Eine wirklich gute Zeit - Ernst Albert Hoffmann - E-Book

Eine wirklich gute Zeit E-Book

Ernst Albert Hoffmann

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Beschreibung

Seinen Ruhestand zu einer wirklich guten Zeit zu machen, dieses Angebot der jungen Elena kann Hans nicht ignorieren. Sarita, seine langjährige große Liebe, hat ihn längst verlassen, davon ist Elena überzeugt. Hans glaubt dies nicht, welche Frau beendet eine glückliche Partnerschaft kommentarlos? Bei der Suche nach Sarita wird klar, dass Hans nur einen Teil von ihr kannte. Und Elena versteht unter Liebe etwas ganz anderes als er. Eine Kritik: E.A. Hoffmann nimmt sich eines Tabuthemas an und verbindet in mehreren Erzählsträngen Stilelemente aus Krimi und Romanze. Dabei stellt er die gängigen Moralvorstellungen in Frage, ohne anklagend den Zeigefinger zu erheben.

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Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Saritas Reise

Start in den Ruhestand

Würde

Christine

Annäherung

Erdbeerbowle

Elenas Beschuldigung

Anzeige

Telefonaktionen

Blindprobe

Kunstauktion

Stella

Reiterhof

Krankheit Liebe

Das Angebot

Kündigung

Trennung

Unsicherheit

Der Baumkreis

Unfall

Reha

Die Mauer

Endzeit

Körpersprache

Aufwind

Wieder zuhause

Fremdgefühle

Abschied

Fortschritte

Berge

1 Saritas Reise

Werbung. Hans drehte die Lautstärke herunter. Der Weg zum Busbahnhof wirkte wie ausgestorben zu dieser frühen Stunde, die Ampeln hatten nichts zu regeln, manche waren ausgeschaltet. Bedächtige Stille, normalerweise träumte man um diese Zeit noch. Zügig ging es voran, kein Wunder bei den leeren Straßen.

Sarita spürte den Anschub vom Morgenkaffee noch nicht. Ihre Gedanken wanderten in die rumänische Heimat, die ihr vertraut schien und doch immer im Wandel war. Die Großfamilie zog vorbei an ihrem geistigen Auge. Sie würde besonders an den Jüngsten sehen, wie lange sie weg gewesen war. Der Tod ihrer Mutter ging ihr nahe, die Fahrt zu ihrer Beerdigung führte sie innerlich wie eine Zeitreise durch ihr ganzes Leben. Sie erinnerte sich an die unbeschwerte Kindheit und Jugend auf dem Land, die schwierige Suche nach einer Ausbildung, die Affäre mit ungewollter Schwangerschaft, das Abrutschen in ein problematisches Umfeld und schließlich die Idylle mit Hans. Für ihre Mutter war jeder ihrer Abstürze schmerzhaft gewesen und sie hatte sich mit ihr über alle Wendungen zum Besseren gefreut.

Warum die Unterstützung ausblieb, würde sie gefragt werden. Vor zehn Jahren hatte sie der Großfamilie viel Geld gesandt, mühsam erspart in einem schlechten Job. Von einer Frau Mitte vierzig kann man diese Arbeit nicht verlangen, das war ihr Standpunkt, den sie verteidigen wollte. Schon vor zehn Jahren hatte sie erlebt, dass jüngere Kolleginnen mehr Kunden anzogen. Auf ihren Körper war sie stolz, immer noch, aber die Uhr tickte unbarmherzig. Jetzt zurück in diesen elenden Job, das war unmöglich. Hans bot ihr ein angenehmes Leben unter Bildungsbürgern.

Anpassung war ihre Stärke, niemand ahnte etwas über ihre Vergangenheit. Nur ihre Tochter Elena hatte sie einmal eingeweiht. Die hartnäckigen Fragen, warum sie bei Oma oder bei Tanten leben müsse, hatten sie damals weichgekocht, obwohl sie eigentlich gewusst hatte, dass man gewisse Dinge für sich behalten sollte. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Hans. Am Steuer schaute er besonders vertrauensvoll aus, fast naiv. Konzentration und Überblick, sie bewunderte ihn immer noch. Bei ihren früheren Partnerschaften war der anfänglichen Begeisterung stets eine rasche Ernüchterung gefolgt. Mit Hans ging das jetzt schon fast zehn Jahre. Und es ging gut.

