9,99 €
Denn Schuld verjährt nicht. Niemals.
Der pensionierte Verfassungsrichter Rudolf Heppner sorgt durch rechtsradikale Äußerungen zum Thema Deserteure und NS-Justiz für Aufsehen. Es drohen strafrechtliche Konsequenzen. Da die Ermittlungen von Verfassungsschutz und BKA jedoch feststecken, wird die junge Kriminalpsychologin Jasina Behrens mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt. Das Thema bewegt die Psychologin selbst: Sie ist mit ihren Eltern aus Syrien geflohen, ihr jüngerer Bruder blieb zurück, verweigerte den Wehrdienst in der syrischen Armee. Seitdem ist er spurlos verschwunden. In vielen Gesprächen finden Jasina und der ehemalige Richter einen Zugang zueinander, der nicht nur Heppners eigene Familiengeschichte offenbart, sondern auch den Bogen zu dem »Halbjuden« Raimund Bach schlägt, der im Spätsommer 1944 seinen Versetzungsbefehl verweigert und sich über Monate in Amsterdam versteckt …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 610
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Buch
Der pensionierte Verfassungsrichter Rudolf Heppner eckt massiv durch scheinbar rechtsradikale Äußerungen an, es geht dabei um Deserteure und NS-Justiz. Gewaltbereite Aktivisten haben es auf ihn abgesehen. Auch Verfassungsschutz und BKA haben ihn im Visier. Als die Ermittlungen feststecken, schaltet sich die junge Kriminalpsychologin Jasina Behrens ein. Sie soll ein Gutachten über Heppner erstellen. Das Thema bewegt sie selbst: Sie ist aus Syrien geflohen – ihr Bruder blieb zurück, verweigerte den syrischen Wehrdienst und ist seitdem spurlos verschwunden. Doch kann Jasina mit diesem Trauma überhaupt neutral bleiben? Der Auftrag droht ihr zu entgleiten. Und dann offenbart sich, dass Heppners Fall bis in den Spätsommer 1944 zurückgeht. Als der »Halbjude« Raimund Bach seinen Versetzungsbefehl verweigerte und sich über Monate in Amsterdam versteckte …
Arne Jensen war lange Arzt und in der Traumatherapie tätig und interessierte sich schon früh für die jüngere deutsche Geschichte und deren Folgen für die Nachkriegsgeneration. Nach Etwas verborgen Schönes ist Eine vergessene Schuld sein zweiter Roman im Heyne Verlag, in den er sein Spezialgebiet »familiäre Kriegstraumata« erneut einfließen lässt. Arne Jensen lebt mit seiner Familie in Hamburg und Schleswig-Holstein.
Etwas verborgen Schönes
Arne Jensen
Roman
WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Originalausgabe 01/2026
Copyright © 2026 dieser Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Hanna Bauer
Umschlaggestaltung: zeichenpool unter Verwendung von Trevillion Images (Magdalena Russocka), Adobe Stock (yamonstro, voloshin311), Shutterstock.com (Steve Photography)
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-31815-4V001
www.heyne.de
Für die Opfer von Gewalt, Verfolgung und Entrechtung
Frieden kann nicht mit Gewalt erhalten werden.
Er kann nur durch Verständnis erreicht werden.
(Albert Einstein, 1879–1955)
Köln-Deutz, Juni 2023
Die Nase des Mannes glich einer überzüchteten Erdbeere. Die riesigen Poren glänzten fettig, das leuchtende Rot wirkte unnatürlich und wurde an der Basis abgelöst von einem ungesunden Gelbweiß. Er trug eine verspiegelte Carrera-Sonnenbrille, die bereits vor einem halben Jahrhundert aus der Mode gewesen war. Dazu ein Basecap, dessen Schirm abgestoßen und fransig seine Stirn bedeckte. Ansonsten war er weder auffallend groß noch klein, das Haar hatte jenes nichtssagende Braun, das man täglich hunderttausendfach sah. Sein Blaumann wies ihn als Mitarbeiter der Firma Cable Control aus, die bei der Sendeanstalt von TorresMiller für alles zuständig war, was mit Elektrik und Leitungen zu tun hatte.
»Wieder ein Kabelbruch?«, fragte der Mitarbeiter am Empfang und warf nur einen flüchtigen Blick auf die Kennkarte des Elektrikers, die mit einer Klammer an der Brusttasche befestigt war. »Habe gar keine Meldung hier.« Bloß nicht anstarren, ermahnte er sich. Obwohl im Medienbusiness wirklich viele flippige, extrovertierte Menschen herumliefen, war dieser Kabelmann schon extrem. Handwerker mit grellrot geschminkten Lippen sah man im echten Leben doch eher selten. Da musste man vorsichtig sein. Ein falscher Blick und man saß bei irgendeiner Beauftragten und musste Fragen beantworten, ob man etwas gegen queere Identitäten hatte.
»17.1«, sagte der Besucher und stellte seinen Werkzeugkoffer ab. »Notfall. Warten Sie. Wenn Sie es nachprüfen wollen …« Er zog ein schmuddeliges Notizheft aus der Hosentasche, an dem eingetrocknete Essensreste klebten.
»Schon gut.« Der Empfangsmitarbeiter winkte ab. 17.1 war immer dringend. In 17.1 gab es nur Notfälle. 17.1 war das Studio für die Premiumformate des Senders und somit superwichtig. Jetzt gerade wurde dort StalkTalk mit Sophie Brandt aufgenommen. Wenn herauskam, dass er durch übergroße Korrektheit eine Reparatur verzögert hatte, dann würde ihm das Produktionsteam die Hölle heißmachen. »Ich gebe Ihnen einen Besucherausweis. Reichen drei Stunden?«
»Klar.« Der Kabelmann nickte, nahm die Plastikkarte und tippte ans Cap.
Im Fahrstuhl drückte er den Knopf zum letzten Stockwerk. Darüber gab es noch zwei Etagen, die jedoch nur mit Code und Schlüssel anwählbar waren. Der achtzehnte Stock hieß hinter vorgehaltener Hand die FIFA-Etage. Hier waren der Backstagebereich, die Bar und – um wirklich allen Klischees gerecht zu werden – ein paar kleine Separees untergebracht. Die Reinigungskräfte, die dort arbeiteten, bekamen doppeltes Gehalt und hatten eine Klausel im Vertrag stehen, die sie zur absoluten Verschwiegenheit verpflichtete. Es wäre schließlich überaus rufschädigend gewesen, wenn Konkurrenz oder Öffentlichkeit von Prostituierten, feinem weißem Pulver und einschlägigem Spielzeug für Erwachsene erfahren hätten. Das oberste und letzte Stockwerk schließlich war nur bekannt als Torres-Tower, denn es war das Penthouse und Heiligtum Seiner Majestät, des Mehrheitseigners von TorresMillerGroup.
*
»Darf ich Ihnen noch etwas bringen, Herr Dr. Heppner?«
Die Assistentin war vielleicht Mitte zwanzig. Wahrscheinlich Volontärin. Zwölf Monate schlecht bezahlte Knechtschaft. Das leichte Zittern in ihrer Stimme verriet ihre Nervosität. Heppner hatte gelernt, auf solche Feinheiten zu achten. Nach beinahe vierzig Jahren in den Gerichtssälen der Republik waren ihm menschliche Schwächen derart vertraut, dass er in ihnen lesen konnte. Und diese kleinen Unzulänglichkeiten verrieten ihm oft mehr über sein Gegenüber als noch so viele Worte.
»Wie lange noch bis zur Sendung?«, fragte er.
»Eine halbe Stunde. Plus minus.«
»Dann bringen Sie mir bitte ein halbes Glas Pilsner.«
Rudolf Heppner pflegte seine Rituale auch im Ruhestand. Als junger Richter hatte er begonnen, vor jeder wichtigen Verhandlung ein Kölsch zu trinken. Ein paarmal hatte er es damals versäumt, und prompt waren die Sitzungen in Katastrophen ausgeartet. Seither sah er das Bier als eine Art Opfergabe an Justitia und die anderen Götter für gutes Gelingen und fügte sich ohne weiteren Widerstand in diese Tradition.
»Was ist eigentlich mit der Maske?«, fragte er, als die Assistentin kurz darauf das Getränk brachte. Er wollte ein Gespräch in Gang bringen. Zwar hatte er nicht wirklich Probleme mit jungen Leuten, aber er merkte, dass er den Anschluss langsam verlor. Immer öfter kam es vor, dass er Worte und Gesten der Teens und Twens nicht verstand. Dass er die Motive ihres Handelns nicht nachvollziehen konnte.
»Keine Sorge.« Sie lächelte und wirkte selbstsicherer, da sie sich jetzt auf bekanntem Terrain bewegte. »Kiri kommt sofort. Es ist nicht mehr viel nötig. Nur ein wenig Aufhellung und mattierendes Puder.«
Heppner erinnerte sich an die Pressetermine und Interviews in Karlsruhe. Einige wenige Auftritte hatte er auch im Heute Journal und bei Monitor gehabt. Damals war er mit Quasten und Pinseln bearbeitet, gepudert und abgetupft worden. Zum Schluss hatte er sich gefühlt, als hätte er eine Latex-Gipsmaske im Gesicht.
»Selbst bei Live-Aufnahmen erledigt das Rendering fast alles«, fügte seine Betreuerin hinzu. »Deshalb hatten Sie vorhin die Probeeinstellung. Das Processing ist jetzt auf Sie eingestellt und der Algorithmus so gesteuert, dass Hautdefekte, Falten, Flecken, Schatten automatisch weggerechnet werden. Sie sehen dann perfekt aus.« Sie räusperte sich verlegen, als sie merkte, dass man die letzte Bemerkung missverstehen konnte.
