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Herbst 1961: Der Fallschirmsprung über der Kakteenwüste von Arizona war der größte Traum von Laurens Baltruscheit Iversens Großvater. Nachdem die Sache schiefgegangen ist, muss der Enkel sehen, was er mit Opas Leiche anfängt, mit dessen jugendlicher Freundin Taleesha, dem alten Rum und dem Wohnwagen, mit Dorothy, die ihm bei einem Tornado in Iowa zufliegt, und ihrem Freund Hunk, der alten Vogelscheuche. Sie alle wird er in New York los, doch das Schiff, von dem er annimmt, es bringt ihn nach Dänemark zurück (oder zumindest in die Richtung), ist unbestreitbar in andere Gefilde unterwegs. Eine weltweit agierende Mariachiband, fliegender Kartoffelsalat, ein Mann, der über den Lake Michigan schreitet, die endgültige Begegnung mit einem Eisbären, eine Flucht durch den Urwald, ein westfälischer Matrosenhintern in Öl, eine musikalische Gespensterfamilie, der Ritt einer Greisin auf der Schildkröte, fliegende Pinguine und drei frivole Cousinen aus Punta Arenas, ein Tod, ein neues Leben und die Liebe zu Suleika – dies alles und noch viel mehr begegnet Laurens Baltruscheit Iversen auf seiner unfreiwilligen Reise. Das Chaos der Zufälle des Lebens: Man kann darin den Sinn suchen oder es einfach als schräge Geschichte lesen, die zuweilen böse enden kann.
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Seitenzahl: 446
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Stefan G. Wolf
Eine schräge Geschichte, die böse endet
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein Wort vorab
Lieber ein Anfang mit Schrecken
Dreh dich nicht um in Lasolita
Taleesha auf Coke
Jetzt ist er weg
Es ist noch Kartoffelsalat da
Im Auge des Tornados
Ein Wiedersehen in Holiday City
New York! New York!
Liebe Mama!
Unter Schmugglern
Märchenstunde
Der Himmel auf Erden
Genoveva und der Koch
Ein Geschenk zum Verlieben
Eine Verschwörung
Wandertag im Dschungel
Fluss ohne Wiederkehr
Wie man Freunde gewinnt
Das Haus in Montevideo
Ein Kapitel mit vielen Büchern
Nadel und Heuhaufen
Ein Brief kommt an
Von Luzern auf Weggis zu
Getanzte Leidenschaft
Ein Stern geht auf
Amerigo weiß was
Gotthold, böser Hund!
Im kleinen Horrorladen
Auf dem Friedhof von Piñeta
Die wundersame Welt der Greta Rivera
Es gibt viel zu tun
Ein Rendezvous
Ein heißer Ritt
Fly me to the Moon!
Unterwegs mit einem Klugscheißer
Leuchtspur im antarktischen Himmel
Nichts wie weg (mal wieder)
Im Namen der Königin
Ein Geheimnis wird gelüftet
Überraschende Wendung
Zauber der Manege
Das böse Ende kommt auf mich zu
Und vom selben Autor – überall wo es Bücher gibt
Impressum neobooks
So, so, eine schräge Geschichte also, die böse endet. Nun ja, ich hätte dem Roman auch einen anderen Titel geben können, und wenn es nach meinem Lektor gegangen wäre, dann hätte er auch einen anderen bekommen. Erstens, so meinte er, seien die Erwartungen der Leser, was schräge Geschichten betrifft, heute sehr hoch, andererseits nehme der Titel ja schon den Ausgang vorweg, und das sei ja wie … und dann wedelte er mit der Rechten, die den roten Stift hielt, ziellos durch die Luft, ohne einen passenden Vergleich zu finden, so dass ich ihm aushalf: Das ist wie Tod eines Handlungsreisenden, sagte ich. Genau, zum Beispiel, stimmte er mir ohne Begeisterung zu. Nun denke ich mir, dass ein Buch, dem man, sagen wir mal, Anna Karenina auf den Umschlag gedruckt hat (oder Im Namen der Rose oder gar Hundert Jahre Einsamkeit), dass ein solches Buch überhaupt niemanden zum Lesen reizt, jedenfalls nicht, wenn es bloß vom Titel abhängen sollte. Ich aber spiele von Anfang an mit offenen Karten: Die Geschichte ist irgendwie schräg und sie endet wirklich böse. Immerhin gibt es darin noch so verrückte Sachen wie die menschlichen Echsen, so überraschende wie das Mädchen, das vom Tornado herbeigeweht wird, und so spannende wie ein brennender Fesselballon in der Antarktis. Und da ich schon einmal dabei bin: Alles, was ich erzähle, hat sich in jedem Detail genau so zugetragen, also zum Beispiel das mit den Knöpfen an Taleeshas Bluse oder Tante Mabels Kartoffelsalat oder meine starken Empfindungen, als Mette sich im Kino in Oslo auf meinen Schoß gesetzt hat, das stimmt alles, nur das große Ganze, die Geschichte selbst, die, das gebe ich gerne zu, ist frei erfunden.
Opas Fallschirm öffnete sich nicht, wehte nur wie ein fadenscheiniges Fähnchen hinter ihm her. »Das war’s«, dachte ich laut, aber wenigstens hatte ich noch Funkkontakt.
»Was ist nun mit dem Wohnwagen?«, brüllte ich gegen den Wind an, der seit Tagen von Norden hereinblies.
»Kannste haben«, rauschte es aus dem Funkgerät, und Opas Stimme klang wie die eines Stummfilmschauspielers, der zum ersten Mal Gedichte über den Volksempfänger verbreitet.
»Und der Zapaca-Rum?«
»Kannste haben.« Die Flasche war genau so alt wie Opa, und wenn das hier so weiterging, dann würde sie morgen erstmals älter sein als er.
»Und Taleesha?«, schrie ich völlig panisch ins Mikrofon, denn jetzt konnte ich schon die angstvollen Fürze hören, die der alte Mann auf dem Weg nach unten fliegen ließ.
»Kannste«, war das letzte bedeutungsschwere Wort, das mein Opa von sich gab. In diesem Augenblick erfasste ihn eine Bö, und er wurde noch einmal in die Höhe gerissen. »Juhuu«, jubelte er, während ihn der kalte Morgenwind über die Grenze nach La Buena Vista de los Ángeles de la Madre de Dios trieb.
Ich kannte den Ort, hatte mich dort vor der Kirche gleichen Namens ein paar Tage zuvor ausgekotzt, und alle Einwohner hatten mir dabei zugesehen. Das ist der einzige Ort auf der Welt, der weniger Einwohner hat als Buchstaben im Ortsnamen, behaupte ich jetzt mal so. Ich hätte Opa dieselbe Aufmerksamkeit für seinen Touch-down gewünscht, aber da war nur ein Tohono O’Odham-Indianer, der sich gerade zur Entleerung seines Darms hinter einen Chaparralbusch zurückgezogen hatte, während ihm Opa vor die Füße fiel. Mir wäre es lieber, ich könnte einfach sagen, er sei ein Navajo gewesen oder ein Hopi, weil ich mir die Namen besser merken kann, aber ich will ja bei der Wahrheit bleiben, gerade in den Details. Ich musste still in mich hineinlachen, weil ich schon den ganzen Morgen Angst gehabt hatte, dass er beim Landen auf einem dieser Säulenkaktusse niederkommt (kann man das so sagen: dass er auf einem Säulenkaktus niederkommt?), aber wenigstens das hatte er ja vermeiden können. Ich drehte mich einmal um mich selbst, um sicherzustellen, dass ihn niemand sonst bei seinem Sturzflug beobachtet hatte, aber es war einsam hier unten, Arizona ist so verdammt leer, und der Indianer, der sich eine gute Meile entfernt die Hose hochzog, ohne Opa dabei aus den Augen zu lassen, zählte nicht, denn da, wo er war, war schon Mexiko.
Das Flugzeug, aus dem der alte Herr ausgestiegen war, hatte sich längst laut schnurrend entfernt und war nur noch ein Punkt mit Kondensationsschweif über den Ajo Mountains. Ozzy Montero und seine altersschwache Piper waren auf dem Weg zurück nach Why, wo Taleesha im Wohnwagen auf uns wartete. Hoffentlich wurde es ihr nicht zu langweilig, dann übertrieb sie es nämlich gern, und wenn sie zu viel geraucht hatte, konnte sie unberechenbar werden, auch schon am frühen Morgen. Opa kannte sie noch nicht lange, die beiden waren so was von verrückt aufeinander, das war schon manchmal peinlich - ich meine, er war 62 und sie, ich weiß nicht genau: fünfunddreißig? dreißig?
