Eine Welt der Seher - Benedict Balke - E-Book

Eine Welt der Seher E-Book

Benedict Balke

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Beschreibung

In letzter Sekunde entkommen die Gefährten Elio, Daniel und Nora dem Untergang ihrer Welt. Unter der Obhut drei mysteriöser Gestalten, die sich selbst »Watcher« nennen, reisen sie kurz darauf durch die endlosen Weiten der Sterne. Zwischen tiefer Reue und Faszination hoffen sie darauf, bald einen Ort zu erreichen, der ihnen einen Neuanfang ermöglicht. Nach der Landung im hochentwickelten Glowkam werden sie vom Präsidenten Neo höchstpersönlich empfangen. Nora wird euphorisch, als sie erfährt, dass auf dieser fremden Welt andere Seher existieren. Gemeinsam mit ihnen soll sie verborgene Kräfte entfesseln, um ihrer Bestimmung gerecht zu werden. Doch dafür muss sie sich zunächst den Dämonen einer bereits vergessenen Vergangenheit stellen. Derweilen wird Daniel und Elio vor Augen geführt, dass das Blutvergießen für sie kein Ende nehmen wird. Schockiert stellen die beiden fest, dass nicht nur ihr eigenes, sondern das Schicksal des ganzen Universums von ihnen abhängt.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Nanny und Luise

Inhaltsverzeichnis

1. KAPITEL: AUFBRUCH: 210 JAHRE NACH DEM WELTENFLUCH

2. KAPITEL: DIE WATCHER: EINE REISE DURCH ZEITZONEN

3. KAPITEL: GLOWKAM: 16 JAHRE NACH DEM ANGRIFF DER SCHWARZEN HÄNDE

4. KAPITEL: DIE WUNDERNACHT: 40. STUNDE UND 28 MINUTEN NACH GLOWKOMISCHER ZEIT

5. KAPITEL: HEIMAT: 12. STUNDE UND 3 MINUTEN N.G.Z.

6. KAPITEL: ZWISCHEN ZWEI LEBEN: 13. STUNDE UND 28 MINUTEN N.G.Z.

7. KAPITEL: NORAS TRAUM JENSEITS DER ZEIT: MUTTER UND KIND

8. KAPITEL: NORAS TRAUM JENSEITS DER ZEIT: 198 JAHRE NACH DEM WELTENFLUCH

9. KAPITEL: MONDGESTEIN: 15. STUNDE UND 15 MINUTEN N.G.Z.

10. KAPITEL: DIE ENTSCHEIDUNG: 16. STUNDE UND 32 MINUTEN N.G.Z.

11. KAPITEL: DER NACHTZIRKUS: 24. STUNDE UND 0 MINUTEN N.G.Z.

12. KAPITEL: EUGORYUS, 27. STUNDE UND 19 MINUTEN N.G.Z.

13. KAPITEL: KEIN FRIEDEN: 26. STUNDE UND 13 MINUTEN N.G.Z.

14. KAPITEL: DIE KATAKOMBEN: 23. STUNDE UND 40 MINUTEN N.G.Z.

15. KAPITEL: WELTENGLEITER 270: 28. STUNDE UND 5 MINUTEN N.G.Z.

16. KAPITEL: MEILENSTEIN: 4 WOCHEN BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

17. KAPITEL: DIE LAST DES UNIVERSUMS: 22. STUNDE UND 57 MINUTEN N.G.Z.

18. KAPITEL: KRÄFTE DER STIMMEN: 18. STUNDE UND 6 MINUTEN N.G.Z.

19. KAPITEL: EUKON: 35. STUNDE UND 33 MINUTEN N.G.Z.

20. KAPITEL: ALBTRAUM: 44. STUNDE UND 2 MINUTEN N.G.Z.

21. KAPITEL: XARIS ERINNERUNGEN JENSEITS DER ZEIT: 4 JAHRE VOR DEM WELTENFLUCH

22. KAPITEL: XARIS ERINNERUNGEN JENSEITS DER ZEIT: 26 MINUTEN VOR DEM WELTENFLUCH

23. KAPITEL: XARIS ERINNERUNGEN JENSEITS DER ZEIT: DUNKLE SEHER

24. KAPITEL: XARIS ERINNERUNGEN JENSEITS DER ZEIT: AUFBRUCH

25. KAPITEL: XARIS ERINNERUNGEN JENSEITS DER ZEIT: EIN NEUANFANG

26. KAPITEL: XARIS ERINNERUNGEN JENSEITS DER ZEIT: DIE GLOWKOMISCHE DEPRESSION

27. KAPITEL: XARIS ERINNERUNGEN JENSEITS DER ZEIT: DIE SCHWARZE DIMENSION

28. KAPITEL: XARIS ERINNERUNGEN JENSEITS DER ZEIT: XARIS ERBE

29. KAPITEL: DIE GENERALPROBE: 6 TAGE BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

30. KAPITEL: VERLETZTE SEELEN AUS ZWEI WELTEN: 31. STUNDE UND 17 MINUTEN N.G.Z

31. KAPITEL: ZWEI GESICHTER: 5 TAGE BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

32. KAPITEL: DIE SPRACHE DER AHNEN: 3 TAGE BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

33. KAPITEL: KEIN ZURÜCK: 2 TAGE BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

34. KAPITEL: DEPRESSION: 4 TAGE BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

35. KAPITEL: ADRIA: WENIGER ALS 2 TAGE BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

36. KAPITEL: DIE LETZTE HOFFNUNG DER HINTERWÄLDLER: 1 TAG BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

37. KAPITEL: 36. KAPITEL: DIE LETZTE HOFFNUNG DER HINTERWÄLDLER: 1 TAG BIS ZU DEN PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN

38. KAPITEL: IAM-AMIO: 16. STUNDE UND 1 MINUTE N.G.Z.

39. KAPITEL: NEO: 16. STUNDE UND 19 MINUTEN N.G.Z.

40. KAPITEL: NORA: 16. STUNDE UND 24 MINUTEN N.G.Z.

41. KAPITEL: ELIO: 16. STUNDE UND 36 MINUTEN N.G.Z.

42. KAPITEL: ETHAN MCCOY: 16. STUNDE UND 34 MINUTEN N.G.Z.

43. KAPITEL: KLACK: 50 JAHRE NACH DEM ZWEITEN ANGRIFF DER SCHWARZEN HÄNDE

44. KAPITEL: GEBÜHRENDE ERBEN: IN EINER RUHIGEN ZEITZONE

45. KAPITEL: FRIEDEN: IN EINER RUHIGEN ZEITZONE

1. KAPITEL

AUFBRUCH: 210 JAHRE NACH DEM WELTENFLUCH

»Zeigt euch«, zischte die Frauenstimme, woraufhin ein hellblaues und summendes Licht hinter den Gebüschen auftauchte. Elio spürte, wie ein stechender Schmerz seine Glieder lähmte. Keuchend stürzte er auf den Waldboden. Auch seine Gefährten zuckten am ganzen Leib. Es ging so schnell, dass er überhaupt nicht begreifen konnte, was geschah. Der Schmerz verschwand wieder, als sein Gesicht im kühlen Schlamm badete. Blitzschnell rappelte er sich auf, wobei er nach dem Speer des Federschweifs griff, den er zuvor fallen gelassen hatte.

»Was zum Teufel war das?«, keuchte Daniel panisch. Nora und er hievten sich benommen auf die Beine. Vor ihnen erklangen Schritte.

Abermals tauchte das summende Leuchten vor ihren Augen auf. Elios Herz raste. Er zückte den Speer. Keineswegs wollte er den Schmerz erneut spüren. Allmählich erkannten seine geblendeten Augen, dass das blaue Licht eine Kugel war, aus einem dicken Stab ragend. Eine zierliche Hand umklammerte den Eisengriff. Es war kein Licht wie die Sonne, sondern ein wirres Gemisch aus Blitzen, die umeinander kreisten. Dahinter verbargen sich die drei Gestalten in finsteren Gewändern, die er zuvor mit seinen Gefährten beobachtet hatte. Ihre Gesichter waren nach wie vor durch Kapuzen verschleiert, sie näherten sich langsam.

»Bleibt zurück, wenn ihr am Leben bleiben wollt!«, rief Elio zornig. Er holte zum Wurf aus.

