Eine von den Vermissten - Harry Peh - E-Book

Eine von den Vermissten E-Book

Harry Peh

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Beschreibung

Eines Tages kommt Elises Tochter von der Schule nicht nach Hause. Alle Nachforschungen und die Suche nach ihr bleiben erfolglos. Für Elise beginnt ein langer Weg der Trauer, des Selbstzweifels und der schmerzhaften Beantwortung der Frage: Wer bin ich und wie ist mein Leben und das meiner Familie verlaufen?

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Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Harry Peh

Eine von den Vermissten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Es verschwindet

1. Tag

2. Tag

3. Tag

4. Tag

5. Tag

6. Tag

7. Tag

Die 2. Woche

Die 3. Woche

Die 4. Woche

Der 2. Monat

Der 3. Monat

Der 4. Monat

Der 5. Monat

Der 7. Monat

Der 8. Monat

Der 9. Monat

Impressum neobooks

Es verschwindet

Als ich die beiden jungen Polizisten in der Eingangshalle der Wache nach der Zuständigkeit für vermisste Personen fragte, war mein Leben im Begriff zu enden während ihres vermutlich gerade erst richtig begann.

Sie brachten mich in einen ungefähr sechzehn Quadratmeter großen Raum. Für meinen Geschmack war er etwas zu dunkel, mit viel zu alten Möbeln eingerichtet, und roch außerdem muffig. Vielleicht wurde er ja auch nicht so häufig benutzt oder diente eigentlich als Abstellraum, den die Polizei bei Bedarf dann und wann als Gesprächszimmer reaktivierte. Wie dem auch sei, ich fühlte mich von Anfang an unwohl, verdrängte diese Nebensächlichkeit aber gleich, weil es um etwas viel Wichtigeres ging: Meine Tochter Maria.

Meine Tochter war seit etwa drei Stunden überfällig und ich machte mir große Sorgen. Nachdem ich mich versichert hatte, dass Maria weder bei meinem Mann oder meiner Schwester, meiner Mutter, in der Schule, oder bei einer ihrer Freundinnen war, beruhigte ich mich zunächst mit einer extra halben Stunde des Wartens, dann mit noch einer. Ich starrte pausenlos aus dem Küchenfenster den Weg hinauf bis die leichte Wegbiegung hinter dem Hügel verschwindet. An diesem Punkt, dachte ich, müsste sie eigentlich jeden Moment auftauchen. Wenn ich zurück auf die Terrasse ging, oder auf die Toilette, oder zum Kühlschrank, bei jedem Geräusch unterbrach ich das, was ich gerade tat oder tun wollte und eilte zum Fenster. Doch mein Kind kam nicht.

Ein fettleibiger, etwas ungepflegter Beamter deutete mir ohne Umschweife mich zu setzen. Es käme ja leider immer häufiger vor, dass hysterische Mütter sofort zur Polizei rannten, wenn ihre Gören sich mal verlaufen hätten, grunzte er in seine schwülstige Halspartie. Und außerdem hätten er und die Kollegen ja auch noch etwas anderes zu tun als Vermisstenanzeigen aufzunehmen, die sich hinterher sowieso in Luft auflösten. Mein Puls erhöhte sich merklich, doch entgegnete ich nichts. Durch meinen Beruf bin ich es gewohnt, mit Ignoranten umzugehen und sie trotz ihrer Borniertheit dort hin zu bringen, wo ich sie hinhaben wollte, machte einen Teil meines beruflichen Erfolges aus. Ich schlug ein Bein über das andere und lehnte mich so entspannt es ging an die harte Lehne des Holzstuhles. Er starrte einen Moment auf mein Knie und leckte sich über seine Lippen. Zwei weitere Beamte betraten den Raum, kramten irgendwelche Formulare aus einem Holzschrank hervor, der mich irgendwie an meine Schulzeit erinnerte. Auch sie schienen mich zu mustern. Als sie sich umdrehten, blieben sie noch einen Moment in der Tür stehen und tuschelten sich etwas zu, das ich nicht verstand. Mit dem Rücken zu ihnen gedreht, spürte ich aber, dass sie sich darüber unterhielten, wie es wohl mit mir im Bett sei.

Der Beamte spannte drei identische Formularsätze, die er akribisch mit Blaupapier getrennt hatte, in eine alte, mechanische Schreibmaschine. Er stellte sich dabei sehr ungeschickt an, musste sein Unterfangen zweimal wiederholen und kam mir vor wie ein Kind, das versucht, eine Lokomotive auf eine Schiene zu setzen. Ich musste mein Lachen unterdrücken. Um mich abzulenken und zu sammeln, schloss ich einen Moment die Augen. Dann betrachtete ich das Zimmer. Die schäbigen Wände säumten verschiedene Motive von polizeilichen Aufklärungs- und Hinweispostern, die allesamt etwas abgewetzt, mit verblichenen Farben fast alles ihrer ohnehin nie dagewesenen Glaubwürdigkeit verloren hatten. Links von mir stand an der Wand ein mittelgroßer Holztisch, mit zerkratzter und abgenutzter Platte, den man zur Vermeidung des Kippelns unter zwei Beinen mit irgendwelchen zusammengefalteten Formularen abgestützt hatte. Zur Beleuchtung des Raumes hing eine nackte Glühbirne tief von der Decke. Die Armaturen und das Abflussrohr des Waschbeckens waren so weiß von Kalkrückständen und außerdem mit dunklen Rändern überzogen, dass ich daran zweifelte, ob überhaupt noch Wasser fließen würde.

