Einer liebt immer mehr - Patricia Schoedon - E-Book

Einer liebt immer mehr E-Book

Patricia Schoedon

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Beschreibung

Einer liebt immer mehr - eine Liebe, der Steine in den Weg gelegt werden. Sie wusste nie, wie sich die wahre Liebe anfühlt, bis sie Noah das erste Mal in den Armen einer anderen Frau gesehen hat und ihr dieser Moment die Augen geöffnet hat. Evelyn hat jahrelang eine meterhohe Wand vor ihre Gefühle gezogen und nicht zugelassen, jemanden mehr zu lieben, als er sie. Daher hat ihre große Liebe sie immer mehr geliebt als andersherum, bis sich das Blatt plötzlich wendete und die Mauer immer weiter einreißt. Auf ihrem Weg lernt sie mehrere Männer kennen, die sie ablenken, aber bei denen sie niemals das Gleiche empfindet, wie bei der einzig wahren Liebe, der Mensch, der sie gesehen hat wie sie ist und nicht nur die schöne starke Fassade.

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Seitenzahl: 553

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Prolog

Der Sommer geht in großen endlosen Schritten zu Ende. Die Waldwege sind voller bunter Blätter, die von den Bäumen in den letzten stürmischen Tagen abgeschüttelt wurden. Evelyn geht einen abgelegenen Weg entlang. Sie sucht die vollkommende Ruhe. Ihr Kopf ist voller dunkler Gedanken. In den letzten Tagen denkt sie mehr und mehr über ihre Zukunftspläne nach. Während sie ganz alleine durch den Wald geht, die iPod Kopfhörer eingestöpselt trägt und die Musik auf volle Lautstärke gedreht ist, schweift sie mit den Gedanken immer wieder ab. Sie ist völlig hin und hergerissen und weiß, dass sie eine wichtige Entscheidung für ihren weiteren Lebensweg treffen muss. Wie soll man eine wichtige Entscheidung treffen, wenn man sich nicht einmal sicher sein kann, was richtig und was falsch ist und was das Wort „richtig“ eigentlich bedeutet? Ist sie nicht eigentlich noch viel zu jung um an ihre Zukunft zu denken? Um über das Heiraten und Kinder kriegen nachzudenken. Doch wenn sie jetzt nicht in die richtige Richtung gehen würde, was wäre dann? Würde sie in fünf oder zehn Jahren auf ihr Leben zurückschauen? Würde sie sich fragen, ob sie den steinigen Weg hätte gehen sollen, der schwer gewesen wäre und für den sie hätte kämpfen müssen damit er funktionierte, anstatt die einfache Variante zu wählen? Evelyn hatte das Gefühl, dass sie an einem Schotterweg stand der ins Nichts führen würde, egal wie sie sich jetzt entschied, irgendjemand würde unter ihrer Entscheidung leiden. Und das nur damit sie glücklich war? War es das wirklich wert? Und wer konnte schon vorhersehen, ob sie wirklich glücklicher wäre, wenn sie Option B, statt A wählen würde. Die Fragen zermürbten ihr allmählich das Hirn. Wenn sie im Vorhinein gewusst hätte, welche Entscheidung die Beste gewesen wäre, dann wäre das was schließlich kam und der Mann, der ihr schließlich begegnete vielleicht niemals passiert. Sie bewegte sich auf gefährlichem Territorium. Doch sie hatte damals nicht anders gekonnt, als sich für den leichteren Weg zu entscheiden. Dafür würde ihr Leben in der Zukunft Züge annehmen, von denen sie damals nur zu träumen gewagt hätte. Doch gegen das Schicksal ist man schließlich machtlos.

Kapitel 1

Die Stunden vergingen und ich starrte die Wolkendecke nachdenklich an. Ich lag auf einer Wiese mitten im Wald und zermarterte mir den Kopf über meine Beziehung. Es war nicht das erste Mal, dass ich nachdenklich alleine zu diesem ganz besonderen Platz ging und mir Zeit für mich nahm. Meine Therapeutin hatte mir dazu geraten mir Zeit zum „Nachdenken“ und zum „Trauern“ zu nehmen. Sie war ja schließlich die Expertin und musste wissen was sie sagte. Dafür hatte sie immerhin etwa zehn Semester studiert und ihren Kopf in unzählige Fachbücher gesteckt, wodurch sie meine Expertin wurde. Manchmal fragte ich mich, ob sie mir überhaupt richtig zuhörte, wenn ich ihr von meinen Sorgen erzählte. Meine Erzählungen kamen mir immer öfter, wie Monologe vor, anstatt wie Sitzungen, die sie beurteilen sollte und in denen sie mir Tipps geben sollte um mich zu „heilen“. Von der Heilung war ich noch weit entfernt. Ja, natürlich. Es ging mir besser nach den Gesprächen mit ihr und ich hatte das Gefühl, dass ich den Lösungen an manchen Tagen näher war, als noch in der Woche zuvor. Aber, ob es wirklich an ihr lag, wagte ich ernsthaft zu bezweifeln. Die kleinen, weißen Tabletten, die ich jeden Morgen pünktlich um zehn Uhr einnahm, nahmen mir die ständigen Bauchschmerzen. Aber ich hatte da so meine eigene Theorie. Ich sah mein Gehirn als eine Art Zahnrad an, das sich immer und immer wieder aufs Neue drehte und nie den Zeitpunkt fand um einmal nicht zu arbeiten. Ich sehnte mir einen völligen Stilstand herbei, der leider nicht greifbar war. Wie auch immer. Frau Doktor riet mir dazu abzuschalten und nachzudenken. Sie sagte in einer unserer letzten Sitzungen, ich solle mir die Zeit nehmen zu trauern über Erlebnisse, die ich anfangen sollte zu verarbeiten. Wie einfach es war jemand anderem dazu zu raten sich Zeit zum Trauern zu nehmen. Woher wollte ein wildfremder Mensch wissen, wie viel Zeit ich mir zum Trauern nehmen sollte? Sie wusste unter Garantie nicht wie viel ich schon getrauert hatte und dass ich nicht mehr weinen wollte. Vielmehr wollte ich genau das Gegenteil. Ich drehte mich auf den Bauch und schloss für einen Moment lang die Augen bevor ich wieder zurück in die Wirklichkeit musste. Es war Sonntagnachmittag. Morgen früh musste ich zurück in die Agentur und die langen Tage hinter mich bringen. Im Prinzip konnte ich mich nicht über meinen Job beschweren, ich verdiente nicht übel und konnte meine Arbeitszeit relativ flexibel einteilen. Meine Kollegin war super und mein direkter Chef John ebenfalls. Die Kollegen und Kolleginnen in der Agentur waren im Allgemeinen freundlich, wenn auch ein wenig gestresst zurzeit. Aber wer war das nicht?

Das lautstarke Klingeln meines Handys ließ mich aus meinen Gedanken hochschrecken. Auf dem Display erkannte ich den Namen meiner Mutter und verdrehte genervt die Augen. Immerhin hatte sie mich aus meiner Ruheoase geholt.

„Mutter“, hustete ich genervt ins Telefon.Sie wirkte hektisch, während sie mir irgendetwas von einer bald anstehenden Familienfeier erzählte. Ich hörte nur halbherzig hin und beipflichtete zwischendurch nur „Ahs“ und „Ohs“.

„Evelyn, hörst du mir überhaupt zu?“ Piepste sie lautstark.

„Natürlich Mutter. Die Verbindung ist nur ziemlich schlecht. Ich rufe später zurück.“ Noch ehe sie etwas sagen konnte, drückte ich sie weg und schaltete das Telefon auf stumm. Ich setzte mich müde auf und legte meinen Kopf zwischen die angezogenen Knie. Die Frau würde mich eines Tages noch ins Grab bringen. Niemand nannte mich Evelyn, außer ihr. Sie war sehr führsorglich und meistens sehr lieb, vielleicht ein wenig tadelnd, aber ansonsten sehr adrett und schon etwas überperfekt. Sie liebte den Namen Evelyn hatte sie mir erzählt. Eve erinnerte sie an einen verschneiten Weihnachtsmorgen, an dem es nach Tanne und Zimt roch. Einmal erzählte sie mir, dass sie immer daran denken musste, wenn sie an mich dachte. Als sie schwanger wurde und mein Vater und sie sich für einen Namen entscheiden mussten, wollte sie mich unbedingt Evelyn nennen. In den Momenten, in denen sie vollkommen glücklich war, nannte sie mich Eve, das hatte mir mein Vater eines Weihnachtsmorgens erzählt. Ihre kleine Eve. Sie tat es nach diesem Weihnachten nur noch selten, denn meine Eltern hatten sich im April des folgenden Jahres aufgrund von „unüberbrückbarer Konflikte“ getrennt. Mein Bruder Dave und ich waren inzwischen alt genug um zu entscheiden, ob wir bei einem Elternteil leben wollten oder ob wir ausziehen sollten. Wir entschieden uns dazu uns eine eigene Wohnung zu suchen und eine WG zu gründen. Der Plan klappte bisher ganz gut, obwohl ich ihn manchmal für seine Unordnung hasste. Außerdem schleppte er reihenweise Frauen an, nachdem er mit seinen Kumpels getrunken und gefeiert hatte. Wenn ich dann morgens aufstand, durfte ich mich oft mit irgendeiner wildfremden Barbie um die Nutzung des Badezimmers streiten. Wie üblich schenkte ich ihm einen bösen Blick und gab grimmig, aber dennoch sehr erwachsen nach.

