Einen Verlängerten bitte - Elisa Herzog - E-Book

Einen Verlängerten bitte E-Book

Elisa Herzog

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Beschreibung

Über Sex zu reden, ist etwas anderes, als ihn zu praktizieren. Dr. Terence Urquhart, der "heißeste Sex-Therapeut Großbritanniens", und seine Frau Sue können ein Lied davon singen. Auch sonst knirscht es in ihrer Beziehung. Die Therapie? Getrennter Sommerurlaub. Also fährt Sue mit ihren beiden Kindern ins heimatliche Salzkammergut, während Terence sich mit seinen Freunden auf eine Motorrad-Tour durch Nordengland begibt. Kann diese Therapie die Ehe wieder kitten? Abwarten und Tee trinken. Oder einen Verlängerten... Es darf gelacht werden - und mitgelitten. Mal ist es turbulent, mal nachdenklich. Eine humorvolle, warmherzige romantische Komödie über die unterschiedlichen Facetten der Liebe und die Suche nach dem richtigen Platz im Leben.

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Seitenzahl: 597

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Elisa Herzog

Einen Verlängerten bitte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Gebt mir ein raschelndes Kleid aus Chintz und Chiffon! Eine Stola aus Spitze, Handschuhe und einen Schutenhut!

Das waren Sues Gedanken, als Terence den Jaguar über die Kiesauffahrt zum Haupteingang lenkte. So perfekt ihr Etuikleid für den Job in London auch sein mochte, für Rosewood Manor war es viel zu schlicht. Immerhin hatte sie Terence, der einen mehr als passablen Mr Darcy abgeben würde.

Das Romantikhotel in der Nähe von Bath ruhte majestätisch im Herzen einer üppigen Parklandschaft und sah aus wie der Schauplatz eines Jane-Austen-Romans. Im weichen Licht des Spätnachmittags leuchtete die Sandsteinfassade wie ein Aprikosensorbet, das durch die sahnig weißen Fenstereinfassungen ganz besonders appetitlich wirkte.

Bereits die Fahrt von London nach Westen durch die sommerliche englische Gartenlandschaft hatte Sue in Hochstimmung versetzt. An diesem Tag, ihrem 17. Hochzeitstag – und vor allem in der Nacht – würde Terence endlich ihr allein gehören. In einer luxuriösen Suite, nachdem sie sich mit einem exquisiten Gourmet-Menü in Stimmung gebracht hätten. Ihr Herz machte vor Vorfreude einen Sprung, und spontan gab sie Terence einen Kuss auf die Wange. Er lächelte sie an, und sie fühlte sich jung, schön und zu allem bereit. Ein leichter Zweifel nagte an ihr, aber den schob sie schnell beiseite. Ging nicht das, was man sich intensiv wünschte, in Erfüllung? Musste das nicht so sein, wenn sogar Quantenphysiker, also hochseriöse Wissenschaftler, dies behaupteten? Resonanzprinzip hieß das, glaubte Sue sich zu erinnern. Man zog das an, woran man glaubte. Sue beschloss, an den Erfolg des kommenden Abends zu glauben.

„Mr und Mrs Urquhart?“ Die freundliche junge Dame an der Rezeption musterte sie etwas intensiver, als Sue angebracht schien.

Andererseits, wer wollte es ihr verdenken: Dr. Terence Urquhart, der heißeste Sexpapst der britischen Inseln, checkte gerade ein. Da lohnte sich schon der ein oder andere Blick mehr.

„Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt, Sir.“ Die Rezeptionistin reichte Terence die Schlüsselkarte.

Ein Kingsize-Bett mit einem großzügigen, bordeauxrot schimmernden Baldachin, cremefarbene Bettwäsche, dunkelrote Polstermöbel mit lilafarbenen Kissenlandschaften, ein fast schwarzer, seidig glänzender Parkettboden. Viel Platz, um die anatomischen Grenzen des Körpers und die Fantasie des Geistes auf die Probe zu stellen. Sue strich fast ehrfürchtig über die perfekt geglätteten Laken und stellte sich vor, wie sich der teure Stoff an ihren Körper schmiegen würde. „Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt“, murmelte sie. Leichte Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus.

„Darling, ich will dich nicht aus deinen Tagträumen reißen“, entschuldigte sich Terence, „aber unser Tisch ist für acht bestellt und das ist in zehn Minuten.“

„Schade“, meinte Sue und schmiegte sich an ihn. „Wir hätten uns schon etwas eingewöhnen können.“

„Du wirst mich heute noch genug genießen können. Außerdem“, nun knabberte er an ihrem Ohr, „habe ich wirklich Hunger.“

„Ich eigentlich auch“, gab Sue zu und knabberte zurück, an einer Stelle am Hals. Fürs Ohr war sie ein wenig zu klein.

Das war eben der Unterschied zu einem frisch verliebten Paar, dachte sie ein wenig ernüchtert: Diesem wäre ein reservierter Tisch egal. Nach siebzehn Jahren Ehe war man jedoch wieder in der Lage, Prioritäten zu setzen.

„Dann machen wir uns mal fein“, sagte Sue und freute sich darauf, ihr neues Kleid von Alberta Ferretti ausführen zu können, für das sie die letzten beiden Wochen gehungert hatte. Die Schnittführung war so raffiniert, dass ihre leicht dominante Hüfte perfekt kaschiert wurde und ihr hübsches Dekolleté sich auf das Prächtigste präsentierte. Sie würde sich fühlen wie eine Sexgöttin.

Mit einer Viertelstunde Verspätung – selbst eine Sexgöttin brauchte schließlich ein gutes Makeup – hielten sie und Terence Einzug in das Michelin-besternte Restaurant. Da ihr Tisch am Fenster stand, mussten sie den gesamten Saal durchqueren, und Sue genoss die Blicke, die auf ihnen ruhten. Früher wäre ihr das peinlich gewesen, aber mittlerweile tat ihr die Aufmerksamkeit genauso gut wie eine teure Wellnessbehandlung. Leichtes Getuschel machte sich breit: Einige Gäste hatten wohl Terence erkannt und würzten mit lässigem name-dropping ihre Tischgespräche. Um die beiden dann ebenso lässig den ganzen Abend zu ignorieren. Das war der Vorteil, wenn man in einem Restaurant dieser Klasse speiste: Man wurde in Ruhe gelassen.

Sobald sie auf den cremefarben gepolsterten Stühlen saßen und kurz die Aussicht bewundert hatten – wenn der leichte Wind die Blätter der riesigen Buchen etwas nach rechts blies, konnten sie das Lichtermeer von Bath erkennen – brachte der Kellner den Champagner.

Nachdem der Sommelier mit ausgesprochener Eleganz, die Sue ihm außerhalb des Restaurants bei seinem sehr robusten, an einen Rugbyspieler erinnernden Körperbau nicht zugetraut hätte, den Champagner eingeschenkt hatte, erhob Terence sein Glas. „Auf die wunderbarste Frau der Welt.“

Sue schossen Tränen der Rührung in die Augen. Nach so langer Zeit so etwas zu hören, von ihrem Terence, den sie vor 17 Jahren heimlich im schottischen Gretna Green geheiratet hatte ...

Sie hatte es nie bereut, obwohl der Anfang nicht leicht gewesen war. Mit ihrem damals noch etwas holprigen Englisch, ohne Studienabschluss und einem zwar soliden, aber einfachen familiären Hintergrund war sie für Terences Mutter Tessa alles andere als die Traumschwiegertochter gewesen. Freunde der Familie pflegte sie über den Familienneuzugang folgendermaßen aufzuklären: „Sie ist dieTochter eines Fotografen aus Hallstatt.“ Dann folgte für gewöhnlich eine Kunstpause. „Ihr wisst nicht, wo das liegt?“ Gewöhnlich folgte nun ein gekünsteltes Lachen. „Hinter Salzburg, dort, wo die Häuser fast in den See fallen.“ Kein Wort ihrer Beschreibung klang für sich betrachtet abwertend, doch Tessas Tonfall drückte mehr als deutlich ihre ganze Geringschätzung für die Schwiegertochter aus.

Die männlichen Mitglieder der Familie, allen voran Vater Aubrey und dessen Bruder Selwyn, waren da weit aufgeschlossener gewesen. Nun ja, ein ansehnlicher Busen, blaue Augen und blonde Locken waren durchaus Argumente, die der Integration einer Ausländerin zuträglich waren. Damals hatte Terence gerade seine gynäkologische Praxis eröffnet. Er saß auf einem Berg von Schulden, arbeitete wie verrückt und machte sogar noch eine Fortbildung zum Psychotherapeuten. Dann ging es Schlag auf Schlag nur noch in eine Richtung – nach oben, und jetzt war Terence Urquhart eine Kapazität, der Sex-Spezialist des Königreichs. Bekannt aus Funk und Fernsehen … Dazu zwei gesunde Kinder. Was wollte sie mehr?

„Nicht weinen, Darling“, sagte Terence und wischte ihr zärtlich eine Träne von der Wange. „Trink.“

Sue nahm einen Schluck. „Ein guter Jahrgang“, sagte sie.

„So wie du.“

Ach Terence, dachte sie, irgendwie findest du trotz allem immer wieder genau die richtigen Worte. Der Champagner schickte ein wohlig-warmes Prickeln durch ihren Körper und legte über ihre Augen einen Weichzeichner. Mit einem glückseligen Lächeln lehnte sie sich zurück und ließ ihren Blick durch das Restaurant schweifen. Alles war so schön hier, so zurückhaltend exquisit: Die kostbaren Lüster, die erlesenen Hölzer der Wandtäfelung, die makellos gestärkten elfenbeinfarbenen Tischdecken, die Roben und der Schmuck der weiblichen Gäste (was das Aussehen derselben betraf, half der Weichzeichner zum Teil enorm), das leise Klirren des altmodischen Silberbestecks, selbst der dezent französische Akzent des Kellners, der mit einem kleinen Gruß aus der Küche an ihrem Tisch aufgetaucht war. Er servierte ein stylisches Etwas auf einem kleinen Teller, das sich als Feige im Rohschinkenmantel entpuppte.