»Wie nett. Hält der Effekt auch länger?«
Wahrscheinlich hörte sie diese dämliche Frage von jedem Talkgast, dachte Heppner und amüsierte sich über die eigene Aufregung. Galgenhumor. Er wusste, nach dem Bier wurde es ernst. Er war nicht hier, um mit Sophie Brandt über seine Zeit als Verfassungsrichter zu plaudern. Mit seinem Faible für Bonsais würde er das Publikum ebenfalls kaum faszinieren. Allenfalls war es der Beleg für eine beginnende Schrulligkeit. Und das Fachbuch über Die Bedeutung der Philosophie bei der Ausgestaltung europäischer Rechtssysteme war bisher kaum über eine erste Planung hinaus gediehen. Juristische Fragen interessierten die meisten Leute ohnehin nur dann, wenn es ums Geld ging. Und die Steuer. Und natürlich um die Sicherheit. Die Rechtsphilosophie wäre allenfalls ein gutes Thema, um alle Gäste des Abends schnell zu vergraulen. Nein, Heppner wusste, dass er eingeladen worden war, um die Gier der Massen nach Aufregung zu bedienen. Die Talkikone von TorresMiller war eine ungekrönte Königin der Skandalmanege. Obwohl scheinbar mit eingebauter Vorfahrt im ewigen Kreisverkehr des Echauffierens ausgestattet, wirkte sie dabei immer kühl-distanziert, beinahe zurückhaltend und scheu. Was den Effekt ihrer Auftritte allerdings nur steigerte.
Sie hätte eine verdammt gute Strafverteidigerin abgegeben, dachte er. Stattdessen war sie zur umjubelten Athene des Talkbusiness aufgestiegen. Gerissen, zielstrebig, erbarmungslos.
»Alles in Ordnung, Herr Dr. Heppner?« Die Stimme der Mitarbeiterin von TorresMiller hörte sich besorgt an. Sie stand direkt vor ihm und sah ihm in die Augen.
»Was?« Er schreckte aus seinen Gedanken auf, zuckte zusammen und hätte beinahe das Glas fallen lassen. Er versuchte, sich zu sammeln. Auch diese Reaktion war ein Reflex seines Berufsstands. Unbedingt Haltung bewahren. Und zeigen. Wer gerade auf einer Bananenschale ausgerutscht war, wollte nicht, dass es zu viele Leute mitbekamen. Lächeln trotz Schmerzen. »Verzeihen Sie. Ich habe gerade über meinen bevorstehenden Auftritt nachgedacht.«
»Keine Sorge. Sophie ist eine ganz Nette.«
Sicher, dachte er. Sie wird mich filetieren wollen. Um mich dann heiß und in kleinen Stücken dem sensationsgeilen Publikum zu servieren. Der einzige Grund, weshalb sie mich eingeladen hat.
Quote war eben alles. Das Bier tat gut. Seine Henkersmahlzeit.
*
Der Mann von Cable Control war im siebzehnten Stock angekommen. Er blockierte die Fahrstuhltür in halb geöffnetem Zustand mit einem Gummikeil und klebte ein Defekt-Schild mit dem Firmenlogo außen an die Edelstahlfront. Es gab vier Aufzüge, sodass sich niemand darum kümmern würde. Aus seiner Innentasche zog er jetzt einen Lippenstift. Eine Billigmarke vom Discounter, knallrot. Und er begann, damit Buchstaben an den Spiegel im Inneren des Aufzugs zu malen. Danach trat er zurück und betrachtete sein Werk. Zufrieden öffnete er den ledernen Werkzeugkoffer, nahm ein Schinkenbrot aus der Pausendose und biss hinein. Die Pistole, die neben der Dose gelegen hatte, fand weder in der Seiten- noch in der Gesäßtasche richtig Platz, sodass er sie schließlich in der breiten Brusttasche seines Monteuranzugs verstaute. Er sah auf die Uhr und legte das halb gegessene Brot zurück.
»Kaum da und schon Pause«, maulte ein junger Mann, der verdächtig nach PC-Nerd aussah. Er trat zum Fahrstuhl auf der anderen Seite und drehte dem Handwerker den Rücken zu. Dieser tat, als würde er den Kerl mit Daumen und Zeigefinger abschießen, und blies danach den Rauch vom Fingerlauf.
Die Gänge auf dieser Etage führten zu den verschiedenen Produktionsbereichen. Der Kabelmann hatte vor einiger Zeit im Rahmen einer PR-Aktion an einer Führung durch das Gebäude teilgenommen. Die wichtigen Sendungen des breit aufgestellten Medienriesen TorresMiller hatten feste Studios. Andere drehten mal hier, mal dort. 17.1 befand sich am Ende des ersten Flurs. Sophie Brandts Reich. Vom Hauptgang zweigte ein kleinerer Gang ab und führte zu den Lounges der Gäste, zu Brandts persönlicher Garderobe sowie zu einer Bar und Küche. Weitere Räume auf der anderen Seite waren offenbar Technik und Staff vorbehalten. Der Monteur steuerte zügig auf den Aufnahmeraum zu, der am Ende des Hauptgangs lag.
»Was soll das?«, fauchte ihn ein Securitymitarbeiter an. »Da drin läuft die Aufnahme.« Er wies auf die roten LED-Balken über und neben der großen Tür. »Vielleicht mal die Spiegelscheiben aus dem Gesicht nehmen?«
»Schon alle Gäste drin?« Der Besucher stellte seinen Werkzeugkoffer ab und griff in seine Brusttasche. Das kühle Metall beruhigte ihn etwas.
»Was geht dich das an? Abflug jetzt! Und zwar pronto.«
»Sorry, ich mache nur meine Arbeit. Wenn alle Talkgäste drin sind, soll ich nämlich die Elektrik in den Lounges checken. Gut, dann mache ich eben eine Notiz und verschwinde wieder. Die Produktionsassistenz wird sich freuen, wenn das Hausnetz in den Sicherheitsmodus geht.« Er drehte sich abrupt um.
»Hey, Mann. Alles cool. Musst damit noch warten. Verspätung. Die Brandt ist stinksauer. Jetzt ist gerade erst die Ökotante drin.«
Der Mann von Cable Control hob flüchtig den Daumen und ging zurück. Planänderung. Er konnte nicht unschlüssig in den Gängen herumlungern und warten, bis alle bei Sophie Brandt im Studio waren. Ärgerlich. Die Wirkung wäre da drin eine andere, aber egal. Nur das Ergebnis zählte. Er hatte jetzt wieder fast die Vorhalle erreicht. Dort klopfte er scheinbar zielstrebig an die erstbeste Tür und trat ins Zimmer. Der am Schild ausgewiesene Team Assistent erwies sich als Frau vorgerückten Alters, die auf den ersten Blick aus der Zeit zu stammen schien, als das Farbfernsehen noch nicht erfunden war.
»Ich habe eine Nachricht für Dr. Heppner. Er soll hier TV-Gast sein«, sagte er nach einer höflichen Begrüßung.
»So? Worum geht es?« Die Dame trug eine blondierte auftoupierte Frisur im Stil der frühen Achtziger, war aber offenbar auf der Höhe der Zeit. Sie tippte einige Male auf den Bildschirm ihres Tablets.
Der Mann räusperte sich und vergrub seine Hand in der Brusttasche. Er schien zu überlegen, zog dann sein schmuddeliges Notizbuch heraus. »Unsere Firma betreut auch Herrn Heppners Immobilie«, sagte er, während er darin blätterte. »Dort wurde uns eine Störung gemeldet. Meine Kollegen denken, es ist nur ein System-Check-Failure, den wir schnell … Erfordert einen Reset vor Ort, dann ist wieder alles paletti.«
»Und da können Ihre Leute ihn nicht einfach anrufen? Man schickt extra Sie?« Ihre Stimme klang schrill. Im Zeitalter von Smarthome und 5G erschien ihr jede physische Präsenz offenbar verdächtig oder zumindest wert, hinterfragt zu werden.
»Er scheint nicht ans Telefon zu gehen. Und ich war gerade im Gebäude. Wegen eines Kabelbrands im Erdgeschoss.«
»Sie dürfen ihn jetzt nicht stören! In einer Viertelstunde geht er auf Sendung. Nicht auszudenken, wenn er …«
»Es geht doch nur um seine Zustimmung. Wahrscheinlich ein Fehlalarm. Wir haben die Schlüssel zu seiner Wohnung, gehen aber nur hinein, wenn er es absegnet. Wenn etwas ist, und er erfährt nichts davon …« Der Kabelmann schüttelte seine Hand, als hätte er ein Kaugummi daran kleben. »Dann möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken.«
»Ich befolge nur meine Anweisungen.« Die Sekretärin schien abzuwägen, ob ein Sieg in diesem Machtspielchen den Ärger wert war, der folgen konnte. »In Ordnung, aber nur ganz kurz. Raum 17.22. Den linken Gang hinunter.«
Wieder tippte der Mann zum Abschied an sein Basecap und ging hinaus. Kurz darauf hatte er die Tür erreicht und öffnete seinen Werkzeugkoffer. Er zog einen dicken Aktenordner daraus hervor, den er sich unter den linken Arm klemmte. Ohne zu klopfen, betrat er den Raum.
»Du meine Güte, haben Sie mich erschreckt!«, rief eine junge Frau. »Jetzt bitte nicht. Herr Dr. Heppner hat gleich einen Auftritt und muss …«
»Rudolf Heppner!«, unterbrach sie der Mann. »Sie sind ein Knecht des global-faschistischen Kapitalliberalismus.«
»Tatsächlich?« Der alte Richter war aufgestanden, blickte den ungebetenen Gast an und lächelte. Fast schien es, als hätte er eine solche Störung erwartet. »Ihr Hang zu dramatisch-romantisierenden Neologismen wirkt etwas angestaubt. Sehr amüsant.«
»Die Rote Antifaschistische Fraktion hat Sie aus diesem Grunde zum Systemfeind erklärt …«
Die Stimme des Mannes von Cable Control klang jetzt fast mechanisch. Als läse er die Worte von einer Karte ab. Er griff in die Brusttasche, und einen Augenblick später zielte er mit der Halbautomatik auf Heppner. Die Assistentin schrie laut auf und trat instinktiv aus der Schusslinie.
»… und Ihre Liquidierung angeordnet!«
Heppner wirkte auf eigentümliche Weise entsetzt und gefasst zugleich. Er hob langsam die Hände. Als sein Gegenüber das erste Mal feuerte, riss er die Augen weit auf und stolperte zurück in seinen Loungesessel. Der Schütze schleuderte dem Richter den schweren Ordner, den er unter dem Arm getragen hatte, entgegen. Der Aktendeckel klappte auf und einige Dokumente lösten sich aus dem Ringordner, bevor er den alten Mann traf.
