Eine Zufallsexplosion - Serafima Polva - E-Book

Eine Zufallsexplosion E-Book

Serafima Polva

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Beschreibung

Die Kurzgeschichten erzählen von Schicksalen der Menschen in Russland nach Zusammenbruch der Sowjetunion aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Die nostalgisch-erotische Stimmung lässt den Leser in eine andere Welt eintauchen. Wenn man das Buch aufschlägt, lernt man die Charaktere kennen und lieben.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Geschichte 1 – Eine Zufalls Explosion

Geschichte 2 – Erziehung

Geschichte 3 – Das Ziel

Geschichte 4 – Der Empfindsame

Eine Zufalls Explosion.

Die zerrissenen Zeitungen lagen schon seit zwei Wochen auf dem Boden des großen, hellerleuchteten Raumes herum. »Das weiße Prunkzimmer« nannten die Freunde von Valentin Stepanowitsch dieses Zimmer nicht scherzhaft wegen dem Prunk, der strahlend weißen Möbel, und nicht einmal eine unförmige, nach oben führende, in einem schäbig wirkenden beigen Ton angestrichene Treppe konnte diesen Eindruck zerstreuen. Schon seit über einer Stunde stampfte der Besitzer dieses reichen Hauses auf dem Haufen aus Zeitungen herum und versuchte ihn wütend mit seinen Füssen in kleine Stücke zu zerreißen, ohne selbst zu wissen, wem er eigentlich Schmerzen zufügen wollte. Danach griff er nach einer aus Japan mitgebrachten Trennwand, schmiss sie auf den Zeitungshaufen, um sie zu zerbrechen. Man konnte einen Blick hinter die Trennwand auf ein sehr großes Bett werfen. Dieses weiße Bett weckte unangebrachte Erinnerungen, und das Federbett lullte ein und ließ den Zauber des Altertums fühlen… Valentin wollte nicht an das denken, was sich nicht rückgängig machen ließ. Es blieb nichts anderes übrig, als eine von der Zeit vergilbte, unter dem Federbett versteckte Zeitung in die Hand zu nehmen, in der ein lächerlicher Artikel über das Glück abgedruckt war. Besinnungslos zog er die Zeitung wie einen Schuh an, fand aber keine Schnürsenkel, besann sich, und während er auf dem Bett saß, fing er an, die Zeitung sorgfältig in sehr, sehr kleine Stücke zu zerreißen. So wollte er diesen unglücklichen Zeitungsartikel loswerden, den er zufälligerweise auswendig gelernt hatte, zu der Zeit, als seine Freunde ihn für seinen Geschäftssinn lobten, für sein Talent an allem, auch was der Wahl der Frauen betrifft. Valentin Stepanowitsch hielt Schweigen in derlei Situationen für unangebracht, damit keiner auf den Gedanken kam, er wäre für Schmeicheleien empfänglich, genau in solchen Moment war der Zeitungsartikel über das Glück sehr passend. Valentin bestellte sich am Telefon noch eine Pizza, in der Hoffnung, dass diese Frau wieder kommen würde. In Erwartung sprang ihn ein Foto ins Auge: ein zehnjähriger Junge, sowjetischer Pionier, glattgekämmte Haare und eine Krawatte mit zwei Spitzen, die in zwei verschiedene Richtungen zeigten, als ob sie versuchten, davonzulaufen. Die sehr boshaften grauen Augen auf dem sommersprossigen Gesicht lachten vorahnend. Valentin, für seine Kindheitsfreunde Valjok, sprach zu dem Foto: Erinnerst du dich? Ich habe mich für ein Leben auf dem Wellenkamm entschieden, also über den Hampelmännern, die mich umgaben. Im Jahr Neuzehnhunderteinundsiebzig, während einer großen Epoche für den Menschen, wollte ich klüger sein als die anderen. Ein erfolgreich abgeschlossenes Studium an den besten Universitäten dieser Welt und später die Rückkehr in die Heimat. Die neue Zeit diktierte ihre Regeln, und ich hatte die Furcht, zu einem Hampelmann zu werden, und genau hier kam der Zeitungsartikel zur rechten Zeit. Es war schön, es nachzuerzählen. Ein gescheiter Mann versuchte das Glück in jeder Lebenssituation zu sehen, daher machte er sich keinen Kopf über unnötige Probleme. So ein Schwachsinn! Seit der Explosion gestern kann ich mich nicht mehr daran erfreuen, am Leben und gesund zu sein, im Unterschied zu denjenigen, die an die Maschinen angeschlossen vor sich hin vegetieren, dank meinem dicken Geldbeutel! Er merkte nicht einmal, wie er schon mit den Händen fuchtelte und schrie. In diesem Moment hätte man Valentin Stepanowitsch auch als attraktiv bezeichnen können, wenn nicht seine fettigen, zerzausten Haare gewesen wären (in letzter Zeit ließ er sich ziemlich gehen – zu viel brachte ihn aus seinem Zustand, auf den Wellenkamm zu sein).