Von ihm aus könne man jetzt beginnen. Der Beamte fragte zunächst wie es denn hieß, das Mädel. Dann Alter, Adresse und Größe. Und ob es ein Handy hätte. Sei doch heute Gang und gebe, dass die Alten Hunderte von Euro monatlich fürs Telefonieren der Gören ausgaben. Nur wenn man sie mal erreichen wollte, gingen sie nicht ran. Ja, ja, die Jugend von heute… Ich bestätigte, dass ich meiner Tochter bereits mehrfach auf die Mailbox gesprochen hatte. Ein sichtlich freundlicher, fast herzlicher Ausdruck legte sich jetzt auf sein Gesicht. Er meinte, ich hätte seine allgemeinen Ansichten bestätigt und wie zur Selbstbeweihräucherung streichelte er mit der rechten Hand seinen Bauch, so als habe ihm etwas gut geschmeckt. Er wollte wissen, ob ich denn schon alle Möglichkeiten seines eventuellen Verbleibens 'gecheckt' hätte, 'Omma, Oppa und die ganze Famille'. Ich sagte, dass niemand in der Familie von ihr etwas gehört hatte, dass ich bereits in der Schule mit den Lehrern gesprochen und außerdem die Eltern ihrer Freundinnen angerufen hatte. Sie hätte mir das sowieso gesagt, fügte ich nach einer Pause hinzu. Na, dass ich mir da mal nicht so sicher sein sollte. Heutzutage wüssten doch die meisten Eltern gar nicht, was die Gören so alles anstellten. Jedes Kind machte dieses und jenes, nur das eigene nie! Er kenne das. Was ich wohl meinte, wie viele Eltern aus allen Wolken fielen, wenn man ihre Gören beim Klauen, beim Schwänzen oder beim Haschen erwischt? Ich würde es ja gar nicht glauben! Doch in Mutmaßungen solle man sich hier nicht ergehen. Ob ich denn auch an die Möglichkeit eines Freundes gedacht hätte? Heutzutage - und hier unterbrach er, um das genaue Alter von Maria noch einmal nachzurechnen - fingen sie ja früh an, die Gören. Ich sagte ihm, dass meine Tochter gerade elf geworden ist und sich für Jungen noch nicht interessierte, dass sie den Nachmittag lieber mit den Pferden verbrachte. 'Pferde!' wiederholte er und lächelte ein wenig. Diesen Fall könne man geradezu als klassisch bezeichnen. Ja, ja, erzählen, sie sind bei den Pferden und in Wirklichkeit drücken sie sich mit einem Bengel auf 'ner Matratze rum. Er kenne das zur Genüge. Ob es denn mit mir schon über die Pille gesprochen hätte. Ich war für einen Moment sprachlos. Jetzt müsste ich wohl doch eine andere Form anmahnen. Der Beamte fuhr in seinen Betrachtungen fort. Vielleicht sei sie ja auch mit der Erziehung nicht einverstanden und wollte abhauen. Er fragte, ob mein Verhältnis zu dem Mädchen normal sei. Außerdem wollte er wissen, wie es in der Schule mitkomme. Ich sagte, dass es keine Probleme gibt, weder zu Hause, noch in der Schule. Da könne ich mal sehen, wie schnell man sich täuschen kann. Die meisten Leute berichteten von einer häuslichen Idylle, während sie vor ihm saßen. Aber ich bräuchte mir bestimmt keine Sorgen machen. Er wies darauf hin, dass ich ihn doch bitte kurz anrufen solle, damit er den Vorgang wegschmeißen könne, denn sicherlich wartete es bereits zu Hause auf mich.

Doch wartete zu Hause niemand auf mich, am allerwenigsten mein Kind. Den Rest des Tages wartete ich am Fenster der Küche auf Maria oder telefonierte alle zehn Minuten mit den Menschen, die ich bereits fünfzig Mal angerufen hatte. Die ganze Nacht saß ich in der Küche und betete, meine Tochter möge doch kommen. Doch sie kam nicht. Kein Zeichen, kein Anruf, keine Spur. Als der neue Tag anbrach, hockte ich noch immer vor dem Fenster. Alles war so wie immer. Die Nachbarn gingen wie gewöhnlich vorüber und grüßten. Aus der Ferne konnte man wie immer das Geräusch der großen Stadt vernehmen. Die Bäume und Blumen wiegten sich in den Wind wie immer. Nur Maria fehlte.

1. Tag

Mein Kind ist entführt worden. Auch wenn sich noch niemand bei uns gemeldet hat und irgendwelche Forderungen stellte, weiß ich, dass jemand mein Kind entführt hat. Soviel ist immerhin gewiss. Die Menschen sagen immer, das Schlimmste sei die Ungewissheit. Für mich gilt das nicht. Für mich war diese Gewissheit das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Zu wissen, definitiv zu wissen, dass irgendjemand da draußen, meine Tochter, mein Mädchen, mein Baby entführt hat, treibt einen in den Wahnsinn. Warum passiert das nur mir? Oder ich müsste besser sagen: Uns. Denn mein Mann ist genauso verzweifelt wie ich, obwohl sich diese Verzweiflung bei ihm anders darstellt. Ich glaube, das liegt an der völlig unterschiedlichen emotionalen und intellektuellen Wahrnehmung von Männern und Frauen. Er versucht mich zu trösten, mir Mut zuzusprechen, mich aufzubauen. Natürlich kann er das nicht. Ich kann es ja selbst nicht. Dabei gelingt es ihm zumindest nach außen, sein normal geregeltes Leben weiterzuführen. Das unterscheidet uns. Ich kann das nicht. Und ich will es auch nicht. Ich will nur, dass meine Tochter zurückkommt.

Ich frage mich erneut: Warum passiert das gerade uns? Ich habe niemandem etwas getan, jedenfalls nicht bewusst oder bösartig. Meines Erachtens gilt das auch für meinen Mann. Und für Maria sowieso. Was sollte meine Tochter überhaupt irgendjemandem antun können? Jetzt - vielleicht sogar exakt in diesem Moment - tut irgendjemand meiner Tochter etwas an. Vielleicht friert sie, hat Hunger oder Durst oder alles zusammen. Wahrscheinlich alles zusammen. Und sie muss Angst haben, furchtbare Angst. Ich fühle, dass sie Angst hat. Hoffentlich wird ihr nichts angetan. Der Gedanke, jemand würde meiner Tochter wehtun, tut mir weh. Er tut mir so weh, dass er mich tötet. Er ist überall, im Kopf, im Herzen, in den Augen, der Nase, den Ohren, meinen Fingerspitzen, überall an der Haut. Er sitzt in den Gelenken, auf den Knochen, in jeder Ritze und in jeder Körperöffnung. Und man kann ihn nicht beseitigen. Ich habe das auch nicht geglaubt und nicht gehofft. Aber ich habe gedacht, bei dem lausigen Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagen würde, also bei dem Wind und endlosem Regen, dass man ein wenig klarer und schmerzbefreiter die Dinge betrachten könnte. Doch das stimmt nicht. Der Schmerz ist immer dabei und selbst der Wind wiegt ihn in den Haaren, wenn man durchnässt in das Haus zurückkehrt.