Die Sonne stand inzwischen über den Ajo Mountains und ihr Licht kroch die Bergflanken gegenüber hinunter ins Tal. Außer mir und dem Indianer hatte niemand Opas letzte Kapriole miterlebt, ich dachte nach, was ich tun konnte, um dem Ganzen einen versöhnlichen Schluss zu geben. Von hier bis dorthin, wo er jetzt lag, hatte ich freien Blick, aber keine freie Fahrt, denn das war sehr ungemütliches Gelände hier am Anfang der Sonora-Wüste. Man musste verdammt aufpassen, sobald man die schmale unbefestigte Straße nach Lukeville verlassen hatte, und dann standen auch noch überall diese Kakteen und trockenen Büsche rum. Aber, was soll ich sagen: Er war mein Opa, er war der Mann, der mir beigebracht hat, wie man Mundharmonika spielt, wie man sich durchsetzt, wenn es um eine Handvoll Kronenscheine geht, der mir gezeigt hat, warum es sich nicht lohnt, Angst zu haben. Wie hat er immer gesagt? Du brauchst nur ein Prozent mehr Mut als Angst, dann kann dir alles gelingen. Und das mit der Prozentrechnung hat er mir auch beigebracht. Also habe ich mich in den himmelblauen Travelette gesetzt, den Opa zusammen mit dem Wohnwagen in Iowa gekauft hatte, und bin losgebrettert Richtung Süden.
Der Kothaufen des Indianers dampfte noch in der kühlen Morgenluft, aber Opa begann schon kalt zu werden. Eigentlich hatte ich erwartet, dass er gleich die Augen öffnen und auf die Füße springen würde. ›Buhuu! Hast du dir etwa Sorgen gemacht? Nun nimm mir doch endlich den verdammten Fallschirmsack vom Rücken, das verfluchte Ding hatte seine eigenen Pläne.‹ Ich blieb ein paar Minuten bei ihm stehen, weil ich immer noch darauf wartete, dass er sich etwas für mich einfallen lassen würde. Aber nein, von seiner Seite kam nichts mehr. Also holte ich den Klappspaten von der Ladefläche und stieß ihn in den trocknen Boden.
* 11. November 1899 zu Nikolaiken (Masuren), † 16. August 1961 zu La Buena Vista de los Ángeles de la Madre de Dios. Das passt auf keinen Grabstein, dachte ich, während ich mich abmühte, ein Loch in die Wüste zu graben, von dem, was der Steinmetz allein für die Inschrift berechnet hätte, ganz zu schweigen.
Als ich schließlich mit meiner Arbeit zu einem erfolgreichen Ende kam – six feet deep, six feet long, aber für die Tiefe konnte ich nicht garantieren – hatte der Schweiß mein Hemd auf dem Rücken festgeklebt. Ich warf den Spaten über den Rand des Lochs und für eine halbe Sekunde stand das Spatenblatt so, dass es die Sonne auffing und den Strahl auf mein Gesicht lenkte. »Schon klar, Opa«, sagte ich, »für dich immer«. Ich zog mich hoch und krabbelte aus dem Loch. Da standen sie, siebzehn Männer, Frauen und Kinder, bereit, meinem Opa die letzte Ehre zu erweisen. Ein alter Mann mit einem prächtigen Pigalle-Sombrero trat vor, schüttelte mir die Hand und sagte etwas auf Spanisch, was ich nicht verstand. Vielleicht war es ja auch – wie heißt das? – Tohono O’Odhamisch, wer weiß das schon. Dann gab der mit dem Sombrero zwei Männern einen Wink, die packten den Körper und trugen ihn zum Grab. »¡Momento!« rief ich dazwischen.
Sie setzten ihn wieder ab, seinen Rücken gegen die Beine eines der beiden gelehnt – he, dachte ich, da sitzt du und schaust bei deiner eigenen Beerdigung zu. Ich nahm seine Brieftasche aus der Jacke, seine Zigarren und die kleine Echo Harp von Hohner, die ich ihm mal zum Geburtstag geschenkt hatte, die hatte er immer bei sich. Und dann war da noch dieser Zettel, ein Ausriss von einem Briefumschlag, noch die Briefmarken in einer Ecke, da stand was von Hand Geschriebenes, aber das konnte ich so schnell nicht entziffern, also habe ich den Zettel in seine Brieftasche gesteckt und alles zusammen in meinen Rucksack. Inzwischen hatten die beiden Trauergäste Opa in sein Grab gerollt, und ich brach ein paar der gelben Blüten von dem Chaparralstrauch, neben dem er gelandet war, um sie auf ihn zu verstreuen. Später habe ich gelesen, dass die Indianer die Blätter als Heilmittel verwenden bei Lebererkrankung, Harnröhrenentzündung, Magenbeschwerden, Hämorrhoiden und Bluthochdruck – passt ja, dachte ich.
Als das Loch wieder gefüllt war, legten die Jungs ein paar schwere Steine auf den Erdhaufen, ich weiß nicht, ob es die Kojoten vom Buddeln abhalten sollte oder ein alter indianischer Brauch war, ähnlich wie die Juden Steine auf die Gräber legen oder die Tibetaner auf den Bergpässen im Himalaja kleine Steinhügel aufschichten. Ich gab jedem Einwohner von La Buena Vista-und-so-weiter die Hand, stieg in den Pick-up und ließ Opa zurück. Er hatte übrigens Johann Friedrich Wuttke von Trettow geheißen, was ja für sich schon zu lang ist für eine Grabinschrift.
Ich nahm die Straße, denn ich wollte nicht noch mal durch die Wüste rumpeln, und außerdem befürchtete ich, dass ich die Schotterpiste, die durch das Kaktustal führt, nicht wiederfinden würde. Also machte ich mich auf nach La Solita, ein Kaff direkt an der Grenze, das fast übergangslos zu Lasolita auf der amerikanischen Seite wird. Die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten war damals nichts, was einen beunruhigen musste, es sei denn, die Arizona Diamondbacks hatten mal wieder ein Match verloren oder die Frau vom Patrouillenchef war unpässlich, dann ließen sie es einen schon mal spüren. Heute war offensichtlich so ein Tag, und darum hielten mich die Grenzer an. Einer postierte sich vor dem Kühler, die Hand am Revolver, der andere kam breitbeinig auf meine Seite.
»Motor aus und die Hände dahin, wo ich sie sehen kann!«, sagte er betont ruhig. Ich drehte den Schlüssel um und legte die Hände auf das Steuerrad. »Wo geht’s denn hin Chicano?« Ich brachte das jetzt gerade nicht zusammen: seine Frage und die Situation, ich, er. Ich war wahrscheinlich so ziemlich der blondeste und blauäugigste Chicano, auf den die Sonne Arizonas jemals niederbrannte, während über seinem Mund ein dicker schwarzer Bigote die Frage nach dem Stammbaum stellte.
»Wohin?«, bellte er, und ich antwortete: »Nach Why.« Wenn es nicht so ein kurzer Ortsname gewesen wäre, hätte ich ihn gewiss gestammelt, aber so kam er einigermaßen am Stück heraus.
»Why?«, fragte er, und ich sagte: »Na, weil da mein Wohnwagen steht.« Also, der ganze Dialog funktioniert ja eigentlich nur auf Englisch, wegen Why – Warum, deswegen überspringe ich das jetzt mal.
Ob auf Englisch oder Deutsch, jedenfalls endete das Gespräch damit, dass der Officer mir befahl auszusteigen, aber schön langsam, »eine falsche Bewegung und ich kann meinem Kumpel nicht verdenken, wenn er nervös wird«, warnte er mich. Im Rücken der zwei Grenzpolizisten fuhr gerade ein unverschämt langes und unverschämt breites Kabriolett von Norden nach Süden, vollbesetzt mit einer unverschämt jungen und unverschämt lauten Gesellschaft beiderlei Geschlechts, und ich hielt die Luft an, um nicht von den süßen Schwaden des mildtätigen Krauts, die herüberwehten, high zu werden. Doch die beiden Grenzer hielten die Aufmerksamkeit hoch, die sie mir widmeten, da war kein Platz für nichts anderes, da hätte die gesamte mexikanische Armee in Arizona einmarschieren können: Ich war jetzt der gefährlichste Mann der westlichen Hemisphäre. Der Officer, der neben der Fahrertür stand, war ins Schwitzen gekommen und schnaufte bedenklich, als er mich – Beine breit, Hände aufs Autodach – am ganzen Körper abtastete. Dann zog er doch noch seine Waffe, um mich mit ihrer Hilfe zu dem kleinen Postenhäuschen am Straßenrand zu dirigieren, auf dessen Dach das Sternenbanner schlappgemacht hatte.