Ich fand keine Ruhe mehr, streckte alle Viere von mir und packte meine Decke zusammen. Ich musste zurück nach Hause. Das Zuhause, wo mein Freund bereits auf mich wartete. Er rief mich mehrmals an, doch ich ignorierte seine Anrufe. Mein Verhalten ihm gegenüber war unfair.

Ich rechtfertigte mich immer mit meinem angekratzten Gesundheitszustand und erzählte ihm, es läge nicht an ihm, dass ich mich distanzierte. Wieso sollte es auch an ihm liegen? Er war unglaublich, einfach fantastisch, wenn auch nicht perfekt. Allerdings war ich ebenfalls das Gegenteil von perfekt. Meine Launenhaftigkeit in letzter Zeit erschreckte mich besonders. Immer wieder redete ich mir ein unglücklich zu sein und den Sinn des Lebens zu suchen. Mit einer Hand kämmte ich beiläufig durch mein zotteliges Haar. Heute war es überhaupt nicht zu bändigen. Ich strich die dunkelbraunen Locken über meine rechte Schulter. Wie auch immer, dachte ich mir.

Auf dem Heimweg fuhren einige Autos an mir vorbei, die gerade vermutlich von ihren Sonntagsausflügen auf dem Heimweg waren. Sicherlich genossen die Familien die letzten warmen Tage, bevor der Winter uns in spätestens einem Monat vollkommen überraschen würde.

Meine Laune war am Tiefpunkt angekommen. Heute war einer dieser Tage, an denen ich mich selbst nicht leiden konnte. Der Sonntag hatte bereits mit einem großen Streit zwischen Jonas und mir angefangen. Er war dickköpfig und stur. Wenn er eine Meinung hatte, dann war seine Meinung für ihn Gesetz. Dagegen kam selbst ich nicht an. Doch heute Morgen war mir der Kragen geplatzt, als ich in die Küche kam und vier seiner Freunde an meinem Frühstückstisch saßen. Überall lagen verschüttete Cornflakes herum, die Milchtüte tropfte an der Seite und sie waren so laut, dass meine mittlerweile 90 jährige Nachbarin sicherlich kurz vor einem Herzanfall stand. Das Schlimmste an der Situation war, dass er mir rein gar nichts von diesem frühmorgendlichen Besuch erzählt hatte und sie gegen meinen Willen einlud. Ich stapfte im bunten mit Herzen bedruckten Fleece Pyjama in die Küche und erwartete maximal wieder eine von Daves Dates von letzter Nacht.

Immerhin konnte ich mich darauf verlassen, dass mein Kühlschrank immer unberührt blieb, denn die Dates meines Bruders achteten auf ihre Linie, immer. Durch den Flur konnte ich ihr Grölen hören, doch ich dachte mir nicht viel dabei. Es hätten schließlich auch Dave und Jonas sein können, die sich über Fifa18 oder die Bundesliga unterhielten. So waren Männer immerhin. Meistens ignorierte ich die zwei, da ich zufrieden war, dass sie sich so gut verstanden. Außerdem hatten Jonas und ich eine klare Vereinbarung, er konnte sich Zeit für seine Männersachen nehmen und ich nahm mir dafür meine „Mädchenzeit“.

Ich schnaubte verärgert als ich die Küche betrat. Jonas sah mich grinsend an, als wollte er mich provozieren. „Schatz, hast du Hunger?

Ich habe den Jungs Frühstück gemacht.“

Er winkte mich zu sich an das andere Ende des Tisches herüber.

„Das sehe ich!“ Gab ich wütend zurück. Ich wollte nicht vollkommen unhöflich sein. „Josh, Mike, Sam und.. wer bist du genau?“ Ich zog eine Augenbraue hoch und hörte, wie sie begannen zu lachen.

„Baby, das ist Jake. Er gehört jetzt zu unserem Team.“ Natürlich. Ich hätte es wissen müssen, die Fußballmannschaft. Aber darum ging es hier nicht. Es ging darum, dass ich ihm diese Woche mehrfach gesagt hatte, wie erschöpft ich durch die Doppelbelastung war. Die Arbeit schlauchte mich immens, dazu kam das Bachelor Studium in General Management. Ich erarbeitete einen Strategieplan um meine Zukunft in die Hand zu nehmen und schrieb mich in der Uni vor einer Weile ein.

Jonas hatten meine Berufsziele mehr oder minder nicht sonderlich interessiert, da er nicht offen war für Weiterbildungen jeglicher Art. Er wollte viel lieber mit seinen Fußballkollegen abhängen, Bier trinken und mich anscheinend in den Wahnsinn treiben. Donnerstagabend hatte ich ihn gebeten, dass wir uns ein ruhiges Filmewochenende machten.

Soweit ich mich erinnern konnte, hatte er bereitwillig eingewilligt. Ich bemühte mich ein freundliches Lächeln aufzusetzen. „Jonas, hast du einen Moment für mich?“

Er wusste was kommen würde, doch er nickte und folgte mir aus der Küche. Ich zog die Tür hinter mir so feste zu, wie ich nur konnte und behielt die Klinke einen Moment in der Hand um mich zu sammeln. In mir brodelte die Wut. Dave öffnete die Flurtüre zum Wohnzimmer.

„Nicht jetzt Dave.“ Sagte ich warnend. Er kannte mich zu gut um mir zu wiedersprechen und ging zurück in sein Zimmer.

Ich trommelte mit den Fingerspitzen auf der Wohnzimmerkommode zur Beruhigung. „Erklärst du mir was hier los ist!“ Sagte ich bestimmt.

Er schlang die Arme abwehrend um seinen Körper und zuckte mit den Schultern.

„Was meinst du?“

Ich fühlte, wie mein Mund austrocknete. Wollte er mich auf den Arm nehmen? Die Wut kochte in mir, bis mein Magen brannte.

„Verdammt! Jonas, ich bitte dich! Ich hatte dir ausdrücklich gesagt, dass ich meine Ruhe haben will und jetzt sind deine bescheuerten Freunde in MEINER Küche.“ Ich betonte das „meiner“ besonders, da es wirklich meine Wohnung war. Meine und Daves. Und nicht seine, er war nur Gast und konnte nicht einfach über meinen Kopf hinaus entscheiden, wer hier ein und ausging. Ich versuchte die Fassung wieder zu erlangen. „Also, ich gehe jetzt duschen. Ich gebe dir genau 30 Minuten um die Küche wieder in Ordnung zu bringen und deine Freunde nach Hause zu schicken. Das hier ist meine Wohnung und ich will meine Ruhe, kapiert?“

Als ich etwa 40 Minuten später aus dem Bad trat war es bis auf den Fernseher ruhig. Ich ging ins Wohnzimmer. „Na Schwesterherz, hast du dich wieder beruhigt?“ Dave konnte sich sein süffisantes Grinsen wirklich schenken. Ich ignorierte ihn und ging in die Küche. Sie war zu meiner Überraschung tatsächlich leer und aufgeräumt. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Wo ist er?“

„Wen genau meinst du?“ Er ging mir auf die Nerven. „Ernsthaft?“

„Weg“, rief mein Bruder.

„Okay, seit wann?“ Ich zog nervös an meinem schwarzen Pulli. Ich wusste, dass ich überreagierte, aber er hätte nicht gehen müssen. Wir sollten darüber reden, wie andere Pärchen es taten. „10 Minuten ungefähr.“

„Hat er irgendetwas gesagt?“ Er schüttelte den Kopf und wand sich wieder dem Fußballspiel zu. Großartig.

Ich ging in unser Ankleidezimmer und kramte eine schlichte Fleecejacke aus dem Schrank heraus und zog meine Chucks an.

Als ich auf dem Weg nach draußen war, griff ich schnell nach meiner Tasche und nahm die Decke unter die Arme.

„Gehst du in den Wald?“

„Ja. Ich brauche Zeit.“

Er drehte sich zu mir. „Pass auf dich auf. Ich bin später verabredet.“

Dann zog ich die Tür hinter mir zu, bis sie in die Angeln fiel.

Dave kannte mich vermutlich besser, als jeder andere Mensch. Er war mehr als nur mein Bruder. Gleichzeitig war er der beste Freund, den ich mir jemals wünschen konnte und normalerweise teilte ich meine Sorgen mit ihm, doch heute musste ich alleine sein. Ich dachte darüber nach, was mich Zuhause erwartete und wie es mit Jonas weitergehen sollte.

Wenn wir alleine waren, war er ein komplett anderer Mensch, liebevoll, zuvorkommend, süß. Aber sobald seine Freunde dabei waren, ließ er den Macho heraus. Er war nicht unverschämt mir gegenüber, aber mir gefiel der „Andere Jonas“ nicht. Vorsichtig schloss ich die Haustür auf.