»Verreck zusammen mit deinen eigenen verdammten Worten«, rief er, bevor er zwei weitere Male abdrückte.
Die junge Frau, die immer noch neben Heppner stand, verstummte plötzlich in ihrem Schrei, als die Blutspritzer sie im Gesicht trafen. Das weiße Oberhemd des Opfers verfärbte sich dunkelrot.
Es schien, als träfe ihn ein Hammer mitten auf der Brust. Gefolgt von einer Spitzhacke. Einen solchen Moment hatte er sich immer anders vorgestellt. Irgendwie theatralischer. Das Ableben eines Menschen, zumal das eigene, war ja eine durchaus wichtige Angelegenheit. Da durfte man etwas mehr erwarten als Angst und Schmerz. Vielleicht Pathos. Oder das berühmte Leben, das im Zeitraffer vor dem geistigen Auge ablief. Höhen und Tiefen. Quasi als die Essenz des Daseins. Diese merkwürdigen Gedanken gingen Rudolf Heppner im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf. Dann sah er, wie sich eine Art Quelle an seinem Oberkörper auftat, und spürte den kühlen roten Strom, der sich schnell über seiner Haut ausbreitete. Er versuchte, ihn mit seinen Händen zu fassen, aufzuhalten. Doch vergebens. Überall war Blut, das sich auf dem Anzugstoff und den losen Schriftstücken verteilte. Er löste seine Hände von seinem Körper und wischte durch die Luft, als könnte er diese Flut von sich wegschieben. Zwei Schüsse folgten, aber er spürte bereits nichts mehr. Nur diesen einen vernichtenden Schmerz in der Brust. Das Ende war Leid, ganz sicher ohne Pathos.
Gedanken schossen wie Blitze durch Heppners Verstand. Scheinbar sinnlos reihten sich Erinnerungsfetzen aneinander. Seine Berufung ins höchste deutsche Richteramt beim Verfassungsgericht hatte vor über zwanzig Jahren einigen Personen mit Einfluss schlaflose Nächte bereitet. Er hatte immer als unangepasst gegolten, war nicht angetreten, um es sich auf seinem Posten gemütlich zu machen. Und so traf er in seiner Amtszeit einige unbequeme Entscheidungen, die in der Politik – oft hinter vorgehaltener Hand – für heftige Diskussionen sorgten. Manch gequält lächelnder Vertreter des konservativen Lagers hatte ihm insgeheim die Pest an den Hals gewünscht. Und auch während der Jahre der großen Koalitionen machte er mehrmals auf sich aufmerksam, indem er aus Karlsruhe Änderungen im Sozialrecht anmahnte und Diskrepanzen zwischen grundgesetzlichen Vorgaben und aktueller Rechtsprechung aufdeckte. Heppner war nie bequem gewesen.
Für einen Moment wusste er nicht, ob ihn die Überraschung oder der Schmerz mehr verunsicherte. Als er stürzte, dachte er nicht an seinen treuen Labradorrüden Dante oder an die perfekte Penjing-Landschaft, die er meistens – und der Einfachheit halber – allen Bewunderern nur als Bonsaikunst vorstellte. Er dachte nicht an seine geliebte Frau Anne, die lange vor der Zeit verstorben war. Nicht an die beiden Kindern Svenja und Benjamin, denen er sich entfremdet hatte. Vielmehr kumulierten die Ströme seines Gehirns in einer Art Blitz, als spränge der Funke eines letzten Gefühls über und entzündete alles in ihm.
Ich war noch nicht fertig. Ich bin noch nicht fertig!
Diese trotzige Überzeugung bildete sich im Wirrwarr einen Moment lang klar heraus und war quälender als aller Schmerz. Heppner war ein Mensch, der sich nie hatte treiben lassen. Umso schlimmer war diese Erfahrung. Nur Spielball, Zufall, eine Laune, ein kafkaesker Zustand zu sein. Ein Körper verging. Ein Leben. Seins.
Die Gedanken rasten. In abstruse Höhen, tiefste Tiefen. Sinnlose Funken. Er hatte den Abwasch nicht erledigt, der ihm von seiner Mutter aufgetragen worden war. Seit sechzig Jahren lag das nicht gespülte Geschirr nun bereits in einer Ecke. Hatte sich aufgetürmt in irgendeiner Sackgasse seiner Erinnerungen. Seine Mutter Isolde würde ihn ausschimpfen. In ihren Augen war er nur ein Nichtsnutz und »Vaters Liebling«. Zwei Tage Stubenarrest waren ihm sicher. Egal. Ein kleines Opfer damals. Er hatte am Nachmittag mit seinen Jungs endlich die Stellungen von Dieters Bande eingenommen. Und Müngersdorf hatte Braunsfeld geschlagen. Ehrensache.
Abgehakt, weiter.
Er hatte bei der Abiturprüfung einen Spickzettel benutzt, bereits vorher mit hoher krimineller Energie unter den Rechenschieber geklebt. Aber hatte er denn eine Wahl gehabt? Als Sohn des alten Hans-Friedrich? Als Filius des Richters? Er war natürlich zur Reifeprüfung angetreten, um mit Bestnote abzuschließen. Weniger zählte nicht. Weiter. Mit vierzehn dann der erste Kuss. Barbara Wolters. Aber die Unnahbare, die alle nur »Billy« nannten, war eine Woche später mit ihren Eltern umgezogen. Hatte sein zerbrochenes Herz zurückgelassen. Heppner meinte plötzlich, die Posaunen aus Schuberts Unvollendeter zu hören, die Schlägen glichen. Ja, alles blieb unvollendet, wenn er jetzt starb. Oder waren es nur die Ohrfeigen seines Vaters, die ewig auf seiner Wange brannten? Als letzter Gruß des Alten? Seltsam genug, dass der Junge die Schläge wieder spürte, seit er siebzig geworden war. Es schienen Hauterinnerungen zu sein. Wie die Wundmale Christi. Die Nägel hineingetrieben in seine Hoffnungen. Wie eine elterliche Mahnung, nicht zu viel vom Leben zu erwarten.
»Deutsche Eiche gedeiht im Sturm am besten. Und deutscher Stahl wird seit Ewigkeiten zwischen Hammer und Amboss geschmiedet.« Die Stimme des Großvaters rauschte aus dem Nichts heran. Denn die Hiebe waren vererbt. Der Großvater hatte sie an den Vater gegeben, der Vater an den Sohn. Deutsche Eiche. Deutscher Stahl. Hohle Worte. Großvater hatte sie oft gepredigt, wenn er Rudolfs Vater nach zehn Schlägen mit dem Riemen freigegeben hatte. Ansonsten ein netter alter Mann, der den beiden Enkeln oft Sahnebonbons schenkte. Einmal hatte der Greis einen kranken Vogel gesund gepflegt. Eine Goldammer. Zum Dank hatte sie später drei Jahre lang im Garten der Großeltern gesungen.
Weiter.
Nie hatte sich Heppner so einsam gefühlt wie während der Zeit, die er als junger Mann im Sanatorium verbracht hatte. Mit Beginn seines Ruhestands hatte er sich bereits vor Jahren bemüht, die Krankenakte von damals einsehen zu können. Aber nach einem halben Jahrhundert waren alle Spuren des Verderbens natürlich getilgt. Die Heilanstalt hatte bereits vor Jahrzehnten aufgehört zu existieren. Dabei war es damals für betuchte Eltern die letzte Chance gewesen, wenn der schwer erziehbare Nachwuchs nicht nach Wunsch gedieh. Schon die Lage am deutschen Ende der Welt versprach äußerste Diskretion.
»Wir haben viel auf uns genommen, damit du eine Zukunft hast«, hatte sein Vater erklärt, nachdem er nach Hause zurückgekehrt war. »Deine Mutter und ich haben Höllenqualen durchlitten. Aber ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit du nicht von der Schule fliegst! Ich verlange, dass du dich entschuldigst. Und dass du ab jetzt dein Bestes gibst. Wobei sich noch zeigen muss, was es denn taugt, Sohn!«
Vieles aus jener Zeit war Rudolf Heppners Erinnerung entglitten. Und er bedauerte das Vergessen nicht. Aber nun zogen ungeordnete Gedanken vorbei, flüchtig wie Nebelfetzen. Bilder, Geräusche und Gesichter vergangener Tage. Unfassbar. Ein Gefühl jedoch riss schmerzhaft alte Wunden auf. Heppner spürte wieder die Angst von damals.
Zwei Monate nach seiner – mit einem Jahr Verzögerung abgelegten – Abiturprüfung erfuhr Rudolf, dass sich Georg vor den Schnellzug Köln–Hamburg geworfen hatte. Die Angst, in eine tiefe Leere zu stürzen, die er empfand, wenn es still wurde. Wenn er allein war. Man hatte ihn ausgegossen im Sanatorium. Sein Wesen, seine Träume waren in den Spalten jenes rauen Bergkamms versickert. Stattdessen hatte man ihn gefüllt mit einem Verlangen, das nicht seines war. Einem Verlangen nach mehr, das immer weniger aus ihm machte. Er hatte sich dafür entschuldigen wollen. Sein Leben lang. Er wusste nur nicht bei wem. Und nun waren alle Chancen vertan. Seine letzten Gedanken verloschen wie heruntergebrannte Kerzen. Es war unvollendet, lautete die bittere Erkenntnis, als Heppner endgültig das Bewusstsein verlor.