Als ich das Innere betrat – genau genommen wurde ich hineingestoßen –, also, wie soll ich sagen: Ich bin ziemlich bewandert in Filmen wie Todesmeilen nach Las Cruces, Ein Mann ohne Furcht, Wer tötet Riley Quinn?, das war ja auch der Grund, warum ich unbedingt mit Opa mal hierher wollte, aber jetzt … Ich sah mich unwillkürlich nach der Kamera um: Dreh dich nicht um in Lasolita, Klappe die Erste, oder so ähnlich. Denn hinter einem schweren Schreibtisch aus dunkler Eiche saß ein Kerl mit so etwas wie einem Sheriffstern, seinen Stuhl hatte er nach hinten gekippt und die Füße (samt Buckaroo-Stiefeln!) auf die Tischplatte gelegt. Ich trau mich gar nicht, dass hier hinzuschreiben, aber er bewegte doch tatsächlich ein Streichholz von einem Mundwinkel zum anderen und zurück. Vor dem Schreibtisch teilte eine hölzerne Barriere den Raum, in der Ecke stand ein alter Schrank, der überquoll von Papieren, daneben zwei Wanted-Plakate mit Fotos von Leuten, die aussahen, als hätten sie dafür stundenlang in der Maske gesessen. Auf einem Sideboard hinter dem Stiefel-Mann stand eine Kanne Kaffee auf der Wärmeplatte und über ihm drehte sich ein Deckenventilator, der bei jeder Umdrehung einmal gequält quietschte. Weniger amüsant fand ich allerdings das, was ich an der Rückwand des Raumes entdeckte. Dort gab es eine Türöffnung, die ließ den Blick frei auf ein winziges fensterloses Kabuff, dessen einzige Einrichtung eine hölzerne Bank war. Die Tür bestand aus Gitterstäben. Bitte nicht dort hinein, bitte nicht! war alles, was ich mir in diesem Augenblick wünschte.
»Wie?«, fragte ich fahrig, denn ich hatte verpasst, was der Mann hinterm Schreibtisch zu mir gesagt hatte, so sehr rasten jetzt meine Gedanken und suchten einen Ausweg aus dem Schlamassel. Wenn meine Erklärungen den Verdächtigungen der Officers zu sehr widersprachen, würden sie mich in den Raum dort hinten sperren, bis – wie heißt das?: die Angelegenheit geklärt war; wenn ich ihnen einen Schritt zu weit entgegenkam, würden sie das als Eingeständnis meiner fiesen Absichten einordnen und mich erst recht hierbehalten. Einer der beiden, die mich aus dem Auto geholt hatten, gab mir einen Stoß in den Rücken.
»Ich habe dich gefragt, was wohl ein Chicano in einem Pick-up mit Kennzeichen aus Iowa vorhat, wenn er unberechtigt die Grenze überschreitet.«
»Unberechtigt?«, entfuhr es mir, was mir einen weiteren Rempler von hinten einbrachte.
»Du und deine Leute«, sagte der Boss und schnippte ein Stäubchen von seinem linken Stiefel. »Böse, böse. Sehr böse Leute. Und ihr werdet immer raffinierter. Aber nicht raffiniert genug. Du meinst, weil du blond bist und blaue Augen hast, könntest du uns täuschen.« Dann lachte er auf und sagte zu seinen Untergebenen: »Meint ihr, er kann mich täuschen?«
»Nein, Boss!«, kam es wie aus einem Mund, und zur Bekräftigung gab es wieder einen Stoß in den Rücken.
»Also, mach es uns allen hier leichter: Wem gehört das Auto?«
Ich dachte noch: Die Wahrheit ist der gerade Weg in die Hölle, aber da hatte ich schon geantwortet: »meinem Opa.«
»Und wo ist dieser Opa?«, fragte der Stiefelmann höhnisch. Darauf konnte ich kaum wahrheitsgemäß antworten: Vor drei Tagen angekommen in Why, aufgefahren in den Himmel, herabgefallen auf die Erde, begraben in der Wüste, irgendwo hinter La Buena Vista-und-so-weiter.
In diesem Augenblick zog eine Mariachi-Band in rot-grünen Uniformen mit aberwitzig großen weißen Sombreros vorbei, die spielten ¡Viva México! ¡Viva América!, und ihnen folgte eine bunte Schar schräger Vögel in Fantasiekostümen, zwei Elefanten, drei Vicuñas, ein Mädchen mit Prinzessinnenkrönchen, das einen Tanzbär am Nasenring führte, und ein junger Mann, der mit brennenden Fackeln jonglierte und einen kleinwüchsigen Clown auf seinen Schultern sitzen hatte, der ihm ständig den Schweiß von der Stirn wischte. Den Abschluss machte eine Frau, die etwa zwei Köpfe größer war als ich und ein Kreuz wie ein Wrestler hatte. Ihre Attraktion aber waren die drei Brüste, die sich unter ihrem leuchtendgrünen Crêpe de Chine-Kleid abzeichneten. Ich starrte wie gebannt auf diese Szenerie, die ich durch das Fenster hinter dem Stiefelmann wie auf einer Guckkastenbühne beobachten konnte, doch keiner der Anwesenden folgte meinem Blick, geschweige denn unterband jemand den Grenzübertritt der verrückten Truppe.
»Schweigen hilft dir nicht, Amigo«, sagte der Stiefelmann, der sich eine Zigarre aus der Brusttasche gezogen hatte und ein Streichholz an der Stiefelsohle anriss.
»Mein Name ist Laurens Baltruscheit Iversen und ich habe einen dänischen Pass«, kotzte ich ihm meine Identität vor die bestiefelten Füße.
»Einen dämlichen däppischen dänischen Pass«, äffte der Boss. »Was soll das sein: ein dänischer Pass? Habt ihr schon mal was von einem Land gehört, das Dänien heißt?«
»Nein, Boss«, bestätigten ihm die beiden den Erfolg ihrer Schulbildung, und der Boss fuhr fort: »Dänien, gleich neben Hernien und südlich von Spermien«, und alle schütteten sich aus vor Lachen.
In diesem Augenblick erschien die Rettung in Gestalt eines kleinen schwarzhaarigen Jungen, der auf den schmutzigsten nackten Füßen, die ich je gesehen habe, hereinspazierte und »¡A comer!« rief, »¡A comer! ¡A comer!«, gar nicht mehr aufhörte mit seinem Geschrei und dann in Packpapier gewickelte Burritos, Tortillas, Enchiladas, Fajitas oder was auch immer auf der hölzernen Barriere ausbreitete. »Ah, ah«, ließ sich der Boss vernehmen, »oh, ah«, riefen die beiden hinter mir aus und schoben mich zur Seite, »¡qué bueno!« rief der eine, »na endlich!« der andere, beide zückten je einen Dollarschein aus ihren Uniformtaschen und legten sie ebenfalls auf die Barriere, wo sie der Junge aufsammelte und – »¡provecho!« – verschwand.
Und ich mit ihm. Ich ging so gemächlich nach draußen, wie es mir angesichts der Situation möglich war, stieg langsam in meinen Pick-up, schloss leise die Tür, ließ ihn ein wenig nach rückwärts aus dem Blickfeld rollen, startete den Motor und verschwand über die Grenze.