Elena saß auf der Rückbank und bekam schon beim Gedanken an vierundzwanzig Stunden Busfahrt einen Schweißausbruch. Sie hätte sich gegen einen Busmarathon ganz sicher gewehrt und einen Flug gewählt, wenn sie mitgereist wäre. Mütterchen war ängstlich, wollte nicht fliegen. Die Beerdigung von Oma war ein Grund für eine Reise in die alte Heimat, Elenas Dienstplan stand jedoch fest und die Kolleginnen waren unflexibel.

Oma war eine wichtige Figur auch in Elenas Leben gewesen, fast ihre gefühlte Mama. Bei ihr hatte sie die ersten Jahre verbracht. Wenn sie gewusst hätte, dass Omas Zeit so schlagartig endete, hätte sie versucht, sie noch einmal zu besuchen. Hinterher ist man immer klüger.

Elena fühlte sich wohl, wenn sie an Oma dachte, und war stolz, einige Eigenschaften von ihr an sich selbst zu entdecken. Im Umgang mit Schicksalsschlägen hatte Oma immer wieder Geduld und Stärke gezeigt, von ihr konnte man vieles lernen. In ihren Ratschlägen spiegelten sich meistens eigene Erfahrungen, auch Enttäuschungen in der Liebe waren ihr nicht unbekannt. An Sarita waren Omas Weisheiten immer abgeprallt, wie zu stramm aufgepumpte Bälle. Auch Tante Monika profitierte kaum von Omas Klugheit. Warum war der Rat von nahen Verwandten so wenig überzeugend?

Elena blickte zwischen Hans und Sarita auf die hell erleuchteten Straßen der Innenstadt. Lieber wäre sie im Bett geblieben, ihre Arbeit begann an diesem Tag viel später, aber Hans wünschte sich, dass sie zur Verabschiedung ihrer Mutter mitkam. Er formulierte seine Anliegen manchmal so, dass es ihr schwerfiel, Nein zu sagen. Dabei fühlte sich Elena unabhängig, sie war zu nichts verpflichtet und gerade in jüngster Zeit hatte sie ihre Eigenständigkeit bewusst betont.

Ähnlichkeiten mit ihrer Mutter Sarita erkannte sie kaum. Sie wollte sich auch abgrenzen, eine ganz andere sein. Schon körperlich fielen Unterschiede ins Auge. Sie war einen Kopf größer als ihre Mutter, viel schlanker, sportlicher, leider aber mit weniger Rundungen an den Stellen, die Weiblichkeit signalisieren, da beneidete Elena ihre Mutter. Auch ihren Charme hatte sie nicht geerbt, nur Haar und Gesichtszüge deuteten Verwandtschaft an. Egal, für Elenas Ziele waren der oberflächliche Charme und ihre sexuelle Ausstrahlung nicht entscheidend. Als gelernte Altenpflegerin trainierte sie mehr die menschliche Zuwendung und den praktischen Umgang mit Pflegebedürftigen.

Die Abgrenzung zu Hans war offensichtlich. Ein Vergleich mit ihm als Mann kam sowieso nicht in Frage, sie war mit ihm auch nicht verwandt. Als sie vor vielen Jahren nach Deutschland geholt wurde, wollte Sarita endlich ihren Traum von einem normalen Familienleben verwirklichen und erwartete von ihr, Hans als Stiefvater zu akzeptieren. Aber zu einem Mann „Papa“ zu sagen, während man die eigene Mutter mit ihrem Vornamen anspricht, wäre seltsam gewesen, das sah Sarita auch ein. Hans war der Freund ihrer Mutter, so stellte sie ihn auch im Kreis ihrer Freundinnen vor.

Trotz oder wegen dieser klaren Distanz kamen seine Ratschläge besser bei ihr an als die ihrer Mutter. In der Schulzeit half er ihr, Sarita wusste noch nicht einmal die einfachsten Dinge. Hauptstädte europäischer Länder, da war sie schon überfordert.

