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Wie wäre es in einer Welt zu leben, in der sich alle ordnungsgemäß verhalten, keine Straftaten und Gerichte existieren und wirklich niemand gegen Regeln verstößt? Diese Geschichte handelt davon, wie eine solche Welt erschaffen und wie sie zerstört wird.
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Seitenzahl: 76
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Kay Roo
Eine total gerechte Welt
Science - Fiction - Story
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Impressum neobooks
Der Präsident der „Liga der Gerechten“, emeritierter Professor Lohan, eröffnet die Herbstsitzung dieser honorigen Gesellschaft. Er erhebt den traditionellen Silberkelch, der bei dieser Gelegenheit stets mit dunkelrotem Wein der Sorte Regent gefüllt ist. Die restlichen 24 Mitglieder der Liga, die mit ihm um die festlich gedeckte Tafel versammelt sind, tun es ihm gleich.
Nachdem jeder einen großen Schluck getrunken hat, fährt Lohan mit seiner Begrüßungsansprache fort: „Wie jedes Jahr steht unsere Herbstsitzung unter dem Zeichen neuer Erkenntnisse aus der Rechtswissenschaft und Rechtspflege. Dieses Jahr ist es uns gelungen, etwas Außergewöhnliches zu thematisieren. Rein rhetorisch gefragt: Was würden sie von einer wissenschaftlichen Errungenschaft halten, die das gesamte Rechtssystem, so wie es die Menschheit seit Jahrtausenden kennt und ausübt, vollkommen revolutioniert? Ich meine hier nicht eine kleine, als Revolution gepushte, vermeintlich neue Rechtsidee, sondern eine echte Umwälzung, die in wenigen Jahren das althergebrachte System von Ermittlungsbehörden, Gerichten und insbesondere jede Form des Strafvollzugs überflüssig machen könnte?
Und wenn dann diese Entwicklung mit der Absicherung eines vollkommenen Rechtsfriedens für alle Menschen einhergeht, darf man meiner Meinung nach mit Fug und Recht vom Anbruch einer göttlichen Ordnung sprechen. Ich sehe ihre erstaunten Gesichter, weil ich so große Worte wähle, die ich sonst nie verwende. Nun, für sie dürfte sich das momentan wie eine unerreichbare Utopie anhören. Noch vor wenigen Tagen habe ich ebenso gedacht. Doch da kannte ich Herrn Professor Doktor Frey und diese, seine bahnbrechende, Erfindung noch nicht. Heute gehe ich ernsthaft davon aus, dass diese Utopie tatsächlich Wirklichkeit wird. Ich bin mir sicher, dass sie nach dem anschließenden Vortrag des Professors genau wie ich denken werden. Lassen sie sich überraschen. Bitte Herr Professor, ihr Auditorium!“
Hinter ihm fährt lautlos ein schwerer Vorhang beiseite und gibt den Blick auf eine riesige Videowand und ein filigranes Rednerpult frei, welches mit diversen Bedienelementen für die Steuerung der Videotechnik versehen ist. Am Pult steht ein untersetzter, korrekt in einen gut sitzenden, grauen Westenanzug gekleideter Mann, von dessen Gesicht kaum etwas zu sehen ist. Denn das ist von einer gewaltigen grau melierten Lockenpracht umgeben, die sich in einem gepflegten Vollbart fortsetzt. Oberhalb dieses Bartes ist der Rest des Gesichts von einer leicht getönten Brille mit großen goldumrandeten Gläsern verdeckt. Er beginnt seinen Vortrag mit kräftiger, redegewohnter Stimme, die an sich kein Mikrofon benötigt.
„Sehr geehrte Mitglieder der Liga der Gerechten! Ich bin mir der großen Ehre bewusst, die sie mir heute erweisen, indem ich vor ihnen sprechen darf. Meines Wissens kann bei ihnen nur jemand Mitglied werden, der sich in seiner aktiven Zeit als Polizist, Staatsanwalt, Richter und Rechtsgelehrter außergewöhnliche Verdienste in der Entwicklung und Umsetzung des Rechts, ja besonders bei der Durchsetzung des Ideals der Gerechtigkeit für jedermann erworben hat. Sie sehen also, ich weiß, mit wem ich es zutun habe.