Görlitz, Sommer 1942
»Warum weinst du, Mutti?«, fragte er. »Es ist doch alles gut. Ich schiebe in Holland eine ruhige Kugel. Und du hast Edeltraud und Walburga bei dir. Uns geschieht nichts.«
Raimund Bach versuchte, zuversichtlich zu klingen. Dabei hatte sich seine Heimat verändert. Nicht zum Guten, wie er fand. Alles war militärisch geworden. Von der Schule bis zum Grab wurden Befehle befolgt, Anweisungen erteilt. Es wurde strammgestanden und exerziert. Sogar die Frauen und Mädchen hatten sich davon anstecken lassen. Die Ungezwungenheit, die kleinen Freiheiten, die man sich nahm, waren verschwunden. Sie waren einer ordinär trotzigen Grimmigkeit gewichen, die ihre kalten Finger in jeden Winkel des privaten Lebens auszustrecken schien. Vielleicht hätte Raimund diese Heimat gern vergessen, würde sie gar nicht mehr vermissen. Wenn er denn eine andere gehabt hätte. Mit mehr Zeit würde er sie vielleicht in Amsterdam finden. In den freien Stunden fuhr er mit dem Rad aufs Land. Und dort sah er, was seine deutsche Heimat verloren hatte. Das Lachen. Es schmerzte.
»Bekommst du genug zu essen, Bub?«, fragte seine Mutter. Er kannte das. Sie war eine schlichte Frau. Näherin von Beruf. Große Gefühle waren nicht ihre Welt. Sie konnte sie nicht benennen, nicht fassen. Gerade Naht war gute Naht, und das Leben befand sich im Einklang. Wenn sie sich sorgte, dann kam das Gespräch aufs Essen. Und sie erfreute sich an Einfachem, einem guten Haarschnitt und dem sauberen Hemd dazu. »Du musst bei Kräften bleiben.«
Raimund Bach lächelte und strich ihr zärtlich über den Kopf. Wie sein Vater es bei ihr getan hatte. Und er wusste, dass sie es mochte. In diesem Land war schon lange nicht mehr die Zeit für leise Töne und kleine Gesten. Aber Mutter Bach gehörte zu jenen Menschen, die die Welt irgendwie weicher machten. Erträglicher. Und dabei forderte sie wenig für sich.
»Zu essen gibt es reichlich, Mutti. Das Hafenkommando ist eine feine Sache. Wir bekommen von den Kontoren und Reedereien hin und wieder sogar Fresspakete.«
»Und ist es nicht gefährlich dort? So weit weg von hier. Und so nah bei den Engländern.«
»Ein sicherer Posten. Wie in Frankreich oder Norwegen.«
»Dass du mir keine Heldentaten vollbringen willst, hörst du!« Luise Bach trat zur Anrichte und nahm das Bild mit dem Trauerflor in die Hand. »Dein Vater hat bei den Husaren gedient. Und viel zu viel Unsinn gemacht. Kopf und Kragen hat er riskiert.« Sie streichelte die Fotografie.
Raimunds Vater war altgedienter Frontsoldat im Ersten Krieg gewesen. Danach hatte er es im Staatsdienst bis zum Polizeipräsidenten gebracht, bevor ihn die Nazis in den vorzeitigen Ruhestand versetzten. Als Weimarer Beamter war er seinen Prinzipien stets treu geblieben. Der Mensch ist nach seinem Handeln zu beurteilen, niemals nach seiner Herkunft. Dieser ins Lateinische übersetzte Wahlspruch des Sozialdemokraten hing seit über zwanzig Jahren im Wohnungsflur und wirkte wie ein stiller Protest.
»Mir ist nicht nach Heldentaten, Mutti.« Bach schüttelte energisch den Kopf. »Nicht für diesen Hitler und seine Bande.«
»Nicht so laut, Raimund.«
Nicht so laut war ein geradezu lächerliches Paradox in diesem Deutschland geworden. Die NS-Bewegung vermochte gar nicht, sich in feinen, verhaltenen Tönen auszudrücken. Ihr ganzer Anspruch, ja ihr Daseinszweck schien auf Lärm, Grölen und Getöse ausgerichtet. Im Privaten, in der Stube und auf den Straßen war hingegen das Leisetreten zur ersten Bürgerpflicht geworden. Still sein, um nicht aufzufallen. Und gerade für Familie Bach war diese Grundhaltung überlebenswichtig.
Die kleine Beamtenheimstätte war immer noch gut gepflegt, obwohl es seit Jahren keinen Mann im Haus gab. Bach schickte regelmäßig Geld aus Amsterdam und hatte einen guten Bekannten seines verstorbenen Vaters gebeten, bei seiner Familie nach dem Rechten zu sehen. Holzböden und Esstisch waren frisch gewienert, Raimunds Kammer hergerichtet und die Teppiche in der Wohnstube ausgeklopft. Im Topf über dem Kohleherd dampfte Kohlsuppe. Ein Rezept der Urgroßmutter. Nur hatte sie damals sicherlich keinen Speck verwendet. In ihrer Mittagspause erschienen Raimunds Schwestern. Edeltraud arbeitete bei der Tuchfabrik Krause & Söhne in der Görlitzer Altstadt. Und Walburga roch wie immer nach Presshefe, deren Qualität sie bei der Firma Hagspihl in der Korn-Spiritus-Fabrik zu überwachen hatte.
»Ich freue mich, dass du kommen konntest«, sagte Walburga, als die Geschwister nach dem Essen eine Runde ohne die Mutter ums Haus drehten. »Es tut Mama gut. Sie ist so einsam.«
»Was ist mit Johanna?«, fragte Raimund. Seine Mutter und Johanna Liebener waren seit der Kindheit befreundet.
»Die ganze Familie haben sie abgeholt«, erwiderte Edeltraud. »Betty Steinberg und Greta Matuschak ebenfalls. Mama sitzt manchmal am Tisch und verteilt die Karten wie früher. Aber drei Plätze bleiben leer.«
Raimund erinnerte sich an das Lachen beim Doppelkopfspiel der vier Frauen. Ausgelassene Likörlaune.
»Warum?«, fragte er mit belegter Stimme. Aber er kannte die Antwort, und er ballte die Hände derart heftig zu Fäusten, dass die Knöchel weiß wurden. »Sie sind doch keine …«
Walburga hustete, damit niemand das Wort hören konnte, das ihr Bruder auf offener Straße viel zu laut ausgesprochen hatte.
»Du kennst die Gesetze, Raimund«, stellte Edeltraud trocken fest.
»In manchen Geschäften muss Mutti warten, bis alle anderen bedient wurden«, ergänzte Walburga. »Berthold hat sie neulich sogar aus der Schlachterei geworfen.«
»Stotter-Berti? Sieht der hinterhältigen Drecksau ähnlich. In der Schule hat er uns verpfiffen, wenn wir geraucht oder voneinander abgeschrieben haben.« Bach schlug gegen einen Laternenpfahl, dass es krachte. »Wieso ist er nicht auch an der Front?«
»Sein Vater hat ihn nach der Musterung bei der Kreisleitung der Partei untergebracht. Und wegen des Schlachtbetriebs ist er nun unabkömmlich gestellt. Beziehungen.« Walburga zog das untere Augenlid nach unten. »Du verstehst?«
»Ich poliere dem Kerl die Fresse!«
»Nichts dergleichen wirst du tun, Raimund!«, riefen beide Schwestern fast gleichzeitig. »Willst du, dass er Mama bei seinem Alten anschwärzt? Dann holen sie uns auch noch ab.«
*
Der schnieke Dienstanzug der Marine war beliebt. Nicht nur bei den Soldaten. Gerade in der Oberlausitz und somit fernab aller Meere bekam speziell der weibliche Teil der Bevölkerung gern einen verträumten Blick, wenn ein Seemann in Montur auftauchte. Selbst die Mannschaften und Unteroffiziere sahen in ihren weißen Anzügen piekfein aus. Raimund Bach hatte nach der Machtübernahme durch Hitler bei der Handelsmarine angeheuert und war auf diese Weise einer Musterung für die Wehrmacht zunächst entgangen. Mit Kriegsbeginn wurde er dann offiziell und ohne weitere Überprüfung in die Kriegsmarine übernommen. Eine unbemerkte Lücke im System. Ihm stand der Sinn keineswegs nach Heldentum, der monotone Landposten – über den andere Tatendurstige schimpften – kam ihm da sehr gelegen. Dass er jetzt einen öden Alltag beim Hafensicherungskommando Amsterdam verlebte, ging in der Heimat niemanden etwas an. Er war viele Jahre Gefreiter gewesen und hatte einen Lehrgang zum Unteroffizier wiederholt durch vorgetäuschte Dickfelligkeit vermeiden können. Er wollte nicht auffallen, durfte es nicht. Nur eine kurze Ausbildung zum Flakmaschinenschützen hatte er absolviert, der ihm etwas höheren Sold und ein prächtiges Tätigkeitsabzeichen eingebracht hatte. Anfang des Jahres war er schließlich doch zum Maat befördert worden. Die Personalnot der Marinedienststellen brachte die Verantwortlichen auf immer seltsamere Ideen. Seit hinter vorgehaltener Hand eine ungeheure Zahl die Runde machte, kannte Bach den Grund. Es hieß, dass bereits vier Millionen deutsche Männer für »Führer, Volk und Vaterland« ins Gras gebissen hatten. Vier Millionen Gründe zu trauern, aber dieses Volk jubelte weiter.
Ausstaffiert wie Admiral Spee und eitel wie Graf Rotz marschierte Bach nun durch seine Heimatstadt, grüßte hier, winkte dort. Er hoffte, durch das Auftreten in Uniform Eindruck zu schinden. Schließlich kämpfte er für Deutschland. Sollten diese Pöbler wenigstens seine Familie in Ruhe lassen! Nachdem er eine große Runde durch die Altstadt gedreht hatte, betrat er das Fleischerei-Fachgeschäft Hermann Decker. Diese Familie hatte sich nie durch Feinsinn und Geistesgaben hervorgetan. Und der Spruch »Dumm wie der Decker« war vor dem Krieg immer öfter zu hören gewesen. Bis Otto Decker, der Sohn des Geschäftsgründers, bei der NSDAP Versorgungsbeauftragter geworden war. Plötzlich gingen ihm alle im Ort um den Bart. Niemand machte sich mehr lustig über ihn. Parteimitglieder und Funktionäre bekamen nämlich zusätzliche Rabattmarken, die sie nach Gutdünken an gute Volksgenossen weiterreichen konnten. Diesen Vorteil wollte sich niemand verscherzen.
