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Eine Frau Mitte vierzig ärgert sich im Auto über einen vergessenen Einkaufszettel als das Handy klingelt. Am anderen Ende hört sie eine mysteriöse Stimme, die sie an eine geplante Verabredung erinnert. Ehe sie reagieren kann steht eine seltsame Gestalt vor ihr und läd sie zu einem Spaziergang ein. Der Wortwechsel entpuppt sich als ein Gespräch mit dem Tod. Er will etwas von ihr, doch ganz so einfach ist das nicht. Er lässt ihr eine Stunde Zeit.
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Seitenzahl: 30
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Nadja Maria Schwendemann
Eine Stunde der Gnade
Erzählung
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Eine Stunde der Gnade
Impressum
Eine Stunde der Gnade
Es war spät am Nachmittag, als ich diese Straße entlang durch den Wald fuhr. Die Sonne stand tief und für Ende März war es außergewöhnlich warm. Ich fühlte die Last des Arbeitstages auf den Schultern und hatte meinen Einkaufszettel zu Hause liegen lassen. Ich wusste nur, dass es zehn Dinge waren, die ich aufgeschrieben hatte und an zwei konnte ich mich erinnern. Der Rest war wie aus meinem Gedächtnis gelöscht. Das ärgerte mich maßlos und außerdem war ich hundemüde.
Meine letzte Kundin hatte mir ein ordentliches Trinkgeld überreicht. Ich hatte ihrem Pudel das Fell entfilzt und ihm eine neue Frisur verpasst. Mein Job als Hundefrisör war eigentlich nur eine Art Zubrot, um mein Leben als Künstlerin abzusichern, zu dem ich mich seit Jahren berufen fühlte, nur leben konnte man davon nicht.
Ich hatte einen Mann ein Kind und ein Haus und war mit dem, was ich tat und erlebte einigermaßen zufrieden. Es hätte schlimmer kommen können. Doch die meisten Tage waren irgendwie dunkel, brachten nicht das, was ich mir erhofft hatte und ließen mich am Ende doch als Suchende zurück.
Ich beschäftigte mich mit meiner Malerei, setzte mich offen mit meinem Umfeld auseinander und hielt mich für selbstkritisch genug, um mein Leben realistisch beurteilen zu können. Meinem Mann traute ich das Selbe zu und meine Tochter war mit ihren siebzehn Jahren auf dem besten Wege, sich ebenfalls zu einem unabhängig denkenden Menschen zu entwickeln. Es gab, abgesehen von unserer politischen und marktwirtschaftlichen Lage keinen Grund, sich über irgendetwas großartige Gedanken zu machen. Und ich verschwendete auch keine Zeit mehr damit. Diese zermürbende Phase hatte ich hinter mir, offiziell, was ich in meinen stillen Stunden tat, verriet ich natürlich niemandem und in diesem geheimen Raum sammelten sich die offenen Fragen, Zweifel und Sehnsüchte, die ich mit großem Ehrgeiz verdrängte. Im Augenblick interessierte mich ausschließlich der vergessene Einkaufszettel. Es nützte nichts, eine Lösung musste her. Die letzte Kurve war recht eng, links und rechts waren Ausbuchtungen mit Schotter bedeckt. Ich trat kräftig auf die Bremse, fuhr rechts ran und schaltete den Motor aus. Auf dem Beifahrersitz lag alles, was man als berufstätige Autofahrerin so braucht. Irgendwo in einem Wust von Wasserflaschen, Äpfeln, Terminkalender und Müll musste mein Handy vergraben sein. Endlich, ich griff nach dem etwas veralteten Apparat, klappte die Tastatur auf und in dem Augenblick als ich auf meine Festnetznummer tippte, trällerte die mir so vertraute Melodie.
„Anrufer unbekannt“ erschien auf dem Display.
„Hallo?“ ich meldete mich nie mit Namen. Es gab nur wenige Menschen, die im Besitz meiner Nummer und somit eingespeichert waren.
„Hallo.“ Mehr hörte ich nicht. Es folgte Stille. Nach einer endlos langen Pause vernahm ich wieder diese merkwürdige männliche Stimme: „bist du überrascht, mich zu hören?“
Was war das? Diese Stimme schien mir so vertraut, als hätte ich sie immer schon an meiner Seite gehabt, aber die meines Mannes war es nicht, darüber war ich mir ziemlich sicher.
„Deine Stimme kommt mir bekannt vor, aber ich weis beim besten Willen nicht, wer du bist,“ allmählich wurde ich ungeduldig.
„Ich hatte dir etwas versprochen, erinnerst du dich nicht?“. Er meinte das scheinbar ernst.
Nun musste ich doch lachen. Das hätte die beste Anmache aller Zeiten sein können, aber daran wollte ich nicht so recht glauben.
„Wir sind uns schon einmal begegnet, du hast mich um etwas gebeten, erinnerst du dich nicht?“
Seine Stimme klang ernst aber immer noch sehr vertrauenswürdig, fast schon fürsorglich.