Das alte, von irgendwoher aufgetauchte zerrissene Marken T-Shirt unterstrich seine schlanke sportliche Figur. Es umspannte seine großen, durchtrainierten Arme, die den Frauen sehr gefielen. Der Pony des sowjetischen Pioniers auf dem Foto war jetzt dreckig und ragte vor Schweiß starrend in alle Richtungen, aber die Erscheinung von Valentin Stepanowitsch war immer noch dieselbe, die Erscheinung eines selbstbewussten Menschen, der ein Glückspilz ist! Und nur einem aufmerksamen Beobachter würde es auffallen, dass er die letzte zwei Wochen so aussah, als ob irgendjemand sich die Mühe gemacht hatte, über seinem Gesicht rosa-violette Farbe auszuschütten, während sich seine ausdrucksvollen, von langen Wimpern umrandeten grauen Augen vor Erröten zwischen der aufgeschwollenen Nase und den plötzlich gealterten Wangen eines alten Mannes verloren. Als er den Lärm des Mopeds hörte, sprang er zum Fenster. Die langerwartete Frau sprang auf den Bürgersteig und warf die Pizzaschachtel wie ein Jongleur in die Höhe, Valentins Bestellung. Neben dem dreckigen Moped erschien die Frau unglücklich und schutzlos. Valjok winkte sie heran, dann sagte er leise: »komm her, komm her!« Sie streckte ihm die Schachtel entgegen. Er beugte sich aus dem Fenster, umfasste die Frau, drückte sie an sich, wie ein Kind, zog sie leicht heran und sie fielen auf den Teppich aus Zeitungen. Er merkte, wie die Frau immer noch die Schachtel in ihren ausgestreckten Armen hielt. Dann hörte er ihr Lachen. »Ein Glockenklang aus der Kindheit!« Farblose-graue Augen ohne Wimpern, ein kleines ausgetrocknetes Gesicht, schmale, zarte, von lebloser Blässe entstellte Gesichtszüge. Die Frau drückte die Pizzaschachtel wie einen Schutzschild an ihre Brust.

