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Die neunzehnjährige Studentin Nermin erfährt am eigenen Leib, was es bedeutet, erwachsen zu werden in einer Gesellschaft, die ihr ein traditionelles Frauenbild entgegenhält. Die Mutter keift, wenn sie zu spät nach Hause kommt, und verlangt Keuschheit bis zur Hochzeit. Also muss sie lügen und sich verstecken, wenn sie, wie all ihre Freundinnen, zu den Tanzpartys geht, sich verliebt, Liebeserklärungen entgegennimmt und abwehrt. Die Erkundung ihres Ichs geht einher mit der Erforschung der Stadt. In den Istanbuler Cafés und Künstlerkneipen sucht sie Inspiration und Offenheit. Doch die etablierten Literaten verweigern ihr als Frau die intellektuelle Anerkennung. Sie schließt sich den linken Gruppen an. Doch bald spürt sie, die Hinwendung zum »Volk« ist abstrakt, einengend und trügerisch. Aber Nermin gibt die Hoffnung auf eine humanere Welt nicht auf. Dieser Erstling brach durch seine offene Form und seine skandalöse Respektlosigkeit alle Tabus und wurde zum Skandal – aber auch zum Aufbruch der modernen Frauenliteratur in der Türkei.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2015
Was bedeutet es, eine moderne Frau in Istanbul zu sein? Das erfährt die neunzehnjährige Studentin Nermin am eigenen Leib, in einer Gesellschaft, die ihr ein traditionelles Frauenbild entgegenhält. Aber Nermin gibt die Hoffnung auf eine humanere Welt nicht auf. Der erste Roman der türkischen Frauenliteratur ist brisant bis auf den heutigen Tag.
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Leylâ Erbil (1931–2013) studierte englische Philologie an der Universität in Istanbul. Für die Türkische Arbeiterpartei engagierte sie sich im Bereich von Kunst und Kultur, bevor sie sich schließlich ganz dem Schreiben widmete. Sie gilt als Pionierin der Frauenliteratur.
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Angelika Gillitz-Acar (*1958) studierte erst Sozialpädagogik, dann Geschichte und Kultur des Nahen Orients sowie Turkologie und Pädagogik. Sie arbeitet als Übersetzerin und in Projekten zur Integration junger Ausländer.
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Angelika Hoch (*1969) studierte zunächst Kunstgeschichte und ließ darauf ein Turkologie-Studium folgen, das sie im Jahr 2002 abschloss. Seitdem ist sie u. a. als freie Übersetzerin aus dem Türkischen tätig.
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Leylâ Erbil
Eine seltsame Frau
Mit einem Nachwort von Erika Glassen
Roman
Aus dem Türkischen von Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch
Türkische Bibliothek
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die türkische Erstausgabe erschien 1971 unter dem Titel Tuhaf Bir Kadın bei Habora, Istanbul.
Türkische Bibliothek im Unionsverlag, Zürich, herausgegeben von Erika Glassen und Jens Peter Laut
Eine Initiative der Robert Bosch Stiftung
Originaltitel: Tuhaf Bir Kadin (1971)
© by Leylâ Erbil 1971
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Selçuk Demirel
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30490-1
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
EINE SELTSAME FRAU
Die Tochter — Aus den Tagebüchern der Jahre 1950–51Der VaterI — Am MorgenII — Im GrollIII — Kapitän AhmetIV — Mustafa SuphiV — Der TodDie Mutter — TotenfeierDie FrauDokumente zu Mustafa SuphiNachwortWorterklärungenZur Aussprache des TürkischenUmschlagmotivMehr über dieses Buch
Über Leylâ Erbil
Über Angelika Gillitz-Acar
Über Angelika Hoch
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Aus den Tagebüchern der Jahre 1950–51
Heute führte uns Bedri aus. Er nahm Meral und mich zu Lambos kleiner Kneipe am alten Fischmarkt mit, wo sich Dichter, Maler und Journalisten treffen. Ganz nett hier. Bedri wollte mit uns darauf anstoßen, dass eines seiner Gedichte in der Literaturzeitschrift Varlık erschienen ist. Wir tranken Wein. Natürlich erzählen wir zu Hause nichts davon. Wenn das rauskommt, gibts einen Riesenkrach.
Die Nerven meiner Mutter liegen wieder mal blank: Sie haben meinen Vater entlassen. Jetzt zieht sie über ihn her: »Mit den mächtigen Schiffseignern legt er sich an, als ob wirʼs nicht mehr nötig hätten und es uns leisten könnten, in irgendeine Villa auf den Prinzeninseln zu ziehen. Was verstehst du denn von Recht und Gerechtigkeit, soll er doch mal seinen Mund halten und Ruhe geben.« Ich gab zurück: »Aber Mama, was soll er denn machen, soll er sich etwa alles von diesen Kapitalisten gefallen lassen, bloß weil sie reich sind?« Sie fuhr mich an: »Misch dich da nicht ein, ihr habt doch beide Fürze im Hirn, dein Vater und du.« Wenn mein Vater das hörte, würde er ihr aber gehörig den Kopf waschen, na wenn schon!
