Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Liebesgeschichte zwischen einem chinesischen Chi Gong Meister und einer Hamburger Werbetexterin. Clare, 39, erfolgreich im Beruf und gescheitert in der Ehe, begegnet bei ihrer esoterisch versierten Freundin dem Chinesen Xu Lin. Eine spontane Anziehung, ein zweites Treffen, dann reist Xu Lin ab, nach Schweden. Eigentlich ist der Chinese überhaupt nicht Clares Typ. Trotzdem entspinnt sich über mails eine Liebesgeschichte. Die Worte von Xu Lin berühren Clare leicht wie Schneeflocken und erhellen ihren Alltag zwischen novemberlichem Privatleben, Beerdigung, Familiengeschichten und Ärger in der Werbeagentur. Schnee wird zur gemeinsamen Sehnsuchtsmetapher bis die Idee auftaucht, einen Winterurlaub zu riskieren. In der Ferienwohnung kommen die beiden sich näher, so nahe, dass sie an ihre persönlichen Grenzen geraten.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Impressum
Cover: Karsten Sturm – Chichili Agency
Fotos: fotolia.de
© 110th / Chichili Agency 2014
EPUB ISBN 978-3-95865-125-8
MOBI ISBN 978-3-95865-126-5
Autorenfoto: Heike Steinweg
Urheberrechtshinweis:
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Zuerst sind es seine Augen, die sie faszinieren, dunkelbraune Augen, die selbstvergessen auf ihr ruhen.
"Clare – das ist Xu Lin, unser Chi Gong Meister. Er kocht heute für uns, aber das habe ich dir ja schon erzählt“, sagt Ilona und lässt die beiden stehen, um den nächsten Gästen die Tür zu öffnen. Xu Lin hat ein Handtuch als Schürze umgebunden. Hinter ihm dampft es. Aber das scheint ihn im Moment nicht zu kümmern. Clare ist Blicke von solcher Intensität nicht gewöhnt. Ob er die Menschen immer so ansehe, fragt sie ihn spöttisch, um sich dem Sog zu entziehen.
"Only those, who interest me exactly the way you do."
Nur die, die mich genau auf die Weise interessieren, in der du mich interessierst. Das Lächeln, mit dem er seinen Satz begleitet, ist im Westen so selten wie das von Mona Lisa. Clare lächelt zurück und sagt sich, dass diese Art Lächeln in Asien wahrscheinlich Standard ist, überhaupt nichts Besonderes, schließlich kennt man es von jeder zweiten Buddha-Statue. Bleibt seine merkwürdige Formulierung. Sätze mit Widerhaken machen Clare neugierig. Das ist eine berufsbedingte Schwäche, sie ist Werbetexterin.
"Und was genau ist das für eine Art, in der ich Sie interessiere?", fragt sie.
"Sorry?" Er hebt entschuldigend die Hände.
Ach so, er versteht kein Deutsch. Clare wechselt ins Englische und wiederholt ihre Frage. Da lacht er, als hätte sie einen hintergründigen Witz erzählt. Seine Augen blitzen. Hinter ihm beginnt es zu brodeln, irgendetwas droht überzukochen und Clare wird Zeuge einer schnellen Reaktion. Mit präzisem Griff hebt er den heißen Topf von der Platte, gerade noch rechtzeitig, bevor sich der aufgetürmte Schwall Reiswasser ergießen kann. Mit der freien Hand arrangiert er nun allerlei eng geschichtete Schüsselchen, Tiegelchen und Töpfe hin und her, um Platz für den heißen Topf zu schaffen. Offenbar versucht er der winzigen, zweiflammigen Junggesellenküche der erklärten Nichtköchin Ilona so etwas wie ein sechsgängiges Menu abzuringen. Unter Clares Augen wächst der Chinese in die Rolle eines Jongleurs.
"Das verblüfft mich jetzt", sagt Clare, "ich dachte immer, Chi Gong Meister bewegen sich besonders langsam." Da lacht er wieder. Diesmal ist es ein geschmeicheltes Lachen.
"Es gibt eine Zeit für Langsames und es gibt eine Zeit für Schnelles“, sagt er in seinem akzentgeprägten Englisch und macht gerade so viel von der Tischecke frei, wie er braucht, um eine Zwiebel kleinzuhacken, ohne dass das Brettchen ein Übergewicht kriegt.
"Vermeide, was nicht im Einklang steht."
Clare versteht nicht wirklich, was er damit meint. Aber vielleicht ist es gerade dieses Nicht-Verstehen, das sie in seinen Bann zieht. Seit dem plötzlichen Verschwinden ihres Ehemannes ist Clare fasziniert von Dingen, die sie nicht auf Anhieb begreift. Xu Lin stellt das Zwiebelbrettchen als dritte Etage auf zwei Töpfe und lässt Fett in einer Pfanne aus, nicht ohne sich mit einem Seitenblick Clares Aufmerksamkeit zu vergewissern. Er fordert sie mit einem charmanten Lächeln auf, wegzugehen oder sich zumindest umzudrehen.
"Warum?"
Wenn sie weiter zugucke, erfahre sie das Geheimnis seiner Soße. Und dieses Geheimnis hüte er seit seiner Studienzeit in Kalifornien. Nur wenige Menschen seines Vertrauens würden es kennen.
"Dann kann ich ja bleiben, oder erwecke ich etwa kein Vertrauen?" Er lacht.
"OK, aber erzähl es keinem weiter! Meine persönliche Mixtur besteht aus viel Asien und einer kleinen Prise Amerika." Er zaubert eine Flasche Ketchup aus seinem Rucksack. Nun ist es an Clare zu lachen. Er habe an der UCLA Physik und Mathematik studiert, erzählt er, während er die Soße mit Ketchup abschmeckt. Das Interessante dabei sei, wie er durch die Ergebnisse westlicher Wissenschaft zurück zum uralten chinesischen Wissen von der Einheit aller Dinge geführt worden sei. Die Entdeckung des universellen Wirkungsquantums habe ja durchaus einen Zug von Ganzheit bei atomistischen Prozessen enthüllt, welcher der im Westen entwickelten mechanischen Naturvorstellung fremd sei. - Ob er sie langweile?
"Nein, nein, überhaupt nicht." Sie sei zwar in Mathematik eine Niete gewesen, aber das habe sie nicht davon abgehalten, später alle möglichen Artikel über Chaostheorie, Unschärferelationen und Paradigmenwechsel zu sammeln. Sie erinnert sich an das Beispiel vom Schmetterling, vom leichten Flügelschlag, der angeblich auf der anderen Seite der Erde einen Tornado auslösen könne. Er scheint das für plausibel zu halten, denn er nickt, während er mit großer Konzentration fünf Löffel Pilzwasser über dem Reis verteilt.