Sie lagen nebeneinander auf den zerrissenen Zeitungen. Valentin stemmte sich auf, fühlte, wie die Unbekannte Angst bekam. »Bitte, hab keine Angst! Ich kann dich nicht verlieren, wenn ich jedes Mal genau auf dich warte.« Diese Worte sprach Valjok in einem Ton, als wolle er ein Kind überzeugen. Die Frau stand vom Boden auf und lehnte sich an Valentin, als umarmte:»Mich ängstigen?! Sieh nur dieses seltsame Paar an: Ein Mädchen, mehr tot als lebendig! Und ein Felsenblock! Du willst mich behüten? Erinnere dich, weswegen du mich gerufen hast.« Sie öffnete ihren Haarknoten am Nacken, und ein Fächer aus ungekämmten grauen Haaren rund um ihr zartes Gesicht ließ sie irreal erscheinen, als sei sie der Leinwand eines Künstlers entsprungen, der die Haare des Todes malen wollte. Ohne es abzusprechen, legten sie sich gleichzeitig wieder hin. Er stellte sich ein lustiges Bild vor: erwachsene Menschen liegen friedlich auf zerrissenen Zeitungen, starrend auf die Decke! Er lachte und fing an sich zu entschuldigen: »Sei mir bitte nicht böse! Ich wollte nur sagen, dass ich mein altes Leben verlor, und in meinem neuen Leben brauche ich dich, mein Mädchen-Däumelinchen .« Die Frau drehte sich zu ihm hin, ihr Blick war wehleidig, sie flüsterte: » Habe ich etwa keine Gnade verdient? Bist du etwa genauso gefühlslos wie der Maulwurf aus dem Märchen?« Sie war schon fast soweit, zu weinen anzufangen. Plötzlich, mit einem Gedröhn, öffnete sich auf dem Dachboden ein Fenster. Ähnlich wie ein Lebewesen, das Valentin zur Hilfe eilte, wehte ein Luftzug durch das Haus. Der Wind machte Schneeflocken aus den zerrissenen Zeitungen und bedeckte die Zwei, in demselben Moment waren sie aufgesprungen und fingen an, die Zeitungsstückchen einzusammeln und wie Schneebälle aufeinander zu werfen. Valjok hörte wieder dieses Lachen- »ein Glockenklang aus der »wundervollen Kindheit«. Als erste kam die Frau zur Vernunft: »Ich wiederhole meine Frage: Weswegen hast du mich gerufen?« Die strahlend weiße Couch wurde entweiht, als die staubigen Sommerschuhe sich mit dreckigen Absätzen in sie hineinbohrten. Das zierliche, schmale, transparente Körperchen sah noch mehr grau und schmächtig aus, wie leblos auf dieser prächtigen Couch. Dann verschwand das Körperchen unter dem dreckigen und verschwitzten T-Shirt. Valentin: »Verzeih mir für den fünfminutigen tierischen Sex. Weißt du, ich hatte schon lange… . « Die Frau unterbrach ihn: »Ist schon klar. Hol die Pizza und den Vodka her!« Valentin: » Bist du Trinkerin? Deswegen bist du so hager? Von der Trinkerei?« »Was geht dich das an? Hast nicht mal nach meinem Namen gefragt. Fürwahr, sagte mal meine Mutter, mit jemandem zu schlafen, ist noch kein Grund, sich näher kennenzulernen. « Das Essen wurde auf den Boden gestellt, wieder ließen sie sich auf den Zeitungsstückchen nieder. Die Frau schob hastig das Tablett zur Seite und zog Valentin an sich:

»Sprich mir nach: auf die Bekanntschaft! « Und Valjok hörte wieder ihr Lachen -»ein Glockenklang aus dem wundervollen Kindheit! « Es begann schon zu dämmern. Der Herr des Hauses erinnerte sich, dass er schon seit den letzten zwei Wochen einen Gefallen daran gefunden hatte, in die fremden Fenster hineinzuschauen, wie »einige, die nichts Besseres zu tun haben«, und begab sich ungewollt die Jalousien zu schließen. Die Illusion war zu Ende, die Frau sagte in einem launischen Ton: »Ich will feiern und am Tisch trinken!« Und sie entweihten mit Pizza und Vodka den weißen Tisch. Er füllte die kantigen Gläser randvoll mit Vodka. Die Frau leerte ihres auf einen Zug, kniff die Augen zusammen, ihr Gesicht wurde auf einmal farblos, die Augen rollten nach oben. Valentin:

