Eine verdammt gute Geschichte - Beate Lau - E-Book

Eine verdammt gute Geschichte E-Book

Beate Lau

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Beschreibung

Als Charlotte in ihr Heimatdorf zurückkehrt und es sie mit Hoffnung und Freude erfüllt, weiß sie, dass ihr Vorhaben, Rosendorf neu zu beleben, gelingen wird. Mit übermäßigem Tatendrang und genügend Motivation für die gesamte Dorfgemeinschaft versucht sie ihre Herzensangelegenheit so umzusetzen, dass alle Beteiligten davon überzeugt sind und daraus Gewinn tragen können. Trifft Charlotte anfänglich auf sture Männer, kann sie mit Unterstützung der Frauen Geplantes in die Tat umsetzen. Und was ist eigentlich mit ihrer einst großen Liebe zu einem Mann in diesem Dorf? Wird sie ihn wiedersehen?

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Seitenzahl: 98

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Impressum 2

Einleitung 3

Erinnerungen 6

Der Bäcker 10

Und es war Frühling 12

Was wollen die Frauen? 22

Der Rechtsanwalt 25

Zweite Versammlung 28

Tante Louise 33

Der Ball 35

Die Milonga 42

Reflektion: Gespräch mit meiner Seele 46

Treffen der Glockenblume mit Herrn Lüders 49

Die Gräfin-Mutter 51

Spurensuche 54

Vor dem Sturm 58

Der Kreis schließt sich 62

Anhang zur verdammt guten Geschichte 70

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-473-1

ISBN e-book: 978-3-99107-474-8

Lektorat: Anna Paul

Umschlagfotos: Khaneeros Thongboonyang, Kyolshin, Anneleven | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Einleitung

Heimweh und Sehnsucht schmerzen. Deshalb half ich ab und zu meiner Seele und träumte uns beide in das Bilderbuchdorf unserer Kindheit und Jugend zurück. Ja, ich spreche gern mit meiner Seele. König David tat das auch, ich bin also in guter Gesellschaft. Er fragte sie: „Was betrübst du dich, meine Seele und bist so unruhig in mir?“ (Altes Testament, Ps 42,6)

Die Kirchturmuhr schlägt gerade zwölfmal. „Mittagbrotzeit“. Eine leer gefegte Freistraße breitet sich vor mir aus. High Noon. So war es auch in früheren Zeiten.

Helle Sonnenstrahlen tanzen auf alten blassrosa Dächern. Verschlissene Häusergiebel reihen sich nebeneinander anlehnend zu einem samtig verblichenen Vorhang wie bei einem Bühnenbild. Ein freundlicher Willkommensgruß für mich, Charlotte. Ich bin so lange nicht mehr hier gewesen, hier in Rosendorf.

Vor meinen Füßen schlängelt sich der schmale Bach entlang der verfallenen Schlossmauer. Dicke Steine liegen auf seinem Grund. In ihm wäre Uli, als er vier Jahre alt war, fast ertrunken. Ich schlendere weiter. Auf den mittelalterlichen Pflastersteinen komme ich schon mal ins Stolpern. Hier sind wir Kinder im Winter mit dem Schlitten lang gehoppelt, statt gerutscht. Ich erinnere mich an diese Winter. Diese Winter hatten immer viel Schnee für hitzige Schneeballschlachten und klirrende Kälte mit zugefrorenen Teichen zum Schlittschuhlaufen und auch Einbrechen.

Jeden Herbst gab es Mengen von Kastanien und Eicheln. Unsere Eltern fegten hohe Laubberge zusammen und wir Kinder und Jugendlichen sprangen hinein und rissen sie wieder auseinander. Eine liebe Tante meiner Familie spazierte zu Ostern mit uns die Waldwege entlang. Wir fanden am Wegesrand bunte Ostereier (die vorher versteckt wurden) und die Tante rezitierte „Goethes Osterspaziergang“ aus vollem Herzen. Und wir kicherten. Es blühten lilablaue Veilchen am Weg und Himmelschlüsselchen leuchteten hellgelb in den anliegenden Wiesen. Ein Bilderbuchdorf, ein Bestseller.