Kurz danach machte die Straße einen Knick nach Westen. Nachdem ich etwa zwanzig Minuten weitergefahren war, bemerkte ich, dass ich wieder auf der mexikanischen Seite der Grenze war, wenn ich so weiterfahren würde, käme ich in einer halben Stunde nach Los Vidrios, einen Ort mit einer sehr nachtragenden Bewohnerschaft. Ich wollte mich in diesem Kaff nicht mehr sehen lassen, das hätte mir heute noch gefehlt. Vielleicht ist der Ort ja so zu seinem Namen gekommen: »¡Paga los vidrios rotos!«, hatte der Kneipenwirt gerufen und meinen Nacken mit seiner Pranke wie in einer Schraubzwinge gehalten, »bezahl die zerbrochenen Fenster!«, obwohl ich kein einziges seiner dreckstarrenden Fenster auch nur berührt hatte. Später lernte ich, dass das nur im übertragenen Sinn gemeint war, so ähnlich wie wenn wir vom Kerbholz sprechen oder der Hutschnur, einfach nur eine Redensart. Tatsächlich meinte er die Flasche Tequila, die mein Nachbar an der Bar geleert hatte, bevor er davonstolperte ohne zu bezahlen, und für die ich jetzt die Pesos auf die Theke legen sollte, was aber ein abgekartetes Spiel war (noch so eine Redensart), denn das machten die wohl hier immer so mit Fremden, die nichts begriffen von zerbrochenen Fenstern. Daher, so denke ich, heißt der Ort von alters her Los Vidrios, die Fenster, wahrscheinlich, kann doch sein, oder?
Ich drehte also um und fuhr zurück, und um nicht noch einmal Bekanntschaft mit dem Filmcast an der Grenze zu machen, bog ich nach links auf eine Piste ab, die schnurgerade nach Norden führte. Ich war noch nicht weit gefahren, da sah ich vor mir einen großen Menschenauflauf. Als ich näherkam, erkannte ich die bunte Zirkustruppe. Sie hatten sich malerisch zwischen den Kakteen verteilt, während zwei Vicuñas mitten auf der Straße ihre Gefühle auslebten. Die jungfräuliche Prinzessin mit dem Tanzbären senkte ihren Blick beschämt zu Boden, während andere dabeistanden und applaudierten. »¡Hay! ¡Hay! ¡Hay!« riefen sie und »¡Esto marcha!« und die Mariachiband spielte Los ojos de mi chamaca. Kaum war ich ausgestiegen, kam die große Frau in Grün auf mich zu und versprach, mir ihre Anatomie zu zeigen, wenn ich nur fünf Dollar aufbringen könnte. Auf mein Kopfschütteln korrigierte sie ihr Angebot: einmal anfassen für zwei Dollar. Am Ende ließ ich mir aus der Hand lesen, das war mir den Dollar wert, den sie in ihrem Ausschnitt verschwinden ließ, und ich hatte ganz kurz die Vorstellung von einem Hütchenspieler – wo ist der Dollar: zwischen Brust eins und zwei oder zwischen Brust zwei und drei oder …?
Nachdem ich alles erfahren hatte über die kleine Blonde, vor der ich mich in Acht nehmen sollte, über den Geldsegen, der mich erwartete, und das große Haus mit dem Rosengarten, in dem ich mein Glück finden würde, ging ich dorthin, wo die Männer kleine rote Würstchen auf Saguarodornen gespießt hatten und über den Fackeln des Jongleurs brieten. Sie luden mich ein, ein Spießchen zu nehmen und mich zu ihnen zu setzen. Als ich mich auf eine dieser bunten Decken fallen ließ, merkte ich, wie müde ich war. Zwei Wurstspießchen und drei Corona-Bier später war ich eingeschlafen, und während ich davonflog, um mit Opa hoch über den Orgelpfeifen des Kakteenwaldes zu kreisen, merkte ich nur noch, dass mir jemand einen Hut übers Gesicht legte. »Johann!«, rief ich meinem Opa zu, der gerade einen vollendeten gehechteten Delfinsalto in das unfassbare Blau des südlichen Himmels schrieb, »Johann! Ich kann nichts mehr sehen, ich glaube, ich bin blind!«
Als ich erwachte, kroch das letzte Licht der untergehenden Sonne die Hänge der Ajo Mountains hinauf. Was war das bloß für ein seltsamer Traum, in dem sich Schwielensohler paarten, eine dreibrüstige Frau mir aus der Hand las und Mariachis Würstchen grillten? Im Kakteental war es schon ziemlich duster, doch nicht duster genug, um die Bierfläschchen, die hier und da zwischen den Büschen herumlagen, zu übersehen. Und wo kam der Sombrero her, der mich vor einem Sonnenbrand gerettet hatte, und die bunte Decke mit einer Spur von Erbrochenem an einer Ecke? Ich war ein klein wenig orientierungslos und zitterig.
Als ich mich auf den Fahrersitz von Opas Travelette gewuchtet hatte, stellte ich fest, dass der Schlüssel noch im Zündschloss steckte, beste Voraussetzungen für die Rückfahrt nach Why.
Taleesha fand ich schließlich dort, wo sich die State Route Nr. 86 gabelt und dabei die Nr. 85 nach Süden entlässt. Sie saß im Schneidersitz am Straßenrand, hatte eine leere Cola-Flasche in der Hand und starrte auf den Liquor Store auf der anderen Straßenseite. »Mann, einhundertsiebenundsechzig Einwohner, aber ein Schnapsladen!«, sagte ich, als ich mich neben sie setzte.
»Die haben auch Cola und Sprite«, gab sie mir zur Antwort. Wir schwiegen, während die kalte Wüstenluft, die immer noch beständig aus dem Norden blies, unsere Nackenhaare aufstellte. Ein paar Knöpfe ihrer Bluse hatten ihr Loch nicht gefunden, und ich genoss es, bis ich vor meinem geistigen Auge sah, wie Opas Mund Taleeshas Brustwarzen umschloss, und ich wusste, warum sie ihn und nicht mich gewählt hatte. »Und Rice Krispies und Pretzels und Fritos Corn Chips«, ergänzte sie die Angebotspalette des Spritladens. Sie schaute mich traurig an, so dass ich mich entschloss, noch nicht über das Unvermeidliche zu reden. Vielleicht wusste sie es ja auch schon, wegen Frauen, Hormone, siebter Sinn, irgendsoetwas. Ich nahm ihr die Cola-Flasche aus der Hand und roch daran, aber ich konnte nichts entdecken außer einem süßlichen Aroma von Koffein-Citrat, Karamell und Kokablatt-Extrakt. »Und Marshmallows«, sagte sie, dabei kam ihre Stimme mit dem Wüstenwind herangeweht und die Silben klangen wie in Daunen gepackt.
»Ich nehm’ das Gleiche, was du hattest«, antwortete ich, aber sie hob nur ihre leere Flasche und schwenkte sie ein paarmal hin und her, während sie eine rosafarbene Kaugummiblase platzen ließ. »Und Wrigley’s.«
Ich versuchte es mit einer Runde Wer-weiß-denn-sowas. »Wusstest du schon, warum Why Why heißt?«
»Why?«, fragte sie ohne Zögern und Nachdenken.
»Deswegen!« antwortete ich und zeigte auf die beiden Straßen, die rechts und links von uns auseinanderstrebten. »Ursprünglich hieß der Ort Y, weil hier die State Routes Nr. 85« (ich zeigte nach rechts) »und Nr. 86« (ich zeigte nach links) »in einer Y-Form auseinandergehen. Oder zusammentreffen, von wo aus man das halt sehen will. Aber es gab im Staat Arizona ein Gesetz, das vorschrieb, dass Ortsnamen mindestens aus drei Buchstaben bestehen müssen. Und so entschieden sich die Leute für den Namen Why, was ja genauso ausgesprochen wird wie der Buchstabe Y. ¿Entiendes?«
»Hm«, brummelte sie, »verstehe ich vollkommen.« Dann nickte sie ein paar Mal und noch ein paar Mal zuviel. »Macht Sinn.«
Ich müsste hier mehrere Zeilen leer lassen, so lange haben wir unser Schweigen genossen. Die Sterne am nachtschwarzen Himmel schleuderten ihr kaltes Feuer auf uns herunter und der Dreiviertelmond, der hinter San Luis aufgegangen war, lächelte verlegen.
»Und weißt du, warum Arizona Arizona heißt?« Es war Taleeshas Runde.
Ich dachte immerhin einige Sekunden nach, bevor ich aufgab. »Sag, warum?«
Taleesha richtete sich ein wenig auf und machte irgendwie einen wacheren Eindruck. »Also«, begann sie, »ich habe zwei Erklärungen: Es könnte aus der Sprache der Tohono O’Odham kommen, wo Ali Sonak kleine Quelle bedeutet.«
»Dann müsste es aber irgendwas wie Alisona heißen«, gab ich zu bedenken.