»Lassen wir mal den jungen Mann vor«, rief ein älterer Herr mit Augenklappe, nachdem sich alle zu Raimund Bach umgedreht hatten. Wahrscheinlich ein Held des Ersten Kriegs. Und auf dem gesunden Auge ebenso blind wie auf dem toten. »Heimaturlaub? Bravo! Wollen wir dem Herrn Marinemaat nicht seine Zeit stehlen. Die Liebste wartet!«
Murrend machten die Kunden Platz und ließen Raimund zum Tresen vor. Dort stand Berthold Decker, sein Bekannter aus Schultagen und Sohn des jetzigen Inhabers.
»Raimund! Welche Freude, dich hier zu sehen! Da grüßen wir doch alle das Vaterland.« Er stand in blutiger Schürze vor einem Fleischwolf, aus dem gerade der Rest des Gehackten quoll. »Heil Hitler!« Seine Gummistiefel, die er fast immer trug, gaben ein protestierendes Quietschen von sich, als er die Fersen zusammenschlug. Und er schoss den Arm derart schnell nach vorn und oben, dass ein paar Fleischbrocken, die an seinen Fingern klebten, vor Schreck in die Auslage flohen. Die kleine Versammlung im Laden stimmte natürlich pflichtbewusst ein, wobei man sich jedoch gegenseitig bedrängte und unbeholfen zunächst Platz für die Geste erkämpfen musste. Bach war schlau genug, sich nicht verdächtig zu machen, und erwiderte den Deutschen Gruß. Alles in allem war die Darbietung jedoch keineswegs Wochenschau-würdig.
»Was darf es sein? Ein Filetstück für den Helden der Front?«, fragte der junge Schlachter.
»Hör zu, du Flachpfeife!« Raimund Bach sprach in ruhigem Tonfall, allerdings mit gut vernehmbarer Stimme. »Ich bin Angehöriger der Wehrmacht und kämpfe für unser Land. Mein Vater hat im Ersten Krieg gedient und sogar das Eiserne Kreuz verliehen bekommen. Die Familie Bach hat sich also um Deutschland stets verdient gemacht und sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Du wirst also sicherlich in Zukunft meine Mutter und meine Schwestern in deinem Geschäft sehr höflich und mit Respekt bedienen. Oder irre ich mich?« Die Frage war vom Klang her die unverhohlene Androhung einer Tracht Prügel.
»Ein Missverständnis, Raimund. Ich dachte, sie wollte sich nur aufwärmen und nichts kaufen.«
»Irre ich mich?«, fragte der Marineunteroffizier nochmals und betonte jedes Wort.
»Natürlich. Ich meine, nein. Ja, ich bediene alle deutschen Volksgenossen immer zuvorkommend.« Er sah sich bei seinen Kunden um. »Es ist doch so, nicht wahr?«
Das Raunen im Verkaufsraum sprach Bände.
»Ich warte auf Antwort. Wird meine Mutter in Zukunft ebenso bedient wie jeder andere?«
»Sicher«, gab Berthold kleinlaut zurück.
Im nächsten Moment trat sein Vater laut schnaufend aus dem gefliesten hinteren Arbeitsbereich hervor, in dem das Fleisch geprüft, entbeint und zerlegt wurde.
»Was ist hier los?«, polterte er. »Wieso bedienst du nicht?« Er kniff seine stark kurzsichtigen Augen zu und erkannte den jungen Mann, der vor der Kasse stand. »Ach, der.«
Ohne Gruß wandte sich Bach zum Gehen und riss die Ladentür auf. Er hörte Berthold »Drecksjuden« murmeln und erstarrte in der Bewegung. Im Raum wurde es gespenstisch still. Wenn er sich jetzt zu einer unbedachten Reaktion hinreißen ließ, dann wäre alles verloren. Langsam drehte er sich um und blickte seinen ehemaligen Schulkameraden an. Berthold Decker drängte sich seitlich hinter den ausladenden Körper seines Vaters und schien zu befürchten, dass Bach doch noch handgreiflich werden könnte. Sein Erzeuger blickte sich hektisch um, seine kleinen Schweinsäuglein schienen nach Verbündeten Ausschau zu halten. Als er bemerkte, dass alle Anwesenden nur ihre Schuhe musterten, griff er nach einem blutigen Fleischerbeil und hob es drohend in Richtung des Unteroffiziers. Dann zuckte er zusammen, als plötzlich Raimunds rechter Arm nach vorn oben schoss, und zeitgleich die Hacken seiner Halbschuhe knallten.
»Heil Hitler!«, brüllte Bach, so laut er konnte.
Die Leute duckten sich, als hätte er eine Waffe gezogen, und Berthold ließ vor Schreck einen Speck fallen.
Wiesbaden & Köln, Juni 2023
Im Tagungsraum des Führungsstabs der Abteilung Staatsschutz herrschte dicke Luft, nicht nur im übertragenen Sinn. Beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden war man es gewohnt, dass man von den Landesbehörden entweder notorisch zu spät oder aber viel zu früh informiert wurde. Zu spät bedeutete, dass die Kollegen nicht weitergekommen waren. Und dass wertvolle Zeit verstrichen war, um überhaupt noch etwas zu erreichen. Zu früh bedeutete fast immer, dass man sich bei den LKAs Ärger ersparen wollte und die Sache wegschob.
Nachdem erste Berichte vom Tatort und zur Identität des Opfers eingegangen waren, ging alles sehr schnell. Der Leitende Hauptkommissar aus Köln informierte bereits das Landeskriminalamt in Düsseldorf, bevor er überhaupt eine erste verlässliche Rückmeldung vom Ort des Verbrechens erhalten hatte. Und in der Landeshauptstadt entschied der diensthabende Staatsanwalt zusammen mit der Direktorin des LKA schon nach wenigen Rechercheklicks im Netz und behördlichen Intranet, die Sache nach Wiesbaden ans Bundeskriminalamt abzugeben.
»Daran will ich mir nicht die Finger verbrennen«, war sein knapper Kommentar. »Der Kerl ist Bundessache. Ich informiere auch die Bundesanwaltschaft.«
Angelegenheit ST/Staatsschutz – Streng vertraulich lautete die E-Mail-Nachricht, die der Chef der Fachabteilung Staatsschutz, Jens Kruse, nur vierzig Minuten nach dem Anschlag auf Richter Heppner erhielt. Wie üblich war sie mehrfach verschlüsselt. Und wie üblich liefen die Fäden jetzt an einer Stelle zusammen. Gemeinhin ging die Legende, in der Polizeiverwaltung klappten nur die Türen, aber bei Verdacht auf eine politisch motivierte Strafsache bewegten selbst die trägsten Amtsschimmel ihren Allerwertesten etwas schneller. Die wichtigsten Fakten wurden seit einer halben Stunde auf den Intranet-Servern des BKA zusammengetragen.
»Verdammt.« Direktor Jens Kruse war dennoch unzufrieden, als er eine erste – zugegeben recht allgemein gehaltene – Einschätzung zum Fall überflog. Ihm ging es nie schnell genug. Er war bekannt für seinen recht dünnen Geduldsfaden und derbe Kraftausdrücke. »Inkompetente Idioten! Ich will nicht nur darüber informiert werden, dass wir zuständig sind. Ich will auch belastbares Material!« Er griff zum Telefon, aber die Basisstation war wieder mal verwaist, das schnurlose Telefon lag irgendwo im Nirgendwo. Ebenfalls ein Wesenszug, der Kruse zu eigen war. Das normale Leben war für seine innere Taktung zu langsam. Seine Gedanken waren der trägen Materie meistens voraus. Entsprechend oft musste er seine sieben Sachen zusammensuchen. Telefone, Schlüssel und Notizzettel hatten die schlechte Angewohnheit, nie dort zu sein, wo er sie vermutete. Immerhin fand er jetzt sein Diensthandy unter einigen Akten und ordnete eine Besprechung in zwanzig Minuten an.
»Bis dahin will ich alles zu Heppner, was wir haben. Und schickt Harry hin.« Der Leiter der Einsatzgruppe, mit dem er telefonierte, brachte offenbar einen Einwand vor. »Ja, ich meine Harald Glaser.« Wieder ein Einwand. »Ja, ich weiß, dass er zurzeit in Berlin ist. Und ja, ich meinte den Tatort.« Ein letzter Einwand. »Herrgott! Es ist mir egal, was ein Hubschraubereinsatz kostet. Ich kann ihn ja wohl kaum mit einem E-Scooter hinfahren lassen.« Als Kruse vor über dreißig Jahren bei der Polizei angefangen hatte, konnte man noch wunderbar den Telefonhörer auf die Gabel knallen und dadurch sein Mütchen kühlen. Alles vorbei. Stattdessen hackte nun sein Zeigefinger stakkatoartig auf dem Beenden-Symbol herum. Gerade hatte er sich etwas beruhigt, als sein Smartphone vibrierte und den Imperial March anstimmte.
»Moin, Jens«, grüßte Glaser auf seine typisch norddeutsche Art. Selbst wenn er um Mitternacht in München war, rief er allen Leuten Moin zu. »Hab es gerade erfahren. Heppner? Der Heppner?«
»Wenn die Informationen stimmen«, erwiderte Kruse. »Hör zu, Harry, ich brauche dich vor Ort.« Der Kriminaldirektor wusste, dass er seinen Freund nicht lange bitten musste. Beide Männer waren gleich alt und hatten zum selben Jahrgang auf der Polizeischule gehört. Glaser hatte sich jedoch entschieden, im Außeneinsatz zu bleiben. Dafür hatte er sogar eine Beförderung abgelehnt, die ihn hinter einen Schreibtisch verbannt hätte. »Ein TTH90 steht in Berlin-Tegel bereit. Anderthalb Stunden Flugzeit. Und dann will ich Fakten.«
»Ich brauche Freigabe für Heppner«, sagte Glaser. »Alle Akten über Bundesrichter sind klassifiziert. Ohne Sicherheitsfreigabe erfahre ich nicht einmal, wie sein Kanarienvogel heißt. Mit deinem Go könnte ich die Zeit des Flugs nutzen, um mich einzulesen.«
»Bekommst du. Karlsruhe wird dir Einsicht in alle Akten über ihn gewähren. Beten wir lieber zu Gott, dass die Knalltüten in Mainz noch nichts hinausposaunt haben. Die Presse will ich nicht dabeihaben. Übrigens, Filippa ist ebenfalls auf dem Weg.«
»Pip? Gut, bei ihr spuren die Leute. Warte mal, Jens, ich bekomme gerade etwas ins Postfach.« Glaser murmelte einige unverständliche Worte. Eine Macke, wenn er eine dringende Memo vom Bildschirm ablas. »Nicht zu glauben. Die Sache mit der Presse kocht schon. Heppner war nicht dort, um mit den ZDF-Mainzelmännchen einen Spot zu drehen. Er war bei Sophie Brandt eingeladen. Und dort im Studio von TorresMiller ist es auch passiert. StalkTalk war quasi live dabei.«
Harry Glaser hielt sein Smartphone auf Armlänge vom Ohr, sodass er vom Brüllen und Fluchen seines Kollegen nur Bruchstücke mitbekam. Erst als er sicher sein konnte, dass das Toben abgeebbt war, setzte er das Gespräch fort.