Der Raum wurde durch ein Lichtermeer durchflutet. Ich dachte, ich hätte mich in der Wohnung vertan und traute meinen Augen nicht, als ich die Kerzen sah. Überall standen sie und flackerten vor sich hin. Der Tisch war gedeckt. Sogar das gute Geschirr stand darauf, daneben ein Strauß roter Rosen. Kein Fußballspiel im Hintergrund, kein Fast Food auf dem Tisch? Ich nahm den Geruch von gebratenem Fleisch wahr und sah um die Ecke. Jonas stand zu meiner Verwunderung vor dem Herd und briet zwei Rindersteaks an. Daneben standen Kartoffeln, Gemüse und Soße bereit. Mir lief bei dem Anblick das Wasser im Mund zusammen. Wir waren seit einem halben Jahr ein Paar, aber so etwas hatte ich ihn noch nie zaubern sehen. Wollte er sich wohlmöglich für heute Morgen bei mir entschuldigen?

„Hi Baby! Du bist pünktlich auf die Minute.“ Er grinste über das ganze Gesicht und stellte die Pfanne auf einem Unterleger auf dem gedeckten Tisch ab. Ich war völlig baff über diese unerwartete, romantische Geste.

„Freust du dich?“ harkte er nach.

„Ehm, wow. Das ist ja unglaublich.“ Ich ging zu ihm und küsste ihn schnell auf den Mund.

„Setz dich hin, heute Abend kümmere ich mich um dich.“

In Ordnung. Was hatte er bloß angestellt? Ich legte meine Sachen auf der Couch ab und setzte mich hin. Das Essen roch köstlich und es schmeckte sogar noch viel besser, als erwartet. Das Steak war medium done gebraten, genauso, wie ich es mochte. Die Kartoffeln waren weich und das Gemüse durch. Ich stocherte geistesabwesend in meinen Bohnen herum. „Schmeckt es dir Schatz?“ Sein Lächeln wirkte aufgesetzt, als hätte man ihn für das alles bezahlt.

„Es ist toll. Eine schöne Überraschung auf jeden Fall. Womit habe ich das alles hier verdient?“

Er horchte auf. „Weil du 1. meine Prinzessin bist, und eh… weil ich mich wie ein Arsch dir gegenüber benommen habe.“ Nervös fummelte er an seiner Nagelhaut und starrte seinen Teller an. Wenn er den Blick nicht vom Steak abwandte, würde es vermutlich noch in Flammen aufgehen.

„Ich, es tut mir leid Eve. Ehrlich. Das heute Morgen war dumm von mir. Ich hätte dich vorher fragen sollen, denn du hattest Recht, es ist deine Wohnung. Dann kam mir eine Idee…“ Wieso druckste er so rum?

Ich nahm seine Hand. „Was ist los?“

„Ich finde ich sollte zu euch ziehen, dann wäre es unsere Wohnung und eine Dreier WG wäre bestimmt ziemlich cool. Außerdem verstehen Dave und ich uns blendend, wie du weißt.“ Mir fiel die Kinnlade herunter. Klar, ich hatte die gemeinsame Wohnung in Erwägung gezogen, aber nicht nach so kurzer Zeit. Ich wollte das Gefühl nicht verlieren ihn zu vermissen, ihn anzurufen, wenn er in seiner Wohnung war. Sobald wir zusammenwohnen würden, war der Ärger praktisch vorprogrammiert. Das Ganze hatte allerdings sicherlich einige Vorteile.

Wir würden uns die Arbeit und die Miete zu dritt teilen. In meinem Kopf spielten sich bereits Szenen von ständigen Männerabenden mit Bier und Popcorn ab, wie sie grölend vor dem Fernseher saßen und sich stundenlang Fußball ansahen. Dann könnte er selbst entscheiden, wen er hierhin einlud. So ein Mist. Ich saß echt in der Misere. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich noch nicht so weit war ohne ihn dabei zu verletzen? Das erinnerte mich an Noah. Ich schluckte den aufkommenden Kloß in meinem Hals herunter. Mit Noah wäre ich sofort zusammengezogen, bei ihm wusste ich aber auch, dass er mich fragen würde, bevor er seine Kumpels einlud. Man konnte die zwei überhaupt nicht miteinander vergleichen. Aber hier ging es nicht um ihn, sondern um Jonas und mich. „Willst du ein Bier?“, versuchte ich abzulenken und stürmte in die Küche. Dabei fiel ich beinahe über den Mülleimer, der mitten in der Küche stand.

„Klar“, rief er. „Du weißt doch. Bier schadet nie.“

Ja, das merke ich. Jedes Wochenende, wenn aus einem Bier plötzlich acht wurden und plötzlich ein Fremder vor mir stand. Ich brachte uns zwei Bier aus dem Kühlschrank und setzte mich wieder hin. Er wollte gerade etwas sagen, als ich ihn unterbrach.

„Es ist still. Ich sollte Musik anmachen. Willst du Musik hören? Ja, wir sollten Musik hören.“ Sagte ich eher zu mir selbst, als zu ihm. Ich drückte einige Knöpfe auf der Anlage. Wie funktioniert dieses Mistding? Nach zwei Minuten hörte ich endlich Musik und drehte die Lautstärke hoch. „So ist es besser“, schrie ich in seine Richtung. Ich grinste und aß den Teller leer. Danach nahm ich kommentarlos unsere Teller und räumte die Spülmaschine ein. Wir waren einfach noch nicht so weit. Ich war noch nicht so weit. Dafür musste er Verständnis haben.

Ich konnte so dankbar sein, dass er gerade in den Anfängen unserer Beziehung viel Verständnis für mich und meine „Probleme“ hatte.

Meine Psychologin, Frau Dr. Quinn sagte dazu, ich hätte einen Sechser im Lotto mit einem Mann gemacht, der mich mit meinen Problemen vollkommen akzeptierte und liebte. Genau, ich konnte und musste glücklich sein über die Dinge, die ich hatte. Als ich zurückkam saß Jonas auf der Couch und hatte den Fernseher eingeschaltet. Er hatte ihn auf stumm geschaltet damit ich die Musik weiterhin hören konnte. Wie nett von ihm. Mir gefiel der aufmerksame Jonas. Genau in diesen Mann habe ich mich im Frühling diesen Jahres verliebt. In einen hilfsbereiten, liebevollen und charmanten Mann, der sich nicht darum schert was andere Menschen von ihm denken. Wie er da auf der Couch saß und dem lautlosen Bildschirm zusah. Ich nahm die Fernbedienung und schaltete die Musik aus. Jetzt oder nie. Ich musste ihm sagen, wie ich fühlte. Aber wieso hatte ich dann so eine Angst vor seiner Reaktion? Er würde es bestimmt verstehen, wie ich fühlte. Ja, er würde es verstehen.

Ich kuschelte mich neben ihn aufs Sofa.

„Und was meinst du?“

„Ganz ehrlich?“ Ich sah zu ihm hoch. „Ich bin noch nicht soweit. Es ist… naja… einfach noch zu früh fürs Zusammenziehen. Wir kennen uns doch kaum und ich finde es gut, so wie es jetzt ist. Wir sind glücklich und deshalb sollten wir es nicht unnötig kompliziert machen.“

Die Stille im Raum war erdrückend, beinahe greifbar. „Sei mir bitte nicht böse. Wir werden irgendwann zusammenziehen. Nur jetzt halt nicht.“ Er stand auf. „Ok. Ich verstehe das. Aber ich muss das Ganze erstmal verdauen.“ Er verließ den Raum und ließ mich aufgewühlt zurück. Dann kam er zurück. „Ich schlafe heute Nacht besser Zuhause.“

„Sei doch nicht so. Ich meine es nicht böse Schatz. Ehrlich nicht.“ Ich stand auf und umarmte ihn. „Du musst doch jetzt nicht gehen.“ Er löste sich aus meiner Umarmung, nahm seine Tasche und war verschwunden.

Ich stand mit offenem Mund da und begann zu weinen.

Kapitel 2

Der Montagmorgen fühlte sich grauenhaft an. Als ich im Bad vor dem Spiegel stand betrachtete ich mich näher. Meine Augenringe waren kaum zu übersehen und meine Augenlider waren dick geschwollen von dem Tränenmeer, das ich letzte Nacht ausweinte. Seit wann war ich wieder so unglaublich sentimental? Jonas hatte sich nicht mehr gemeldet und ich glaubte, dass uns die Nacht getrennt voneinander gut tat. Vorsichtig kramte ich nach dem Zähneputzen Make-Up aus meiner Schminktasche und legte vorher noch Concealer auf um die Spuren der letzten Nacht größtenteils zu beseitigen. Ich war voll bekleidet auf der Couch eingeschlafen. Mein Mund hatte sich trocken angefühlt, als hätte ich die letzte Nacht in der Sahara verbracht. So würde mich kein Scheich der Welt heiraten, nicht in diesem Aufzug, nicht mit diesem Gesicht. Ich kämmte meine Haare eilig und band sie dann zu einem einfachen Zopf nach hinten. Der Wecker hatte mich zu spät geweckt, oder ich ignorierte ihn und hatte im Endeffekt noch ganze 30 Minuten um mich für die Arbeit fertig zu machen und meinen Tagesablauf einigermaßen vorzubereiten. Ja, ich war eindeutig aufgeschmissen.