Damals nervte Hans oft. Er erkundigte sich, ob sie die Hausaufgaben schon gemacht hätte. In der Pubertät hatte sie Wichtigeres im Kopf als Hausaufgaben. Die Beharrlichkeit von Hans empfand sie als blanken Terror, bisweilen witterte sie Sadismus. Später erkannte sie, dass sein Denken durch seinen Beruf in gewisse Bahnen gelenkt worden war. Von seinen Pflichten ging ein Zwang aus, dem Hans nichts entgegen zu setzen wusste. Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Fairness, Loyalität stellten heilige Begriffe in seinem Beamtenleben dar. Es wäre ihm peinlich gewesen, wenn man ihm jemals einen Mangel an Sorgfalt nachgewiesen hätte. Termine versuchte er überpünktlich wahrzunehmen, sogar bei Leuten, die ihn schon mal hatten warten lassen. Vorschriften und Verordnungen legte er eng aus, so dass er mögliche Freiräume kaum wahrnehmen konnte. Sein mangelndes Durchsetzungsvermögen in Kreisen, wo Notlügen an der Tagesordnung waren, wirkte sich auf seine berufliche Karriere seltsamerweise nicht nachteilig aus. Er hatte das Glück, dass seine beruflichen Qualitäten erkannt und gewürdigt wurden. Auch Sarita gefiel seine einfache Berechenbarkeit besser als die zahlreichen Tricks seiner Vorgänger. Hans war durchaus intelligent und er ahnte das Vertrauen seiner Damen, wie er Mutter und sie manchmal nannte, er sonnte sich regelrecht darin.

Sein Terminplan ließ keine Auszeit zu, Saritas Mutter kannte er nur von Bildern. An der Pflege der Beziehungen zu Saritas Familie über Telefon und Internet konnte sich Hans aus sprachlichen Gründen nicht beteiligen. Deutsch sprach in der Familie niemand, auch Englisch war ein Problem. Er fand das schade, denn manchmal hatte er den Eindruck, dass ihm von Saritas Familie Achtung, vielleicht sogar Sympathie entgegen gebracht wurde. Wahrscheinlich hatte ihn Sarita als ein bedeutendes Mitglied der sogar in Rumänien bewunderten deutschen Verwaltung dargestellt.

Als sie am Busbahnhof ankamen, stand der Bus schon da. Hans fand sofort einen freien Parkplatz. Man stieg aus, holte Saritas Gepäck aus dem Kofferraum und ging gemächlich zum wartenden Bus. Weitere Reisende trafen ein und lieferten ihre Koffer beim Fahrer ab. Sarita belegte ihren Platz im Bus für die nächsten vielen Stunden und kam noch einmal heraus. Sie umarmte Elena und bat darum, die Pflanzen in der Wohnung regelmäßig zu gießen. Dann wandte sie sich Hans zu, nahm ihn fest in den Arm, küsste ihn und flüsterte einige Abschiedsworte. Der Busfahrer rief etwas, Hans verstand es nicht, vermutlich die Aufforderung zum Einsteigen. Sarita setzte sich im Bus und lächelte. Hans und Elena winkten bis der Bus um die Ecke bog.

Langsam wich die Anspannung. Hans und Elena gingen zurück zum Auto. Sie würden ein paar Tage ohne Sarita auskommen. Ungewohnt für beide, aber kein Problem.

2 Start in den Ruhestand

„Lass den Schlips weg, zieh Jeans an und ein T-Shirt, mach dich nicht älter als du bist!“ Elenas Rat überraschte Hans. Üblicherweise war es Sarita, die ihm genau angab, was er anziehen sollte. Auf ihren guten Geschmack war Verlass. Aber sie war noch immer nicht zurück von der Beerdigung.

„Wir gehen in ein nobles Restaurant“, gab Hans zu bedenken. „Da wird ein Sakko erwartet.“

Elena lachte: „Nimm das dunkelblaue.“

Hans blickte verunsichert. Ein Sakko über ein T-Shirt hatte er noch nie getragen.

Elena beruhigte ihn: „Das ist modern, das kann man heute gut tragen.“ Hans hatte keine Ahnung von Mode. Dass Elena und Sarita oft nicht denselben Geschmack hatten, war klar. Wichtig war ihm, korrekt gekleidet zu sein und nicht unangenehm aufzufallen. Zögernd legte er die Krawatte weg und folgte Elenas Empfehlungen.

„Was gibt es jetzt so Wichtiges?“, Elena wollte den Anlass des Essens erkunden, aber Hans verriet nichts. Er hatte zwei Plätze in einem teuren Restaurant reservieren lassen, von daher ahnte Elena Bedeutsames. Mit Hans setzte sie sich an einen schön dekorierten Tisch, ein Kellner kam mit Sekt und Eiskübel heran. Welcher Anlass war zu feiern, Elena hakte noch einmal nach.

Hans lächelte zufrieden: „Heute ist der erste Tag meines Ruhestands.“ Ein dramatischer Wechsel in seinem Leben stand bevor. Sein morgendliches Aufstehen würde nicht mehr vom Wecker diktiert, keine Abstimmungen des Urlaubs mit Kollegen, keine beruflichen Termine. Er erwartete wohl den Ausbruch des Paradieses, hatte aber noch keine Idee von den Details.