»Ich versuche, den Schaden vor Ort zu begrenzen«, meinte er. »Mal sehen, was die Kollegen der Kriminaltechnik schon haben. Die Brandt wird eine harte Nuss. Freiwillig wird sie nichts herausrücken. Unsere Rechtsabteilung soll sich in Stellung bringen. Aber vielleicht haben wir Glück, und es war nur eine enttäuschte Geliebte, die sich an dem alten Herrn rächen wollte.« Er lachte. Nicht weil sein Scherz besonders gut war, sondern weil er sich vorstellte, wie sein Kollege und Freund am anderen Ende der Leitung jetzt wieder Blutdruckspitzen bekam. »Was denkst du, Jens? Wenn das Motiv Eifersucht ist, dann sind wir außen vor.«
Bevor Direktor Kruse ein weiteres Mal die Fassung verlor, beendete Glaser das Gespräch.
*
Kriminalkommissarin Andrescu war zunächst zur Untätigkeit verdammt gewesen, da die Kriminaltechnik natürlich Vorrang hatte und vor Ort die Spuren sicherte. So hatte sie sich in Köln darauf beschränkt, dafür zu sorgen, dass sie und ihr Chef einen Arbeitsraum bei der Polizeibehörde im Ortsteil Deutz zur Verfügung gestellt bekamen, um in relativer Nähe zum Tatort ungestört arbeiten zu können. Erst danach war sie zum Hauptgebäude des Medienkonzerns gefahren. Nun saß sie untätig im Aufenthaltsraum der Etage und wartete sehnsüchtig auf das Go der Kollegen.
»Was haben wir, Pip? Ist die KT so weit?«, fragte Glaser seine Assistentin nach seiner Ankunft im Sender. Er hatte nur knapp zwei Stunden für den Flug von Berlin in die Rheinmetropole gebraucht. Sein Gesicht zeigte eine ungesunde blassgraue Färbung mit einem Stich ins Gelbe. Wohl eine Folge des unruhigen Flugs bei Windstärke sieben, die sich auch nach zwei Koffeinbomben nicht gelegt hatte. »Gibt es Zeugen?«
Filippa Andrescu, die sich bereits ein erstes Bild vom Tathergang gemacht hatte, wusste um die Eigenheiten ihres Chefs. Kleine Schwächen überspielte er. Und seine Umgangsformen irritierten sie schon lange nicht mehr. Dass er oft direkt zur Sache kam und ohne Begrüßung loslegte, war nichts Neues. Aus einer Borste wird niemals eine Feder. In solchen – hoffnungslosen – Fällen erinnerte sie sich gern an die Weisheiten ihrer weitläufigen Verwandtschaft und hakte das Ganze ab. Wer mit Harry Glaser arbeitete, brauchte eben selbst ein dickes Fell.
»Tatzeit war 16:12 Uhr«, antwortete die Kriminaloberkommissarin. »Bisher gehen wir von einem männlichen Einzeltäter aus. Flüchtig. Er hat sich offenbar vor etwa drei Stunden als Mitarbeiter einer Servicefirma in den Torres Tower eingeschlichen. Ein Phantombild wird gerade erstellt, die Fahndung ist raus. Das Opfer ist Rudolf Heppner, ehemaliger Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts.«
Glaser sah auf sein Handy. Kurz vor halb sieben.
»Nicht schlecht«, sagte er. »Wir liegen deutlich unter dem Schnitt. Dieses Mal wächst also noch kein Moos auf der Leiche.«
Andrescu lächelte. Das Zeitstoppen gehörte seit Jahren zum Fitnessprogramm der BKA-Mitarbeiter. Früher waren oftmals vierundzwanzig Stunden vergangen, bis die aus Wiesbaden angeforderten Mitarbeiter endlich am Tatort eintrafen.
»Sie können rein«, sagte in diesem Augenblick ein Kollege der Spurensicherung, der aus Raum 17.22 kam und sich gerade aus seinem weißen Mondanzug befreite. »Der kleine Schutz reicht. Aber bleiben Sie in den gekennzeichneten Abschnitten.«
»Was hat Heppner hier gemacht?«, fragte Harry Glaser seine Assistentin und nickte dem Mann beiläufig zu. Dann mühte er sich bereits mit den Überziehern und Handschuhen ab.
»Talkgast.«
»Ich dachte, die Brandt sendet live. Um vier oder fünf ist doch gar nicht ihre Zeit.«
»Offiziell ist es live. Inoffiziell rekelt sie sich längst im Spa, wenn die Sendung ausgestrahlt wird.«
»Wem kann man heute eigentlich noch trauen?« Glaser lachte, nahm das Tablet, das ihm der Kollege der KT reichte und ging in die Gästelounge des Senders. Ein Tatort der üblen Sorte. Blut war an den Wänden, dem Spiegel und im Sessel verteilt. Eine ganze Menge davon. Die Zeiten, in denen ein solcher Anblick Adrenalinschübe bei Harald Glaser auslöste, waren allerdings schon lange vorbei. Er scrollte durch die Bilder, die der Fotograf der Spurensicherung angefertigt hatte.
»Leider haben die Leute vom Sender gleich zu Beginn eine Menge Spuren versaut. Brandt hat sie wohl mit der Peitsche angetrieben, alles zu filmen. Und das ging dann wirklich live raus«, meinte Andrescu.
»Und Heppner? War er sofort tot?«
»Tot?«, fragte sie irritiert zurück. »Hat Kruse meinen Vorbericht nicht an dich weitergegeben?« Sie seufzte genervt.
»Was meinst du? Welcher Bericht? Du kennst doch Jens. Seit er als Polizeipräsident im Gespräch ist, ist sein ADS noch schlimmer geworden.«
»Heppner hat einen Herzinfarkt erlitten und wird in der Uniklinik Mainz versorgt.«
»Halt, stopp, Time-out. Zurückspulen und noch mal von vorn. Was ist hier passiert?« Harry blickte abwechselnd zu der Blutlache und seiner Assistentin.
»Um 16:11 Uhr betrat ein Mann den Raum.« Andrescu las von ihrem Mobilgerät ab. »Alter zwischen dreißig und vierzig. Große, verspiegelte Sonnenbrille, blaue Baseballmütze mit breitem Schirm, auffallend rote und vernarbte Nase, greller Lippenstift.«
»Lippenstift?«, unterbrach Glaser sie. »Sagtest du nicht, es wäre ein Mann gewesen?«
»Müssen wir natürlich noch klären«, erwiderte Andrescu und tippte wieder auf den kleinen Bildschirm. »Der Kerl trug die Montur der Firma Cable Control, die im Gebäude für die Wartung der Elektrik zuständig ist. Wir haben eine Zeugin der Tat, die Sendeassistentin, die Heppner betreut hat. Sie konnte bisher nicht befragt werden, wurde ärztlich versorgt, da sie unter Schock steht. Sie ist frühestens morgen vernehmungsfähig. Der Täter rief irgendetwas von ›Strafe‹ und feuerte insgesamt dreimal aus seiner Pistole.«
»Dreimal?« Harry Glaser schüttelte ungläubig den Kopf. »Aus zwei Metern Entfernung?« Im Raum war mindestens ein Liter Blut verteilt. »Er hat doch offensichtlich getroffen.«
»Warte ab«, kam ihm seine Mitarbeiterin zuvor. »Als die Kollegen eintrafen, lagen überall Papiere herum, dazu eine Dokumentenmappe und ein geplatzter Gefrierbeutel.«
»Kunstblut? Die Sache war gefaked?«, fragte Glaser. Er war jetzt erkennbar überrascht.
Andrescu nickte. »Wahrscheinlich handelt es sich um Schweineblut. Wir denken, dass der Täter die Sache geschickt inszeniert hat. Ein Schuss. Die erste Verwirrung nutzte er, um einen Aktenordner zu werfen. Darin befand sich ein präparierter Beutel, der beim Aufprall platzte. Dann zwei weitere Schüsse. Das Blut ist überall verteilt, wie du siehst. Maximaler Schockeffekt.«
»Ganz sicher keine Projektile?«
Andrescu nickte.
»Was ist mit den Papieren?«
»Wurden von der Technik gesichert«, antwortete die Kommissarin. »Offenbar war alles stark verschmiert, aber die Kollegen sagen, es hätte sich um ausgedruckte und kopierte Artikel gehandelt. Aus dem Netz und aus Printmedien. Heppner war als Autor in letzter Zeit recht aktiv.«
»Wann können wir zu Heppner?«, fragte Glaser.
