Eine Villa in Oman - Ingrid Ackermann - E-Book

Eine Villa in Oman E-Book

Ingrid Ackermann

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Beschreibung

In ihrem Herbsturlaub am Arabischen Meer kommt Julia, eine junge Pädagogin aus Deutschland, plötzlich auf sehr emotionale Weise dem Sultanat Oman nahe: Auf die plötzliche Trennung von ihrem mitreisenden Partner folgt überraschend ein interessantes Jobangebot - und eine neue bereichernde Liebesbeziehung. Zusammen mit einem Einheimischen führt sie den Leser bald zu spannenden Orten und Begegnungen in diesem alten Kulturland zwischen Tradition und Moderne. Am Schluss sieht der Leser die Welt arabischer Frauen und Männer mit anderen Augen - und für Julia steht eine große Entscheidung an.

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Seitenzahl: 565

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Zur Autorin:

In Berlin geboren und im Westteil aufgewachsen, bereiste Ingrid Ackermann durch ihre Tätigkeit bei zwei Airlines schon früh in ihrem Leben viele Länder der Welt. Ihr Erstlingswerk von 2009 »Vom Glück zu reisen – und der Chance, sich in der Ferne näher zu kommen« gibt Auskunft darüber.

Nach Studien in Heidelberg, wo sie bis heute lebt, folgten Jahre als Lehrerin und Lehrbeauftragte. Bis heute gehören intensive Reisen und die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen zu ihrem Leben. Oman und die arabischen Nachbarn hat sie einige Male bereist.

Inhalt

Die Reisende

Nachtgedanken

Die Ankunft

Muskat

Die Villa

Warmer Empfang

Der perfekte Tag

Das Gespräch

Abschied

Neuanfang

Die Begegnung

Al Bustan

Seelenverwandtschaft

Unterwegs im Sultanat

Die alte Hauptstadt

Die Einladung

Musandam

Deutsch-omanische Verständigung

Liebesleben

Die Dhaufahrt

1002. Nacht

Intime Geständnisse

Khasabs Geheimnisse

Das Angebot

Orientalische Realitäten

Weltreligionen und Meer

Villa Nr. 3

Nahöstlicher Diwan

Schatten

Sonntage in Oman

Der Aufschub

Abschied

Die Entscheidung

Der Brief

Der Anruf

Die Reisende

Kaum jemand an Bord war Urlauber. Das meinte sie zu erkennen. Viele Männer in seriöser dunkler Kleidung waren Geschäftsleute. Diverse Einheimische, jene in den traditionell langen Gewändern, die in Dubai ausstiegen, nutzten anscheinend regelmäßig das moderne Verkehrsmittel. Dabei hatten sie hier in diesem Land noch bis vor kurzem wie im Mittelalter gelebt. Inzwischen ist Oman ein modernes arabisches Land und man ist dementsprechend mit dem Flugzeug unterwegs. Ein anderes öffentliches Verkehrsnetz steht nicht zur Verfügung. Es wird anscheinend auch nicht benötigt.

Für Ausländer wie sie selbst bedeutete eine Flugreise meist Urlaub, es war die großzügige »Er-laubnis«, sich für eine begrenzte Zeit vom anstrengenden Alltag zu entfernen, wie das Wort verrät. Das wusste die gebildete Frau durchaus. Aber dass eine einzige Urlaubsreise ein Leben so vollkommen und für immer auf den Kopf stellt, es verändert, damit wird niemand rechnen. Das hatte auch Julia nicht, die noch junge Frau aus der deutschen Großstadt, die für ein paar Wochen zu Gast war in einem arabischen Land. Dabei war sie eine sehr erfahrene Reisende.

Seit ihrer Jugend, ja, von Kindesbeinen an war sie neugierig auf die Welt, wollte sie andere Länder und Kulturen kennen lernen. Fremde Nationen, ihre Sitten und Gebräuche waren ihr Lebenselixier bis in den Alltag. Interessante Reiseziele gab es so viele, nah und fern. Es gab unendlich viel zu entdecken auf der Welt, zu erfahren, zu lernen.

Auch in diesem Herbst wollte sie sich ein neues Terrain erschließen, ein noch recht unbekanntes, geheimnisvolles Land im Orient entdecken, das bis jetzt kaum jemand ihrer Bekannten bereist hatte. Das noch Sultanat Oman im Südosten der Arabischen Halbinsel hatte sich erst im letzten Jahrzehnt zaghaft dem Fremdenverkehr geöffnet. Eine besondere Motivation für Julia und ihren Partner. Sie wollten nun im kühleren Herbst gemeinsam den heißen, noch immer urtümlichen Wüstenstaat bereisen.

Julia war gespannt, Näheres vom orientalischen Leben außerhalb der Moderne und dem dortigen Alltag der Einheimischen zu erfahren, die sich anscheinend noch sehr ihren Traditionen verpflichtet fühlten. Sie würden sich dafür viel Zeit nehmen. Und sie würde all das später gern im Berufsalltag ihren Schülern weiter vermitteln.

Aber ein bisschen reiste sie natürlich auch zu diesem Zeitpunkt gern, um dem trüben Herbstwetter in Mitteleuropa zu entfliehen. In diesem Oktober hieß das Ziel also Sultanat Oman. Barg der Titel »Sultanat« nicht schon genug Mystik und Verheißung?

Seit einigen Monaten reiste sie am liebsten zu zweit. Ihr Freund und sie würden sich so auch den gemeinsamen Wunsch nach mehr Zweisamkeit erfüllen. Was im Alltag manchmal viel weniger gelang. Christian war Journalist und viel unterwegs. Auch er war natürlich schon von Berufs wegen neugierig auf das Weltgeschehen. Was ihr sehr gefiel. Er war genauso gespannt auf exotische Abenteuer auf fremden Kontinenten wie sie. Und war geteilte Freude dann nicht doppelte Freude? Die Frau war mit ihrem Leben inzwischen sehr zufrieden. Das neue Reiseziel barg zudem besondere historische und politische Dimensionen, man denke an die alten Traditionen, die, wie man hörte, manchmal stark mit der modernen Gegenwart konkurrierten. Darüber hatten sie beide schon einige Male diskutiert, etliches gehört und gelesen.

Sechs Stunden Flugzeit waren es bis zum südöstlichen Nachbarn der Arabischen Emirate. Nicht allzu weit entfernt vom hypermodernen Dubai mit seinen Wolkenkratzern und Superlativen war Oman ein eher unscheinbarer, ruhiger Nachbar geblieben, von dem man nur selten im Westen etwas hörte. Aus dem Arabischen Frühling und den nachfolgenden Revolutionen der Nachbarländer hatte sich dieses alte Kulturland allen Anschein nach erfolgreich herausgehalten. Als Europäer konnte man also getrost ohne Furcht vor Terror, Bürgerkriegen und islamischer Sittenpolizei anreisen.

Und im Spätherbst und im europäischen Winter war es dort angenehm warm, entschieden weniger heiß als im unerträglichen Sommer. Das noch recht junge und Reise erfahrene Paar wollte dort vor allem mit einem Mietwagen auf Entdeckungsreise gehen. Die bei Europäern so unbeliebten muslimischen Verschleierungen, Umhänge oder Kopftücher und selbst das Autofahren waren dort für moderne westliche Frauen anscheinend kein Problem. Julia störte der Gedanke gewaltig, ständig mit einem Kopftuch herumrennen zu müssen. Deshalb hatte sie den interessanten Iran für sich bisher ausgeblendet. Die Ausrichtung des Islams in Oman war dagegen entschieden liberaler, weit weniger streng als beim mittelalterlichen Nachbarn Saudi Arabien. Zudem würde sich Julia ihren Fahrer von zu Hause mitbringen. Aber vielleicht wollte sie auch gern einmal zum Steuer greifen.

All diese Überlegungen lagen nun Wochen zurück. So vieles war dann passiert in Oman, so viele Begegnungen, Orte, Gefühle. Sie hatte so viel erfahren über sich und andere Menschen in diesem ursprünglichen und hoch interessanten Land. Ja, sie war tatsächlich viel Auto gefahren, meist allein auf den neuen, leeren Straßen, wo man sehr gut voran kam und immer genug Parkplätze fand. In dem Land wo einheimische Frauen in langen Gewändern nur mit den Füßen ins Wasser gingen und Spaß hatten. Und ein Kopftuch hatte sie selbst nur äußerst selten gebraucht, nur in den Moscheen tragen müssen und, und, und …

Jetzt im Moment war Julia gerade dabei, Abschied zu nehmen, schweren Herzens Oman wieder zu verlassen. Aus den zwei geplanten Urlaubswochen waren schließlich fast vier geworden. Aus verschiedenen Gründen, unter besonderen Umständen. Sie hatte sogar daran gedacht, zu bleiben …

Nun saß sie vor ihrem Rückflug von Muskat nach Frankfurt wieder im Flugzeug ihrer Deutschen Airline, zufällig sogar wieder in der gleichen Reihe und wahrscheinlich in der gleichen Maschine wie auf dem Hinflug. Julia entdeckte die gleiche freundliche Crew, die nette blonde Stewardess und den damals noch etwas hilflosen jungen Uniformierten an ihrer Seite, der jetzt schon etwas sicherer wirkte. Ob man sich ebenfalls an sie erinnerte? Wohl kaum. Das berufsmäßige Lächeln der Angestellten hatte natürlich nichts zu bedeuten. Sie kannte sich ja heute selbst kaum noch. So verändert hatte sich ihr Leben in diesem arabischen Land. Es war so viel passiert in den letzten Tagen und Wochen. In dem für sie so fremden Land, in einer fremden Kultur, auf einer Urlaubsreise.

