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Florenz 1492: Eine junge Frau und ihr ehrgeiziger Plan, in den sogar der streng religiöse Mönch Savonarola sowie der machthungrige Papst Rodrigo Borgia involviert werden. 1944: Bianca ist als fertig entwickelter Mensch ins Paradies aufgenommen worden. Sie gerät in einen Streit mit dem Erzengel Gabriel, der sich für die endgültige Auslöschung der Menschheit ausspricht, die immer und immer wieder der Versuchung des abtrünnigen Erzengels Luzifer unterliegt. Auf Drängen Biancas wird Luzifer gegen seinen Willen mit ihr ins Florenz des Jahres 1492 zurückgeschickt, um ihn künftig von der Versuchung der Menschen und der daraus entstehenden Gewalt abzubringen. Den Umständen und Gefahren dieser Zeit in menschlichen Körpern ausgesetzt, erkennen die beiden nach und nach, dass sie nicht nur Gegensätze haben... Im ersten Roman dieses Vierteilers beginnt das "Luzifer - Experiment", für dessen Realisierung die junge Bianca ihren Platz im Paradies riskiert und sich auf eine gefährliche Zeitreise ins Florenz der Renaissance begibt. Bei "Einer von vier - Falsche Vorstellungen" handelt es sich nicht um einen historischen Roman. Vielmehr ist es ein Spannungsroman, der vor historischer Kulisse spielt und in den die Kritik an der Kirche und deren Praktiken einfließen.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2024
Helen David
Einer von vier
Falsche Vorstellungen
© 2021 Helen David
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-26081-8
Hardcover:
978-3-347-26082-5
e-Book:
978-3-347-26083-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Coverbild: Shutterstock.com/ Evgenii Iaroshevskii
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Anmerkung des Autors
Die wichtigsten Personen:
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
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Urheberrechte
Kapitel 1
Kapitel 21
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Anmerkung des Autors
Die hier erwähnten Informationen sind ausschließlich für den ersten Teil relevant; ich habe bei Savonarola ganz bewusst einige biographische Daten ausgelassen, die im zweiten Teil aufgeführt werden. Nur die für dieses Buch relevanten Biographien sind hier aufgeführt. Da alle historischen Charaktere mit Ausnahme von Savonarola lediglich Randerscheinungen sind, gehe ich bei ihnen tatsächlich nur auf die wichtigsten Eckdaten ein.
Die wichtigsten Personen:
Girolamo Savonarola wird 1452 in Ferrara geboren. 1490 kehrt er auf Einladung Lorenzo de Medicis an das Dominikanerkloster San Marco nach Florenz zurück, nachdem er die Jahre davor als Bußprediger in Italien unterwegs war. Savonarola wird durch seine dramatischen Predigten bekannt, in denen er zu radikaler Umkehr und Buße aufruft und die Menschen in Florenz vor den Folgen ihres sündhaften Verhaltens warnt. 1492 treten mehrere angekündigte Visionen von ihm ein.
Lorenzo de Medici:
Lorenzo de Medici wird 1449 in Florenz geboren. Nach dem Tod Piero di Cosimo de Medicis ist er seit 1469 Herrscher über Florenz. Er fördert die Malerei, Bildhauerei und andere Künste; unter ihm sind Künstler wie Botticelli oder Michelangelo aktiv. Lorenzo de Medici hat mehrere Kinder, darunter seinen ältesten Sohn Piero de Lorenzo de Medici, der 1492 nach seinem Tod die Nachfolge im politischen Feld übernimmt. Er stirbt am 8. April 1492 in Florenz.
Rodrigo Borgia:
Rodrigo Borgia wird 1431 in Spanien geboren. Vor seiner Wahl zum Papst lebt und arbeitet er als Kardinal in Rom. Nach dem Tod von Innozenz VIII. gelangt er in das höchste Kirchenamt. Er ist machthungrig und skrupellos.
Kapitel 1
Gabriel lief in der Halle auf und ab, beide Hände an den Mund gelegt. Er war unruhig. Dann blieb er stehen, ließ die Arme fallen und nahm einen tiefen Atemzug, bevor er sich in die entgegengesetzte Richtung weiterbewegte. Ich hatte ihn noch nie so nervös erlebt. Nervös und vor allem angespannt. Als ich ein Kind war, hätte ich nie geglaubt, dass ein Engel nervös oder angespannt sein könnte, und schon gar nicht ein Erzengel. Als ich ein Kind war, hatte ich auch geglaubt, dass Engel Wesen seien, die immer alles richtig machten, majestätisch und wunderschön, mit langen weißen Gewändern und eleganten Flügeln.