Frühstück blieb heute Morgen anscheinend aus. Im Vorbeilaufen, schnappte ich mir ein Buch und machte mich auf den Weg zur Arbeit.

Immer wieder das gleiche Spiel. Die Bahn war brechend voll, eine Maße von Menschen versuchte sich in den Zug hereinzuschieben und jeden letzten Winkel auszufüllen. Ich kam mir vor, wie eine Ölsardine.

Einen Vorteil hatte das Ganze, ich konnte nicht umfallen, da ich von allen Seiten zusammengepresst wurde. Ich überlegte seit Wochen aufs Autofahren umzusteigen um der täglichen Massenflut zu entgehen und mich ruhigen Gewissens in Ruhe auf den Weg zur Arbeit zu machen.

Nur dann blieb nicht viel übrig jeden Monat für die Freizeitbeschäftigung. Welche Freizeit meinte ich eigentlich? Mein Leben bestand aus arbeiten, studieren, putzen und aufräumen und meiner Familie. Dann war da natürlich noch Jonas. Ich spürte eine Leere in mir, die ich nicht zuordnen konnte. Immer wieder gab es diese Tage, an denen ich zweifelte, an denen ich mich fragte, wieso ich diese Entscheidung treffen musste.

Wieso musste ich ihn verlieren? Warum war ich so dumm alles was ich hatte für eine Dummheit aufs Spiel zu setzen? Für einen Fehler und für meine Fehler. Nein, ich sollte aufhören mich dafür zu bestrafen was ich ihm angetan hatte. All die Zeichen, all die Andeutungen, die ich ihm gegenüber getroffen hatte, er verstand sie nie. Er konnte nicht sehen, wie zerbrochen meine Seele war. Wie laut ich schreien wollte vor Schmerz. Doch er konnte mich nicht verstehen, niemals und das musste er auch nicht. Ich wollte es ihm nicht sagen, wie schlecht es mir ging.

Meine Welt fühlte sich so klein an, so leer. Wenn meine Verzweiflung mich nicht um den Verstand gebracht hätte, dann wäre jetzt alles anders.

Dann würde ich ihn nicht jede Minute vermissen und mir wünschen, ich wäre schlauer gewesen. Später ist man immer schlauer. Mein Gott, ich vermisste ihn so sehr.

In der Agentur war bereits die Hölle los, als ich ankam. Gina, die aufgetakelte Empfangsfrau, die wirklich jedem Menschen ihre Kosmetikerin weiterempfahl und absolut auf Chanel Produkte schwörte, stand bereits vor dem Counter und starrte ihre manikürten Nägel an. Es war ungewöhnlich, dass sie um die Zeit schon auf der Arbeit war, da sie normalerweise erst gegen etwa halb neun völlig panisch eintraf und sich bei ihrem Chef tausend Mal für ihre Verspätungen entschuldigte und dabei peinlich mit den Wimpern klimperte. Ich hatte mir dieses Schauspiel einmal zu oft angeschaut und musste meistens über ihre dümmliche Art lachen. Wie blind konnte ein Mensch sein und jemanden so unqualifizierten, wie sie einstellen? Sie musste beinahe jede zweite Kopie neu erstellen, da jedes Mal irgendwelche Flecken oder Make-Up Partikel darauf zu finden waren. Trotzdem wollte ich nicht unhöflich sein und gab ihr immer wieder eine Chance. Das Telefon klingelte und sie nahm ab.

„Ja, natürlich Schätzchen.“ Sie lachte künstlich und spielte dabei mit einem Stift, den sie sich immer wieder an die aufgespritzten Lippen drückte. Das Klicken des Kullis war kaum zu überhören. Ich ging zu ihr und fragte nach meiner Post.

„Einen Augenblick Herzchen.“

„Guten Morgen Evelyn. Ich habe hier einiges für Sie.“ Ich sah sie scharf an und wartete einen Augenblick bis sie auf ihren High Heels zurückkam und mir meine Post übergab. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“

„Nein, danke. Das wäre dann alles.“ Sie widmete sich umgehend wieder dem Telefon. Ihr Gackern ignorierte ich und ging die Wendeltreppe zu meinem Büro hinauf. Ich arbeitete als Texterin in einer Werbeagentur.

Meine beiden Chefs waren schwul und unglaublich talentiert, zumindest einer von ihnen. Neben mir gab es drei weitere Texterinnen, die mit mir zusammen an mittelgroßen bis großen Werbekampagnen arbeiteten.

Zurzeit war es stressig auf der Arbeit. Meine direkte Büronachbarin Louisa und ich arbeiteten an der Kampagne für ein neues Damenparfum. Es gab bereits einige wirklich gute Ideen, die wir heute Nachmittag den Chefs präsentieren sollten. Ich legte meine Tasche und meine Jacke ab und schaltete das Licht an. Normalerweise gehörte ich zu der Sorte „überordentlich“, doch seitdem wir mit der neuen Kampagne für British Five, einem aufsteigenden englischen Modelabel, beauftragt wurden, war Land unter auf meinem Schreibtisch. Überall lagen meine Entwürfe verteilt. Zwischenzeitlich kamen mir immer wieder neue Ideen, die ich aufzeichnen musste. In meiner Schreibtischschublade holte ich einige Blei- und Kohlestifte hervor und zeichnete die letzten Änderungen an meinen Entwürfen. Ich glaubte wir würden einen brillanten Durchbruch haben. Prinzipiell war ich nicht für die graphischen Zeichnungen zuständig, doch ich ließ es mir trotzdem nicht nehmen.

Neben uns arbeitete noch ein anderes Team an der Kampagne. Um 15 Uhr würde sich entscheiden, wer den Deal ausarbeitete. Einer meiner beiden Chefs und Kreativchef John traf alle wichtigen Entscheidungen rund um die Kampagnenbearbeitung. Ich wusste er setzte viel Vertrauen in mich und meine Arbeit. Er war sogar derjenige, der mich zu meiner Weiterbildung inspirierte. Er meinte die Firma müsste talentierte Mitarbeiter finanziell fördern. Ich klemmte mir einen Stift hinter mein Ohr und fing an die Entwürfe zu sortieren. Lou würde in spätestens einer halben Stunde hier sein, dann könnten wir den Pitch noch einmal gemeinsam durchgehen. Ich brauchte dringend einen Tee, einen starken, schwarzen Tee mit Zitrone. Da ich wusste, dass Gina es nicht eigenständig schaffte den Tee zuzubereiten, machte ich mich auf den Weg in die Personalküche und holte mir einen frischen Tee. Der heutige Tag war ungeheuer wichtig für meine Karriere. Hoffentlich würde mein anderer Chef Daniel endlich sehen, dass ich mehr konnte als, als Texterin zu arbeiten. Kreatives Arbeiten war alles für mich, doch ich wollte noch mehr. Prinzipiell war ich auf der Suche nach einem Job als Kreativchefin, deshalb studierte ich Management. Mir fehlte die kaufmännische Ausbildung. Ich hatte keine Ahnung davon, wie man Personal führte, sondern eher wie man Kampagnen professionell vorbereitete und Werbedeals abschloss. Ich lehnte mich an den Kühlschrank und ließ mir einen Moment Zeit um den Ablauf der Präsentation durchzugehen. John würde begeistert sein, er konnte nicht anders. Und ich durfte ihn nicht enttäuschen, das hatte ich noch nie.

Während ich völlig vertieft in meine Entwürfe war und zurück ins Büro ging, kam Louisa ins Büro.

„Guten Morgen du kreatives Genie. Wie sieht`s aus?“ Ich zuckte mit den Schultern und lächelte.

„Ich bin sicher, dass unsere Idee, wie eine Bombe bei der Präsi einschlagen wird.“ Wie schnell die Zeit verging. Ich starrte auf die Uhr, wir hatten mittlerweile 08:20 Uhr und ich fühlte, wie die Zeit in meinem Nacken tickte.

„Dann zeig mal her was wir haben.“ Ich legte ihr die fast fertige Mappe auf den Tisch und stellte mich hinter sie.

„Es wird sinnlich, fast magisch. Ich habe dem Ganzen noch den Diamantenschliff versetzt. Irgendetwas hat mich gestört, du kennst mich ja.“ Ich zeigte auf die Linien, die ich im Hintergrund eingefügt hatte und die neuen farblichen Verläufe. „Saphire“ musste einfach einschlagen. Die Idee war gut, sehr gut sogar. Wir hatten prima Arbeit geleistet. Sie mussten es einfach nehmen. Wie würde die Idee dem Kunden gefallen? „Saphire“ passte so gut zum Unternehmensimage von British Five und ihren Vorstellungen. Lou beschäftigte sich mehr mit der Ausarbeitung meiner Grundidee und prüfte Logos und die Verbundenheit zum Unternehmensimage. Sie kannte sich deutlich besser mit solchen vertraglichen Dingen aus, als ich und ich hatte den Grundstein zu „Saphire“ gelegt. Zuerst dachte ich an Diamanten, aber das war zu einfach, ausgelutscht.