»Frühestens in ein paar Tagen. Veto der Ärzte.« Seine Assistentin zuckte mit den Schultern. »Die Kollegen vom LKA haben übrigens Personenschutz veranlasst. Ich denke, daran ändern wir erst einmal nichts.«
Glaser nickte. »Weitere Zeugen?«
»Ein Mitarbeiter am Empfang im Erdgeschoss, hier oben eine Sekretärin. Und ein Mann vom Sicherheitsdienst. Werden bereits alle befragt.«
»Das Bildmaterial von TorresMiller?«, fragte Glaser weiter. »Ich meine, die Filmaufnahmen vom Tatort?«
»Haben wir per Eilbeschluss sichergestellt. Aber sie gehen im Netz schon viral. Und die User nehmen da wie üblich kein Blatt vor den Mund. Die meisten sehen es schlicht als Real-Life-Nervenkitzel. Aber es gibt auch viele Hasskommentare, mit dem Tenor, Heppner habe es sich selbst zuzuschreiben. Unsere Kollegen sagen, es wird zwei bis drei Stunden dauern, den Scheiß zu filtern und einzudämmen. Bis dahin werden sich jede Menge Idioten die Aufnahmen oder Teile davon ansehen können.«
»Verdammt!« Der ältere Polizist kickte ein Knäuel abgestreifter Handschuhe, das am Boden gelegen hatte, nach draußen in den Gang. Sofort maulten die Kollegen, die dabei waren, die Kriminaltechnische Untersuchung am Tatort abzuschließen. Glasers Unbeherrschtheit konnte durchaus Folgen haben, etwa zu einem DNA-Transfer führen oder leichtflüchtige Spuren verwischen.
Filippa Andrescu ahnte natürlich, was ihn wütend machte. Es gab kranke Gehirne da draußen, die sich jede Einzelheit der Tatort-Aufnahmen einprägen würden. Und die sich im besten Fall als Besserwisser oder falsche Hinweisgeber hervortaten. Schlimmer war es, wenn falsche Bekennerschreiben auftauchten. Als Worst-Case-Szenario kam es manchmal sogar zu Nachahmungstaten.
»Hat jemand versucht, den Täter aufzuhalten?« Glaser fummelte an einem Nikotinkaugummi herum, das er zusammen mit einer zermalmten Zigarette aus seiner Jackentasche zutage gefördert hatte. Das Ding war durch die Körperwärme zu einer zähen, klebrigen Masse mutiert. »Der Kerl vom Sicherheitsdienst vielleicht?«
»Du weißt doch, Harry«, erwiderte seine Mitarbeiterin. »Diese Art von Security ist für die Stalker, Störer und anhänglichen Fans zuständig. Bei Schusswaffen sind die sofort raus. Der Mann war früher Türsteher in einem Nachtklub, und in seiner Dachkammer brennt nur ein spärliches Licht.«
»Verdammt.« Glaser gab den Versuch auf, das Papier von seinem Kaugummi abzubekommen, schob sich den Klumpen als Ganzes in den Mund und begann sofort, hektisch darauf herumzukauen. »Sieht zwar nach viel aus. Aber wir haben in Wahrheit kaum etwas. Der Kerl spaziert hier einfach in und durch das Gebäude, feuert eine Schreckschusswaffe auf einen pensionierten Richter ab und verschwindet. Wenn sich herumspricht, wie kinderleicht so etwas geht, wird bald jeder Gemeinderat Personenschutz bei seinen Auftritten anfordern. Solche Ereignisse haben Signalfunktion und verunsichern die Leute ungemein.«
*
Wenig später saßen die Beamten in einem Besprechungsraum des Senders, den sie kurzerhand in Beschlag genommen hatten, um sich ungestört austauschen zu können. Ein Reporterteam von TorresMiller war samt Anwalt angerückt und forderte vehement Zutritt zum Tatort. Der Rechtsverdreher hatte etwas von Hausrecht und guten Beziehungen zum Landespolizeipräsidenten gefaselt. Harry Glaser war für einen Moment auf hundertachtzig und nur mit Mühe durch seine Kollegin zu bremsen gewesen.
»Mensch, Chef, du kannst alles denken. Musst aber nicht alles sagen. Nicht immer jedenfalls«, beruhigte sie ihn und schob ihn nach dem verbalen Schlagabtausch zurück in den Raum. »Wenigstens nicht vor einem ausgebildeten Juristen.«
»Manche Leute muss man davon überzeugen, dass sie Idioten sind«, fauchte Glaser und fingerte jetzt eine Zigarette aus einer arg mitgenommenen Packung, die sich in seiner Gesäßtasche befunden hatte. Er stöhnte, als er an der Decke einen Rauchmelder entdeckte, und drückte die Stippe zurück in ihr Zuhause. »Du kennst Heppners Geschichte?«, fragte er Andrescu.
»Bis vor ein paar Jahren Richter in Karlsruhe, jetzt Pensionär«, antwortete sie, schüttelte dann jedoch den Kopf. »Hat sich in den letzten Monaten mit einigen Äußerungen in die Nesseln gesetzt.«
»Der Verfassungsschutz hat ihn seit zwei Jahren auf dem Schirm.« Glaser fingerte auf dem Display seines Smartphones herum. Dann nickte er zufrieden, als er offenbar gefunden hatte, wonach er suchte. »Ich habe selbst erst vor zwei Stunden durch Jens davon erfahren. Nur Bruchstücke. Alles unter Verschluss. Eine Sache für die oberste Gehaltsklasse. Und wahrscheinlich der Grund, weshalb man sofort uns einschaltete.«
»Okay«, erwiderte die Polizistin gedehnt. Sie wusste, dass sich namhafte Politiker und hohe Staatsdiener auf dem Radar der Organe des Staatsschutzes befanden. Offiziell natürlich nur zu deren Sicherheit. »Auf dem Schirm. Was bedeutet das?«
»Offenbar steht seine politische Zuverlässigkeit infrage. Bei Richtern allgemein schon schlimm genug. Aber bei einem ehemaligen Verfassungsrichter ein großes Problem. Soweit ich weiß, vertritt Heppner ein paar politische Ansichten, die beim Nachrichtendienst für Unruhe sorgen.«
»Radikalisierung?«, fragte seine Mitarbeiterin erstaunt. Glasers Andeutungen ließen nur diesen Schluss zu.
»Yep. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann wollte Heppner wohl vor einiger Zeit ein Buch veröffentlichen. Als das nicht klappte, hat er begonnen, sich im Netz zu äußern. Seine Thesen sind offenbar in gewissen Kreisen Sprengstoff. Jens muss uns unbedingt ins Bild setzen, sonst tappen wir im Dunkeln.« Glaser blickte nochmals sehnsüchtig zum Rauchmelder, dann zum Fenster, das sich erwartungsgemäß nicht öffnen ließ. »Wir werden erst einmal mit Sophie Brandt sprechen. Ich will wissen, warum sie Heppner eingeladen hat. Sie wollte ihn sicherlich nicht fragen, wie er seine achttausend Euro Pension auf den Kopf haut. Oder ob das Seniorenschwimmen die Hüftschmerzen bessert.«
»Für gute Beziehungen zum Sender hast du ja bereits gesorgt, Harry. Diplomatisch wie immer.«
»Besser, du machst das, Pip. Die Luft hier oben riecht mir zu sehr nach Intrige und Posing. Du weißt, ich bin ein Mann der Straße.«
Filippa verdrehte die Augen. Diesen Machospruch hatte sie bereits tausendmal gehört. Wer mit Harry Glaser auskommen wollte, tat gut daran, an seiner oft gepredigten Maxime nicht zu zweifeln. Er brauchte sie scheinbar für sein Selbstbild wie die Luft zum Atmen.
»Was genau hat unser Richter denn verzapft?«, fragte sie.
»Er wurde mit siebenundsechzig verabschiedet. Es war ein paar Jahre ruhig um ihn. Aber dann hat er eine Webseite aufgebaut, die sich mit Bürgerpflichten und Grenzfragen des Rechtswesens befasst. So nennt er es jedenfalls.«
»Bürgerpflichten? Grenzfragen? Da erhängt sich doch selbst Alexa vor Langeweile. Hört sich nach drei Klicks im Jahr an.« Andrescu sah ihn ungläubig an.
»Weit gefehlt, Pip. Unsere Leute sagen, dass der Traffic nach einem Jahr so groß war, dass er bei seinem Provider das größte Serverpaket buchen musste.«
»Und welche Grenzfragen sind das?«
»Verschiedene Themen. Zum Teil nur philosophisches Geschwätz. Aber auch jede Menge Zündstoff. Ob ein Staat zum Beispiel das Recht hat, einen Präventivkrieg zu beginnen. Ob Vergeltungsaktionen legitim sind. Ob starke Nationen ein Führungsrecht beanspruchen dürfen. Ob demokratische Regierungen zur Durchsetzung ihrer Ziele PR-Kampagnen, Fake News und Desinformation nutzen sollten. Und unser Richter hat sich auch mehrfach zur Wehrdienstverweigerung und zu einer möglichen Wiedereinführung von Militärgerichten im Kriegsfall geäußert. Alles wurde auf seiner Seite heiß diskutiert.«
»Und dieser Mann war Richter in Karlsruhe?«, fragte Andrescu und schüttelte den Kopf. »Ich würde sagen, das klingt nach einer Plattform für studierte Querulanten und Fachidioten. Aber wenn die Zugriffszahlen derart hoch sind, ist es wohl eher ein Forum für Anhänger von Verschwörungsmythen. Oder Schlimmeres.«
»Gut kombiniert, Frau Dr. Watson. Und da liegt das Problem. Höchst seltsam ist, dass er offenbar Leute von ganz rechts und ganz links gleichermaßen begeistert. Oder aber vor den Kopf stößt. Ich denke, dass wir unter denen unseren Täter suchen müssen.«
»Wie jetzt? Steht er nun eher rechts oder links?«
»Schwer zu sagen. Und es verschwimmt doch heute alles, Pip. Mittlerweile gibt es linke Nationalisten ebenso wie rechte Sozialisten. Blickt man nicht mehr durch. Aber wie gesagt, wir müssen abwarten, bis wir an die Verfassungsschutzakte herankommen.«
»Großartig.« Andrescu stöhnte und drehte sich zum Fenster. Siebzehnter Stock. In Richtung Innenstadt schälte sich der Dom mit seinen Türmen aus dem Großstadtdunst. Selbst aus der Ferne und von hier oben wirkte der Bau immer noch beeindruckend. »Also keine Eingrenzung hinsichtlich des Motivs«, sagte sie schließlich und wandte sich wieder um. »Rechts, links oder apolitisch. Wir müssen alles in Erwägung ziehen?«
Glaser nickte. »Für die Leute vom Verfassungsschutz wird es ein Eiertanz. Bloß nichts übersehen. Aber auch niemand Falschen beschuldigen. Das Gleiche gilt für uns.«
»Verstehe. Wenn ein Bankmanager ein Buch darüber schreibt, wie sich Deutschland selbst abschafft, dann sind die vielen rechten Trittbrettfahrer zwar ein Ärgernis. Aber man fragt sich, so what? Bei einem exponierten Vertreter der freiheitlichen Grundordnung sieht die Sache allerdings anders aus.« Die Kommissarin kannte das Phänomen, das ihr Partner Eiertanz nannte. Jede Seite fühlte sich bei der kleinsten Andeutung angepisst und mobilisierte ihre Anhänger. Noch dazu bekamen BKA und Verfassungsschutz Druck aus Berlin, mögliche Folgen ihrer Äußerungen lieber dreimal zu überdenken. Neulich war ein Berliner Kollege in den Ruhestand versetzt worden, weil er im Zusammenhang von Clankriminalität vor laufenden Kameras von einem »milieutypischen Täterprofil« gesprochen hatte.