Ich wunderte mich, dass Gabriel mich nicht hinausgeschickt hatte, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, er schien mich gar nicht richtig wahrzunehmen. Nun setzte er sich wieder in Bewegung, zwei, drei Meter und blieb dann erneut ruckartig stehen, als sich die Tür öffnete und Michael eintrat. Sein Gesichtsausdruck war nicht besser. Ich setzte mich auf die weißen Stufen, die die große Marmorhalle in ihrer Mitte zierten. Natürlich war mir bewusst, warum die beiden so unruhig waren; jedem hier war es bewusst. Es war Februar 1944. Der zweite Weltkrieg tobte. Das zwanzigste Jahrhundert war die Zeit der totalen Zerstörung. Noch nie war es so schlimm, so verheerend gewesen wie jetzt. Mit der Industrialisierung hatte die Menschheit einen neuen Höhepunkt in ihrer Entwicklung erreicht, so schien es, aber im Augenblick war es der Tiefpunkt, der in zwei Weltkriegen gipfelte. Ich drehte den Kopf und blickte zu den beiden Erzengeln.
„Wir sind uns alle einig. Es ist endgültig genug. Lass uns die Sache jetzt beenden.“
Michael starrte auf den Boden und nickte, er sah reichlich unkonzentriert aus. Endlich hob er den Kopf, hatte kurz die Augen geschlossen und öffnete sie dann wieder. „Du weißt schon, was das bedeutet?“
„Ja natürlich. Der Großteil wird eben vernichtet werden müssen. Sie hatten enug Zeit, es besser zu machen. Wir haben jetzt das Jahr 1944. Irgendwann muss Schluss sein.“ Gabriel klang sehr sachlich. Dann stellte er die ultimative Frage: „Ist schon entschieden, was wir jetzt mit ihm machen sollen?“
Michael zuckte mit den Schultern und schaute ihn direkt an.
„Ich weiß es nicht. Uns wird schon etwas einfallen.“ Mit den Worten verließen die beiden die Halle und ich blieb allein zurück.
Ist es schon entschieden, was wir jetzt mit ihm machen sollen? Ich weiß es nicht. Uns wird schon etwas einfallen. Sie hatten nicht einmal seinen Namen ausgesprochen. Aber das war hier sowieso nicht erwünscht. Man erntete sofort einen vernichtenden Blick Gabriels, beziehungsweise einen erschrockenen Blick der meisten anderen Engel, wenn man es wagte. Mir war es in letzter Zeit ein paar Mal herausgerutscht und die Reaktion war immer dieselbe gewesen. Ich seufzte tief. Zwar hatte ich Luzifer nie persönlich getroffen, aber die Schuldfrage schien ja einwandfrei geklärt zu sein.
Irgendwie war mir das alles ziemlich unangenehm; nicht wegen der extremen Anspannung, unter der alle standen, sondern mehr wegen der Art und Weise, wie mit dem Thema umgegangen wurde. Es war das Thema und dennoch wurde es behandelt wie eine glühend heiße Herdplatte, von der alle die Finger lassen sollten. Gut, ich war noch neu hier und hatte ohnehin nichts zu melden. Ich war kein Engel, sondern ein fertig entwickelter Menschmit einem reinen Herzen.
Die meisten Menschen jedoch kamen nie so weit wie ich und das hatte einen Grund: es gab einen starken, dunklen Einfluss, der seit langer Zeit versuchte, den Menschen zu schaden. Und dieser Einfluss hieß Luzifer. Der Erzengel Luzifer. Der sich damals, vor vielen Jahrhunderten gegen Gott gestellt hatte und seinen eigenen Weg gegangen war.
Ich zuckte zusammen, als sich die Tür erneut öffnete und Gabriel alleine eintrat. Er wirkte so unruhig, so getrieben. Normalerweise war das gar nicht seine Art; als ich vor zwei Jahren hier angekommen war, war er noch wesentlich angenehmer im Umgang gewesen. Wie alle anderen Engel auch, war Gabriel ein außerordentlich schönes Wesen, mit hellbraunen Haaren und grünen Augen. Neben ihm gab es noch den Erzengel Michael, der schulterlange, gewellte blonde Haare und graue Augen hatte und daneben Raphael; der hatte lange, lockige, dunkelbraune Haare und blaue Augen.