„Ja, das gefällt mir. Einfach fantastisch. Wir müssen uns noch besprechen, wer welchen Teil der Präsentation übernimmt. Was fehlt noch?“

Ich kaute geistesabwesend auf meinen Fingernägeln und drehte an dem Ring an meinem linken, mittleren Finger. In meinen Gedanken sah ich es. „Saphire“, wie ein Film aus den 20ern. Ich stellte mir genau vor, wie die fremde Frau in einem eleganten, weißen Cocktailkleid im Neckholder Stil eine lange Treppe hinunterschreitet und der hinreißendste Mann im Saal sie anstarrt. Sie ist die Neue, die Fremde.

Er schreitet auf sie zu und… . Ja das war es. Der perfekte Ansatz um „Saphire“ zu einem unvergesslichen Damenduft auf den Markt zu bringen. Sie würden staunen. Dazu benötigten sie nur ein wenig Phantasie.

„Eve?“, fragte sie und holte mich aus meinem Tagtraum zurück.

Ich sah sie irritiert an.

„Entschuldige bitte. Mir fällt gerade noch etwas ein. Gibst du mir die Entwürfe kurz?“

Sie übergab mir kommentarlos die Skizzen. Ich rannte beinahe zu meinem Tisch und begann sofort zu zeichnen. Die Wendeltreppe, das Kleid. Warum kam mir die Idee nicht schon früher? Der Ansatz war so schlicht und doch elegant. Der Kunde musste es lieben. Ich krizzelte zehn Minuten an dem Entwurf und gab sie ihr zurück. Dann erklärte ich ihr meinen Gedanken. „Das ist großartig Eve.“ Sie kam zu mir und umarmte mich. „Damit sind Tom und Sarah den Auftrag los. Saphire ist genial und die Idee dazu ist unglaublich. Ich denke du solltest den Ablauf und die Details vorstellen, und ich würde die Grundidee präsentieren, wenn das für dich in Ordnung ist?“

„Absolut.“ Ich steckte mir den Bleistift zwischen die Zähne und grinste schräg. „Habe ich dir schon mal gesagt, dass ich dich liebe Evelyn?“

„Nicht oft genug“, gab ich lachend zurück. „Also pass auf. Ich habe heute Morgen noch schnell eine To-do Liste geschrieben. Wir müssen die Entwürfe auf den PC ziehen und der Druckerei schicken, damit sie die Abzüge im Großformat ausdrucken können. Die Kollegen wissen bereits Bescheid und stehen in den Startlöchern. Der Kreativraum ist gebucht, das Catering ist vorbereitet, auch für den Kunden und für John und Daniel. John wird die Entwürfe lieben, aber ob wir Daniel und den Kunden überzeugen können kann ich nicht beschwören.“ Ich feuchtete nervös meine Oberlippe an. Die Nervosität stieg mir allmählich zu Kopf. Je näher der Termin kam, desto mehr wurde mir bewusst, welchen Stellenwert diese Kampagne für meinen Lebenslauf hatte. Ich liebte die Agentur und wollte nicht weg, doch ich strebte nach Anerkennung, besonders von Daniel Russo, denn um genau zu sein hatte ich keinen Schimmer, warum er mich nicht ernst nahm.

„Bitte sag mir, dass du nicht ausgerechnet Gina beauftragt hast mit dem Catering?“ Ich fiel vor Lachen fast von meinem Drehstuhl.

„Bist du verrückt? Dann könnten wir direkt einpacken.“ Sie stimmte in mein Lachen ein. Während ich mir die Hand vor Lachen vor den Mund halten musste, kam John in unser Büro.

„Guten Morgen die Damen. Wie ich sehe ist die Stimmung ausgelassen. Ich bin auf eure Präsentation heute Nachmittag mehr als gespannt.“ Er blieb einen Moment im Türrahmen stehen und wartete anscheinend auf eine Antwort. Man musste ihm sein Stilgefühl zugestehen. Er trug einen dunkelblauen Anzug von Hugo Boss, das weiße Hemd trug er obenherum aufgeknöpft. Damit wirkte er nicht so verkrampft, wie Daniel. Daniel Russo. Wenn ich schon an ihn dachte. Im Privaten verstanden wir uns recht gut, doch sobald es um meine Entwürfe ging, erhob er immer seine Hand um mich ruhig zu stellen. Woran es lag konnte ich nicht beurteilen. Ich wusste nur, dass John oft auf ihn einredete was mich betraf. Einmal hatte ich mitgehört, wie er ihm sagte er solle nicht so streng mit mir sein und mir mehr zutrauen. Daniel war Mitte vierzig, hatte eine Stirnglatze und trug ein dunkles Brillengestell.

Irgendwie machte die Brille seine kleinen, grauen Augen noch schmaler. Vom firmeninternen Gerede bekam ich mit, dass Daniels Beziehung zu einem Designer, dessen Namen niemand kannte auf der Kippe stand. Der Designer soll sehr eifersüchtig sein und divenhaft dazu. Morgens hatte ich oft das Gefühl, dass Daniel Concealer trug um seine dunklen Augenringe zu verdecken; bestimmt auch eine Idee des Designers. Sein Stil ließ eindeutig zu wünschen übrig. Er hatte ein Fabel für karierte Anzüge, die farblich ein grauenhaftes Bild darstellten und seine schuppige Haut widerte sämtliche Mitarbeiter an. Allerdings musste ich zugeben, dass er ein finanzielles und buchhalterisches Ass war. Er war derjenige, der die Zahlen überblickte, der Key Account Manager und leider noch erster Geschäftsführer. Die Holding der Summerholt AG, der bekanntesten Werbeagentur in Düsseldorf überblickte von oben das Geschehen in der Firma. John und Daniel waren ihre Augen und Ohren, und nebenbei Brüder. Die unterschiedlichste Art von Brüdern, die man sich vorstellen konnte. Ihr Vater Mister Summerholt Senior, den wir nur jedes halbe Jahr zu Gesicht bekamen, wenn der Vorstand tagte, war noch immer derjenige, der die letzte Absegnung gab und anscheinend keinen Schimmer hatte, dass auch Russo zum männlichen Geschlecht tendierte. Offiziell entschieden seine Söhne über alle anstehenden Prozesse, doch jeder von uns wusste, dass das nicht ganz stimmte.

„Evelyn, alles okay bei dir?“

„Hm?“ Ich hatte ihn ganz ausgeblendet.

Lou sprang für mich ein. „Es ist alles vorbereitet. Wir kümmern uns nur noch um die Ausdrucke bei der Druckerei. Du kannst auf uns zählen.“

Sie lächelte. „So ist es“, stimmte ich ihr zu und schwieg. Diese Tagträumerei würde mich eines Tages noch umbringen.

„Na gut, dann sehen wir uns später.“ Er war schon halb zur Tür raus.

„Ach und Ladies, enttäuscht mich nicht!“ Damit nahm er mich ins Visier, er musste an Daniel denken, da war ich sicher.

„Versprochen.“

„Ich würde gerne noch einmal die Präsentation durchgehen“, merkte Lou an. „Ich würde vorschlagen, dass ich die Entwürfe an die Druckerei gebe und dann den Rest weiterplane, du hast schon so viel gemacht.“

„Von mir aus, klar. Ich würde gerne nochmal durch die Entwürfe gehen und schauen, ob mir noch etwas einfällt für die bildhafte Darstellung.“

Sie scannte die Skizzen ein und gab sie mir zurück, danach verschwand sie in Richtung Druckerei. Ich steckte meine Kopfhörer in meinen Laptop ein und erstellte mir eine Playlist. Die kleine Idee fehlte noch.

Der Funken, der das Ganze zum Explodieren brachte. Nur was war die Frage? In iTunes öffnete ich meine Mediathek und zog einige, potenzielle Songs auf meine S. Playlist. Niemand durfte den vollständigen Namen des Damenduftes wissen. Saphire benötigte den richtigen Song. Ich ging mehrere Songs durch, bis ich ihn fand. Den Song, der genau zu unserer Idee passte. „Beneath your beautiful“ von Labrinth und Emilie Sandé. Wie sie sangen „würdest du mich einen Blick unter deine Schönheit werfen lassen?“. Die Musik sprach mich an und der Text passte zu „Saphire“. Die Musik benötigen wir für das Shooting. Ich stützte die Ellenbogen auf meinem Schreibtisch ab und dachte nach, ob ich sie ebenfalls in die Präsentation mit einfließen lassen sollten. Dabei war ich mir unsicher. Vielleicht wäre es für die Präsentation einen Hauch zu viel des Guten. Meine Armbanduhr zeigte mittlerweile viertel vor 11 an. Ich war bereits seit sieben Uhr hier und hatte die ganze Zeit an den Entwürfen gefeilt. Nein, es gab nichts mehr zu verbessern, sie waren perfekt, so wie sie jetzt waren. Mein Magen knurrte seit einer halben Stunde, ich musste endlich etwas essen. Also schnappte ich meine Jacke und verließ das Gebäude. In meinem Stamm Café bestellte ich mir einen Chocolate Chip Muffin und einen Früchtetee, so wie immer. Laura, die Geschäftsführerin und einzige Angestellte, kannte mich inzwischen, wie eine gute Freundin. Für mich war das kleine Café auf einer verwinkelten Seitenstraße, das ich vor zwei Jahren durch einen Zufall entdeckt hatte, als ich mir die Beine vertreten wollte, ein zweites Zuhause und mein Zufluchtsort geworden, wenn ich auf der Suche nach Ruhe war. Im Café Lauras Cake & Cookies verbrachte ich mindestens drei Mal die Woche meine Mittagspausen. Ich mochte die kleine idyllische Atmosphäre. Hierher kamen nur Stammgäste, wie Laura mir erzählte. Keine aufgeblasenen Menschen, die auf der Suche nach einem schnellen Coffee to go waren, sondern eher die Sorte Mensch, die Ruhe suchte oder auf einen kleinen Plausch vorbeikam. Hier gab es nur sechs Tische, an denen maximal vier Personen sitzen konnten. Überall standen hinreißende Blumen, die Laura jeden zweiten Tag austauschte. Ich kam mir vor, wie mitten in den Bergen. Das Haus war alt und vielleicht schon ein bisschen ranzig, aber Laura hatte dem ganzen Stil verlieren mit ihrer künstlicheren Einrichtung. Um ehrlich zu sein gab sie mir ab und an die Anreize für meine Ideen.

