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Zum Roman „Lasst die Kleinen leben! Eine unerhörte Prüfung“ von Helmut Weber „Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Reißen Sie diese Mauer nieder!“ Dies sind die beschwörenden Worte des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan am 12. Juni 1987 an der Berliner Mauer. Im Sommer desselben Jahres kämpft Ludger Maringer - 16 - um seine Versetzung in die Oberstufe eines Gymnasiums im Rheinland. Die Sorge um den Fortbestand des elterlichen Juweliergeschäfts hat ihn in eine Krise geführt. Die Note Ungenügend im Fach Englisch droht und würde die Nichtversetzung bedeuten. Ludger erreicht beim Englischlehrer die Chance einer Nachprüfung. Die gestellte Aufgabe - hier beschreibt der Roman einen authentischen Vorgang - ist aber „unerhört“ und mit den damaligen technischen Möglichkeiten praktisch nicht leistbar. Ludger soll innerhalb einer Woche einen 200 Seiten starken englischen Roman lesen - also übersetzen - eine Inhaltsangabe vortragen und Fragen des Lehrers beantworten. Wie der Schüler im Kampf gegen die Zeit die Herkulesaufgabe angeht und bewältigt, erzählt der spannende Roman. Faszinierend ist mitzuerleben, wie der Schüler Ludger den Überlebenskampf der kleinen Einzelhändler in der Endphase des letzten Jahrhunderts im elterlichen Betrieb hautnah miterlebt und mit seinem Slogan „Lasst die Kleinen leben!“ eine deutschlandweit beachtete Kampagne initiiert. Die Romanhandlung kreist auch um den charismatischen Deutschlehrer Caspers, nach dessen Tod seine junge Witwe in Ludger ein Ebenbild ihres Mannes erkennt und sich mit ihm in einen gefährlichen Gefühlstaumel stürzt. Überaus liebenswürdig ist der pensionierte katholische Pfarrer Kittelmann gezeichnet, Freund und Ratgeber der Familie Maringer, der prophetisch den Niedergang seiner Kirche voraussieht, weil sie am Zölibat festhält und es immer weniger Seelenhirten gibt. Kittelmann wird von seinem Bischof gedemütigt und resigniert. Der Roman, der immer wieder die 1980er Jahre lebendig werden lässt, dürfte alle Lesergenerationen interessieren.
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die Drohung mit dem Bankenbrief
Die Juwelier-Familie Maringer
Sternstunden mit dem Lehrer Caspers/Englisch als das Sorgenkind
Der Stammtisch und die Kirchenkrise
Senioren brechen Ludgers Schweigen
Caspers‘ Zeit im Luftschutzbunker/Ernste Sorgen um den Deutschlehrer
Kittelmanns Kampf und der Starrsinn der Kirche
Die Idee der Sonderprüfung
Abschied vom verehrten Lehrer
Kauf am Ort und fahr nicht fort/ Harry Huth und das Satzgefüge
Pfarrer-Senior wird verwarnt
Der „unerhörte“ Text für Ludger/Doch ein Licht am Ende des Tunnels
Ludgers Idee einer Schüler-Demo/Arbeit für das „Letzte Ufer“
Nasenbluten durch den Stress/Die Firma von Yvonnes Vater
Mölders stimmt der Prüfung zu
Yvonne lädt zur Party ein/Ohrlochstechen und die Aids-Aufklärung
Die Demo in Arbeit und das Date mit Yvonne
Der letzte Test vor der Verwandtschaft
Montag: Die Stunden vor der Entscheidung/Reagan an Berliner Mauer
Endlich: Die Lösung der „unerhörten“ Hausaufgabe
Manöverkritik am Prüfungstag
Weichenstellung für die Schüler-Demo
Johannismarkt und Schülerdemo
Der Demo-Slogan hoch am Himmel
Erfrischung für die Caspers-Kinder/Demo deutschlandweit beachtet
Todesangst nach Brillant-Verlust
Charlie Chaplin als ‚Anwalt der Kleinen‘
Ein Zeugnis ‚Zweiter Klasse‘
Die Tragik um den Dr. Mölders/Rainer Maringer und die Mundharmonika
Geburtstagsfeier bei Yvonne – Gefahren durch Vitrinen-Knacker
Ludgers „Neues Schuljahrs-Marketing“
Melinas erotische Attacke
Ludger Maringer kam vom Fußballtraining nach Hause zurück. Die Sporttasche noch in der Hand, steuerte er die elterliche Küche an. Er hatte die Hoffnung, vor dem Abendessen einen Müsliriegel oder etwas anderes ‚Verwertbares‘ zu erhaschen. Seine Aufmerksamkeit zog unwillkürlich ein auseinandergefaltetes Schreiben auf sich. Es lag auf dem Küchentisch und war von Mutter oder Vater offensichtlich vergessen worden.