Ich stand auf. Gabriel drehte sich zu mir und starrte mich an. Seine Miene wurde noch angespannter. Jetzt endlich schien er mich überhaupt zu bemerken. „Was willst du?“
„Mir ist etwas eingefallen.“
„Ich habe weder Zeit noch Nerven, es mir anzuhören, was immer es ist.“
„Es geht um Luzifer“, fing ich an und räusperte mich. „Was habt ihr denn jetzt vor?“
„Was wir vorhaben?“ Gabriel blickte mich an. „Ich möchte es mal so ausdrücken: ich möchte nicht in seiner Haut stecken!“
„Wollt ihr ihn mit Gewalt holen?“
„Wir haben keine andere Wahl!“
„Und wenn das böse endet?“
„Böse enden? Ich wüsste wirklich nicht, was da noch schlimmer werden sollte, als es ist!“
„Ihr wollt ihn hierher zurückholen und das gegen seinen Willen – Luzifer ist auch ein Erzengel! Ich finde das ist ein ziemlich großes Risiko.“
„Das ist richtig, aber wir haben nun mal keine Alternative!“
„Vielleicht sollten wir uns besser wieder mit Luzifer vertragen, als ihn mit Gewalt hierher zurückzubringen.“
Gabriel blieb stehen. Unsicher sah ich ihn an.
„Was hast du gesagt?“
Seine Stimme klang so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken jagte. Er fixierte mich. In dem Moment kam Raphael mit dazu. „Was ist denn hier los?“
Gabriel nickte wortlos mit einer rüden Geste in meine Richtung und ging dann an Raphael vorbei. Der sah erst mich an und folgte ihm dann.
„Was ist jetzt wieder vorgefallen? Ich dachte, wir hätten das Schlimmste schon besprochen.“
„Frag sie!“, unterbrach Gabriel ihn unwirsch und ging entschlossen weiter. Ich musste laufen, um Schritt zu halten; es war klar, dass er mir ausweichen wollte.
„Ich war noch nicht fertig!“
„Schweig!“
„Du hörst mich gar nicht an!“
„Das ist auch nicht nötig!“
„Wieso kannst du mir nur nicht zuhören? Ich habe einen Vorschlag, wie es vielleicht besser zu lösen wäre -“ Gabriel drehte sich zu mir. „Ach ja? Du weißt also, wie es besser zu lösen wäre? Und wie soll das funktionieren?!“ Ich hätte mir jedes weitere Argument sparen können.
„Wir holen ihn wieder zurück.“ Er blieb stehen und seine Stimme war leise, als er sagte: „Das werden wir.“
„Ich meine freiwillig.“ Schweigen.
„Ich werde mich darum kümmern. Wenn ihr mir einen Körper gebt, kann ch wieder hinunter auf die Erde -“ Raphael starrte mich an, Gabriel schüttelte den Kopf. „Das wirst du nicht.“ Er ließ mich nicht weiterreden: „Bring sie zu den anderen zurück. Gib ihr irgendeine Beschäftigung.“
„Ich meine das aber ernst!“
„Jetzt hör mir mal gut zu!“, schnitt Gabriel mir das Wort ab und drehte sich impulsiv zurück. „Schluss jetzt! Nichts dergleichen wird geschehen! Du weißt überhaupt nicht, was du da sagst! Und vor allem weißt du nicht, in welche Gefahr du dich dadurch selber bringen würdest! Bist du dir ansatzweise darüber im Klaren, was er mit dir machen würde?!“ Ich starrte ihn an.
„Wie meinst du das?“ Er winkte ab und drehte sich weg.
„Und was wird dann passieren?“
„Warum interessiert dich das?!“, fuhr er mich an.
„Weil es sonst keinen interessiert. Ihr sitzt Tag für Tag hier oben und überlasst Luzifer sich selbst. Luzifer war doch mal hier, war einer von euch, anders als die nicht fertigen Menschen auf der Erde kennt er das hier alles, was immer er damals auch entschieden hat, er ist doch nicht völlig abwegig, dass er nicht doch freiwillig hierher zurückkommt.“
„Sei still.“
„Aber vielleicht können wir ihn überzeugen -“
Ich bekam eine Ohrfeige.
Raphael packte Gabriels Arm und stellte sich vor ihn. „Das hat wohl nicht sein müssen! Schluss jetzt, alle beide!“ Die beiden Erzengel starrten sich angespannt an, Gabriel zog seine Hand zurück und drehte sich weg, während ich mit gesenktem Kopf dastand. Kleinlaut blickte ich zu Boden. Raphael wandte sich mir zu, während Gabriel davonging.
