Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. Auf sehr spezielle, romantische Weise findet Toni, der Hüttenwirt seine große Liebe in einer bezaubernden Frau, die aus einer völlig anderen Umgebung stammt als der markante Mann der Berge. Sie lernt durch ihn Schönheit und Idylle seiner Heimat kennen und lieben. Gemeinsam eröffnen die beiden allen Besuchern die Werte und Besonderheiten ihres Lebens auf der Alm. Romantik, Beschaulichkeit, dramatische Spannung und feinsinnige Gespräche: Das ist die Welt von Toni, dem Hüttenwirt, der sich niemand entziehen kann. Karl Winkler wanderte von der Kuhalm den Pfad hinauf zur Berghütte. Er ging langsam, blieb öfters stehen und atmete durch. Der kräftige Mann fühlte sich schwach. Zu viel hatte er an diesem Tag erlebt. So muss sich ein alter Mann fühlen, der an einem Stock geht, dachte er. Immer wieder ging er einige Meter, dann machte er eine Pause. So arbeitete er sich hinauf zum Geröllfeld. Dort blieb er eine Weile stehen und sah sich um. Auf der Terrasse der Berghütte sah er einen stehen. Er ging weiter zur Berghütte. Unterhalb der wenigen Stufen, die zur Terrasse hinaufführten, blieb er stehen und hielt sich mit einer Hand am Geländer fest. Der Mann kam auf ihn zu. »Grüß Gott, ich bin Toni, der Hüttenwirt! Hast du Schwierigkeiten mit dem Atmen? Ja, die Luft hier oben ist dünner, an die muss man sich erst gewöhnen. Komm, ich nehme dir den Rucksack ab. Setz dich erst mal ein bisserl hin. Das wird schon wieder.« Karl gab Toni seinen Rucksack und folgte ihm in den Wirtsraum der Berghütte. Toni bot ihm einen Stuhl an.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 124
Veröffentlichungsjahr: 2022
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Karl Winkler wanderte von der Kuhalm den Pfad hinauf zur Berghütte. Er ging langsam, blieb öfters stehen und atmete durch. Der kräftige Mann fühlte sich schwach. Zu viel hatte er an diesem Tag erlebt.
So muss sich ein alter Mann fühlen, der an einem Stock geht, dachte er.
Immer wieder ging er einige Meter, dann machte er eine Pause. So arbeitete er sich hinauf zum Geröllfeld. Dort blieb er eine Weile stehen und sah sich um. Auf der Terrasse der Berghütte sah er einen stehen. Er ging weiter zur Berghütte. Unterhalb der wenigen Stufen, die zur Terrasse hinaufführten, blieb er stehen und hielt sich mit einer Hand am Geländer fest.
Der Mann kam auf ihn zu.
»Grüß Gott, ich bin Toni, der Hüttenwirt! Hast du Schwierigkeiten mit dem Atmen? Ja, die Luft hier oben ist dünner, an die muss man sich erst gewöhnen. Komm, ich nehme dir den Rucksack ab. Setz dich erst mal ein bisserl hin. Das wird schon wieder.«
Karl gab Toni seinen Rucksack und folgte ihm in den Wirtsraum der Berghütte.
Toni bot ihm einen Stuhl an. Dann brachte er den Rucksack in eine Kammer.
Als er zurückkam, stellte er Karl einen Obstler hin und sagte streng:
»Austrinken!«
»Ich habe seit dem Mittag nichts mehr gegessen«, brachte Karl mühsam hervor. »Ich weiß nicht, ob da Alkohol gut ist.«
»Anna, bring schnell einen großen Teller Eintopf und Brot!«, rief Toni.
»Kommt sofort!«, schallte es aus der Küche.
Toni setzte sich zu Karl an den Tisch.
»Essen kommt gleich. Danach fühlst du dich besser. Du kannst den Obstler ruhig trinken. Er wird dir guttun.«
Karl zögerte etwas, dann gab er sich einen Ruck und kippte den Obstler hinunter.