Ludgers Blick fiel auf den Kopf des Blattes, wo der Schriftzug „Sparkasse Ostwaldland“ Auskunft über den markanten Absender gab. Dem Jungen war das Geldinstitut durch sein Sparbuch und kleine nützliche Geschenke zum alljährlichen Weltspartag ein Begriff. Er begann wie von selbst das an seine Eltern gerichtete Schreiben zu lesen. Sein Erschrecken vergrößerte sich mit jeder Textzeile:
„Die Umsätze Ihres Uhren/Schmuck-Einzelhandels Geschäfts sind in den letzten beiden Jahren kontinuierlich zurückgegangen. Daher erscheint die Bedienung des Ihnen für die Ladenmodernisierung zur Verfügung gestellten Kredits problematisch. Wir halten es also für geboten, mit Ihnen über Ihre geschäftliche Situation und Ihre Einschätzung der künftigen Geschäftsentwicklung zu sprechen. Vereinbaren Sie bitte zeitnah einen Termin mit dem Leiter unserer Kreditabteilung. Bei dieser Gelegenheit sollten sowohl Gründe für die Umsatzverluste angegeben werden als auch Möglichkeiten zur Geschäftsankurbelung Ihrerseits geäußert werden.“
Ludger wurde es schwarz vor Augen. Ihm war sofort klar: Es ging um das 400.000-Mark –Darlehen. Seine Eltern hatten es aufgenommen, um ihren in die Jahre gekommenen Facheinzelhandelsbetrieb aufzumöbeln. „Wir müssen mit der Zeit gehen, sonst gehen wir mit der Zeit“, hatte der Vater einen von kleinen Firmeninhabern gern genutzten Spruch ins Feld geführt. Architekt Leo Graf, ein Schulfreund des Vaters und erfahren in Geschäftsumbauten, hatte mit einem modernen Konzept überzeugt:
Die Ladentür wanderte einige Meter nach hinten, so dass rechts und links eine Passage entstand. Diese verdoppelte die Schaufensterfläche, „unser wirkungsvollstes und preiswertestes Werbemittel“, wie der Vater zu sagen pflegte. Und noch eine Neuerung hielt Einzug: Die hintere Ladenwand wurde teilweise geöffnet und gab den Blick frei in die Uhrmacher- und Goldschmiedewerkstatt. „Wir sind handwerklicher Meisterbetrieb, und das soll jeder sehen“, war die Devise des Vaters.
Der Brief der Sparkasse hatte Ludger Maringer schlagartig die Augen geöffnet: Die Hoffnungen, mit einem runderneuerten Geschäft die eingetretenen Umsatzrückgänge zu stoppen und neu Gas zu geben, hatten sich offensichtlich nicht erfüllt. Der Junge durchlitt einen unruhigen Abend. Warum hatte die Aussicht getrogen, in frischem aktuellem Look Stammkunden zu halten und neue Käufer anzuziehen? War die Lage so ernst, dass das Geschäftshaus zwangsversteigert werden und die Familie irgendwo zur Miete unterkommen müsste? Ganz zu schweigen von der beruflichen Existenzsicherung der Eltern. Die Tagesschau an jenem Sommertag im Jahre 1987 rollte an Ludgers teilnahmslosen Augen vorüber. „Eine Pflichtsendung für jeden jungen Staatsbürger. Ich stelle Fragen darüber“, wie sich Sozialkundelehrerin Dackel-Käferstein mit drohendem Unterton äußerte.