»Sollte sie auch sterben?! Im Übrigen sind die zwei anderen noch nicht verstorben, und ich muss so oder so vorm Gefängnis fliehen. Er hörte er das Glockenlachen aus der fernen wundervollen Kindheit: »Bin einfach ungewohnt, hab nie Vodka getrunken, dazu nicht aus den kantigen Trinkgläsern. Und auf den Zeitungen hab es auch noch nie gehabt. Zweimal fünfminutiger Sex ist genau das Richtige für meine Gesundheit. Ich halt‘s nicht mehr aus. « Valjok: »Entschuldigung für den tierischen Sex und für die kantigen Trinkgläser.« Die Frau: „Entschuldige, entschuldige! Nur die Betrunkenen entschuldigen sich ständig. Du bist nicht betrunken! Beruhige dich, du hast mit einem Mal sogar mehrere meiner Wünsche erfüllt. Der tierische Sex auf dem knisternden Zeitungshaufen- das konnte ich mir nicht mal im Traum vorstellen, und Vodka aus einem kantigen Trinkglas! Einfach köstlich! Schenk mir bitte noch einen ein, um sehr, sehr besoffen zu werden. « Valjok: »Lass das, deine zierliche Statur sagt mir, dass du stirbst, wenn du zu viel trinkst. Es ist schon lustig, dass gerade Du, die fremde Unbekannte, in mir einen Wunsch nach offenherzigen Gesprächen und aufrichtigen Handlungen auslöst. Zusammen geht es uns gut… Mit meinen Freunden bin ich schon lange zu einem Hampelmann geworden. Kantige Trinkgläser? Wir haben die nicht mal bis an den Rand gefüllt, nicht so wie mit dir jetzt. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal so die Gläser geleert habe« Die Frau: »Dir sieht man es an, du machst nur das, was gut für deine Gesundheit ist, deswegen magst du die teuren Getränke, aber in kleinen Mengen und nicht zu viel davon. Hör mal, warum aus den kantigen Trinkgläsern?« Valentin: »Zuerst werde ich deine Frage anders beantworten. Noch kurz vor der Explosion leitete ich ein großes Kollektiv. Jetzt mal zu dir. Ruf mal bei deiner Arbeit den, den du sollst an und nimm dir frei, vorerst für eine Woche! « Die Frau: »Wenn wir ein tierisches Vergnügen dabei gehabt haben, soll das noch lange nicht heißen, dass du mich herumkommandieren kannst. Für die Arbeitsbummelei werden sie mich feuern! Pizzalieferung mache ich nicht Geldes wegen? Nein… um mich etwas abzulenken und nicht an etwas Ernstes denken zu müssen. Falls wir uns nicht verkrachen, dann wirst du nicht nur um die zwei weinen…« Valentin: „Hast du etwas Aids?“ Die Frau: »Beruhige dich. Andere Krankheiten interessieren dich wohl nicht? Hast du etwa schon alle Krankheiten überstanden außer Aids?« Sie lachte und fühlte ihr kantiges Trinkglas bis zum Rand mit Vodka, und statt zu trinken, kniff sie die Augen traurig zusammen und sagte: »Für Dich bin ich absolut gesund, jedenfalls nicht ansteckend.« Valentin: »Dann zu den kantigen Trinkgläsern. Mit meinen Eltern lebte ich vor langer Zeit in einer Kommunalwohnung zusammen, kurz vor der Perestroika. In meiner Geschichte nehmen die aber keinen Platz ein, ebenso wenig wie in meinem jetzigen Leben. Mit meinem Nachbar hatte ich mehr Glück. Ein Firlefanz war er und liebte es, Geschichten in Allegorien zu erzählen. Um nicht zu einem Hampelmann zu werden, besoff er sich bis zur Besinnungslosigkeit in der kommunalen Küche, also zwei Mal im Monat, wenn er sein Gehalt ausgezahlt bekam. Seine Frau war sehr gutmütig. Sie verzieh ihm seine Schwäche, wollte ihm aber keine Gesellschaft leisten. Dann war da ich, ein nützlicher Junge, aber nicht als Trinkkumpane, sondern um seine