Der Zauber des Orients? So konnte man es sehen. Die moderne westliche Frau war alles andere als abergläubisch. Das waren hier die Einheimischen. Doch mit Schuld an so vielen persönlichen Veränderungen bei ihr war das Sultanat Oman, das unbekannte und doch berühmteste Weihrauchland Arabiens, das sie gerade wieder verließ. Um vielleicht sehr bald wiederzukommen. Der geheimnisvolle Orient hatte sie verwirrt, betört, betäubt, sie abgebracht von ihrem normalen Lebensweg. Oman hatte ihr nicht nur ein Geheimnis mit auf den Weg gegeben.

Jetzt in den letzten Minuten vor dem Abflug, während die deutsche Linienmaschine auf dem Flughafen Muskat auf die Starterlaubnis wartete, waren Julias Körper und Seele übervoll mit Eindrücken, bunten Bildern einer fremden Welt, die jetzt irgendwie zu ihr gehörten. Sie war so voll mit Gefühlen, Farben, Tönen und Gerüchen, so vielen unglaublichen Begegnungen und Erlebnissen, die sie noch nicht endgültig zuordnen konnte. Dafür würde sie mehr Zeit brauchen. Im Augenblick war sie einfach erleichtert, konnte sie tief durchatmen, weil sie den Abschied irgendwie geschafft hatte. Auch wenn er vielleicht nur ein vorläufiger war.

In den nächsten Stunden konnte sie sich erholen. Nein, sie brauchte jetzt niemanden zum Anlehnen. Denn heute war sie inmitten vieler unbekannter Menschen an Bord gern wieder allein, allein auf dem Rückweg nach Deutschland. Sie war jetzt nur für sich selbst verantwortlich, und das war im Augenblick genug. Julia lehnte sich auf ihrem Fensterplatz zurück und atmete weiter tief durch.

Sie war dankbar, dass der deutsche Flugkapitän ihr jetzt die Entscheidung abnahm und die Richtung vorgab. Zurück in ihr vertrautes Leben. Aber war das überhaupt noch möglich? Heute war vieles so anders als sonst am Ende eines Urlaubs. Sonst war sie nach ihren Reisen jedes Mal gern nach Hause zurückgekehrt. Sie freute sich auf ihre vertraute Umgebung, die Anblicke der Umgebung, die Freunde, Kollegen, sie freute sich auf ihre gemütliche Wohnung. Und sie freute sich fast immer über den schönen Willkommensgruß ihres Heimatlandes aus der Luft, wenn sie vor der Landung aus dem Fenster schaute. Sie blickte gern auf die Farbpalette der Natur zu jeder Jahreszeit bis hin zum Horizont, in Grüntönen, Rotbraun oder Schwarz/Weiß. Die Anblicke der kleinen Dörfer aus der Luft inmitten dem Grün waren ihr besonders lieb. Interessant war aber auch die glitzernde, abwechslungsreiche Architektur der Großstädte. Die flache ausladende Silhouette Berlins oder Frankfurts plötzlich aufragende Skyscraper. Letztere waren zwar nicht allzu viele, aber trotzdem sehenswert. Dann spürte sie immer: Deutschland war ein wirklich schönes Land.

Diesmal aber war vieles so anders, sagte ihr eine innere Stimme. Etwas in ihr war sich selbst fremd geworden, fühlte sich merkwürdig zerrissen an. Sogar das Nachhausekommen. Zu vieles war geschehen auf dieser Reise durch den Oman in den wenigen Wochen, die hinter ihr lagen, vieles, das überhaupt nicht zu den Spielregeln einer Urlaubsreise gehört. Das nahm sie nun mit nach Hause. Sie hoffte, die nächsten Stunden in der Luft würden ihr mit jedem zurückgelegten Kilometer etwas mehr von der Schwere nehmen.

Während sich das Flugzeug bis auf den letzten Platz füllte, sah die Frau am kleinen Fenster Gedanken verloren hinaus in die orientalische Nacht. Draußen da hinten bei den gelben Straßenlichtern der Capital Area fanden sie ein Ziel. Sie kannte die modernen Autostraßen des Landes inzwischen ja gut. Sie war anders als erwartet viel Auto gefahren in diesem Land, und sie war auch überall problemlos als Ausländerin ohne Kopftuch unterwegs gewesen.

Dort hinten am Horizont, an der erleuchteten Küste, ganz in der Nähe der hellgelben Lichter der Seepromenade war sie oft gewesen, dort hatte sie viel zurückgelassen. Und was sie mitnahm wog doppelt schwer. Sie nahm es mit in eine ungewisse Zukunft. Was ihr die Sinne schmerzhaft zu erklären suchten war ein anderes Leben. Das alte Land Oman hatte der modernen Frau aus dem Westen mit seinem Reichtum an Mythen und Legenden eine neue, ganz persönliche Geschichte geschrieben. Julia war sich sicher: Ihr modernes Märchen würde reichen für den Rest ihres Lebens - auch wenn die letzten Seiten dieses Buches vielleicht gerade abhanden kamen.

Das Lufthansa-Personal hatte für den Start die Innenbeleuchtung ausgeschaltet und die Motoren begannen ihr röhrendes Geräusch. Meistens achtete Julia kurz darauf, hörte sie für kurze Zeit genauer hin, achtete auf den hoffentlich gesunden, gleichförmigen Klang, auf seine Regelmäßigkeit. Ganz frei von Flugangst war sie trotz vieler Flugreisen noch immer nicht. Sie wusste, Start und Landung waren die gefährlichsten Momente bei dieser sichersten Art des modernen Reisens. Aber alles klang sehr normal, und das Flugzeug war noch sehr neu. Das registrierte sie stets.

Nach der Wendung der Maschine auf dem Flugfeld waren die entfernten gelben Hauptstadtlichter nur noch schwach zu erkennen. Mit einem kurzen, schnellen Anlauf erhob sich der große Vogel übergangslos sanft in die Lüfte, neigte sich nach rechts in die Kurve und schwebte in großem Bogen weit hinaus auf das Meer, hinein in die große unendliche Nacht.

Die meisten Passagiere, es gab kaum Frauen mit Schleier, hatten sich inzwischen an Bord eingerichtet. Jeder wollte es sich für die Nachtstunden so bequem wie möglich machen unter den zunehmend schlechter werdenden Bedingungen der Fluggesellschaften. In der Touristenklasse setzt die viel zu enge Bestuhlung den Flugreisenden heutzutage sehr unangenehme Grenzen. Und die Verpflegung ist inzwischen bei fast allen Airlines erbärmlich. Einige Fluggäste hatten sich für ein erstes Nickerchen entschieden und entspannt die Augen geschlossen. Die Glücklichen … Julia aber sah weiter in Gedanken versunken hinaus in die Nacht. Irgendwie wollte sie keinen der letzten Momente in diesem Land verpassen. Etwas in ihr gab keine Ruhe. Die Begegnung mit dem Land und seinen Menschen war so groß, so außergewöhnlich gewesen. Und der Abschied ein kleines Drama. Viel zu viel Drama für eine Urlaubsreise.

Julia konzentrierte sich auf die gelbe Lichterkette am Horizont. Sie führte entlang der Küstenstraße. Sie wusste nur zu gut, wie die Lampen dort aus der Nähe aussahen. Modern, sehr hoch und dicht standen sie kilometerlang nebeneinander am Meer. Vor Ort strahlte die moderne Beleuchtung ungewöhnlich grell. Wie auf vielen beleuchteten Autostraßen. Noch eine ganze Weile leuchteten die Lichter aus der Ferne erstaunlich weit hinaus in die Nacht und begleiteten von unten ihren Flug. So als wollte die Beleuchtung Licht in eine dunkle Zukunft bringen.

Eine Reihe der Lichter da unten bog dann sogar mit ihnen ab, gab den Weg weiter vor, erst allmählich spärlicher werdend auf der langen Reise nach Norden. So zogen die Lichter über Land eine Markierung durch die großen Wüsten Arabiens. Es schien als teilte sich das Territorium da unten in zwei dunkle Hälften auf. Vom Morgenland zum Abendland.

Konzentriert verfolgte Julias Blick am Fenster die Veränderungen der nächtlichen Landmasse unter sich, die merkwürdigerweise trotz zunehmend großer Entfernung durch die Höhe weiterhin in der Dunkelheit gut auszumachen war. Wie war es möglich, einzelne beleuchtete Landstraßen aus solcher Entfernung noch zu erkennen?

Mit diesen und ähnlichen Gedanken versuchte die Frau ihren unruhigen Geist zu beschäftigen. Sie versuchte ihn zu überreden, sie frei zu geben, und den Druck auf Magen und Darm zu verringern. Noch klappte das nicht. Die Lichter unten markierten noch eine lange Zeit in der dunklen Wüste den Weg durch die Nacht. Sie gaben dem Flugzeug wie mit dem Lineal gezogen den Weg vor quer über die Arabische Halbinsel nach Nordwesten Richtung Europa.

Julia verfolgte die schnurgerade Lichterkette mit ihren Gedanken. Markierten sie vielleicht den Lauf einer alten Handelsstraße vom Arabischen Meer bis tief ins Innere der großen Wüste? Vom alten Persien über den Golf, überquerte der einstige Karawanenweg die Halbinsel und endete wahrscheinlich erst in der Heiligen Stadt Mekka. Diese Route war aber weder die Fortsetzung der historischen Weihrauchstraße, sagte sich die Hobby-Geografin nachdenklich, noch ihre berühmte Schwester, die Seidenstraße. Die erstere verlief weiter westlich, die andere höher im Norden, dann östlich von der Arabischen Halbinsel. Julia liebte historische und geografische Zuordnungen. Erdkunde und Geschichte hatte sie schon als Schulfächer sehr gemocht. Und ihr Kopf brauchte Nahrung. Vor allem jetzt. Ihre geistigen Kräfte hatten sie wenigstens nicht verlassen.