Clare stellt verwundert fest, dass ihre Müdigkeit nach dem zähen Arbeitstag in der Agentur einem beschwingten Gefühl von Leichtigkeit gewichen ist. Er passt nicht in ihr Beuteschema, überhaupt nicht. Er ist klein, fragil, beinahe mädchenhaft, wäre da nicht etwas Stählernes unter der Oberfläche. Außerdem ist er ziemlich alt, vielleicht fünfzig, oder älter? Schwer zu schätzen. Weißliche Haare fallen in sanftem Bogen auf seine Schultern. Gepflegte Haare. Er sieht proper aus. Aber ein Chinese?! Clare gehört nicht zu denen, die für Asiatisches schwärmen. Sie isst nicht einmal gerne chinesisch. Nein, das ist kein Mann für sie. Warum dreht er sich ausgerechnet jetzt zu ihr um? Kann er Gedanken lesen? Was für eine blöde Angewohnheit, alle Männer auf ihre Beziehungstauglichkeit hin zu scannen. Andererseits, machen Männer so etwas nicht auch? Wie sie sich wohl aus seiner Sicht ausnimmt? Hübsches Gesicht, glatte blonde Haare, schlank, etwas zu groß, zumindest für ihn, edel- lässige Designerkleidung... Nein, von Designerkleidung versteht er wahrscheinlich nichts. Seine graue Bügelfaltenhose sieht verdächtig nach C&A aus.
"Ich gehe jetzt zu den anderen" sagt sie, um einen Schlusspunkt unter ihre müßigen Überlegungen zu setzen und fragt, ob sie schon etwas mitnehmen kann.
"If you can wait."
Natürlich kann sie warten. Sie hat ja nichts weiter vor. Sie ist bei Ilona zum Essen eingeladen. Oder bei ihm? Ilona hat ihr das Arrangement am Telefon eingehend erklärt, aber Clare hat nicht richtig hingehört, sie hatte ein Gespräch auf der anderen Leitung. Egal, jedenfalls ist sie jetzt hier und sie hat auch nichts anderes vor für den Abend, also kann sie warten.
Warum hat sie das Gefühl, dass er sie testet? An seinem Blick kann es diesmal nicht liegen, denn er wendet ihr den Rücken zu. Trotzdem ist ihr, als bräche der schlichte Satz "Wenn du warten kannst" durch die oberste Bedeutungsschicht wie durch dünnes Glas.
"Here you are!"
Er reicht ihr eine Schüssel und berührt dabei ihre Hand. Zufällig, oder ist es Absicht? Die Berührung ist so leicht, dass Clare sie als Zufall abtun könnte. Doch sie tut die Berührung nicht ab, sondern spürt sie und begegnet seinem Blick. Da eröffnet sich ein taubenfüßiges Reich der Möglichkeiten, ganz unvermutet und gegen alle Wahrscheinlichkeit. Nur für einen Moment, für einen schwebenden, flüchtigen Moment. Allzu flüchtig, denkt sie später, als sie am Esstisch sitzen und Ilona bedauert, dass Xu Lin´s Hamburger Zeit sich dem Ende nähert.
"Oh“, sagt Clare, "wann denn?"
"In drei Tagen. Er will unbedingt nach Schweden."
"Was denn, in dieser grässlich dunklen Jahreszeit noch weiter in den Norden, wie kann man nur!?", ruft Clare und löst einen fröhlichen Tumult allgemeiner Zustimmung aus. Damit ist es ihr wieder einmal gelungen, ihre Gefühle in aller Offenheit auszudrücken und sie gleichzeitig zu verbergen. Es ist ihr Trick, sich hinter weithin geteilten Meinungen zu verschanzen, in diesem Fall hinter der allgemeinen Angst vor Hamburger Nieseltagen und dem unweigerlich näher rückenden Weihnachtsfest. Nun überschlägt es sich. Schon im Oktober wurden erste Lichterketten und Lebkuchen gesichtet. Ach was Oktober, schon im September! Das sei unanständig. Bald werde man schon im Juli damit überfallen. Eine Welle sprudelnder Einigkeit löst die Reste von Steifheit auf, mit der zuvor über Politik diskutiert wurde. Man genießt es, sich über Zustände zu erregen, die nicht wirklich wehtun. Man prostet sich zu und verspricht, sich mit Einladungen zu Grünkohl und Pinkel gegen den grauslichen Winter zu wappnen, da ruft Cora in einer Lautstärke, mit der sie alle Aufmerksamkeit auf sich zieht:
"Ich weiß gar nicht, was ihr habt, ich finde Weihnachten schön!"
"Ja, wenn man kleine Kinder hat, so wie du!"
"Ohne Kinder ist Weihnachten doof."
"Es müssen ja nicht die eigenen Kinder sein!" ruft Clemens und erzählt, wie viel Spaß es ihm letztes Jahr gemacht hat, für seine kleine Nichte den Nikolaus zu spielen. Plötzlich weiß jeder etwas Positives, etwas Herz erwärmendes. Nur Clare wird schweigsam. Sie versinkt in dem Abgrund, in den ihre Zukunftspläne gefallen sind, als Björn verschwand. Sie sinnt darüber nach, ob es leichter oder noch schlimmer gewesen wäre, wenn sie ein Kind gehabt hätten. Xu Lin, der sich nicht an der Debatte beteiligt, weil seine Kindheit ohne Weihnachtsbrauchtum vonstattenging, bemerkt Clares Stimmungsumschwung. Er wirft eine samtene Stimme nach ihr aus. Er liebe das Licht, sagt er und wartet ab, bis sein Satz Wellen zieht in Clares Bewusstsein, bevor er fortfährt. Das hindere ihn allerdings nicht daran, auch die Schönheit des Dunkels zu schätzen.
Clare ist dankbar für die Ablenkung.
"Gehen sie deshalb nach Schweden?"
"In gewisser Weise." Es sei eine Herausforderung. Mitunter könne es heilend sein, sich freiwillig in das hinein zu begeben, was man fürchte. Es gebe Zeiten, da ziehe er die Dunkelmeditation allen anderen Meditationsarten vor.
"Dunkelmeditation?" fragt Clare.
Sie soll sich eine Höhle vorstellen, tief im Inneren eines Berges. Und dann werde auch noch die Fackel gelöscht.
"Und dann?"
"Nothing - no thing." Nichts – kein Ding.
Man sitze mit offenen Augen da und sehe nichts als Schwärze, man höre das Geräusch des eigenen Atems und das Rauschen des Blutes. Der unwillkürliche Lidschlag verlangsame sich, weil die Dunkelheit so weich sei, dass nur wenig Tränenflüssigkeit mobilisiert werde.
"Schade, dass es in Hamburg so wenig Höhlen gibt."
