptsächlich von Obst, das von Bäumen gefallen war bzw. von Beeren, die von Sträuchern gefallen waren. Die Jungen ernährten sich auch von „Integrales“, meinen Lieblingskeksen zu dieser Zeit, die ich den beiden heimlich zusteckte, die Mutter verzeihe mir.
Den Winter vor unserer Begegnung hatte die Rumpffamilie bei einem französischen Bauern verbracht, der von der Mutter mit sexuellen Gefälligkeiten bedient wurde. In die Schule sollten die beiden Jungen nicht mehr gehen. Beide, etwa um die 10 Jahre alt, sprachen bereits Französisch und etwas Spanisch, beide waren wahre Meister beim Feuerholzsuchen bzw. Feuermachen.
Über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen traf ich diesen Pilgertross beinahe täglich, ich sah einerseits die Freiheit und Natürlichkeit der beiden Jungen, andererseits die Zerrissenheit der beiden: Liebe und Zuneigung gegenüber der Mutter kämpften immer wieder mit dem Verlangen, aus den rigiden Ge- und Verboten ihres Familiensystems auszubrechen.
In Finisterre trennten sich unsere Wege. Meine liebgewonnenen Pilgergefährten orientierten sich in Richtung Süden und steuerten auf Fatima zu, dann wollten sie nach Marokko übersetzen. Ohne Mobiltelefon, ohne Anschrift – und damals auch ohne Facebook – war es nicht möglich, Kontakt zu halten.
Immer wenn ich ein Lagerfeuer mache, wende ich einen Kniff an, den ich von den beiden Jungen gelernt habe und denke an diese Begegnungen der Andersartigkeit, der Freiheit, der Ambivalenz. Noch heute stelle ich mir die Frage: War diese Form des nomadischen, unmittelbaren Herumziehens Fluch oder Segen für die beiden Jungen?
Musste der Pilgertross aufgrund gesundheitlicher oder mone­tärer Gründe mit Scham behaftet wieder nach Deutschland zurückkehren? Hatten die beiden Jungen Erfolg bei der Wiedereingliederung, oder ist es gar nicht möglich, im uns vertrauten Gesellschaftssystem zu (über-)leben, wenn in frühen Jahren der verführerische Duft eines selbstbestimmten Lebens gekostet wurde?
Vielleicht ist die Familie aber nicht zurückgekehrt und bietet für Urlauber Trekking-Touren im Atlasgebirge an. Womöglich wurde gemeinsam eine Strandbar in Casablanca eröffnet, die mittlerweile von den beiden Brüdern mit ihren Partnerinnen geführt wird.

Mit vielzähligen Erfahrungen im sozialpädagogischen Bereich treibt mich die Ungewissheit um, ob eine solche Art und Weise des Heranwachsens für Kinder- und Jugendliche eine gangbare Alternative ist. So oft habe ich miterlebt, wie hochsensible, junge Menschen von den Regeln und Leistungsvorgaben des Schul- und Lehrsystems gebrochen wurden. Norbert Elias beschreibt den Prozess der Zivilisation als eine Zunahme von Reglementierungen und Affektregulierungen. Die Frage, die sich hier stellt, ist jene, wie viel uns die ohnehin erodierende Sicherheit unseres Zivilisationsprozesses wert ist. In den Tag zu leben – mit den Worten Erich Fromms4 –, „einfach zu sein“ und das Leben, die Wunder der Natur zu genießen mit einem Mindestmaß an materiellen Besitztümern, scheint immer mehr Menschen unseres Breitengrades als verlockende Utopie anzuziehen.

Klammern wir uns an ein Phantasma? Was gibt unserem Leben Sinn? Ist es ein BMW X5 anstatt eines BMW X3 oder ist es das Biwakieren an einem Bergsee und das unmittelbare Erleben von Sternennächten, das Schmecken des Taus am Morgen auf den Lippen, das unser Herz höher fliegen lässt? Sind es das 13. und 14. Gehalt, die unser Leben lebbar machen, oder ist es einfach die Qualitätszeit, in Tiefenentspannung zu betrachten, wie der Wind sein Spiel mit dem Geäst eines Baumes treibt?

Unser Gehirn kann schwer mit Themen, mit Situationen umgehen, die noch nicht abgeschlossen sind, es wünscht sich Klarheit, ein Ja, ein Nein, aber kein Vielleicht. Das Vielleicht kostet unserem Organismus Kraft, erzeugt Unsicherheit. Ich lebe nun seit Jahren mit diesem „Vielleicht“ in meiner Brust, und ebendies definiert sich als kausales Momentum, welches mich antreibt, dieses Buch zu schreiben.