Welcher frühe Reisende hatte wohl da unten als abenteuerlicher Europäer oder arabischer Nomade, als Entdecker oder einheimischer Händler, zu Fuß oder auf seinem Wüstenschiff, dem Dromedar, diese Route genutzt? Vielleicht um seine kostbare Fracht von Pfeffer, Zimt, Edelsteinen, Porzellan oder gar Sklaven auf einem langen, gefährlichen Weg zu transportieren? Edle Waren aus China und Indien, Weihrauch aus Oman waren frühzeitig begehrt. Arabiens Herrscher waren große Abnehmer solcher Kostbarkeiten. Ihre Landsleute wurden versierte Zwischenhändler in diesem geheimnisvollen Teil der Welt.

Mit solchen und ähnlichen, manchmal auch den mystischen Geschichten des Morgenlandes hatte sich die Frau aus dem Abendland in den letzten Wochen intensiv beschäftigt. Es gab überall zunehmend englische Literatur. Sie hatte das zuhause vor ihrer Abreise begonnen. Aber vor Ort gab es dann natürlich Anekdoten und Geschichten des Alten Orients, die kaum ein normaler Tourist erfuhr. Dazu musste man mit Einheimischen unterwegs sein. Wie sie.

Vor einem Monat war sie mit ihrem Partner zu ihrer gemeinsamen herbstlichen Urlaubsreise aufgebrochen. Sie waren nach sieben Flugstunden mit einer Zwischenlandung in Dubai in der omanischen Hauptstadt Muskat gelandet. Die junge Lehrerin und ihr Begleiter, der wenig ältere Journalist, sie waren beide ziemlich urlaubsreif gewesen. Die letzten Wochen hatten es in ihren Jobs in sich gehabt. Sie waren voller Vorfreude auf die zwei gemeinsamen Wochen. Julia hatte sich wie immer gut vorbereitet, hatte einiges gelesen und herausgefunden. Die meisten Lehrer lernen nämlich gern selbst dazu. Und zu diesem Zeitpunkt war Julias Leben trotz Alltagsstress mit Konferenzen und Elterngesprächen zu Schuljahresbeginn ein gerader, ruhiger Fluss. Es gab genügend Tiefgang im Alltag, aber immer auch das sichere Ufer und die richtige Fließgeschwindigkeit. Daran war vor allem Christian beteiligt, und bei ihm schien es ähnlich. Es ging den beiden nicht mehr ganz jungen Menschen im Moment wirklich gut, beruflich und besonders privat. Bis zu den ersten Tagen in Oman.

Tatsächlich brauchte es später nur wenige Stunden nach der Ankunft im Orient, bis der heiße Wüstensand ihr Leben aufwirbelte und den ruhigen Fluss ihres Lebens unterbrach. Plötzlich war eine Untiefe unüberbrückbar. Zufall oder Bestimmung? In diesem mystischen Land voller uralter Traditionen und Aberglauben, wird man da nicht selbst abergläubisch? Glaubte Julia eigentlich, dass die Dinge, die in bestimmten Momenten geschahen und Schicksal spielten, einfach nur so, ganz von allein geschehen? Ein uraltes Rätsel der Menschheit ist diese Schicksalsfrage in Religion, Philosophie und Wissenschaft. Und im Orient ticken die Uhren auch heute noch anders.

Julia und der Mann, der vor Wochen auf dem Hinflug an ihrer Seite gesessen hatte. Christian, ihr Freund und Lebensgefährte. Jetzt beim Rückflug saß eine junge Frau mit hellblauem Kopftuch neben ihr. Die Reisende trug wenigstens nur einen lockeren hellen Gesichtsschleier, nicht den düsteren schwarzen, den der Westen so gar nicht liebt. Es war eine moderne junge Araberin, die in Dubai umsteigen würde. Die beiden Frauen hatten einige höfliche englische Sätze miteinander gewechselt. Aber dann schien auch die Kollegin aus Abu Dhabi, das erfuhr man voneinander, nicht besonders aufgelegt zu sein zum weiteren Plaudern. Die Deutsche war froh darüber. Sie hatte den Kopf so voll. Ihre Gedanken waren ständig woanders. Sie hatten nun in den Lüften begonnen sich wieder frei zu machen, hatten es rasch geschafft, sich wie der orientalische Geist aus der geöffneten Flasche zu befreien.

Plötzlich waren, vielleicht durch die vertraute Umgebung, alle Details ihrer jüngsten Vergangenheit wieder sehr präsent. Es war als säße er wieder neben ihr, als wäre ihre Liebesgeschichte gerade gestern passiert. Mit dem deutschen Freund hatte die Reise in den Oman ja begonnen. Sein Gesicht, sein Wesen, seine Zärtlichkeiten, alles war plötzlich wieder da. Aber es schmerzte. Nun musste sich die Frau mit seinem Geist auseinandersetzen, der sich im Orient verflüchtigt hatte. Anders als sie hatte ihr Freund Christian den Oman kaum kennen gelernt. Nach zwei Tagen hatten sich plötzlich ihre Wege dort getrennt und sie war freiwillig allein in Oman zurückgeblieben.

Lag ihr privates Drama mit Christian wirklich nur so wenige Wochen zurück? Die realistische Frau wusste, ja, es waren tatsächlich nur einige Wochen und Tage Oman, die sie noch gut zusammenzählen konnte. Ihr Freund war damals am zweiten Tag nach ihrer Ankunft in Muskat zurück nach Deutschland geflogen. Und sie kam erst jetzt Wochen später in ihre Heimat zurück. Es war immer noch eine gemeinsame Heimat, aber nicht mehr mit ihm. Christian. Die Erkenntnis schmerzte, sie war bitter und heftig zu spüren. Die warmen Tage in Oman hatten lange einen sanften Schleier des Vergessens über ihre Trauer gelegt, die sie aus verschiedenen Gründen empfand.

Wenig später war die einsame, westliche Touristin mit einem orientalischen Zauber belegt worden. Und da sie keinen Gegenstand jenes Liebsten bei sich trug, als er abgereist war, um die Macht des Vergessens zu brechen, blieb sie dem fremdem Zauber ausgeliefert. Der Orientale weiß, ein persönlicher Gegenstand von ihm hätte das Vergessen verhindert. Welch ein sinnvoller orientalischer Aberglaube, so fremd auch westlichem Denken nicht. Denn wozu kaufte alle Welt sonst Souvenirs?

Christians guter Geist saß auf dem Rückflug plötzlich wieder neben ihr, trotz der verschleierten Frau an ihrer Seite. Er machte sich breit in Kopf und Seele. In wenigen Stunden war Julia wieder daheim, ganz in seiner Nähe. Sie würde sich dann auch sämtlichen bösen Geistern stellen müssen, die auf sie warteten. Das wusste sie. Sie würde erneut eintauchen in das Eisbecken der bitteren Erfahrung. Das Ende einer Liebe, einer großen Hoffnung ist immer ein schmerzlicher Verlust. Warum konnte man solchen Geistern hier nicht auch einen Schrein aufstellen in der Ecke des Zimmers und ihnen Opfer bringen, um sie gütig zu stimmen, wie es die Menschen in Asien taten? Man würde vielleicht weniger leiden.

Dabei hatte damals alles so ideal mit ihnen beiden begonnen. Durch ihre Berufe hatten sie sich kennen gelernt und man war sich auf Anhieb sympathisch, Julia hatte ihre schlimmste Zeit endlich hinter sich. Man traf sich bald regelmäßig wieder, denn sie hatten sich viel zu sagen und sie konnten so herrlich miteinander lachen. Ganz langsam, sie hatten es beide nicht eilig, wurde aus ihrer Freundschaft eine Liebesbeziehung. Ihre aufrichtige Zuneigung, die in ihrem Alter, sie waren beide jenseits der Dreißig, meinte deutlich mehr als schnellen Sex und die flüchtigen, berühmten Schmetterlinge im Bauch. Beide waren sie besonnene, zielstrebige Menschen. Nicht mehr unerfahren waren ihre Seelen nicht unbeschädigt, aber in gutem Zustand geblieben.

Und so wurden sie eines jener zufriedenen Großstadtpaare:»Dinkies«: Double income no kids. Das jedenfalls wären sie jedenfalls in einem gemeinsamen Haushalt gewesen, einer gemeinsamen Wohnung, die sich noch nicht ergeben hatte.

Alles eine Frage der Zeit, dachte sich Julia inzwischen manchmal. Sie hatten ihre eigenen netten Wohnungen in Frankfurts Innenstadt, hatten beide Berufe, die sie bejahten und sie freuten sich zunehmend über ihr privates Glück. Beide hatten tatsächlich die Möglichkeit, viele ihrer Hobbys im Beruf auszuleben. Das schaffen längst nicht alle Menschen. Sie als Lehrerin, er als Journalist bei einem ortsansässigen Rundfunksender. Die verlängerten Wochenenden, oft mit kleinen Reisen, waren bald Höhepunkte für sie beide. Und der letzte Höhepunkt waren die geplanten längeren Herbstferien in Oman. So war es gedacht.

Aber auf Reisen bringt man außer dem Körper seine ganze Seele mit, mit allen Höhen und Tiefen, die im Alltag vielleicht weniger Aufmerksamkeit bekommen. Und das geht nicht immer gut.

Irgendwann allein in ihrer durchaus gemütlichen, kleinen Wohnung in Frankfurt Ortsteil Sachsenhausen, irgendwann an einem normalen Wochentag, hatte Julia abends damit begonnen, in sich hineinzuhören. Sie hatte begonnen ihre Bedürfnisse zu hinterfragen, sie deutlicher zu erkennen. Sie fing an sich Gedanken zu machen. Sie wollte sich in Zukunft mehr ihren Sehnsüchten stellen, die ein Lebensziel waren. Denn eigentlich wollte Julia gar nicht so frei und unabhängig leben, wie Christian und sie es nun seit Monaten taten. Sie wünschte sich mehr. Sie war nicht mehr so jung, sie liebte Kinder und sie wünschte sich ein eigenes Kind und eine richtige Familie. Als Einzelkind aufgewachsen hatte sie das immer bedauert. Sonntags genoss sie jahrelang als Jugendliche die Besuche in der großen Familie ihrer besten Freundin, wo es interessant und munter herging.