Toni lächelte und sagte:
»Jetzt hast du schon wieder eine bessere Gesichtsfarbe. Du bist nicht der Erste, dem die gesunde Luft zu schaffen macht, wenn sie sie nicht gewöhnt sind. Aber ich kann dich trösten, in ein bis zwei Tagen ist es vorbei.«
»Es ist nicht die Bergluft, es ist etwas anderes. Ich hatte einen schweren Tag. Es gab da etwas, das ich jetzt erfahren habe. Es war ein richtiger Schock für mich. Wie das ja oft der Fall ist, kommt die Reaktion des Körpers später. Bei mir kam sie eben auf dem Weg herauf.« Nach einer Pause sagte er: »Übrigens, ich bin Karl Winkler, Bernds Vater. Bernd ist der Schmied auf dem Reiterhof.«
»Das hatte ich mir gleich gedacht«, sagte Toni. »Ihr seht euch sehr ähnlich. Außerdem hat Bernd angerufen. Er sagte, du bräuchtest eine Auszeit und müsstest zur Ruhe kommen. Das kannst du bei uns. Du wirst sehen, du wirst dich schnell erholen. Die Berge haben Wunderkräfte. Sie dringen direkt in die Seele eines Menschen ein und heilen sie.«
Karl nickte.
Anna brachte das Essen.
»Lass es dir schmecken!«, sagte Toni.
Karl dankte und begann sofort zu essen.
»Schmeckt gut«, murmelte er.
»Freut mich. Lass es dir schmecken! Wenn du einen Nachschlag willst, lass es mich wissen«, sagte Toni.
Er ging zu Anna in die Küche.
Anna warf ihm einen Blick zu.
»Bernds Vater sieht nicht gut aus«, sagte sie.
»Das stimmt. Bernd hat am Telefon eine Andeutung gemacht. Er wird sich wieder erholen. Und wenn er sein Herz ausschütten will, bin ich ein guter Zuhörer.«
»Das weiß ich, das weiß jeder in Waldkogel, Toni«, sagte Anna. »Den Mann muss etwas schwer getroffen haben. Mei, mir zieht sich das Herz zusammen, wenn ich ihn anschaue. Ich habe noch Apfelstrudel mit Vanillesoße. Süßes hebt die Stimmung.«
Sie richtete einen Teller mit Apfelstrudel, gab Sahne drauf und goss rundherum die Soße.
Den Teller trug sie hinaus zu Karl Winkler.
»Ich hoffe, es hat geschmeckt«, sagte Anna. »Magst du noch etwas?«
»Danke, es war köstlich und genug.«
Anna lächelte Karl an.
»Für einen köstlichen Nachschlag wird noch Platz sein. Das geht aufs Haus.«
»Oh, vielen Dank!«, sagte Karl. »Ich mache eine kleine Pause und esse den Apfelstrudel später.«
»Wie wäre es mit Kaffee?«
»Perfekt, schwarz und ohne Zucker«, antwortete Karl.
»Kommt sofort«, antwortete Anna.
Sie nahm den leeren Suppenteller und den Löffel mit.
»Er sieht schon etwas besser aus, Toni«, flüsterte Anna.
»Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen. Das ist eine alte Weisheit«, antwortete Toni.
Anna machte Kaffee.
Toni nahm sich auch einen Becher und ging zu Karl.
»Darf ich mich zu dir setzen?«, fragte Toni.
»Gern«, antwortete Karl.
Er lächelte.
»Das ist eine schöne Berghütte. Richtig urig, gemütlich!«
»So ist es, Karl. Sie ist seit der Erbauung fast unverändert. Anna und ich haben sie so belassen, als wir sie vor vielen Jahren übernahmen. Unsere Hüttengäste wissen es zu schätzen, auch wenn alles sehr einfach ist. Wir haben fast nur Stammgäste. Okay, wer sich einmal hierher verirrt, der ist genauso begeistert wie du und kommt immer wieder.«
»Das glaube ich gern. Schön, dass ihr noch ein Plätzchen für mich hattet«, sagte Karl.
»Oh, das war Zufall. Einer unserer Stammgäste hat abgesagt aus beruflichen Gründen«, sagte Toni. »Er hat es sehr bedauert. Ich sagte ihm, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«
»Es ist sehr ruhig hier«, bemerkte Karl.