Meral und ich schwänzten die letzte Vorlesung und gingen zu Lambo. Wir lernten einen Dichter und einen Schriftsteller kennen. Sympathische Typen. Einem von ihnen wollte ich meine Gedichte vorlesen, aber ich genierte mich. Meral fragte, warum ich sie denn nicht Bedri zeige. Sie weiß nicht, dass mir ihr Bruder schon seit längerem nachsteigt. Ich mag den Kerl nicht.
Heute sagte ich zu Monsieur Lambo, dass ich meine Gedichte gerne jemandem zum Lesen geben würde; er stellte mich sofort einem Mann vor, der an der Theke etwas trank. Ich wusste nicht, dass es O. war. Mir schlug das Herz bis zum Hals, ich log, ich hätte die Gedichte nicht dabei. Für morgen haben wir uns im Çardaş am Tünel verabredet, dann will er sie lesen – wenn ich bis dahin nicht vor Aufregung gestorben bin.
Das Çardaş ist ein langer, stockdunkler Schlauch, unheimlich ist diese Dunkelheit. Daher sah ich O. nicht gleich. Aber irgendwo weiter hinten erhob sich eine helle Gestalt und winkte mir zu. Wir setzten uns einander gegenüber und unterhielten uns steif und verlegen. Er wirkte gelangweilt, oder war er schüchtern? Jedenfalls steckte er mich an.
Tausendmal bereute ich, dass ich überhaupt gekommen war. Plötzlich forderte er mich auf: »Schieß los, Puppe, zeig her, was du zu bieten hast!« Der fiel ja gleich mit der Tür ins Haus. Ich wurde noch verlegener. Zaghaft las ich eines meiner schönsten Gedichte vor, das so endete: »Wer zwingt uns im Untergrund zu leben, der Himmel strahlend blau / unsere Gesichter leichenblass, Genossen.« »Bist du Arbeiterin?«, fragte er ernst. Oder verspottete er mich etwa nur? Ich wusste es nicht. »Nein, ich nicht, aber meine Verwandten.« Er schwieg. Dann las ich das Sonett der gefallenen Mädchen. »Werden unsere Mädchen immer nur weinen und nie in den Krieg ziehen dürfen?« Er kratzte sich an der Nase und fragte: »Willst du denn in den Krieg ziehen?« Ich erklärte ihm, der Begriff »Krieg« sei hier nicht so eng auszulegen: »Dieses Gedicht beschreibt, wie aus Frauen, die man nicht kämpfen lässt, ein Heer von ›gefallenen Frauen‹ wird.« Schon merkwürdig, dass er das nicht verstanden hat. Zum Schluss las ich das Gedicht Blut. Ich hatte es verfasst, als ich zum ersten Mal meine Tage bekam und in Panik ausbrach.
Ach, ist das die Ferse des erhabenen Achill,
verwundet in meinem Bett?
Oder die Verletzung, die sich dort auftut,
wo die Adler himmelwärts steigen?
Unaufhörlich fließt das Blut
vom Schmerz, der in die Eingeweide dringt,
er erstickt die Augen, die Gelenke, das Meer,
erstickt das Meer, das in Ketten liegt,
erstickt es unaufhörlich.
»Welches Blut denn? Das kapier ich nicht«, fragte er stirnrunzelnd. Ich hatte das Gedicht absichtlich so abstrakt gehalten, damit nicht gleich alles so offensichtlich ist. Natürlich konnte ich ihm nicht sagen, was wirklich dahinter steckte. »Damit meine ich die Angst vor dem Krieg«, erklärte ich. »Das hast du ja schon ganz gut hinbekommen, gar nicht mal so schlecht, aber du bist noch zu jung für eine gute Dichterin. Lass sie nochmal ein paar Monate liegen, dann nimm sie dir wieder vor. Morgen bring ich dir Bücher zu Lambo, schau da mal rein.«
Er machte einen auf höflich, aber es war klar, dass ihm die Gedichte nicht gefielen. Wer weiß, womöglich machte er sich insgeheim darüber lustig? Trotzdem ermunterte er mich: »Schreib, schreib, schreib immer weiter, wirf die Gedichte erst mal in eine Ecke, aber gib nicht auf.« Die Gedichte, mein einziger Zufluchtsort und Trost, machte er einfach so zunichte, mein Leben ist sinnlos geworden, wozu dann noch weiterleben?
Ich schaute bei Lambo vorbei, holte die Bücher ab. Er selbst war nicht da. Oh nein! Diese Bücher hab ich alle schon gelesen. Nichts und niemand kann mir mehr helfen. Ich bin so unglücklich.
Mein Vater hat wieder Arbeit.
Ich war heutʼ mit Meral in Lambos Lokal,
da trafen wir diesen Abend zum ersten Mal
einen Baumeister, einen Poeten und ʼnen Komödiantʼ,
dann auch ʼnen Autor und ʼnen Zeitungsmann – ziemlich unbekannt.
Erstere frisch entlassen aus der Haft,
Letztere bisher noch nicht vorbestraft.
Der Dichter Halit und der Architekt Necat brachen mit uns zusammen auf und begleiteten uns bis zur Haltestelle. Die beiden sind recht aufgeschlossen. Morgen werden wir uns mit ihnen im Degustasyon treffen. Meral himmelt Necat an. Mir gefällt Halit nicht schlecht, wenn ich ehrlich bin. In einer Woche geht er in sein Dorf in die Verbannung.