Geschichten anzuhören. Allerdings hatte ich nur während der letzten zwei Wochen damit angefangen, mich ernsthaft an mein Leben zu erinnern, nach der Zufallsexplosion. Damals haben die Nachbarsgeschichten mich interessiert, ihn anzupflaumen, und die Leute zu necken. Seit meiner Kindheit und bis zum heutigen Tage halfen mir diese Geschichten, freilich habe ich etwas dazu erfunden …«. Plötzlich sprang die Frau auf und klatschte die grauen, flachen Händchen gegeneinander und sprang um Valentin herum: »Schreckhafter Schwärmer! Hampelmann!« Valjok: »Wodka stört deine Wahrnehmung. « Die Frau: »Sei nicht böse, ich habe nur herumgealbert. Ich höre dir ganz gespannt zu! « Sie setzte sich an den Tisch, nahm eine Haltung ein, wie die Schülerinnen in der sowjetischen Schule, legte die Arme übereinander, und ihr Blick wurde konzentriert wie bei einer Musterschülerin während eines wichtigen Unterrichtsstoffs. Valentin: »Der Nachbar war nur äußerlich ein einfältiger Mann. Er sagte immer, man soll Wodka nicht aus den schönen kantigen dünnen Gläsern trinken. So ist dieses Getränk einfach nutzlos. Und die Wodkagläser aus dem groben Glas lassen die Seele verrohen. Man hört einfach auf, alles ernst zu nehmen. « Die Frau: »Du Valjek, bist ein Langeweiler. Verhöhnst die Leute nur mit deinem Zeitungsartikel vom Glück, und den Erzählungen eines alten Säufers … Ins Gesicht steht es dir geschrieben, dass du die Menschen deinen Regeln unterordnen magst, und magst deine Mitmenschen plattzumachen.« Valentin: »So ein Unsinn! Hast du an dem Fenster gelauscht?“ Die Frau: »Ganz gewiss doch, und du dachtest, ich würde die Pizza einfach so ausliefern?« In einem stockdunklen Zimmer fiel ihnen das Flirten leichter. Dann sagte die Frau, sie wünscht sich, auf einem komfortablen Federbett zu schlafen, mit allen Annehmlichkeiten. Valljok trug sie; dieses Mal entweihten sie das weiße Bett. Er wurde von einem Lachen geweckt – dem »Glöckchenklang aus der fernen Kindheit«. Es war ein sonniger Tag draußen. Nun endlich erfuhr er ihren Namen: Antonina, aber die Unbekannte bat ihn, sie Ann zu nennen, »auf die englische Art«. Sie machten alles zusammen, wie ein altes, liebendes Ehepaar. Valjok konnte sich nicht vorstellen, ohne das »Glöckchenlachen« weiterzuleben. Er bekam einen Anruf, durch den er erfuhr, dass sein Geldbeutel dafür ausreichte, aus zwei Frauen eine zu machen: » in ein gesundes Körper wurde ein gesundes Herz eingepflanzt.« »Aber die Frage, wer hinter schwedischen Gardinen bleibt, war noch offen«, sagte ihm sein Anwalt. Und wieder, wie damals in seiner Kindheit, war es angenehmer, in leblosen Gegenständen eine Seele zu sehen! Ann passte perfekt zu seiner jetzigen melancholischen Stimmung. Sie war »fast entseelt«: fast todbleich, fast transparent, schweigsam, zahm. Selten kamen ihn Gäste besuchen, aber nicht aus Mitgefühl, sondern um seine »Neue« zu sehen. Neulich sagte Ann zu ihm: »Freu dich doch! Du hast aufgehört, ein Hampelmann zu werden: Du hast keinen Job mehr und deine Frau ruft keinen Neid hervor. Sehr bald werden dir die Privilegien des einfachen Volkes bekannt, die keiner bemerkt. « Valentin: »Erstens, du bist außergewöhnlich schön. Zweitens, hast du schon etwas von dem schwarzen Tag gehört? Auf diesen Tag habe ich mich sehr gut vorbereitet, es wird für uns beide für hundert Jahre eines sorgenfeien luxuriösen Lebens ausreichen. Mach dir keine Sorgen, meine Bestimmung