Doch die Trägerin des Lichts hob beruhigend die Hände. Eine zarte Stimme erwiderte: »Senk deine Waffe wieder, Elio. Es war nicht meine Absicht, euch zu verletzen. Ich habe meine Fulgur-Lanze etwas zu sehr geschwenkt, wodurch die Blitzwellen mir entflohen sind. Das diente bloß unserem Schutz, du musst mir glauben. Nach der Landung konnten wir euch nicht mehr lokalisieren, denn die Drohnen waren plötzlich defekt. Täuschende Sinne leiteten uns. Wir dachten, dass ihr noch tiefer in den Wäldern seid.«

Elio senkte die Speerspitze etwas. Seinen Gefährten warf er verwirrte Blicke zu. Niemand von ihnen begriff, wovon die Frau im schwarzen Gewand sprach. Es beunruhigte ihn, dass sie seinen Namen kannte. Ein mulmiges Gefühl riet ihm, dass er ihr nicht trauen konnte. Seine Gedanken drehten sich im Kreis. Vielleicht wollte sie genau das erreichen, ihn unachtsam werden lassen. Ruckartig riss er den Speer wieder hoch, um bedrohlich zu erwidern: »Ich glaube dir kein Wort! Woher kennst du meinen Namen? Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wer ihr seid oder was euch zu uns führt! Ich weiß nur, dass ihr mir einen Blitz in die Glieder gejagt habt!«

»Beruhige dich wieder, Elio«, summte Nora auf einmal mit ihrer verträumten Stimme. »Du lässt sie ja gar nicht zu Wort kommen. Vielleicht sind sie tatsächlich gekommen, um uns zu retten. Ein Geschenk der heiligen Ataraxie, das uns vor dem Sturm schützen soll. Wir haben doch ohnehin nichts mehr zu verlieren.«

Elio warf ihr einen entsetzten Blick zu. Er konnte nicht fassen, wie leichtsinnig die Jägerin zu ihm sprach. Wut brodelte in ihm, als er sich daran erinnerte, wie sie das Volk des Sandtümpels gemeinsam mit dem Häuptling hintergangen hatte. Dadurch vergaß er die fremden Gestalten. Er wollte sie anschreien, aber Daniels fauchende Stimme kam ihm zuvor: »Hütte deine Zunge, du verlogene Hexe! Wie kannst du es nur wagen, ihn zurechtzuweisen! Nur wegen dir sind wir in diese Lage geraten!«

Sofort senkte Nora ihren Blick, betrübt starrte sie den Waldboden an.

Bevor Daniel sie weiter anschreien konnte, führte die fremde Frau ihre Hand zur Kapuze, um diese herunterzuziehen. Mit einem leisen Zischen löste sich die Fulgur-Lanze in Luft auf. Dadurch wurde es etwas finsterer. Dennoch war ersichtlich, dass sie ein bleiches Gesicht hatte. Unter ihrer faltigen Haut stachen die Wangenknochen hervor. Ihre Haare schimmerten grau. Durch ein rasches Kopfnicken in beide Richtungen forderte sie ihre Gefährten dazu auf, dasselbe zu tun.

Die beiden vermummten Gestalten waren etwa einen Kopf größer als sie, ihre Hände waren in weiten Taschen versteckt. Gleichzeitig ließen sie die Kapuzen nieder. Zwei Männer kamen zum Vorschein. Sie hatten kurze Haare auf dem Kopf, die grau waren wie die der Frau. Auch sie waren bleich. Einer von ihnen trug einen zerzausten Vollbart, der von einer grimmigen Miene, dazu unzähligen Falten umringt war. Sein Gefährte hatte ein kindliches Gesicht. An der glatten Haut, die im Licht des Vollmonds schimmerte, war kein einziges Haar. Blasse Lippen formten ein schwaches Lächeln.

»Mein Name ist Leana. Das sind meine Gefährten Leif und Anthony«, sagte die Frau beruhigend. Nacheinander deutete sie auf die beiden Männer. »Es ist, wie Nora sagt. Wir kommen in Frieden, um euch von dieser verlorenen Welt zu befreien. Es gibt nichts mehr, das euch hier hält.«

Die Seherin ließ ihren Blick rasant hochschweifen, als Leana ihren Namen aussprach. Sie verstand nicht, wie die fremde Frau sie kennen konnte. Leif nickte bloß lustlos, ohne die grimmige Miene abzusetzen. Anthony hingegen zeigte breit grinsend seine glänzenden Zähne. Beide schienen nicht sehr gesprächig zu sein.

»Wieso sollten ausgerechnet wir dazu bestimmt sein, von den Qualen dieser Welt befreit zu werden?«, zischte Daniel. »Ich habe keinen von euch jemals gesehen. Ihr seid Fremde für mich. Sag mir, wie ich euch trauen kann, wenn sogar meine Gefährten mich bereits hintergangen haben.« Der Späher warf Nora einen giftigen Blick zu. Niemals würde er ihr vergeben können.

»Scheinbar habt ihr noch nicht verstanden, dass euch keine andere Wahl bleibt«, brummte Leifs tiefe Stimme. »Diese Welt ist seit Ewigkeiten dem Untergang geweiht. Es steht euch frei, uns als eure Feinde zu sehen und das Angebot abzuweisen, aber dadurch entscheidet ihr euch für den Tod. Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Sturm auch über den letzten Fleck dieser Welt hergezogen ist. Ihr könnt ihm bloß entfliehen, wenn ihr mit uns kommt.«

Die drei Gefährten starrten ihn gebannt an, als würden sie allmählich einen Funken von Überzeugung in seinen Worten finden. »Ich glaube ihm«, flüsterte Nora schließlich. »Jener Sturm ist so mächtig, dass nichts und niemand ihn aufhalten kann. Ich sah ihn nicht nur in den Flammen, sondern spürte ihn auch. Von der Finsternis wurde er beschworen, um unser Land auszurotten.«

»Hexe«, murmelte Daniel finster. All seine Beherrschung musste er aufbringen, um nicht auf die Jägerin loszugehen. Er biss die Zähne zusammen, seine freie Hand ballte sich zur Faust.

Elio spürte allmählich einen Zwiespalt, der ihm den Kopf zerbrach. Auch er war davon überzeugt, dass der Sandsturm unaufhaltsam war, denn er hatte dessen Ausmaß am eigenen Leib gespürt. Zugleich befürchtete er jedoch, dass er seine Gefährten in eine Falle führte, indem er den Fremden Glauben schenkte. Die Gedanken rasten, sodass sein Herz immer schneller schlug. Bevor er einen Entschluss gefasst hatte, erklang aus weiter Ferne dumpfes Grollen. Panisch blickte er Richtung Süden. Der Sturm konnte nicht weit entfernt sein.

»Es ist Zeit, eine Entscheidung zu treffen«, drängte Leana. »Wenn ihr euch uns anschließt, werdet ihr den Sternen bald näher sein als je zuvor. Unser Weltengleiter wird euch in ein fernes Land tragen, wo euch ein besseres Leben erwartet. Dort herrscht das Licht, nicht die Finsternis. Das verspreche ich. Doch mehr kann ich nicht tun. Es fegt mit enormer Geschwindigkeit über die Wüste. Fast hat es uns erreicht. Für weitere Erklärungen fehlt die Zeit.« Auch ihr nervöser Blick schweifte jetzt in südliche Richtung, wo das Grollen immer lauter wurde.

»Wir werden mit euch gehen«, schoss es aus Elio heraus. Obwohl er den Fremden nicht traute, war ihm klar geworden, dass es keine andere Wahl gab.

Leana begann, Richtung Süden zu eilen. Leif und Anthony folgten ihr. »Unser Raumgefährt ist nicht weit entfernt. Wir müssen uns beeilen, der Sturm darf es nicht vor uns erreichen. Das ist die einzige Chance, zu entfliehen. Folgt uns.« Auch die drei Gefährten setzten sich in Bewegung, durch das zähe Gestrüpp des Waldes. Sie alle waren von Angst erfüllt. Elios Herz raste. Ihm war bewusst, dass ihnen entweder der Tod oder ein neues Leben bevorstand.

Rasch erreichten sie die Wüste. Das Grollen dröhnte laut, der Sandboden unter ihren Füßen zitterte. Am finsteren Horizont hatte sich bereits die dichte Nebelwand getürmt. »Da ist er!«, rief Leif und deutete nach vorne, während ihm starke Windstöße ins Gesicht peitschten. Elio kniff die Augen zusammen, dann erkannte er die glänzende Halbkugel inmitten des Sandmeers. Der Weltengleiter war nicht mehr weit entfernt, aber die bedrohlichen Staubwolken näherten sich.