Clare hat ihren flippigsten Tonfall gewählt, um die Suggestion abzuwehren, die von ihm ausgeht. Er lässt sich nicht irritieren. Als habe er ihre Ironie nicht bemerkt, bestätigt er, dass es tatsächlich nicht einfach sei, moderne städtische Räume abzudunkeln. Eine geradezu paranoide Furcht vor der Dunkelheit habe zu ihrer beinahe vollständigen Vertreibung aus der heutigen Welt geführt, mit der Konsequenz einer ständigen Reizüberflutung. Es sei jedoch interessant, wie rasch man dem gegensteuern könne. Nach nur einer Stunde in tiefer Dunkelheit werde, selbst bei geschlossenen Lidern, das Anzünden einer einzigen Kerze zur Sensation. In der Weihnachtsdiskussion ist gerade eine Pause eingetreten, so dass Clemens das letzte Wort aufschnappt.
"Wo gibt es eine Sensation?", fragt er quer über den Tisch.
"Überall da, wo Gegensätze aufeinander treffen", sagt Xu Lin.
"Licht auf Dunkelheit, beispielsweise", sekundiert Clare.
"Stille auf Geräusch."
"Heiß auf kalt."
"Yin auf Yang."
"Mann auf Frau!"
"Das schon wieder!" Allgemeines Gelächter.
"Reich mir doch mal die Pilze."
"Sind die jetzt Yin oder Yang?"
"Egal, sie schmecken jedenfalls sensationell, das muss doch mal gesagt werden."
"They are just great!"
"Absolutely."
Xu Lin nimmt das Kompliment mit einer kleinen Beugung seines Kopfes entgegen.
"Sind Pilze eigentlich Yin oder Yang, männlich oder weiblich?"
"Mich interessiert viel mehr, wo man sie kaufen kann!"
"In jedem Asialaden!"
"Eben nicht!"
"Also ich kenne da einen in der Grindelallee..."
"Gib dir keine Mühe, die Soße macht es."
"Genau, und die Soße ist ein Geheimnis!", ruft Clare und tauscht einen verschwörerischen Blick mit Xu Lin.
"Ist er nicht süß?", fragt Ilona Clare, als sie die Teller hinaus tragen.
"Wer, der Nachtisch? - Hab ich noch nicht probiert."
"Du weißt genau, wen ich meine! Ich hab doch gesehen, wie ihr euch unterhalten habt."
Ilona spannt eine Folie über den Gemüserest und seufzt.
"Er ist schon ein ganz Besonderer. Schade, dass du den Kurs nicht mitgemacht hast."
"Hat mir auch leidgetan. Eigentlich steht Chi Gong auf meiner Liste, aber ich war einfach zu viel unterwegs in letzter Zeit."
"Wenn du willst, kannst du immer noch einsteigen."
"Ich denke, euer Meister geht nach Schweden?"
"Schon, aber wir machen ohne ihn weiter. Wir treffen uns jeden Morgen."
"Ich kann das doch gar nicht."
"Es ist total einfach, also basismäßig gesehen, ansonsten ist es natürlich... du lernst da nie aus."
"Wie im richtigen Leben."
"Genau."
"Komm mal mit, ich muss Dir was zeigen."
Sie führt Clare in ihr Schlafzimmer und deutet erwartungsvoll auf ein Tuschebild über ihrem Bett.
"Und, wie findest du das?"
Clare betrachtet ratlos eine aufsteigende schwarze Linie, umgeben von ausgelaufenen hellgrauen Tuschetropfen.
"Nett."
"Nett!" Ilona ist enttäuscht.
"Ich verstehe nichts von Kalligraphie", sagt Clare entschuldigend.
"Musst du auch nicht. Das ist ein PPP, ein Personal Power Picture - also eine Art Portrait."
"Ah."
"Nichts - ah! du musst es einfach erleben! Die Session mit Xu Lin ist sensationell. Er channelt deine persönliche energy."
"Moment mal, das Bild ist von Xu Lin? Ich denke er ist Chi Gong Meister."
"Darf er deswegen keine Bilder machen?"
"Ja. Nein. Natürlich. Ist auch schön, sehr dekorativ", lenkt Clare ein.
"Ich sag dir nur, du hast was verpasst. Die Sitzung ist ein Erlebnis. Er tuned sich vollkommen auf dich ein."
"Das könnte mich überzeugen." Clare lässt sich auf Ilonas Wasserbett fallen und schaukelt mit den Schwingungen. "Irgendwie ist es Zeit, dass sich mal wieder jemand auf mich eintuned. Vielleicht sollte ich mir ein Wasserbett zulegen."
"Kannst du mir gerne abkaufen, ist nicht der Bringer. Die meisten Typen kommen dabei aus dem Rhythmus."
"Und da willst du es mir verkaufen, das ist wahre Freundschaft."
Ilona zieht Clare hoch. "Komm, Zeit für einen Espresso."
Clare füllt zwei Löffel braunen Zucker und Sahne in ihr Tässchen, als Xu Lin sich neben sie stellt. Sie bietet ihm Zucker und Sahne an.
"Nein danke. Ich trinke meinen Kaffee ohne alles, sogar ohne Koffein", sagt er und sieht sie mit seiner Mona Lisa Miene an. Lange. Er scheint nicht nur Kaffee ohne Koffein, sondern auch Geselligkeit ohne Reden zu mögen. Sein Schweigen macht Clare unruhig. Und da ihr nicht einfällt, was sie sonst sagen könnte, redet sie davon, dass Ilona ihr das Personal Power Picture gezeigt habe und dass es schade sei, dass er so bald abreise, denn nun könne er keines mehr von ihr machen.
Ja, schade, sagt er, leider komme ihre Anfrage zu spät, er habe seinen Raum bereits aufgegeben. Hindernisse spornen Clare an. Obwohl sie eigentlich gar kein Bild von ihm will, fragt sie, was er für eine Sitzung benötige.
"Nicht viel, einen ruhigen Raum und einen großen Tisch."
Beides gibt es bei Clare zu Hause.
Ob sie hoch wohne, will er wissen, sein Werkzeug sei schwer.
"Vierter Stock Altbau."
Erst, als er bedauernd seinen Kopf schüttelt, fügt sie hinzu:
"Mit Aufzug."
Dann geht es nur noch um den Termin. Am nächsten Tag hat sie keine Zeit. Am Montag hat er etwas vor. Bleibt der Dienstagabend, der Abend vor seiner Abreise. Clare sieht in ihren Kalender.
"Der sieht wundervoll frei aus."
Das habe sie hübsch gesagt, meint er und versenkt seinen Blick in ihren, bis sie die Spannung mit einem kleinen Lachen auflöst.
Am Dienstag kauft Clare Salat und frische Shrimps für zwei Personen. Baguette hat sie im Tiefkühlfach, und Wein ist auch vorrätig. Abende vor einer Abreise sind vielversprechend.