Um sie in die gleiche Lage hinsichtlich meiner Person zu versetzen, möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Emanuel Frey. Ich bin Arzt, Neurologe und Psychologe. Einige der Anwesenden dürften mich aus diversen Prozessen kennen, in denen ich als psychologischer Gutachter fungierte.
Vor einigen Jahren habe ich mich aus meiner ärztlichen Praxis zurückgezogen und widme mich in meinem kleinen, unabhängigen und deshalb leider nicht sehr reich mit Mitteln bedachtem Institut der neurologischen Forschung. Es ehrt mich sehr, dass Professor Lohan von „meiner Erfindung“ gesprochen hat. Ich widerspreche ihm deshalb wirklich sehr ungern.
Denn es ist nicht allein meine Erfindung, sondern lediglich ein Resultat der Bewertung und Weiterentwicklung der Erkenntnisse von bekannten und unbekannten Wissenschaftlern, zum Teil aus dem vorigen Jahrhundert. Wie man so schön und richtig sagt, steht jeder Wissenschaftler auf den Schultern der Forscher, die vor ihm lebten.
Wissenschaftliche Theorie wird selbst von hochintelligenten Menschen, wie sie es sind als Abendunterhaltung nicht besonders geschätzt. Leider kann ich sie damit nicht verschonen. Für das volle Verständnis meiner Forschungsergebnisse betrachte ich nun mal eine kurze theoretische Erläuterung für unerlässlich.
Im Jahr 1929 entdeckte der Jenaer Psychiater Hans Berger die sogenannten Aktionsströme des menschlichen Gehirns. Ihm gelang es, diese winzigen Stromspannungen von etwa 30 millionstel Volt aus dem Gehirn abzuleiten und als Wellenlinien auf Papierstreifen sichtbar zu machen. Dieses Verfahren ist heute in der Medizin allgemein als Elektro-Enzephalografie, abgekürzt EEG, gebräuchlich. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse vorgenommene Forschungen führten zur ergänzenden Entdeckung, dass verschiedene Bereiche des Gehirns bei unterschiedlicher Beanspruchung typische niederfrequente Wellen emittieren. Sicher haben sie schon von Alpha-, Beta -, Gamma - und Thetawellen gehört, wobei die letzteren wohl am bekanntesten sein dürften.
In den Jahren 1950/51 erforschte der britische Physiologe Dr. Grey Walter die Funktion dieser verschiedenen Wellen im Gehirn. Stark vereinfacht dargestellt, lösen Theta-Wellen Gefühle und Affekte aus und sind für Freude, Schmerz und das allgemeine Wohlbefinden bestimmend. Beta - Wellen erzeugen innere Spannungen und regulieren diese. Alpha - Wellen wiederum setzen Sinneseindrücke im Erkenntniszentrum des Gehirns in innere Bilder um.
Dr. Walter kam bei seinen Forschungen auf die Idee, Probanden in Scheinwerfer mit Flackerlicht, heute sagen wir Stroboskop dazu, sehen zu lassen, während er die Frequenz des Flackerns mit den Thetawellen des Gehirns des jeweiligen Betrachters synchronisierte. War dies der Fall, sahen die Probanden auf einmal tief in ihrem Bewusstsein Lichter, Formen und unreale Landschaften. In den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts verwendeten Hippies, denen das LSD ausgegangen war, diese Erkenntnisse, indem sie auf sehr einfache Weise sogenannte Dream-Maschinen herstellten, die mittels Flackerlicht beim Betrachter einem LSD-Trip vergleichbare Reaktionen hervorriefen. Wegen dieses Effektes, der z.B. auch bei Videospielen ungewollt auftreten und zu epileptischen Anfällen führen kann, ist diesen heutzutage immer eine entsprechende Warnung vorangestellt.