Meral und Necat besuchten heute eine Ausstellung, also waren Halit und ich ganz allein im Degustasyon. Auf einmal überkam mich eine merkwürdige Angst, doch Halit vertrieb sie durch seine Worte bald. Er ist ein anständiger Kerl. Ich kam ein bisschen zu spät nach Hause, aber meine Mutter kriegte es gar nicht mit.
Mutter hat mal wieder geheult. Tante Hamdiye war hier und soll gesagt haben: »Die anderen reden über dich: Diese Angeheiratete hat Hasan völlig an der Kandare, aber einen Sohn und Stammhalter hat sie ihm noch nicht geschenkt.«
Ich hab mich wieder mit Halit getroffen, dieses Mal im Çardaş. Er erzählte von den Folterungen während seiner Haft. Die tat er so spöttisch ab, als ob sie ein anderer erlitten hätte; selbst über die schrecklichsten Vorfälle redet er so. Irgendwie schon ein sonderbarer Kerl. Als er davon sprach, wie sie ihn zur Bastonade schleppten, da platzte er fast vor Lachen. Wie sie ihm der Reihe nach Fußtritte verpassten und auch er nach ihnen trat, wie er einem ins Gesicht spuckte und ihm darauf der Polizist, der die Spucke abbekommen hatte, die Hoden zusammenquetschte. Mir standen die Haare zu Berge. Er aber lachte nur. Das alles sei ja nicht die Schuld der Polizei, Polizisten würden eben so abgerichtet, sie erfüllten nur ihre Dienstpflicht. Welch ein Kunststück, Ungerechtigkeiten nicht mit Rachegelüsten zu begegnen!
Heute kam Halit zur Uni, wir gingen zusammen zu Lambo. Die Tür öffnete sich einen Spalt, O. wollte hereinkommen, doch kaum hat er uns gesehen, war er auch schon grußlos verschwunden. Komischer Kauz.
Der letzte Tag. Halit und ich trafen uns im Degustasyon. Ich weiß nicht warum, aber auf einmal habe ich mich ihm völlig anvertraut. Ich erzählte und erzählte, erzählte bis mir schwindlig wurde. Es war, wie wenn Meral und ich uns über unseren geheimsten Kummer ausheulten; ich erzählte ihm von der Gewaltherrschaft meiner Mutter, von unseren Streitereien, meiner Unfreiheit, den religiösen Zwängen, meinem Schmerz und dass ich sogar schon mal daran gedacht habe, mich umzubringen, falls ich nicht endlich so frei leben könnte, wie es mir gefällt. Dass ich vielleicht auch von zu Hause abhauen würde, dass mich niemand versteht, dass Meral meine einzige Freundin ist und dass ich es ohne Gedichte zu schreiben nicht mehr aushalte. Und je mehr ich erzählte, desto unglücklicher fühlte ich mich, viel unglücklicher, als ich eigentlich war. Ich fing an zu weinen. Er wischte meine Tränen mit einem Taschentuch fort, als wäre ich ein Kind. Damit brachte er mich völlig aus der Fassung, und da – widerlich – nahm ich diese Hände, die meine Tränen getrocknet hatten, und küsste sie. Seine Finger stanken nach Tabak. Ich bin über mich selbst entsetzt, wie konnte ich nur? Vermutlich habe ich die Schmerzen, die man ihm zugefügt hat, mit meinen Qualen durcheinander gebracht. Oder ich glaubte, er hätte sie meinetwegen erlitten und ich müsste jetzt wieder etwas gutmachen.
Ungerührt wartete er, bis ich mich wieder beruhigt hatte, dann sagte er, die Politik sei verantwortlich für das Leid auf der Welt und in der Türkei. Ich konnte das zwar irgendwie nachvollziehen, aber ehrlich gesagt, wundere ich mich am meisten darüber, wie er in einem zärtlichen Moment wie diesem so messerscharf denken kann. Außerdem, etwas zu verstehen oder zu wissen, bedeutet doch noch lange nicht, dass man sich aus einer ausweglosen Lage befreien kann! Wenn ich ohne Freiheit nicht glücklich sein kann und wenn die Welt mir meine Freiheit beharrlich verweigert, dann bedeutet das doch, dass ich nie glücklich werden kann. Ein Mensch kann sein Leid mit anderen teilen und auf diese Art die Welt möglicherweise leichter ertragen. Und wer weiß, vielleicht hätte ich durchgehalten, wenn Halit hier geblieben wäre? Aber auch er geht morgen … »Du bist wie eine Schwester für mich. Du kannst jederzeit zu uns kommen. Was uns gehört, gehört auch dir.« Seine Einladung ist großherzig und freigebig, aber ich weiß, außer Armut und Hoffnungslosigkeit hat er nichts zu teilen, doch seine Gegenwart hat mich immer glücklich gemacht. Ich heulte Rotz und Wasser. Diesmal nahm er meine Hände und küsste meine Handflächen. Langes Schweigen. Wir starrten beide auf die verschmutzte Tischdecke, während der Abschied näher rückte. Zwischendurch fiel mein Blick immer wieder auf die Asche der Zigarette, die auf den weißen Käse gefallen war. Wir zündeten unsere letzte Zigarette an. Dass es die letzte war, wussten wir beide. Er kritzelte etwas auf die Schachtel seiner Yenice-Zigaretten, dann reichte er sie mir:
Mein verwundetes, zerbrochenes Herz singt und klagt:
Der Spiegel deiner Augen und eine zarte Hoffnung
Das genügt, Liebste.