»Lauft!«, schrie Elio, bevor er losrannte. Mit enormer Wucht stieß er die Beine in den Sand. Er wurde immer schneller. Seine Gefährten hetzten ihm keuchend hinterher.

»Zum Teufel mit dieser Welt!« Daniels gedämpfte Stimme flog durch die Sturmböen, die von Sekunde zu Sekunde härter in Elios Gesicht zogen. Das hielt ihn nicht davon ab, weiter zu rennen, bis er den gewaltigen Weltengleiter deutlich vor seinen Augen sah. Keuchend machte er Halt, um sich auf die Knie zu stützen. Die Halbkugel aus Metall schimmerte im Mondlicht. Der Wind pfiff ihm so laut um die Ohren, dass er den eigenen Atem nicht hörte.

»Fahr den Eingang aus!«, hörte er Leana panisch rufen. Als Elio herumwirbelte, sah er, wie Anthony etwas aus seinem Gewand kramte, das hellgrün leuchtete. Ein dumpfes Scheppern erklang. Die Platte aus dem Boden des Weltengleiters war in den Sand gekippt, ihre Stufen führten ins Innere.

»Folgt mir!«, rief Leif, der mühsam begann, die Treppe nach oben zu steigen.

Als schließlich alle im dunklen Hohlraum des Raumgefährts angekommen waren, leuchtete ein rotes Licht in Anthonys Hand auf. Elio vernahm ein Summen, während die Treppe langsam eingefahren wurde. Laut knackend rastete sie im Boden ein. Es war stockfinster. Er konnte nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Die Geräusche des Sturms waren verstummt, die feste Außenfassade musste sie abdämpfen. »Mach das Licht an«, zischte Leana unruhig, woraufhin Leifs dunkle Silhouette mit einer raschen Handbewegung über die Wand strich.

Elio wurde durch blaue Lichter geblendet. Nachdem seine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte er, dass sie an der runden Decke in zahlreichen Glaskugeln saßen. Er staunte. Die Konstruktion erinnerte ihn an etwas, das er einst in seiner Heimat gesehen hatte. Das Arsenal im Territorium der Krieger war mit ähnlichen Lichtern ausgestattet gewesen.

Augenblicklich kamen unzählige Fragen auf. War der Federschweif bereits auf Menschen aus einer fernen Welt gestoßen? Hatte er den Bewohnern mehr als seine finstere Vergangenheit verschwiegen? Die Antworten würden vermutlich für immer verborgen bleiben, denn gewiss hatte der Sturm das Lager bereits verschluckt und nichts außer Trümmer hinterlassen.

Sein Blick schweifte auf eine riesige Schaltfläche. Auf ihr waren Tasten, die in verschiedenen Farben glänzten. Daraus ragte ein silberner Hebel, hinter dem sich eine Glasscheibe erstreckte, durch die man in die finstere Wüste blickte. Blaues Licht erhellte sie ein wenig. Plötzlich tauchte das Gebirge aus Staubwolken auf, es war nur noch wenige Meter entfernt. Der Boden zitterte.

»Wir müssen sofort weg hier. Sonst wird alles in Stücke gerissen«, stammelte Anthony. Abermals drückte er hastig auf eine Taste des Fernauslösers in seiner Hand. Das grüne Licht flackerte auf, ein Zischen erklang. Wie von Geisterhand fuhr direkt vor der Schaltfläche ein silberner Sessel aus dem Boden. Elio und seine Gefährten beobachteten staunend, wie Anthony sich darauf niederließ, um schnell die Tasten zu betätigen. Hinter der Glasscheibe war nur noch dichter Staub sichtbar. Die Wände bebten, als würde etwas von außen kräftig an dem Weltengleiter rütteln. Elio verlor fast das Gleichgewicht. Unbeholfen taumelte er einige Schritte nach vorne, bevor Daniel seinen Arm packte und ihn zurückzog.

»Mach schon, Anthony! Du hast keine Zeit mehr!«, rief Leif. Er musste sich an einer aus der Wand ragenden Sprosse festhalten, um nicht hinzufallen.

»Ich habe es fast!«, schrie Anthony, bevor er den Hebel der Schaltfläche nach hinten riss. Der Weltengleiter geriet so sehr ins Schwanken, dass Elio und seine Gefährten zu Boden stürzten. Ihre Waffen purzelten scheppernd an die hinterste Wand.

»Haltet euch an den Griffen fest!«, rief Leana ihnen zu. Wie Leif hatte sie sich an eine der Sprossen geklammert, von denen Unzählige zwischen den leuchtenden Kugeln herausragten. Mühsam kroch Elio auf allen vieren nach vorne. Dicht hinter sich vernahm er Noras schweren Atem.

Nachdem er endlich einen der Griffe gepackt hatte, wirbelte er herum und streckte die Hand nach ihr aus. Sie griff nach seinem Arm. Mit einem kräftigen Ruck zog er sie zu sich. Jetzt hielt auch Nora sich an einer Sprosse fest. Daniel hingegen kauerte auf der gegenüberliegenden Seite zwischen Leana und Leif. Mit aufgerissenen Augen starrte Elio auf die Glasscheibe hinter der Schaltfläche, denn sie war zum funkelnden Sternenhimmel gerichtet.

»Festhalten!«, rief Anthony, woraufhin er den Hebel nach vorne drückte. Elio spürte einen enormen Sog, der ihn nach hinten riss. Er musste den Griff mit beiden Händen umklammern, um nicht davonzufliegen. Der dichte Nebel des Sandsturms verzog sich rasch, während sie den Sternen mit enormer Geschwindigkeit näher kamen.

2. KAPITEL

DIE WATCHER: EINE REISE DURCH ZEITZONEN

Elios Griff lockerte sich, als der Sog nachließ. Seine Augen waren während des rasanten Abflugs geschlossen gewesen, weil ihm sonst die Galle hochgekommen wäre. Jetzt öffnete er sie wieder. Was er sah, hätte er sich nicht einmal in seinen wildesten Träumen ausmalen können.

Hinter der Glasscheibe streckte sich eine schwarze Leere mit tausenden Lichtern. Einige warfen weiße Strahlen von sich. Andere funkelten in Farben, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Es war ein wunderschönes Gemisch in endlosen Weiten, das ihn an einen Teich voller bunter Fische erinnerte. Zuvor war der Sternenhimmel für ihn unerreichbar gewesen, aber jetzt befand er sich in seinem Inneren. Sein erstaunter Blick traf die anderen.

Daniel starrte noch immer fassungslos in die endlose Leere. Seine Wut war verflogen. Er empfand nur noch Bewunderung.

»Eine solche Schönheit hätte mir selbst das Feuer nicht zeigen können«, raunte Nora. Auch ihr Blick war gefesselt von dem Anblick.

Leana und Leif hingegen stießen bloß erleichterte Seufzer aus. Sie waren keineswegs beeindruckt von den Sternen. Anthony saß nach wie vor auf dem Sessel, seine Finger wanderten rasant über die Tasten. Er war vollkommen fokussiert darauf, die Flugbahn des Weltengleiters zu bestimmen.

Allmählich breitete sich Hoffnung in Elio aus. Die Skepsis gegenüber den neuen Gefährten wurde etwas geringer. Womöglich kamen sie tatsächlich aus einer fernen Welt, in der die Dinge sich zum Guten wendeten. Eine solche Welt hatte er immer wieder in seinen Träumen aufgesucht. Er war es leid, zu kämpfen und wollte endlich Frieden finden. Ein stechender Schmerz traf sein Herz, als ihm in den Sinn kam, dass er dies ohne seine Geliebte tun müsste. Alexandria würde ihren gemeinsamen Traum nie sehen können. Abermals blickte er in die Weiten der Sterne, eine Träne lief an seiner Wange hinunter.

»Warum habt ihr uns auserwählt?«, fragte er nach einer Weile. »Wir sind bloß gewöhnliche Menschen wie ihr.«

Leif und Leana schwiegen. Ihre verblüfften Blicke durchbohrten ihn. »Ihr seid alles andere als gewöhnlich«, raunte Leana. »Du bist ein tapferer Kämpfer, Elio. In deiner Welt bist du durch die Hölle gegangen. Du musstest Dinge erleben, die andere Menschen zugrunde gerichtet hätten. Wenn jemand einen Grund hat, das Leben und die Menschheit zu hassen, dann bist du es. Doch das hielt dich nicht davon ab, immer wieder aufzustehen. Trotz unzähliger Enttäuschungen hast du die Hoffnung in deinesgleichen nie aufgegeben.« Sie holte tief Luft. Elio starrte sie entsetzt an. Sie sprach so, als hätte sie ihn sein ganzes Leben lang beobachtet. Wie war das möglich?