Toni schmunzelte.
»Wir haben eine große Gruppe hier. Alle sind engbefreundet, lauter Bergliebhaber, echte Bergler, wie wir sagen. Sie machen eine gemeinsame Hochgebirgstour. Sie werden erst später zurück sein, vermute ich. Sie genießen irgendwo den Sonnenuntergang. Es sind lauter nette Burschen. Du wirst sehen. Sie hatten die anderen Hüttengäste eingeladen mitzukommen. Sie werden dich sicherlich ansprechen und einladen.«
»Bewahre! Ich bin völlig untrainiert. Außerdem will ich allein wandern gehen. Kannst du mir ein paar einsame Routen empfehlen?«
»Du bist wohl gern allein, wie?«, fragte Toni.
»Im Augenblick ja, ich will nachdenken. Ich bin ein bisserl überarbeitet, verstehst du?«
»Hast du zu viel gearbeitet?«
»Das kommt dazu«, sagte Karl.
Er begann den Apfelstrudel zu essen.
»Lecker«, sagte er.
»Das musst du Anna sagen«, bemerkte Toni. »Sie backt hier die Kuchen und das Brot.«
»Deine Anna ist ein wahrer Schatz.«
»Ja, das ist sie. Ein besseres Madl hätte ich nicht finden können.«
»Wo hast du sie gefunden?«
»Im Zug von Hamburg nach München. Sie fuhr bis Frankfurt mit. Sie war sehr zurückhaltend. Aber ich hatte beschlossen, sie zu verfolgen und so weiter und so weiter. Ich erzähle dir die Tage mal unsere ganze Geschichte. Sie kommt mir heute noch wie ein Wunder vor.«
»Es freut mich, dass du glücklich bist. Das ist nicht jedem vergönnt«, sagte Karl leise.
»Oh, das heißt, du bist nicht so glücklich?«, rutschte es Toni heraus.
Karl trank einen Schluck Kaffee, um Zeit für die Antwort zu gewinnen.
»Toni, ich habe doch gesagt, dass das nicht jedem vergönnt ist. Nun gut, es ist, wie es ist. Jeder Mensch hat einen anderen Charakter. Jeder Mensch hat seine weniger gute Seiten. Das ist bei einem Madl genauso, wie es bei einem Burschen der Fall sein kann.«
»Das stimmt, kein Mensch ist perfekt. Es kommt nur darauf an, was man daraus macht, wie man damit umgeht«, sagte Toni.
Karl nickte.
Toni merkte ihm an, dass er das Thema nicht weiter vertiefen wollte. Es entstand eine etwas peinliche Stille.
Die Stille währte nicht lange, denn die Bergwanderer kamen fröhlich von ihrer Tour zurück.
»Karl, die wollen alle essen. Ich muss Anna helfen. Wenn du deine Ruhe haben willst, setze dich raus auf die Terrasse. Sie werden alle hier drinnen essen und dann schlafen gehen. Morgen werden sie wieder früh aufbrechen. Kurz nach Sonnenaufgang werden sie losgehen.«
»Oh, dann bleibt dir wenig Schlaf, Toni«, bemerkte Karl.
Toni lächelte.
»Das stimmt. Aber das gilt nur für Sommer. Im Winter ist die Berghütte geschlossen. Wir sind dann unten im Tal bei meinen Eltern. Wir ruhen uns aus und sammeln Kräfte für den nächsten Sommer«, erklärte Toni.
Er stand auf und ging in die Küche.
Karl aß den Apfelstrudel zu Ende und trank den Kaffee aus. Dann stellte er das schmutzige Geschirr auf den Tresen und ging hinaus auf die Terrasse. Dort setzte er sich ganz hinten an das Ende, wo ein Tisch mit zwei Stühlen stand. Einen Stuhl schob er zur Seite. Er wollte verhindern, dass sich jemand zu ihm setzte.
Die Sonne stand tief über den Bergen. Der Abend schob sich über den Himmel. Karl blickte hinauf zum Gipfelkreuz auf dem Gipfel des Engelssteigs.