»Gut mitgedacht!«, lobte sie mich, »und deswegen gibt es ja auch eine zweite These, dass nämlich baskische Einwanderer das Gebiet Aritz Ona genannt haben, das heißt gute Eiche.«
»Was du alles weißt«, staunte ich sie an.
»Zufall«, gab sie zu, »und American Guide Series: Arizona, the Grand Canyon State, ich hab’ vorhin drin geblättert, als ich auf« – und hier zögerte sie für einen winzigen Wimpernschlag – »auf euch gewartet habe.«
Das alles ist jetzt fast vierzig Jahre her, aber ich habe in manchen Nächten immer noch den Geruch ihrer Haut in der Nase, eine Kopfnote von Schweiß und Avons Unforgettable, eine Herznote von frischem Heu und Staub mit einem Tröpfchen Cola und einem Hauch Tabak. »Du musst doch nicht im Auto schlafen«, sagte sie und hielt die Tür des Wohnwagens auf. Das war bisher ihr Wohnwagen gewesen, Opas und Taleeshas, meine ich, und ich hatte mich jede Nacht auf der Rückbank des Pick-ups zusammengerollt. Manchmal, wenn ich noch mal draußen war, weil ich mich erleichtern wollte oder noch eine rauchen, dann hörte ich gedämpfte Geräusche, die mich neidisch machten. Wir hatten Taleesha am Lake El Dorado aufgesammelt, es hatte zwei Tage lang geregnet und sie sah zum Erbarmen aus. Wir überließen ihr den Wohnwagen und quetschten uns selbst in den Pick-up, aber schon am nächsten Tag ergab es sich irgendwie, dass sie mit Opa das Bett teilte. Opa hatte es drauf, schon immer. Er war immerhin der Kerl, der sein Kindermädchen geschwängert hatte, also wohlgemerkt: sein eigenes, das war von da an meine Oma, so ging das los. Und selbst jetzt, zusammen mit Taleesha im Klappbett, löffelchenweise, respektierte ich Opa und gestattete mir keine schlechten Gedanken. Ich hörte und spürte, dass das Mädchen leise weinte, und ich genoss ihre Wärme und Nähe. Dann schliefen wir ein. Keine Träume.
Taleesha saß auf dem Campingstuhl vor dem Wohnwagen, als ich herauskam. Ich setzte mich auf die Stufen des Trailers und beide begrüßten wir den neuen Tag wie aus einem Mund: »Und jetzt?«
Keiner wusste darauf eine Antwort. Sie warf mir die Packung Winston zu und ich steckte mir eine an. Eigentlich rauchte ich nur gelegentlich abends, aber ich wollte Taleesha die unverbindliche gemeinschaftsstiftende Wirkung der gemeinsamen Zigarette nicht abschlagen. Nach ein paar Zügen war mein Kopf klar, und mir fiel ein, was ich nicht bedacht hatte.
»Scheiße!« rief ich aus, »wir müssen ihn noch mal da rausholen.« Taleesha sah mich verständnislos an. »Ich habe nicht daran gedacht, dass wir einen Totenschein brauchen oder wie das heißt. Seine Frau, der Kiosk, sein Bankkonto, hier das Auto, der Trailer – das funktioniert ohne Totenschein nicht. Am Ende sitzen wir beide hinter Gittern, weil sie uns anhängen, wir hätten ihn umgebracht und in irgend so einen beschissenen Canyon geworfen.« Ich sah den grinsenden Sheriff von Lasolita vor mir und mir wurde schlecht.
So machten wir uns auf, die 85 hinunter und dann, kurz vor Lukeville, quer durch die Kaktuswüste nach La Buena Vista-und-so-weiter. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich endlich den Platz wiederfand, an dem ich Opa einen Tag zuvor beerdigt hatte. Taleesha weinte, als sie den Sandhügel mit den Steinen obendrauf sah, aber es half nichts, wir mussten ihn ausgraben. Es war leichter, als ich gedacht hatte, denn die Erde war noch locker, und ihn zu sehen war nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Er war äußerlich tipptopp, als hätte er sich gerade mal für ein Nickerchen in den Schatten gelegt. Wir hoben ihn aus seinem Grab, und ich war froh, dass sich Taleesha nicht ekelte oder einen Nervenzusammenbruch bekam. Wir legten ihn auf die Rückbank und fuhren nach Osten Richtung Nogales, als wir auf einen kleinen Ort namens El Sásabe trafen. Ein mittelgroßes Dorf, aber die Straßen waren von Nord nach Süd mit Ziffern und von West nach Ost mit Buchstaben bezeichnet, als wären wir in einer amerikanischen Millionenstadt. Auf einer Straße, die Calle Tercera hieß, fuhren wir in den Ort hinein, und Taleesha entdeckte an der Ecke Calle B das Schild eines Veterinärs.
Ich öffnete das Fliegengitter und klopfte gegen die Eingangstür. Nach ein paar Minuten erschien ein junger Mann, und ich fragte ihn, ob der Doktor zu sprechen sei.
»Ich bin der Doktor«, sagte er, »wo steht die Kuh, das Pferd, das Schwein?«
»Mein Opa«, sagte ich und zeigte auf den Pick-up. »Er wollte noch mal das Meer sehen, meiner Schwester und mir zeigen, wo er Großmutter zum ersten Mal geküsst hat, und dann …« Ich überließ es der Fantasie des Tierarztes, die Geschichte zu Ende zu spinnen.
»Herzschlag?«, fragte er, ich zuckte mit den Schultern und nickte mit dem Kopf.
»Dann hilft ihm wohl kein Einlauf«, sagte der Doktor, der ein ordentliches Amerikanisch sprach, jedenfalls glaubte ich, das Wort Clyster gehört zu haben.
»Es geht uns um den Totenschein«, ich hatte nach dem Wort Death Certificate gesucht, sagte aber Death Licence. Der Doktor verzog jedoch keine Miene.
»Sie müssen ihn hereinbringen«, befahl er, und so schleppten Taleesha und ich den Alten ins Sprechzimmer und legten ihn auf den Stahltisch, auf dem sonst Katzen und Hunde kastriert wurden. (Wenn ich allerdings jetzt darüber nachdenke, bin ich mir nicht sicher, ob in Mexiko jemals ein Hund oder eine Katze kastriert wurde, und wenn, dann wahrscheinlich eher nicht bei einem Veterinär mit Hochschuldiplom, das hier an der Wand hing.)
Der Arzt drehte Opa nach links und nach rechts, offensichtlich suchte er nach den üblichen Einschusslöchern, dann fand er eine Platzwunde am Hinterkopf, und ich erklärte ihm: »Er ist hingefallen, als es passierte.« Der Doktor nickte und ließ sich auch durch die Pilotenbrille, die Opa auf den letzten Metern in der Luft auf die Stirn geschoben hatte, die wattierte Weste mit dem Abzeichen der Sky Dancers und die Chaparralblüten auf seiner Brust nicht irritieren. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, zog ein Formular aus der Schublade, das er ausfüllte, und übertrug die Daten in eine Kladde. Opas Namen und Geburtsort musste ich ihm buchstabieren, aber alles in allem waren wir zehn Minuten und fünfzig Dollar später wieder draußen.
Eigentlich hätten wir jetzt den wenig genutzten Grenzübergang und die Arizona State Route 286 nach Norden nehmen können, aber mit Opa auf der Rückbank und der Aussicht auf ein sauber ausgehobenes Grab 25 Meilen weiter westlich fuhren wir auf demselben Weg zurück, auf dem wir gekommen waren. Opa ist, jedenfalls soweit ich weiß, das erste Familienmitglied, das innerhalb von 36 Stunden zweimal beerdigt wurde.
Jetzt war hier unten alles erledigt, eine Nacht noch, dann würden wir uns auf den Weg machen. On the Road Again, diesmal ich hinterm Lenkrad. King of the Road. Abschied von Opa, und ich ahnte, dass es diesmal für sehr lange sein würde.