War das Liebe oder das, was man Leidenschaft nennt? Ziemlich komisch, oder?
Heute wusch ich mir die Haare und drehte mir Lockenwickler ein. Ich warf mich in den grünen Sessel am Ofen. Feilte meine Fingernägel. Vater war noch nicht zurück. Meine Mutter setzte sich mir gegenüber auf die Kante des alten Kanapees und las Linsen aus. Sie ging kurz hinaus, kam wieder zurück, setzte sich auf ihren alten Platz und zündete sich eine Zigarette an. Ich spürte, dass ein Unwetter im Anzug war. Und schon brach es los, zuerst ergoss es sich über die Gottlosen. Dann über die Lügner, die Folterqualen in der Hölle zu erleiden hätten. Dann kriegten noch die ihren Zorn ab, die sich in der Öffentlichkeit nicht nach den islamischen Vorschriften kleiden. »Und warum trägst du dann einen Hut?«, fragte ich. »Dein Vater möchte es so. Gott vergebe mir diese Sünde, dein Vater zwingt mich dazu. Meine Sünden gehen auf sein Konto«, antwortete sie. Ich hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Wenn sie doch endlich rausgehen würde, dann könnte ich mich in mein Zimmer verziehen und Gorkis Konovalov lesen, nur noch fünf oder zehn Seiten. Ich will mich beim Lesen ganz in dem Roman verlieren. Bestimmt lese ich ihn schon zum zehnten Mal. Manche Stellen kenne ich auswendig. Da stand Mutter endlich auf. Ich sah lauernd hoch und beobachtete, wie ihre Hand nach der Türklinke griff. Plötzlich drehte sie sich um und fragte, ob ich die vorgeschriebenen Waschungen schon vollzogen hätte. Jetzt nicht zu antworten, hätte Ärger bedeutet. »Ja, hab ich«, antwortete ich, ohne ihr ins Gesicht zu schauen. Sie blieb in der Tür stehen und meinte: »Dir vertraue ich nicht im Geringsten. Deine Verschlagenheit steht dir ins Gesicht geschrieben. Du bist zu allem fähig. So charakterlos wie du bist, du mit deinem Doppelleben. Ich bin mir nicht sicher, aber ich spüre, dass du Heimlichkeiten vor uns hast. Ich werde Gottes Befehl folgen, den solltest du kennen: ›Weise deinen Nachkommen den rechten Weg!‹ Diese Pflicht obliegt mir. Du kannst alles vertuschen. Aber vergiss nicht, auch wenn es in dieser Welt verborgen bleibt, im Jenseits kommt alles ans Licht. Dort werden wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Wenn du lügst oder etwas vor uns verheimlichst, wirst du im Jenseits den Schlangen und den Würmern zum Fraß vorgeworfen.« Ich wollte gehen und sagte nur: »Ich weiß, ich weiß.« Sie hielt die Tür fest. »Wie? Gefallen der jungen Dame meine Belehrungen nicht?« »Ich muss für die Uni lernen.« »Lernst du von mir etwa nichts? Das sind die Lehren Gottes. Verschwinde! Zum Teufel mit deiner Uni!«, schimpfte sie und verpasste mir eine Ohrfeige. Weinend lief ich in mein Zimmer. Endlich kann ich zu Konovalov. Jetzt bin ich mir sicher, dass sie mich jedenfalls bis morgen früh in Ruhe lässt.
Heute lernte ich einen Jungen kennen, Halûk. Er studiert Geschichte und spricht ganz ungezwungen mit mir, schaut mir dabei aber nicht in die Augen oder ins Gesicht. Ich fühlte mich wohl in seiner Nähe. Ganz offensichtlich stammt er aus ärmlichen Verhältnissen, seine Kleider sind völlig zerschlissen.
Halûk schlenderte den Korridor entlang, er trug wieder dasselbe bleigraue Jackett, dasselbe karierte Hemd und dieselben ausgelatschten Schuhe. Wir waren beide eine Stunde früher zur Uni gekommen und setzten uns in die Cafeteria. Er sah, dass ich Gorki in der Hand hatte, und das interessierte ihn. »Der ist gut«, sagte er kennerhaft. Wir unterhielten uns. Er wohnt in Kadıköy, hat kein eigenes Zuhause und kommt ursprünglich aus Zypern. Er lebt bei einem reichen Verwandten. »Genauer gesagt, ich wohne im Nebengebäude, ich bin so etwas wie der Hauswart«, brummelte er. Unter seinem Arm hatte er mehrere Bücher. Er gab mir einige Übersetzungen von Kerim Sadi, die ich lesen sollte.