Elena gönnte Hans ein ruhigeres Leben. Er musste im Beruf immer volle Leistung bringen, in den letzten Jahren hatte das Spuren hinterlassen. Weil seine Funktion für die Behörde besonders wichtig war, verlagerte man schon Jahre vor seinem Ausscheiden aus dem Dienst mehr und mehr Teile auf andere Mitarbeiter, was nicht nur Entlastung, sondern auch eine schrittweise Entmachtung bedeutete. Am Schluss hatte er keine eigene Sekretärin mehr, die Strukturen wurden radikal verändert, er wurde zum Berater, der nichts mehr allein entscheiden konnte. Man lobte seine Erfahrung, seinen Sachverstand und seine Detailkenntnisse, auch über das Arbeitsklima konnte er sich nicht beklagen. Aber die Diplomatie und Höflichkeit der Kollegen waren oft wenig überzeugend und Hans freute sich auf eine Zeit ohne Heucheleien, Intrigen und Machtspielchen.

An Elena schätzte Hans ihre besondere Direktheit, sie war nicht um diplomatische Töne bemüht. Konfrontationen liefen früher selten ohne Beleidigungen ab, was Hans manchmal kaum zur Kenntnis nahm, Elena hatte Narrenfreiheit. Als sie vor fast zehn Jahren von Sarita aus Rumänien abgeholt worden war, steckte sie mitten in der Pubertät. Hans spürte, dass sie ihn als etwas Ungewohntes empfand, vermutlich war Elenas Umfeld bis dahin überwiegend weiblich gewesen.

Er ließ ihr damals Zeit und akzeptierte, dass sie das Bad blockierte. Ihre Streitereien mit Mutter Sarita konnte Hans sprachlich nicht verfolgen. Einmal hatte er um Übersetzung gebeten und Partei für Elena ergriffen. Danach hatte Elena, wenn Hans anwesend war, Deutsch für ihre Streitgespräche mit ihrer Mutter gewählt. Ihre Spekulation auf seine Hilfe ging aber nicht immer auf. Hans nahm seine wachsende Protektion für Elena selber nicht wahr, für Sarita war sie das kleinere Übel. Dass Hans auf die Provokationen von Elena gelassen reagierte, war ein Segen in Saritas Augen. Im Laufe der Jahre fühlte sich Hans immer mehr zwischen den beiden Damen, er vermittelte gerne. Elena gewann während ihrer Berufsausbildung an Reife und Einfühlungsvermögen, was Hans und Sarita gleichermaßen freute.

Der Kellner hatte die Sektflasche geöffnet, zwei Gläser gefüllt, die Flasche wieder verschlossen und in den Eiskübel gestellt. Lächelnd ergriffen Elena und Hans die Gläser und prosteten sich zu. Schade, dass Sarita fehlte. Vor allem mit ihr wollte Hans diesen bedeutenden Wechsel in seinem Leben feiern. Über Handy war sie nicht erreichbar. Ihr Ladegerät lag nicht in der Wohnung, also hatte sie es wohl mitgenommen. Ihre Schwester Monika hatte Elena am Telefon erklärt, dass Sarita schon vor Tagen abgereist war, mit welcher Busgesellschaft wusste sie nicht genau.

Hans war unruhig geworden. Vielleicht wollte Sarita noch Bekannte in der früheren Heimat besuchen, angekündigt hatte sie das allerdings nicht. Er musste der Sache nachgehen. „Ich mache mir Sorgen um Sarita. Wie lange sollen wir noch warten? Wann müssen wir sie als vermisst melden?“

Elena verdrehte die Augen und erkundigte sich nach den Finanzen, um Hans ein wenig abzulenken. Seine Bezüge als Ministerialrat würden gekürzt werden, auch weil er etwas vorzeitig in den Ruhestand gegangen war. Wie sich diese Kürzung netto auswirkten würde, war noch nicht klar, es blieb sicher eine üppige Pension. Elena bemerkte, dass ihre wirtschaftliche Situation sehr unterschiedlich war. Während Hans zukünftig ohne Arbeit gutes Geld bekam, musste sie für viel weniger Geld harte Arbeit verrichten. Hans hörte sich oft an, was Elena berichtete. Unbezahlte Überstunden waren ein Unding in seinen Augen. Auch die Diskussionen über die Dienstpläne an Feiertagen empfand er als belastend.