„Feigen, so, so“, murmelte Terence.

„Was, so, so?“, fragte Sue.

Terence senkte seine Lider und setzte etwas auf, das er wohl für einen Schlafzimmerblick hielt. Tatsächlich wirkte er eher wie ein Schmierenkomödiant, der versuchte Valentino zu sein.

„Sie machen gelüstig und haltlos.“

Sue kicherte. „Gelüstig? Wo hast du denn dieses Wort her?“

„Hildegard von Bingen.“

„Du beschäftigst dich mit einer deutschen Nonne, die im Mittelalter gelebt hat?“

„Wenn sie Dinge weiß, die mit gelüstig zu tun haben, auf jeden Fall.“

„Übertreiben die hier nicht ein wenig, wenn bereits der Gruß aus der Küche gelüstig ist? Ich hoffe, wir erleben noch den Rest des Menüs, ohne dass wir explodieren.“

„Entspanne dich. Die arbeiten nach dem Motto Gas geben, Bremsen, Gas geben, und so weiter.“ Terence lächelte vielsagend.

Sue lächelte etwas gezwungen zurück. Die Stop-and-Go-Technik gehörte zum täglichen Brot ihres Mannes. Er empfahl sie allen Männern, die zu früh kamen. Leider nützte sie nichts, wenn man gar nicht mehr kam.

Den anschließenden Salat mit Avocado und Riesencrevetten sowie das Karotten-Koriander-Süppchen überstanden sie jedenfalls, ohne übereinander herzufallen.

Beim Stubenküken mit Gemüse blitzte in Sue plötzlich die Besorgnis auf, ob es Amy und Philipp gut ginge. Aber Amy war fünfzehn, und eine Nacht alleine mit ihrem kleinen Bruder würde sie doch hinbekommen. Oder?

„Zuhause ist bestimmt alles in Ordnung“, sagte Terence unvermittelt und tätschelte beruhigend ihre Hand.

„Woher weißt du ...“, fragte sie staunend.

„Ich kenne diesen Blick“, antwortete er gleichmütig. „Den setzt du immer auf, wenn du zur Glucke mutierst. Außerdem hast du nach oben rechts gesehen, was bedeutet, dass du etwas visuell konstruierst. Wahrscheinlich hast du dir ein Schreckensszenario mit einem blutenden Philipp vorgestellt und einer Amy, die nichts davon mitbekommt, weil sie seit 40 Minuten unter der Dusche steht.“

Das kam dem, was sie sich tatsächlich vorgestellt hatte, ziemlich nahe. Es hatten nur noch entlaufene Triebtäter mit einer Vorliebe für Schusswaffen gefehlt. Verlegen verstümmelte sie das Stubenküken mit dem schweren Silberbesteck. Gleichzeitig ärgerte es sie gewaltig, dass sie so leicht zu durchschauen war. In ihrem nächsten Leben würde sie keinen Mann in ihre Nähe lassen, der das Wort Psychologie auch nur buchstabieren konnte.

„Ich kann nicht mehr“, seufzte Sue, als schließlich der Dessertteller vor ihr stand. Eine Komposition mit Mango und Eispraline an Schokoschaum. Der Griff zum Löffel erfolgte jedoch überraschend schnell. „Das sieht einfach zu schön aus, um es unbeachtet liegen zu lassen.“

Dann würden sie in der Bar einfach etwas schneller tanzen, Samba zum Beispiel. Durch die sexy Bewegungen würde sich jegliches Völlegefühl in null Komma nichts abbauen. Nachdem sie den ersten Bissen der saftigen Frucht, die aufreizend aufgeblättert vor ihr lag, gekostet hatte, meinte sie: „Irgendjemand hat mal erzählt, dass die Inder nur ab und zu Mangos essen.“

„Wieso das?“ Terences Lippen glänzten feucht vom Saft der Mango.

„Sie macht angeblich heißes Blut.“

Terence fühlte seinen Puls.

„Ich glaube nicht, dass du Hitze am Puls ablesen kannst“, erlaubte Sue sich zu erwähnen.

„Oh doch, Darling. Je heißer, desto schneller.“ Er nickte. „Mir scheint, die Betriebstemperatur ist erreicht.“

Sue musste kichern und tastete sich unter dem Tisch mit ihrem rechten Fuß seinen Oberschenkel hinauf. Da regte sich etwas. Eindeutig. Terence sah sie an. Aus diesen bernsteinfarbenen Augen mit den dunklen Flecken, die sie noch immer schachmatt setzen konnten.

„Gehen wir nach oben?“, sagte er und legte den Löffel beiseite.

„Wollten wir nicht noch tanzen?“ Kurz flammte Enttäuschung in ihr auf. Sie hatte sich so darauf gefreut – andererseits war die Alternative genau das, weswegen sie hierher gekommen waren.

„Ich fürchte, ich kann nicht mehr warten.“

Sie nickte. Es war so weit. Sie war bereit.

Als Terence ihr Minuten später leidenschaftlich die Kleider vom Leib riss, reagierte Sue wie circa 99,9 % aller Frauen: Bevor sie sich dem tornadoartigen Rauschen ihres Blutes und den Wellen der Lust, die mit Stärke 10 in ihrem Körper tobten, hemmungslos hingab, war sie mehr als erleichtert, dass sie den ganzen Vormittag bei Pandora’s Box, dem angesagtesten Schönheitssalon Londons, verbracht hatte. Fast wäre nichts daraus geworden, weil Terence ihr noch einen ganzen Packen Patientenakten zur Abrechnung mit den Worten „Es wäre gut, wenn die noch vor den Ferien raus gingen“ auf den Schreibtisch gelegt hatte. Reflexartig hatte sie prompt zum Hörer gegriffen, um ihren Termin zu stornieren, war dann aber zur Vernunft gekommen (was Terence sicher ganz anders gesehen hätte). Das konnte doch jetzt wirklich nicht wahr sein! Wenn sie die Termine und Verabredungen zusammenrechnete, die sie die letzten Jahre absagen musste, weil das „Unternehmen Urquhart“, wie Terence es immer nannte, sie brauchte, käme ein stattliches Sümmchen zusammen. Stattlich?, dachte Sue. Es war vielmehr beschämend, dass sie sich immer überfahren ließ und auf Dinge, die ihr wichtig waren, verzichtete. Doch dieses Mal nicht – sie würde die Akten einfach liegen lassen. Jedoch nicht, ohne zuvor online den Kontostand zu überprüfen, schließlich war sie ein braves Mädchen und die zuverlässigste Mitarbeiterin ihres Mannes. Das Konto stand in einem beruhigenden Plus. Wozu also die Eile? Ihr Hochzeitstag war wichtig, und Akten waren geduldig.

Und wie es sich gelohnt hatte, einmal nicht wie erwartet zu funktionieren: Ihre Haut war weich wie die eines Babys (Meersalz-Peeling, 30 Minuten), ihr Teint strahlte von innen (Spezial-Lifting-Massage bei Moira, 1 Stunde), und ihre Frisur hatte genau die lässige Ausstrahlung, die zwischen Dame von Welt und Betthäschen lag (2 Stunden Strähnchen bei Chaz und danach Manuels perfekte Föhntechnik).

Nicht dass Terence das im Moment auch nur eine Sekunde interessiert hätte. Nachdem er ihren Busen mit feurigen Küssen bedeckt hatte, drückte er sein Gesicht fordernd gegen ihres. Ihre Münder verschmolzen zu einem Zungenkuss, der so wild und süß war wie ihr erster, im April 1990 in einem zugigen WG-Zimmer in Berlin. Sues Knie wurden weich vor Hingabe und sie ließ sich bereitwillig von Terence zum Bett tragen, dessen Kissen im Kerzenlicht wie Perlmutt schimmerten. Sie fühlte sich wie eine Königin, als sie seine starken Arme um sich spürte. Nichts konnte ihr geschehen, solange er bei ihr war. Sanft bettete Terence sie auf das wunderbar kühle Laken und legte sich auf sie. Als sein Gewicht sie tief in die Matratze drückte, durchzuckte sie ein spontaner Orgasmus.

Gierig leckte sie seinen schweißnassen Körper und versank im Geruch seiner Haut, den sie so liebte. Plötzlich fühlte sie schmerzhaft, was sie all die langen Wochen so vermisst hatte. Sie wollte ihn, sie wollte ihren Mann. Und er wollte sie offenbar auch, sein Stöhnen wurde immer lauter, immer animalischer. Auf einmal erwachte in ihr der Wunsch, ihn zu sehen, jede Reaktion auf seinem Gesicht lesen zu können. Sie drehte sich um und setzte sich auf ihn. Sie fühlte sein Glied so tief und hart in ihr, dass es ihr den Atem raubte. Sie beugte sich zu ihm und ließ ihre Brüste von seiner Zunge liebkosen. In einem tranceartigen Rhythmus bewegten sie sich hin und her, bis er schließlich kam. Und kam. Und kam.

2

Terence schnarchte leise. Sue hingegen war hellwach und betrachtete diesen Mann, der neben ihr lag. Sein energisches Kinn mit dem kleinen Grübchen, die Lippen, die im Schlaf vorgeworfen waren wie die eines schmollenden Kindes, seine gemäßigte Adlernase, die ihn im Profil viel strenger wirken ließ als von vorne, sein dichtes, hellbraunes Haar, das mittlerweile von einigen silbernen Fäden durchzogen war. Sie streichelte seine Schläfe und spürte, wie sein Blut pulsierte.