In der Werbeagentur begründet sie ihren frühen Weggang damit, dass ein befreundeter Maler auf der Durchreise sei und eine Portraitskizze von ihr anfertigen wolle. Sie müsste natürlich gar nichts sagen. Sie gehört zum kreativen Personal und hat gewisse Freiheiten. Aber sie möchte etwas andeuten und wird von Clemens belohnt: "Portraitskizze nennt man das neuerdings?"
Clare antwortet mit einem vieldeutigen Lächeln. In ihrem Job ist es angesagt, Erotik zu behaupten, auch und gerade dann, wenn sich im Privatleben wenig abspielt. Schließlich verkaufen sie fast alle Produkte mit Erotik. Da gilt es, glaubwürdig zu sein.
Pünktlich um sechs klingelt es. Clare drückt den Türöffner, hört Kofferrollen und wartet auf das Geräusch des Aufzugs. Stattdessen hört sie Xu Lin höflich grüßen und fragen, in welchem Stockwerk Clare Fischer wohne.
Wieso das denn!? Sie hat ihm doch gesagt, dass er in den vierten Stock muss. Eine pedantische Stimme gibt ebenso korrekte wie abweisende Auskunft. Ausgerechnet Dr. Pufendorf bemüht sein Schulenglisch. Vor zwei Jahren hat er ihr wegen eines winzigen Wasserschadens einen Anwalt auf den Hals gehetzt. Clare kann sich vorstellen, wie er den exotischen Gast inspiziert.
Als sich die obere Fahrstuhltür öffnet und sie die großen Koffer sieht, die Xu Lin auf einem Trolley hinter sich her zieht, ist ihr klar, dass das Ehepaar Pufendorf ein neues Thema hat: der Einzug eines Chinesen bei Frau Fischer. Die Haustür ist immer noch nicht ins Schloss gefallen. Offensichtlich will Herr Pufendorf überwachen, wie die Begrüßung ausfällt. Sie fällt leise und befangen aus. Clare schließt so rasch wie möglich die Wohnungstür. Dann zeigt sie Xu Lin ihr Zuhause, sparsam und edel möbliert, Parkett, Stuck an der Decke. Björn hat den Erlös mehrerer Skulpturen in die Wohnung gesteckt. Clare bezahlte die monatlichen Bankzinsen. Es war eine kluge Investition, die Preise am Rothenbaum sind seither weiter gestiegen. Wenn Björn jemals wieder auftaucht, werden sie sich auseinander dividieren müssen. Vielleicht wird sie dann umziehen, in ein weniger teures Viertel.
Xu Lin zeigt sich angemessen beeindruckt von der Örtlichkeit.
"Ist der Tisch groß genug?", fragt sie und hebt die Blumenvase von der geölten Holzplatte. Er nickt und kündigt an, dass er eine halbe Stunde brauche, um seine Utensilien aufzubauen. Sie könne ihm dabei zusehen. Aber Clare will die Zeit nutzen, um bei Petersens im Hochparterre ein Geschenk abzugeben. Dort ist ab achtzehn Uhr open house. Petersens haben vor fünf Wochen ein Kind bekommen. Das hatte Clare vergessen, als sie sich mit Xu Lin verabredete.
Als sie zurückkommt, ist es still in der Wohnung.
Sie geht auf die Wohnzimmertür zu und lugt um die Ecke: Xu Lin sitzt mit geschlossenen Augen vor einem Ensemble von Steinen und Pinseln. Er hat die Haare auf chinesische Art über dem Kopf zusammengebunden und trägt ein schwarzes Gewand, das ihr vorkommt wie eine Mischung aus Priesterrobe und Zauberkittel. Er reagiert nicht, als sie in den Raum kommt. Clare setzt sich leise aufs Sofa, zu Gast in der eigenen Wohnung. Sie merkt, dass sie den Atem anhält. Tief durchatmen, hat ihr Vater immer gesagt. Clare atmet unwillig aus. Das wirkt laut in der Stille. Da kann sie auch gleich aufstehen und sich an den Tisch setzen. Als sie gegenüber von Xu Lin Platz nimmt, öffnet er kurz die Augen und sagt mit weicher Stimme:
"Wir wollen uns noch etwas konzentrieren."
Clare ist unklar, ob er im Pluralis Majestatis spricht oder ob er sie mit einbezieht. Sie versucht, ihren Atem sinken zu lassen. Das kennt sie vom autogenen Training. Sie schließt die Augen. Als sie sie wieder öffnet, trifft sein Blick sie mit schockierender Direktheit. Sie hält dem Blick stand. Ein Gefühl von Kampf schleicht sich ein, ein Kampf, den sie nur verlieren kann. Im Schweigen ist er ihr überlegen. Clare spürt Reste von Petersens Trockenkuchen zwischen ihren Zähnen.
"Ich möchte noch mal aufstehen, mir die Zähne putzen", bricht sie die Atmosphäre konzentrierter Heiligkeit.
Er lacht. Und dieses Lachen macht es ihr leicht.
"So, da bin ich wieder", sagt sie, als sie aus dem Bad zurückkommt.
Eine feine Selbstironie sitzt in seinen Augenwinkeln, als er ankündigt:
"And now we do a little bit of Chinese Trance."
Er gießt Wasser auf einen gehöhlten schwarzen Stein und reibt ihn mit einem anderen Stein, geduldig, mit kreisförmigen Bewegungen, eine uralte Methode, um Tinte herzustellen. Das also nennt er chinesische Trance. Clare soll sich überlegen, ob sie eine bestimmte Frage hat. Sie schaut auf die dunkler werdende Tinte.
"Ich glaube, ich möchte etwas über mein Lebensziel erfahren."
Wie sie das meine, fragt er nach. Sie antwortet zögerlich.
"Ich denke, es geht mir eher um den Sinn, weniger um den Karriereaspekt."
Das habe er sich schon gedacht. Aber er habe es von ihr hören wollen.
Sie soll nun ein Papier auswählen. Das oberste Blatt ist makellos. Das darunter liegende hat verschiedene dunkle Stellen. Sie entscheidet sich dafür. Sie selber sei ja auch nicht mehr ohne Markierungen, meint sie kokett.
Soll das Papier hochkant liegen oder breit?
Clare überlegt, wo sie das Bild aufhängen wird - wenn sie es überhaupt aufhängt. Auf dem schmalen Wandstück neben dem Schlafzimmerfenster wäre noch Platz. "Hochkant."
Er legt das Papier mit der Schmalseite vor sich hin. Und da weiß sie aus irgendeinem Grunde plötzlich, dass es doch breit liegen muss, egal, ob es dann noch auf das schmale Wandstück passt oder nicht. Was ist das für ein merkwürdiges Spiel, auf das sie sich da eingelassen hat? Sie kennt weder die Spieregeln noch glaubt sie daran. Und doch ist sie mittendrin.