„Du bist ein Mensch, du verstehst nichts davon. Du kannst das gar nicht einschätzen. Das ist etwas, das du allein uns überlassen musst. Und außerdem geht es dich ab hier oben nichts mehr an. Geh jetzt zurück zu den anderen und lass Gabriel in den nächsten Tagen in Ruhe. Er hat genug Sorgen.“ Ich traute mich noch immer nicht, hochzublicken. So hielt ich den Kopf weiter gesenkt und tat, was ich sollte, nämlich nichts weiter zu sagen, außer: „Ist gut.“
Es war einige Tage später, als ich ungewollt ein Gespräch zwischen Michael und Gabriel belauschte. Ich war auf dem Weg durch den Tempel, als ich hinter einer Tür Stimmen hörte; als mein Name fiel, blieb ich stehen, ging kurz sicher, dass ich alleine war, ehe ich mein Ohr an die Tür presste.
„Nimm das alles nicht so ernst. Sie ist ein unerfahrener, naiver Mensch, der nichts davon versteht. Sie hat keinerlei Erfahrung im Umgang mit Luzifer.“
„Weißt du, was mich am meisten beunruhigt? Warum hat Gott nichts dazu esagt? Es kam keine Reaktion. Warum? Kann er das einfach ignorieren?“ Gabriel blickte Michael ernst an und kam zu ihm. „Warum hat er bis jetzt nichts gesagt? Du glaubst doch nicht, dass er es sich überlegt?!“
Also eins war sicher, ich hatte mit meiner, zugegeben recht unüberlegten Äußerung, eine Lawine losgetreten; alle waren völlig schockiert, alle waren ratlos, wie ich an so etwas denken konnte. Aber ich hatte mir gar nichts Böses dabei gedacht, ich hatte nur gesagt, was mir in den Sinn gekommen war und dass ich glaubte, dass es so vielleicht besser sei. Aber keiner schien meiner Meinung zu sein. Innen wurde weitergeredet:
„…damit war es für mich vorbei! Er hat uns mehr als deutlich seine Feindschaft bewiesen!“
Gabriels Stimme war mit einem Mal sehr leise geworden. Die nächsten Sätze sprach er mehr zu sich selbst. „Es ist nicht unsere Schuld, dass er verschwunden ist. Niemand hier hat ihn auf diese - Idee gebracht; mit dem Speer zu verschwinden und ihn so einzusetzen! Wir haben ihm alle vertraut, Gott selbst hat ihm vertraut!“
Ich lauschte angestrengt und versuchte, den Sinn der Worte zu verstehen, aber ich hatte keine Ahnung, wovon Gabriel redete. Der Speer? Welcher Speer? Dass Luzifer verschwunden war, wusste ich ja, aber ich hatte in Bezug auf ihn nie von einem Speer gehört. Die ganze Geschichte kannte ich nicht und ich wagte auch nicht, danach zu fragen.
„Und dann maßt sie sich auch noch an, uns die Schuld zu geben?! Wir haben was Luzifer betrifft nichts Falsches getan!“ Diesmal kam der Name voller Verachtung heraus. Michael kam neben ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast das Richtige getan. Du musstest sie zurechtweisen. Sie war zwar in dem Moment etwas schockiert, aber dennoch. Dann merkt sie es sich.“
Gabriel nickte. „Und sie vergisst diesen Unsinn hoffentlich wieder.“
Kapitel 2
Der Vorfall hatte sich herumgesprochen. Überall, wo ich in den nächsten Tagen hinkam, mieden die Engel, beziehungsweise die anderen fertigen Menschen mich, sahen mich entweder gar nicht erst an oder blickten schweigend weg, sobald ich mich ihnen näherte. Von Zeit zu Zeit kam es auch vor, dass sie sich von mir entfernten. Ich kam mir vor, als wäre ich leprakrank. Als wäre ich aussätzig. Zumindest wurde ich so ähnlich behandelt. Von den Erzengeln ließ sich bis dahin gar keiner mehr bei mir blicken. Es war wirklich nicht komisch und mittlerweile wünschte ich mir, einfach den Mund gehalten zu haben. Ich war ja so dumm. Raphael hatte Recht, ich verstand wirklich nichts davon. Was wohl Luzifer selbst sagen würde, wenn er mich gehört hätte? Das wollte ich mir lieber nicht vorstellen.