In der Nacht schlief jeder auf seiner Seite, und als ich aufwachte, war Taleesha schon angezogen und hatte einen Becher Kaffee in der Hand. Ich stützte mich auf den Ellbogen, ließ die Jalousie am rückwärtigen Fenster hochschnellen und erschrak. Ganz deutlich waren dort Opas Hände auf der Scheibe zu sehen, so wie das aussieht, wenn Kinder mit Fingerfarben die Kindergartenfenster dekorieren, Handballen, fünf Finger, vom Daumen nur das vordere Glied, schräg zu den anderen vier. Opas Hände, grau-braun und rot. Jetzt erinnerte ich mich: Da war das Kaninchen gewesen, das hatte er geschossen, und nachdem er es ausgenommen und ihm das Fell über die Ohren gezogen hatte, war er gestolpert und hatte sich mit beiden Händen an der Scheibe abgestützt. Opas Hände, grau-braun und rot.
»Was machst du?«, fragte Taleesha, als ich mit einem Eimer loszog, ein Slalom um übermannshohe Kakteen und überalterte Wohnwagen, um am Waschhäuschen des Coyote Howl Trailer Parks Wasser zu holen.
»Nach was sieht’s aus?«, fragte ich zurück. Als ich wieder zum Wagen kam, hatte auch sie Opas Hände entdeckt. »Kein Gruß aus dem Jenseits«, beruhigte ich sie und erinnerte sie an den Vorfall zwei Tage zuvor.
»Aber wir haben das gestern nicht gesehen«, wandte sie ein.
»Weil wir müde waren«, gab ich zurück, »und wir haben auch die Jalousie nicht hochgemacht.« Ich schüttete schwallweise das Wasser über die Rückfront und Opas Hände verliefen sich über die Karosserie des Wohnwagens.
Taleesha und ich, wir beide hatten ein gemeinsames Ziel, deshalb verschwendeten wir auch nicht mehr viele Worte und machten uns auf den Weg. Ich hängte den Wohnwagen an den Travelette und wir zuckelten los. Wir wollten beide nach New York, das hatten wir gestern Abend beschlossen. Taleesha träumte, warum sollte sie nicht? Jetzt hatte sie ja fast nichts mehr als diesen Traum, in dem sie sich in New York sah, auf einer Bühne, gern auch Broadway, singend, tanzend, vom Beifall umtost. Oh doch, sie konnte singen – I’m sorry, Paper Roses, Blue Bayou sang sie, ein wenig kehlig, aber angenehm, mit warmem Timbre. Wo hast du …? wollte ich fragen, aber sie kam mir zuvor. »Ich singe, solange ich denken kann, du weißt, alle schwarzen Mädchen fangen im Kirchenchor mit dem Singen an.« Und sie begann wieder: Precious Lord, Take My Hands.
Ich hatte Taleesha versprochen, so weit wie möglich nach Norden zu fahren, bevor wir Richtung Ostküste abbogen, denn ein schwarzes Mädchen und ein weißer Mann auf dem Weg durch die Südstaaten, das konnte für beide böse enden. Ich hatte ein verblasstes Kartenblatt vor meinem geistigen Auge, wollte über Phoenix, Flagstaff und Albuquerque Denver ansteuern, von wo aus der Highway Nr. 70 ziemlich geradewegs nach Osten führt.
Am ersten Tag kamen wir nur bis Holbrook, ich war es nicht gewohnt, so lange Strecken zu fahren, muss ich zugeben, also stellten wir den Wohnwagen zwischen dem Puerco River und den Eisenbahnschienen in einem Gebüsch ab. Wir hatten unterwegs ein paar Donuts gegessen, jetzt holten wir das Bier aus dem Kühlschrank und hingen einfach nur rum, dösten, wechselten ein paar Sätze, alberten, bedauerten Opa (oder Johnny, wie Taleesha sagte) und dösten wieder ein. Irgendwann wurde es kühl, wir wechselten nach drinnen, hörten Radio Phoenix (Where The Valley Comes To Talk) und schliefen schließlich auf dem Klappbett ein.
Als ich wieder erwachte, war Taleesha schon angezogen und hatte einen Becher Kaffee in der Hand. Ich stützte mich auf den Ellbogen, ließ die Jalousie am rückwärtigen Fenster hochschnellen und erschrak. Ganz deutlich waren dort Opas Hände auf der Scheibe zu sehen, grau-braun und rot, wie die Abdrücke zweier mit Fingerfarben angemalten Hände. Ich sprang aus dem Bett und fiel fast mit der Tür nach draußen. Wir hatten uns seit gestern früh offensichtlich keinen Inch von unserem alten Stellplatz gerührt, der Wohnwagen stand abgekoppelt neben dem Pick-up zwischen den blöden Kakteen des Coyote Howl Parks. »Ganz ruhig, Schätzchen«, raunte ich Taleesha zu, als gelte es, eine Klapperschlange nicht im Schlaf zu stören.
»Das ist nicht Holbrook«, sagte sie nur tonlos, glücklicherweise keine Spur von Hysterie.
»Nein, das ist definitiv nicht Holbrook, absolutely positively not. Er will uns etwas sagen.«
Taleesha blickte nach oben, in das strahlende Blau des Himmels, während ich nur in die unendlich eintönigen Fernen der Sonora-Wüste schaute. »Du weißt doch auch, dass wir gestern Morgen von hier losgefahren sind, oder?«
»Ich glaube schon«, antwortete ich, »andererseits …«
Ich sah es Taleesha an, dass sie versuchte, dem Ganzen einen Sinn abzukämpfen, doch es kam nichts mehr von ihrer Seite. Also zog ich wieder los, um Wasser zu holen und den Dreck abzuwaschen. Der war schließlich ganz von dieser Welt. Wieder koppelten wir den Trailer an den Pick-up und zockelten nach Norden – Ajo, Casa Grande, Phoenix. In Camp Verde nahmen wir wieder Donuts auf, und der pickelige Highschool-Jüngling hinter dem Tresen sah uns an, als hätte er uns schon einmal gesehen. »Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte ich ihn. Taleesha stieß mir in die Seite, aber mich ritt der Teufel.
»Ah, Sir, keine Ahnung …«, stotterte der Junge.
»Keine Ahnung von was?«
»Ich hab’ nur gedacht, ich hätte Sie schon mal gestern …« Er fuhr mit dem Zeigefinger durch die Luft, rechts-links, rechts-links. Genau, dachte ich, da hast du vollkommen Recht.
»Gibt’s wahrscheinlich nicht so häufig hier«, bohrte ich weiter, »ein blonder Kerl mit dänischem Akzent und ein schwarzes Mädchen von solcher Schönheit, wie Salomo sie von der Königin von Saba rühmt.«
»Nein, Sir«, sagte der Junge, und fühlte sich nach meiner Rede befugt, Taleeshas Brüste ausgiebig zu begutachten, »Salomo kenne ich hier keinen.«
Wir fuhren erneut nur bis Holbrook und stellten den Wohnwagen wieder zwischen dem Puerco River und den Eisenbahnschienen in einem Gebüsch ab. Wir änderten nichts, machten dasselbe wie am Tag zuvor, bis ich sagte: »Normalerweise passiert ja in allen Geschichten so etwas dreimal, dann kommt die Erlösung oder die Katastrophe, je nachdem, ob es darum geht, dass der Held standhaft bleibt oder dass er dreimal Gelegenheit hatte, die Handlung zum Guten zu wenden.«
Taleesha stand auf, kam zu mir herüber, zog mich aus meinem Hocker hoch und führte mich zum Wohnwagen. »Ich will aber nicht dreimal denselben Scheißhorror erleben, Laury, lass es uns jetzt ändern!«
Niemals hätte ich gewagt, sie unter diesem Vorwand rumzukriegen. Aber sie durfte das, natürlich, so war das damals. Ich hatte ja bisher nur Annemarie kennengelernt, und die hat mir nach unserem zweiten Mal hinter dem Fahrradschuppen der Uni den Laufpass gegeben, irgendetwas muss ich verkehrt gemacht haben. An Mette dachte ich in dem Moment gar nicht, ich weiß nicht wieso, aber Mette war wie ausgelöscht in meinem Kopf, und es sollte noch Monate dauern, bis mir Mette wieder einfiel.
Bei Taleesha aber war alles gut, es war, als wäre es gleichzeitig das erste und das hundertste Mal, aufregend neu und doch ohne diese Prüfungsangst, die Jungs unter euch wissen, was ich meine. Ich dachte – also bitte, das war 1961 und ich habe mir damals nichts dabei denken können – ich dachte: das zweite Mädchen, und dann so eine (ich denke, in meinem inneren Monolog sagte ich wirklich: so eine) mit dieser exotisch schwarzen Haut und den tollen Brüsten und dann der Hintern, Entschuldigung, aber das ist Originalton 60er und ich will nichts beschönigen.