Ich setzte mich an einen Tisch in der Ecke, Laura gesellte sich zu mir, da bisher kein Tisch besetzt war. Die Rush Hour würde in etwa einer Stunde losgehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie sonderlich viel Gewinn mit dem Laden machte, allerdings war das Café eine Herzensangelegenheit für sie, das wusste ich.

„Und was macht die Werbung? Hast du wieder die Firma gerettet?“,

fragte sie fröhlich und nippte an ihrem Milchkaffee, als sie sich zu mir setzte und der Holzstuhl dabei ein wenig knarzte. Ihr entging nichts.

„Ich habe dir doch von dem großen Auftrag erzählt, den wir an Land gezogen haben, oder? Die Damenduft Kampagne?“ Sie kratzte sich nachdenklich am Ohr. Das tat sie immer, wenn sie über etwas nachdachte. „Diese Briten, richtig? British, british, irgendwas.“

„British Five, genau. Wir sind fertig und präsentieren unseren Pitch heute Nachmittag. Ich habe das Gefühl, als hätte ich eine Ewigkeit nicht mehr durchgeschlafen. Ohne Schlaftabletten sind meine Nächte so kurz, dass das zu Bett gehen eher ein Witz ist. Wenn es diese kleinen Unterstützer nicht gäbe, wäre ich am Rande eines Burn-Outs, das kannst du mir glauben.“ Ich ließ mich gegen den Stuhl sinken, nahm den Teebeutel vorsichtig mit einem kleinen Löffel aus der Tasse und knabberte schnell an dem Muffin.

„Verstehe. Was sagt Jonas dazu?“

Jonas, natürlich.

Ich hatte seitdem ich heute Morgen zu Summerholt kam nicht mehr an ihn gedacht. Womöglich eher verdrängt, dass er ein Arschloch war und nicht verstand, dass ich nach so kurzer Zeit noch nicht bereit war aus „ich“ ein allgemeines „uns“ werden zu lassen. Also was sollte er dazu sagen? Er hatte keine Ahnung, dass ich die Tabletten überhaupt nahm, da ich 24/7 im Stress war und er dachte, dass ich einfach nur k.o. war.

Von meinen ständigen Gedanken und den schlimmen Träumen erzählte ich ihm nichts. Ich wollte ihn nicht beunruhigen.

„Naja, was soll er sagen? Er ist eben Jonas.“

„Hm, er weiß es nicht richtig?“ Ich schüttelte den Kopf. „Also nicht, dass es mich etwas angeht, aber ist alles okay bei euch?“ Ja, die Frage war nicht unberechtigt. Sicherlich vertraute ich Laura, nur war mir nicht nach reden. Ich trank einen weiteren Schluck Tee und stand auf mit dem Muffin in der Hand.

„Wir reden ein anderes Mal okay? Mein Tisch ist voller Arbeit. Wünsch mir Glück!“ Ich lächelte und hörte noch, wie sie: „Ich drücke die Daumen“, rief.

Kapitel 3

Auf dem Weg zurück in die Agentur, dachte ich kurz über ihre Frage nach. Was sollte ich wegen Jonas tun? Ein kurzer Blick auf mein Handy verriet mir, dass er sich nicht die Mühe gemacht hatte mich anzurufen, oder mir zu schreiben. Dieser sture Arsch. Erwartete er jetzt allen Ernstes, dass ich mich bei ihm entschuldigte, weil ich ihm die Wahrheit gesagt hatte und dazu noch freundlich und einfühlsam? Manchmal verstand ich ihn nicht. Am Anfang unserer Beziehung machte er mir unmissverständlich klar, dass er es langsam angehen lassen wollte. Die Themen Zusammenziehen, Heirat oder Kinder kriegen, standen auf seiner Agenda, soweit ich wusste sehr weit unten. Vielleicht hatte ich mich in ihm geirrt. Nein, er war schließlich mein Jonas. Der liebevolle Jonas, der mir aus der Tiefe hinaufgeholfen hatte. Der mich in der Klinik besuchte und zusammen mit mir und den Mitpatienten am Tisch saß und mit uns Spiele spielte. Das hätte er nicht tun müssen, wenn er es nicht ausdrücklich gewollt hätte. Niemals hätte ich ihn dazu gezwungen mich zu besuchen. Nicht in einer psychiatrischen Klinik. Wenn ich an die Zeit vor wenigen Monaten zurückdachte, in denen ich zusammengebrochen war, weil ich ihn gesehen hatte. Und doch war er mir nicht von der Seite gewichen, obwohl ich Noah vermisste. Obwohl er wusste, wie sehr es mich gebrochen hatte ihn, meinen Noah mit ihr zu sehen. Bei dem Gedanken an das blonde Mädchen, das so verliebt an seinen Lippen hing und ihn anbetete, kam mir der Muffin beinahe wieder hoch. Unwillkürlich sollte ich mich fragen, was er an ihr fand, doch die Antwort war klar. Sie war hübsch und sie machte ihn glücklich. Warum war es dann so schwer die zwei zusammen zu sehen und zu akzeptieren, dass er nur das getan hatte, das ich zu ihm gesagt hatte? Ich war diejenige, die sich wünsche, er würde jemand Neuen finden, eine Frau, die ihn verdiente. Meine eigene Reaktion traf mich so unerwartet, dass ich beinahe an Ort und Stelle in Tränen ausgebrochen wäre. Das Ganze erinnerte mich an einem schlechten Roman, voller Melodramatik und Tränen. Am liebsten hätte ich ihr die Augen ausgekratzt und sie zur Hölle geschickt. Doch was sollte ich tun? Der einzige Grund warum sie an seiner Seite stand, war ganz allein ich und meine dumme Entscheidung.

Darum ging es jetzt nicht, es ging um Jonas und mich. Verdammt, auch wenn ich ihn hasste, ich liebte ihn genauso sehr. Ich liebte jede gute Seite an ihm. Wie er morgens früh leise vor sich hin schnarchte und seine Lippen spitzte. Immer wenn ich vor ihm aufstehen musste, was in der Regel jeden Tag war, klammerte er sich an mir fest und drückte seinen Kopf ganz fest auf meinen Bauch, damit ich nicht aufstehen konnte. Diese tägliche Geste war wunderbar und versüßte mir beinahe jeden Tag. Warum war ich mir denn dann trotzdem so unsicher? Lag es an den schlechten Erfahrungen aus meiner Vergangenheit? An dem Vertrauensmangel? Ich vertraute ihm doch, nur wusste ich nicht, ob wir für immer zusammenbleiben würden. Das Wort „für immer“ war einfach zu viel und ich wollte nicht schwören.

„Na, warst du bei Laura?“, begrüßte mich Lou, als ich zurück ins Büro kam. „Wie immer. Also, kurzes Breefing.“

Sie nahm einen Block vom Tisch. „Die Entwürfe sind auf dem Weg zu uns. Sie werden super. Ich habe noch einmal den gesamten Tagesplan durchgeschaut, check. Manuel vom Catering hat die Schnittchen und die Getränke für den Pitch bereits vorbereitet, check.“ Hinter jedem Punkt zeichnete sie ein Häkchen ein. So mochte ich sie. Manchmal übernahm sie in der Organisation das Denken für mich, und ich liebte sie dafür.

„Der Raum sieht ebenfalls gut aus. Es kann gar nichts schiefgehen. Wir müssen uns nur noch einmal absprechen. Hast du irgendetwas Neues?“ Ja, einen Song, der mich umhaute. Der ihn umhauen würde, der eine Mann, der die fremde Frau sah. „Schon.“

Sie stand auf. „Na los, erzähl es mir schon. Ich kann dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.“ Ich erzählte ihr von „Beneath your beautiful“ und dass ich mich dazu entschieden hatte den Song erst bei dem Dreh einfließen zu lassen. Sie stimmte mir zu, immerhin war ich das kreative Genie.