Wer hätte damals gedacht, dass sie tatsächlich zusammenbleiben und heiraten würden? Und wer hätte gedacht, dass ihr heimlicher Ausflug nach Berlin ein endgültiger Abschied von Hallstatt sein würde?

Es war im April 1990, ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer. Berlin war die wohl aufregendste Stadt der Welt, und Sue hatte das Gefühl, als würde sie im idyllischen, aber engen Hallstatt im tiefsten Salzkammergut inmitten eines Übermaßes an frischer Luft ersticken. Sie packte gerade frisch entwickelte Fotos in die Ausgabetaschen, als das Telefon klingelte. Es war Vanni, ihre beste Freundin.

„Hi, Depeche Mode spielt in Berlin“, brüllte sie ohne große Vorrede in den Hörer.

„Nein!“, rief Sue fassungslos. Ihre Kultband! Ihr Kultsänger! Dave! Dave Gahan!

„Wir müssen hin“, stellte Vanni nüchtern fest.

Sues Herz raste. Dave endlich einmal live sehen. In Berlin! Endlich raus aus diesem Kaff, und wenn es nur für ein Wochenende war.

„Mike und Stefan fahren mit, Mike fährt.“

„Ich bin dabei“, rief Sue aufgeregt in den Hörer. „Wann genau ist das?“

„Nächsten Samstag.“

„Nein!“, rief Sue verzweifelt.

„Was ist?“

„Ich kann nicht!“

„Wieso?“

„Ich habe meinem Vater versprochen, im Geschäft zu bleiben, weil er auf Tour geht.“

Vanni schwieg. Solche familiären Verpflichtungen kannte die Tochter eines wohlhabenden Notars nicht. Vanni genoss alle Freiheiten, was sie auch weidlich ausnutzte.

„Kann der die Tour nicht eine Woche früher oder später machen? Dauernd hängst du in dem blöden Laden fest.“

Sue sah das genauso. Sie hasste den Fotoladen ihres Vaters am Marktplatz von Hallstatt. Dauernd musste man präsent sein, um ja keinen Schilling Umsatz zu versäumen. Vielleicht war sie auch ungerecht, denn ihr Vater arbeitete fast rund um die Uhr, damit es ihnen gut ging, und tat alles, um ihr die Mutter zu ersetzen, die einige Jahre zuvor an Krebs gestorben war. Franz Wallner, der gerne Fotografie auf einem anderen Niveau betrieben hätte als die Hallstätter auf ihren Familienfesten abzulichten, war an besagtem Wochenende wegen seines ureigensten Projekts unterwegs: Er machte Porträtaufnahmen von Bewohnern des Salzkammergutes. In der Art von Russell Lee in den 30er Jahren. Schwarzweiß, authentisch. Sue gefielen die Fotos, aber das Feuer der Begeisterung konnte sie nicht verstehen. Sie machte gerade eine Fotografenlehre, aber nur ihrem Vater zuliebe und weil sich nicht wusste, was sie sonst machen sollte. Sie wusste nur eins: Sie wollte weg, etwas von der Welt sehen, nicht lebendig begraben sein, eingeklemmt zwischen Felswänden und dem See.

„Nur zur Erinnerung“, meldete Vanni sich wieder. „Du bist achtzehn, volljährig und kannst machen, was du willst.“

„Ich glaube, volljährig bedeutet für meinen Vater etwas anderes als für das Gesetz.“

„Wird Zeit, dass sich das ändert“, sagte Vanni. „Du musst einfach mit. Depeche Mode. Berlin! Susi, das geht nicht ohne uns.“

Sues Vater sah das erwartungsgemäß anders.

„Es ist Hochsaison, wir können nicht das ganze Wochenende zusperren“, war sein knapper Kommentar.

„Wir werden schon nicht gleich tschari gehen“, schrie Sue verzweifelt.

„Was weißt du schon von Geld“, brummte er. „Wenn ich überall hingegangen wäre, wo ich hätte hin wollen ...“

„Dann sind wir ja schon zu zweit“, konterte Sue. „Dauernd muss ich in dem Scheiß-Laden stehen. Ich komme mir vor wie lebendig begraben. Und du haust ab in die Berge.“

„Als ob du freiwillig auf den Berg gehen würdest“, meinte Franz, nun etwas milder gestimmt. „Ich kann die Tour nicht absagen. Fünf Porträts sind drin, ich habe mich überall schon angemeldet. Ich halte mein Wort. Außerdem ist Berlin viel zu gefährlich. Da ist alles im Umbruch. Man hört da Dinge ...“

Sue schossen Tränen der Wut in die Augen. Wie sie das alles hasste! Diese dämlichen Fotos! Die waren doch nur bedrucktes Papier! Was war mit dem richtigen Leben? Sie wollte endlich etwas davon mitbekommen, aber ihr Vater erdrückte sie noch mit seiner Fürsorglichkeit. Sie wusste, dass er Angst hatte, sie nach ihrer Mutter auch noch zu verlieren. Aber merkte er denn nicht, dass er sie so zum Gehen zwang? Sie beschloss, nichts mehr zu sagen, denn ihr Entschluss stand sowieso fest: Sie würde fahren.

„Live-Konzerte von solchen Bands sind lange nicht so gut wie die Platten“, versuchte er sie zu trösten. „Ich geb’ dir Geld. Damit kannst du dir die neueste Platte von diesen Depeschlern kaufen.“

„Die habe ich doch schon längst“, gab Sue zurück und klebte die Tüte zu. Sie hatte gute Lust, diese ganzen Mistfotos zu zerreißen.

Zum Glück gab es einen Menschen, der irgendwie immer da war, wenn es zwischen Vater und Tochter ein Problem gab: Hilde, ihre Patentante. Sie verstand sofort, wie wichtig Sue dieses Konzert war, und bot an, den Dienst im Laden zu übernehmen. Hilde mit ihrer leutseligen Art war dafür sowieso besser geeignet als Sue, die sich nie sonderlich bemühte, ihre mangelnde Begeisterung zu verbergen.

Dave war großartig. Obwohl Sue viel zu weit von der Bühne entfernt war, spürte sie seine Präsenz bis in jede Faser ihres Körpers. Mit ihm verglichen waren Mike und Stefan zwei mickrige Bubis, die noch lange trainieren mussten, um Männer zu werden. Vanni, die mit ihren langen dunkelbraunen Haaren, ihrer Superfigur und ihrem Schmollmund wie eine Wiedergeburt von Uschi Obermeier aussah (sie selbst kannte diese Frau nicht, ihr Vater hatte sie auf Vannis Ähnlichkeit mit der Ikone der 68er aufmerksam gemacht) war bereits von einem Ring von Verehrern umgeben. Sue machte das nichts aus, denn mit Dave konnte es sowieso keiner der Typen hier aufnehmen.

Sie standen Körper an Körper gepresst in der Arena, alles war heiß und stickig und eng. Sue genoss jede Sekunde, bis sie völlig nassgeschwitzt gegen halb zwölf das Konzert verließen.

„Das war, das war...“ Sue fehlten die Worte.

„Und es ist noch nicht Schluss!“, rief Stefan aufgekratzt. „Jetzt wird gefeiert! Ich will rüber in den Osten. Da soll es so richtig abgehen.“

Sie landeten schließlich in einer Kellerkneipe irgendwo am Prenzlauer Berg. Die Musik dröhnte, die Luft war süß vom Geruch der Joints, und Sue fühlte sich leicht wie ein Vogel. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie tanzte, sie trank. Das war besser als alles, was sie bisher erlebt hatte. Irgendwann lachte sie nur noch, weil sie sich so frei fühlte.

Das Nächste, woran sie sich erinnerte, war, dass sie sich direkt auf die Schuhe eines Mannes im weißen Kittel übergab. Sie schämte sich so, dass sie keinen Ton herausbrachte. Außerdem wäre sprechen viel zu anstrengend gewesen. Ihr Körper fühlte sich an wie durch die Mangel gedreht.

„Na, haben Sie etwas zu heftig gefeiert?“ Der Mann im weißen Kittel sah sie prüfend an.

Er hatte wunderschöne Augen. Wie Bernstein mit Schokosplittern. Und auf seinen Schuhen thronte ihre gelbgrüne Kotze. Peinlicher ging es nicht mehr.

„Bin ich im Krankenhaus? Sind Sie ein Arzt?“, krächzte sie.

„Zweimal richtig geraten.“ Er fühlte ihren Puls. „Ich möchte Sie heute gerne zur Beobachtung hier behalten.“

„Das geht nicht!“

Er zog die Brauen nach oben.

„Ich muss unbedingt nach Hause.“ Ihr Vater würde sie umbringen.

„Warum?“

Sie biss die Lippen zusammen. Wenn sie jetzt noch sagte, dass ihr Vater sie eigentlich nicht hatte weglassen wollen, kam sie sich noch mehr vor wie ein dummes Kleinkind.

„Ich verstehe. Ein nicht ganz genehmigter Ausflug in die große Stadt.“ Er atmete tief durch. „Okay. Wir wollen nicht, dass Ihre Eltern sich unnötig Sorgen machen. Aber kein Alkohol und keine Joints mehr in den nächsten Tagen. Letzteres am besten gar nicht mehr.“

Sue nickte brav. Er hatte einen schnuckligen Akzent und war auch sonst irgendwie ganz süß. Und so jemandem versaute sie die Schuhe.

„Draußen sitzen drei Gestalten, die nur unwesentlich besser aussehen als Sie“, bemerkte er zum Schluss. „Ich nehme an, das sind Ihre Freunde.“ Er nickte ihr zu. „Passen Sie auf sich auf.“

Seltsamerweise bekam Sue Hunger, sobald sie das Krankenhaus verlassen hatten, und so landeten sie zwei Ecken weiter in einer Kneipe, die auf einer Tafel die besten Frikadellen der Stadt anpries.