Wir, Kevser, Ayten, Şeref, Sadi und ich, gingen zum Tanztee der Mediziner. Meiner Mutter erzählte ich, ich hätte einen Sprachkurs. Aytens Vater ist tot, ihre Mutter ist Witwe, sie ist Beamtin. Ayten wollte, dass ich Sadi anmache. »Warum?«, fragte ich, und sie fragte zurück: »Gefällt er dir etwa nicht? Er sieht doch unheimlich gut aus, oder?« Sonderbar, Ayten will immer mit irgendjemandem flirten. Sie gehört zu den Mädchen, die sich sofort in jeden verknallen, der sich für sie interessiert, egal, wer es ist. Überhaupt nicht wählerisch. Der Tanztee war langweilig. Ein Haufen Mädchen und Jungs, die miteinander tanzen. Einfach albern.
Heute stellte mir Halûk seinen Freund Ömer vor. Er nennt ihn seinen »großen Bruder«. Wir diskutierten über Literatur. Beide mögen Tolstoi nicht, machten diesen wunderbaren Menschen schlecht. Dann kamen wir auf Nâzım zu sprechen. Halûks Freund schätzt Nâzıms Lebenseinstellung und seine Aufrichtigkeit mehr als seine Gedichte. Ein sonderbarer Mensch, dieser Ömer. Er sagte zu mir: »Betrachte mich als deinen älteren Bruder, Schwesterchen!« »Einverstanden«, sagte ich. Wahrscheinlich stammt er auch aus Ostanatolien – wie mein Halit.
Neriman, die älteste Tochter Havvas, hat einen Jungen geboren. Ihr Mann ist nach Ankara versetzt worden, morgen ziehen sie weg. Sie waren gekommen, um meiner Mutter zum Abschied die Hände zu küssen, na ja, Tradition eben. Mutter schwärmte mir den ganzen Abend von Neriman vor: Ein tolles Mädchen, hat eine höhere Schulbildung, ist trotzdem religiös, hält das Fasten ein, geht ihrer Mutter zur Hand. Fremde bekommen nicht eine Strähne ihres Haares zu sehen.
In Zukunft werde ich nicht mehr tanzen, werde auch auf keinen dieser Tanztees mehr gehen. Allein schon wie die Leute tanzen und an ihre Plätze zurückkehren! Irgendwie ist mir das unangenehm, eigentlich schon lange, ich werde verlegen und bereue es immer, wenn ich von der Tanzfläche wieder an meinen Platz zurückgehe. Ich weiß nicht genau, warum, aber irgendwie ekelt mich das an. Alle Mädchen lachen immer so schamlos, wenn sie von der Tanzfläche trippeln.
Mit Müh und Not schleppten mich die Mädchen dann doch wieder hin, diesmal zum Tanztee bei den Ingenieuren. Zu Hause sagte ich, Ayten habe Geburtstag. Mutter mag Ayten sehr, warum auch immer. »Was für ein Mädchen, ihr Gesicht strahlt geradezu vor Unschuld!« Ich tanzte nicht. Ich beobachtete, wie die Tanzenden von der Tanzfläche an die Tische zurückkehrten. Kevser und Şeref tanzten Wange an Wange, die Köpfe lehnten sie aneinander, aber ihre Unterkörper hielten sie in großem Abstand zueinander. Wahrscheinlich glaubt sie, auf diese Weise ihre Ehre zu bewahren. Kevser hat sich so stark geschminkt, dass ihre Wangen wie kandierte Äpfel aussahen. Şerefs Freund Ahmet kam an den Tisch. Er forderte mich zum Tanzen auf, ich lehnte ab. »Warum nicht?«, fragte er. Ich erklärte es ihm. Er sagte: »Sie sind sehr nett.« Wofür ich mich interessiere, wollte er wissen. »Für Gedichte«, antwortete ich. Er fing sofort an, sich über dieses Thema auszulassen. Als ob er damit zeigen wollte, dass er auf allen Gebieten versiert ist. Wäre Nâzım Hikmet mit seiner Kunst nicht von Moskau ferngesteuert, wäre er ein großer Dichter, meinte er; Ziya Osman Saba verehre er. Orhan Veli mag er anscheinend überhaupt nicht. Was soll dieser Quatsch! Das mit seinen Vorlieben und Abneigungen war doch alles nur Theater, das spürte ich, ließ mir aber nichts anmerken. Ich schwieg. Er auch. Anscheinend hat er sein Pulver schon verschossen. Er wollte mal in die Fakultät kommen, um mich zu sehen, sagte er. Sieh mal einer an, der glaubt wohl, er kann mich sehen und treffen, wann er will, und wer weiß was sonst noch mit mir machen.
Ich erzählte Halûk vom Tanztee und diesem Ahmet, und wir lachten darüber. Ich habe angefangen, Freuds Totem und Tabu zu lesen. »Schade um die Zeit«, meinte er, da gäbe es anderes, was ich zuerst lesen müsste und was mir mehr bringen würde.