Ihr Lebensstil als Single war nach einer bitteren Erfahrung eine lange Zeit gut und richtig gewesen. Nur so kann die verletzte Seele heilen. Und inzwischen fühlte sie sich wieder gesund. Mit einem klugen, liebenswerten Mann wie Christian konnte es langsam mehr werden. Sie waren ein ideales Paar, fanden ihre Freunde. Wie sie immer wieder hörte.

In ihrer knapp bemessenen Freizeit waren Christian und sie einfach noch nicht dazu gekommen, sagte sich die Frau, das was weitaus jüngere Paare ganz nebenbei schaffen, eine Familie zu gründen. Mit 35 Jahren hatte manche Freundin schon zwei Kinder. Auch ihre Kollegin in der Schule hatte gerade ihr zweites Baby bekommen. Ein süßer Spatz! Und bei dem Anblick des wonnigen Kerlchens neulich hatte sich das leise Ticken ihrer biologischen Uhr in einen lauten Weckruf verwandelt. Und der war jetzt nicht mehr abzustellen.

Christian und sie sprachen selten über dieses Thema. Im Gegensatz zu ihr kannte der Journalist kaum junge Familien. Seine Bekannten besaßen andere, meist berufliche Prioritäten. Sein Studienfreund Alex war als Auslandsjournalist regelmäßig irgendwo in der weiten Welt unterwegs. Seine jetzige Station hieß Shanghai. Eine spannende Metropole! Doch er hatte Familie und bereits die zweite Scheidung hinter sich. Die Familie war wieder nicht flexibel genug gewesen, behauptete er. Die Kinder, das gab Alex nach einigen Bieren zu, die würden ihm schrecklich fehlen.

Für den weniger nomadisierenden Christian, er war mehr in Frankfurts Umgebung unterwegs, schien es bei diesem Thema dennoch eine unsichtbare Barriere zu geben. Wünschte er sich überhaupt eine Familie, eigene Kinder? Von seiner letzten Beziehung wusste Julia, die Frau wollte anscheinend zu schnell eine Familie gründen. Sie hatte dann nach der Trennung von Christian bald darauf einen Jugendfreund geheiratet und inzwischen Kinder bekommen. All das hatte Christian anscheinend wenig ausgemacht.

Diese Frau sei sowieso nicht die Richtige gewesen, so vieles hätte da nicht gepasst … Behauptete er. Und bei ihr? Was passte nicht? War das mit ihnen nicht etwas anders? Julia nahm sich vor, das herauszufinden, bald bei passender Gelegenheit nachzuhaken.

Ja, sie musste versuchen, Gewissheit zu bekommen. Sie konnte nicht mehr allzu lange warten.

Und genau das hatte sie dann getan - an dem letzten gemeinsamen Abend ihrer Beziehung, dem erst zweiten Tag in Oman, in jener herrlich warmen orientalischen Nacht auf der Dachterrasse der Villa. Da hatte Julia die Gelegenheit zu dem folgenschweren Gespräch ergriffen.

Nachtgedanken

Im Flugzeug blieb es nun dunkel; es ging inzwischen auf Mitternacht zu. Das karge Abendessen würde erst nach der Zwischenlandung in den Emiraten serviert werden. Nur wenige Passagiere hatten ihre Leselampen eingeschaltet. Die meisten schienen zu schlafen. Wie das die Leute immer so schafften? Julia beneidete solche Reisende. Im Schlaf verging die Zeit buchstäblich im Fluge, nicht so quälend wie bei ihr. Heute besonders, voll trauriger Gedanken im Kopf. Julia packte das Schaumstoffkissen aus und drückte den Knopf, um sich noch weiter zurückzulehnen. Früher gab es echte Federkissen zum Hineinkuscheln. Wahrscheinlich gab es sie in der höheren Klasse. Doch das war jetzt nicht wirklich wichtig. Das Nachdenken über ihre Lebenssituation beschäftige sie weiter.

Julia hatte den Mann Christian also nicht bekommen, den so sympathischen Journalisten, wie sie zuvor den Mann Bernhard in Hamburg nicht bekommen hatte, und den letzten, den Mann in Oman, nicht bekommen würde. Jedenfalls nicht zu ihren Bedingungen. Vielleicht waren Männer ja für sie nicht bekömmlich oder Julia war es nicht für sie. Sah es nicht ganz danach aus? Immer war etwas falsch, passte etwas Wichtiges nicht. Es musste an ihr liegen. Vielleicht sollte sie endlich daraus lernen. Sich abfinden und allein bleiben. Es gab ja durchaus andere Lebensentwürfe. Sozialarbeit oder Englisch-Lehrer ausbilden, vielleicht in Asien oder Schwarzafrika? Das letzte Mal allein nach der Fernreise auf Sansibar hatte sie ernsthaft wieder darüber nachgedacht, sogar erste Kontakte geknüpft. Wie schon ab und zu davor. Eine Stelle als Lehrerin in Nicaragua oder in der Türkei.

Und dann hatte sie Christian in der Schule kennen gelernt. Und mit ihm, den sie zunehmend mehr schätzte und schließlich liebte, begann es wieder. Das für sie so riskante Spiel mit dem Feuer. Obwohl sie Hitze nicht besonders mochte und überhaupt keine Spielerin war, kein großes Spielvermögen besaß, das ihr Leben bereichern oder erleichtern könnte. Sie ließ sich dennoch wieder darauf ein.

Damals nach ihrer Flucht aus Hamburg hatte sie schon eine ganze Weile zufrieden in ihrer neuen Heimat gelebt. Allein in der interessanten hessischen Metropole. Sie hatte ihre Probleme buchstäblich hinter sich gelassen und die seelische Verletzung verheilte.

Im zweiten Jahr war Julia dem Journalisten begegnet in ihrem Beruf als Lehrerin, als er in ihrer Grundschule für sein Kulturmagazin im Hessischen Rundfunk ein Interview plante. Julia erinnerte sich gut, wie angenehm überrascht sie gewesen war, als sich die sympathische, wohlklingende Stimme aus Radio, sie hörte seine Sendung gern, in natura als ebensolche charmante Persönlichkeit entpuppte. Denn manch wohl tönende Stimme aus dem Äther, die mit Charme ins Wohnzimmer und in weibliche Herzen flutet, gehört einem dicken, verschwitzten Gartenzwerg mit Stirnglatze. In seinem Fall aber passte alles.

Ihr Lehrerkollegium in Sachsenhausen hatte sich zu der Zeit auf ein neues Projekt eingelassen und war Vorreiter für ein neues Einschulungsprogramm. Man wollte versuchen, Erstklässlern den Einstieg in den Schulalltag zu erleichtern und ihnen so individuell mehr Zeit geben. Man würde das erste und zweite Schuljahr zusammenlegen, verkürzen oder verlängern, je nach Bedarf, um eine bessere Anpassung zu ermöglichen. Darüber würde Christian in seiner Sendung berichten. Julia war im Sekretariat zugegen, als der Journalist mit seinem Team anrückte. Ihre Grundschulklasse war mit betroffen und die engagierte Lehrerin war gern bereit, zu helfen und Informationen beizusteuern. So hatte man sich kennen und schätzen gelernt. Für Julia war Christian die erste enge Beziehung nach der längeren, selbst verordneten Pause, in der die attraktive Frau Männern überhaupt keine Chance gegeben hatte. Dabei gab es Annäherungen und Angebote genug. Aber sie hatte viel Zeit gebraucht, um sich von einer unglücklichen Liebe zu erholen. Deshalb war sie schließlich als letztes Mittel aus dem Norden in die Mitte des Landes geflohen und hatte sich auf ihre Arbeit gestürzt.

Erst mit Christian änderte sich ihre Situation. Natürlich wusste Julia, dass sie mit jeder neuen Liebe erneut riskierte verletzt zu werden. Aber sie war auch erwachsener geworden, sie würde achtsamer sein, sich schützen und klüger handeln. Sie glaubte inzwischen zu wissen, was ihr gut tat und was nicht. Keine unangebrachten Kompromisse mehr, keine halbherzigen Geschichten, sie würde Lügen erkennen, das schwor sie sich. Und keinen Kerl mehr im Bett, der noch woanders seinen Schlafanzug hatte. Wie jener Mann in Hamburg.

Die neue Beziehung zu dem Journalisten hatte von Anfang an eine andere Qualität. Davon war auszugehen. Nach menschlichem Ermessen war der Mann ein gradliniger, zuverlässiger Gefährte mit jener wunderbaren Mischung aus Intellekt und Humor, die Julia so schätzte. Ein Glücksfall, dass er in seinem Alter, nur mit seiner Arbeit verheiratet war.

Irgendwann war ihr allerdings aufgefallen, dass ihr Freund sein Single-Dasein in der Woche weit mehr genoss als sie. Die Tage ihres getrennt Seins an den Wochentagen machten ihm anscheinend sehr wenig aus. Bedeutend weniger als ihr. Er erklärte, er arbeite in der Woche besonders effizient und genieße die Vorfreude auf ihr Wiedersehen am Wochenende doppelt. Schön für ihn! Doch Julia ging es da leider anders. Sie vermisste den Liebsten nach den Wochenenden montags fast körperlich und bedauerte zunehmend, dass er das so anders sah.