Zehn Minuten später, als ich mich erholt hatte, bemerkte ich irgendwie, dass Taleesha nicht genauso zufrieden war wie ich, aber mit dieser Erkenntnis wusste ich damals nichts anzufangen. »Wir könnten jetzt gleich weiterfahren«, schlug sie vor, »nur um diesmal wirklich alles anders zu machen«.
»Mitten in der Nacht?«, wandte ich ein, »das geht nicht, das ist mir zu dunkel«. Wie meistens nachts.
Sie lachte. »Dann schlafen wir halt«, sagte sie, und das war wahrscheinlich das Beste, was wir tun konnten.
Als ich erneut an diesem Ort erwachte, hoffte ich inständig, dass es diesmal wirklich dieser Ort war, und trotzdem beugte ich mich zuerst zu Taleesha hinüber, um ihr einen Kuss auf die schlafenden Lippen zu hauchen. Doch sie drehte den Kopf zur Seite, als ob sie die Annäherung meines nachtfaulen Atems schon geahnt hätte. Ersatzweise ließ ich meine Hand unter der Decke nach unten wandern, aber da war sie schon wach und schob mich weg. »Lass das!«, fauchte sie leise, »keine Chance, was war, war, und jetzt ist es, wie es ist. Hast du denn überhaupt schon nachgesehen?« Mit einer nachdrücklichen Kopfbewegung deutete sie auf das rückwärtige Fenster. Ich stieg über sie hinweg aus dem Klappbett und öffnete die Tür. Da war die Eisenbahnlinie, auf der anderen Seite der Rio Puerco, um uns Büsche und Sträucher. Keine Kakteen. Und keine Fingerabdrücke auf der Scheibe. Taleesha hatte sich in die Bettdecke gewickelt, die sie fest an Brust und Bauch drückte. »Er ist weg«, sagte sie leise.
In fünf Tagen sollten wir es bis New York City schaffen, und ich fürchtete die Fahrt als eine endlose Abfolge von Asphalt, braunen, gelben und grünen Landschaften in allen Schattierungen, Diners, die sich glichen wie ein Fried egg overeasy dem anderen. Aber es kam anders. Und vor allem war da ja auch noch Taleesha, die ab dem Moment, an dem uns zum ersten Mal die Morgensonne von vorne beschien, plapperte, sang, Kaugummi-Bubbles blies, sang und plapperte.
Ich hörte kaum zu, hing meinen Gedanken nach, manchmal auch laut, dann schlief sie ein, weil sie nicht verstand, was ich auf Deutsch oder Dänisch erzählte, und weil da draußen doch nur Asphalt und braune, gelbe und grüne Landschaften in allen Schattierungen vorbeizogen. Ich dachte darüber nach, was ich von Opa wirklich wusste, und was ich wusste, was er wusste. Hat er alles mit ins Grab genommen, sagte ich zu dem Little Tree, der am Innenspiegel hing. Der wackelte vor sich hin und duftete ungerührt nach Grünem Apfel. Es ist immer alles für immer hin, fuhr ich genauso ungerührt fort, dieser ganze Hirnkram, knips, aus, vorbei. Dabei hätte ich gerne gewusst, was Opa gewusst hatte, erlebt und gesehen und gefühlt und gehört. Wie war das, als er mit seinem Kindermädchen gebumst hatte? (Oder wie hat man wohl damals dazu gesagt, ich meine: 1914 in Masuren? Wahrscheinlich hat man gar nicht lang geredet, mir wäre das auch lieber gewesen.) Was hat er im Krieg gesehen, im ersten, im zweiten? Ich erinnerte mich dunkel an ebenso dunkle Familiengeschichten, da war irgendetwas mit Spionage oder Fahnenflucht. Oder war es dabei um meinen Vater gegangen, also meinen richtigen Vater, der war doch auch nicht mehr aufgetaucht? Ich hieb mit der flachen Hand aufs Lenkrad, verdammt! Ich hatte Zeit gehabt, ihn zu fragen, und was habe ich gemacht? Wir haben über Elvis, Kennedy und die diversen Hintern von Filmschauspielerinnen gesprochen und wir haben uns gestritten: Ich war für Horst Buchholz und Die Glorreichen Sieben, er für Jean-Paul Belmondo und Außer Atem. Ich war für Kirk Douglas und Spartacus, er für Marcello Mastroianni und Dolce Vita. Ich habe viel von ihm über Dramatik und Filmkunst gelernt, aber rein gar nichts über ihn. Nicht über Opa, über Oma, meinen Vater, seine Frau – du meine Güte: Gerade eben merkte ich, dass ich so gut wie nichts über meine Familie wusste! Jedenfalls nicht aus erster Hand. Ich konnte etwas über ihn lernen, wenn ich etwas von ihm lernte, aber dazu hätte ich nachdenken müssen, unsere Gespräche reflektieren. Aus. Vorbei. Für immer!
Heute ärgere ich mich, dass ich nie Tagebuch geführt habe, versuche mich in mein vergangenes Leben hineinzuversetzen, um festzuhalten, was es ausmachte. Aber, ach, man wird uns ja doch vergessen. Alles, was wir für bemerkenswert und wesentlich gehalten haben, wird mit der Zeit vergessen sein oder unwichtig erscheinen. Und wir können jetzt überhaupt noch nicht wissen, was man in Zukunft einmal bedeutend und wichtig nennen wird. Vielleicht wird es ja gar keinen Begriff von Bedeutsamkeit mehr geben. ›Was meinst du mit bedeutsam?‹ wird man fragen, mit den Schultern zucken und weitergehen.
Doch jetzt war erst mal damals, und damals bin ich in Denver dann doch nicht auf die 70, sondern auf die 76 gefahren, die später in die 80 übergeht, hoch nach Nebraska, weiter Richtung Iowa, kurz vor Des Moines noch mal Halt machen bei den Verwandten in Ole Crossing, dänische Blutsbande, noch mal Großtante Margret sehen, Onkel Jasper, Tante Mabel und so weiter. Die Leute in Earlham oder Dexter oder Winterset denken, dass Ole Crossing so heißt, weil hier eine alte Furt über den Middle Creek führt (Ole im Sinn von: Ol’ Man River), aber es war Ole Olsen aus Store Thorlund, der 1847 hier einen Schweinestall gebaut hat – erst einen Schweinestall, dann sein Wohnhaus, und nach dem ist die Furt durch den Middle Creek benannt.
Es ist Samstagabend in Ole Crossing und alle sind draußen unterwegs, Straße fegen, die Kirche mit Blümchen schmücken, Heu einbringen, Kleid von der Schneiderin holen, Kinder zum Baden einsammeln, einfach nur geschäftig sein, hin- und herlaufen, sich sehen lassen. »Hej, Arne, dejlig aften.« – »Ja, det kan du sige.« Worte, die hin- und herfliegen, tausendmal gesprochen, belanglos der Inhalt, dennoch wichtig. Jetzt aber: großes Hallo bei unserer Ankunft. »Wie war’s bei den Chicos?« – »Wir können aber auch ganz schön heiß hier oben.« – »Hast du Mabel ’nen Kaktus mitgebracht?« – »Nun mal her mit dem Tequila!« – »Treffen sich zwei Mexikaner beim Metzger …« – lauter solche Sachen, über die man zwischen all dem Händeschütteln und Schulterklopfen und Umarmen nur hinweggrinst. Bis zu dem Augenblick, wo Großtante Margret die Frage aller Fragen stellt: »Wo habt ihr denn Hänschen gelassen?«
Ich weiß bis heute nicht, welchen Teil meiner Erzählung sie geglaubt haben: Das mit dem Fallschirm, das mit dem lutherischen Pastor, der zufällig vorbeikam und Opa beerdigt hat, oder das mit seinen letzten Worten. »Hat er noch etwas gesagt?« – »Ja, doch, ich hielt ihn in den Armen, etwa so, und er schaute mich glücklich lächelnd an.« – »Und was hat er gesagt?« Mir fiel nichts Besseres ein als: »O Junge, wir sind dem Bertil noch einen Hahn schuldig, entrichte ihm den, und versäum es ja nicht.« – »Ja, so war er, treu und gewissenhaft bis zum Ende«, sagte Mabel und alle nickten, obwohl sie ihn erst wenige Wochen zuvor persönlich kennengelernt hatten.