Bis vor einigen Jahren waren die eben in Grundzügen dargestellten Erkenntnisse zwar bekannt, fanden aber relativ wenig Beachtung. Verschiedentlich experimentierten militärische Forschungseinrichtungen der Supermächte damit, wobei das Ziel darin bestand, modulierte Gehirnwellen für die lautlose Übertragung von Befehlen einzusetzen, was aber nie richtig funktionierte. Andere Forschungen zielten darauf ab, abgeleitete Gehirnströme zu verstärken, um damit Fahrzeuge oder Waffen fernzulenken. Trotz einiger Erfolge kam es zur Einstellung der Forschungen, weil Aufwand und Nutzen nie in einem vernünftigen Verhältnis standen. Auch die Geheimdienste experimentierten mit Gehirnwellen. Deren Ziel bestand darin, feindlichen Agenten gegen ihren Willen Geheimnisse zu entlocken. Doch auch das funktionierte nie verlässlich.
Letztendlich stellte man die Forschungen stets wegen mangelnder Erfolgsaussichten ein. Die gewonnenen Erkenntnisse gerieten in Vergessenheit und fanden nur noch für Konstruktion von Partymaschinen Verwendung oder wurden von Esoterikern für diverses Brimborium genutzt.
Das war der Stand, als ich mich vor einigen Jahren dafür entschied, die Forschungen daran wieder aufzunehmen. Ich kombinierte die oben skizzierten Ergebnisse untereinander und mit eigenen Erkenntnissen aus meiner neurologischen Forschung. Deren derzeitiger Entwicklungsstand manifestiert sich in den ersten praxistauglichen Ergebnissen, die ich ihnen heute vorstellen möchte. Lassen sie mich ihnen zunächst einen Videoclip zu einem realen Versuchsablauf zeigen. Ich wiederhole es für diejenigen, die sich vielleicht bis jetzt wegen eingetretener Langeweile ein Nickerchen gegönnt haben könnten: Die folgenden Szenen sind real, verdanken ihrer Entstehung also weder einem Drehbuch noch talentierten Schauspielern.“
Mit diesen Worten tritt er hinter das Pult und startet ein Video auf der überdimensionalen Wand hinter sich. Die Stimme des Professors ertönt aus dem Off: „Versuchsanordnung 23/1. Rechts sehen sie einen Schläger, der wegen mehrfacher, schwerer Körperverletzung, in zwei Fällen mit Todesfolge insgesamt 18 Jahre im Gefängnis war. Als typischer Psychopath verfügt er über keinerlei Skrupel oder Hemmungen, gegen andere Menschen mit äußerster Brutalität vorzugehen. Die andere Person in Raum ist einer meiner Assistenten, der sich und das betone ich ausdrücklich, freiwillig für dieses Experiment gemeldet hat, weil er der Umsetzung unserer Forschungsergebnisse in der Praxis voll vertraut. Seine Aufgabe besteht darin, den Schläger dazu zu bringen, dass er auf ihn mit der Absicht losgeht, ihn zusammenzuschlagen. Achten sie nun auf den weiteren Ablauf.“
Alle hören, wie der Assistent den Schläger hämisch beleidigt und reizt. Dieser braucht nicht lange, bis er von seinem Stuhl aufspringt und auf den Wissenschaftler zuläuft. Genau in dem Moment leuchtet hinter jenem ein Stroboskop auf.
Die Wirkung ist eine ungeheure. Jammernd und kläglich um Hilfe wimmernd, bricht der Muskelmann zusammen. Er wälzt sich am Boden und es sieht so aus, als versuche er, mit seinen Armen, die empfindlichsten Stellen seines Körpers gegen Schläge zu schützen. Dabei zittert er vor Angst am ganzen Körper. Dieses Zittern bleibt sogar erhalten, als das Stroboskop erlischt. Langsam beruhigt sich der Schläger, schüttelt sich und versucht vermutlich zu begreifen, was mit ihm gerade passiert ist. Er erhebt sich und strafft seinen Körper, zeigt sich bereit zu einem neuen Angriff.
Wieder beginnt der Assistent, ihn zu reizen. Und wieder sieht man, wie die Wut in dem muskelbepackten Schläger hochkocht. So wie beim ersten Mal stürzt er mit geschwungenen Fäusten auf den Wissenschaftler zu. Doch kein Stroboskop leuchtet auf.