Mit halbem Ohr und leerem Blick sah der junge Maringer die aktuellen Ereignisse an sich vorüberziehen. Was bedeutete es für ihn, dass Papst Johannes Paul II. für fünf Tage die Bundesrepublik Deutschland besuchte, dass in Berlin 300 Polizisten bei Demonstrationen und Krawallen verletzt wurden und dass der baden-württembergische Sozialminister Berichte bestätigte, wonach verunreinigte Flüssigeier aus den Niederlanden unter anderem zur Herstellung von Nudeln verwendet wurden? Diese Neuigkeiten lagen für den Schüler weit weg. Denn die Existenzgrundlage seiner Familie, das schöne Juweliergeschäft, das stattliche Geschäftshaus mit der kleinen ‚grünen Lunge‘ dahinter, die Wertschätzung, die sich seine Familie in Ostwaldstadt und Umgebung erworben hatte, schienen in Trümmer zu gehen.
„Schaut euch an, was in der Welt passiert“, hatte die Sozialkundelehrerin gefordert, „wer ein guter Staatsbürger sein will, muss die Geschehnisse beobachten, zu verstehen versuchen und sich eine Meinung bilden, um später einmal überlegte Wahlentscheidungen zu treffen.“ Doch der Junge erlebte eine hautnah zupackende Gewalt. Ihr eiserner Griff drohte die Familie zu erdrosseln. Ludger wagte nicht, seine Zukunftsängste den Eltern anzuvertrauen. Zeigte nicht ihr Schweigen über finanzielle Dinge gegenüber Ludger und seiner vier Jahre jüngeren Schwester, dass man die Kinder nicht in Aufregung versetzen wollte? Sie sollten möglichst unbeschwert und unbelastet ihre Jugend verleben, die ohnehin durch ein stressiges Schülerdasein und viel Sport wenig Zeit für Müßiggang bereithielt.
In der Nacht hatte der Junge einen schrecklichen Traum. Zeichen dafür, dass er die Nachricht von der prekären finanziellen Situation der Familie nicht verarbeiten konnte. Ein Gerichtsvollzieher erschien mit einer mächtigen Dogge. Die Haustür blieb trotz seines energischen Klingelns verschlossen. Rabiate Faustschläge gegen das Holz vor ihm folgten. Daraufhin drohte er: „Morgen komme ich mit der Polizei!“ Auch in der folgenden Nacht trieb die Sorge um die elterliche Existenz den Jungen in beängstigende Träume: „Totalräumung wegen Geschäftsaufgabe“, verkündeten knallige breite Spruchbänder an der Fassade. Einige Klassenkameraden fragten hämisch: „Wie fühlt man sich so, wenn man bankrott ist?“
Ludger schämte sich vor allem darüber, dass er die Zeichen des Niedergangs nicht registriert hatte, also auch teilnahmslos geblieben war: Zwischen dem Großvater und den Eltern gab es öfter lautstarke Auseinandersetzungen. Diese fanden augenblicklich ihr Ende, wenn eines der Kinder den Raum betrat. Dem Jungen hätte es zu denken geben müssen, dass der tüchtige Uhrmacher Uli Schmidt verabschiedet worden war. Er hatte durch Vermittlung der Handwerkskammer in einem feinmechanischen Medizintechnik-Unternehmen eine neue Arbeitsstätte gefunden. Dafür kam der 75jährige Großvater immer öfter in die Werkstatt. Dort verlieh er Klein- und Großuhren dank jahrzehntelanger Erfahrung wieder Leben und Zuverlässigkeit. Besonders peinlich empfand es Ludger, dass er einige Wochen zuvor mürrisch und enttäuscht gemeinsam mit Schwester Eva eine Verkündigung des Vaters aufgenommen hatte. Der in den Sommerferien geplante Familienurlaub in Andalusien würde ausfallen.
Ludger (16) war Schüler der Klasse 10 b des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in Ostwaldstadt, Sitz der Kreisverwaltung des Ostwaldkreises und – dem Namen gemäß – östlich des Mittelrheins gelegen. Der Junge war wieselflinker und dribbelstarker Stürmer in einer Jugend-Fußballmannschaft des TuS Ostwaldstadt. „Du machst oft einen Schlenker zu viel, statt gradlinig Richtung Tor zu gehen und eiskalt zu verwandeln“, kritisierte ihn Trainer Seppl Eichhorn. Er galt in seiner Heimatstadt als Pokalheld, weil er einst als aktiver Spieler im Elfmeterschießen den entscheidenden Strafstoß ins rechte obere Toreck gejagt und die fünf Klassen höhere Borussia aus Dortmund aus dem DFB-Pokal geworfen hatte.