Heute wusste Julia nur zu gut, was sie in der unglücklichen Beziehung in Hamburg falsch gemacht hatte. Sie wusste, sie hätte die jahrelange Liebesbeziehung, die der verheiratete Mann als »große Liebe« titulierte, um sie zu halten, viel schneller beenden müssen. Oder erst gar nicht eingehen. Doch der ewige Mythos der großen Liebe, war auch in ihr tief verankert. Damit hatte der Mann sie zu manipulieren gewusst. Diese schmerzliche Sehnsucht, die Hoffnung auf Einzigartigkeit. Auf eine gemeinsame Zukunft …die er versprochen hatte. Viel zu lange hatte sich Julia damit befasst. Überall auf der Welt gab es das Versprechen dümmlicher Liedertexte, in allen Weltsprachen ist es so populär: »Only you...«, »Du gehörst zu mir...«? Merkwürdigerweise hatten solche Texte überall Konjunktur. Die Menschheit, vor allem Frauen, brauchten anscheinend Mythen und Legenden dieser Art in Liedern und Filmen.

Mit den Jahren beurteilte Julia Liebesromanzen bedeutend realistischer. Ein Mann, der nicht frei war, wie damals der Arzt aus Hamburg, das sollte ihr nicht wieder passieren. Und reife Singles, die das ewig bleiben wollten, die waren ebenfalls für sie die falsche Wahl. Das hatte sie inzwischen begriffen. Sie musste nur danach handeln.

Damals in Hamburg waren ihr schließlich eine Depression und dann der Zufall zu Hilfe gekommen. Bei einem Klassenausflug zur Insel Helgoland, zu dem sie sich aufraffen musste, hatte sie eine Frankfurter Kollegin kennen gelernt. Sie war wie sie mit ihren Schülern unterwegs. Die Lehrerinnen waren auf der Fähre ins Gespräch gekommen. Wie sich herausstellte, lag beiden daran, sich räumlich zu verändern. Sie erkannten die Gelegenheit und beschlossen, ihre Anstellungen zu tauschen.

Mit ihrem privaten Leidensdruck war Julia endlich zu einer Radikalkur bereit. Die Kollegin aus Hessen wollte gern zu ihrem Verlobten in die Hansestadt ziehen und Julia brauchte dringend einen Standortwechsel. Zuhause sprachen sie bei ihren jeweiligen Schulämtern vor und tatsächlich: Der Tausch ins andere Bundesland gelang überraschend problemlos.

Etwas Besseres hätte Julia nicht tun können. In der neuen Umgebung mit den freundlichen Kolleginnen in der Frankfurter Grundschule, kehrte Julias Lebensfreude zurück. Und die Aufgaben in der neuen Klasse mit den Grundschulkindern, die sie so liebte, halfen ihr, gesund zu werden. Sie wurde wieder sie selbst, ein zufriedener, ausgeglichener Mensch, auch ohne die andere geliebte Person. Sie wurde vielfach zurück geliebt. Die Norddeutsche freundete sich sogar an mit dem vorlauten Mundwerk in ihrer Straße. Denn da gab es genug Nachbarn, die immer eine ulkige Klatschgeschichte zu erzählen hatten. In Sachsenhausen, diesem hübschen, alten Stadtteil mit seinen kleinen Geschäften und Straußenwirtschaften fühlte sich Julia richtig wohl. Dort hatte sie auch die Wohnung der Kollegin übernommen. Und beim Joggen und auf ihren Spaziergängen am Main-Ufer entdeckte sie immer neue schöne Plätze. Ein Lieblingsziel wurde das Lese-Café an der Ecke, wo sie Regentage bei Milchkaffee und selbst gebackenem Kuchen mit interessanten Büchern und internationalen Zeitschriften verbrachte und dabei nette Gleichgesinnte kennen lernte.

Natürlich gab es auch in ihrer neuen Heimat neugierige Nachbarn, die ihre Nase überall hinein steckten. Doch Julia hatte jetzt nichts mehr zu verbergen. Diese Zeiten waren endgültig vorbei. Sie fühlte sich rundum wohl in der Hessenmetropole. Die Fischköppe in ihrer alten Heimat würden es der hessischen Kollegin wahrscheinlich nicht so leicht machen. An der kühlen Nordseekante war man Fremden gegenüber weniger aufgeschlossen. Aber die Kollegin hatte zum Warmwerden ja ihren Liebsten. Julia gönnte es ihr. Sie freute sich inzwischen wieder auf jeden neuen Tag, wenn sie bei Wind und Wetter mit dem alten Fahrrad um ein paar Ecken zu ihrer Schule sauste. Und sie strahlte von innen, wenn sie ihre Klassenzimmertür öffnete und begeistert empfangen wurde. Und Christian hatte das Strahlen sehr wohl registriert. So hatte es mit ihm begonnen.

War es ein Wunder, dass sie sich ein eigenes Kind wünschte? Langsam wurde das für sie zu einem wichtigen Thema. Wie Christian wohl reagieren würde? Würde er mit ihr ernsthaft über eine Familienplanung nachdenken? In anderer Hinsicht war sie sich bedeutend sicherer. Er sagte es nicht oft, doch sie wusste, er liebte sie von Herzen. Und sie hatten viele ähnliche Hobbys, er liebte wie sie Kultur und das Reisen, Sport, besonders das Tennisspielen. Er hatte es natürlich bald gemerkt, Julia war seit ihrer Kindheit eine Weltensammlerin. Auch das passte. Manchmal nannte die Frau sich philosophisch »Eine ewig Reisende auf dieser Welt«, denn sie war sehr viel unterwegs. Und dann erklärte sie manchmal, sie sei dabei immer auf der Suche nach dem richtigen Ort zum Leben. Auch in dieser Hinsicht passten sie wunderbar zusammen, wie in vielen anderen Fragen des Alltags, die Lehrerin und der Journalist, der auch schon Jahre im Ausland gearbeitet hatte.

Christian war in so vieler Hinsicht ein perfekter Partner. Gewesen. Und er war ledig. Doch warum war und die Vergangenheit. Er lebte ja noch. Die Frau im Flugzeug auf ihrer Rückreise konnte ihm die positiven Attribute nicht absprechen. Ja, er war gesund, klug, sportlich, reiste gern. Doch für sie war er inzwischen Vergangenheit geworden. Julia seufzte. Er ist ein guter Mensch und toller Partner für viele Frauen, sagte sie sich. Nur leider nicht für mich. Das Eisbecken dieser Erkenntnis tat sehr weh.

Die Ankunft

Der gemeinsame Flug nach Muskat vor Wochen war damals sehr angenehm gewesen. Die ausnahmsweise guten Service-Leistungen an Bord der deutschen Airline hatten sie beide überrascht. Auch in der Holzklasse gab es diesmal erstaunlicherweise wieder ein kleines, schmackhaftes Menu, keine billigen Nudeln mit Pilzen aus der Dose und Gummibrötchen wie meist. Und es gab sogar ein paar Schlückchen guten Rotwein dazu. Fast wie in alten Zeiten. Als Fluggast war man in den letzten Jahren bescheiden geworden. Nach dem unverhofften abschließenden Digestif, war die junge Frau deshalb neben ihrem Freund eingenickt, was ihr sonst höchst selten unterwegs gelang. Die letzten Schultage mit Ausflügen, Zeugnissen und Konferenzen waren wie immer sehr anstrengend gewesen. Jetzt schlummerte sie entspannt am Fenster.

Bei der nächtlichen Landung in Muskat war Julia dann topfit. Aufmerksam sah sie sich in der schlichten Ankunftshalle um. Wie so häufig auf weniger bedeutenden Flughäfen der Welt stand man in einem spartanischen, fast provisorischen Ankunftsgebäude, das hier in Muskat besonders schlicht ausfiel.

Julia erinnerte sich noch gut an die Details ihrer Ankunft in Oman. An der kahlen, gelblichen Wand schaute ihnen der stattliche Sultan Qaboos bin Said, der Herrscher des Landes, huldvoll entgegen. Sein prüfender Blick aus dunklen, durchdringenden Augen hieß Einheimische und Touristen willkommen, sorgte aber gleichzeitig für genügend Distanz. So jedenfalls wollte er wirken und er wirkte so auf die angereiste Deutsche, die sein Land nun besuchen wollte.

Majestät waren natürlich nicht persönlich zugegen. Der Sultan posierte im Flughafengebäude auf einem gerahmten Foto in edler, orientalischer Bekleidung. Hier vor den Augen eines ständig neuen, internationalen Publikums, in einer Garderobe, die wahrscheinlich schon seine Vorgänger vor Jahrhunderten getragen hatten. Die Traditionen des Landes galten auch bei ihm. Noch immer gab es hier anscheinend einen Sultan wie aus 1001 Nacht, in einer Doppelrolle als moderner Herrscher und Symbolträger des Landes.

Der interessierte Leser aus Europa weiß, ganz persönlich erscheint der hohe Herr allerdings nur äußerst selten vor seinen Landsleuten. Doch einmal im Jahr tritt er öffentlich mit einer längeren Rede vor sein Volk und im Winter gibt es die jährliche Rundfahrt mit viel Pomp quer durch das Land. Das berichtete einmal ein deutsches Magazin. Ansonsten sei er meist unsichtbar, ein großer Unbekannter also schon fast ein Mythos. Wie sein Land es vor ihm unter seinem Vater für lange Zeit wirklich war.

Wie regiert dieser Sultan heute sein Volk und wie lebt er wohl privat? Und was denkt und sagt man hier im Land über ihn? An solchen Geschichten waren die beiden gebildeten Deutschen durchaus vor ihrer Reise interessiert. Fotos von ihm würden sie später jedenfalls noch viele sehen.

Am Flughafen Muskat war das Herrscherporträt an den Wänden der erste deutliche Hinweis für Unwissende aus aller Welt auf seine tragende, privilegierte Position im Wüstenstaat. Im Land würde man seinem Abbild wie in Diktaturen ständig begegnen.