Dieses Buch entsteht, weil ich mich gegen ein gewöhnliches Leben entschieden habe, weil ich einen gut bezahlten Job gekündigt habe, weil ich vom Weg des Strebens nach Sicherheit und Unlustvermeidung abgegangen bin. Bin ich ohne Sorgen und Zweifel? Nein! Ab und an kommt in mir das Bedürfnis nach ebendieser Sicherheit hoch, doch dann erinnere ich mich, wie unfrei ich mich gefühlt habe, wie Lebendigkeit und die mir innewohnende Lebensfreude peu à peu abhandengekommen sind, und dann fühle ich wieder Bestimmtheit, dass dieser alte Weg, dieser Weg des Angepasstseins, die existenziellen Kosten ins Unendliche getrieben hätte – denn Leben will gelebt werden!

Gerald Hüther zufolge haben wir alle bereits als Fötus zwei grundlegende Bedürfnisse: Zum einen tragen wir das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit in unserer Brust, zum anderen verspüren wir auch das Bedürfnis nach Wachstum.5 Die Ausgewogenheit dieser Polarität zu leben, gelingt uns mal besser, mal schlechter. Ich selbst sehe mich als Lernender, als Erkennender und maße mir hier nicht an, diesen Spagat besser zu bewältigen als irgendeine Person, die diese Zeilen liest.

Ich kann nur ehrlich und authentisch sagen, dass ich aufgrund der tristen Jobsituation als Soziologe von Anfang an gezwungen war, kreativ zu sein, gezwungen war, mich immer wieder in andere Berufsfelder einzuarbeiten. Glücklicherweise entspricht eine solche Buntheit meinem mir immanenten Wissensdrang, und so bin ich dankbar dafür, bereits früh in meinem Leben auf den Weg der Selbständigkeiten und der Selbstverwirklichung gekommen zu sein.6

Im Zuge längerer Bergtouren und im Zuge diverser Pilgerfahrten erfuhr ich tief empfundene Freude, einen Alltag geprägt von Leichtigkeit. Stets versuchte ich – und versuche noch immer – diese lebensfreundlichen Seinszustände in meinen Alltag, in mein Everyday Life zu integrieren, was tags besser und dann wieder tags schlechter gelingt. So lebt auch in schwierigen Zeiten eine Idee, eine basale und dennoch klare Erinnerung in mir fort, wie sich das tagtägliche Wallen durch die mir gegebene Lebenszeit anfühlen soll.

Wir alle sind Suchende, egal ob wir nach La Gomera ausgewandert sind oder ob wir an jenem Ort, zu dem uns die Geburt, die Arbeit, die Liebe usw. geführt haben, verbleiben. Die Sehnsucht nach Unbeschwertheit, nach Leichtigkeit ist vermutlich uns allen immanent. Lediglich die Ausrichtung der eigenen Existenz in unserer zentraleuropäischen Zivilisation ist eine andere. Bemühen sich Umsteiger um (häufig) radikale räumliche Abgrenzung zur Normalgesellschaft und um den Einstieg in einen freien und selbstbestimmten Lebensstil, so bemüht sich hingegen das Gros innerhalb der Gesamtgesellschaft mit all ihren Annehmlichkeiten und Sicherheiten, aber auch all ihren Zwängen und Schreckensszenarien, das eigene Leben zu gestalten.

Im Zuge der von mir durchgeführten Coachings treffe ich häufig auf Selbst- und Sinnsucher, welche nach Auswegen von dieser oder jener Leidenssituation suchen. So wage ich zu behaupten, dass sich unser Alltag, den wir als normal i. S. v. „gewohnt“ kennen, uns häufig weiter und weiter von uns selbst entfernt, uns weiter und weiter entfremdet von natürlichen, von gesunden Anteilen unseres Selbst!7

Wir leben in einer posttraditionalen Gesellschaft, in einer Welt der Nachmoderne, in einer Zeit nach dem Wiederaufbau der Gesellschaft, einer Zeit ungekannter Freiheit betreffend Mobilität, Partner- und Berufswahl. Eine jede Zeit kennt Risiken und Möglichkeiten, und so können und sollen wir auch Positives in der Gegenwartsgesellschaft sehen. Sie und ich, wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Die Kirche hat für viele unter uns als Heilsbringerin ausgedient. So sind wir dazu angehalten, selbst Antworten nach dem Sinn des eigenen Lebens zu finden, sind dazu verurteilt, selbst Wege zum eigenen, subjektiv empfundenen Glück zu finden. Wir verfügen über ein Mehr an Selbstverantwortung, ein Mehr an Entscheidungszwang ob vieler Möglichkeiten, aber auch einem Mehr an Selbstbestimmtheit, Selbstverwirklichung und Freiheit.