Eichhorn bewahrte in einem Zettelkasten Sprüche auf, wie sie Radio- und Fernsehkommentatoren oder auch Stars des runden Leders in Interviews von sich gaben: „Ihr müsst kompakt stehen.“ – „Das Verschieben klappte heute nicht.“ – „Die Abwehr feierte eine Querpass-Orgie, und unser Stoßstürmer hing voll in der Luft.“ – „Als Trainer bin ich ein akribischer Arbeiter.“ Mit solch klugen und messerscharfen Diagnosen gab Eichhorn seinen Analysen den Touch eines Magiers, der ein Spiel zu ‚lesen‘ verstand.
„Spott und Häme sind eigentlich nicht angebracht“, nahm Vater Maringer den Trainer in Schutz, wenn Ludger davon berichtete, wie sich einige Mannschaftskameraden über ihren Übungsleiter lustig gemacht hatten. „Grundsätzlich verdienen Ausbilder wie Eichhorn weit mehr Anerkennung, weil sie einen Teil ihrer Freizeit opfern. Vor allem müssten Profivereine dankbar sein, dass sie sich für einen Betrag aus der Portokasse junge hochtalentierte, ausgebildete Spieler aus kleinen Vereinen an Land ziehen.“ Noch einmal Seppl Eichhorn: „Ludger wird seinen Weg gehen.“ Dies dürfte er wohl nicht nur auf den Sport bezogen haben.
Ein Auge geworfen auf den gertenschlanken, drahtigen Fußballspieler hatte Yvonne Schmidtbauer (14). Man sah sich öfter auf dem Schulhof, und kürzlich kam es sogar zu einem Gespräch, als Ludger das Mädchen ansprach, von dem er wusste, dass es Tennis spielt: „Hast du Steffi Grafs Sieg über Martina Navratilova im Fernsehen verfolgt?“ – „Natürlich habe ich“, freute sich Yvonne über Ludgers Interesse an ihrer Lieblingssportart, „das war der erste deutsche Sieg in einem Grand-Slam-Turnier.“
Yvonnes Freundinnen, die offenbar mit ihr unzertrennlich waren, kicherten und tuschelten geheimnisvoll. Sie hatten den kurzen Wortwechsel aufmerksam beobachtet und gaben ungefragt gleich ihre Kommentare ab: „Der ist ganz klar in dich verknallt.“ – „Gib acht, dass du nicht Fußballerbraut wirst“, ein ganz schlimmer Abstieg, weil sich geistig meist nicht hochstehende Fußball-Stars mit eher dümmlich wirkenden aufgetakelten Blondinen umgaben.
„Was hat er nur?“ wunderte sich das Mädchen einige Tage später. Es wollte ihn bei einer zufälligen Begegnung im Postamt forsch ansprechen und Ludger erfreuen durch ihr Wissen um den zehnten Deutschen Meistertitel des FC Bayern München. Doch der Junge machte eine abweisende Handbewegung, schien kein Interesse an Konversation zu haben und ging seiner Wege. Ludger war nicht mehr er selbst. Natürlich bemerkten dies seine Lehrer, eher als die Eltern, deren Gedanken zunächst einmal mehr um ihre geschäftliche Lage kreisten als um den Seelenzustand ihres Ältesten.