Er wollte gerade etwas erwidern, als Leana sich Daniel zuwandte, um weiterzusprechen: »Du bist ähnlich, Daniel. Nicht ohne Grund wurdest du vom Häuptling des Sandtümpels zum obersten Späher ernannt. Wie Elio warst du auf dich allein gestellt und hast Narben davongetragen. Ihr habt einiges gemeinsam. Die schrecklichsten Dinge jener Welt sind euch nicht nur widerfahren, weil ihr Pech hattet. Alles geschieht aus einem Grund. Sie haben euch zu Anführern gemacht, die von wahrhaftiger Stärke erfüllt sind.«

Fassungslos starrte Elio seinen Gefährten an. Noch immer fragte er sich, woher Leana all das wissen konnte. Daniel erwiderte seinen Blick und lächelte verlegen. Er war wie ein Bruder für ihn. Sie beide hatten dieselben Schmerzen erlitten. Sie verstanden einander, ohne Worte auszutauschen. Auch über Elios Lippen huschte ein Lächeln. Mit einem Mal sah er den warmen Kern seines verbissenen Freundes, der ihm Hoffnung schenkte.

»Nora, du wurdest auserwählt, weil du Kräfte in dir trägst, die unermesslich sind«, fuhr Leana fort. »Die meisten Seher in deiner Welt wurden bereits ausgelöscht. Ich verstehe, dass du dich oft einsam gefühlt hast. Du warst noch nie wie die Menschen und konntest es nicht verstecken. All die verächtlichen Blicke haben an deinem Herzen gezerrt. Doch dort, wo wir herkommen, gibt es viele deiner Art. Sie können es kaum erwarten, dich kennenzulernen. Gemeinsam mit ihnen wirst du Mächte in dir entfachen, die du niemals für möglich gehalten hättest.«

Nora starrte sie erstaunt an. Ihre Augen wurden wässrig. »Das ist zu schön, um wahr zu sein. Das kann nicht sein. Nein, ich verdiene es nicht«, schluchzte sie leise. Ihre Hand wischte über die verweinten Wangen. Elio drehte den Kopf in ihre Richtung. Sie tat ihm leid, obwohl er noch immer etwas wütend auf sie war. Wahrscheinlich würde er niemals vergessen, was die Seherin getan hatte. Doch in diesem Moment erkannte er, dass sie ebenfalls tiefe Schmerzen in sich trug.

»Wieso wisst ihr von all dem?«, fragte er schließlich, als sein Blick wieder auf Leana und Leif traf.

Leifs ernste Miene wich einem breiten Grinsen. »Wir sind schon immer dagewesen. Du hast es bloß nicht bemerkt«, sagte er. »Es gab einen unachtsamen Moment meinerseits. Ich weiß nicht, ob du dich noch erinnerst, denn danach bist du in einen tiefen Schlaf gefallen.«

Elio zog verblüfft die Augenbrauen zusammen. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wovon sein Gegenüber sprach. Leif kramte etwas aus seinem Gewand. Es war ein runder Fernauslöser mit Tasten. Er drückte auf eine von ihnen.

Abermals erschien grünes Licht, woraufhin der Weltengleiter zischte. Erschrocken wirbelte Elio herum, denn das Geräusch kam aus der Wand hinter ihm. Er beobachtete, wie summend ein kleiner Würfel aus ihr herausgefahren wurde. Der Klang war ihm nicht fremd.

Als eine leuchtende Kugel, die auf einer glänzenden Scheibe saß, rausflog, traf ihn ein Geistesblitz. Das schwebende Summen kreiste durch den Raum. Er beobachtete es gebannt, während Leif rasch Tasten betätigte. Auch Daniel und Nora konnten ihre Blicke nicht von dem sonderbaren Flugobjekt losreißen. Es steuerte geradewegs auf Elio zu.

Das grelle Licht blendete ihn. Kurz vor seinem Kopf machte es Halt. Blinzelnd sah er in die Kugel hinein, in der ein winziger schwarzer Punkt saß. Wie in seiner Erinnerung war unter der silbernen Scheibe ein Rädchen befestigt, das unfassbar schnell rotierte. Vor seinen Augen schwebte tatsächlich das, was damals im Wald aufgetaucht war, nachdem die Microchilupus ihn vergiftet hatten.

»Anthony, zeig es ihm«, raunte Leif. Schweigend drückte Anthony auf eine Taste seiner Schaltfläche. Plötzlich tauchte vor der Glasscheibe ein viereckiger Rahmen auf, der ein Bild zeigte. Elio traute seinen Augen kaum. Er sah sich selbst, wie er vor der Stahlwand hockte, den Griff umklammerte und geradeaus starrte.

»Das ist unmöglich«, stammelte Daniel, der sich verblüfft die Augen rieb.

»Ich bin dein Watcher, Elio«, erklärte Leif schließlich. »In unserer Welt gibt es viele wie mich. Jeder von ihnen hat die Funktion, einen Bewohner aus einer verlorenen Welt zu beschatten. Sie sollen herausfinden, ob dieser dazu geeignet ist, innerhalb unseres hochentwickelten Volks eine Rolle zu spielen. Das sah ich bereits sehr früh bei dir. Ebenso sah Leana Potential in Nora und Anthony in Daniel. Um das zu ermitteln, werden Drohnen gebraucht, wie jene, die du gerade vor dir siehst.« Elio starrte noch immer sprachlos auf sein Abbild. Die Worte rauschten durch seinen Kopf, ohne dass sie für ihn greifbar waren. Kaum konnte er sich vorstellen, dass er sein ganzes Leben lang beschattet worden war. Es kam ihm wie ein Traum vor.

Schließlich tippte Leif wieder in die Tasten. Die summende Drohne flog durch den Raum, verschwand in dem Würfel und wurde zischend zurück in die Wand gefahren.

»Wieso seid ihr nicht früher gekommen, wenn das wahr ist?«, fragte Daniel argwöhnisch.

Leif stieß einen Seufzer aus. »Wir mussten geduldig darauf warten, losgeschickt zu werden. Es lag nicht in unserer Macht, zu entscheiden, wann das geschehen sollte«, antwortete er. »Ihr müsst wissen, dass auf unserem Land bloß eine begrenzte Anzahl an Weltengleitern existiert. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis unsere Mission eingeleitet wurde. Täglich ziehen auserwählte Watcher los, um ihre Schützlinge aus dem Verderben zu befreien. Das ist die erste Mission unseres Teams. Für gewöhnlich erlebt jeder Watcher bloß eine einzige. Diese Reise ist nicht nur für euch, sondern auch für uns ein besonderer Anlass.« Seine Stimme war von Stolz erfüllt.

Elio starrte gebannt auf die Glasscheibe. Das Abbild der Drohne war inzwischen verschwunden, wodurch er wieder freie Sicht auf die endlosen Weiten der Sterne hatte. Die Erzählungen der Watcher hatten seine Neugier geweckt. Er fragte sich, wie ihre Welt tatsächlich war. Vielleicht erwartete ihn dort ein Leben ohne Sorgen und Furcht, wie Leana es versprochen hatte. Der Gedanke daran ließ ihn lächeln, während der Weltengleiter blitzschnell durch den schwarzen Raum flog.

»Haltet euch gut fest! Wir sind kurz vor der Landung!«, rief Anthony nach einer gefühlten Ewigkeit. Das lange Kauern auf dem Boden hatte Elio schläfrig gemacht, aber jetzt war er wieder hellwach, denn hinter der Glasscheibe schwebte ein riesiger Strudel, der hellgrün leuchtete und immer näher kam. Der Weltengleiter wurde schneller. Plötzlich spürte er wieder den kräftigen Sog an seinem Rücken. Mit all seiner Kraft umklammerte er den Griff.

Hinter Anthonys Schaltfläche waren nur noch Bewegungen von grünen Lichtwellen zu sehen. Durch den Anblick wurde ihm rasch schwindelig. Er schloss die Augen, um seinen Würgereiz zu unterdrücken. Nora und Daniel hingegen ließen ihre erstaunten Blicke keine Sekunde lang von dem Anblick abschweifen.