Kehren wir noch einmal zurück zu meinen Anfängen als Jakobspilger: Am Ende meiner Selbsterfahrungsreise im Jahr 2002 wusste ich, dass ich 2003 wieder nach Finisterre musste, dem für so manche Pilger eigentlichen Ende des Jakobsweges. Egal was geschehen würde, ich war mir gewiss, meinen Plan in die Tat umzusetzen. So machte ich im besagten Jahr nur einen Kurzbesuch am Jakobsweg, pilgerte von Santiago de Compostela bis Finisterre. Nach drei Tagen Pilgerfahrt lebte ich jedoch etwas mehr als zwei Wochen am Atlantikstrand des Ortes Fisterra, dort, wo die Pilger des Mittelalters Reinigungsrituale durchführten und dort, wo ich in den Sommern der Jahre 2002, 2003, 2006 und 2007 jene Pilger antraf, die oftmals bereits Monate unterwegs waren, die sich teilweise entschlossen hatten, sich am Jakobsweg niederzulassen, die teilweise ohne Geld lebten oder in Finisterre Zwischenstation machten, um dann weiter nach Rom oder Jerusalem zu wandern.

Mein Bewusstsein saugte all diese Begegnungen wie ein Schwamm auf, und so wirken sie noch intensiv in mir nach, leben präsent in meinem Geiste, in meinem Leibe. Im besagten Sommer, im August des Jahres 2003, entstand bereits die Idee, über (einschneidende) Lebensveränderungen, über alternative Lebensstile, über „Umsteiger“ zu schreiben, zu forschen. So trug ich diesen Keim viele Jahre in mir, bis ich im Jahr 2016 zu lesen, zu schmökern, zu sinnieren, zu forschen begann – bis die Saat, welche Jahre zuvor in mein Herz eingepflanzt wurde, das ihr innewohnende Potenzial zur Entfaltung bringen konnte.

Dieses Buch entstand nicht nur für Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sondern auch für mich. Viele Sehnsüchte, viele Herzensthemen, so manche Ängste werden von Autoren verarbeitet, während sie sich altruistisch gebaren und genuine Antriebe verschleiern. Doch sind nicht Ehrlichkeit und Authentizität die Greifbarkeit der Schöpferin/des Schöpfers, wie auch deren/dessen ureigene Beweggründe von zentraler Bedeutung, um vermittelte Zusammenhänge und Kausalitäten eines Werkes besser verstehen zu können?

Meiner Meinung nach verstecken sich viele Urheber*innen wissenschaftlicher Schriften hinter ihren Werken. Dies gehöre doch zum guten Ton, und so macht man sich hinter dem Deckmantel der Objektivität unantastbar. Kommunikation funktioniert nur in den seltensten Fällen. Sie verstehen also nur in den seltensten Fällen genau das unter diesem und jenem Phänomen, wie ich es sehe und kommunizieren möchte.

Aufgrund dieses Axioms menschlicher Interaktionen verlangt mein Verständnis von Wissenschaft den Abgleich gewonnener Erkenntnisse mit dem Innenleben des Autors/der Autorin, denn nur so kann ein holistisches Bild entstehen, kann ein Zentralgestirn am Firmament der Erkenntnis leuchten. Andernfalls verhalten sich Schriftwerk und Autor*in wie zwei Himmelkörper, die sich zwar wechselseitig ob ihrer Gravitation bedingen und dennoch uneins im Wissenskosmos umherirren.8