Warum passiert das gerade uns? Je länger sich diese Frage in meinem Hirn festnagelt, desto mehr hasse ich mich und die Beschäftigung mit ihr und schließlich hasse ich die Frage selbst, die Frage an sich. Sie ist absurd, und zwar in doppeltem Sinne. Erstens, weil uns ja eigentlich gar nichts passiert. Es passiert Maria, meiner Tochter, meinem Kind. Sie ist irgendwo da draußen, allein und niemand ist bei ihr. Warum bin ich nicht bei ihr? Warum habe ich genau in diesem Moment versagt, versagt als sie jemand gewaltsam verschleppte? In wie vielen Momenten vorher habe ich in meinem Leben versagt, wo man sie gewaltsam hätte verschleppen können? Was hatte ich nur Wichtigeres zu tun als sie vor diesem oder diesen Irren zu schützen? Ich denke zu viel an mich.

Der zweite Grund, weshalb die Frage absurd ist, ist folgender: Wem außer uns soll denn so etwas passieren? Als würde ich irgendjemandem derartige Schmerzen wünschen! Das ist nicht der Fall. Und doch hofft man wie immer in einer solchen Situation, es möge nicht einen selbst, sondern den anderen treffen, obwohl man das nicht wirklich möchte. Wie oft denke ich, wenn ich von all den alltäglichen Katastrophen in den Zeitungen lese, wie oft denke ich bei all den Flugzeugkatastrophen, Überfällen, Gasexplosionen, Häuserbränden, Selbstmordattentaten, tödlichen Autounfällen und ähnlichem: Wie gut, dass Du und Deine Familie nicht betroffen sind oder dass ich froh bin, nicht zum Zeitpunkt der Tat vor Ort gewesen zu sein. Für den Moment beruhigt mich das. Es beruhigt mich, wenn die Toten oder die abtransportierten Leichenteile nicht das Antlitz meiner Lieben tragen. Es beruhigt mich, wenn das mit 200 Km/h unter den Laster geraste Auto nicht das meines Mannes ist. Wenn ich im Fernsehen das Auffinden eines vergewaltigten und erdrosselten Kindes verfolge, bin ich erschüttert und froh, dass es nicht mein eigenes ist. Ich habe mich noch nie gefragt, ob dieser Gedanke normal ist.

Die richtige Frage müsste also lauten: Warum passiert so etwas meinem Kind? Warum hat man nicht mich entführt? Wahrscheinlich ist das schwieriger. Ja, es ist schwieriger, eine erwachsene Frau zu entführen, weil sie sich wahrscheinlich wehren würde. Sie könnte treten, schlagen, kratzen und schreien. Vor allem schreien. Maria kann das auch. Aber nicht so laut und nachhaltig wie ich. Sie ist alles in allem wehrlos. Irgendwo habe ich einmal gelesen, es treibt geistesgestörte Triebtäter in eine Art prä-koitalen Zustand, wenn sein Opfer wehrlos ist. Dieses Gefühl der sicheren Überlegenheit der eigenen Macht paare sich mit einer Form der sexuellen Erregung. Man habe festgestellt - so hieß es in dem Artikel weiter - dass sich diese Art der Erregung nicht einstellt, wenn sich das Opfer wehrt oder vom potentiellen Täter als nicht oder nicht genügend wehrlos eingeschätzt wird. Wieder glaube ich, versagt zu haben. Ich hätte ihr von den ersten Kindestagen an beibringen müssen, zurückzuschlagen. Und zwar präventiv.

Ich erschrecke, als ich bemerke, dass meine Gedanken um einen Triebtäter kreisen. Nüchtern betrachtet, habe ich dafür keinen Anhaltspunkt. Vielleicht handelt es sich gar nicht um einen Triebtäter. Vielleicht sind es ja Entführer und wollen Geld. Wir sind nicht reich. Aber mein Mann und ich sind - jeder für sich - in unseren Berufen sehr erfolgreich und was andere Menschen als Reichtum betrachten würden, zähle ich dem gehobenen Mittelstand zu. Wir wohnen in einem schönen Haus, in einer guten Gegend. Wir fahren mehrere Autos. Wir besitzen außerdem ein Ferienhaus in der Toskana und mir gehört eine kleine Wohnung in Marbella. Ist als Altersvorsorge gedacht. Uns und unserer Tochter mangelt es an nichts. Wir machen einmal im Jahr gemeinsam Urlaub, soweit die Zeit es erlaubt. Alles in allem sind wir eine normale Familie wie jede andere auch. Sicherlich könnte man von uns eine bescheidene Menge Geld erpressen. Aber längst nicht so viel, um für den Rest seines Lebens ausgesorgt zu haben. Und für diesen Zweck begeht man doch Entführungen, nicht wahr? Man holt sich irgendwo einige Millionen und verschwindet dann im Ausland. Ich glaube nicht an eine Lösegelderpressung. Mein Gefühl sagt mir, dass ein gestörter Mensch meine Tochter in seiner Gewalt hat. Ich glaube, dass er ihr schrecklich wehtut. Und das tötet mich.

Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel und weine. Ich glaube, er wird mein Kind vergewaltigen oder tut es gerade oder hat es schon getan. Mein kleines Mädchen! Sie ist doch noch ein Kind und noch nicht im Ansatz als Frau ausgebildet. Ihre Brust formt sich erst und auch sonst ist sie von der Figur und Körpergröße her noch ein Kind. Ich versuche mir exakt den Moment in Erinnerung zu rufen, wann ich Maria das letzte Mal nackt gesehen habe. Es gelingt mir nicht. Irgendwann in der letzten Woche. Aber wann genau? An welchem Tag? Um welche Uhrzeit? Mir wird schlecht. Ich muss mich übergeben und würge fünfzehn oder zwanzig Mal, vielleicht an die dreißig Mal bis nur noch eine kleines grün-weißes Schaumhäufchen der Galle im Waschbecken als kleines Rinnsal im Ausguss verschwindet.

Ich muss mich anbieten. Als Austauschgeisel sozusagen. Ich lasse über die Polizei und das Radio und das Fernsehen und über Zeitungen verbreiten, dass ich mich gegen mein Kind eintausche. Wenn der Täter ein sexuelles Interesse an meinem Kind hat, ist er eigentlich mit mir besser bedient. Ich bin 1,78 Meter groß, habe eine sehr gute Figur (das sagt jedenfalls jeder unserer Freunde und alle in der Firma) und sehe auch sonst gut aus. Meine Beine sind lang und attraktiv geformt. Das ist es doch, worauf Männer achten, oder? Einige meiner solventen Kunden haben mir traumhafte Angebote in Aussicht gestellt, ginge ich privat einmal mit ihnen aus. Und manche von ihnen sind sogar zudringlich geworden. Ich habe sie abgewehrt. Sanft aber bestimmt. Sie taten dann so, als sei alles nur ein Scherz gewesen. Ein Scherz in Champagnerlaune. Sie sind eben Gentlemen. Sie alle sagten, ich strahle das gewisse 'Etwas' aus. Schöne Oberweite, lange Beine und so weiter, und so weiter. Aber ich bin nicht auf Sex mit meinen Kunden aus und war es nie. Ich weiß gar nicht warum nicht. Alle in der Firma haben Verhältnisse hier und da, klagen mir in den kurzen Pausen ihren Kummer und ihr Leid, ständig mit Versprechungen hingehalten oder mit der Ehefrau verglichen zu werden. Mir ist das zu kompliziert. Wahrscheinlich bin ich nicht eitel oder selbstverliebt genug, um mich derart zu erniedrigen. Mit der Liebe zu meinem Mann hat das wenig zu tun. Auch wir haben bessere Zeiten erlebt, in jeder Hinsicht. Wir schlafen ein, zweimal pro Monat miteinander und obwohl mir das nicht ausreicht, habe ich mich damit arrangiert. Er ist ein anständiger Kerl, charakterlich okay und kümmert sich um die Familie. Mehr kann man heute nicht erwarten. Wenn der Triebtäter also Sex will, könnte er mich gegen mein Kind eintauschen. Wenn ich dafür von dem Triebtäter meine Tochter wiederbekomme, dann bitte sehr. Soll er mich doch benutzen, missbrauchen und vergewaltigen. Meinen persönlichen Schmerz kann ich ertragen, den meiner Tochter nicht. Mein Leben wäre zerstört, das meiner Tochter nicht. Sie ist doch noch ein Kind. Ich bin vierzig Jahre alt.

2. Tag

Ich wache auf und kann es kaum glauben: Es ist 4.12 Uhr und ich wache auf. Tatsächlich habe ich geschlafen, etwa zwei Stunden lang. Das kann nicht wahr sein. Wie kann eine Mutter in einer derartigen Situation schlafen? Alles hätte passieren können in diesen zwei Stunden, die Erpresser hätten sich melden, oder die Polizei hätte mir die Nachricht von Marias Tod überbringen können, ich hätte am Fenster wachen oder selbst nach ihr suchen können, oder Maria wäre gekommen und hätte mich geweckt, mich umarmt und mit Küssen geweckt. All das hätte passieren können und noch viel mehr. Und was mache ich? Ich schlafe. Aber das passt zu mir, denke ich plötzlich. Als würde sich mir mein eigenes Wesen nach vierzig Jahren innerhalb von nur eineinhalb Tagen vollständig offenbaren. Als würde erst jetzt die ganze erbärmliche Wahrheit über mich selbst bei mir ankommen. Warum sollte ich sie auch im Schlaf besser schützen können als im Wachzustand? Ich war unfähig, ihr Verschwinden bei Tage zu verhindern, also kann ich nachts auch getrost schlafen. Das scheint ja wohl die Message zu sein. Ich habe nie an Gott geglaubt. Jetzt straft er mich dafür, indem er mir des Menschen Schwäche und dessen Fehlbarkeit vor Augen hält. Ich habe auch nie gebetet. Weder bei Tisch noch in der Kirche. Auch wenn wir irgendwo zu einer Hochzeit eingeladen waren, habe ich in der Kirche nicht gebetet. Ich habe noch nicht einmal so getan als betete ich. Mein Mann hat das kritisiert. Er sagte, man solle den Gastgebern aus Höflichkeitsgründen das Gefühl der Anteilnahme geben. In den letzten eineinhalb Tagen habe ich gebetet. Ich habe immerzu gebetet. Ich habe gebetet wie verrückt. Aber Gott hat mich seiner Anteilnahme nicht versichert. Mein Mann hatte also recht. Jetzt verlange ich etwas, was ich vorher nicht gewähren wollte. Wie es in den Wald hinein schallt...