Der Weltengleiter wurde heftig durchgeschüttelt. An den Wänden schallte stetig ein lautes Krachen, als würde etwas gegen die Außenfassade stoßen. »Haltet durch! Gleich ist es geschafft!«, schrie Anthony. Er musste sich an seinem Sessel festhalten, alle anderen umklammerten mit beiden Händen ihre Griffe.

Dann wurde es still. Der Sog an Elios Rücken verschwand. Seine Augen blinzelten zögerlich, bevor er in ein Meer aus tausenden dunkelblau leuchtenden Punkten blickte. Anthony stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Wir haben es geschafft und sind im Landeanflug!«, rief er über die Schulter. Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn, um danach den Hebel vor sich nach hinten zu ziehen. Der Weltengleiter wurde langsamer, die Lichter hinter der Glasscheibe kamen näher.

»Was zur Hölle war das?«, fragte Daniel, seine hastige Atmung beruhigte sich allmählich.

»Unsere Welt wird von einem Portal geschützt«, sagte Leana keuchend. »Unser Präsident hat es einst mithilfe der Seher konstruiert. Es kann nur von Weltengleitern durchquert werden. Sie müssen vom Piloten geradewegs hindurch gesteuert werden, um nicht vom Kurs abzuweichen und verschluckt zu werden.« Einen Moment lang nahm noch angestrengtes Schnaufen den Raum ein. Die starken Turbulenzen hatten jedem den Atem geraubt.

Nora setzte ihr warmes Lächeln auf. Sie war hellhörig geworden, als Leana die Seher erwähnt hatte. »Ich spüre, dass sie ganz nah sind. So viele von ihnen und sie sind so schön warm«, flüsterte sie, wobei sie beide Hände auf ihr Herz presste und auf die Lichter starrte.

»Wir landen!«, verkündete Anthony nach einer Weile. Inzwischen war ersichtlich, dass die dunkelblauen Lichter von Bauwerken geworfen wurden, die dicht aneinandergereiht aus glattem Gestein ragten. Elio sah vereinzelte Menschen, die rasch an ihnen vorbeizogen. Die meisten waren in pechschwarze Monturen gehüllt. Einzelne trugen Kleidungsstücke in einer herausstechenden Vielfalt an Farben. Langsam bewegte der Weltengleiter sich Richtung Boden, dann kam er schließlich zum Stehen. Ein dumpfer Aufprall ließ die Wände zittern, die vier Standbeine waren auf das Gestein getroffen.

Anthony atmete erleichtert aus. Er sprang vom Sessel auf, der sofort zurück in den Boden fuhr. »Willkommen in Glowkam!«, rief er sich streckend. Abermals kramte er den Fernauslöser aus seinem Gewand, woraufhin die Treppe ausgefahren wurde. Mit einem dumpfen Aufprall landete sie auf dem Gestein. »Die prächtigste aller Welten! Hier werdet ihr euch wohlfühlen!«, fuhr er mit erhobener Stimme fort, bevor er die Stufen hinabstieg. Leif folgte ihm.

Elio, Nora und Daniel schielten zu ihren Waffen hinüber, die bloß wenige Meter von ihnen entfernt auf dem Boden lagen. Leana bemerkte ihre Blicke, denn sie sagte: »In unserer Welt werdet ihr sie nicht benötigen. Sie werden für euch eine Last sein. Kommt mit uns und lasst sie liegen.«

Elio starrte sie entgeistert an. Keineswegs zog er in Betracht, unbewaffnet fremdes Land zu betreten. »Das kannst du vergessen. Auf den ersten Blick scheint ihr frei von bösen Absichten zu sein, aber der Schein hat mich schon oft getäuscht«, zischte er bedrohlich. Leana stieß einen langen Seufzer aus, während Elio seinen Speer an sich nahm.

»Er hat recht«, murmelte Daniel, der ihm folgte und einige Pfeile aufsammelte.

Kurz darauf standen beide bewaffnet vor der Treppe. Mit vorwurfsvollen Blicken betrachteten sie Nora, die neben Leana stehen geblieben war. Elio spürte, wie die Wut in seinem Magen wieder hochkam. »Du willst ihnen also blind vertrauen?«, fragte er verächtlich.

»Ich glaube ihnen. In einer Welt, die von so vielen friedlichen Seelen gewärmt wird, kann die Finsternis nicht herrschen. Ich kann es kaum erwarten, meine Brüder und Schwestern zu sehen. Dafür brauche ich keine Waffe. Niemals würde ich ihnen wehtun«, erwiderte die Seherin entschlossen.

»Du hast den Verstand verloren«, fauchte Daniel. Er wandte seine kalte Miene von ihr ab, um die Treppe hinabzusteigen. Elio würdigte sie nur noch eines feindseligen Blickes und ging ihm nach.

Jetzt standen nur noch Leana und Nora im Weltengleiter. »Ich bin stolz auf dich«, flüsterte die Watcherin. »Bald schon wirst du deiner Gemeinde näher sein als je zuvor. Sie erwarten dich bereits und werden dich mit offenen Armen empfangen. Du spürst tief in deinem Herzen, dass Glowkam vom Licht beherrscht wird. Mach dir keine Sorgen, deine Gefährten werden es auch noch sehen.« Nora atmete erleichtert aus, als wäre sie von seelischen Schmerzen befreit worden. Lange hatte sie sich danach gesehnt, Bekanntschaft mit anderen Sehern zu machen.

3. KAPITEL

GLOWKAM: 16 JAHRE NACH DEM ANGRIFF DER SCHWARZEN HÄNDE

Rasch stellten sich Elios Haare auf, als er nach Daniel auf das glatte Gestein trat. In Glowkam war es um einiges kälter als in ihrer Heimat. Das musste der Grund dafür sein, dass nahezu alle Gestalten, die den Weltengleiter passierten, in dicke Kleidung gehüllt waren. Sie musterten ihn nur mit neugierigen Blicken, um anschließend rasch weiterzuziehen. Der breite Pfad, der sich durch die Bauwerke schlängelte, reichte weiter als er sehen konnte und die dunkelblauen Lichter, die sich darauf spiegelten, strahlten hinter runden Glasscheiben.

Als Elio an seinem fröstelnden Körper hinunterblickte, kam ihm in den Sinn, dass Daniel und er die Einzigen waren, die mit nackten Füßen herumliefen. Nun wusste er, weshalb die drei Watcher dicke Stiefel unter ihren Gewändern trugen. Die kurze Stoffhose genügte nicht, um ihn in dieser Welt warm zu halten. Auch Nora, die jetzt dicht gefolgt von Leana die Treppe hinabstieg, war leicht bekleidet. Nur die Lederschürze hielt ihren Rumpf warm. Dennoch erweckte sie nicht den Anschein, zu frieren.

»Hier halte ich es nicht mehr lange aus«, sagte Daniel, der mit den Armen die eigene Brust umschlungen hatte und energisch seine geballten Fäuste über die Schultern rieb, um sich zu wärmen. Den Bogen ließ er nicht fallen. Elio zitterte inzwischen so sehr, dass seine Zähne klapperten.

Dennoch war er beeindruckt von dem majestätischen Anblick vor seinen Augen. Der Himmel war pechschwarz. Ohne einen Mond, Sterne oder andere Silhouetten. Die angereihten Gebäude sahen nahezu identisch aus. Sie waren so hoch, dass er nicht über sie hinweg gucken konnte. Er fühlte sich wie ein unscheinbares Flackern in einem Meer aus grellen Lichtern.

»Wir hätten euch wohl Kleidung mitbringen müssen«, brummte Leif grinsend. »Macht euch keine Sorgen wegen der Kälte. Bald werdet ihr an einem anderen Ort sein.« Theatralisch zog er die Augenbrauen hoch, als sollten seine Worte Spannung erzeugen.