Die faschierten Laibchen schmeckten auch wunderbar, bis zu dem Moment, als Sue bemerkte, dass der Arzt, IHR ARZT, das Lokal betreten hatte. Mit einem anderen Mann, wahrscheinlich einem Kollegen. Schlagartig verschloss sich ihre Speiseröhre und sie versteckte sich hinter Mike, der neben ihr bereits seine zweite Portion verschlang.

Es war ein netter, aber vergeblicher Versuch der Tarnung, denn schon Sekunden später drang ein „Schön zu sehen, dass Sie wieder Appetit haben, Fräulein Wallner“, an ihr Ohr. Es folgte ein Grinsen und der Spruch: „Jetzt kann ich Sie doch noch ein wenig beobachten.“

Sie hatte zwar keinen Spiegel, aber sie spürte auch so, dass sie noch nie in ihrem Leben so rot geworden war. Sie nickte kläglich und war froh, als er wieder zu seinem Tisch zurückging.

„Wollen wir nicht langsam fahren?“, fragte sie in die Runde. Auf einmal schien Hallstatt gar nicht mehr so schlimm zu sein.

„Ich bin doch mit dem Essen noch gar nicht fertig“, antwortete Mike. „Und die Zwei da drüben auch nicht.“ Er deutete auf Stefan und Vanni, die Dart spielten und nicht den Eindruck vermittelten, als hätten sie es eilig.

Sue schob den Teller von sich weg und ging auf die Toilette. Schämen funktionierte am besten alleine. Als sie zurück kehrte, hatte sich die Situation nicht verbessert. Ganz im Gegenteil, denn zu ihrem Entsetzen sah sie, wie sich der Arzt und sein Begleiter zu Stefan und Vanni gesellt hatten.

„Susi, komm, spiel auch mit!“, rief Vanni sie zu sich.

Sue seufzte, aber sie hatte wohl keine andere Wahl, wenn sie nicht alleine am Tisch sitzen wollte, denn auch Mike suchte sich inzwischen Dartpfeile aus.

Nach zwei Stunden hatte sie die Scharte mit den Schuhen wieder ausgewetzt, indem sie souverän gegen Terence, so hieß der Arzt und einzig ernsthafte Konkurrent ihrer Runde, gewann.

Und sie war verliebt. So was von verliebt. Es folgten lange Telefonate, der Schock ihres Vaters angesichts der horrenden Telefonrechnung, die Entscheidung, die Fotografenlehre sausen zu lassen und stattdessen Hotelfachfrau in London zu lernen, da Terence inzwischen dort war und in einer Frauenklinik arbeitete. Und fünf Jahre später schließlich die spontane Hochzeit in Gretna Green, an einem verregneten Wochenende, an dem Terence ihr eigentlich nur Schottland hatte zeigen wollen. Ihre frischgebackene Schwiegermutter hatte getobt, ihr Vater geschmollt, und selbst die verständnisvolle Hilde war etwas eingeschnappt gewesen. Aber Terence und sie hatten alle Kritiker Lügen gestraft. Sie waren immer noch zusammen, nach siebzehn langen Jahren.

„Siebzehn Jahre.“ Sie seufzte leise, drehte sich um und war irgendwann doch eingeschlafen, begleitet vom Rauschen des Windes und den tiefen Atemzügen von Terence. Irgendwann fühlte sie, wie etwas ihren Oberschenkel entlang strich. Ein Krabbeltier? Angewidert schlug sie mit der Hand dagegen und landete auf der ihres Mannes.

„Sue?“, flüsterte er.

„Ja?“, hauchte sie zurück.

„Ich wollte nur wissen, ob du wach bist.“

„Hm“, murmelte sie und spürte, wie seine Finger mit professioneller Geschicklichkeit ihren Venushügel erkundeten. „Was hast du vor?“ Eine dumme Frage, aber angesichts der Uhrzeit (2 Uhr 37) vielleicht auch nicht.

„Das fragst du noch?“

Ein zweites Mal? In einer Nacht? Wie lange war das her? Die Entwickler der kleinen blauen Pille hatten offenbar ganze Arbeit geleistet. Sue drehte sich auf den Rücken. Nun ja, sie sollte nehmen, was sie kriegen konnte.

Fünf Minuten später, um 2 Uhr 42, lag Terence bereits wieder auf seiner Seite des Bettes. Sue war verwirrt, und irgendwie … unerfüllt. Quickies zeichneten sich in der Regel nicht durch besondere Raffinesse aus (zumindest nicht nach ihrem Wissensstand), aber das gerade eben war schon ein bisschen schnell gegangen. Gut, es war hart, drängend und leidenschaftlich gewesen, aber sie selbst wäre auch gerne auf ihre Kosten gekommen. Andererseits, Terence einmal so entfesselt zu sehen, hatte sie total angemacht. Sie seufzte und kuschelte sich in ihre Decke, fand jedoch keine Ruhe. An Schlaf war nicht zu denken, so aufgewühlt, wie sie war. Wie von selbst glitt ihre Hand nach unten und streichelte ihre Klitoris. Wie gut das tat! Sie gab sich dem gleichmäßigen Rhythmus ihrer Hand hin und sank mit einem befreiten Stöhnen auf die Seite, als der Höhepunkt kam. Jetzt konnte sie endlich schlafen.

Als Sue die Toilettenspülung hörte, war es 4:18 Uhr. Sie wollte sich gerade umdrehen, um die gut zwei Stunden auszukosten, bis der Wecker klingeln würde, als er sich zu ihr setzte.

„Hm?“ murmelte sie schläfrig.

„Sorry, Darling.“ Terence strich ihr über die Wange. „Der da unten macht mich noch ganz verrückt. Ich muss einfach, sonst dreh ich durch.“

Sue riss die Augen auf.

Schon wieder? Selten hatte sie ein unattraktiveres Angebot bekommen. Bei ihr regte sich nichts, sie fühlte sich nur unendlich müde und ausgelaugt. Sie war eben keine zwanzig mehr. Der Penis ihres Gatten offenbar schon. Terence sah so unglücklich aus, dass sie ihre Decke zurückschlug und ihm Platz machte. Lust sah definitiv anders aus. Und genauso fühlte sich der anschließend durchgeführte Sex auch an. Als er ihre Beine spreizte und in sie eindrang, durchzuckte sie ein wunder Schmerz. Sie stöhnte kurz auf, was Terence völlig falsch interpretierte: Zu ihrem Entsetzen legte er noch einen Zahn zu. Irgendwo hatte sie die Gleitcreme verpackt, aber dazu war es jetzt zu spät. Morgen würde sie gehen wie auf rohen Eiern.

Wie hatte sie sich nach einem Moment wie diesem gesehnt, nach diesen langen Monaten ohne das, was man nüchtern die Erfüllung der ehelichen Pflichten nannte. Aber im Moment fühlte es sich genauso an. Sie kam sich benutzt vor. Offenbar reagierte Terence auch auf dieses chemische Wundermittel sehr heftig, wie auf alles zuvor, was sie schon ausprobiert hatten (asiatische Heilkräuter, indianische Heilkräuter, afrikanische Heilkräuter, Vitamine, Taurine, Protein in Mengen, die ganze Legionen von Bodybuildern glücklich gemacht hätten, und sogar diese grässliche Pumpe, aber an diese Episode wollte sie jetzt lieber nicht denken. Sie war sich vorgekommen wie eine Ingenieurin, die eine kaputte Pneumatikanlage zu reparieren hatte. Es hatte nicht funktioniert, denn sie hatte schließlich kein Ingenieursdiplom, Terence genauso wenig). Nie hätte sie gedacht, dass ausgerechnet er, dieser ein Meter neunzig große, durchtrainierte Mann, schon in relativ jungen Jahren solche Probleme hatte. Er war doch erst 47! Egal, dachte Sue, irgendeine Lösung wird es geben, aber jetzt interessiert mich nur noch eines: Schlafen.

Als der Wecker um sechs Uhr dreißig klingelte, zuckte Sue zusammen. Jeder Muskel tat ihr weh. Schwerfällig schleppte sie sich ins Bad, ließ sich auf die Toilette fallen und checkte ihr Blackberry. In drei Stunden mussten sie im Fernsehstudio sein, und sie war froh, dass sie nicht vor die Kamera musste, im Gegensatz zu Terence, der Stargast einer Talkshow zum Thema „Sex im Alter“ war. Auf dem Display tauchte der Terminplan des vergangenen Tages auf. Vier Stunden Beauty-Marathon. So wie die Nacht verlaufen war, hätte sie sich das alles sparen können. Ein Jogginganzug und ein schlampig gebundener Pferdeschwanz hätten auch gereicht. Hatte Terence im Eifer des Gefechts möglicherweise zu viele dieser Pillen genommen? Nach der monatelangen Flaute konnte sie es ihm nicht einmal verdenken. Für ihn als Mann musste das Ganze eine Katastrophe sein. Neben dem Waschbecken lag die Packung. Sue zog den Beipackzettel heraus. Die Nebenwirkungen waren nicht ohne. Sie hoffte, dass Terence den Tag ohne Herzinfarkt, Schlaganfall oder Verlust des Sehvermögens überstand. Und dann wirkte dieses unschuldig aussehende Pillchen auch noch 36 Stunden lang. Das wäre ja bis zum nächsten Morgen... Was für ein Teufelszeug! Sie würde sich auf jeden Fall bis dahin von Terence fernhalten. Da musste er alleine durch.

„Mrs Urquhart, Mr Urquhart? Ich hoffe, es war alles zu Ihrer Zufriedenheit?“ Die Rezeptionistin lächelte sie strahlend an.