Es wird dämmrig. Sie macht Licht an. Als sie wieder sitzt, ärgert sie sich, dass sie nicht gleich auch die Vorhänge zugezogen hat. Nun sitzen sie da wie ausgestellt in diesem Licht. Die Vorhänge jetzt noch zuziehen wäre zu bedeutungsvoll. Schließlich passiert hier nichts außer dass sich zwei Leute an einem Tisch gegenübersitzen. Warum hat sie dieses Gefühl von Intimität?
Die Tinte ist fertig. Clare soll jetzt Siegelsteine für ihr Bild aussuchen, kleine Edelsteinskulpturen, in deren Standfläche chinesische Schriftzeichen eingraviert sind. Clare möchte wissen, was die Inschriften bedeuten. Aber das will er ihr nicht sagen - noch nicht. Sie soll bei der Wahl nicht denken, sondern ihrer Intuition folgen. Sie darf drei Steine wählen, wie im Märchen. Dann wählt er einen für sie aus. Die Sache beginnt, Clare Spaß zu machen.
"Kann ich das kleine Monster da auch noch haben?"
Er nimmt die blassgrüne Jadefigur zwischen seine Fingerspitzen.
"Das ist für Dich ein Monster?"
Warum lächelt er so amüsiert? Was bedeutet die Inschrift auf der Figur? Wieso sagt er das nicht? Das ist unfair, Herrschaftswissen.
Er ist schon wieder konzentriert. Er werde sie vorwarnen, bevor er den ersten Strich tut. Sie soll dann genau aufpassen und sich alles merken, die Wahl der Pinsel und die Reihenfolge, in der sie benutzt werden, das alles sei genauso wichtig wie das Ergebnis. Er werde sich nun konzentrieren und warten. Er sagt nicht, worauf er wartet, vermutlich auf die Eingebung.
Clare wartet auch. Sie hört, wie der Wind den Knöterich gegen die Balkonwand schlägt. Sie muss die Zweige festbinden, vielleicht auch zurückschneiden. Ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?
"Watch now!"
Zusehen, also gut. Er taucht einen mitteldicken Pinsel in die geriebene Tinte, nimmt die Flüssigkeit mit einem kleineren Pinsel ab, verharrt einen Moment und fährt dann blitzschnell mit beiden Pinseln gleichzeitig in gegenläufigen Halbkreisen übers Papier. Anschließend legt er die Pinsel weg und wartet erneut. Clare gefällt nicht, was er da gemacht hat. Es sieht stumpf aus. Er behält den ersten Pinsel fährt einmal gegen den Strich und dann zurück: eine unterbrochene Grundlinie. Mit einem dritten Pinsel kommt eine aufwärts steigende wellenförmige Struktur hinzu, welche die Halbkreise durchbricht, bevor sie in schwungvollem Bogen zurückläuft. Diese Linie gefällt Clare.
Nun greift er zum dicksten Pinsel, taucht ihn ins Wasserglas und spritzt Flüssigkeit auf die Mitte des Papiers. Die schöne aufsteigende Linie wird in Mitleidenschaft gezogen. Das Wasser lässt den klaren Strich ausfransen. Gerade hatte sich Clare mit dem Bild angefreundet und jetzt diese Sauerei. Anders kann sie es nicht sehen.
Nun sind die ausgewählten Siegelsteine dran. Xu Lin verteilt sie nach einem nur ihm bekannten System auf dem Papier. Zwei platziert er mitten in der Pfütze und beträufelt sie auch noch mit Tinte. Es läuft schwarz herunter und färbt den kleinen Wasserteich grau.
"Finished" sagt er.
Schon fertig. Clare schätzt das Zeitverhältnis von der Vorbereitung zu seiner eigentlichem Malerei auf eins zu dreißig. Xu Lin sieht Clare erwartungsvoll an. Als sie nichts sagt, fordert er sie auf, sich zu dem Bild zu äußern. Sie findet die beiden Halbkreise irgendwie – unangenehm, ausgefranst.
"Trocken", schlägt er vor.
"Ja, bröselig, unvital."
Diese Trockenheit habe mit Urteilen zu tun, konstatiert er. Clare fühlt sich ertappt.
Die Pinsel, die er dafür benutzt habe, seien weibliche Pinsel. Clare lacht.
"Pinsel haben in China ein Geschlecht?"
Er lässt sich nicht irritieren.
"Der eine weibliche Pinsel ist älter, der andere jünger", führt er aus.
"Ah, Mutterpinsel und Tochterpinsel."
Ihre Ironie fällt ins Leere. Stattdessen hört Clare, dass ihre Stimme klingt wie die ihrer Mutter. Die war immer schnell im Verurteilen. Das mochte Clare nicht. Hat sie es trotzdem übernommen?
"Urteilen ist doch nichts Negatives. Man braucht ein klares Urteil. Also ich brauche es für meinen Job“, verteidigt sie sich. Warum ist sie so in der Defensive?
"Du hast gesagt, dass du die spröden Striche unangenehm findest."
Sie denkt noch darüber nach, ob das stimmt, als er nachschiebt:
"Wie unglücklich möchtest du sein?"
"Was ist das denn für eine Frage!?"
"Der große Weg ist nicht schwierig für diejenigen ohne Präferenz."
Clare hat keine Ahnung, was der große Weg ist, aber sie wird den Teufel tun und ihn danach fragen.
"Und der dritte Pinsel, war der auch weiblich?"
"Nein. Der Verstandespinsel ist männlich." Mit dem sei er zuerst kräftig gegen den Strich gefahren, um dann genauso kräftig in die andere Richtung zu gehen.
Clare kennt solche hundertachtzig Grad Wendungen von sich. Das Ganze wird ihr langsam unheimlich.
"Willst du damit andeuten, dass ich inkonsequent bin?"
Er lächelt fein.
"Ich denke mir nicht aus, was ich male, ich stelle mich nur als Werkzeug zur Verfügung. Das Bild entsteht nicht aus aktivem Tun, sondern aus der Öffnung für das, was da ist. Wir Chinesen nennen das WU WEI." Wieder schlagen die Zweige ans Fenster. Es hat begonnen zu regnen, winzige lautlose Tropfen sprenkeln das Glas.
"Und was bedeutet die aufsteigende Struktur?"
"Die ist das Neue. Dafür habe ich einen Pinsel aus Babyhaar benutzt."
Clare betrachtet das Neue. Es schraubt sich wendeltreppenähnlich aufwärts, oben angekommen, macht es eine Kehrtwendung und lässt eine Art Kometenschweif hinter sich, hübsch. Sie begrüßt das Neue. Aber das viele Wasser in der Mitte gefällt ihr nicht, auch wenn es inzwischen weitgehend getrocknet ist. Ob ihr das Angst mache, will er wissen.