In diesem Moment erklang ein Summen hinter dem Weltengleiter, das rasch näher kam. Elio und seine Gefährten wirbelten herum. Erstaunt hielten sie den Atem an. Über das Gestein rollte ein metallisches Wesen. Es kniete auf einer runden Scheibe, die von zwei Rädern getragen wurde. Aus dem aufrechten Rumpf ragten Arme mit Händen, die das Wesen auf den Knien abgelegt hatte. Der ovale Kopf darüber zeigte ein starres Gesicht mit einer spitzen Nase, einem schmalen Mund und schwarzen Augen. Der leere Blick war etwas nach oben gerichtet, als würde es zu jemandem aufschauen. Wenige Schritte vor den Gefährten machte das Wesen Halt, wodurch das Summen verstummte. Der Mund öffnete sich leicht, eine metallische Stimme brachte zwei Worte hervor: »IBAM-BAMBIO.«

Der verblüffte Daniel fand zuerst seine Sprache wieder: »Was ist das?«

»Ein Android«, erwiderte Leif schmunzelnd. »Davon gibt es viele in Glowkam. Sie sind Diener der Bürger, werden unter anderem als Transportmittel benutzt. Durch sie können wir stundenlange Märsche in Sekunden zurücklegen.«

»Das ist nicht möglich«, sagte Elio. Von Sekunde zu Sekunde zitterte er stärker. Auch er rieb sich die Handballen über seine tauben Arme. Lange würde er die Kälte nicht mehr ertragen.

»IBAM-BAMBIO, Portal werfen!«, rief Anthony. Sofort riss der Android die Arme hoch. Seine Handflächen waren auf Elio gerichtet, der aufgeschreckt seinen Speer zückte. Das merkwürdige Wesen machte ihn nervös.

»Geh zur Seite, Elio«, brummte Leif mürrisch. Verunsichert befolgte Elio die Anweisung. Dann begann der Android zu zittern, als würde etwas Energiezehrendes in ihn eindringen. »IBAM-BAM-BIO«, sagte er wieder.

Zwei kreisförmige Löcher taten sich in seinen Händen auf. Scharf zischend schossen hellblaue Lichtkugeln mit Blitzen heraus, die nach wenigen Metern abrupt Halt machten, um sich zu einer großen zu fusionieren. Im Inneren der Kugel wütete ein gewaltiger Strudel. Er ähnelte dem, der vor der Glasscheibe des Weltengleiters aufgetaucht war. Jedoch leuchtete er nicht hellgrün, sondern hellblau. Gebannt starrte Elio hinein.

»Ein Portal«, erklärte Leif, der einige Schritte nach vorne ging. »Dadurch lässt sich in unserer Welt jeder Ort erreichen. Man muss bloß an das gewünschte Ziel denken.«

»Wieso sind wir nicht hindurchgegangen, um den Weltengleiter zu erreichen?«, fragte Elio argwöhnisch. Die Watcher hatten nicht einmal ein Wort über die Portale verloren, obwohl der Sturm der Bestien mit enormer Geschwindigkeit in ihre Richtung gezogen war.

Plötzlich brach Leana in schrilles Gelächter aus. »Hinterwäldler wie euch davon zu überzeugen, ein Portal zu betreten, hätte gewiss länger gedauert als der kurze Marsch über die Wüste«, erwiderte sie. »Außerdem gibt es von eurer Welt kein Koordinatensystem, das mit unseren Portalen gekoppelt ist. Teleportation ist dort nicht möglich.«

Elio starrte sie mit leeren Augen an. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ihr zu glauben, denn er verstand nicht, wovon sie sprach. All das klang wie eine fremde Sprache, die bloß in Glowkam existierte. Doch bei einer Sache hatte die Watcherin recht. Der Gedanke daran, auch nur einen Fuß in das Portal zu setzen, bereitete ihm Unbehagen. Würde er unversehrt bleiben? Was erwartete ihn am anderen Ende? Fragen, die er scheinbar vergessen sollte, denn Leif trat bereits ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

»Ihr müsst nur hindurchgehen. Am besten jetzt. Mehr verlange ich nicht«, drängte er schließlich. »Bald wird es sich auflösen.«

Nachdem Daniel, Elio und Nora sich einige Augenblicke später noch immer nicht von der Stelle bewegt hatten, stieß Leif einen langen Seufzer aus. Genervt brummte er: »Dann muss Papa halt den Anfang machen.« Er schritt geradewegs auf das Portal zu. Ein Zischen erklang, als er es betrat. Staunend beobachtete Elio, wie er inmitten der Blitzströme stand. Gleichgültig ging der Watcher weiter. Seine laufende Silhouette wurde immer kleiner, bis sie schließlich zischend von einem grellen Licht verschluckt wurde.

»Jetzt einer von euch«, sagte Leana, die Daniel und Elio erwartungsvolle Blicke zuwarf. Doch sie regten sich noch immer nicht. Elio war wie gefesselt. Etwas in seinem Inneren sträubte sich enorm dagegen, ihre Anweisung zu befolgen. Zugleich wurde die Kälte an seiner Haut immer unerträglicher. Er wollte das eigene Leben nicht einem Portal überlassen. Daniels besorgter Blick verriet, dass er an dasselbe dachte.

»Ist schon gut. Ich gehe zuerst«, flüsterte Nora. Die Seherin näherte sich dem Portal, während Leana ihren Gefährten vorwurfsvolle Blicke zuwarf.

»Denk an die Worte: Raum des Meisters. Das sind die Koordinaten des Orts, den wir erreichen wollen. Ihr alle müsst ununterbrochen daran denken, wenn ihr hindurchgeht. Sonst bringt das Portal euch nicht an die richtige Stelle«, zischte Anthony.

Zögerlich ging Nora weiter. Elio starrte seine Gefährtin fassungslos an. Nach wie vor konnte er nicht nachvollziehen, woher sie das blinde Vertrauen in die Watcher und deren sonderbare Welt nahm. Ihre Leichtsinnigkeit schürte seine Wut. In seinen Gedanken packte er sie am Arm, zog sie zurück und schrie ihr ins Gesicht, dass ihr Wahnsinn hunderten Menschen das Leben gekostet hatte. Doch er tat es nicht. Inzwischen war er geübt darin, seinen Groll zu beherrschen. Tatenlos würde er ihre naive Ader dem eigenen Schicksal überlassen.

»Verrückte Hexe«, brummte Daniel, der sich weniger unter Kontrolle hatte. Nora ließ ihren verträumten Blick keine Sekunde lang von dem summenden Strudel abschweifen, als hörte sie die Beleidigung nicht. Als sie davor stand, streckte sie vorsichtig einen Arm hinein, der dadurch unversehrt blieb. Kichernd trat die Seherin hinein. Ihre Umrisse wurden rasch kleiner, bis sie im Licht verschwanden.

In diesem Moment wurde Elio bewusst, dass auch er hindurchgehen musste. Trotz der Furcht wollte er Gewissheit darüber haben, was sich hinter dem Portal verbarg. Er musste sich daran erinnern, wie lange er damals gezögert hatte, bevor er den Wasserfall herabgesprungen war, um sich vor dem Federschweif zu beweisen. Jetzt handelte es sich um etwas, das er für sich selbst tun musste, nicht für einen anderen. Also gab er sich einen letzten Ruck, bevor er loslief.

»Was hast du vor?«, zischte Daniel hinter ihm, aber er ließ seinen Gefährten außer Acht. Nur noch das Portal und nichts anderes hatte er im Visier. Einen Schritt davor machte er Halt. Angestrengt kniff er die Augen zusammen, um zu erkennen, was sich tief im Inneren verbarg. Doch er sah nur weitere Blitze, die ihre summenden Kreise zogen.

»Mach schon«, drängte Leana genervt. »Alle von uns müssen hindurch und wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.« Langsam streckte er die Hand aus. Als sie das Portal erreicht hatte, wurde sie wärmer. Die Wärme breitete sich rasch in allen Gliedern seines Körpers aus. Die eisige Kälte verschwand. Seine Lippen formten ein Lächeln. Etwas sagte ihm, dass ihm beim Hindurchgehen nichts zustoßen würde. Darauf vertraute er. Behutsam setzte er einen Fuß hinein, dann den anderen. Raum des Meisters. Raum des Meisters. Raum des Meisters, dachte er ohne Pause.

Der Strudel kreiste ringsum, das laute Summen dröhnte in seine Ohren. Im Inneren war es viel lauter als von außen. Die angenehme Wärme wurde zu einer ernüchternden Hitze, die ihm das Atmen erschwerte. Lange würde er hier nicht ausharren können. Panisch wirbelte er herum, woraufhin er mit Entsetzen feststellen musste, dass Daniel und die beiden Watcher verschwunden waren. Auch hinter ihm streckten sich kreisende Blitze in endlose Weiten.