Er wird mir einige Bücher leihen, aber nur unter der Bedingung, dass ich sie innerhalb einer Woche lese und wieder zurückgebe; anscheinend lauter verbotene Bücher. Halûk ist zwar ein feiner Kerl, aber schwer zu durchschauen. Seiner Meinung nach sind alle Lehrer Idioten und Falschmünzer, die man einer Gehirnwäsche unterzogen hat. »Eines Tages wird dir auch noch ein Licht aufgehen!«
In der Pause saß ich mit Şeref und Kevser zusammen. Plötzlich tauchte Ahmet auf. Er hatte eine gänsekackefarbene Jacke an, seine Haare waren frisch gekämmt. Er setzte sich zu uns, ich redete nichts mit ihm, eine sonderbare Stimmung breitete sich an unserem Tisch aus. Als er dann mit Şeref ging, drückte er meine Hand so fest, dass ich laut »Au« schrie. Die anderen wunderten sich. Şeref schaute Ahmet scharf an.
Heute kam Halûk mit einer Tasche voller Bücher und drückte sie mir in die Hand: »Gib sie niemandem, zeig sie keinem und versteck sie, nur du darfst sie lesen.«
Kevser erzählt jeden Tag irgendetwas anderes über Ahmet. Seit jenem Tag soll er Şeref im Wohnheim keine Ruhe mehr gelassen haben. Er sei bis über beide Ohren in mich verliebt. Angeblich kann er nicht mehr lernen. Wegen seiner Liebe zu mir spiele er den ganzen Tag in den Kaffeehäusern von Sultanahmet Karten. »Was für ein Weichei«, sagte ich zu Kevser. Sie war sauer. Sie wollte mir diesen Trottel von Ahmet unbedingt schmackhaft machen.
Ich lese die Bücher, die Halûk mir geliehen hat. Aus der Tasche fielen auch handgeschriebene Flugblätter und einige Broschüren. Ich verbrannte sie. Nun lese ich G. Devilles Übersetzung des Kapital, die Haydar Rıfat aus dem Französischen ins Türkische übertragen hat. Dem »Şekerzade Edip Izzet Beyefendi« gewidmet. Wie sentimental doch die damaligen Übersetzer waren!
Ich bekam einen Brief von Halit mit einem langen Gedicht, das er für mich geschrieben hat, wirklich ein sehr schönes Gedicht. Heute Abend schrieb ich ihm zurück. Über das, was hier los ist, mein Leben, über alles. Auch ich schickte ihm meine neuen Gedichte. Aber ehrlich gesagt interessieren mich zurzeit die Menschen um mich rum und meine eigene Situation mehr als das Dichten. Es ist schade, aber ich weiß, dass dies die letzten Gedichte sind, die ich ihm geschickt habe.
Halûk und einige andere wurden festgenommen, heißt es. Ich war ziemlich niedergeschmettert. Was soll jetzt werden?
Kaum zu Hause, versteckte ich sofort die Bücher, die ich von Halûk bekommen hatte, falls sie danach suchen sollten. Warum hat man sie bloß eingesperrt? Das muss ein Irrtum sein, so ein netter Kerl, der ist doch viel zu anständig, um krumme Dinger zu drehen! Ich wollte niemanden sehen. Meiner Mutter erzählte ich irgendeine Geschichte und blieb heute den ganzen Tag zu Hause. Soll ich Halûk besuchen? Wie sieht so ein Gefängnis eigentlich von innen aus? Er soll im Sultanahmet sitzen. Wie werden sie wohl mit ihm umspringen?
Ich hatte einen Traum, träumte ganz in Schwarz-Weiß.
Ich betrachte ein Gemälde, es muss ein sehr altes sein. In welchen Farben und von wem es gemalt ist, ist nicht zu erkennen. Menschen wimmeln darauf vor weißem Grund, sie wurden mit schwarzen Strichen skizziert. Ich nehme dieses Gemälde und gehe damit auf die Straße, schreite eine enge, lange Gasse entlang. Bedri kommt auf mich zu. Ich zeige ihm das Bild. Zusammen gehen wir weiter. Die Straße ist sehr schmal und streckt sich. Nur ganz weit hinten, an ihrem Ende, schimmert fahl der Mondschein. Über uns ein schmaler, langer Streifen Himmel. Plötzlich fliegt das Bild in die Luft und verdeckt das Firmament. Die Menschen sind aus Ruß und bedecken den langen schmalen Himmelsstreifen über uns wie Abziehbilder. Der weiße Untergrund, der zwischen den Menschen auf dem Gemälde durchscheint, verfärbt sich hellblau, dann azurblau. »Menschen! Menschen!«, brüllt Bedri laut los, läuft weg, hin zu einer offenen Tür und versteckt sich dort in einem Haus. Ich renne hinter ihm her, er schlägt mir die Tür vor der Nase zu. Außer mir und einigen Kindern ist niemand auf der Straße. Die Kinder laufen weinend umher, kommen direkt auf mich zu. Ich rufe ihnen entgegen »Habt keine Angst«, doch auch ich fange an zu weinen und rufe mit ihnen »Mutter, Mutter!« Die Abziehbilder lösen sich und stürzen herab. Schon nähern sie sich den Hausdächern. Der Himmel verdunkelt sich, überall riecht es nach Ruß und Verbranntem. Aus dem Mondschein am Ende der Straße tritt meine Mutter und rennt mit einem weißen Nachttopf in der Hand herbei. Sie ruft: »Hab keine Angst, ich komme!« Die Menschen aus Kohlenruß fallen rechts und links von mir zur Erde, zwischen die Steine. Einer hält sich an meinem rechten Bein fest. Ich schaue hin, es ist Bedri. Meine Mutter schiebt mir den Nachttopf unter und ruft: »Bereue und beichte, du hast gesündigt, gestehe, was du getan hast, bist du noch Jungfrau?« Ich antworte: »Ja, Mama, ich bin noch Jungfrau, ich habe nichts getan.« Ich spüre einen Windhauch, er kommt immer näher, wirbelt all den Ruß auf und trägt ihn mit sich fort, die Kinder jubeln vor Freude. Das Abbild Bedris an meinem Bein löst sich auf. Der Boden des Nachttopfs dehnt sich aus bis ans Ende der Straße, sein Inneres ist dekoriert mit Fahnen. Jede Nation ist mit einer ganz kleinen Fahne vertreten. Die Kinder laufen los und streiten sich um sie. »Hol auch du dir eine Fahne, ich will sehen, welche du erwischst«, fordert meine Mutter mich auf. Ich strecke mich und greife nach der Erstbesten, eine schlichte, schwarz-weiße Fahne.