Wir sollten uns Zeit nehmen, die Familie Maringer näher kennenzulernen: Ludgers Vater Hanno (44) ist Goldschmiedemeister. „Uhrmacher wollte ich nicht werden. Die Topmarken verkleinern Jahr für Jahr ihren Händlerkreis. Einige Großkonzerne haben Uhrenhersteller aufgekauft, ebenso Manufakturen aus anderen Branchen und bieten unter ihrem Weltmarkennamen hochwertige Produkte an, von Parfüms über Alkoholika bis zu Bekleidung, Schuhen und Koffern. Einige Lieferanten betreiben ausschließlich hauseigene Filialen, streichen also sowohl die Hersteller- als auch die Händlerspanne ein, verdienen unvergleichlich gut und können sich die lukrativsten Standorte in besten Lagen großer Städte leisten.“ Aber Hanno Maringer sah keinen Anlass für Verzweiflung:
„Als Goldschmied vermag ich aber selbst kreativ zu sein und kann auch spezielle Schmuckwünsche meiner Kunden erfüllen. Wer Konzessionär, also Partner von Uhren-Weltmarken werden will, muss wenigstens in einer mittelgroßen Stadt residieren (unsere Kleinstadt käme ohnehin nicht in Frage), ein hochmodernes Ladenlokal mit Meisterwerkstatt und ausgebildetem Fachpersonal vorweisen (was bei uns der Fall ist). Außerdem verlangen die Hersteller von ihren Juwelieren, dass die Ware wirkungsvoll präsentiert wird (was wir auch leisten). Nicht aber können wir eine beachtliche jährliche Mindestabnahmemenge einkaufen, darunter auch weniger verkaufsstarke Modelle, die später als ‚Schätzchen‘ Neueinkäufen im Weg sind.“
Wurde Hanno Maringer nach der geschäftlichen Situation gefragt, verdüsterte sich die Miene des Mittelständlers: „Billig-Quarzuhren sind zu Massenartikeln geworden. Wenn sie einmal laufen, tun sie meist viele Jahre ihren Dienst. Reparaturen lohnen sich nicht. Ein neues Quarzwerk kostet nicht viel. Mechanische Uhren dagegen können technische Wunderwerke sein und haben ihren Preis. Es wird sie auch noch in 100 Jahren geben. Aber wir verkaufen halt weniger davon als vor der Quarz-Schwemme. Ähnlich ist es beim Schmuck, wo billigeres Silber vor allem bei jungen Leuten Gold und Platin abgelöst hat.“
Ilse Maringer (41) hat Mutter- und Hausfrauenpflichten, war aber zusätzlich täglich einige Stunden als freundliche und versierte Uhren/Schmuck-Fachverkäuferin tätig: „Im Handel gibt es immer wieder den Wechsel zwischen Hochs und Tiefs. Wirtschaftskrisen treffen uns bis ins Mark, denn Zeitmesser und schmückende Accessoires hat jeder und kommt auch bei finanziellen Durststrecken über die Runden. Unsicherheit und Existenzsorgen der Verbraucher treffen unsere Branche mit ihren langlebigen Gütern besonders hart. Was uns freut, ist der in diesem Jahr sehr hohe Goldkurs. Statt des weit billigeren Silberschmucks tragen wieder mehr Verbraucherinnen ihre goldenen Wertstücke. Warum sich also nicht mit Kostbarkeiten schmücken, die wegen ihrer Exklusivität Besitzerstolz und Glücksgefühle vermitteln?“
Evchen (12), Ludgers jüngere Schwester, hatte eine langwierige Drüsenerkrankung zurückgeworfen und gezwungen, vom Gymnasium zur Realschule überzuwechseln. Dort fing sie sich wieder und brachte ordentliche Noten heim. In der Rhythmischen Sportgymnastik fand sie einen spannenden Freizeitausgleich. Erstmals schaltete sich Evchen vor Weihnachten und Ostern, wenn viel Betrieb im Laden herrschte und Kunden nicht sofort bedient werden konnten, ins Verkaufsgeschehen ein und spielte Empfangsdame. Erwachsenen Besuchern bot sie einen Platz in der kleinen Sitzecke an, wo hauseigene Werbeflyer und Lieferantenprospekte auf Lektüre warteten. Auf Wunsch gab es Kaffee, Wasser oder Saft.
Kleine Kinder fassten sofort Zutrauen zum freundlichen jungen Empfangsfräulein, wenn es eine kleine Kiste mit Lego- und Playmobil-Spielsachen holte und damit Jung und Alt erfreute. Die einen genossen unerwartet kreative Kurzweil, die anderen kosteten das ungestörte Aussuchen und Anprobieren aus. Wie freute sich das Kind, wenn Kunden bei Evchens Eltern auf diesen Service mit Lob reagierten und zuweilen sogar ein kleines Trinkgeld spendierten.