»Lauf schon, Dummkopf!«, rief plötzlich eine dumpfe Stimme aus dem nirgendwo, die zu Leana gehören musste. Ohne weiter zu zögern, ging er mit zügigen Schritten nach vorne. Immer weiter, bis es laut zischte und grelles Licht ihn blendete. Raum des Meisters. Raum des Meisters, hing er angestrengt seinen Gedanken nach. Er musste die Augen zudrücken. Am ganzen Körper kribbelte es, als würde seine Haut von tausenden Insekten besiedelt werden. Dieses unangenehme Gefühl war genauso plötzlich verschwunden, wie es gekommen war. Auch das Licht schien nicht mehr da zu sein. Zögerlich blinzelte er, Dunkelheit umgab ihn.

»Du hast es auch geschafft, mein Schöner«, summte eine vertraute Stimme, die gleich neben ihm war und ihn erschrocken zusammenzucken ließ. Im nächsten Augenblick erklang wieder das Zischen. Plötzlich war alles ringsherum in ein hellblaues Schimmern gehüllt. Er sah Nora, die nicht einmal einen Meter von ihm entfernt war. Leifs dunkle Silhouette hatte ihm den Rücken gekehrt. Der Watcher tippte immer wieder auf eine Taste des Fernauslösers, während er den Blick über die finsteren Wände des leeren Raums schweifen ließ.

Elio wirbelte verblüfft herum. Hinter ihm war das Portal aufgetaucht. Daneben und auch dahinter zogen sich dieselben pechschwarzen Wände entlang. Unter seinen Füßen spürte er glattes Gestein, wie jenes von draußen. Es war wärmer. Nirgendwo konnte er eine Tür sehen.

»Du solltest einen Schritt nach hinten gehen«, hörte er Leif hinter sich sagen. »Der Nächste wird sonst gegen dich stoßen.« Nervös taumelte Elio nach hinten, obwohl ihm noch nicht bewusst war, was der Watcher meinte. Im Portal tauchte das zischende Licht auf, welches Daniels Umrisse ausspuckte. Anscheinend hatte dieser sich dazu entschieden, den Argwohn aufzugeben. Schlagartig verschwand das Portal, der Raum war wieder in Finsternis gehüllt.

Obwohl Elio nach hinten gerückt war, rempelte sein Gefährte ihn unsanft an.

»Wo bin ich hier? Wer bist du?«, zischte Daniel im Dunkeln.

Beruhigend legte er ihm die Hände auf die Schultern, um zu erwidern: »Wir sind auf der anderen Seite, Bruder.«

Nachdem Anthony nach Leana den finsteren Raum betreten hatte, verschwand das Portal mit einem letzten Zischen.

»Er sollte längst hier sein. Ohne seine Anwesenheit gehen die Lichter nicht an. Vierzig haben wir vereinbart. Jetzt ist es schon fünf nach«, sagte Leif, der noch immer auf dieselbe Taste drückte, als wäre er fest davon überzeugt, dadurch etwas ändern zu können.

Leana erwiderte: »Hab etwas mehr Respekt. Du weißt, wie beschäftigt er ist. Sei froh, dass er sich überhaupt die Zeit für uns nimmt.« Leif erwiderte nichts mehr.

Elio ahnte nicht, von wem sie sprachen. Er wollte nachfragen, als schlagartig der gesamte Raum erhellt wurde. Lange Reihen aus winzigen Glaskugeln zogen sich pfeilgerade über die schwarzen Marmorwände. Sie leuchteten rot. Ein Anblick, der ihn beeindruckte, aber zugleich einschüchterte.

»Entschuldigt bitte meine Verspätung«, raunte eine tiefe Stimme. Sie glich weniger einem Menschen, eher einer rostigen Maschine. Elio zuckte erschrocken zusammen. Daniel warf ihm einen entgeisterten Blick zu.

Bevor einer der Gefährten begriff, woher die fremde Stimme kam, flackerte vor ihren Augen ein dunkelblaues Licht auf. Es sickerte aus dem Boden heraus, war zunächst verschwommen und wurde dann immer deutlicher, bis es eine Silhouette formte. Sie trug ein finsteres Gewand wie die Watcher und war etwas kleiner als Elio. Die Kapuze war weit über die Stirn gezogen, sodass ihr Gesicht nicht zu sehen war. Ein leichter Schimmer umhüllte ihre Umrisse.

Elio sah keinen echten Menschen, sondern bloß ein Hologramm. Eine Erscheinung, die im hochentwickelten Glowkam bereits seit langer Zeit keine Seltenheit mehr war. Seine Quelle war ein winziger Projektor, der in den Boden eingemeißelt war. Mit dem bloßen Auge war dieser kaum sichtbar.

Elio starrte es mit geweiteten Augen an. Allmählich wusste er nicht mehr, ob er sich noch immer in der Wirklichkeit aufhielt. Sein Herz und seine Gedanken rasten gleichzeitig. Vergeblich versuchte er, die wirren Erscheinungen, die ihm bisher begegnet waren, zu ordnen. Er realisierte, dass ihn tatsächlich eine andere Welt umgab. Eine, die ihm fremder war, als er es sich jemals hätte ausmalen können. Ihn ließ das Gefühl nicht los, in einem sonderbaren Traum gefangen zu sein.

»Ich musste mit dem Hotelier der Wundernacht einiges bezüglich unserer neuen Gäste besprechen. Herr McCoy ist ein knallharter Verhandlungspartner, wenn es um die Finanzen geht. Deswegen wurden mir fünf Minuten geraubt. Doch gewiss hatte diese Zeit ihren Zweck, denn wir alle sind uns doch einig, dass wir unseren Schützlingen den besten Komfort bieten wollen. Oder irre ich mich, Leif?«, fuhr die rostige Stimme des Hologramms fort.

»Gewiss tust du das nicht«, erwiderte der Watcher verlegen. Sein beschämter Blick senkte sich.

»Ich bin erfreut darüber, dass ihr die Auserwählten unversehrt hergebracht habt«, sagte das Hologramm. Verbissen versuchte Elio, zu erkennen, wer sich im dunklen Gewand verbarg. Doch ein Schatten bedeckte das Gesicht der verschleierten Gestalt. Der Fremde schien seinen skeptischen Blick zu bemerken, denn er sagte: »Denk nicht zu viel nach, Elio. Mir ist bewusst, dass dir all das sonderbar erscheint. Schließlich kommen du und deine Gefährten von weit her. Ihr könnt euch gewisse Dinge nicht erklären, aber das müsst ihr auch nicht. Jetzt zählt nur, dass ihr die Reise überstanden habt und da seid, wo ihr hingehört.«

Elio runzelte die Stirn. »Wer bist du?«, fragte er.

»Mein Name ist Neo«, erwiderte das Hologramm. »Ich bin der Präsident von Glowkam. Somit liegt die Verwaltung dieser Welt in meiner Verantwortung. Allzu gerne hätte ich euch persönlich begrüßt und nicht in Form eines Hologramms. Leider blieb mir keine andere Wahl, denn es gibt noch eine Menge wichtiger Termine, die mich heute erwarten.«

»Wenn du der Verantwortliche für all das bist, wirst du uns sicher sagen können, weswegen wir hergebracht wurden«, erwiderte Daniel scharf und schielte zu den Watchern hinüber. »Deine Handlanger haben bloß in Rätseln gesprochen. Wir sollen Auserwählte sein, die Jahre lang beschattet wurden. Wofür wir auserwählt wurden, haben sie nicht erwähnt.« Leana warf ihm einen giftigen Blick zu, der verriet, dass sie ihn wutentbrannt angeschrien hätte, wenn Neo nicht dagewesen wäre.

Der Präsident schwieg einige Augenblicke lang, bevor er in schallendes Gelächter ausbrach. Daniel starrte das Hologramm verwirrt an. »Du bist ganz schön neugierig, Daniel. Wie es von einem ausgezeichneten Späher erwartet wird. Du musst alles unter Kontrolle haben, um ruhen zu können. Ungewissheit quält dich«, sagte Neo, nachdem er sich beruhigt hatte. »Ich kenne dieses Gefühl. Glaub mir. Es zerrt jeden Tag an mir. Doch du musst dich noch etwas gedulden, wie ihr alle. Lasst euch gesagt sein, dass ihr an diesem Ort euren Frieden finden werdet. Wir kennen die Abgründe eurer verlorenen Welt. Glowkam wird euch wie ein Paradies erscheinen, versprochen. Schon bald werdet ihr mehr Einsicht in das bekommen, wozu ihr auserkoren wurdet, aber jetzt sollt ihr euch ausruhen. Fürs Erste habt ihr genug merkwürdige Eindrücke sammeln müssen. Leif wird euch als Nächstes zur Wundernacht begleiten, wo für euch ein unbefristeter Aufenthalt reserviert ist.« Wieder flackerte das dunkelblaue Licht des Hologramms. Neos Silhouette wurde schummriger, während sie langsam im Boden verschwand.