"Angst“, wehrt sie ab, "Angst ist ein großes Wort."
Ihre Worte hallen nach in seinem Schweigen.
Angst vor Wasser? Sie hat doch keine Angst vor Wasser. Sie liebt das Wasser, vor allem das Meer. Allerdings, letzte Woche, in diesem Traum, da war das Wasser bedrohlich. Es schoss in großem Schwall aus einer Waschmaschine heraus, völlig unkontrolliert, ein Alptraum. Sie hat den Begriff Wasser im Traumlexikon nachgeschlagen, um sich zu beruhigen. Wasser stehe für Gefühl, stand da.
Clare wünscht sich Gefühle, sie hat schon zu lange keine mehr, jedenfalls keine angenehmen. Aber will sie unkontrollierte Gefühle? Wasser ist unkontrolliert, außer man kanalisiert es. Dann ist es langweilig. Von sich aus fließt es unvorhersehbar, in Windungen, versteckt sich unter der Erde, bricht plötzlich hervor, verweilt, bildet Teiche, springt über Steine, höhlt Uferwände aus, bildet Schlammlawinen, reißt alles mit sich...
"Ich sehe in dem Wasserreichtum ein starkes Zentrum."
Clare ist dankbar für die Unterbrechung ihrer Gedankenkette.
Xu Lin bestreicht nun die Unterseite einer Steinfigur mit rotem Lack und drückt sie mitten in den noch feuchten, grauen See. Als er sie wegnimmt, bleibt ein chinesisches Zeichen.
"Darf ich jetzt erfahren, was die Hieroglyphe bedeutet?"
"Du hast das Zeichen WER BIN ICH gewählt. Ich schlage vor, dass Du darüber nachdenkst, anstatt über dein Lebensziel."
Clare wehrt ab. Um den eigenen Bauchnabel zu kreisen, das hält sie entschieden für unproduktiv.
"Nur, wenn du das, was du bist, an dem misst, was du meinst, sein zu müssen“, gibt er zu bedenken. "Im Übrigen ist es auch gefährlich, nicht darüber nachzudenken."
"Inwiefern?"
"Man läuft Gefahr, seine Seele zu verlieren."
"Und was steht auf dem großen Stein da?"
"LIEBE IST FEUER - Liebe brennt“, variiert er und will wissen, wie sie es mit der Liebe halte.
"Vorsichtig."
Er nickt und wird ganz unerwartet persönlich.
"Du bist so erschrocken ausgewichen, als ich dich umarmt habe am Samstag."
"Bin ich das?" Sie lacht verlegen.
"Wer hat dich verbrannt?"
"Vermutlich mein Mann“, sagt sie leichthin, "mein ehemaliger."
Sie hat keine Lust, das Thema weiter zu erörtern. Aber Xu Lin möchte es offensichtlich noch etwas weiter verfolgen.
"Es ist günstiger, sehen zu lernen, dass wir selbst es sind."
"Ja, natürlich“, sagt sie in einem Ton, der ihren Überdruss spiegelt, "ich weiß, dass ich auch meinen Anteil daran habe."
Er meine es radikaler. Aber sie will es nicht genauer wissen. Sie fragt nach der nächsten Inschrift. WAS EXISTIERT KOMMT AUS DEM NICHTS UND GEHT INS NICHTS
Das klinge ein bisschen nach Aschermittwoch, sagt Clare und lacht, weil sie ihren Vergleich witzig findet. Leider weiß Xu Lin nicht, was Aschermittwoch ist. So sieht sie sich zu einer längeren Erklärung genötigt, die damit endet, dass sie erzählt, sie betrete Kirchen seit langem nur noch unter architektonischen Gesichtspunkten. Daraufhin erfährt sie von ihm, dass es die Erfahrung mit dem real existierenden Kommunismus in seinem Heimatland war, die ihn auf einen spirituellen Weg gebracht habe.
Clare nimmt die blassgrüne Jadefigur in die Hand.
"Und was bedeutet dieses hässliche kleine Monster?"
"Du findest also, es ist ein Monster?"
"Ein bisschen eklig ist es schon, irgendwie zwischen Frosch und Kaulquappe."
"Aber es zieht dich auch an, sonst hättest du es nicht ausgewählt."
"Vermutlich. Und? Was bedeutet es?"
Er macht eine kleine Spannungspause, bevor er sagt:
"OFFENES HERZ."
Clare bereut sofort, was sie über das Monster gesagt hat. Bestimmt denkt er jetzt, dass sie ein offenes Herz eklig findet.
"Es sieht embryonal aus, mit diesen übergroßen Augen."
Er meint, es seien neugierige Augen.
"Ein bisschen ET-mäßig."
Auf den Vergleich können sie sich einigen. ET ist anziehend, fremdartig, bedrohlich und anrührend zugleich - wie das offene Herz.
Clare hat plötzlich Angst, sich nicht alles merken zu können. Schon morgen wird sie nicht mehr wissen, welches fremdartige Zeichen was bedeutet. Sie fragt, ob sie sich etwas zu schreiben holen kann. Da lacht er. Und ihr wird klar, dass sie sich wie ein Schulmädchen benimmt.
"Du machst dich lustig über mich, das finde ich nicht nett."
"Du findest es vielleicht nicht nett, aber du schätzt es."
Das findet sie verblüffend genau beobachtet. Er sei clever, spielt sie den Ball zurück. Und er akzeptiert das Attribut mit einer geschmeidigen Verbeugung.
Bleibt noch die Inschrift auf dem Stein, den er für sie gewählt hat.
Er legt Wert darauf, klar zu stellen, dass es keine intellektuelle Wahl gewesen sei, bevor er ihr mitteilt, der Stein symbolisiere DIE FREIHEIT VON LAO-TZU UND CHUANG-TZU. Clare sieht ihn ratlos an.
"Die taoistische Freiheit bezieht sich auf die Öffnung des Selbst, die, wenn sie vollständig ist, den Unterschied zwischen Ich und Nicht-Ich verschwinden lässt."
Ob er das für China-Laien etwas vereinfachen könne, fragt sie.
Er antwortet mit einer Geschichte.
"Tschuang-Tzu träumte, er sei ein Schmetterling. Er war glücklich mit sich und wusste nichts von Tschuang-Tzu. Plötzlich wachte er auf und war Tschuang-Tzu. Nun wusste er nicht mehr, war er Tschuang-Tzu, der geträumt hatte, er sei ein Schmetterling. Oder war er ein Schmetterling, der gerade träumte, dass er Tschuang-Tzu sei?"
Clare fühlt sich an die Vexierbilder von Escher erinnert. Ob er auch Hunger habe, fragt sie. Sie hätte ein paar Shrimps im Kühlschrank. Das wäre schön, aber es geht nicht, leider. Ein Freund kommt, um ihm bei einem Computerproblem zu helfen. Anschließend muss er packen, sein Flugzeug nach Schweden geht in aller Frühe.