Diagnostik der Gegenwart

„Würdest du mir bitte sagen, welchen Weg ich von hier aus nehmen soll?“ Das hängt ganz davon ab, wohin du möchtest“, erwiderte die Katze. „Es ist mir eigentlich egal, wohin …“, sagte Alice. „Dann kommt es auch nicht darauf an, welchen Weg du nimmst“, sagte die Katze. (Alice im Wunderland – Carroll 2011, 78)
Noch vor wenigen Generationen wurde die Frage nach der Gestaltbarkeit des eigenen Lebensweges noch kaum gestellt: Man war die Bauerstochter, der Sohn des Schmiedes usw. Biografien waren oftmals vorgezeichnet, in Stein gemeißelt, und so war es müßig, sich aufgrund des Mangels an Optionen Fantasien der Selbstverwirklichung hinzugeben.
Es wundert also nicht, dass der Begriff „Identität“ noch keine hundert Jahre Teil des wissenschaftlichen Diskurses ist. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts erweiterte sich der Handlungsraum individueller Biografien, was erst die Möglichkeit, aber auch die Notwendigkeit einer wie auch immer gearteten Definition des Selbst entstehen ließ.9
Diese unsere Identität können wir nun ausdifferenzieren in eine „persönliche Identität“, die auf Selbstwahrnehmung eigener Antriebe und Fähigkeiten abzielt, sich aber auch auf den gemachten Erfahrungen im Zuge der eigenen Genese gründet. Als Pendant zur persönlichen Identität gesellt sich die „soziale Identität“, die sich aus der Summe und Beschaffenheit diverser Rollen des Alltags zusammensetzt. So sind wir Vater und Mutter, Arbeitskollege und -kollegin, Yogafreund und -freundin usw.
Die Gegenwartsdiagnostik – ein Teilgebiet der Soziologie – verfügt nun über zahlreiche „XXX-Gesellschaften“, um die Lebensaktualitäten der Nachmoderne zu benennen. So ist die Rede von der Informationsgesellschaft, der Risikogesellschaft, der Sicherheitsgesellschaft, der Multioptionsgesellschaft, der Gesellschaft der Individualisierten usw.10 In einem jeden dieser Konzepte wird eine Problemlage herausgestrichen und analysiert. Diese und jene Problemlagen gibt es sehr wohl, aber diese und jene Entwicklung bringt auch diese und jene positive Veränderung, diese und jene Chance mit sich.
Wir wollen nun also nicht dem Schwarzmalen anheimfallen, denn besagte soziologische Literatur zeichnet sich oftmals durch Einseitigkeit aus, i. S. e. pejorativen Tendenz. Wenn Hape Kerkeling in seinem Jakobswegklassiker „Ich bin dann mal weg“ geschrieben hätte: „Nach vierhundert Kilometern war da wieder ein Hügel mit ein paar hundert Höhenmetern …“, hätten sich die Verkaufszahlen wohl anders entwickelt.11
Hier sollen die Problemlagen und Schattenseiten nun nicht bagatellisiert werden, die Chancen, die Freiheit des Seins, unser hoher Lebensstandard, sie sollen aber auch ins Gewicht fallen, ja, sogar im Abgleich mit den Risiken und Unsicherheiten der Gegenwart überwiegen.
Ab und an ist es ein einschneidendes Erlebnis, wie der Verlust eines nahen Menschen, das Auseinanderbrechen einer Partnerschaft, eine Mobbingsituation am Arbeitsplatz usw., manchmal ist es aber auch eine sich über Jahre hinweg ausbreitende Schwere unseres Gemüts, bis wir uns entschließen, unser Leben oder zumindest unsere Einstellung zu diesem zu ändern.
Orientierungslosigkeit macht sich breit, eine Suchbewegung auf individueller Ebene mit gesamtgesellschaftlicher Dimension wird in Gang gesetzt. Der Motor dieser Bewegung ist das starke Bedürfnis nach Sinn – und im selben Atemzug die Angst vor Leere.12 Viele unter uns befinden sich in der Not der Befreiung: „An die Stelle der technischen Frage ‚Wie erreiche ich X’ tritt die philosophische Frage ‚Was will ich eigentlich’?“13
Diese existenzialistische Frage führt sogleich zur Frage nach dem Sinn.14 Viele unter uns handeln noch wie Sisyphos im Trott der Sachbezogenheit, im Trott gesellschaftlicher Konventionen und Obligationen, im Trott vorgeschobener Selbstverwirklichung und finden sich dennoch im Treibsand sublim verpackter Massenphänomene wieder.

Individualisierung

Kann es sein, dass ein Mensch sich besser entwickelt, wenn er weniger kontrolliert wird? Oder ist die berühmte Nestwärme doch wichtiger als Freiheit? (Schwermer 2001, 14)
I
Das Konzept „Individualisierung“ durchdringt bereits so viele Teilbereiche der Soziologie, der Pädagogik und Kulturanthropologie, dass in Abhandlungen der Begriff als allgemeinverständlich gesehen wird und somit keiner Definition mehr bedarf. Ein Verständnis der Semantik des Begriffs wird also vorausgesetzt.