Sue und Terence beschränkten sich auf ein Nicken. Sie sahen beide zum Fürchten aus. Da war nichts vom inneren Strahlen nach einer gelungenen Liebesnacht, nein, sie wirkten wie zwei Sherpas nach einem anstrengenden Aufstieg ohne Sauerstoffflasche.

3

Während der Fahrt zurück nach London rutschte Terence unruhig auf seinem Sitz hin und her.

„Ist es denn schon etwas besser?“, fragte Sue vorsichtig.

Er atmete tief durch. „Das kann ich leider nicht einmal zehnprozentig bejahen. Es zieht wie die Hölle.“ Er zupfte genervt an seiner Hose herum. „Leider steht im Beipackzettel nichts von einem Gegenmittel. Vielleicht sollte ich im Sender kalt duschen, um wenigstens bei der Aufzeichnung keine Gefahr für die weiblichen Gäste darzustellen.“

„Vielleicht hätten die gar nichts dagegen“, erwiderte Sue. Die an Terence gerichtete Fanpost enthielt in vielen Fällen eindeutige Angebote. „Bis zur Aufzeichnung hast du noch vier Stunden Zeit. Vielleicht beruhigen sich bis dahin deine Schwellkörper oder was auch immer.“

Terence seufzte. „Ich hoffe, du hast recht.“ Dann überzog ein Lächeln sein Gesicht. „Aber insgesamt gesehen war es doch schön.“

Sue zog es vor, auf einen Kommentar zu verzichten.

Dreieinhalb Stunden später, als sie bei den Studios von Channel A Pro im Norden von London angekommen waren, hatte sich die Lage bei Terence noch nicht entspannt.

„Geht es, Darling?“, fragte Sue mitfühlend, obwohl ihre Beinmuskulatur ebenfalls aufjaulte, als sie sich in ihren Louboutins aus dem Auto wand.

Terence stöhnte auf und dehnte sich. „Eine kalte Dusche brauche ich nicht mehr, aber das Ziehen ist immer noch da. Verdammt, ich kann nicht einmal normal gehen. Ich werde einmarschieren wie ein gealterter Preisboxer.“

Und ich im Schlepptau wie sein ebenfalls gealtertes Ringluder, dachte Sue. Es war typisch, dass er nicht fragte, wie es ihr ging. Er gab sich der Illusion hin, dass die vergangene Nacht ein unvergessliches Erlebnis für sie gewesen war. Was gab es da noch nachzufragen?

Der Pförtner sollte der Einzige bleiben, der die Ankunft von Terence Urquhart mit einer lässigen Ignoranz hinnahm, denn kaum hatte der die zweckmäßig hässlichen, aber heiligen Hallen der Fernsehstudios betreten, schien es, als finge die stickige Luft an zu vibrieren. Alle lächelten. Die einen schüchtern, die anderen anzüglich, die nächsten wissend. Sex-Papst war man eben nicht ungestraft.

Da sie wie gewöhnlich spät dran waren, eilten sie ohne große Umwege direkt in die Garderobe, einer jungen Frau, die am Ende des langen Flurs stand und mit einem Mann sprach, kurz zuwinkend.

Sue fing an zu zählen. Eins. Terence begrüßte Paula, die Maskenbildnerin, mit einem strahlenden Lächeln und ließ sich mit der typischen Nonchalance eines Angehörigen der britischen Oberklasse in den Sessel fallen. Zwei. Terence zog sein Smartphone heraus. Drei. Die Tür wurde aufgerissen, und die junge Frau vom Flur, Fiona, stürmte herein. Bingo. Fiona war die Assistentin der Moderatorin Sondra Anderson, die in einer halben Stunde die Sendung No Limits moderieren sollte. Fiona stürmte immer. Es war, als schwebte eine Aura der Atemlosigkeit um ihren dünnen, busenlosen Körper. In ihrer Gegenwart fühlte Sue sich stets wie ein dicker, unbeweglicher Buddha. Während Fiona Küsschen mit Terence austauschte und die Maskenbildnerin ignorierte, checkte Sue kurz ihre Tasche. Sie waren da. Alles in Ordnung. Sie lächelte, denn jetzt war sie an der Reihe.

„Sue, meine Liebe, gut siehst du aus. Heiß heute, nicht wahr?“, flötete Fiona, nachdem sie Sue von Kopf bis Fuß taxiert hatte. Dann, nach einem Blick Richtung Boden, kam der Aufschrei. „Du hast die Lucifer Bow von Louboutin!“ Ihre Stimme drohte zu kippen.

Auf nichts war so sehr Verlass wie auf Frauen mit einem Schuhtick. Und Fiona hatte einen. Sue nicht, aber wie es der Zufall so wollte, hatte Terence der Leiterin des Showrooms bei einem heiklen Problem weiterhelfen können, und so kam Sue immer in den Genuss von Schuhen, die zwar in jeder Frauenzeitschrift angepriesen, doch ansonsten nur auf Warteliste zu erwerben waren. Tja, Dankbarkeit war etwas Schönes. Und noch schöner war es, Menschen, die einem ansonsten eher mit Geringschätzung (und das war noch vorsichtig ausgedrückt) begegneten, Neid zu entlocken.

Fiona betrachtete die fliederfarbenen Riemchen, denn aus viel mehr bestanden die Schuhe nicht, wie ein seltenes Ausgrabungsstück. „Oh mein Gott, ich würde sterben für diese Schuhe“, hauchte sie.

„Lieber gestern als heute“, murmelte Paula und drängte Fiona beiseite. „Ich müsste jetzt mal anfangen.“

Fiona reagierte nicht.

„Sind ja nur Schuhe“, murmelte Sue, der diese Verehrung allmählich peinlich wurde. Vielleicht sollte sie beim nächsten Mal Weihrauch mitbringen.

Fiona sah aus, als hätte Sue sie mit einem Zauberspruch aus einer Trance aufgeweckt. „Nur Schuhe! Sie wissen selbst, dass das nicht stimmt“, meinte sie mit leichtem Kopfschütteln. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken holen? Irgendwie sehen Sie beide aus, als hätten Sie einen Energieschub nötig. Wie wäre es mit“, es folgte eine kleine, dramatische Pause, bevor sie auf deutsch „Einen Verlängerten, bitte?“ radebrechte und die Urquharts Beifall heischend anlächelte, als wollte sie für ihre kümmerlichen Deutschkenntnisse, die sie sich bei ihren jährlichen Schiurlauben in Tirol angeeignet hatte, gelobt werden.

Doch Sue sah vor ihrem geistigen Auge keinen verdünnten Espresso, sondern Szenen der vergangenen Nacht mit einem fast schon verzweifelten Terence und ihrem frustrierten Selbst. Auf derartige Verlängerte konnte sie in Zukunft getrost verzichten. Sie suchte unwillkürlich den Blick ihres Mannes, doch der starrte unbewegt in den Spiegel, räusperte sich ausgiebig, schlug die Beine übereinander und schüttelte schließlich den Kopf.

„Nein danke“, lehnte er Fionas Angebot ab, „Schweißperlen machen sich nicht gut auf dem Bildschirm.“

„Ganz richtig“, lautete Paulas Kommentar. „Bei den Royals ist das genauso. Die trinken auch nichts, um nicht am Ende mit Schweißflecken da zu stehen.“

Fiona ignorierte die Maskenbildnerin. Sue wünschte ihr nur, dass sie niemals auf deren Künste angewiesen sein würde, denn für jahrelanges Ignoriertwerden würde sich Paula sicher mit einem entstellenden Makeup rächen.

Fionas Handy meldete sich mit einem wummernden Bass. Mit gespieltem Genervtsein nahm sie das Gespräch an. Es dauerte nur wenige Sekunden und endete mit einem „Ja.“ Fiona sah in die Runde. „Sondra wird gleich hier sein.“

„Na, das nenne ich mal eine Neuigkeit“, sagte Terence mit ironischem Tonfall.

Auch Sue musste grinsen. Sondra würde sich keine Gelegenheit entgehen lassen, um Körperkontakt zu Terence herzustellen. Das ging besonders leicht, wenn er auf dem Schminkstuhl saß und nicht fliehen konnte.

Sue lehnte sich an die kühle Wand. Sie hatte diese immer gleichen Spielchen satt. Jeder nahm sich furchtbar wichtig und tat, als hinge von seinem Job das Überleben der Menschheit ab. Fiona drehte wegen ihrer Schuhe durch, was Sue wiederum toll fand, weil diese Frau sie sonst genauso links liegen lassen würde wie Paula, die Maskenbildnerin. Andererseits war es erbärmlich, nur wegen seiner Schuhe bemerkt zu werden. Aber es war nicht nur Fiona. Diese ... ja, was war es eigentlich ... diese Zweitrangigkeit zog sich durch ihr ganzes Leben. Sie war immer nur existent in Zusammenhang mit jemand anderem. Die Frau/Managerin/Agentin von Terence, die Mutter von Amy und Philipp, die Tochter von Franz und Annemarie Wallner, die arme Halbwaise, die mit 15 ihre Mutter verloren hatte und dem Vater mit ihrem Dickkopf ganz schön eingeheizt hatte. Wann hatte sie jemals für sich selbst gestanden? Was und wer zum Teufel war sie? Ein saurer Geschmack kroch aus ihrem Magen hoch. Zum Glück hatte sie noch eine Flasche Wasser in ihrer Handtasche. Sie trank mit unverhohlener Gier. Es schmeckte zwar schon etwas abgestanden, aber es tat dennoch gut. Doch die Frage blieb: Wer war sie? Oder noch besser: Wer war sie schon? Das Anhängsel eines ziemlich bekannten TV-Arztes. Bloß kein Selbstmitleid, schimpfte sie sich selbst. Mir geht es materiell gut. Ich bin für eine ganze Menge Menschen wichtig. Terence wüsste ohne mich nicht einmal, wo sich sein Verlag befindet. Ich organisiere alles, von Lesereisen bis zu Rechercheterminen, ich kümmere mich darum, dass die Praxis läuft.