Die beiden Reisenden wussten natürlich, man war hier nicht in einer Demokratie, Sultan Qaboos regierte allein bereits seit 1970. Er hatte damals seinen unsozialen Vorgänger, den eigenen Vater, buchstäblich vom Thron gestürzt. Wie es heißt, um das Land vor Schlimmerem zu bewahren. Der Vater hatte das Land tatsächlich Jahrzehnte komplett abgeriegelt von der Außenwelt und die Menschen im tiefsten Mittelalter gehalten. Es gab nur eine einzige asphaltierte Straße von 6 km, die zu seinem Palast führte und sonst nur sandige Karawanenwege in einem Land mit 1700 km Küstenlinie.

Der Vater wurde damals bei der Auseinandersetzung mit dem Sohn verletzt und anschließend ins Ausland verbannt, wo er bald verstarb. Der Sohn begann als Nachfolger unverzüglich mit den Veränderungen und Modernisierungen im Land und hatte bald trotz beibehaltener Traditionen vor allem den Fortschritt für sein Volk im Auge.

Inzwischen ist Sultan Qaboos einer der dienstältesten Machthaber der Welt, in einem Land, so groß wie Italien. Er will diese Macht eines Tages an einen persönlich ausgesuchten Nachfolger weitergeben. Wohl nicht dynastisch, denn er hat keine Kinder. An wen, das hält er geheim. Das ist anscheinend erlaubt. Aber es darf spekuliert werden. Auch über seine sexuelle Orientierung. Bei Hofe soll es jedenfalls einen geheimen, verschlossenen Umschlag geben, der bei seinem Tode zu öffnen ist. Vielleicht ist es ja ein Glück, dass er keine eigenen Kinder hat, die ihm eines Tages in den Fuß schießen, wie es der Sohn einst dem Vater antat, damit dieser endlich von der Bildfläche verschwand.

Schon eine spannende Episode aus dem Palast des Sultans. Welche Geschichten aus der Umgebung des Herrscherhauses gibt es noch? Das Porträt in der Ankunftshalle regte Julia sofort zu intensiven Überlegungen an. Welche Wahrheit gab es noch hinter diesem Foto? Gab es jenen so überaus sozialen Regenten wirklich, wie vielfach behauptet wurde, ein Sultan, der sich intensiv um seine Landeskinder kümmerte, sich aber gleichzeitig lieber unsichtbar machte? Ein Machthaber, der sich gern ein weiteres Denkmal baute, ein umstrittenes, glamouröses Prestigeobjekt, wie das riesige, neue Opernhaus? Oder gab es doch eher eine feine repressive Politik, feiner als in den Nachbarstaaten, und es gab nur das schöne Märchen vom guten Sultan? Ob man vor Ort wohl etwas mehr davon erfuhr?

Man hatte in der Ankunftshalle mit dem Pass in der Hand genug Zeit um solche Überlegungen anzustellen. Hinzu kamen Julias aktuelle Beobachtungen. Etwas unterschied sich hier deutlich von anderen Ländern. Die Phantasie erhält zusätzlich Nahrung.

Es waren die Menschen, die Julia hier auffielen. Ihre Kleidung. Jene die herumliefen, warteten oder suchten und andere, die dort konzentriert hinter den Tresen arbeiteten, die die Ausweispapiere entgegennahmen. Die Angestellten trugen nicht wie sonst üblich eine langweilige Flughafenuniform, sondern sie waren orientalisch und individuell gekleidet. Sie trugen fließende, lange Gewänder und unterschiedliche Kopfbedeckungen, Tücher, Kappen, Turbane. Ein echtes Bild aus dem Morgenland! Julia gefiel, was sie hier sah. Hier spürte man schon den Orient! Das Foto des Sultans über ihren Köpfen schien ihnen Mahnung und Vorbild zu sein. Gerade schwebte eine neue Gruppe ankommender Fluggäste herein und lief in knöchellangen hellen Hemden in Ledersandalen auf die Abfertigungsschalter zu.

In ihrer eigenen Reihe hatten sich die Lufthansa-Passagiere, auch Julia und Christian, in der Wärme des Gastlandes rasch der Winterjacken entledigt. Ihre Freizeitkleidung unterschied sich deutlich vom Bekleidungsstil der Einheimischen. Die Deutsche freute sich über das Signal, man war also wirklich in einem anderen Teil der Welt angekommen. Das hatten Christian und sie sich gewünscht.

Die Ausländer mussten einen Umtausch tätigen, um die moderaten Einreisegebühren zu entrichten. Am rechten Nachbarschalter mit der kürzeren Warteschlange, sie standen natürlich wieder einmal falsch an, fiel eine bunte Reisegruppe besonders auf. Da leuchteten glänzende Saris seidig elegant an dunkelhäutigen Frauen, übertrumpften sich gegenseitig in grellem Pink, in duftigem Orange oder giftigem Grün. Die Farbenpracht der Gewänder passte exakt zu ihren schmalen Hosen. Lange passende Seidenschals umschmeichelten die schlanken Figuren und die schön geschnittenen Gesichter. Diese attraktive Weiblichkeit leuchtete hervor zwischen den Männern an ihrer Seite in deren unscheinbarem Beige oder Braun. Welch ein schöner Anblick! Man musste sich die Frauen jetzt nur noch unter einem rot blühenden Flammenbaum oder blauen Jacaranda-Busch vorstellen. Diese Frauen zeigten auch hier unbeirrt Farben und Schönheit und pflegten damit die Traditionen ihrer fernen Heimat. Sie schmückten sich auffällig und sie taten das auch in diesem islamischen Land. Sie umrahmten sich wenigstens äußerlich mit Lebensfreude und Wohlbefinden.

Julia gefielen die leuchtenden Farben und die schönen braunen Gesichter der Frauen. Nein, sie versteckten sich nicht wie ihre muslimischen Schwestern. Das hier waren Inderinnen oder Pakistani, die in Oman lebten und arbeiteten, spekulierte die Deutsche. Die farbenprächtigen Gruppen waren vom jährlichen Heimaturlaub an ihre Arbeitsplätze in Oman zurückgekehrt. Sie führten kein einfaches Leben in den arabischen Ländern. Das war hier im Oman gewiss nicht so viel anders als in den Arbeitskräfte suchenden Emiraten. Doch vielleicht gab es ein etwas besseres Leben als zuhause.

In der Warteschlange am Fenster stand jetzt eine interessante Gruppe beieinander, schlanke Gestalten in weißen bodenlangen Hemden mit landesüblichen Kopfbedeckungen, Turban oder bestickter Kappe. Gut ein Dutzend Personen, nur Männer waren bei ihnen zu sehen. Lebten die arabischen Frauen in einer anderen Welt? Vereinzelt trug man zu den weißen Disdashas statt der bestickten Kappe einen farbigen, raffiniert gebundenen Turban. Hier gab es beim Binden augenscheinlich verschiedene individuelle Varianten. Der Turban schien die höhere Würde ihrer Träger zu unterstreichen oder einen besonderen Anlass. Auf den meisten Köpfen aber saßen die hübschen omanischen Kummas, die Hand bestickten, runden Kopfbedeckungen. Ein unbedeckter männlicher Haarschopf war nirgends zu sehen. Fast nur gut geschnittene Männergesichter. Schöne arabische Profile, fand die Deutsche, während sie ihre Beobachtungen fortsetzte.

Eine kleinere Gruppe von vier, nein, fünf Weißgewandeten mit edlen Turbanen wurde jetzt vorrangig und besonders zügig abgefertigt. Die Herren schritten anschließend rasch auf den Ausgang zu, hoch gewachsene Gestalten in makellosem Weiß mit Turban, darunter Gesichter mit und ohne Bart. Die dortigen Omanis mittleren Alters schienen besondere Vorrechte zu besitzen. Ein attraktives Männergesicht wendete sich gerade um, schaute plötzlich noch gestikulierend in Julias Richtung. Während der Mann weiterhin lebhaft auf seinen Hintermann einredete, verfing sich sein klarer Blick für Bruchteile von Sekunden in der Gegenwelt. Julia sah in blitzende braune Augen, sympathisch lachend, kurz innehaltend in seiner ausdrucksvollen Rede. Ein bartloses, weiches, schönes Männergesicht, dachte die junge Frau. Welch ein interessanter Omani! Er war größer als die anderen, lebhafter und schien übermütig herüber zu lachen, auch zu ihr, der Unbekannten …

Es gibt eben Völker mit besonders gut aussehenden Menschen! Diese nicht neue Erkenntnis musste sie jetzt unbedingt an ihren Partner weitergeben, der hinter ihr langsam aufrückte.

Wir Deutschen gehören nicht unbedingt dazu. Schau dich bloß mal um in unserer Reihe …!

Es war nicht bloß eine Provokation, die Julia da entschlüpfte. Sie meinte keineswegs nur den mangelhaften Modegeschmack ihrer Landsleute, sondern erklärte:

Ich finde, Italien ist so ein Land mit schönen Menschen, Indien ebenso - schau mal die schönen Frauen dort - und hier, der Oman, die Männer dort! Es scheint ebenfalls ein Land mit schönen Menschen zu sein. Schau dich mal um! Die ebenmäßigen arabischen Gesichter …

Das hatte Julia jedenfalls gerade für sich entschieden. Schade, dass man hier nur die eine Hälfte des Himmels betrachten konnte! Sie dachte an die fehlende Weiblichkeit zwischen all den weißen Gewändern und die wahrscheinlich draußen zu erwartende Verschleierung der hiesigen. Frauen. Die weibliche Hälfte in Oman war gewiss unter ihrem Schleier ebenso schön wie die männliche. Julia sah sich suchend um. Doch außer zwei Frauen beim Personal am Schalter waren einheimische, weibliche Gestalten nirgends zu sehen. Wo war diese andere Hälfte überhaupt

All das hatte sie damals am Flughafen gedacht und erlebt, vor einigen Wochen bei ihrer Einreise in den Oman. Jetzt im Flugzeug wurden Julias lebhafte Erinnerungen während der Zwischenlandung in Dubai nur kurz unterbrochen. Die Passagiere sollten sitzen bleiben, während das Flugzeug hier im anderen Ölstaat anscheinend noch preiswerter betankt werden konnte. Die Emirate machten nicht nur in dieser Hinsicht dem Oman große Konkurrenz. Sie winkte der grüßenden Nachbarin hinterher, der Kopftuchfrau, die jetzt das Flugzeug verließ.