Elena tat es gut, wenn Hans für sie Partei ergriff. Vor einen Streitwagen ließ er sich jedoch nicht spannen. Sie war erwachsen und musste lernen, ihre Sache selbst zu vertreten, aber sie fühlte sich gleich stärker, wenn er sie in ihrem Rechtsempfinden bestätigte. Oder in ihrem Urteil über Andere, speziell ihre ehemaligen Freunde. Sie war solo und dachte mit Unbehagen an ihre Verflossenen.

Bernd hatte von schweren Motorrädern und Mädchen mit reichlich Busen geschwärmt. Beides konnte sie nicht bieten. Unklar, warum er sie überhaupt angebaggert hatte.

Manuel hatte Sex von ihr gewollt, am besten jeden Tag. Das war zu anstrengend gewesen. Das Thema Verhütung hatte er aus Bequemlichkeit ihr überlassen.

Sie hätte gern einen Tanzkurs für Fortgeschrittene besucht, keiner der Herren war dazu bereit gewesen. Sarita lachte stets nur, wenn Schluss war. Sie sah es immer kommen. Hans hatte sie jedes Mal auffangen müssen. Seine Kommentare klangen auf den ersten Blick wohlwollend, in der Gesamtsicht jedoch vernichtend. Mangelnde Reife und Egoismus waren beim Blick auf ihre Exfreunde seine Bilanz. Beim Warten auf den Richtigen entwickelte Elena allmählich einen Blick voller Skepsis. Jedem interessierten Mann unterstellte sie üble Absichten, Sexsucht, Untreue, Alkoholismus oder berufliches Versagen.

„Mach den Zaun um dein Herz nicht zu hoch!“ Hans versuchte zu helfen. Ihre Mutter schwieg. Zur Liebe hatte sie ihre besondere Einstellung, in der Bewältigung von Enttäuschungen war sie routiniert.

Elena hatte schon vor Jahren begonnen, die positive Einstellung von Hans zu ihr als normal zu empfinden und sich darauf zu verlassen. Verglichen mit der neutralen Haltung der Mutter kam ihr der Verdacht, dass Hans sie liebte, irgendwie. Das genaue Wie zu ergründen, war ihr jedoch nie gelungen.

Bei einer Ungeschicklichkeit war sie vor einiger Zeit gestürzt, hatte sich eine Schramme am Bein zugezogen und Hans gebeten, sie zu behandeln. Die Schramme an der Wade war nicht schlimm gewesen, Hans desinfizierte sie und fragte nach Schmerzen. Elena schleppte sich zur Couch, legte sich dort auf den Rücken, klagte über ein Ziehen im Oberschenkel, schlug den Rock hoch. Hans holte eine Salbe zur Behandlung von Zerrungen. Im Rahmen einer Sanitätsausbildung hatte Hans vor vielen Jahren gelernt, bei Verletzungen von Frauen im Umfeld des Intimbereichs die erforderlichen Maßnahmen Frauen zu überlassen, Sarita war aber gerade nicht da.

„Hier, die Salbe wird dir helfen.“ Hans reichte Elena die Tube.

„Du bist der Sanitäter!“ Elena nahm die Tube nicht an.

„Du wirst doch wohl die Salbe selber einmassieren können?“, fragte Hans mit einem Anflug von Ungeduld.

„Mach du das bitte!“, forderte Elena scheinbar genervt. Hans kannte die gelegentlichen Anfälle von Bequemlichkeit bei Elena, aber das Eincremen eines Oberschenkels war keine große Sache und konnte Elena helfen, den Schreck ihres Sturzes zu verarbeiten.

„Sag mir genau, wo es wehtut!“ Hans trug einen Strang Salbe auf und begann zu massieren. Vom Knie arbeitete er sich langsam hoch. Elena zeigte auf die Leiste, bis dorthin zog der Schmerz. Sie spürte an seiner Vorsicht, dass er ihrer Scham nicht zu nahe kommen wollte. Sein Verhalten war korrekt, sicher war er ein wohlmeinender Freund, ein Vertrauter, mit dem sie über alles reden konnte, der oft Partei für sie ergriff. Nur selten kam in ihr die abenteuerliche Idee auf, er könnte mehr sein.

Den Beginn seines Ruhestands mit Elena zu feiern wies sie zweifelsfrei als eine bedeutende Person in seinem Leben aus. Er hatte Freunde und es waren weitere Feierlichkeiten abzusehen, die offizielle Verabschiedung in der Dienststelle stand noch aus. Aber dieser Besuch im noblen Restaurant mit Elena war das privateste aller Feste zu diesem Anlass und ein Zeichen der besonderen Wertschätzung.