Andrescu musterte ihren älteren Kollegen. Glaser wirkte ziemlich nervös. Und genau diese Tatsache beunruhigte wiederum sie. Denn ihn brachte sonst kaum etwas aus der Fassung. Dabei war er keineswegs der besonders ausgeglichene Typus Polizist. Er war auch weit entfernt davon, sich nach dreißig Dienstjahren frustriert in seine Pensionsträume zu flüchten. Im Gegenteil, oftmals musste er bei Besprechungen an der frischen Luft sein Mütchen kühlen. Er war in gewissen Fragen engagierter als manche zwanzig Jahre jüngeren Kollegen.
»Was hast du, Harry?«, fragte sie betont leise.
»Nur eine Ahnung, Pip. Ich habe das Gefühl, auf uns kommt eine Menge Ärger zu.«
»Kollegen, das müsst ihr euch ansehen!«, unterbrach ein junger Kommissar das Gespräch, bevor Filippa nachhaken konnte.
Ein Mitarbeiter der örtlichen Kripo, der den Raum betreten hatte, wies mit dem Daumen nach draußen. Andrescu und Glaser folgten ihm zu den Fahrstühlen. In diesem Moment beschlich die Kommissarin das ungute Gefühl, ihr Vorgesetzter könnte recht haben.
»Ein Aufzug war blockiert. Seht euch innen den Spiegel an.«
Andrescu hoffte für den Mann, dass es wichtig war. Glaser war ganz sicher nicht nach Spielchen zumute. Um das zu erkennen, musste man nur seine angespannten Kiefermuskeln beobachten.
»Rote Antifaschistische Fraktion«, las Glaser, als er in der Kabine stand. »Anfangsbuchstaben eingekreist.«
»RAF?« Andrescu fotografierte den Schriftzug. »Ernsthaft? Doch nicht dieRAF?« Sie lachte nervös auf, spürte jedoch, wie es ihr den Hals zuschnürte. Konnte die Tat mit der alten linksradikalen Terrorgruppe zu tun haben? Unmöglich, die RAF hatte sich Ende der Neunziger selbst aufgelöst. Andererseits, überlegte sie, die Welt veränderte sich derart schnell, dass das heute Unmögliche schon morgen möglich sein konnte. »Wie gehen wir damit um? Ich meine, das Ganze ist wahrscheinlich mit einem Lippenstift geschrieben. Sieht nicht gerade seriös aus, findest du nicht?«
»Die Spurensicherung kann vielleicht etwas machen.« Auch Glaser wirkte zunächst ratlos.
»Brauchen wir das Terrorkommando?«, fragte der blutjunge Kommissar, der vor dem Fahrstuhl stand, beflissen.
»Da kennt sich aber jemand aus.« Glaser sah seine Assistentin vielsagend an. Dann wandte er sich wieder an den Kollegen. »Wofür steht das Kürzel üblicherweise?«
»Rote Armee Fraktion«, druckste der Mann herum.
»Sehr gut aufgepasst. In Politischer Bildung hatten Sie sicherlich eine Eins. Dort steht antifaschistisch, nicht Armee. Gut, ich gebe zu, das Personal der RAF war auch schon vor ihrer Auflösung nicht mehr erste Wahl gewesen. Lesen und Schreiben sind in diesem Land ohnehin nur noch Sekundärkompetenzen. Der Lippenstift scheint mir allerdings weder für Baader-Meinhof noch für spätere RAF-Generationen ein typisches Erkennungsmerkmal zu sein, Herr Kollege«, meinte er in amüsiertem Tonfall. »Und das Ganze wirkt doch reichlich plump. Aber keine Sorge, wir nehmen die Sache ernst. Gute Arbeit!« Er klopfte dem Mann übertrieben anerkennend auf die Schulter.
Der junge Beamte zog beleidigt ab. Andrescu boxte ihren Chef in die Seite.
»Du bist manchmal ein solches Ekel, Harry. Er hat doch nicht ganz unrecht. Vielleicht …«
»Fang nicht auch noch damit an. Ich will die Terrorfuzzis nicht hier haben. Diese Rambos von der Bundespolizei brüllen nur herum und reißen alles an sich mit ihren Planspielen.«
»Vergiss das Manchmal von eben.« Andrescu spürte, dass ihr Geduldsfaden langsam riss. Ein Glaser ging so lange zum Brunnen, bis auch ihr irgendwann der Kragen platzte. »RAF, Harry«, sagte sie etwas energischer. »Antifaschistisch. Du gibst mir doch recht, dass die rechte Szene damit als Verdachtsgruppe wegfallen dürfte nicht wahr? Alles spricht für eine Tat aus dem linksextremen Umfeld.«
»Fassen wir mal zusammen, Pip.« Glaser bedeutete seiner Kollegin, ihm wieder ins Besprechungszimmer zu folgen. »Der Täter verkleidet sich als Elektriker, spaziert in Seelenruhe hier hoch, erkundigt sich bei der Sekretärin und überrascht Rudolf Heppner bei den Vorbereitungen für seinen Talkshowauftritt. Vorher kritzelt er seinen Schriftzug in den Fahrstuhl. Er pöbelt sein Opfer an und feuert aus einer Schreckschusswaffe dreimal auf Heppner. Dabei wirft er ihm eine Aktenmappe vor die Brust, in der ein Beutel mit Schweineblut versteckt ist. Der Täter verschwindet, und unser Richter erleidet einen Herzinfarkt. Korrekt so weit?«
»Sieht nach einer Warnung der heftigen Art aus.« Filippa nickte.
»Zudem war es ein Statement. Alle sollten es mitbekommen. Unser Mann sucht Heppner nicht privat auf, sondern hier bei StalkTalk. Er will definitiv Aufmerksamkeit.« Er schwieg einen Moment. »Noch mehr Wirkung hätte es allerdings gehabt, wenn der Übergriff während der Sendung erfolgt wäre.«
»Der Zeuge von der Security sagt aus, dass der Kerl tatsächlich in den Aufnahmeraum wollte.« Andrescu nickte. »Vielleicht hat er geglaubt, dass Heppner schon drin ist. Aber dort war man mit der Sendung ziemlich in Verzug. Es könnte also sein, dass unser Täter eigentlich auf großes Publikum gesetzt hat. Die Security hat ihn abgewiesen, und da hat er vielleicht spontan seinen Plan geändert.«
»Klingt glaubhaft. Er hätte da drinnen die Brandt und alle Gäste als Zeugen für die Tat gehabt. Als das nicht ging, hat er es im Loungebereich durchgezogen.«
»Der gesamte Tathergang zeigt, dass unser Täter die Abläufe genau gekannt haben muss«, meinte sie. »Brandt und TorresMiller betonen doch immer, dass die Sendung live ist. Dann hätte er aber erst gegen neun hier aufschlagen müssen. Und wäre wohl nur der Putzkolonne begegnet.« Sie schüttelte vehement den Kopf. »Er wusste, was er wann und wo zu tun hatte. Er hat sich vorher die Verkleidung besorgt, kannte sich hier im Gebäude gut aus, war zur richtigen Zeit vor Ort. Klingt für mich nicht nach einer Affekttat, sondern nach akribischer Planung und Vorsatz.«
»Vielleicht ein früherer Mitarbeiter?«, schlug Glaser vor. »Eine Aushilfe? Wenn wir Glück haben, arbeitet er wirklich bei dieser Servicefirma. Solltest du zur Sicherheit überprüfen, Pip.«
»Okay, aber eher unwahrscheinlich.« Seine Mitarbeiterin schüttelte wieder den Kopf, tippte aber ein Memo ins Smartphone.
»Diese RAF-Kritzelei im Fahrstuhl wirkt reichlich platt, fast schon lächerlich«, fuhr Glaser fort. »Vielleicht handelt es sich um einen eher unbedarften Zeitgenossen? Trotzdem müssen wir klären, ob es irgendwo bereits etwas über eine Rote Antifaschistische Fraktion gibt. Ziemlich wahrscheinlich, dass jemand Heppner klarmachen wollte, dass er sich zu weit aus dem rechten Fenster hängt.«
»Also läge unser Fokus auf dem linken Spektrum«, schloss Filippa Andrescu, schüttelte dann aber plötzlich den Kopf. »Oder aber die Sache ist nur vorgetäuscht.« Sie war genervt und mochte es gar nicht, wenn sie sich nach zwei gedanklichen Halbdrehungen wieder am Ausgangspunkt befand. Polizeiarbeit bestand in neunzig Prozent der Fälle aus halbgaren Vermutungen, die durch Zufälle bestätigt oder widerlegt wurden. Nur während der Besprechungen, in den späteren Abschlussberichten – und in Filmen – hatten alle immer eine griffige Hypothese, an der sie sich abarbeiteten und damit den Täter systematisch einkreisten. Alles Unsinn. Aber wer gab schon gern auf einer Pressekonferenz zu, dass sie oder er nur Glück gehabt hatte?