Das sind doch alles keine Dinge, die man auf den Grabstein schreibt, flüsterte prompt ein böses Stimmchen, du hast kein eigenes Leben.

„Es kommt wahrlich nicht oft vor“, meinte Paula, während sie stirnrunzelnd das Gesicht von Terence musterte, „aber in diesem Fall muss ich Fiona zustimmen. Sie sehen wirklich aus, als hätten Sie eine unruhige Nacht hinter sich. Ich fürchte, heute müssen wir unter den Augen mit dem Abdeckstift ran.“

„Aber keinen zu dunklen“, warf Sue ein. „Letztes Mal sah er aus wie ein Brillenpanda.“

„Echt?“, erwiderte Paula und runzelte die Stirn. „Ah, da war ich in Urlaub. Wer hat mich vertreten? Wahrscheinlich Terry. Die hasst alles, was heller ist als die Haut von Denzel Washington.“

„Es war Olivia“, meinte Sue.

„Olivia?“ Paula stemmte die Hände in die Hüften. „Dann wundert mich nichts mehr.“ Sie machte eine Pause und zögerte, weiterzusprechen, tat es dann aber doch. „Wahrscheinlich war sie noch in Gedanken beim Musical ‚Der König der Löwen‘. Seit sie dort die Gazellen schminken darf, kleistert sie alles und jeden mit Terracottapuder zu.“

Sues Kopf hämmerte. Sie betrachtete Terence, der schläfrig im Schminkstuhl saß und sich von Paula abpudern ließ. Es war, sie hatte nachgeschaut, das elfte Mal, dass Terence bei Sondra zu Gast war. Was waren sie bei der ersten Sendung aufgeregt gewesen! Drei Stunden zu früh waren sie erschienen, aus Angst, zu spät zu kommen. Wie hatten sie die prickelnde Atmosphäre genossen, den Duft der Schminke, die Kameras. Als die Sendung ein Erfolg wurde, schwebten sie im siebten Himmel. Dann gab es eine weitere Sendung. Und noch eine, und noch eine … Und jetzt herrschte nur noch Routine, zumindest für sie, die im Hintergrund agierte.

In der Luft hing der penetrante Geruch von Puder. Sie glaubte zu ersticken und musste husten. Niemand achtete auf sie. Wahrscheinlich könnte ich hier tot umfallen, dachte sie, und keiner würde sich dafür interessieren. Fiona würde sich natürlich schnell ganz unauffällig ihre Schuhe unter den Nagel reißen. Sue krallte sich ihre Tasche und stand auf. „Ich bin mal kurz weg.“

Zum Glück war niemand auf der Toilette, und mit einem tiefen, erleichterten Seufzen ließ Sue sich auf den Toilettensitz sinken. Sie stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und legte den Kopf in ihre Hände. Ich will nie wieder aufstehen. Sie stellte sich vor, wie Terence sie suchte, wie er sein Hündchen vermisste, das alle Termine für ihn machte, seine Muse (ha ha, schöner Spruch, aber schon lange nicht mehr wahr), die ihm alles, was ihn in seiner Arbeit beeinträchtigte, vom Leib hielt (und das war mehr, als man für möglich gehalten hätte).

In der Stille ihrer Kabine spürte sie mehr als deutlich, wie müde sie war. Ich will hier nicht mehr raus. Da läutete das Handy und holte Sue aus ihrer Lethargie. Seufzend fischte sie es aus ihrer Tasche. Sie seufzte gleich noch einmal, als sie hörte, wer dran war. Melissa Brown-Harryman, die Vorsitzende des Elternbeirats von Philips Schule.

„Oh mein Gott Sue!“, schrie sie völlig hysterisch. “Bin ich froh, dass ich dich erreiche!“

„Was gibt’s denn?“, fragte sie träge.

„Eine Katastrophe! Margret fällt aus, sie kann nicht kommen!“

Diese Art Katastrophe war nicht von der Art, die Sue aus ihrer Apathie reißen konnte. Sie raffte sich lediglich dazu auf, sich etwas aufrechter hinzusetzen. „Wieso kann sie nicht?“

„Margret hat kurzfristig einen Termin bei Home and Country für eine Home Story bekommen! Obwohl ich das nicht kommentieren möchte“, fügte sie mit leicht pikiertem Unterton hinzu. „Es hat etwas Vulgäres an sich.“

Und mein Mann spricht im Fernsehen über schlappe Schwänze, dachte Sue. Wie vulgär findet Melissa Brown-Harryman wohl das? „Wo ist das Problem? Ich bin doch sowieso eingeteilt.“

„Könntest du eine Stunde eher kommen?“, keuchte Melissa. „Wir haben niemanden für den Würstchenstand.“

Sue riss gedankenverloren das Toilettenpapier in dünne Streifen.

„Sue! Ich höre dich nicht! Bist du noch dran?“

„Ja, ja“, murmelte Sue und überlegte, welche Origami-Figur man aus dem Papier falten könnte. „Würstchenstand. Okay. Wann muss ich da sein?“ Die frische Luft würde ihr sicher gut tun, und Terence kam mit Sondra wunderbar alleine zurecht.

„Sue, du bist ein Schatz!“, jubilierte Melissa. „Also dann in einer Stunde. Ich zähle auf dich!“

„Wie schön“, murmelte Sue und drückte Melissa weg.

Ihr Blick fiel auf ihre Tasche. Das luxuriöse Leder schimmerte sanft im Neonlicht. Da drinnen waren sie, die Tabletten, die alles ein wenig leichter machen würden. Sie wusste, dass sie in letzter Zeit gefährlich viel von diesen Dingern genommen hatte. Aber dieses Absinken in die Müdigkeit konnte sie sich nicht leisten. Sue dachte an die Würstchen, an die Fernsehsendung. An die Abrechnung, die sie noch zu erledigen hatte, wahrscheinlich in einer Nachtschicht. An das Verlagsgespräch heute nach dem Schulfest, bei dem die große Lesereise von Terence besprochen werden musste. Was für ein Tag! Und das nach dieser Nacht. Sue streckte ihr Bein aus. Es zog unangenehm. Und dann war da noch am nächsten Tag die Geburtstagsfeier ihres Schwiegervaters auf dem Familienstammsitz. Sie dachte an die drei Kilo zu viel, die sie immer noch mit sich herumschleppte. Wie praktisch, dass dieses Aufputschzeug auch appetithemmend wirkte, zwei Kilo hatte sie schon abgenommen.

Sie riss die Tasche an sich wie eine Ertrinkende den Rettungsring und ließ den Verschluss aufschnappen. Schön sah die Verpackung aus, pastellfarben, apricot und grün. Optimistisch, Freude versprechend. Den Beipackzettel legte sie gleich weg, da stand sowieso nur das drin, was sie jetzt nicht sehen wollte. Sie arbeitete sich zielstrebig zum Blisterstreifen vor. Nur blöd, dass sie zum Hinunterschlucken Wasser brauchte und ihre Flasche in der Maske vergessen hatte. Sie wäre so gerne einfach hier sitzen geblieben. Langsam wurde es hier richtig gemütlich. An sich nestelnd und zupfend wand sie sich hoch, ohne die Tabletten aus der Hand zu geben.

Das war doch jetzt ganz einfach, dachte sie, als sie vor dem Waschbecken stand und eine Tablette geschluckt hatte. Alle machen das. Das ist keine Niederlage. Sie hob den Blick und betrachtete sich im Spiegel. Das hätte sie lieber nicht tun sollen, denn es erzeugte in ihr das dringende Bedürfnis, gleich noch einmal eine Tablette zu nehmen. Sie sah nach oben zur Beleuchtung. Diese Neonröhren. Die waren schuld. Von allein konnte niemand so beschissen aussehen wie sie gerade jetzt. Die Krone der Schöpfung – ha!

Plötzlich wurde die Tür zum Gang schwungvoll geöffnet. Bitte lass es nicht Sondra oder Fiona sein, betete Sue. Ihr Stoßgebet hatte Erfolg, es war eine ihr unbekannte Frau in den Sechzigern, die aussah, als käme sie gerade vom Segeln. Blauweiß gestreiftes Bretonenshirt, weiße Hose, marineblauer Blazer, luftgetrocknete, grauschwarz melierte, knapp schulterlange Haare. Und ein unverschämt frischer, fast faltenfreier Teint, der einwandfrei verriet, dass die Dame Segeln nicht zu ihren Hobbys zählte.

Nachdem sie Sue kurz zugenickt hatte, ließ die Frau kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen. „Du liebe Güte, bin ich aufgeregt!“ Sie drehte den Wasserhahn zu und sah zu Sue. „Ich bin heute das erste Mal im Fernsehen! Ich, Polly Myers!“

Sue lächelte.„Bei welcher Sendung treten Sie denn auf?“

„No Limits“, antwortete Polly. Sie klopfte sich auf die Brust. „Mein Herz klopft wie wild.“

Sue lächelte. „Ein bisschen Lampenfieber hat jeder, glauben Sie mir. Es wird bestimmt alles gut gehen.“

Polly blickte skeptisch. „Arbeiten Sie hier, Mrs?““

„Urquhart“, ergänzte Sue. „Nein, aber ich begleite meinen Mann, der ab und zu hier ist.“

Polly hatte die Augen aufgerissen. „Urquhart? Dann ist Ihr Mann der Urquhart?“

Sue nickte.

Polly zog anerkennend ihre Augenbrauen hoch. „Dann sind Sie ja in besten Händen.“

Sue schwieg.

„Ach, wäre ich nur wie meine Patienten.“ Polly seufzte.

„Wie sind die denn?“ Sue kämmte sich die Haare. Manuel war auch schon mal besser gewesen. Die Föhnfrisur war keine mehr und sah nur noch desaströs aus.