Dann wache ich auf. Es war fünf Uhr morgens, ich schreibe alles in mein Tagebuch. Für solche Träume schäme ich mich. Ich werde heute nach Sultanahmet fahren und Halûk besuchen.
Heute ging ich mit Meral ins Kino. Ich nahm die Karte vom Mann an der Kasse und sagte »Danke«. Er antwortete anzüglich: »Kommt herein – ich könnte euch noch ganz andere Dinge zeigen!«
Ich besuchte Halûk, er freute sich sehr. Er hat zwar gehofft, dass ich kommen würde, war aber trotzdem überrascht, gestand er mir später. Sie seien wegen Untergrundaktivitäten festgenommen worden, zudem müsse er noch eine alte Gefängnisstrafe absitzen. »Mir war schon klar, dass sie mich irgendwann wieder einsperren, fünf Monate muss ich noch absitzen.« Er wollte eine Zigarette. Ich hatte keine dabei und gab ihm zweieinhalb Lira, damit er sich welche besorgen lassen konnte. Wie dunkel und lang Halûks Wimpern sind! Hinter den Wimpern erkannte man seine Augen kaum. Zwischen den Gitterstäben sah man immer nur einen Teil seines Gesichts, mal seine Augen und seine Stirn, mal seine Nase und sein Kinn. Seine Nase ist klein und etwas nach links gebogen. Den Bart hat er wachsen lassen, er ist spärlich und kraus. Seine Zähne gelb. Wahrscheinlich putzt er sie nie. Halûk hat etwas Jüdisches an sich. Ich erzählte ihm, dass ich mit dem Kapital angefangen habe, es mir aber zu hoch sei. Daraufhin nannte er mir einige Titel, die man vor dem Kapital lesen sollte. Dann ließ er mich eine Nachricht für Ömer auswendig lernen. Ich sollte ihm ausrichten: »Der weiße Rabe will Futter.« Ömer könne nicht selbst hierher kommen, deshalb solle ich nach Cibali gehen und mich dort mit ihm treffen. Er trichterte mir Ömers Adresse ein. Ich dürfe sie auf keinen Fall aufschreiben. Er sagte, dass er mir persönlich zwar trauen würde, aber im Moment nicht offen reden könne. »Wahrscheinlich werden wir später sogar richtig gute Freunde«, meinte er noch. Ich sollte es mir gut überlegen, ob ich seine Botschaft überbringen will. »Wenn du keine Angst hast, dann mach es. Es ist auch keine Schande, Angst zu haben. Aber bitte fang die Sache nicht an, um am Ende vielleicht doch auf halbem Weg einen Rückzieher zu machen. Selbst wenn sie dir drohen, dich umzubringen, darfst du keiner Menschenseele erzählen, was ich dir anvertraut habe. Du musst absolut dichthalten, nur Ömer darf diese Nachricht bekommen.« Wir schwiegen eine Weile, dann wiederholte er noch einmal: »Überleg es dir gut! Wenn du es nicht machen willst, dann vergiss, was ich dir gesagt habe. Du darfst dann nicht mehr hierher kommen und mich nicht mehr grüßen, falls wir uns wieder begegnen sollten; du musst so tun, als ob wir uns nicht kennen würden.« Ich lächelte. »Du kennst mich ja auch nicht.« Er lächelte zurück. Ich verabschiedete mich und ging nach Hause. Er kennt mich wirklich nicht. Für Menschen wie ihn würde ich mein Leben geben. Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich zu ihnen hingezogen. Ich glaube, dass wir einander irgendwie ähnlich sind. Sie kämpfen gegen das Böse, davon bin ich überzeugt.