Doch in dieser heilen Natur gab es wenig bezahlte Arbeitsplätze und so zogen wir dann, nach einem wunderschönen Sommer, in die Stadt: meine Eltern, Uli und ich. Ein schmerzlicher Verlust für mich.

Ich bin nun am „Berliner Platz“ angekommen. Zwei hohe Linden wachen immer noch vor dem jetzt verlassenen Eingang zur kleinen Kneipe. An Abenden, wenn das Wetter es gut mit uns meinte, versammelten wir Jugendlichen uns hier. Ein ganz bestimmter Pfiff auf zwei Fingern rief uns alle zum Treffen. Dann teilten wir uns auf, um Räuber und Gendarmen zu spielen. Beim achten Schlag der Kirchturmuhr hieß es: „Das Spiel ist aus“, ganz egal, welche Gruppe gerade dem Sieg nahestand. Ich probiere den Pfiff auf zwei Fingern, es gelingt mir nicht. Vorbei.

Links neben der Kneipe läuft die Kantstraße ihrem Ende entgegen. Sie mündet an der Ecke in die Goethestraße. Genau dort, dort steht das kleine weiße Haus mit den bunten Blumenkästen. Sie sind mit Geranien bepflanzt wie zu jener Zeit. Ich sehe von hier aus das dunkle Holztor zum Hof, braun und groß – geschlossen.

In diesem Haus wohnte jener Eine und Besondere. Unter all den Jungen im Dorf war er der Eine, den alle Mädchen verehrten: Groß gewachsen, 18 Jahre jung, schon mit breiten Schultern, schlanke Figur, blaue Augen, ein ganz wenig, wirklich nur ein ganz wenig gelockte Haarspitzen, etwas länger, als die anderen Jungen die Haare trugen. Einfach hinreißend. Er war intelligent, stand kurz vor dem Abitur, hatte gute Manieren, mit einer unwiderstehlichen Anziehungskraft. Was soll ich noch mehr sagen, ich musste mich in Fritz verlieben, in ihn, meine große und einzige Liebe.

Und ich hatte so ein Glück. Mich hat er ausgewählt aus uns albernen kichernden Mädchen. Ich ging mit ihm des Nachmittags spazieren, auf den langen Wegen im Schlosspark, auf den sandigen Sommerwegen hinter der Gärtnerei entlang und zum Schwimmen in die Badeanstalt, weit raus aus dem Dorf. Ich saß beim Ritterspiel auf seinen Schultern und die anderen Mädchen schauten sehnsüchtig herüber. „Na, mein Dirn“, sagte meine Liebe zu mir und ich merkte, ich schmolz dahin. Ich war ihm wichtig, dachte ich und es konnte gar nicht anders sein.

Erinnerungen

Weit vom Dorfgeschehen entfernt, über den geheimnisvollen und dunklen, mit mächtigen Eichen bewaldeten Eiskuhlenberg hinweg, waren die Schrebergärten der Dorfbewohner angelegt. Keiner weiß genau, was am Eiskuhlenberg geschehen ist, aber in den Köpfen der Dorfbewohner spuken gefährliche Geschichten wie Mord und Totschlag. Die Erwachsenen zogen ihre Gesichter stets in einen rätselhaften Ausdruck und hoben ihre Augenbrauen hoch, wenn von diesem Ort die Rede war.