Er schlägt vor, dass sie das mit dem Essen nachholen, wenn er das nächste Mal in Hamburg ist. Also hat er vor, wieder zu kommen?
Xu Lin registriert ihr unwillkürliches Lächeln.
"Ich nehme nicht alles mit, ich lasse einen Koffer bei einer Freundin."
"Noch ein Glas Meditativo?", fragt sie.
"Meditativo?"
"Ein italienischer Wein."
Eigentlich trinke er wenig, aber einen Wein, der Meditativo heiße, den möchte er gerne probieren, sagt er.
"Ein Freund hat ihn neulich mitgebracht“, ruft sie über die Schulter, schon auf dem Weg in die Küche. Tatsächlich stammt der Wein von einem Geschäftspartner.
Warum hat sie Freund gesagt? Will sie gleichziehen mit seiner Koffer-Freundin?
Als sie mit dem Wein und zwei Gläsern zurückkommt, zieht er gerade sein Habit über den Kopf, löst bedächtig seinen Haarpinsel, faltet sorgsam den Kittel, legt ihn über die Steine, schließt ein Kofferschloss nach dem anderen, bindet den Gurt, achtsam, eine kultische Handlung. Clares Wohnzimmer ist plötzlich zur Sakristei mutiert. Als er den Koffer auf einen Trolley schnallt und sie immer noch nicht ansieht, meint sie spöttisch:
"Ich weiß nicht, ob ich eine Voyeurin bin, die träumt, dass sie eine Gastgeberin ist, oder eine Gastgeberin, die träumt, dass sie eine Voyeurin ist."
Da wendet er sich ihr mit einem feinen Lächeln zu.
"Dein Kopf ist schnell."
Clare spürt den Widerhaken in seiner Anerkennung und überlegt, dass sie sich wahrscheinlich siezen würden, wenn ihnen die englische Sprache die Entscheidung zwischen dem förmlichen Sie und dem einfachen Du nicht abgenommen hätte.
Er nippt vom Wein und äußert sich lobend, ganz höflich charmanter Gast. Dann lässt er den Blick über die Einrichtung ihrer Wohnung schweifen und meint, sie sei wohl sehr erfolgreich.
Sie ist verblüfft. Es gebe vermutlich ein paar Leute, die sie für erfolgreich halten, aber sie selber habe eigentlich nicht so das Gefühl. Vielleicht müsse man näher definieren, was das sei, Erfolg.
"Ein gutes Anfangsthema für unsere nächste Begegnung“, meint er und setzt das Glas ab. "Bis dahin können wir unsere Ängste noch ein bisschen kultivieren."
Was weiß er von ihren Ängsten?
"Es macht dir Spaß, mich zu provozieren“, sagt sie.
"Es macht mir Spaß, die Wahrheit zu sagen." Er lacht, als sei das ein Scherz.
"Abschiedsabende sind verführerisch."
Clare lächelt.
"Du hast Mut."
Es gebe sicher ein paar Leute, die ihn für mutig hielten, aber er selber habe von sich nicht so ein mutiges Gefühl. Vielleicht müsse man auch näher definieren, was Mut sei, variiert er sie.
"Da haben wir gleich noch ein Thema für unsere nächste Begegnung." Manchmal sei er müde und wünschte, er hätte einen Ort, an dem er sich niederlassen könnte. Warum sagt er das?
"Hast du e-Mail?"
Während sie ihre Adressen tauschen, erzählt er, dass er im Januar das kalte Schweden möglicherweise gegen die heiße Karibik eintauschen werde, er habe eine Anfrage, auf einer Kreuzfahrt Chi Gong Kurse zu leiten.
Sonne und türkisschimmerndes Wasser blitzen verheißungsvoll durch Clares Kopf. Doch sie gibt sich cool und äußert sich konventionell. Sie versuche in der dunklen Jahreszeit auch gern, irgendwohin zu fahren, wo die Sonne scheint. Sie begegnet einem Blick, der die Möglichkeit gemeinsamer Reisepläne durchschimmern lässt. Dann umarmt er sie. Er reicht ihr knapp über die Schulter. Das ist sie nicht gewohnt, auch nicht, dass so eine Abschiedsumarmung länger dauert als einen Moment. Ist das nun Zuneigung oder eine Konvention der Kreise, in denen er sich bewegt? Sie löst sich. Er zieht den Koffertrolley zur Wohnungstür und dreht sich noch einmal um.
"I hope, the picture will be haunting you."
Warum wünscht er ihr, dass sein Bild sie verfolgt?
Das sei ja wohl eher eine Drohung als ein Wunsch, meint sie.
"Nein, nein“, widerspricht er, "das Bild gefällt mir".
Sie findet es sonderbar, dass er sein eigenes Bild lobt. Als hätte er ihren Gedanken gehört, erklärt er, es sei ihre Energie, die darin zum Ausdruck komme.
"Ich bin nur das Werkzeug. Meine Kalligraphien entstehen weniger aus aktivem Tun, als aus einem mich Öffnen für das, was da ist".
"Ich erinnere mich, ihr nennt das WU WEI, nicht wahr?"
In den nächsten Tagen ertappt Clare sich dabei, dass sie auf der abendlichen Wetterkarte nach Stockholm sucht, und dass sich, wann immer sie an die Begegnung mit Xu Lin denkt, ein Lächeln in ihr Gesicht schleicht.
"Verliebt?", fragt Clares Freund und Kollege Clemens.
"Wieso?"
"Du hast auf einmal so etwas Weiches."
Sie schießt ein Papierkügelchen nach ihm und trifft.
"Au!", beschwert er sich. "Bekommt man das Portrait denn mal zu sehen?"
"Welches Portrait?"
"Schon gut“, sagt er und leckt sich die Lippen.
Dem Oktober folgen ein paar unerwartet milde und goldene Novembertage. Die kleine Truppe, die sich an der Außenalster trifft, um dort gemeinsam ihre Chi Gong Übungen zu absolvieren, genießt das Glück eines verlängerten Spätsommers. Clare sieht die weiß gekleideten Gestalten, die sich zeitlupenhaft synchron bewegen, schon von weitem. Morgendliche Jogger und Hundehalter bleiben stehen. Langsamkeit fällt auf in Mitteleuropa. Auch Clares Rhythmus ist ein anderer. Sie will schon wieder kehrt machen, als Ilona sie entdeckt, ihr fröhlich zuwinkt und sie den anderen als Neuzugang vorstellt. Aufgenommen in den Kreis und gestärkt durch die Gegenwart der anderen, legt sich Clares Befangenheit. Die ruhigen Bewegungen gefallen ihr. Bald kommen ihr die hechelnden Jogger absurd vor, die vor lauter Anstrengung keinen Blick haben für die morgendliche Schönheit der Alster. Clare schwebt auf ihrem Atem und bemerkt letzte Blätter an den Bäumen. Als sie dann noch anfängt zu schwitzen, stellt sie fest, dass dieser Zeitlupensport sogar etwas bewirkt.