Es wurde dann doch noch ein lustiger Samstagabend. Ich erzählte natürlich noch die Geschichte von der Grenze und der Zirkustruppe, »det er opfundet«, warf Onkel Jasper aufgebracht ein.
»Nein, so wahr ich hier sitze, es ist nichts erfunden«, entgegnete ich und war so angestachelt, dass ich beinahe die Sache mit den blutigen Händen zum Besten gegeben hätte. Noch bevor mir Taleesha ihren Ellbogen in die Rippen rammen konnte, setzte die Musik ein, jemand hatte Fidel und Banjo geholt und es wurde gesungen.
Morten kam rübergeschlendert, reckte vor mir die Brust raus und sagte: »Lass sie doch mal tanzen, Negerweiber können doch so gut tanzen, das wär’ doch ’n Spaß.«
»Frag sie doch selber!«, gab ich zurück.
Morten schaute nur aus den Augenwinkeln zu Taleesha hinüber, beugte sich zu mir herunter und flüsterte laut genug: »Und wie ist sie so?« Zum Glück legte jemand von hinten Morten die Hand auf die Schulter, »machst du mit?«, fragte er ihn, und Morten nickte und drehte ab.
»Nein, nein, kommt nicht in Frage«, sagte Margret später, »du schläfst nicht in dieser Kiste da.« Sie meinte den Wohnwagen, den ihr Neffe Jake aus Bevington uns bei unserem ersten Halt auf dem Weg in den Süden verkauft hatte. »Du schläfst im Haus, und die« – sie zeigte auf Taleesha –, »Brenda, Liebes, warum bringst du sie nicht zu der Hütte, wo die Erntehelfer immer schlafen« – und im gleichen Atemzug an mich gewandt: »Sie ist doch reinlich, oder?«
Ich hatte die Nase voll, aber Taleesha beruhigte mich: »Lass nur, ist schon gut, ich kenne das.«
»Ich war immer gut zu meinen Negern«, sagte Margret, die mitbekommen hatte, dass ich sauer war, »und Neil und Kirk durften immer mit ihnen spielen. Frag Yetty!« Sie zeigte auf eine alte Frau, die abseits unter einem Ahornbaum saß und an einer Flasche Cola nuckelte. Sie war die einzige schwarze Einwohnerin des Ortes und mit ihren einhundertundzwei Jahren hätte sie eine Menge Geschichten auf Lager haben können. »Wenn sie noch richtig im Kopf wäre, könnte sie dir erzählen, wie gut wir immer für alle gesorgt haben. Das ist nicht der Süden, wir sind hier in Iowa, und Großvater hat für die Union seinen linken Arm gegeben.«
Woher kommt das, dass man manchmal einfach das Falsche sagt oder tut, gar nicht böse gemeint, einfach so, ohne nachzudenken, und alles ist verdorben, und man mag sich nicht mehr im Spiegel ansehen und noch Jahre später quält einen die Scham, wann immer man an diesen Augenblick denkt. Und manchmal sagt und tut man genau das Richtige, das einzige, was angemessen ist, ehrlich, aufrichtig, und so sagte ich: »Nein, Taleesha bleibt bei mir.«
Taleesha schlief im Wohnwagen und ich auf der Rückbank des Pick-ups, so weit wollte ich dann doch nicht gehen, dass ich mit einem Negermädchen im selben Bett liege, sozusagen vor aller Augen. Auch in Iowa – ups! – brennen zuweilen Hütten.
Sonntag, Kirchgang. Das war wie zuhause in meiner Kindheit: leiernde Choräle (von einem Lied haben wir vierzehn Strophen gesungen!), gemurmelte Gebete, eine endlose Predigt (ich nahm sie als Buße für all meine Sünden der letzten Tage), Fürbitte für den Präsidenten, die Verworfenen dieser Welt und Peter Peterson, der sich vergangene Woche ein Bein und einige Rippen gebrochen hatte, als er seinen Zuchteber bändigen wollte. Auf den geistlichen Segen folgte der Segen der dänisch-amerikanischen Küche: riesige Hackbraten, in deren Innerem sich Hühnerleber, Käsewürfel, Lauchringe und ganze gekochte Eier verbargen, gegrillte Schweinebäuche, geräucherter Speck, Hühnerschenkel, luftgetrocknete Hartwürste, buttertriefende Maiskolben, Berge von Kartoffelsalat (deren Herstellung und Zutaten ein unerschöpfliches Gesprächsthema während des Essens waren, wie wahrscheinlich schon seit hundert Jahren), verschiedene Weißkrautsalate, mit Käse überbackener Blumenkohlauflauf, schließlich mehrere Lagkage, zwischen deren Schichten sich die Beerenernte des gesamten Countys drängte (was man aber erst erkennen konnte, wenn man sich durch die Schlagsahne gearbeitet hatte), dazu Hefezöpfe, gefüllt mit Pflaumenmus. Ständig kam eine der Frauen vorbei, um eines ihrer Werke anzupreisen und zur Überprüfung der Werthaltigkeit ihrer Worte auch gleich auf den Teller zu häufen. Nach den Wochen schmaler Kost befürchtete ich das Schlimmste für meine Verdauungsorgane, doch halt!: dafür gab es ja den Akvavit!
Wir müssen morgen früh los, entschuldigte ich uns am frühen Abend, und wir umarmten uns und sagten »Ses snart!« und »See you!« und »Tak for gæstfriheden!« und »Danke für alles!«, und dann zogen wir uns in den Wohnwagen zurück. Lass uns gleich abhauen! schlug ich vor, doch Taleesha sagte etwas von Höflichkeit und Müdigkeit und Dunkelheit, und so legte ich mich im Pick-up schlafen und so war es auch gut.
Der Abschied war versöhnlich, wir bekamen noch einen Kaffee, und Großtante Margret belud den Pick-up eigenhändig mit Bergen von Plastikbehältern, bis zum Rand gefüllt mit Schinken und Würsten, mit Kartoffelsalat und Roter Grütze, damit wir nicht schon am ersten Tag unserer Weiterreise verhungerten. »Hilsen mit hjem«, bat mich Margret, und ich versprach, beim nächsten Besuch eine Tüte mit Heimaterde mitzubringen.
Taleesha wollte unbedingt nach Des Moines, weil ihr Onkel vor mehreren Jahren mit seiner Familie dorthin gegangen war. »Er wollte einfach nur weg aus dem Süden. Ich habe zuhause über meinem Bett immer noch die erste Ansichtskarte angepinnt, die er uns geschrieben hat. ›Hier ist es wunderbar, kommt auch, es gibt Arbeit für alle.‹ Auf der Vorderseite war das Iowa State Capitol abgebildet, das hat eine Kuppel aus echtem Gold.« Deswegen wollte sie, dass wir dort anhielten, sie wollte das Kapitol mit der goldenen Kuppel sehen, das war für sie so etwas wie das Versprechen an alle, goldene Zukunft und so.
»Magst du deinen Onkel besuchen?«, fragte ich, »weißt du, wo er wohnt?«
»Ja, doch, weiß ich.«
»Dann lass uns hinfahren, oder?«
Taleesha gab zunächst keine Antwort, dann sagte sie: »Glendale Graveyard«.
»Der Friedhof? Was ist passiert?« Ich war geschockt.
»Keine Ahnung, irgendeinem Cop zu lange in die Augen geschaut oder die Hand nicht aus der Hosentasche genommen oder die Hand zu schnell aus der Hosentasche genommen, wie gesagt: keine Ahnung.« Wir schwiegen eine Dreiviertel Meile lang. Dann sagte sie: »Mein Cousin liegt auch dort.«
»Und deine Tante? Und die anderen?«
»Keine Ahnung, nie mehr was gehört.«
Aber die goldene Kuppel, die wollte sie doch sehen, also parkten wir da, wo der Des Moines River und der Raccoon River zusammenfließen, und spazierten hoch zum Kapitol, das am Ende nichts anderes ist als ein riesiger Kasten mit einer furchteinflößenden hohen Treppe und riesigen Säulen und einer im Verhältnis viel zu kleinen Kuppel, und ja: sie ist vergoldet. Wir ließen uns unsere Enttäuschung nicht anmerken, tranken auf dem Rückweg zum Auto eine Cola und suchten wieder Anschluss an die Route 80.