Vielleicht ist das die Strafe Gottes. Vielleicht hat er sich extra mich dafür ausgewählt. Wahrscheinlich gibt es ihn doch. Es gibt ihn in allen Kirchen und Huldigungsstätten dieser Welt und er beobachtet uns. Beobachtet uns, wie demütig wir sind. Ich war nie demütig. Nun lehrt er mich Demut. Und ich muss mich vor ihm verneigen. Ja ja, man könnte tatsächlich glauben, es gibt ihn. Aber nicht als Heilsbringer, so wie es manchmal von den Predigern verkündet wird. Sondern als strafenden Gott, wie es manchmal von den Predigern verkündet wird. Wenn ich noch niemals in der gesamten sogenannten Weltgeschichte eine einzige Heilsbotschaft gesehen oder gespürt habe, ein sogenanntes Wunder (für eine hundertstel Sekunde verspüre ich eine gewisse zynische Neigung zum Lachen, kann es aber nicht), seine Strafe, seinen Hass auf mich spüre ich. Ich kann ihn genau spüren, überall und jederzeit. Ich glaube sogar, dass er zu mir spricht. Aber ich kann nicht mit ihm sprechen. Ich kann ihn tausendmal in der Stunde fragen, wo meine Tochter ist und wann sie wiederkommt, aber er antwortet mir nicht. Und dann, wenn ich von vierundzwanzig Stunden des Tages, in seinen 1440 Minuten, an 86400 Sekunden ein einziges Mal nicht danach frage, dann, genau dann höre ich ihn leise den Namen meiner Tochter flüstern. Maria. Maria. Maria. Erst ganz leise und dann anschwellend bis das überlaute Echo seines Schreiens meinen Körper zerschmettert. Doch natürlich ist da nichts. Schon gar nicht Gott. Erst seit dem Verschwinden Marias weiß ich definitiv, dass es Gott nicht gibt.

Ich stehe auf. Mein Mann bemerkt mich nicht. Er schläft. Ich bin entsetzt. Ich stehe vor ihm und schaue auf ihn hinab. Ich beuge mich zu ihm hinunter. Aber er bemerkt es nicht. Unfassbar. Er schläft und schläft und schläft und schläft. Die Regelmäßigkeit seines Atems macht mich aggressiv. Er schläft so ruhig, er würde nicht im leisesten von meinen Vorbereitungen, ihn einfach zu erschlagen, mitbekommen. Er würde es erst merken, wenn er stirbt. Und dann könnte er genauso weiterschlafen wie bisher. Wenn er wenigstens im Schlaf wühlen würde, sich wälzen, schwer und unregelmäßig atmen oder ab und zu kleine Schreie der Angst, der Sorge oder nur ein kurzes Stöhnen von sich geben. Aber nein. Er schläft wie gewöhnlich. So wie immer.

Zunächst gehe ich am Bad vorbei, bis mir einfällt, dass ich mich seit zwei Tagen nicht gewaschen, gebürstet oder eingecremt habe. Auch trage ich das, was ich am Tag von Marias Verschwinden trug. Ich rieche an mir. Ich rieche an meinem Kleid. Mir fällt nichts Ungewöhnliches auf. Aber eigentlich müsste ein unangenehmer Geruch von mir ausgehen. Mindestens. Theoretisch müsste ich bereits stinken. Schweißgerüche, vermischt mit getrocknetem und abgestandenem Urin, vielleicht sogar der Geruch einsetzender Verwesung. Ich sollte meinen Mann danach fragen. Er würde lügen. Ich sehe das erste mal seit zwei Tagen in den Spiegel. Aber was ich sehe, bin nicht ich. Ich meine das nicht innerlich. Was ich sehe, bin nicht ich. Ich habe mich ganz anders in Erinnerung. Zunächst denke ich, dass es an der mangelnden Körperpflege liegen muss. Aber nein. Nachdem ich mir die Haare hochgesteckt habe und kaltes Wasser zehnmal mein Gesicht umspülte, nachdem ich mich langsam kreisend und tupfend mit einem frischen Handtuch abgetrocknet habe, sehe ich dieselbe äußerlich veränderte Frau. Mein Gesicht ist nicht nur alt geworden. Meine Augen sind geschwollen, rot unterlaufen und stumpf. Meine Wangen sind rot, aber weniger straff und leicht zurückgezogen als würden sie stündlich mehr einfallen. Übermorgen sind sie dann ganz weg. Übermorgen steht der Wangenknochen ganz heraus und die nackten Schädelkonturen werden sichtbar. Meine Lippen sind spröde und an zwei Stellen eingerissen. Ich glaube, sie haben an Volumen verloren. Die Mundwinkel hängen schlaff herunter und bilden Falten, Falten schimmernd in einem aschfahlen grau. Meine schönen Lippen! Ich habe, nein ich hatte, voluminöse Lippen. Sinnliche Lippen. Einen Mund, den mein Mann einmal gern geküsst hat.

Ich entdecke ein kleines dunkles Härchen auf meiner Wange. Das muss weg. Wenn ich schon an dem anderen nichts verändern kann, dieses kleine widerliche Ding muss weg. Sofort! Wie von Sinnen krame ich in der Schublade nach meinem Nageletui, ich atme schnell, ich stöhne, ich muss es finden, schnell, ganz schnell. Das Härchen muss weg. Die Schublade fällt zu Boden. Mein Fingernagel bricht ab als ich das Etui aufreiße. Die Pinzette verfehlt ihr Ziel und ich steche mir in die Wange. Das Blut kommt spät und langsam, aber es kommt. Wie erwartet. Dann reiße ich so fest es geht an dem Härchen. Erst beim dritten Versuch gibt es endlich nach. Auch diese Stelle beginnt zu bluten. Aber auf der roten Wange kann man das Blut kaum sehen.