Der Weg dorthin war bei uns Jugendlichen sehr beliebt und auch gleichzeitig unheimlich und furchterregend. Wir erwarteten immer und trotz alledem hoffnungsvoll irgendein mysteriöses Geschehen. Hinter jedem Geräusch vermuteten wir Geister und Unheil. Wichtig war auch gleichzeitig, dass die Erwachsenen keinen „Zugriff“ auf uns hatten, zum Beispiel beim Klauen der Äpfel oder „Kirschen aus Nachbars Garten“ pflücken, die bekanntlich so süß schmeckten, und auch Möhren gab es hier zu ernten. Das waren besonders kreative Taten in unserem Sinn, die sich äußerster Beliebtheit und großem und lauten Zurufen erfreuten.

In unserem Garten, den wir uns mit der Mutter, bei allen Jugendlichen als Tante Louise bekannt und geliebt, meiner „großen Liebe“ teilten, gab es eine Johannisbeeren-Plantage mit roten, schwarzen und gelben Beerensträuchern. Besonders die schwarzen Beeren, deren Ernte schon Anfang Juli begann, hatten es den Erwachsenen sehr angetan, um Liköre köstlicher Geschmacksrichtungen herzustellen. „Meine Liebe“ und ich bekamen gelegentlich die Aufgabe, Johannisbeeren zu pflücken. Bei den meisten Jugendlichen war diese Arbeit unterstes Niveau, nicht so für uns.

Fritz, so hieß meine „große Liebe“, und ich, wir beide bummelten den Weg hinauf. Ich liebte es, Johannisbeeren zu pflücken, es war ein willkommenes Highlight des Tages.

So allein auf uns beide gestellt, sprachen wir freundlicher miteinander als in einer Gruppe und ließen uns sehr viel Zeit, den Garten zu erreichen. Mir erschien der Weg zum Garten leicht und rosig. Ich fühlte mich – so wie man gern sagt – im siebten Himmel und auf einer dieser glücklichen Wolken. Fritz hatte ein Lächeln um die Augen und wir strahlten uns gegenseitig lange Momente an. Ich bin sicher, es handelte sich um diesen berühmten Ausnahmezustand des Gehirns. Wir berührten uns gar nicht, nur unsere Augen sprachen miteinander. Diese Zuneigung kam sehr rücksichtsvoll und leise daher. Zwischen uns entstand eine Verbindung auf ganz besondere Weise. Bestimmt von diesen verrückten Hormonen gesteuert, denke ich. Es kribbelte in meinem Körper und fühlte sich unbeschreiblich wohltuend an. Wie ein Rausch in Samt und Seide und miteinander Fühlen und einander Wertschätzen.

Diese wunderbare Atmosphäre und das glückliche Toben in der Badeanstalt malte ich in mein Fenster der Erinnerung und träumte es mit offenen Augen, weit entfernt vom Dorf meiner „Liebe“, so oft meine Seele danach verlangte. Ich durchlebte diese vergangene Zeit in meinem Zimmer, in dem in nun wohnte, wieder und wieder. „Na, mein Dirn“, dieser, sein Satz und sein lächelndes Gesicht klangen in mir noch lange nach und schmeichelten mir, sogar bis heute noch, hier in der Freistraße. In meinen Tagträumen wiederholte ich die Spaziergänge und erlebte dabei ein ganz intensives Gefühl von Verliebtsein, das von körperlichen Symptomen wie Kribbeln und Hitze begleitet wurde. Wenn ich dann abends im Bett die Augen schloss, an ihn dachte, ihn mir vorstellte, geriet mein Zimmer in Brand. Orangerote Flammen tanzten vor meinen Augen und mein Herz und meine Seele verbrannten sich beim Tanzen mit der „Liebe meines Lebens“.

Während des Träumens empfand ich ein wohliges Glücksgefühl, das höchst wahrscheinlich auf eine vermehrte Ausschüttung der Botenstoffe Dopamin und Serotonin zurück zu führen war. Dieses Hochgefühl hielt, von Pausen unterbrochen, denn jede andere Beziehung mit Männern scheiterte, mehrere Jahre an. Auch im Alltag, also nicht nur sonntags, kam die Erinnerung.