Der Kellner reichte die kunstvoll dekorierten Karten für Getränke und Speisen zuerst Elena, dann Hans, und bat um die Bestellung.

Mit welchen Inhalten wollte Hans sein Leben in Zukunft füllen? Elena hatte ihn als sehr arbeitsbezogen erlebt und fühlte die Gefahr, dass er in ein Loch fallen könnte.

„Wie stellst du dir die Zukunft vor? Die Liste der Aufgaben wird viel kürzer.“ Elena erkannte an seinem verlegenen Grinsen, dass sie einen sensiblen Punkt angesprochen hatte. Arbeit war bei weitem nicht nur Last, sie strukturierte auch sein Leben. Freunde hatten im Ruhestand alte Hobbies wieder aufgegriffen. Sport, Garten, Technik, Kunst, auf vielen Gebieten wurden lange zurückgestellte Neigungen neu belebt. Hans liebte Reisen, in schönen Bildern hielt er glückliche Momente fest. Aktuelle Reisepläne hatte er keine, denn Saritas Flugangst hinderte ihn, weit entfernte Ziele anzustreben.

„Für den Jahresbericht wird meine Mithilfe angefordert. Außerdem habe ich eine Wette verloren, ich muss noch drei Nachrufe liefern.“ Hans lenkte vom Mangel an Perspektiven ab.

„Was ist ein Nachruf?“, Elena verband nichts damit.

„Das ist eine eingehende Würdigung eines Verstorbenen bei einer Trauerfeier.“ Hans schilderte, dass in seiner Behörde Nachrufe auf alle verstorbenen ehemaligen Mitglieder üblich waren und er vor einiger Zeit einen Nachruf verfassen und bei der Beerdigung vortragen musste. Er kannte den Toten nicht. Von der Personalstelle erfuhr er, dass der Verstorbene bis zu seiner Pensionierung vor 28 Jahren im Fahrdienst tätig gewesen war und zwei Abmahnungen wegen Alkoholmissbrauchs erhalten hatte.

„Mein Nachruf sollte den Verstorbenen als ein bedeutendes Mitglied der Behörde darstellen. Ich verwendete damals kaum individuelle Formulierungen: Er war beliebt und geachtet, trug hohe Verantwortung und ließ die Menschen stets seine Wachsamkeit spüren. Wir verlieren in ihm einen langjährigen, treuen Kollegen und werden ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren.“ Hans zitierte aus dem Gedächtnis.

Nachrufe zu schreiben war unter den Kollegen allgemein unbeliebt und sein Wetteinsatz mit Nachrufen auf die nächsten drei Toten wurde deshalb sofort akzeptiert. Leider verlor er die Wette dann.

„Für einen Fahrer, der gelegentlich betrunken war, ist das viel Anerkennung. Ehrlichkeit hielt ich immer für eine deiner wesentlichsten Eigenschaften!“, staunte Elena.

Der Kellner servierte freundlich die Vorspeisen und wünschte einen guten Appetit.

„Es wird nirgends mehr gelogen als auf dem Friedhof und vor Gericht. Nachrufe sind nie ehrlich. Kritik nützt niemandem bei einer Trauerfeier, Trost für die Familie des Verstorbenen ist gefragt.“ Hans blickte unentspannt auf seinen Teller wie ein ertappter Lügner. Er spürte den Verlust an Ansehen, den diese Offenbarung bei Elena bewirken musste.

Aber auch sie hatte schon beruflich mit Unehrlichkeit zu tun gehabt. Von Angehörigen eines Patienten waren Bedenken in Bezug auf die Qualität der Pflege geäußert worden, die sie dann mit Beschwichtigungen zerstreut hatte.

„Diplomatie zwingt uns manchmal zu Beschönigungen. Auf dem Friedhof akzeptiere ich das.“ Hans blickte Elena an und fuhr leise fort. „Auch deine Entwicklung führt weg von den unbekümmerten Frechheiten hin zu mehr Diplomatie. Die beruflichen Zwänge verbiegen uns. Schau dir den Kellner an. Sein Lächeln ist reiner Service. Das ist zwar professionell, aber nicht unbedingt ehrlich.“

Elena wirkte nachdenklich, hob unvermittelt den Kopf und lächelte Hans an. „Wenn es mir einmal ganz besonders auf Ehrlichkeit ankommt, werde ich dir das zeigen.“

Sie griff nach ihm und zog ihn etwas näher zu sich. „Wenn du dann lügst, bist du für mich gestorben.“

Der Kellner hatte Elenas letzten Satz mitgehört und blickte etwas verunsichert, als er die Vorspeisenteller abräumte.