Heute war ich in Cibali, fand Ömers Adresse auf Anhieb. Zwei Räume im Souterrain in einer engen Gasse. Über der Tür steht »Elektriker«. Eine gläserne Wand trennt die Werkstatt von seinem Büro, in dem ein Tisch und drei Stühle stehen. Durch die Trennwand hindurch kann man den Handwerkern bei der Arbeit zusehen. Sicherlich ist die Wand deshalb aus Glas, damit die Arbeiter keine Sperenzchen machen. Drinnen arbeiteten zwei kleine Jungen in Arbeitsanzügen. Als Ömer mich sah, sprang er auf. »Komm herein, Schwesterchen!« Er fiel mir um den Hals, umarmte und drückte mich. Dabei klopfte er mir einige Male auf die Schulter. Noch nie hat mich jemand so umarmt, mir wurde ganz schwummrig. Ich wusste, egal, welchen Weg sie auch gehen, ich würde mich ihnen anschließen und ihnen blind folgen. Ömer trank gerade Lindenblütentee, offenbar hatte er schon einige Male am Teeglas genippt. Er reichte es mir. »Trink, ich lass mir noch einen bringen.« »Ich hab Halûk besucht«, sagte ich. »Erzähl schon, Schwesterchen.« Erwartungsvoll schaute er mich an, als wolle er fragen, ob Halûk eine Nachricht geschickt hatte. Ich wartete ab. Er fragte immer noch nicht, hätte wahrscheinlich nie gefragt. Also hab ichʼs ihm schließlich gesagt: »Der weiße Rabe will Futter.«
»Ach, dieses Schlitzohr!«, rief er unvermittelt aus. »Bravo, das hast du gut gemacht, Schwesterchen!« Dann fragte er »Hat er sonst noch etwas gesagt?« »Nein, nur das.« »In Ordnung! Das hier ist nichts für dich. Geh jetzt schnell, damit du keine Schwierigkeiten bekommst.« Er ließ mich meinen Tee gar nicht austrinken und schickte mich auf einem kürzeren Weg wieder zurück. Auf der Treppe, die zur Straße führt, drehte ich mich um und sah, dass er sein Büro durch die Tür in der Glaswand verließ, sich die Arbeitermütze ins Gesicht zog und anschickte wegzugehen. War das alles spannend heute, wenn doch nur jeder Tag so aufregend wäre!
Ich besuchte Halûk noch mal, gab ihm fünf Lira, erzählte, was geschehen war. »Danke«, sagte er nur beiläufig. Dann kam ich auf Halit zu sprechen. Er konnte sich an ihn erinnern. »Wir waren Freunde, der ist ganz in Ordnung.« Aber sein Blick verriet, dass ihm etwas nicht passte, doch er sagte nichts weiter. Als ich aufbrach, meinte er: »Es wäre besser, wenn du nicht mehr kommen würdest. Ich befürchte, du bekommst sonst Ärger wegen uns.« »Aber nein, ich doch nicht, mein Lieber«, antwortete ich lächelnd.
Merals Familie zog in eine Wohnung, die sie in Pendik gekauft haben. Und Meral sagte: »Bedri ist in dich verliebt, er fragt immer nach dir.«
Heute bin ich zu Hause geblieben. Mutter erzählte ich, ich müsse mich auf die schriftlichen Prüfungen vorbereiten. Sie schaute mich streng an, fragte aber nicht nach. Ich schrieb Halit einen langen Brief und erwähnte Halûk, schrieb aber nur, dass ich ihn kenne und dass er jetzt die letzten Monate seiner Strafe im Gefängnis absitzt. Von der ganzen Sache und dass Halûk ihn auch kennt, erwähnte ich nichts. Ich bin neugierig, was er sagt. Heute dachte ich lange nach, vor allem über Halûk. Wer ist er? Was tut er? Warum vertraue ich solchen Menschen wie ihm? Ich vertraue ihnen nicht nur, sondern habe Respekt vor ihnen. Wer bin ich? Warum mache ich das? Und sie, was machen sie? »Der weiße Rabe will Futter«, was steckt dahinter? Warum erzählt er es mir nicht? Was soll ich machen, wenn meine Eltern davon erfahren? Hat ihre Organisation etwa Beziehungen zu Moskau? Das wohl eher nicht, das Geschwätz über Moskau ist nur eine Erfindung der Polizei. Wer aber sind sie? Egal, ich werde tun, was ich für richtig halte. Ich werde mich ihnen anschließen. Und ich werde alles dafür tun, um nicht so zu werden wie unsere Eltern, wie die Generation von Frauen vor uns.
Ich ging mit Kevser ins Kino, in Viva Zapata, der Film gefiel uns sehr gut. Kevser ist ein eigenartiges Mädchen. Mal bescheiden, dann wieder selbstgefällig. Sie kommt aus Izmir. Ihr Vater hat dort eine Fabrik für Stoffdruck. Sie sprach über ihre Zukunftspläne. Wenn sie Şeref tatsächlich bekommt, werden sie heiraten und nach Izmir ziehen. Ihr Vater hat jetzt schon in Karşıyaka ein Haus für Kevser bauen und auf ihren Namen schreiben lassen. Das tat er, weil Kevser eine Stiefmutter hat. Und damit diese Stiefmutter nicht alles an sich reißt, will Kevser auch Şeref bei ihrem Vater unterbringen. »Die werden wir leer ausgehen lassen«, schimpfte sie. Ich wunderte mich sehr, aber vielleicht würde auch ich so handeln, wenn ich wie sie unter solchen Verhältnissen aufgewachsen wäre. Nach dem Kino schauten Kevser und ich bei Lambo vorbei, es gefiel ihr gut dort. »Aber kein Wort darüber zu Şeref«, ermahnte sie mich. In Ordnung. Kein Brief von Halit.