Ernst Maringer (75) war Ludgers Großvater väterlicherseits, seit einigen Jahren Witwer und Uhrmachermeister im Ruhestand. Das Geschäftliche hat er längst an Sohn und Schwiegertochter übergeben. Als Ass erwies er sich immer noch beim Wiederflottmachen von Armbanduhren über Wecker und Kaminuhren bis zu respektablen Wand- und Standuhren. „Ab und zu bekomme ich einen alten Mechanik-Chronographen rein. Das oft komplizierte Werk zerlege ich und arbeite es wieder auf. Bei den meisten aktuellen Weltmarken gilt aber ein ‚kleiner‘ Uhrmachermeister auf dem Land wenig. Viele liefern an mich und meinesgleichen keine Ersatzteile. Nur die dünn gesäten Vertragshändler, etwas hochtrabend ‚Konzessionäre‘ genannt, bekommen Austauschware.“
Maringer sah in dem Wort eine Art Verschleierung: „Konzession heißt eigentlich ‚Entgegenkommen‘. Damit ist klar gesagt: Der Hersteller sitzt auf hohem Ross, die Kleinen, also die Fachhändler und Fachhandwerker, müssen froh und dankbar sein, wenn sie zum erlauchten Abnehmerkreis gehören. Lasst die Kleinen leben, dieser Slogan gehört nicht zu ihrem Vokabular.“ Eine Menge Bitterkeit schwang in Ernst Maringers Stimme mit, wenn er darüber sprach. Am liebsten sei es den Konzernen, so war die Erfahrung des altgedienten Meisters, wenn Uhren zum Service gleich ins Herstellerwerk gehen, was für den Kunden oft mit hohen Kosten verbunden sein kann. Andererseits, dies musste Maringer zugeben, wollen Hochpreislieferanten sicherstellen, dass nicht auch der eine oder andere Dilettant ein Topuhrenwerk vermurkst.
Bei Ludger Maringer war zu befürchten, dass sein ‚Geheimnis‘, nämlich die Kenntnisnahme des Sparkassenschreibens an seine Eltern, vollends seine düstere Gedankenwelt bestimmt und er in eine Art Depression abgleitet. Er war kein guter Schüler, aber immer versetzt worden und jetzt in der Klasse 10 b des Ostwaldstädter Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums. Deutsch war sein Lieblingsfach, wo Oberstudienrat Rudolf Caspers die Fäden zog.
„Später im Beruf wird man euch nach dem ersten Geschäftsbrief, den ihr verfasst, nach dem ersten Protokoll, das ihr anfertigt, und nach dem ersten Rechenschaftsbericht, den ihr abgebt, danach beurteilen, ob ihr für Führungsaufgaben in Frage kommt oder bloß 08/15-Sachen bearbeiten dürft. Also müsst ihr schreiben und vortragen können. Sprecht auch, wenn ihr allein seid, laut und deutlich Gedichte, Prosatexte und anspruchsvolle Zeitungsartikel“, war das Credo des Pädagogen.
„Ihr müsst eure Stimme hören, um am deutlichen Ausdruck zu feilen. Was in Fernsehfilmen und im Kino an Sprachqualität auf euch niederprasselt, ist oft eine unzumutbare Sprachverhunzung. Die digitale Revolution wird uns in einigen Jahrzehnten überrollen. Aber glaubt nur ja nicht, dass die in der Entwicklung befindlichen elektronischen Datenverarbeitungsanlagen mit ihrer Sprachvereinfachung unser gutes Hochdeutsch ersetzen werden. Sprachkenner und Sprachkönner werden nötiger sein denn je.“
Die Klasse hörte aufmerksam zu. Caspers (46) war ein Mann wie aus einem Modemagazin: Kurz geschnittenes volles Haar, im Gegensatz zu den meisten männlichen Lehrerkollegen, die im Freizeitlook auftraten, stets korrekt gekleidet mit Anzug und Krawatte. „Ein wahrer Schwiegermutter-Typ“, charakterisierte ihn Klassenkommentator Erich Holzenthal. Der Pädagoge verfügte über eine angeborene Autorität, wirkte stets glaubhaft und verstand es, persönliche Erlebnisse zur Spannungssteigerung im Unterricht einzusetzen.