„Dement. Die nehmen alles, wie es kommt und vergessen es sofort wieder. Das ist manchmal gar nicht so schlecht.“

Dement? Was zum Teufel hatte eine Demenzärztin in einer Sexsendung zu suchen? Es ging zwar um Senioren, aber demente Senioren und S.., das wollte sie sich lieber nicht vorstellen.

„Und Sie sind tatsächlich bei No Limits? Da geht es heute um Sex“, fragte Sue nach.

„Es geht doch immer um Sex“, antwortete Polly lakonisch.

Sie klang wie eine Inkarnation von Terence, der stets das Gleiche behauptete. Musste er ja, er lebte schließlich davon, und das nicht schlecht.

Sue war verwirrt, was vielleicht auch daran lag, dass sich in ihrem Kopf alles drehte.

„Darf ich fragen, in welcher Funktion Sie an dieser Sendung teilnehmen?“

„Ich leite ein Seniorenheim, und wir haben Schlagzeilen gemacht, wenn ich das so sagen darf“, meinte sie und betrachtete sich stirnrunzelnd im Spiegel. „Also der Lippenstift, den mir diese Maskenbildnerin da aufgetragen hat – das bin nicht ich.“ Sie nahm sich ein Papierhandtuch und wischte das dunkle Bordeaux resolut weg. „Da nehme ich doch lieber meinen eigenen“, murmelte sie und trug einen dezenteren Rosenholzton auf.

„Schlagzeilen?“ Sue konnte sich im Zusammenhang mit Altenheimen an keine Sensationen erinnern. Keine Morde aus Barmherzigkeit, keine Fesselungen, keine Hungertoten.

„Wir legen Wert darauf, dass das Sexualleben unserer Bewohner nicht zu kurz kommt.“

Sue verspürte einen leichten Brechreiz. Okay, es war unfair, jeder wurde alt. Aber geriatrische Leiber, in Ekstase miteinander verbunden, das war, ja, was war es? Vorsichtig ausgedrückt gewöhnungsbedürftig.

„Es ist ein Tabu“, sagte Polly und traf damit für Sue den Nagel auf den Kopf. „Die Alten werden ausgegrenzt, und dabei haben auch sie sexuelle Bedürfnisse. Sie würden sich wundern.“ Sie musterte Sue im Spiegel. „Schockiere ich Sie, Schätzchen?“

Sue hüstelte. Gott war das peinlich.

Polly lächelte. „Als ob man seine Libido ab dem Sechzigsten abgibt.“ Sie sah auf die Uhr. „Ups, jetzt haben wir uns richtig verplaudert. Und ich muss auch noch mal…“

„Aber natürlich“, meinte Sue. „Nicht dass sie noch zu spät zur Sendung kommen.“

Als sich die Tür zur Kabine schloss, rief Sue: „Ich drücke Ihnen die Daumen!“

„Danke“, tönte es ein wenig atemlos zurück.

Auf einmal freute Sue sich auf die Sendung. Sie versprach, ziemlich spannend zu werden.

Als Sue in die Maske zurückkam, war Sondra Anderson, die Moderatorin von No Limits, bereits da. Irgendwie gelang es dieser Frau immer, ein Körperteil an Terence anzudocken. Vielleicht war sie gar nicht nymphomanisch, wie Sue immer gedacht hatte, sondern litt an Frotteurismus? Krank war diese Frau auf jeden Fall. Hätte Sue die Berichte der Klatschmagazine, die über die Affären dieses blond gefärbten, abgesaugten und zugegebenermaßen von einem begnadeten Schönheitschirurgen gestraffte Faktotums des englischen Fernsehens gesammelt – Sondra war seit mehr als einem Vierteljahrhundert aktiv –, könnte sie leicht ihren Vorgarten damit pflastern.

Gerade war es Sondras Fuß, der wie zufällig seinen streifte, als sie sich zu Fiona beugte, um einen Blick auf die Gästeliste zu werfen. Terence merkte jedoch nichts, da er gerade dabei war, Chris, dem Produktionsassistenten des Verlags, der im nächsten Monat sein neues Buch „Unlust als zweite Chance“ herausbringen würde, einige Änderungsvorschläge in letzter Sekunde zu unterbreiten.

„Mir sind gestern noch einige Gedanken untergekommen, die ich gerne noch in einem Extrakapitel einfügen möchte.“

Sue konnte förmlich spüren, wie sich Terences Gesprächspartner verkrampfte. Du liebe Güte, die Druckfahnen waren fertig! Die ganze Woche hatte sie Korrektur gelesen, weil das Manuskript morgen in Druck gehen würde, und jetzt kam ihr Gatte mit brandneuen Ideen. Zum Glück verkauften sich seine Bücher extrem gut – nur deshalb war der Verlag bereit, den immensen Verschleiß an Betreuungspersonal zu akzeptieren. Chris Lubin schien ihm jedoch ein ebenbürtiger Gegner zu sein, und Sue wunderte sich, dass Terence schließlich mit den Worten „Dann habe ich gleich den Aufhänger für mein nächstes Buch“, nachgab.

Kaum hatte Terence das Gespräch beendet, setzte Sondra ihre zugegebenermaßen sehr anziehende Stimme ein (gerade so tief, dass sie nicht nach Stripperclub roch).

„Terence Darling“, gurrte sie. „Wie immer auf den letzten Drücker.“

„Ich bin begehrt, meine Liebe“, gab Terence zurück, „was soll ich machen?“

„Still sitzen und mich meine Arbeit machen lassen“, meinte Paula und drückte ihn wieder in den Sessel zurück. „Sie sind heute sehr unruhig, Terence“, tadelte sie ihn.

Er warf Sue einen hilfesuchenden Blick zu.

„Er hat heute sein Ritalin noch nicht genommen“, erwiderte Sue.

„Ritalin?“ Paula hörte auf, an Terence herumzunesteln.

„Kleiner Insiderscherz“, lächelte Terence. „Vergiss es. Ich habe mich im Fitness-Studio etwas verausgabt.“

So konnte man es auch nennen.

„Noch ein paar Worte zur Sendung“, unterbrach Sondra das Gespräch. Sie konnte es nie leiden, wenn sich nicht alles um sie drehte.

„Gibt es was Neues?“, fragte Terence, nur mäßig interessiert.

„Du musst heute ein bisschen vorsichtiger sein.“

„Was soll das heißen? Sondra, bei uns geht es um Sex. Oder meinst du Safer Sex, dann spreche ich kurz über Kondome.“

Fiona kicherte. „Das möchte ich sehen, wie dieses Krampfaderngeschwader sich Kondome anlegt.“

Sondra warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Ich lieber nicht, aber die Senioren sind unsere Hauptzuschauergruppe. Und heute haben wir das Studio voll von Insassen eines Wohnstifts. Das heißt nicht weniger, als dass wir gewisse Regeln des Anstands wahren müssen.“

Sue musste grinsen. Wenn das die Zöglinge von Polly Myers waren, würde sich die Dame ganz schön wundern.

Terence sah zu ihr auf. „Soll heißen?“

„Soll heißen, dass wir das Thema vielleicht ein klitzekleines bisschen entschärfen. Und vor allen Dingen“, sie deutete mit dem Finger nach oben, „Order aus der obersten Etage: klare Ansagen, einfache Satzstellung und vor allem, keine schmutzigen Wörter. Die sind ein absolutes No go.“

„Uh, jetzt habe ich aber Angst. Vielleicht sollte ich noch mal mitschreiben“, sagte Terence.

„Ich kann es gerne noch mal wiederholen“, setzte Fiona an.

„Nicht nötig“, fuhr Sondra sie an. „Ich glaube, er hat verstanden.“

„Entspanne dich“, sagte Terence in seinem Therapeutentonfall, „bin ich der Experte oder die da oben?“

Sondra seufzte, als trüge sie die ganze Last dieser schrecklichen Welt auf ihren Schultern. „Fertig?“

„Übrigens Schatz“, meldete Sue sich zu Wort. „Ich kann leider nicht bis zum Schluss bleiben.“

Terence sah stirnrunzelnd zu ihr auf, während Sondra die Augen verdrehte. Es war ja auch eine Art Majestätsbeleidigung, wenn sich die uninteressante Frau des Stars mit einem belanglosen Wortbeitrag meldete.

„Mein Dienst auf dem Sommerfest fängt eine Stunde früher an. Wenn ich nicht pünktlich bin, macht Philipps Lehrerin mir wieder die Hölle heiß.

Terence hatte eine derart verständnislose Miene aufgesetzt, als hätte sie ihn gebeten, aus einer Ananas und einem Paar Schuhe ein Gulasch zu kochen.

„Dein Sohn. Sommerfest. Schule. Würstchenstand.“ Manchmal war es besser, Männer nicht mit einem übermäßig komplizierten Satzbau zu konfrontieren.

Sondra sah unglaublich gelangweilt aus.

„Das ist aber schade. Kann nicht jemand anders diese Würstchen ausgeben? Du weißt, dass ich dich immer gerne bei mir habe.“

Oh ja, das weiß ich. Schließlich bekomme ich das jeden Tag zu spüren, dachte Sue. Das gute Frauchen war immer da und immer verfügbar. Zeit für sich allein? Die hatte sie schon lange nicht mehr gehabt.

„Du bist doch nicht allein, Terence Darling“, sagte Sondra und strich ihm über das Haar, woraufhin Paula aufseufzte und nochmals mit dem Kamm nachbesserte.

„Und Philipp? Soll der wieder ausbaden, dass seine Eltern nicht da sind? Du weißt doch, wie wieder getratscht wird. Du kommst doch nach?“

„Sie denken an den Chat, Terence?“, warf Fiona ein. „Der geht mindestens noch eine Stunde nach Ende der Aufzeichnung.“

„Wir erwarten dich“, meinte Sue knapp.