Hier, in diesem Haus, vor dem ich jetzt seitlich stehe, hat meine „einzige Liebe“ gewohnt. Mein Hals ist ganz trocken und ich atme tief ein. Die Fenster sind, so wie vor 15 Jahren, mit hellen Gardinen dekoriert. Es bewegt sich nichts an den Vorhängen, um vielleicht festzustellen, wer hier draußen mit gemischten Gefühlen wartet. Wartet, worauf?

Natürlich hätte ich mich für ein anderes Dorf entscheiden können. Aber irgendetwas in mir hat sich hartnäckig auf das Dorf meiner Träume festgebissen. Für dieses Projekt „Unser Dorf soll wieder lebendig werden“, das die EU ausgeschrieben hatte, gab es noch mehrere Interessenten von anderen Dörfern. Die Überzeugung, dass meine Entscheidung intuitiv richtig war, ließ in mir kribbelnde Euphorie hoch und höher steigen. So in der Art: Vielleicht treffe ich meine Liebe. Nun ja, dachte ich, es heißt doch: Wunder gibt es immer wieder.

Feine Stiche kriechen jetzt meinen Hals hoch. Hoffnung und Enttäuschung breiten sich in mir aus. Ich senke meinen Kopf nach unten und betrachte meine Schuhspitzen. Resigniert. Ein seltsames Gefühl, das ich nicht so richtig beschreiben kann, steigt in mir hoch. Es schmerzt ein bisschen. Was wollte ich hier eigentlich vor diesem Haus – nach all den Jahren, ohne jeden Kontakt?

Ich hatte einmal einen Brief an meine Liebe geschrieben, irgendwann. Aber die Erwartungshaltung, die ich damit verband, erfüllte sich leider nicht. Es gab keine Antwort.

Und nun hatte ich wirklich angenommen, dass meine „einzige Liebe“ jetzt aus diesem Haus herauskommt und sich freut, mich nach so langer Zeit wieder zu sehen, war ich so naiv? Ich finde mich ziemlich albern.

Es ist besser, auf Vorwürfe zu verzichten, und mich mit mir selbst verzeihend zu einigen und zu denken, was für ein wunderbarer Tag es ist, wieder im Dorf meiner Kindheit und Jugend zu sein. Meine Sightseeingtour ist ja auch noch nicht beendet. Ganz tief mit meinem Gefühlswirrwar beschäftigt, bin ich im Schlosspark angekommen und setze mich auf eine von den wenigen alten Holzbänken. Diese hier, unter der großen Eiche, ist auch ausgerechnet unsere Bank: grün bemoost, verfallen, renovierungsbedürftig. Ich setze mich vorsichtig auf die losen Bretter und meine innere Stimme meldet sich unüberhörbar: Mal abwarten, was das Schicksal vorbereitet hat.

Ich schaue auf mein Smartphone – natürlich bin ich digital unterwegs – und frage Herrn Google, was das Wort „Schicksal“ eigentlich bedeutet. Er sagt, dass Schicksal eine höhere Macht sei, welche die Zukunft der/eines Menschen beliebig beeinflusst und lenkt.

Gut, das glaube und denke ich ab jetzt, das erhebe ich zu meinem Mantra. Weil Gedanken real werden, das sagt die eine, bestimmte Wissenschaft. Nur gegen „beliebig“ habe ich etwas einzuwenden. Und unter „beliebig“ finde ich das Folgende: „Zum Beispiel Kartoffelsuppen gehen immer. Sie sind schnell zubereitet, schmecken gut und können beliebig ergänzt werden.“

Das gefällt mir, das passt. Die höhere Macht, die dabei mitspielt, brauche ich ganz besonders dringend und die beliebige Ergänzung für meine Kartoffelsuppe ist meine „große Liebe“, das ist nun eine beschlossene, fixe Idee.

Der Bäcker