Im Spiegel sehe ich meinen Mann im Baddurchgang stehen. Wortlos tritt er an mich heran und umarmt mich von hinten. Er küsst mich auf den Hals. Ich wende mich ein wenig ab. Dann gehen seine Hände unter mein Kleid. Er streift mir den Slip herunter. Meine Regel habe ich ganz vergessen als ich den roten Streifen in meinem Höschen sehe. Ich spüre seinen harten Schwanz. Er versucht tatsächlich in mich einzudringen. Ich möchte jetzt nicht. Ich möchte jetzt keinen Sex. Aber ich kann mich nicht bewegen und ich kann nicht sprechen. Er wird hektisch und versucht immer wieder ihn reinzustecken. Er steht jetzt genau davor, doch meine Lippen sind verschlossen. Ich bin verkrampft und knochentrocken. Er drückt und presst. Ich kann seine aufkommende Frustration im Spiegel erkennen. Ein gewaltsames Eindringen beginnt. Doch er kommt keinen Millimeter voran. Ich bin wie vernagelt. Er nimmt Daumen und Zeigefinger in den Mund, beleckt sie und reibt dann auf meinen Lippen herum. Als würde mich das erregen. Ich bekomme beinahe einen Oberschenkelkrampf. Dass er von selbst nicht darauf kommt, aufzugeben und mich in Ruhe zu lassen, lässt mich noch mehr erstarren. Mir wird urplötzlich schlecht und ich übergebe mich in Spiegel und Waschbecken. Es ist nur dünnflüssig, riecht aber trotzdem übel. Er lässt von mir ab, bleibt aber dicht hinter mir. Langsam komme ich zu mir, spüle mir ein wenig den Mund aus, drehe mich zu ihm und sage: "Ich bin vollkommen ausgetrocknet." Ohne mich noch einmal umzudrehen verlasse ich das Bad. Ich werde nicht mehr mit ihm schlafen. Nie mehr. Warum weiß ich nicht. Ich kann es nicht mehr und ich will es nicht mehr. Soll er sich doch eine andere suchen. Wenn er das will, okay, nur zu. Ich jedenfalls kann keinen Schwanz mehr in mir ertragen. Ich bekomme ihn ja noch nicht mal hinein.

In der Küche starre ich aus dem Fenster, eine Hand am Fenstergriff, in der anderen das Telefon. Ich habe Hunger, glaube ich zumindest. Doch als ich die Kühlschranktür öffne, wird mir schlecht. Ich sitze am Küchenfenster, starre den kleinen Hang hinauf und singe leise Kinderlieder. 'La Le Lu' und 'Es geht ein BiBaButzemann'. Mein aufgestützter Kopf fällt auf die Tischplatte. Eine kleine Schleifspur Blut verschmiert auf der hölzernen Arbeitsplatte. Meine Nase schmerzt. Die Uhr zeigt 2.24 und es ist tiefste Nacht.

3. Tag

Auf den kalten und harten Fliesen meiner Küche wache ich auf. Meine linke Körperseite ist vollkommen kalt. Etwas steif versuche ich mich langsam und vorsichtig zu bewegen. Die Decke sieht mich an. Komisch, noch nie habe ich auf dem Küchenboden gelegen und an die Decke gestarrt. Ich lausche den Geräuschen des Hauses: der Kühlschrank ist gerade angesprungen und pfeift ganz leise vor sich hin. Mein Mann ist anscheinend schon gegangen. Ich kann jedenfalls nichts hören. Nichts Vertrautes und auch sonst nichts. Ist mir gerade recht. Ich möchte sowieso allein sein. Ganz allein. Als ich aufstehe, ist es plötzlich soweit. Es geschieht das, was ich einige Male gelesen habe, aber immer für recht unplausibel hielt, weil ich nicht so recht daran glauben mochte: Eine unerträglich drückende Last legt sich über meine Brust. Nicht kilo- oder zentnerschwer. Weltenschwer, schwerer und gewaltiger als ein Universum, als alle Universen zusammen. Aber es zerschmettert mich nicht. Auch erdrückt es mich nur bis zu einem gewissen Grad. Es kreist und engt mich ein, es schnürt mich ab, macht mich kleiner und kleiner und doch tötet es mich nicht. Warum tötet es mich nicht? Warum, um Gottes Willen, tötet es mich denn nicht? Doch ich weiß, was es ist. Und mir ist natürlich klar, dass es mich nicht töten wird. Jedenfalls nicht organisch. Die Bedrückung, die ich nie wieder loswerde, ist eine Verdichtung. Sie wird so sehr verdichtet, dass am Ende nur die reinste Gewissheit steht, nichts als Gewissheit: Meine Tochter ist tot.

Ich kann mich nur noch ansatzweise daran erinnern, was in diesem Moment passierte. Ich muß so etwas wie einen Verzweiflungszusammenbruch gehabt haben. Als ich wieder zu mir komme, ist die Küche total verwüstet, der Lampenschirm zerschmettert. Meine Hand hat stark geblutet, blutet immer noch, und als ich genauer hinsehe, bemerke ich die Glasscherben im Fleisch. Ich habe aber keine Schmerzen und ziehe die Scherben raus. Der Tisch ist an die Wand gedrückt, das Holz einer Ecke abgeplatzt. Küchenutensilien, Brot, Papiertücher und Milch, die sich über den Fliesen ergossen hat, liegen auf dem Boden. Ich bekomme keine Luft, atme hektisch und kann doch diese drückende Last nicht abschütteln. Mit den Händen versuche ich sie wegzuschieben. Aber vergebens, alles vergebens.

Im Bad sehe ich mein Gesicht, das völlig zerkratzt ist. Auch fehlen mir anscheinend Haare. Haare! Unter meinen Fingernägeln finde ich einige Fetzen Haut und Blut, aber keine Haare. Nicht ein einziges. Erneut sehe ich in den Spiegel. Und in meine Augen. Ich erkenne nicht mich. Auch keine andere Frau. Ich erkenne nur die Gewissheit, dass Maria nicht mehr lebt. Ich sehe das Gesicht meines Mannes im Spiegel, seine Frustration und seine Geilheit, seinen Schwanz endlich in mich reinzustecken. Ihn endlich und zwanghaft in mich reinzustecken! Ich lächle. Tatsächlich fliegt kaum wahrnehmbar ein Lächeln über mein Gesicht. Zum ersten Mal seit drei Tagen lächle ich! Als sei ich noch nicht genug besudelt!!! Als würden mir seine zwei Gramm Liebesmitleid fehlen!