ist es nicht, Teil eines einfachen Volkes zu werden. Lieber sterbe ich, als mit dem Volk zu einem Einheitsbrei zu werden. Armut ist entsetzlich! « Ann-Antonina: »Weißt du, ein weiser Mann hat keine Furcht vor der Armut …« Er unterbrach sie: »Schwachsinn! Wahrscheinlich lebst du nicht sehr lange in unserem Land, Armut ist nicht gleich Armut! Eigentlich habe ich sehr lange an ausländischen Universitäten studiert und bin zurückgekehrt für den Erfolg, nicht für die Armut! Deswegen suchte ich mir mein Kollektiv nach dem bekannten Prinzip aus, dass meine Angestellten nicht dümmer sind als ich. Auf ihre Posten habe ich sie ohne Vitamin »B« gelassen, ohne Bekanntschaft. Einem Angestellten habe ich vorgeschlagen, sich eine Aufgabe auszusuchen, diese überprüfte ich zu einem bestimmten Termin, und dann hat sich die Frage von Qualifikation und Papierkram von selbst gelöst. Und so stieg ich die Karriereleiter erfolgreich empor.« Ann: »Warte mal! Und gehören diese Zwei auch zu deinem Kollektiv?« Valjek: »Du bist ein gewöhnliches und neugieriges Weib! Nein, hör mir bitte zu, sofern ich den Faden noch nicht verloren hab. Wollte ich auf dem Wellenkamm leben, vergaß mich selbst und wurde zu einem selbstverhassten Hampelmann! Der Nachbar von der Kommunalküche, jetzt verstehe ich seine Geschichten, sie waren speziell für mich: »Damit ich in meinem Erwachsenenleben nicht so viel stolpere. Von Menschen wird man ausgenutzt, die Erfolge werden einem nicht verziehen, und es wird auf einen Moment gewartet, ein Messer oder einen Stachel gegen einen zu verwenden … Allerdings, Menschen, die sich nicht auf meine Seite gestellt haben, und mir auch nicht schaden wollen, halten sich mit Stolz für die Gerechten.« Die rosarote Brille habe ich abgelegt und begriff, wie wahr diese Worte sind, erst dann, als ich rückhaltlos auf die Verbrecherliste gesetzt wurde! Bis zum Ermittlungsverfahren. Und zu einem Verbrechen werden sorgfältig noch andere ähnliche, aber erfundene, dazu gesammelt. Ann-Antonina goss noch etwas Öl ins Feuer: »Versteh doch, wie schlecht es ist, beleidigt zu werden! Dieser Zustand lässt einen geistig abstumpfen. Ich erkläre dir die weibliche Psychologie. Höchstwahrscheinlich haben die zwei Mädchen schon längst alles untereinander geklärt. Aber ein Spiel war bequem für sie. Sie haben sich an dich gerächt, besonders dann, als das Kind gekommen war. « Er: »Vodotschka darfst du nicht trinken! Hast eine Wahnvorstellung davon. Es gibt kein Kind. Das Haus? Das war meine Idee. Fünfzehn Jahre dürfen nicht einfach so vergehen, ohne materielle Güter zu hinterlassen. Wenn ich kein Bankier wäre! Deine Frage? Die zwei Mädels sind einfache Lehrerinnen. Ich habe sie vor längerer Zeit hier kennengelernt, als sie noch Philologiestudentinnen waren, wahrscheinlich war es diese fünfzehn Jahre lang interessant, wieder im Literaturunterricht zu sitzen. Jetzt bin ich aber ein mehr seriöser Junge! Und unsere Diskussionen wurden ausschließlich über literarische Themen geführt. Dank diesen beiden las ich viele Werke erneut und verstand viele Erzählungen auf eine andere Weise. « Ann unterbrach: Ein Langweiler, Langweiler bist du! Büchlein liest du, erzähle mal, welchen Nutzen hast du davon?! Internet hat mir auch gereicht. Dort habe ich alles über meine unheilbare Krankheit herausbekommen. Medikamente hingeschmissen, und dann kam in die Heimat, um zu sterben. Also kannst du dir