In den nächsten drei Stunden gingen wir die Unterlagen wieder und wieder durch und machten uns frisch für die Präsentation. Noch immer keine Nachricht von Jonas. Normalerweise bekam ich mindestens einmal am Tag eine Mail von ihm. Diese blieb heute aus. Mein Computer blieb stumm und das gewohnte Pfeifen kam nicht. Es ging jetzt um Wichtigeres, danach hatte ich ausreichend Zeit um mich mit Jonas‘ Macho Allüren zu beschäftigen. Idiot, dachte ich und schloss die Tür hinter mir. Als wir im Kreativraum ankamen, war er bereits randvoll, nur John fehlte noch. Um den ovalen Holztisch saßen unsere Kollegen aus der Kreativabteilung, bis auf das andere Team, die Geschäftsführer von British Five und Russo. Zu meiner Verwunderung erblickte ich den alten Summerholt neben seinem Sohn. Wir hatten eine wichtige Vereinbarung in der Firma, dass immer nur ein Team präsentieren durfte und dieses musste danach den Raum verlassen, danach wird die Entscheidung durch die Geschäftsführung getroffen.

Unsere goldene Regel, wie Russo es immer ausdrückte. Ich starrte nervös auf die Uhr. In fünf Minuten ging es los. Ich brauche dich John, sagte ich zu mir selbst. Er nahm mir oftmals das Nervositätsgefühl, denn er war wirklich einfühlsam und unterstützte meine Arbeit. Daniels Assistentin Elena kam in den Raum und wollte gerade die Tür schließen, als John hereingehuscht kam. „Sorry, ich hatte noch ein wichtiges Telefonat.“ Er ging zu seinem Vater und begrüßte ihn.

„Guten Tag alle miteinander. Schön, dass Sie hier sind. Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung. Ich bin sicher mein Bruder konnte mich würdig vertreten in der ersten Präsentation. Die Entwürfe kenne ich und ich habe mich soeben breefen lassen von den Kollegen. Dan dazu tauschen wir uns später aus.“ Er nickte und nahm sein Wasserglas teilnahmslos in die Hand. Na toll, seine Laune war alles andere als gut.

„Dann wollen wir Sie nicht länger hinhalten. Louisa, Evelyn, bitte präsentiert uns eure Idee für den Damenduft von British Five.“ Wir hatten nicht einmal Zeit uns bei den Geschäftsführern vorzustellen.

Aber gut. Dann mussten wir sie mit unserer Idee vom Hocker hauen. Ich schürzte meine Lippen und hing den wichtigsten Entwurf an das Chart. Es zeigte die Grundidee von „Saphire“ die hinreißende Frau im weißen Kleid, wie sie den Damenduft an ihr Gesicht hält. Sie trägt passende feine Handschuhe, die ihr bis zum Ellenbogen gehen. Ihr blondes, langes Haar geht ihr bis über die Brust. Sie trägt einen dunkelroten Lippenstift, passend zu den dunkelroten Pumps. Die Schrift stellte sich Lou kursiv vor.

„Einen schönen guten Tag zusammen, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Herzlich Willkommen auch an die Geschäftsführung von British Five.“ Sie holte einen Moment lang Luft und begann mit der Präsentation und sie war gut. Ich hörte ihr aufmerksam zu, wie sie über die Ideenfindung von „Saphire“ erzählte, was es mit dem Namen auf sich hatte und warum „Saphire“ so gut zum Unternehmen passte. Sie erzählte ganze sieben Minuten lang, bis ich an der Reihe war. „Meine Teamkollegin Evelyn wird Ihnen und euch jetzt noch einiges zur Verwirklichung und zum genauen Konzept von „Saphire“ erzählen. Bitte lassen Sie sich inspirieren.“

„Natürlich auch von mir ein herzliches Hallo und schön, dass Sie und ihr gekommen seid zu unserer Präsentation. Wenn ich an das neue Damenparfum denke kommt mir als Erstes der Gedanke von Sinnlichkeit, einem Duft, den Sie nie wieder vergessen werden. Einem Duft, den jede Kundin kaufen möchte, die bereit ist sich inspirieren zu lassen. Den jeder Mann seiner Frau zu Weihnachten kaufen möchte, weil ihn die Werbeidee überzeugt. Dabei haben wir uns ganz besonders inspirieren lassen. Stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor: Schließen Sie für einen Moment Ihre Augen. Jetzt stellen Sie sich eine schlanke Frau mit einem weißen Neckholderkleid vor. Ihre glänzenden, blonden Haare fallen ihr sinnlich über ihre Schultern bis hin zu ihrer Brust. Sie trägt einen dunkelroten Lippenstift und farblich abgestimmte Pumps. Sie ist die „Neue“ in der Stadt. Das Ganze spielt sich in den 20ern ab. Stellen Sie sich ihre gelockten Haare vor, wie sie zu dieser Zeit getragen worden. Die junge Frau ist wunderschön, ihr Gesicht ist so perfekt, wie das Gesicht einer Puppe. Ihre Haut wirkt wie Porzellan.

Sie ist zu einer Gala Veranstaltung eingeladen. Langsam schreitet sie eine breite Treppe herunter. Die Spots sind auf sie gerichtet, während der gesamte Raum nur sie anstarrt. Die Frau wirkt geheimnisvoll und verleitet die Menschen um sie herum ihre Aufmerksamkeit auf sie zu richten. Während sie die Treppe herunter geht entdeckt er sie. Der schönste und begehrenswerteste Junggeselle der Stadt. Die Frauen scharen sich um ihn herum, doch er, ja er hat nur Augen für die geheimnisvolle Schönheit. Ihre meeresblauen Augen schimmern im Licht, und der Mann kann nicht anders als auf sie zuzugehen. Noch nie hatte er eine Frau mehr gewollt, als sie. Auf halbem Weg wird er von ihrem süßen Duft betört. Es ist das Schicksal, noch niemals hatte er eine Frau so angesehen, wie sie. Sie war anders, und sie änderte alles.

Langsam tritt er auf sie zu und sie sieht ihn ebenfalls. Sie lächelt und geht ebenfalls auf ihn zu. Er hat etwas Interessantes an sich.

„Wer bist du nur?“, flüstert er ihr leise ins Ohr.

Ihre perfekten Zähne blitzen durch ihre geschminkten Lippen hindurch.

Er ist vollkommen betört von ihrer Schönheit und ihrem sinnlichen Duft. Es ist nur ein Flüstern, ein leiser Hauch: „Ich bin Saphire.“

Ich hatte gar nicht gemerkt, wie ich träumte. In meinem Traum war ich „Saphire“, und Noah war der hinreißende Mann, der auf sie zuging. Ich schüttelte den Traum ab und sah mich in der Runde um. Niemand sagte etwas. Ich brauchte einen kurzen Moment um meine Stimme wieder zu finden. „Das ist unser Konzept zu dem Damenduft von British Five.

Wir haben natürlich bereits geplant, wie wir „Saphire“ auf den Markt bringen können. Es gibt genügend Konkurrenz im oberen Preissegment, in das wir einsteigen wollen. Einen Werbespot, der diese Szene aufnimmt. Ein Fotoshooting, in der richtigen Kulisse. Die genaueren Details haben wir Ihnen in entsprechenden Mappen zusammengestellt.“

Lou teilte die Mappen aus. „Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Sollten Sie Fragen jeglicher Art haben, können Sie gerne auf uns zukommen.“

John stand auf und übernahm das Wort, bevor meine Stimme komplett brach. „Vielen Dank für die Präsentation. Ihr habt euch viel Mühe gegeben. Wir würden alle Kollegen bitten den Raum für eine halbe Stunde zu verlassen, bis wir zusammen mit British Five eine gemeinsame Entscheidung getroffen haben, wer das Projekt übernehmen wird. Vielen Dank.“

Ich nahm die Entwürfe und ging mit Lou zusammen vor die Tür. Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie John mir einen Daumen nach oben zeigte. Ein schwaches Lächeln erschien auf meinen Lippen. Sie wirkten nicht sonderlich begeistert von unserer Idee. Hatten wir uns doch zu weit aus dem Fenster gelehnt oder hatte ich mich zu sehr aus dem Fenster gelehnt? Ich fand „Saphire“ brillant. „Alles in Ordnung?“, fragte Lou hinter mir. Ich musste mich einen Moment hinsetzen, öffnete die Tür zur Personalküche und setzte mich an den großen Tisch.

„Möchtest du einen Tee?“

„Ja, gern“. Meine Stimme klang schwach. Ich hatte wahnsinnige Kopfschmerzen und stützte meinen Kopf in meine Hände. Was für eine Vorstellung. Was sollte ich nur tun, wenn sie uns ablehnten? Daniel hatte mich gewarnt, wenn meine Projekte weiterhin nicht seinen Vorstellungen entsprachen, würde er mir einen „einfacheren“ Job suchen. Was hatte das zu bedeuten? Sollte ich danach die Toiletten putzen oder als Runnerin arbeiten? Ich strich mir ein paar Strähnen aus dem Gesicht und schloss die Augen für einen Augenblick. So ein Mist, ich hatte es vermutlich verbockt.

Lou riss mich aus meinen Gedanken. „Du warst großartig Süße. Versteck dich nicht, du bist so talentiert und das werden Sie sehen. Auch dieser Arsch Russo wird es sehen.“ Wir nannten ihn Russo, weil Daniel schon einmal verheiratet war, im Gegensatz zu John. Die beiden hatten angeblich noch eine Schwester, die noch niemand jemals gesehen hatte. Man munkelte, dass sie ein uneheliches Kind vom alten Summerholt war. Jocelyn, die in Amerika bei ihrer Mutter lebte.