Hans musste grinsen. Aber er spürte den Ernst in Elenas Worten und nickte beschwichtigend. Elenas Direktheit war ihm sehr vertraut, er liebte ihre Offenheit. Als er in ihrem Alter war, hatte er denselben Drang zur Wahrheit. Lange Zeit empfand er den beruflichen Weg zu mehr Diplomatie als Bereicherung, nun erschien ihm die Rückkehr zur Aufrichtigkeit wichtiger und attraktiver.

3 Würde

Praktikantin Margot war noch ganz neu im Heim. Heute sollte sie Elena auf der üblichen Tour helfend begleiten. Der Zeitdruck beim Arbeiten war dadurch etwas geringer. Herr Stahnke bewohnte ein Einzelzimmer, was eine Besonderheit im Hause war. Die Frauen teilten sich seine aufwendige Pflege und unterhielten sich dabei.

„Nehmen Sie bitte ihre Finger weg!“, forderte Elena Herrn Stahnke auf.

Zu Margot gewandt erklärte sie: „Jedes Mal, wenn ich ihm den Rücken zuwende, fasst er an meinen Hintern. Es ist hoffnungslos, ihm das abzugewöhnen.“ Sie schob seine Hand zu Seite und sah ihn ärgerlich an.

„Das ist sexuelle Belästigung“, meinte Margot.

Elena grinste: „Erzähl das mal der Heimleitung. Der Mann ist dement, er ist für sein Handeln nicht verantwortlich.“

Herr Stahnke war nach Elenas Auffassung ein eher harmloser Fall, da gab es Schlimmere. Manche Patienten tendierten zu Aggressionen, kniffen, kratzten oder bissen. Vom Pflegepersonal erwartete man Erfahrung, Gefahren schnell zu erkennen und rechtzeitig Hilfe anzufordern.

„Wer oft Unterstützung anfordert gilt aber als unselbständig. Respekt genießt, wer mit schwierigen Patienten alleine klar kommt. Dass Du mit mir unterwegs bist bedeutet, die Leitung sieht mich als Vorbild.“ Elena hob die Arme zu einer Kraftpose und blickte ironisch grimmig. Margot lachte amüsiert.

Schon seit längerer Zeit besuchte Elena ein Fitness-Studio, was ihr neben Kraft und Ausdauer auch ein gehobenes Selbstbewusstsein verschaffte. Eine große Herausforderung des Pflegeberufs war ihrer Meinung nach, alte Menschen stets mit Respekt zu behandeln.

„Sei mal freundlich zu einem, der Dich gerade angespuckt hat!“, provozierte sie Margot. Natürlich gab es auch andere Berufe, bei denen es wichtig war, einen kühlen Kopf zu bewahren: Lehrer, Polizisten, Richter. Die Altenpflege bot jedoch besonders viele Möglichkeiten, Fehlverhalten eines Patienten durch versteckte Mängel oder Unterlassungen zu ahnden. „Niemals Rache!“ Elenas Berufsethos beeindruckte Margot. Freundlich verabschiedeten sie sich von Herrn Stahnke.

„Auf geht’s, die nächsten Kunden warten schon!“ Elena zeigte auf die Tür des Nachbarzimmers.

„Das ist übel.“ Margots Blick verriet Abscheu. Die Windel eines bettlägerigen Patienten hatte sich halb geöffnet. Der Mann musste ausgepackt, gewaschen, umgelagert und frisch gewickelt werden. Sein Bett wurde frisch bezogen. In derartigen Situationen musste man zu zweit sein, vermutete Margot. Elena widersprach, sie musste solche Ereignisse auch schon alleine bewältigen.

„Wenn ich einen vollgeschissenen alten Menschen aus seiner Lage befreie und er dann frisch gewaschen wieder im sauberen Bett liegt, fühle ich mich richtig gut, als ob ich ihm seine Würde zurückgegeben hätte“, bemerkte Elena lächelnd. Sie war stolz auf den Wert ihrer Arbeit und zeigte dies.

„Natürlich ist das Quatsch, Würde hängt nicht an der Sauberkeit. Aber wenn ein Mensch seinen unappetitlichen Zustand noch selber erfassen kann, mache ich ihn mit dieser Arbeit glücklich“, setzte Elena nach und erinnerte sich an einige dankbare Patienten.