»Warte!«, rief Elio empört. Er wollte sich nicht mit den wenigen Informationen zufriedengeben, sondern endlich Gewissheit erlangen. Aber ehe er ein weiteres Mal rufen konnte, war das Hologramm verschwunden. Daniel stieß einen Seufzer aus, der neben Enttäuschung vor allem Erschöpfung zum Ausdruck brachte. Elio wurde bewusst, dass er sich nicht daran erinnerte, wann er zuletzt geschlafen hatte. Die überwältigenden Bilder Glowkams wüteten in seinem Kopf und ließen ihm eine lähmende Schwere auf die Augenlider fallen.

»Ihr habt ihn gehört«, brummte Leif. Im Schein der roten Lichter wirkte seine Miene noch grimmiger. »Ich werde euch zur Wundernacht bringen. Alles andere wird sich morgen klären. Nicht nur euch hat die lange Reise geschafft.« Leana pflichtete ihm gähnend bei.

Der Watcher kramte eine Fulgur-Lanze aus seinem Gewand, deren summende Blitzkugel hellblaues Licht in den Raum warf. Er wies die Gefährten an, beiseitezutreten, bevor er die Fulgur-Lanze wild schwenkte. Einige Blitze schossen aus ihr heraus, die sich zischend zu einem Portal fusionierten.

»Nicht nur IBAM-BAMBIOs sind in der Lage, Portale zu werfen«, erklärte Anthony, der die erstaunten Blicke der drei zur Kenntnis nahm. »Auch Fulgur-Lanzen sind mit den Koordinaten dieser Welt ausgestattet, wodurch sie Teleportation ermöglichen. In kürzester Zeit werdet ihr euch vor der Pforte der Wundernacht wiederfinden. Denkt daran, an ihren Namen zu denken, während ihr hindurchgeht.« Ohne zu zögern, ging Elio auf das Portal zu. Ihm war zwar immer noch mulmig zumute, aber inzwischen hatte er seinen Argwohn größtenteils abgelegt. Wundernacht. Wundernacht. Wundernacht. Wundernacht, rauschte durch seinen Kopf. Er tauchte immer tiefer in den Blitzstrudel ein.

4. KAPITEL

DIE WUNDERNACHT: 40. STUNDE UND 28 MINUTEN NACH GLOWKOMISCHER ZEIT

Die drei Gefährten standen vor der Wundernacht, nachdem Leif zuletzt von dem Portal ausgespuckt worden war und es sich in Luft aufgelöst hatte. Sie war das größte und prächtigste der zahlreichen Hotels in Glowkam. Ein mehrstöckiges Gebäude, welches so hoch war, dass man meinen könnte, seine zylinderförmige Spitze würde den sternlosen Nachthimmel berühren. Sie überragte jedes andere Dach. Ihr Tor, das vor ihnen emporragte, war ein fünf Meter hohes Stahlgitter. Der kalte Steinboden war wie leergefegt, nirgendwo waren Bewohner zu sehen.

Elio musste kurz den Atem anhalten, als er die scheinbar endlose Außenfassade des majestätischen Hotels musterte. Eine Kette aus runden Lichtern, die in schwarze Leere ragte. Sie gab ihm das Gefühl, von tausenden Augen beschattet zu werden.

»Hättest du uns nicht an einen wärmeren Ort bringen können?«, unterbrach Daniel die Stille. Er wandte sich an Leif. »Vielleicht ist es dir noch nicht aufgefallen, aber ich habe noch immer kaum Kleidung am Leib. Die Kälte deiner Welt ist nicht auszuhalten.«

Kurz huschte ein schadenfrohes Schmunzeln über die Lippen des Watchers, dann brummte er: »War leider nicht möglich. Aufgrund der strengen Sicherheitsvorkehrungen der Wundernacht ist das hier die nächstgelegene Stelle, welche man durch Portale erreichen kann. Die Koordinaten ins Innere sind verschlüsselt. So will der Hotelier sich vor ungebetenen Gästen schützen. Es kommt nämlich nicht selten vor, dass…« Der Watcher unterbrach das Reden, da sie alle von einem grellen Licht geblendet wurden. Sie mussten die Blicke senken.

»Was führt euch an meine Pforte?«, fragte eine gedämpfte Stimme, die wie ein Hologramm klang. Die Gefährten sahen erschrocken auf. Der sprechende Scheinwerfer war ein großer, grün leuchtender Augapfel, der auf dem gewaltigen Tor saß.

»Für heute habe ich genug gesehen«, murmelte Daniel, der schockiert nach oben starrte.

»Ich komme mit den drei Hinterwäldlern, die von Neo ausgewählt worden sind. Nach den Aussagen des Präsidenten hat er mit Ihnen persönlich darüber gesprochen. Ihnen soll ein unbefristeter Aufenthalt genehmigt werden.«

Der Augapfel schwieg einige Sekunden lang, um anschließend zu erwidern: »Das könnte jeder behaupten. Ohne einen Beweis kommen sie keinen Schritt weiter. Nennen Sie mir Ihre WATCHER-ID und dazu die HINTERWÄLDLER-NUMMER jedes Auserwählten.«

Leif warf dem Auge einen verdutzten Blick zu. Nervös kratzte er sich am Kopf. Dann kramte er hastig ein zerknittertes Blatt Papier aus seinem Gewand, um mit erhobener Stimme vorzulesen, was darauf stand: »LEIF, WATCHER-ID: 810537WAID. DANIEL, HINTERWÄLDLER-NUMMER: 270185HNR3. NORA, HINTERWÄLDLER-NUMMER: 270185HNR2. ELIO, HINTERWÄLDLER-NUMMER: 270185HNR1.«

Es war still, nur das Sausen des eisigen Windes zog durch die Luft. Schließlich erwiderte das Auge: »In Ordnung. Ihre Daten wurden verifiziert. Sie können nun eintreten.« Wie von Geisterhand öffnete sich das quietschende Tor der Wundernacht.

»Geht schon, bevor er es sich doch noch anders überlegt«, drängte Leif, woraufhin Elio zuerst auf den glatten Steinpfad trat, der durch eine schimmernde Wiese zur riesigen Stahltür des Hotels führte. Hier gibt es also doch Pflanzen, dachte er überrascht. Die Tür öffnete sich langsam.

»Bilde ich mir das nur ein, oder ist das eine Melodie?«, flüsterte Daniel ihm zu. Sein Gefährte täuschte sich nicht. Auch Elio nahm die fröhliche Musik wahr, die aus der Wundernacht strömte. Sie sahen in ein Meer aus tanzenden Lichtern.

Hinter der Tür stand ein kleiner Mann, der einen grünen Anzug mit roter Krawatte trug. Ein Kleidungsstil, der ausgezeichnet zu dem bunten Raum passte, in dem er sich befand. Er konnte auf die Gefährten herabsehen, da eine kurze Treppe zur Tür hinaufführte. Einer seiner Mundwinkel formte ein Lächeln, der andere hing schlaff herunter. Die schwarzen Haare auf seinem Kopf waren glatt nach hinten gekämmt, sie glänzten im Schein der Lichter.

Die Musik wurde etwas leiser. »Es ist mir ein Vergnügen, meine neuen Gäste begrüßen zu dürfen«, verkündete der Mann, dessen Stimme kräftig und bestimmt klang. »Mein Name ist Ethan McCoy. Ich bin der Hotelier der Wundernacht. Nach einer so beschwerlichen Reise seid ihr bei mir gewiss am besten aufgehoben. Hier gibt es köstliche Speisen, den besten Komfort und vor allem…Wärme!« Mit hochgezogenen Augenbrauen sah er auf Daniel herab, der durch das starke Zittern an einer Schnappatmung litt. Ohne zu zögern, setzte dieser einen Fuß auf die erste Stufe der Treppe.

»Nicht so schnell!« McCoys Stimme war schärfer geworden. Er deutete auf den Bogen, den Daniel in der rechten Hand hielt. »Keine Waffen in der Wundernacht. Diese Regel betrifft die Sicherheit der anderen Gäste. Sie ist unverhandelbar.«