Vierzig Minuten später setzte das Flugzeug seinen Weg nach Deutschland fort. Der Platz neben Julia war frei geblieben. Das war ihr sehr recht. Es war angenehmer, und sie brauchte heute niemanden zur Unterhaltung; sie hatte genug mit sich selbst zu tun. Der Roman in ihrem Kopf drängte auf Fortsetzung.

Und jetzt? Was würde bleiben von ihren Erlebnissen in Oman? Doch sie hatte versprochen, bald zurückzukehren in dieses heiße arabische Land, wollte wiederkommen in den nächsten Ferien. Zu einem schönen arabischen Gesicht, das ihr nicht mehr fremd war.

Doch vorerst ging es in die andere Richtung nach Europa zurück, wo es eine vertraute Welt gab ohne Dishdashas und Turbane, aber den deutschen Mann, mit dem sie angereist war. Christian, der deutsche Freund, der in Oman Vergangenheit wurde. Was der Journalist wohl jetzt gerade tat, heute an einem Freitagabend, an einem grauen Tag im November, an dem auch sie heimkehrte? An solchen Tagen wären sie früher gemeinsam gemütlich essen oder ins Kino gegangen.

Julia sah ihn wieder vor sich bei ihrer Ankunft in Muskat, als sie selbst das Foto des Sultans diskutierte. Sie erinnerte sich sogar an Christians plötzliches nervöses Suchen, seine sorgenvolle Miene im Flughafenterminal. Er folgte seiner munteren Begleiterin nur langsam nach. Ungeduldig, bloß keine Panik, kramte er im Rucksack nach dem Reisepass und konnte den Blicken seiner Freundin und ihren neuen Erkenntnissen über das Gastland Oman noch nicht folgen. Julia war bereits angekommen und nach ihrem Nickerchen ganz wach im Hier und Jetzt.

Sie erinnerte sich jetzt sogar wieder an jenes großartige Gefühl, das sie bisher nur wenige Male erlebt hatte, auf Reisen irgendwo auf der Welt. Urplötzlich in einer exotischen Umgebung spürte sie plötzlich ein unglaubliches Wohlbehagen, und es schien ihr so, als sähe sie sich plötzlich selbst von außen zu. Wie in einem Film von und mit ihr, eine unwirkliche Situation, aber so unglaublich angenehm und stimmig. Ein Flow!

Genau das war ihr damals passiert beim Warten in der schlichten Ankunftshalle in Muskat. Plötzlich war sie wieder da diese große, weiche Übereinstimmung mit sich und der Welt, die Wärme einer tiefen inneren Gewissheit und Geborgenheit, mit Zeit und Raum plötzlich völlig in Einklang zu sein. Für wenige perfekte Momente.

Und dieses kleine Glück konnte sich in diesem Moment sogar einer aufmerksamen Umwelt mitteilen, zum Beispiel jenem großen Fremden im weißen Gewand am Flughafen in Muskat, dessen lächelnder Blick sie wie zufällig streifte. Sie konnte ihn beteiligen daran. Sie wusste, diese kleinen Glücke waren eine seltene Kostbarkeit, wie einst vor dem balinesischen Heiligtum im Norden der Insel oder einmal mitten auf der überfüllten Straße in Hanois Altstadt zwischen den Reishüten alter Frauen. In Oman inmitten bunter Orientalen in einer Flughafenhalle, da war es wieder da, dieses seltene, wunderbare Gefühl, der perfekte Moment.

Die Gruppe mit den edlen Turbanen und dem attraktiven Fremden war inzwischen verschwunden. Julia sah sich nach ihrem eigenen Reisegefährten um, der inzwischen erleichtert mit dem weinroten Dokument winkte. Julia musste ihn jetzt unbedingt an ihren weiteren Gedankenausflügen beteiligen. Sie wies auf das Porträt an der Wand:

Schau, das Staatsoberhaupt, der omanische Sultan! Sieht er nicht trotz modernem Bart aus wie ein Weiser aus dem Morgenland? Gut aussehend und ganz sympathisch, oder? Ich glaube, ich könnte ihm auch vertrauen. Sie wussten beide, dass die meisten seiner Landeskinder das taten und ihn als ihren wohlwollenden Übervater betrachteten.

Jedenfalls ein würdig aussehender Orientale, musste Christian zugeben. Er als eher kritisch denkender Journalist hatte allerdings auch seine Bedenken. Julia wusste, er kritisierte die wenig demokratische Regierungsform und die Länge der Amtszeit des Sultans. War das hier nicht eine Diktatur?

Doch es gab andere feudalistische Machthaber, die ihm weit mehr ins Auge stachen. Ihm waren durchaus einige unangenehme Aussagen über diesen Potentaten zu Ohren gekommen. Aber er wollte der Freundin nicht die gute Stimmung verderben. Ein bisschen Respekt und ansonsten Neutralität während einer Urlaubsreise waren okay für ihn.

Der scharfe Blick des Sultans schien ihnen auf magische Weise überall hin zu folgen. Sollte er ruhig; sie hatten nichts zu verbergen, nicht einmal eine kleine Whiskey-Flasche hatten sie diesmal im Handgepäck. Man wusste, Alkohol wurde selbst bei Fremden in der islamischen Welt nicht gern gesehen. Aber ob der Sultan bei seinen Einladungen auf die Motoryacht, die kaum jemand kannte, seinen Gästen wirklich nur Fruchtsäfte kredenzte? Da waren Zweifel angebracht. Der registrierte Alkoholkonsum der arabisch-islamischen Oberschicht war definitiv nicht nur Legende.

Julia ließ ihren Freund munter plaudernd an ihren Überlegungen teilhaben. Noch einmal auf den Sultan zeigend gab sie weiteres Wissen preis, das sie kürzlich erworben hatte:

Der Herrscher werde von den meisten seiner Landeskinder hoch verehrt, obwohl das Land keine demokratischen Strukturen hätte, denn er bringe Land und Volk sichtbar voran. Weltweit die größten Entwicklungssprünge, das hatte ihm sogar die UNO letztes Jahr bescheinigt.

Und von Unruhen hier hätte man Jahrzehnte lang nichts gehört. Oder weißt du mehr? Wollte sie jetzt wissen. Ihr Freund betrachtete nun auch das gerahmte Foto an der Wand und verneinte. Christian fand das Outfit des Herrschers bemerkenswert altmodisch. Der Sultan war auf dem Foto für sein Thronjubiläums traditionell besonders vornehm gekleidet. Ein rot-goldener Tuchzipfel seines Wollturbans hängt dekorativ über einem Ohr herab. Der leicht geöffnete, weiß-goldene Übermantel verrät den Griff eines wertvollen, silbernen Krummdolchs. Das wichtige Statussymbol jedes edlen Omani durfte natürlich nicht fehlen. So wirkte er optisch wie ein Sultan aus dem Märchenbuch! Das fand auch der Journalist. Und diese nicht ganz neue Abbildung würde man später noch viele Male überall im Land sehen.

Christian war langsam auch angekommen. Amüsiert betrachtete er seine Partnerin, die ihm so munter plaudernd voranschritt. Er betrachtete sie so gern, Julias attraktive Erscheinung, sportlich und schlank und sehr lebendig, fast so groß wie er. Ihre glänzenden hellen Augen liebte er besonders. Sie glitzerten manchmal wie Sterne, in besonders schönen Momenten. Wie jetzt. Und ihr feines, schmales Gesicht, das sie nur wenig schminkte, gefiel ihm besonders. So gut hatte ihm noch keine Frau gefallen. Als spüre sie seinen freundlich prüfenden Blick, zwinkerte sie ihm übermütig zu. Sie waren beide sehr neugierig auf dieses arabische Land, das kaum einer ihrer Freunde kannte. Oman? Muskat? Kommt da die Muskat-Nuss her? Wo liegt das überhaupt genau?

Selbst in Journalistenkreisen gab es solche Reaktionen. Und jetzt waren sie dort angekommen. Sie hatten zwei Wochen Zeit, es zu entdecken. Und vor allem hatten sie Zeit füreinander, miteinander, zum Reden, zum Lachen, zum Lieben und zum Wohlfühlen …Ihr Urlaub hatte begonnen. Nach einigen Besichtigungen in der Hauptstadt wollten sie möglichst mit einem Geländewagen durch die Wüste nach Südwesten fahren. Vielleicht das Hajar-Gebirges durchqueren, später einen Teil der 1700 Kilometer langen Küste befahren und sich vielleicht ein Stück in die ganz große Wüste wagen. Über die wunderbaren Wahiba Sands hatte Sir Wilfred Thesiger, Sohn englischer Diplomaten, so begeistert geschrieben, in seinen »Brunnen in der Wüste«. Der Journalist hatte das Buch im Handgepäck und er hoffte auf eine persönliche, kleine Spurensuche.