Ich habe zwei, drei oder fünf Stunden von der Wohnzimmercoach in den Garten gestarrt. Noch nie ist mir die Ruhe aufgefallen. Die Vögel hüpfen beschwingt über den Rasen und hin und wieder jagt eine Schwalbe eine andere. Das Türschloß geht. Mein Mann kommt ins Wohnzimmer und eröffnet mir, dass wir morgen einen Termin hätten. Die Polizei und 'diverse' Radio- und Fernsehstationen würden einen Appell an die Entführer ausstrahlen. Unseren Appell. Hat er mit mir darüber gesprochen? Ich erinnere mich nicht. Kann aber sein. Glaube ich jedoch nicht. Er geht wahrscheinlich davon aus, dass ich damit natürlich einverstanden bin oder mehr noch: Mir nichts sehnlicher wünsche. Aber ich will keinen Appell richten. An niemanden und zu keiner Zeit. Ich möchte nicht in Kameras sehen und zu einer Horde Mikrofone sprechen. Wozu auch? Meine Tochter ist tot. Der Mörder würde mein Bitten und Flehen hören und sehen. Was würde er fühlen? Er wäre gelangweilt. 'Schnee von gestern' würde er denken und den Stand-by-Schalter des Fernsehers drücken, lust- und emotionslos, so wie man die Tageszeitung von gestern nonchalant in den Müll gleiten lässt. Während wir um eine Vergangenheit betteln würden, die es nicht mehr gibt, würde er sich einer anderen Zukunft zuwenden. Während wir um ihr Leben winseln würden, würde er sich vielleicht mit einer Serviette die Pizzareste aus dem Gesicht wischen. Ich sage meinem Mann, dass ich ihn nicht begleiten werde. Er könne ruhig gehen und ich würde ihn mir im Fernsehen anschauen. Er sieht mich an, wie er mich noch nie angesehen hat. Aber ich kann damit nichts anfangen. Ich weiß nicht, was er mir damit sagen will. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was er mir mit irgendeiner seiner Gesten sagen will oder nicht. Ist er böse? Fassungslos? Enttäuscht? Ist er wütend? Was will er? Er kommt auf mich zu, packt und schüttelt mich. Er brüllt mich an, ich solle doch endlich wieder zur Vernunft kommen. Was meint er nur damit, ich solle zur Vernunft kommen? Ich war die ganze Zeit vernünftig. Und was heißt hier 'wieder'? Mir wird klar, dass er das 'wieder' auf die kleine Episode im Bad bezieht. Er meint, ich sei schuld, dass er mich nicht ficken konnte. Ich schüttle den Kopf. Aber er gibt nicht auf, lässt nicht locker. Wieder reißt er mich von der Coach hoch. Ich glaube er wird mich schlagen. Noch nie hat er mich geschlagen. Ich ihn auch nicht. Aber das ist okay. Ich erwarte seine Schläge. Wenn ihn das beruhigt, schön. Ich habe keine Angst vor seinen Schlägen. Auch nicht vor den Schmerzen. Ich kann sie nicht mehr fühlen, diese Schmerzen. Oder jene. Mir wird klar, dass ich ihm etwas anbieten muss, irgendetwas. Als Kompensation sozusagen für meine Ablehnung, dieser Pressekonferenz beizuwohnen. Ich sage, wenn er wolle, könne er mich jetzt ficken. Sofort und gleich hier auf dem Sofa. Ich lehne mich zurück, spreize meine Beine und lockere meinen Bademantel. Er weitet die Augen, sagt nichts mehr, dreht sich um und verlässt den Raum.

4. Tag

Ich habe mich nach hinten gesetzt. Ich wollte nicht vorne bei ihm sitzen. Henrike sitzt neben mir und hält meine Hand, gesprochen wird nicht. Keiner wagt es zu sprechen. Irgendwie bereitet sich jeder auf den Appell vor. Mein Mann hat beschlossen, dass meine Schwester ebenso an dem Appell teilnehmen soll. Vielleicht nimmt er sie auch nur mit, weil er fürchtet, ich könnte im letzten Moment abspringen. Ja so ist er, immer schön absichern, alles und jede Eventualität. Langsam drängen sich mir Fragen auf, komische und unangenehme. Ich sehe ihn von schräg hinten und denke, dass ich mich vielleicht doch geirrt habe. Ein Foto kommt mir in den Sinn, ein Foto, das Henrike bei unserer Hochzeit gemacht hat. Es zeigt mich in meinem weißen Kleid allein an einem Tisch sitzend, von der Seite. Ich starre abwesend ins Leere. Alle meinten, dass wir dieses Foto nicht nehmen sollten, es passe nicht zu der fröhlichen Feier und schon gar nicht zu dem zauberhaften Paar. Doch heute weiß ich, bin mir absolut sicher, dass es das einzig passende Foto war und ist. Das einzig richtige Foto von hunderten von Fotos, die auf unserer Hochzeit gemacht wurden. Als hätte mir mein Fehler, mein lebenslänglicher Fehler, ungewollt und unbewusst bereits dort im Gesicht gestanden, unmittelbar, nachdem er begangen worden war. Und niemand außer Henrike hätte ihn so festhalten können. Meine Schwester. Wollte mich schon immer vor allen Gefahren bewahren. Vielleicht hat sie das alles vorhergesehen. Ich meine nicht die Ermordung meiner Tochter. Sondern das Scheitern dieser Ehe.

Sofort nach der Ankunft beim Sender drängen sich Menschen mit Kameras um uns. Zwei Angestellte und mehrere Polizisten bringen uns in Sicherheit und führen uns in einen Raum, der leer ist. Man erklärt uns das Prozedere. Wann wir zu sprechen hätten. Wann die Lämpchen leuchteten und wann nicht. Dass wir ungefähr fünf Minuten Zeit hätten und uns deshalb konzentrieren sollten. Sie wisse, so die Dame, dass das in dieser Situation nicht einfach sei. Doch bedeuteten fünf Minuten eine recht kurze Zeit, die wir nicht mit unangebrachten Reaktionen vergeuden sollten. Sie bietet uns Kaffee an. Henrike und mein Mann bedanken sich, ich lehne dankend ab. Ihre Körperhaltungen und Bewegungen sind auffallend synchron als sie nach den Tassen greifen. Das ist mir noch nie so aufgefallen. Ich frage mich, warum ich ihm letztlich zugestimmt habe. Er stellte mir diese Frage, 'Du willst doch unser Kind retten, nicht wahr?' Als stünde das zur Debatte. Unser Kind, dachte ich, ist längst tot. Er ist doch sonst nicht so ein Traumtänzer. Warum kann er der Wahrheit nicht endlich ins Gesicht sehen? Warum enttäuscht er mich schon wieder?