Er nahm sich vor, Toni nach dem Namen der Berge zu fragen. Ihm wurde bewusst, wie nahe er all die Jahre Waldkogel war, und es nie besucht hatte. Seiner Frau war Waldkogel nicht mondän genug gewesen. Kirchwalden war ihr bereits zu provinziell. Sie zog es nach München oder in einen der Nobelorte an einem See in Bayern. Er hatte ihren Wünschen immer nachgegeben.
Er seufzte leise und versank in Gedanken.
Ein Räuspern, Toni stand neben ihm. Karl erschrak. Zu seinem Erstaunen war die Sonne schon untergegangen. Der Himmel war klar und voller Sterne.
»Hast du geträumt?«, fragte Toni und lächelte. »Bei der Aussicht, egal ob bei Tag oder bei Nacht, kann man leicht ins Träumen kommen.«
»Nein, ich war in Gedanken«, sagte Karl.
Er schaute auf die Uhr.
»Ich hoffe, ich habe dich nicht aufgehalten. Sicher willst du Schluss machen. Ich ziehe mich auch zurück. Welche Kammer habe ich?«
Karl stand auf.
»So spät ist es noch nicht. Die Hüttengäste sind schon alle schlafen gegangen, weil sie früh rauswollen. Aber so früh kann ich mich noch nicht zur Ruhe begeben. Ich wollte dich fragen, ob du mir ein bisserl Gesellschaft leisten willst. Komm, setzen wir uns drinnen an den Kamin. Ich liebe es, den Tag gemütlich ausklingen zu lassen.«
»Ich will dich und Anna nicht stören«, sagte Karl.
»Du störst nicht. Anna hat sich ins Wohnzimmer zurückgezogen und schreibt Briefe.«
»Ja, wenn ich eure traute Zweisamkeit nicht störe, setze ich mich gern zu dir. Gegen ein Bier, gemütlich am Feuer, habe ich keine Einwände. Ich trinke oft abends ein Bierchen als Schlaftrunk.«
Sie gingen in den Wirtsraum. Toni legte einige Holzscheite nach. Karl setzte sich.
Toni blieb stehen und schaute ihn an.
»Ich habe eine Spezialität, einen besonderen Schlummertrunk. Es ist ein Tee. Ich habe in der Küche bereits zwei Becher vorbereitet. Er wird dir schmecken. Man kann wunderbar darauf schlafen.«
»Toni, ich bin eigentlich kein Teetrinker«, wehrte Karl ab.
»Ausnahmen bestätigen die Regel, Karl. Du wirst sehen.«
Toni holte die beiden großen Becher. Der Tee für Karl war doppelt bis dreifach so stark wie sein eigener. Damit Karls Mischung nicht zu bitter schmeckte, hatte er viel Honig dazu gegeben.
»Bitte schön, trinke! Er wird dir schmecken.«
Karl nippte vorsichtig an dem Tee.
»Oh, schmeckt nicht schlecht. Nein, das ist untertrieben. Er schmeckt sogar sehr gut«, sagte Karl.
Sie prosteten sich zu wie bei einem Bier und tranken.
»Wie lange willst du bleiben?«, fragte Toni.
Karl zuckte mit den Schultern.
Er seufzte.
»Ehrlich gesagt, ich habe mich noch nicht entschieden. Ich weiß nur, dass es länger sein könnte. Das hängt von Verschiedenem ab.«
»So?«, raunte Toni.
»Weißt du, Toni, ich war die letzten Jahre immer im Hamsterrad drin. Ich bin gelaufen und gerannt und habe nicht nach links und rechts gesehen. Ich habe vieles übersehen, bewusst oder unbewusst. So will ich es mal unverfänglich umschreiben. Heute habe ich erkannt, dass es nicht so weitergehen kann. Ich nehme mir eine Auszeit. Ich will zu mir selbst kommen. Will? Nein, ich muss in meinem Kopf aufräumen. Ich weiß nicht, wie lange das dauert. Wenn du keinen Platz hast, suche ich mir ein anderes Quartier.«
»Du kannst die Kammer solange haben, wie du willst, Karl«, antwortete Toni.
»Danke, das ist schön.«
Toni legte die Stirn in Falten. Er sah Karl an, als wollte er etwas fragen, doch er schwieg.