Es klopfte an der Tür, die gleich darauf aufgerissen wurde. Ein pummeliger junger Mann mit Lockenkopf bellte ein: „Wo bleibt ihr denn? Es geht gleich los!“, worauf Sondra sich aufrichtete und mit leicht spöttischer Miene das Ehepaar Urquhart beobachtete, das sich tief in die Augen schaute.

„Okay, mal sehen, wie lange das hier dauert“, meinte Terence schließlich.

„Fertig mit der Familienkonferenz?“ Sondra stand in der offenen Tür. „Wir müssen.“

Wow, dachte Sue, die Königin hatte gesprochen. Sie musste kichern, als sie sich Sondra mit dem Habit und dem ganzen Schmuck vorstellte, wie die Queen ihn bei offiziellen Anlässen zu tragen pflegte. Da würde sie endlich einmal so alt aussehen, wie sie tatsächlich war.

„Ist etwas mit Ihnen, Sue?“ Sondra drehte sich um. Ihr Tonfall war jedoch nicht interessiert, sondern rügend.

Klar ist etwas mit mir, dachte Sue. Ich finde dich zum Schreien komisch mit deinem dicken Makeup, der dicken Kette, die das faltige Dekolleté verdecken sollten, und dem festen Griff, mit dem du meinen, und ich betone: meinen! Mann festhältst. „Alles bestens“, flötete sie gut gelaunt. Sie liebte diese Tabletten!

Sichtbar erleichtert und mit einem kaum merklichen Hochziehen der Augenbrauen wandte Sondra sich wieder dem einzig wichtigen Menschen außer ihr in dieser Runde zu.

„Terence Darling, solltest du es schaffen, Wörter wie Smegma, Analsex und Fisting nicht zu benutzen, gebe ich einen aus.“

Terence lachte. „Du bist ja richtig nervös. Smegma, Smegma, Smeg…“

„Es ist gut, Terence! Ich hatte gedacht, du wärst schon etwas älter als fünf“, herrschte sie ihn an. Die Fortsetzung ihrer Antwort wurde durch Sues Handy unterbrochen.

Wieder zog Sondra die Augenbrauen hoch, diesmal etwas deutlicher.

„Hi Mom. Alles klar bei euch?“

Sue wurde sofort misstrauisch. Sie kannte die weichgespülte Stimme ihrer Tochter. Ihr folgte in der Regel ein Wunsch, der unerfreuliche Diskussionen nach sich zog. Sie brachte es jedoch nicht übers Herz, eine Antwort wie „Was willst du?“ ins Handy zu retournieren. Stattdessen gab es brisante Informationen aus dem Backstage-Bereich.

„Dein Vater ist fertig geschminkt und schreitet nun ins Studio.“

„Hat er wieder zu viel Bräunungspuder drauf?“ Amy kicherte.

„Wenig ist es nicht. Auf die Straße würde ich ihn so nicht lassen“, meinte Sue. „Aber das Studiolicht schluckt gnädigerweise fast alles.“

„Sag Daddy, ich drücke ihm die Daumen.“

„Mach ich. Aber warum rufst du an?“, fragte Sue. „Sicher nicht nur, um ihm alles Gute zu wünschen.“

Einige Sekunden lang blieb es still in der Funkverbindung zwischen den Studios und dem Urquhart’schen Zuhause in Chelsea.

„Amy?“, fragte Sue nach. Sie spürte förmlich, wie die optimale Strategie der Gesprächsführung überlegt wurde.

„Ma, Lilly hat mich eingeladen. Sie hat heute Geburtstag. Sie wird 16.“

Das klang nicht gut. Irgendwie war alles einfacher gewesen, als die Jahreszahlen noch einstellig waren.

„Sie macht also eine Party?“

„Ja. Im Funky Crow.“ Amy hauchte nur noch.

Das Funky Crow war der angesagteste Club der Jeunesse dorée Londons. Natürlich war Lilly als Tochter des Sekretärs des Protokollchefs des Herzogs von Essex eines der angesagtesten Girls dieser Gruppe, seltsamerweise jedoch ein bodenständiges und richtig nettes Mädchen.

„Und du willst dort hin?“ Sue war nicht der Meinung, dass das Funky Crow der richtige Aufenthaltsort für ein 15-jähriges Mädchen war. Immer wieder war in der Zeitung von Trinkexzessen zu lesen. Sie war sich auch sicher, dass die Einladung seit mindestens vier Wochen gut versteckt im Schulspind lag. Da Amy wohl geahnt hatte, dass es heftigste Diskussionen um den Veranstaltungsort geben würde, hatte sie sich für die Überrumpelungstaktik entschieden. Kluges Mädchen, dachte Sue. Ich hätte es nicht anders gemacht.

„Bitte Mama. Alle gehen!“

„Sie hat alle eingeladen?“, fragte Sue scherzhaft. „Das sieht Lilly gar nicht ähnlich.“

„Alle, die ich mag. Bitte, Mama, bitte.“

Der Trupp war inzwischen vor der Studiotür angelangt.

„Was ist denn?“, fragte Terence, der kurz vor einem Auftritt gerne die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Ehefrau beanspruchte.

„Amy will auf eine Party.“

„Lass sie doch“, war seine knappe Antwort.

„Die Party ist im Funky Crow.“

„Die Kindheit scheint langsam vorbei zu sein“, warf Sondra ein. „Unglaublich, wie schnell die Kleinen groß werden.“

„Sie darf also?“ Sue wusste, wie Terences Antwort ausfallen würde.

„Klar.“

Sue nahm ihr Handy wieder zur Hand. „Gut, Amy. Aber um halb zwölf bist du zu Hause.“

„Mom!“

„Du kannst den Abend auch daheim verbringen.“

Kurzes Schnauben. „Danke! Servus!“ Aufgelegt.

„Sie lässt dich grüßen“, schwindelte Sue.

„Terence, ich unterbreche euch ja nur ungern, aber …“, meldete Sondra sich wieder zu Wort.

„Wieso?“ fragte Terence unschuldig. „Von mir aus können wir.“ Er straffte die Schultern und hielt seine Hand hoch. Das war ihr Ritual: Hand abklatschen und an den Ohren zupfen.

„Toi, toi, toi und bis heute Abend“, sagte Sue.

„Danke, meine Liebe“, bemerkte Sondra, die alles wieder auf sich zu beziehen schien. „Und viel Spaß beim Schulfest!“ Sie legte so viel Überheblichkeit in diesen Satz, dass Sue fast schlecht wurde.

„Ein bisschen kann ich euch beide noch genießen“, zwitscherte Sue zurück. Du liebe Güte, diese Pillen waren der Hammer. Diese Frau hatte plötzlich jeden Schrecken verloren. Sue sah sie das erste Mal als das, was sie (wahrscheinlich) war. (So ganz traute sie der chemischen Reaktion in ihrem Körper nicht. Vielleicht halluzinierte sie auch nur.) Dennoch war Sondra auf einmal nur eine bedauernswerte mittelalte Frau, die wahrscheinlich jeden Tag von früh bis spät um ihre Pfründe kämpfen musste. Denn, und das war ja wohl klar, eine zwanzig Jahre Jüngere, deren Schminkzeit um die Hälfte kürzer war, tat sich einfach leichter. Auch auf der Besetzungscouch. Sue kicherte. Dennoch, ihr Mitleid hielt sich in Grenzen. Sie war froh, dass sie Sondra an diesem Tag nur noch von hinten sehen würde. „Wenn ich ein zu braun gebranntes Würstchen auf dem Grill habe, denke ich an dich.“

Der Kameramann drehte sich mit grimmiger Miene zu ihr um. Da hatte sie wohl laut gedacht. Sie lächelte ihn an. „Nicht an Sie.“ Sie deutete auf seinen Körper, dessen prägnantester Teil ein Stück Bauch war, das käsig weiß zwischen Jeans und T-Shirt herausquoll. „Passt ja auch gar nicht“, fügte sie noch schnell hinzu. Was überflüssig war, denn der Bauchträger hatte sich schon wieder abgewandt und konzentrierte sich auf Sondra und Terence, die wie Gladiatoren unter dem Beifall des Publikums in die Arena einmarschierten. Sue lächelte. Terence sah fantastisch aus, als wäre er für die Bühne gemacht. Unsinn, dachte sie. Er sah immer gut aus, selbst beim Aufwachen. Darum beneidete sie ihn, obwohl sie ihr eigenes Äußeres ganz passabel fand. An guten Tagen sogar mehr als das. Aber wann waren schon mal gute Tage? Dummerweise sah ihr jeder sofort an, wenn sie sich nicht wohl fühlte, und manchmal, und das war besonders gemein, sah sie sogar bescheiden aus, wenn es ihr gut ging. Aber Terence … Hatte das doch etwas mit den Oberschichts-Genen zu tun? Offenbar wirkte sich Jahrhunderte langes Nichtstun auf einem feudalen Landsitz entspannend auf die Gesichtszüge aus. Im Gegensatz dazu hatten ihre Vorfahren im Salzkammergut immer viel gearbeitet, zum Beispiel unter unmenschlichen Bedingungen Salz abgebaut, und das in einem ziemlich rauen Klima. Wobei sie nicht ungerecht sein wollte. Das englische Wetter war stark verbesserungsbedürftig, und Terence arbeitete viel, sehr viel. Beifall brandete auf.

4

„Meine Damen und Herren“, fing Sondra an. „Ich begrüße Sie recht herzlich zur heutigen Sendung von No Limits. Danke, danke für den freundlichen Applaus. Ich kann Ihnen heute eine spannende Sendung versprechen. Es geht um Sexualität im Alter.“

Das Publikum fing zu johlen an. War das Polly Myers’ Fanclub? Sue grinste und klatschte mit.