Eine Frau betritt den Raum, recht forsch und bestimmt. Sie trägt ein graues Kostüm, schwarze Strümpfe und ist sehr akkurat zurechtgemacht. Die vorzeitigen Fältchen hat sie gekonnt mit einiger Professionalität weggecremt. Der Rock ist für meinen Geschmack etwas zu kurz. Er verrät ihre Intentionen allzu früh. Offensichtlich hält sie sich für etwas ganz besonderes und leider hat man sie offensichtlich mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet. Kompetenzen, die ihr vielleicht aufgrund einer guten Qualifikation zustehen, die sie aber charakterlich nicht ausfüllen kann. Ihre Überforderung ist nicht gleich und nicht leicht zu erkennen. Sie ist seit einigen Jahren so sehr mit dem Zwang des Ausfüllens einer Rolle beschäftigt, in die sie sich selbst gedrängt hat, dass sie sich auf ihre eigentlichen Aufgaben kaum konzentrieren kann. Solche Menschen haben gelernt wie sie sich bewegen müssen. Welche Körperhaltung gegenüber welchem Kunden und Vorgesetzten am geeignetsten ist. Wer wann wem die Tür aufhält, den Platz anbietet, zuerst gehen darf oder doch besser für einen Moment zurückbleibt. Sie entspricht dem klassischen Typ eines jungen Emporkömmlings, adrett, nett, glatt und erschütternd uninteressant, der an jeder Karrierestation zu früh ankommt, sich im entscheidenden Moment aber wundert, wenn der Zug ohne ihn abgefahren ist. Solche Frauen existieren zu zehntausenden in all den wichtigen Businessbüros in Hamburg, Frankfurt, München, Köln und was weiß ich wo noch. Ich habe solche Frauen zuhauf in der Firma.

Sie fragt Henrike, ob sie die Mutter sei. Henrike deutet auf mich und legt ihre Hand auf meine. Ich sehe sie kurz an. Auch sie ist kaum wiederzuerkennen. Eigentlich kann ich nicht glauben, dass sie das Ganze auch so mitnimmt. Ich glaube, dass es einfach niemanden so mitnehmen kann wie mich selbst. Ich gestehe ihr ein Leiden nicht zu. Sie hat ein Recht zu leiden. Aber sie hat kein Recht so zu leiden wie ich. Die Frau in grau händigt mir einen Schreibblock aus und einen Stift. Sie sagt, ich könne meinen Appell aufschreiben und dann vor der Kamera vorlesen. Das helfe in solchen Fällen, da die Nervosität mit zunehmender Zeit gewöhnlich ansteige. Ich sehe sie lange an. Direkt in die Augen, die mit zunehmender Dauer zucken. Sie wendet sich ab. Ich wusste das. Ihre ganze erbärmliche Mittelmäßigkeit lässt sie nicht standhalten. Sie kann noch nicht einmal der Mutter eines toten Kindes dreißig Sekunden lang in die Augen schauen. Jämmerliche dreißig Sekunden!! Mein Gott, dreißig kleine Sekündchen. Unsere Blicke treffen sich erneut. Ich sehe meine Augen in ihren lachen. Sie lachen sie aus. Sie weiß, wäre sie an meiner Stelle, dass sie schwach genug wäre, sich aufzuhängen. Oder einzuschläfern. Oder sonstwie umzubringen. Und in diesem Moment weiß sie, dass ich sie längst gebrochen habe. Sie weiß, sie wird mir nie wieder, mit welcher Maske auch immer, gegenüberstehen können. Nicht heute, nicht morgen und nicht in dreißig Jahren, wenn wir uns zufällig irgendwo begegnen sollten. Dieser Moment bereitet mir Freude und ich möchte ihn noch einen Moment lang auskosten. Ich stelle ihr also ein, zwei unbedeutende Fragen. Wie denn gewöhnlich solch eine Show ablaufe und wie denn aufgrund ihrer Erfahrung die Reaktion auf solche Appelle ausfalle. Sie stottert irgendetwas. Dass es sich hier nicht um eine 'Show' handele und dass sofort jemand bei mir wäre, sollte ich kollabieren oder mir schlecht werden. Woher nimmt sie an, mir könnte schlecht werden? Ich verstehe, mein Mann hat sie geimpft, ein kleines Briefing vorneweg. Verstehe, verstehe. Man ist bereits soweit, mich als potentiellen Störfaktor anzunehmen und Präventivmaßnahmen zu ergreifen, damit der ordnungsgemäße Ablauf des Appells nicht gestört wird. So ist das also. Sie fährt fort. Gemeinhin könne man sowas aber nicht prognostizieren. Aber dass ein Appell insgesamt mehr bringe als nichts. Ich möchte von ihr wissen, was er denn mehr bringe als nichts. Sie hat für einen Moment ihre Fassung wiedergewonnen und sieht mich tatsächlich an. 'Aufmerksamkeit!' ruft sie mir zu. 'Aufmerksamkeit, wie menschenunwürdig manche Zustände sind'.

Für einen Augenblick bin ich wie betäubt. Ich möchte sie um eine Wiederholung ihres letzten Satzes bitten, doch ich bringe nichts heraus. Nichts außer einem Krächzen mit offenem Mund. Ich röchle irgendwas und laufe rot an. Das Blut schießt mir in den Kopf und mir wird schlecht. In einem weiten Schwall übergebe ich mich. Ich kotze die ganze Fläche vor mir voll und habe kleine Bröckchen auf meiner Bluse. Die Frau in grau ist ruckartig seitwärts zurückgewichen. Ihr Kostüm blieb unbefleckt. Henrike wühlt hektisch in ihrer Handtasche nach Taschentüchern. Sie tupft mir die Bluse ab und breitet einige Tücher über die Lache am Boden. Ich nehme mir ein Taschentuch und schnäuze mir die Nase. Den säuerlichen Geruch werde ich nicht los.