„Wenn ihr weiterhin gut mitarbeitet, erzähle ich euch am Schuljahresende, wie ich nach dem Krieg während meines Studiums in Bonn mit einigen Kommilitonen in einem ausgedienten Luftschutzbunker gewohnt habe“, verkündete er nach Pfingsten, und seine ernste Miene verriet, dass ein außergewöhnlicher Erfahrungsbericht bevorstand.
Ludger mochte den Pädagogen schon seit der Orientierungsstufe. In Klasse 5 und 6 war er bereits sein Klassenlehrer. Einmal brachte er am letzten Schultag vor den Sommerferien zwei Dutzend Blechspielsachen mit und zog deren Federmotoren auf. Zum grenzenlosen Erstaunen und Vergnügen der 10- und 11-Jährigen kreiste auf dem Lehrertisch ein buntes Karussell, schwang ein Elefant auf einem Dreirad seine Beinchen, während sich auf seinem Kopf kleine Blechschilder zu einer Art drehendem Heiligenschein vereinigten. Gleichzeitig präsentierte ein Clown Pirouetten, spielten sich zwei Tischtennisspieler rasend schnell ein Bällchen zu und verfolgte ein Walfisch mit drohend aufgerissenem Maul ein an einer Schnur vor ihm fliehendes Fischlein. Dieses kam mittels der kürzer werdenden Schnur dem gefräßigen Verfolger immer näher, dessen geöffnetes riesiges Maul den kleinen Fisch aufschnappte und blitzschnell im Innern versenkte. Eine für die meisten Kinder sensationelle Vorstellung, weil sie solches noch nie erlebt hatten.
Highlights wie diese blieben haften und umgaben den ansonsten leistungsorientierten Lehrer mit einer freundlich-gewinnenden Aura. Und wie gut Caspers vorlesen konnte! Gebannt hingen die Schüler an seinen Lippen, wenn er eine Kurzgeschichte von Böll oder Lenz vortrug und dabei alle Facetten von informativer Sachlichkeit bis zu hintergründiger Ironie oder beißender Satire vortrug. So machte er beim Lesen von Thomas Manns Erzählung „Tristan“, als die Figur „Magistratsrätin Spatz“ eingeführt wurde, eine winzige Staupause zwischen den beiden Wörtern, um zu dokumentieren, wie der Autor den Ehrfurcht heischenden Titel mit einem simplen Familiennamen parallelisierte. Ein schönes Beispiel für Namensironie.
„Vielfalt und Schönheit unserer Muttersprache hat niemand besser ausgedrückt als der Barockdichter Friedrich Logau vor 400 Jahren: ‚Kann die deutsche Sprache schnauben, schnarchen, poltern, donnern, krachen, kann sie auch liebkosen, schmeicheln, tändeln, spielen, lieben, lachen‘, zeigte der Deutschlehrer gleichzeitig ein Beispiel für die lange Entwicklungsgeschichte der Muttersprache auf. „Aber lesen und vorlesen ist ein himmelweiter Unterschied: Beim Vorlesen dürft ihr nicht am Text kleben, sondern müsst immer wieder aufschauen und die Zuhörer mitnehmen. Dann merkt ihr etwas Wunderbares, nämlich: Die Zuhörer lassen sich auf den Vorleser/die Vorleserin ein und folgen ihm/ihr willig.“
Eine der sagenhaften ‚Belohnungsstunden‘, an die sich Ludger gern erinnerte, galt Carl Zuckmayer. Paul Hütte und er hatten sich in der Schulbibliothek Informationen über Leben und Werk des Dichters besorgen sollen und mit je einem Fünf-Minuten-Referat die Unterrichtsstunde eingeleitet. Die Klasse erkannte: Zuckmayers Leben war ein Spiegelbild für viele Verfolgte der Nazi-Herrschaft. Er emigrierte 1933 nach Österreich, später in die Schweiz und in die USA, wo er sich als Viehzüchter durchschlug. Er kehrte 1946 als US-Staatsbürger zurück und lebte als schweizerischer Staatsbürger von 1958 bis zum Tod 1977 in Saas-Fee im Kanton Wallis.