Margot nickte. Gut auszusehen und gut zu riechen half dem Selbstwertgefühl ungemein. Sie wollte sich mit der Frisur einer alten Dame noch beschäftigen, aber die Zeit drängte.

Im Laufe der weiteren Tour erzählte Margot von ihren Kindern. Der Sohn redete von einer Ferienfreizeit, aber sie kostete zu viel. Jedes Monatsende führte Margot einen Kampf gegen unerwartete Kosten. Größere Anschaffungen erforderten eiserne Sparpläne oder waren nicht möglich. Schon die fixen Kosten verbrauchten einen wesentlichen Teil ihres schmalen Budgets.

Die Situation von Margot empfand Elena als extrem abschreckend, sie kannte solche Sorgen nicht. Große Verpflichtungen standen nicht an, ihr Einkommen als Altenpflegerin sicherte sie ab. Bei ihrer Oma hatte sie jedoch Zeiten bitterer Armut erlebt und sich das Ziel gesetzt, niemals wieder in eine solche Situation zu geraten.

Das Leben bei Hans war sorglos. Bei Einkäufen achtete er auf den Preis und verglich manchmal Sonderangebote. Das war seine Art, Bescheidenheit zu demonstrieren. Wenn Sarita aber besonders dringende Wünsche hatte, spielte Geld keine Rolle mehr.

Sarita war nun mehr als eine Woche überfällig. Elena suchte nach einer Erklärung dafür. Anrufe in Rumänien hatten nichts ergeben. Sie erinnerte sich an einige plötzliche Veränderungen im Leben von Sarita, von denen sie als Kind in der Obhut von Oma erfahren hatte. Meistens hatte sich Oma große Sorgen dabei gemacht und Sarita als unvernünftig bezeichnet.

Je länger Elena an diese alten Geschichten dachte, desto plausibler kam ihr vor, dass Sarita Hans verlassen hatte. Elenas emotionale Bindung an Sarita war nicht eng, die Kindheit hatte sie bei Oma und Tanten verbracht, und auch Saritas Gedanken waren ihr nicht vertraut. Elena hielt eine einsame Entscheidung ihrer Mutter durchaus für möglich, auch eine gegen alle Vernunft.

Aber sie machte sich keine Sorgen. Sarita hatte sich immer behaupten können, auch in recht gefährlichen Situationen. Sie war wie eine Katze, die bei jedem Sturz von selbst auf den Beinen landete.

4 Christine

Das Verschwinden Saritas belastete Hans weit mehr als Elena. Nach den Erkundigungen bei Saritas Familie in Rumänien suchte Hans Gespräche mit alten Bekannten. Er beschloss, Christine und ihren Freund Mark zu besuchen.

Hans kannte Christine gut und seit langem. Sie waren in dieselbe Klasse gegangen. Mit Sarita hatte er sie oft besucht. Elena war bisher nie mitgekommen, jetzt wollte sie Hans aber begleiten und ließ sich während der Fahrt informieren.

Nach dem Abitur hatte Christine auf Lehramt in Freiburg studiert und später als Lehrerin an einem Gymnasium gearbeitet. Ihr Mann machte lange gutes Geld mit einem Baugeschäft. Vor einigen Jahren hatte er sie wegen einer Jüngeren verlassen, was nicht zu seinem Vorteil ausging. Er musste ihr ein hübsches Haus mit Garten überlassen. Seine neue Frau nervte ihn, bis er auch sie verließ. Das kostete ihn noch ein Haus. Er war Weinliebhaber und hatte unter Christines Haus einen tollen Weinkeller angelegt, den er ihr auch überlassen musste, wobei er die wertvollsten Flaschen aber noch mitnahm. Christine war pensioniert. Seit zwei Jahren hatte sie einen neuen Partner, Mark, einen sympathischen Afrikaner, deutlich jünger als sie.

Wenn Hans von Christine erzählte, war ein Unterton von Respekt hörbar. Er suchte von Zeit zu Zeit ihren Rat und legte Wert auf ihre Ansichten zu den Fragen des Lebens.

Umgekehrt hatte Christine dieselbe Einstellung zu ihm. „War denn einmal was mit Euch?“ wollte Elena wissen. Hans verneinte. Sein Verhältnis zu Christine war auf eine Weise freundschaftlich, die zarte Gefühle nicht ermöglichte. Einmal auf dieser Schiene der Sachlichkeit miteinander unterwegs, sieht man den anderen nicht mehr als Frau oder Mann, das war seine Ansicht, und es schaffte eine besondere Basis für Vertrauen und Neutralität.