»Toni, wenn du mich jetzt fragen wolltest, warum ich nicht bei Bernd und seiner Frau übernachte, dann musst du dir keinen Zwang antun. Ich würde mich an deiner Stelle auch wundern.«
Toni schmunzelte. Er trank einen Schluck Tee.
»Ja, das ging mir durch den Kopf. Ich gebe zu, ich habe Bernd gefragt. Er sagte, dass du nicht stören wolltest. Das kommt mir ein bisserl sonderbar vor. Anna und ich sind den ganzen Winter über bei meinen Eltern. Und früher, als die Kinder noch hier waren, waren wir zu viert. Mit Rücksicht geht alles.«
»Es geht nicht um Rücksicht, jedenfalls nicht nur, Toni. Ich gestehe dir, dass ich eine Weile mit meinen Gedanken allein sein möchte. Ich will wandern gehen, um wieder zu mir finden. Du kannst mir bestimmt ein paar gute Touren empfehlen, die nicht schwierig sind. Ich bin ungeübt.«
»Ich gebe dir morgen eine Wanderkarte mit und versorge dich mit Hinweisen, wo es schön ist.«
»Danke, aber die nächsten Tage werde ich noch nicht losgehen. Ich werde mich etwas erholen, ein, zwei, drei Tage. Aber dann mache ich einen Plan.«
»Gut, wie du willst. Wir haben immer wieder Hüttengäste, die am liebsten den Tag auf der Terrasse verbringen. Das ist nicht ungewöhnlich«, antwortete Toni. »Du scheinst wirklich erholungsbedürftig zu sein.«
»Ja, das bin ich. Ich kann und will jetzt nicht darüber sprechen. Es hat sich in meinem Leben etwas ereignet, was mir den Boden unter den Füssen weggezogen hat. Damit muss ich allein klarkommen.«
Toni nickte.
»Auf der einen Seite verstehe ich es. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob dir dein Bub nicht Hilfestellung geben kann?«
Karl seufzte und trank einen Schluck Tee.
»Sicher, aber es gibt Dinge, mit denen ein Mann ganz für sich allein nach einem Weg suchen muss«, sagte Karl.
Seine Stimme klang traurig.
Tonis Herz war voller Mitleid. Welche Last wohl auf Karls Schultern lag? Er wechselte das Thema, weil er spürte, dass Karl die Fragen unangenehm waren. Er sprach über Benno, der vor dem Kamin lag.
Anna kam aus dem Wohnzimmer und legte einen Stapel Briefe auf den Tresen.
»Nimm, die morgen bitte mit, wenn du deine Eltern besuchst«, sagte Anna.
»Mache ich«, antwortete Toni.
Anna holte sich aus der Küche einen Saft und setzte sich neben Toni.
»Du schreibst Briefe und sendest keine Mails?«, wunderte sich Karl.
Anna lächelte.
»Ich schreibe gern Briefe. Briefe sind viel persönlicher. Ich nehme schönes Briefpapier. Manchmal lege ich eine gepresste Bergblume hinein als einen besonderen Gruß. Meine Freundinnen schreiben zurück. Persönliche, handgeschriebene Briefe sind in unserer modernen Zeit selten. Das weiß ich. Vielleicht bin ich altmodisch. Aber die Briefe sind weniger vergänglich.«
»Das stimmt«, sagte Karl. »Vielleicht werde ich alten Freunden aus meiner Schulzeit Ansichtskarten aus Waldkogel senden. Ich lasse mir das ernsthaft durch den Kopf gehen. Es wäre ein guter Anfang, wieder in Kontakt zu treten.«
Karl trank seinen Becher leer und stellte ihn auf dem niederen Tisch ab.
»Der Kräutertee war wirklich lecker. Er hat entspannt. Ich lege mich hin«, sagte Karl und gähnte.
Toni schaute auf die Uhr und blickte danach Anna an.
»Für uns wird es auch Zeit«, sagte er.
Toni und Anna tranken aus.
Karl stand auf.
»Gute Nacht und schlaft gut! Wann gibt es Frühstück?«