Sowohl John, als auch Daniel waren laut Pass gebürtige Amerikaner, doch lebten im Gegensatz zu ihren Eltern in Deutschland. Zwar hatte Daniel wieder den Namen Summerholt angenommen, doch trotzdem nannten wir ihn so. Russo passte einfach besser zu ihm. Sie gab mir die Teetasse und setzte sich neben mich. „Wir waren gut, wirklich. Ich konnte mir genau vorstellen, wie die beiden sich verlieben.“

„Du kanntest die Idee. Für dich war das Ganze nichts Neues.“

„Darum geht es nicht. Du warst einfach authentisch. Man konnte deine Idee genau sehen. Ich fand es umwerfend.“

„Hm“, raunte ich noch immer nicht sonderlich überzeugt.

„Komm, trink deinen Tee aus, wir müssen zurück.“ Mit einem kurzen Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass bereits 25 Minuten um waren. Ich trank noch einen großen Schluck und goss den restlichen Tee in den Ausguss. Lou nahm die Entwürfe, ich hingegen lief niedergeschlagen hinter ihr zurück in den Kreativraum. Michael und Sarah saßen uns gegenüber. Wie siegessicher sie aussahen. Ich warf einen schnellen Blick auf ihre Entwürfe; die waren wirklich gut, stellte ich fest. Gut genug um uns damit zu übertrumpfen. Zwar konnte ich keine Einzelheiten erkennen, aber ich wusste, dass Sarah eine perfekte Grafikerin war. Daniel, John und Mister Summerholt Senior kamen gemeinsam zurück in den Raum. Offenbar stand die Entscheidung zeitnah fest. Sie hielten alle Pappbecher in den Händen.

Daniel hustete gekünstelt. „Nun gut, wir haben uns die Entscheidung nicht einfach gemacht, Ihre Entwürfe sind gut, beide. Es ging hier allerdings nicht um nur gut, sondern um den Aspekt einzigartig. Hierzu möchte Mister Linehan von British Five etwas sagen. Bitte.“

Mit einem starken, englischen Akzent begann er zu reden.

„Wir waren sehr überrascht von den unterschiedlichen Ansätzen, die Sie gewählt haben. Beide gingen in eine ganz andere Richtung. Einmal wild, heiß und ja von die letzte Team das Gegenteil: Sinnlichkeit, prickeln, Atmosphere. Ich bin wirklich positiv überrascht, genauso wie mein Kollege. Doch wir konnten trotzdem nur in eine Richtung gehen.

Die Richtung, die besser zu unserem Damenparfum passt, und vor allem zu unserem Image. Deshalb freuen wir uns eine gemeinsame Entscheidung mit Ihrer Geschäftsführung getroffen zu haben. Der Bearbeitung von die Pitch sollen nach unsere Vorstellung, die beiden Damen übernehmen, die „Saphire“ entwickelt haben.“ Mir stockte der Atem. Sie hatten sich wirklich für „Saphire“ entschieden. Für unser Baby. Ich spürte, wie ich rot wurde, denn meine Haut erhitzte immer mehr.

„Wir würden weitere Details gerne mit Ihnen besprechen.“ Wir nickten.

Ich spürte Lous Hand, wie sie unter dem Tisch nach Meiner griff.

Unglaublich! Mein Unterbewusstsein schrie vor Glück. Jetzt endlich hatte ich eine reale Chance aufzusteigen. Ich drückte ihre Hand und blieb still.

„Bitte entschuldigen Sie uns“, sagte Daniel zu Jessica und Michael. Sie standen wortlos auf und verließen den Raum. Ich sah die blanke Wut in ihrem Gesicht, sie hatte mit dem Sieg gerechnet und sie würde uns spüren lassen, dass wir nicht gut genug waren in ihren Augen. Ich hegte den Verdacht, dass Daniel und Michael eine Affäre hatten. Er hatte zwar nie zugegeben, dass er auf Männer stand, doch jeder Mitarbeiter wusste, dass sich Michael zum anderen Geschlecht hingezogen fühlte.

Deshalb war er sich auch so sicher, den Pitch für sein Team zu entscheiden. Wer wusste was die zwei hinter verschlossenen Türen miteinander besprachen. Das ging mich auch nichts an. Ich hatte meine eigene Meinung zu Beziehungen innerhalb einer Firma, das mussten sie selber wissen.

„Wir sind sehr von Ihrer Idee angetan. Sie haben sehr, sehr gute Arbeit geleistet. Das ist genau der Ansatz, den wir uns gewünscht haben. Die Sinnlichkeit, die ganz klar im Vordergrund steht.“ Er imponierte mir, vor allem mit seinem charmanten Akzent. „Also, Sie finden wir sollten einen Spot drehen, ist das richtig?“

Da ich keine Worte fand, sprang Lou für mich ein. „Genau Sir. Die gesamte Geschichte ist auf diese Art am besten zu visualisieren für die potentiellen Kunden. Wir wollen hier eine Message überbringen, die den Kunden dazu anregt die Kaufentscheidung zu treffen. Die genauen Planzahlen können Sie den Mappen entnehmen, die ich Ihnen ausgeteilt habe. Ich habe mir heraus genommen eine Vorabkalkulation aufzustellen für das Projekt.“

„Sehr schön.“ Gab er zurück. „Wir werden alles Weitere noch miteinander besprechen würde ich vorschlagen. Sie haben uns ein wunderbares Konzept präsentiert. Vielen Dank.“ Damit war die Sitzung beendet. Wir standen auf und gaben den Herren zur Verabschiedung die Hand. Ich hätte die Entwürfe am liebsten geküsst, sie eingerahmt und aufgehängt. Lou unterhielt sich noch mit John, während ich zurück ins Büro ging. Es war inzwischen sechs Uhr. Auf meinem Handy blinkte eine Nachricht auf. Von Jonas.

Können wir reden? Heute Abend um 8 bei dir? Entschuldige…

Es tat ihm wirklich leid. Ich hatte mir die letzten Stunden den Mund fusselig geredet. Mir war heute Abend nur nach Entspannung und Zeit für mich. Ich textete ihm schnell zurück, dass es heute zeitlich nicht passte, und bat darum mich morgen mit ihm zu treffen. Jetzt war erst einmal Zeit zum Feiern. Wow. Der Auftrag gehörte uns. „Saphire“ würde bald über sämtliche Bildschirme flackern. Was Noah wohl dazu sagen würde, dass ich jetzt ernsthaft Karriere machte? Ob es ihn wohl interessieren würde? Wahrscheinlich weniger. Ich kippelte mit meinem Bürostuhl und dachte über ihn nach. An einen bestimmten Augenblick.

„Ich möchte mehr. So viel mehr, als das was ich jetzt habe.“ Hatte ich aus dem Nichts zu ihm gesagt, als wir in seinem Bett lagen und fernsahen. Er hatte den Fernseher auf stumm geschaltet und sich zu mir gedreht. „Was meinst du mit mehr?“

„Naja weißt du. Mein ganzes Universum dreht sich gerade um uns.

Aber das ist nicht alles für mich. Ich liebe dich. Das weißt du doch oder? Aber ich will mehr.“

Er wirkte entsetzt. Dabei wollte ich nur endlich über meine Zukunftspläne mit irgendjemandem reden. Mir fiel es nicht sonderlich leicht über meine Wünsche zu sprechen, da ich mich davor ängstigte als dumme Träumerin abgestempelt zu werden. „Ist irgendetwas passiert?“, fragte er sichtlich besorgt.

Ich nahm vorsichtig seine Hand und zeichnete seine Lebenslinien nach.

„Nein, das wäre zu einfach. Ich entwickle mich weiter, weißt du. Ich muss mir neue Ziele setzen. Die Abnahme war mir immer wichtig, und ich habe es durchgezogen und 20 Kilo verloren. Irgendwie fühle ich mich dadurch zum Teil, wie ein anderer Mensch. Ich glaube ich bin endlich stärker.“ Er fuhr mir liebevoll durch die Haare und küsste mich auf die Lippen.

Seine Lippen waren voll, ein wunderbarer, herzförmiger Kussmund. Ich sah in seine vertrauenswürdigen, blauen Augen. Immer wenn ich an ihn dachte, kam mir als erstes sein Gesicht in den Sinn. Die Nase, die Schlupflider, die Lippen, die Ohren, die ein wenig abstanden, seine perfekten Zähne. Wie konnte man in der Lage sein zwei Menschen gleichzeitig so sehr zu lieben? Würde mich jemand bitten eine Entscheidung zu treffen, dann stünde ich am Abgrund, weil ich mich nicht entscheiden konnte. Soweit war ich noch nicht.

„Schau mich an. Ich bin wahnsinnig stolz auf dich. Du hast so viel geschafft. Nur bitte übernimm dich nicht. Dein Erfolg wird kommen, das weiß ich, weil ich an dich glaube.“

Dieser Satz war perfekt, und er hatte sogar Recht behalten. Ich dachte an die hässliche, grelle Bettwäsche, die orangene Tapete und versuchte mir in Erinnerung zu rufen, an welche Dinge ich mich besonders erinnerte. Natürlich, das Klavier, wie er darauf für mich „Right here waiting“