Schon am dritten Tag beteiligt sich Clare an den Beteuerungen, mit denen die Freunde nicht aufhören, sich gegenseitig zu bestätigen, wie wohl sie sich fühlen, wenn sie ihren Tag mit den Übungen beginnen. Ungeachtet dieser Begeisterung schrumpft die Gruppe, als das Wetter umschlägt. Natürlich ist es nie das Wetter, es werden stets andere, triftige Entschuldigungsgründe angeführt. Tatsächlich ist Clare eines Morgens die Einzige. Nach der ersten Irritation findet sie einen von Büschen gegen Sicht geschützten Platz, übt für sich und stellt fest, dass sie es genießt, mit dem Blick auf das grausilberne Wasser allein zu sein. Am Abend dieses Tages schreibt sie Xu Lin eine erste, kurze e-Mail.
Hello Xu!
Not that I am haunted by your painting, but it is growing on me.
Der Satz gefällt ihr. Im Deutschen würde er sich viel schwerfälliger anhören: Ich werde zwar nicht gerade von deinem Bild verfolgt, aber ich stelle fest, dass es mir zuwächst. Sie ist froh, sich der englischen Sprache bedienen zu können. Sie schreibt ihm auch, dass sie für sein Bild einen Rahmen in der Farbe der roten Siegelinschriften gefunden hat. Was sie verschweigt, ist das Scheitern ihres Versuchs, die Kalligrafie nass aufziehen zu lassen, so wie Xu Lin es ihr empfohlen hatte.
"Immer dasselbe“, hatte der Herr von der Rahmenhandlung abschätzig geäußert, "die Leute bringen irgendwelche Dinge von ihren Asienreisen mit und denken wunders, was sie da für ein Kunstwerk ergattert haben. Dann kommen sie zu mir und verlangen, dass ich das Blatt knitterfrei aufziehe. Das ist aber mit diesem billigen Papier nicht möglich, es würde sofort reißen. Wenn Sie ihr Souvenir unbedingt rahmen wollen, bitte, holen sie sich im nächsten Kaufhaus einen Rahmen, ich kann ihnen da nicht weiter helfen."
Clare kam sich vor wie im Märchen von „des Kaisers neue Kleider“. Das Bild nahm sich auf einmal schäbig aus. Der schöne Magier Xu war zum Scharlatan degradiert. Betroffen raffte sie ihr Bild vom Tresen und flüchtete mit dem Gefühl persönlicher Niederlage aus dem Laden. Trotzig blätterte sie im nächsten Warenhaus verschiedene Fertigrahmen durch und überlegte, ob nicht vielleicht der Rahmenhändler der Blender war, ein Aufschneider, der seine Unfähigkeit mit Arroganz kaschierte. Warum nur hatte sie sich von ihm beeindrucken lassen? Wahrscheinlich, weil er ihren eigenen Zweifeln entgegen kam. Schamvoll erinnert sie sich an die mitleidige Herablassung, die sie bei Xu Lin´s Preisgestaltung überkommen hatte. Das Personal Power Picture kostete nicht mehr als ein extravagantes Paar Schuhe. Damit qualifizierte es sich nicht für die Kategorie Kunst, sondern fiel in die Kategorie esoterische Lebenshilfe. Was nichts kostet, ist auch nichts. Mit diesem Satz ist sie aufgewachsen. Andererseits weiß sie aus ihrer Berufserfahrung, dass hohe Preise nicht unbedingt ein Zeichen für Qualität sind, sondern eher eines für eine Lifestyle Kampagne.
Sie legt die vom Rahmenhändler geschmähte Kalligraphie unter den Passepartout des Kaufhausrahmens. Was ist Kunst? Wer definiert mit welchem Recht, was Kunst ist? Warum glaubt sie der Definition eines dahergelaufenen Rahmenhändlers? Sie könnte das PPP als Konzeptkunst betrachten, als Dokument eines Prozesses. Denn genau das ist es. Sie platziert die Glasscheibe über die Kalligraphie. Dort, wo Xu mit der Nässe gespielt hat, ist das Papier geweitet, die Ränder bilden ein schrumpeliges Ufer. Die Papierwellen werden vom Gewicht der Glasplatte zu kleinen Falten zusammengedrückt. Seelenfalten. Ein Knitterbild, warum nicht? Hat Björn ihr nicht immer vorgeworfen, dass sie alles glatt bügeln wolle?
Nun muss sie das Bild nur noch aufhängen. Sie ist ungeübt mit Hammer und Nagel. Kunst aufzuhängen war Björns Ressort. Der Nagel verbiegt sich und quetscht ihren Finger ein. Immerhin ist er tief genug, um den leichten Rahmen zu halten. Sie tritt zurück. Das Bild hängt schief. Sie hebt den Rahmen links an, doch sobald sie ihn loslässt, schwingt er zurück in die Schräglage. Björn hängte auch kleine Bilder an Seilzügen auf. In vielem mochte er schlampig sein, aber mit dem Aufhängen von Bildern nahm er es genau.
Clare betrachtet den schief hängenden Fremdkörper in ihrem Schlafzimmer. Sie hat sich das Unvollkommene in ihre Wohnung geholt. Björn würde kaum glauben können, dass sie das erträgt. Aber sie erträgt es nicht nur, sie wird auf einmal ganz fröhlich, so als hätte sie ihm erfolgreich eins ausgewischt.
In der Nacht träumt sie von einem Scheiterhaufen im Wald. Rabenschwarz verkohlte und spitz ausgefranste Holzstücke fliegen als Weltraumgeschosse dahin, gegen alle Gesetze der Physik nach hinten, dorthin, wo sie steht, während Björn als wilder Geist über dem Geschehen tanzt. Es scheint ihn zu befriedigen, dass alles explodiert. `So soll es sein!´ schreit er mit wilder Freude und dann, irgendwie im Wegfliegen, ruft er ihr sinnloser Weise noch ein `Ich liebe Dich´ hinterher.
Clare wacht auf. Zehn nach drei, stellt sie mit Blick auf die Uhr fest. Fröstelnd zieht sie ihren Morgenmantel über und stellt den Wasserkessel an. Kochendes Wasser auf Ovomaltine mit zuckersüßem Milchextrakt aus der Tube, das ist ihre Geheimwaffe gegen Schlaflosigkeit und ungute Träume. Monatelang hat sie nichts von Björn gehört. Wieso träumt sie jetzt von ihm? Hört das denn nie auf!? Voller Ärger zutschelt sie an der Tube herum.