Vielleicht konnte man sogar im Freien oder sogar einmal bei gastfreundlichen Einheimischen übernachten, das fänden sie optimal. Sie wollten beide mit allen Sinnen die Fremde erleben, die Natur und möglichst etwas vom Alltag der Einheimischen kennen lernen. Vielleicht könnten sie sich am Fuße des Jebel Shams im Hajar-Gebirge wagen, in einige abgelegene Dörfer und Wadis. Er hatte genug Pläne. Unter den Sternen des Orients mindestens eine Nacht verbringen, das wäre jedenfalls ganz in seinem Sinne. Christian hatte für solche Fälle stets sein kleines Zelt im Handgepäck. Das müsste herrlich sein – besonders falls sich keine geeignete Unterbringung ergab. In arabischen Ländern war das Zelten zwar unüblich, doch eher ungefährlich und die Einheimischen waren Fremden gegenüber sehr gastfreundlich.

Muskat

Den Transport vom Flughafen, sie hatten die Villa einer Deutschen auf einem Hügel über Muskat gebucht, hatten sie vorsichtshalber im Voraus bestellt. Ihr Abenteuer sollte zu Beginn, wenn man noch müde von Alltag und Reise war, überschaubar sein. Man wusste in fremden Ländern selten im Voraus, ob um Mitternacht auf einem wenig bekannten Airport ausreichend Taxis zur Verfügung standen. Von dem offiziellen Taxiservice direkt vor dem Gebäude erfuhren sie erst später. Dort zahlte man den ausgewiesenen Fahrpreis an einem Schalter und das nächste Taxi übernahm den Fahrgast. Wie inzwischen an internationalen Flughäfen üblich. Betrugsversuche haben so keine Chance.

Sie mussten also am Ausgang nach ihrem omanischen Ansprechpartner Ausschau halten. Zu schade, dass es schon dunkle Nacht war für die anschließende erste Sightseeingtour durch Muskat, überlegte Julia, als sie sich draußen vor der Tür umschauten. Da gab es in der Tat einen außergewöhnlichen Empfang. Eine riesige, wartende, weiße Menschenmenge in langen Hemden mit runden Kappen auf den Köpfen schaute ihnen sehr neugierig entgegen. Zu dieser späten Stunde! Die ankommenden Europäer waren augenscheinlich das Ereignis des Tages. Doch wieder war keine einzige einheimische Frau in der weißen Menge zu entdecken. Nur neugierige Männergesichter mit und ohne Bart. Dass eine attraktive Europäerin wie sie sofort solch Aufsehen erregte, gefiel Julia allerdings weniger. Am liebsten würde sie jetzt den Glotzern ihre Zunge herausstrecken! Aber die hübsche Deutsche war anscheinend die Sensation des Abends! Es sei ihnen gegönnt.

Da …das ist er! Sie hatten ihn fast gleichzeitig entdeckt. Ein junger Mann in hellem Hemd wedelte lebhaft mit handgeschriebenen Poster und ihrem Namen. Es war nicht zu übersehen.

Welcome to Oman, der nette, junge Mann sprach sogar etwas Englisch. Die weiße Kumma auf seinem sehr jungen Gesicht hatte er äußerst interessant geknickt und sie war besonders hübsch bestickt, hatte eine phantasievolle grüne Verzierung. Gewiss von Frauenhand gearbeitet. Wer diese vielen unterschiedlichen Kappen wohl alle anfertigte für so viele Männer? Jede sah anders aus.

Die helle, ehemals weiße Dishdasha des Jungen allerdings verriet weniger Pflege, sondern erzählte von einem harten Arbeitstag und dem schmalen Geldbeutel des Trägers. Die Kopfbedeckungen wurden anscheinend nach Phantasie der Besitzer auf dem Kopf zurecht gedrückt oder geknickt. Manchmal, saß das Mittelteil tiefer, die Kappe wurde insgesamt flacher und der Rand stand wie bei einer Krone. Wieder andere Männer zauberten Schiffchen auf ihren Köpfen oder machten freche schräge Mützen daraus. Jeder Omani versuchte anscheinend, sich durch seine Kumma eine individuelle Note zu geben. Dieser hübsch behütete, noch sehr jugendlich wirkende Omani war trotzdem ihr Fahrer. Hatte er Zeit gehabt, einen echten Führerschein zu erwerben?

Er bewies dann aber sein Können und außerdem sofort den Ehrgeiz, sein spärliches Englisch zu verbessern. Die Gäste aus Deutschland spielten freundlich mit. Eine echte Unterhaltung war allerdings nicht zu erwarten. Also stellte man besser keine überflüssigen Fragen.

Auf dem in der Nacht gut besetzten Parkplatz ging es dann zügig zu einem Fahrzeug in der letzten Reihe. Das sehr alte, britische Modell sah nicht unbedingt sehr vertrauenswürdig aus. Doch Hauptsache es fuhr. Die Gäste hofften, dass wenigstens ihre Villa in einem besseren Zustand war. Nach dem ungewöhnlichen Schließen des Kofferraumdeckels mit Hilfe einer Schnur, man sah der junge Mann tat das nicht zum ersten Mal, ging es bald voran. Man befand man sich wenige Minuten später auf der taghellen Autobahn in die Hauptstadt.

Der alte Wagen hielt beim Tempo der großen Limousinen auf der Schnellstraße ordentlich mit. Der nächtliche Großstadtverkehr war erstaunlich. Die Araber wurden anscheinend nachts munter. Die Hauptstraße war nach 23 Uhr sehr stark befahren.

Die lange Qaboos Road glitzerte den erwartungsfrohen Ankommenden verdächtig modern und neonbunt westlich grell entgegen. Nichts zu sehen und zu spüren von einem altmodischen Wüstenstaat. Wenigstens sah man keine Hochhäuser wie in Dubai. Die hell beleuchteten Gebäudefassaden entlang der Autobahn waren niedrig, die meisten Häuser mit Mauern und villenartig angelegt. Jetzt kurz vor Mitternacht sah man nur noch wenige Lichter im Innern der ein- bis zweigeschossigen Wohnhäuser. Häufig war bei den mit Türmen und Zinnen bewehrten Grundstücken nur die äußere Fassade angestrahlt. Die eigentlichen Wohntrakte befanden sich hinter dichten Mauern, wie auch die Gärten und Palmenhaine, deren Schatten der Baumspitzen über Mauern zu ihnen herüberschauten.

Entlang der kilometerlangen Schnellstraße wurden architektonisch interessante Gebäude durch Fahnen und vielfarbige Beleuchtung hervorgehoben. Sehr vieles wirkte neu und frisch herausgeputzt. Es war klar, man wollte den Ankommenden das Bild einer wohlhabenden modernen Metropole präsentieren, sagte sich das Paar. Das wollte ihnen nicht so recht gefallen. Aber sie wussten ja von vielen anderen Reisen, auf den Zufahrtsstraßen zum Flughafen zeigt sich selten gleich das Typische und Interessante eines Landes. Sie hofften, einige Kilometer weiter würde sich das Bild dann ändern. Massentourismus wie in dem extravaganten Handels- und Wirtschaftszentrum Dubai mit Ketten von Wolkenkratzern und unzähligen Shopping Malls sollte es hier jedenfalls nie geben.

Aber kitschige Weihnachtsbeleuchtung in einem islamischen Land im Oktober, bemerkte Christian wenig begeistert, und man merkt, hier muss man nicht an Energie sparen.Auch in den Emiraten hatten sich die Beiden letztes Jahr über die nachts stark beleuchteten, menschenleeren Autobahnen gewundert.

Vielleicht sollten sich die Kamele auch in der Nacht nicht verlaufen? Hatten sie damals ernsthaft überlegt. Denn große Tiere wie Kamele, Ziegen und Schafe sind in den Wüstenländern tatsächlich eine ernste Gefahr im Straßenverkehr. Die entsprechenden Schilder sind durchaus ernst gemeint. Mit einem Kamele zu kollidieren, das endet oft tödlich. Nicht nur für das Tier. Auf weite Strecken werden die Autobahnen in der Wüste daher mit Zäunen versehen. Aber mit dieser Gefahr war in der Capital Area Muskats in diesem Lichtermeer und bei dem dichten Verkehr wohl eher nicht zu rechnen.

Die Autostraße vom Flughafen hat eine Gesamtlänge von 60 km und sie blieb bis zu ihrer Abfahrt zu ihrer Unterkunft auch zu dieser späten Stunde dicht befahren. Privatwagen, größere, japanische Limousinen, rasten in extrem hoher Geschwindigkeit heran und vorbei und viele überholten sehr zügig das alte Fahrzeug. Ihr junger Fahrer in dem alten Auto hielt dennoch tüchtig mit. Ab und zu ertönte vorn bei ihm ein schriller Klingelton, der, so erfuhr man auf Nachfrage, seine allzu flotte und verbotene Fahrweise kritisierte. Doch solche kleinen Sünden schienen hier niemanden zu kümmern. Alle rasten. Geschwindigkeitskontrollen wurden zwar hier und da durch Schilder angedroht, waren aber offensichtlich nicht wirklich vorhanden.

Lakonisch kritisierte der Journalist die vorbeihuschende Szenerie. Las Vegas lässt grüßen! In allen Farben leuchteten rechteckige Wohnpaläste, kleinere und größere mit und ohne Zinnen. Sie sausten an ihnen vorbei. Mit fantasievoller orientalischer Umrahmung und ihren Glitzerketten darüber waren es wenigstens keine Hochhäuser! Selbst die künstlichen Blumenrabatte (hatte Julia gelesen) an den Straßenrändern wurden noch angestrahlt. Man wollte offensichtlich eine blühende Hauptstadt präsentieren! Ein bisschen übertrieben.

Doch allmählich wurde Las Vegas etwas dunkler. Die Aussicht wurde beschaulicher, orientalischer und für die beiden Europäer damit interessanter: Die ersten Moscheen tauchten am Straßenrand auf, wunderschöne Kunstwerke der arabischen Architektur, die phantasievollen Gotteshäuser mit Kuppeln und Minaretten. Wenigstens diese Bauwerke kündigten von den geheimnisvollen 1001 Nächten des Orients …