Auf dem Lehrertisch standen Zuckmayers Gesammelte Werke in vier Dünndruckbänden und seine Autobiographie „Als wär’s ein Stück von mir“. Caspers berichtete, dass er in seiner letzten Examensarbeit ‚Satirische Züge‘ im Werk des in Rheinhessen geborenen Dichters aufdecken und analysieren sollte. Ein Brief mit einigen Fragen war an Zuckmayers damaligen Wohnort Saas Fee hoch oben in die Schweizer Alpen geschickt worden. Der Deutschlehrer zog zur Überraschung der Klasse das Original-Antwortschreiben des Autors von Weltrang vom 10.2.1966 hervor und las vor:
„Sehr geehrter Herr Caspers, da in großer Arbeit, antworte ich kurz. Ich halte mich nicht für einen Satiriker. Die Schärfe und Bitterkeit der Satire liegen mir nicht. Im ‚Hauptmann von Köpenick‘ und auch in anderen Werken gibt es natürlich satirische Züge, die mehr oder weniger gesellschaftskritisch sind. Das Soldatentum ist im ‚Hauptmann von Köpenick‘ nicht Gegenstand der Satire, sondern vor allem der Untertanengeist und die Bürokratie. Daher ist das Stück vermutlich heute noch aktuell. Ich mache einen Unterschied zwischen Humor und Satire. Ich glaube meinerseits, eher dem ersteren zuzuneigen.“
Der Pädagoge erläuterte, dass Zuckmayer hier einen Ausdruck aus dem Beginn des Nibelungenliedes verwendet, wo von „grozer arebeit“ im Sinn von Arbeit als Mühsal die Rede ist. Vor allem körperliche Beschäftigung musste von den Menschen in früheren Zeiten meist als ‚Maloche‘ angesehen werden. Auch geistiges Tun war für den Dichter sicherlich anstrengend gewesen. Er hatte damals gerade seine Autobiographie vollendet. „Dieser Brief hat im ersten Moment auf mich reichlich ernüchternd gewirkt, obwohl ich noch heute stolz darauf bin, dass ein solch berühmter und viel beschäftigter Mann Zeit gefunden hatte, einem namenlosen Studenten Rede und Antwort zu stehen“, war Caspers hin- und hergerissen bei der Bewertung der Post aus der Schweiz.
Ein Mitschüler glaubte zu wissen, warum der Deutschlehrer gegenüber dem Brief des Dramatikers nicht nur euphorisch, sondern auch abgekühlt reagierte. „Dann war doch das Examensthema falsch gestellt, wenn der Dichter etwas anderes sein will, als ihn die Fachwelt beurteilt“, warf Arno Scholz ein, der unangefochtene Primus im Fach Deutsch. „Ganz im Gegenteil“, konterte Caspers, „für mich war jetzt klar: Ich konnte beweisen, dass Zuckmayer Unrecht hat und z.B. in ‚Der Hauptmann von Köpenick‘ und in ‚Des Teufels General‘ Paradebeispiele für literarische Satire stecken.“
Dies machte der Deutschlehrer an Hand einiger Textausschnitte deutlich. „Was hatten Sie denn für eine Note bekommen?“ fragten einige Neugierige. Doch so etwas Persönliches wollte Caspers denn doch nicht verraten. Jedenfalls hatte er die 10 b wieder einmal verblüfft und seinen Zeiger auf der Ansehens- und Beliebtheitsskala ein weiteres Stück nach oben geschoben.
Während Ludger im Fach Deutsch sicherlich die Note „gut“ erwarten konnte, sah es im Englischen düster aus. Hier regierte Oberstudienrat Dr. Andreas Mölders, Mittfünfziger, Wanderfreund und Vorsitzender des Ostwaldvereins, auch im Schuldienst bekleidungsmäßig als Wandervogel erkennbar. Der Anglist verfügte über hohe Fachkompetenz, aber auch über ebensolche kühle Unnahbarkeit. Ludger schien es, als ob der Erzieher die Klasse in zwei Kategorien einteilte, diejenigen, die mindestens ‚ausreichend‘ waren, und jene, die unter dem Strich lagen und bei denen Hopfen und Malz verloren war und es sich daher auch nicht lohnte, den Schülern Leistungswillen und Motivation zu vermitteln.