Ich seufzte, setzte mich unter einen Magnolienbaum und blickte über den underbaren Garten, der um mich herum war. Das sprichwörtliche Paradies. Hier war ich jetzt also und eigentlich hätte ich doch mit mir und der Welt zufrieden sein müssen. Ich hatte es geschafft; bloß warum fühlte ich mich nicht wohl? Warum fühlte ich mich nicht so leicht und unbesorgt, wie ich mich eigentlich fühlen müsste? Da drüben flog ein schöner Vogel von einem Baum zum anderen. Und dann ließ sich doch einer blicken: Raphael war auf dem Weg zu mir. Leicht unruhig, in Erwartung einer weiteren Zurechtweisung drehte ich mich weg und schaute nicht hoch, als er vor mir stand.
„Geht es dir gut?“
Ich nickte, schaute aber auf seine Füße. Es stimmte wirklich, Engel waren wunderschön. Auch ihre Füße.
„Gabriel hat sich schon wieder beruhigt“, sprach er mich erneut an und setzte sich dann zu mir. Ich nickte. „Gut.“ Ich spürte seinen Blick.
„Du musst dich deswegen nicht so schlecht fühlen. Es ist nur so, dass wir alle wirklich ziemlich angespannt sind-“
„Hmhm“, unterbrach ich ihn zustimmend. Irritiert blickte Raphael mich an. „Wieso plötzlich so still?“ Ich zog die Schultern zusammen. „Du musst mir das nicht erklären. Ich versteh es ja. Ich habe dumme Dinge gesagt. Das habe ich als Mensch auch manchmal getan. Das war meine Schuld.
Es wird nicht wieder vorkommen.“ Raphael wollte etwas sagen.
„Nein, wird es nicht“, versicherte ich. „Ich werde mir eine sinnvolle Beschäftigung suchen und Ruhe geben.“ Mit einem Nicken unterstützte ich meine Aussage.
„Ich wollte gar nicht -“
„Doch, genau das werde ich tun. Nur wäre es vielleicht hilfreich, wenn die anderen mich nicht immer so anschauen würden, als wäre ich aussätzig.“
„Du gehst am besten zu den anderen Menschen. Geh zu ihnen und frage einfach, was du machen kannst. Wir haben eine Menge zu tun für euch, da ihr ja…wesentlich weniger seid, als wir ursprünglich gedacht haben…“
„Ja!“, meinte ich zustimmend und stand schwungvoll auf.
„Dann… sehen wir uns.“
„Ja!“ Ich nickte noch einmal, ehe ich mich motiviert durch den Garten auf den Weg machte.
Auch meine neue Stimmung blieb ebenso wenig verborgen. Aber ich war entschlossen, keinen Ärger mehr zu machen und mich einfach anzupassen. So vergingen einige Tage und langsam wurden auch die anderen wieder ruhiger und konnten sich in meiner Gegenwart entspannen.
Und ich hätte auch wieder richtig zur Ruhe kommen können, wäre da nicht irgendwo in meinem Unterbewusstsein immer noch dieses seltsame Gefühl, etwas tun zu müssen. Und vor allem hörte dieses nagende Gefühl nicht mehr auf, viel zu lange nichts getan zu haben das ich seit jedem Streit hatte. Sollten wir es wirklich einfach so zu Ende bringen? Dass es zu Ende ging und gehen musste, war allen klar und das war überfällig, aber wirklich so? Wenn Luzifer nun gewaltsam zurückgebracht wurde, und er dann, nach so vielen Jahren wieder hier wäre, wie würde das sein? Er würde zwar eingesperrt und unter ständiger Aufsicht sein, aber was würde das für uns alle bedeuten? Wie würde es uns damit gehen?
„Wie geht es dir?“, holte mich plötzlich eine Stimme aus den Gedanken. Ich blieb stehen und schaute verwundert um mich. Unter einem Baum saß Gabriel. Ich kniff die Lippen kurz zusammen und starrte ihn an. „Gabriel…ich bin gerade auf dem Weg nach -“
„Du hast meine Frage nicht beantwortet.“
„Was hast du denn gefragt?“
„Ich habe dich gefragt, wie es dir geht“, wiederholte er etwas reserviert.
„Gut. Es geht mir gut. Es ist alles in Ordnung, ich meine, ich bin wieder in Ordnung. Ich lebe mich hier schon ganz gut ein“, meinte ich und setzte mich. „Und bei dir?“ Er schien nicht ganz zu wissen, wie er meine Stimmung interpretieren sollte.
„Alles ist gut, soweit man das sagen kann.“
Ich nickte. Von wegen. Überhaupt nichts war gut. Zwischen uns herrschte immer noch Anspannung.
„Hast du dich inzwischen damit abgefunden?“, fragte er dann nach kurzem Zögern. Ich drehte den Kopf. „Womit denn?“
„Du weißt schon, was ich meine…“ Er hörte sich genervt an.
„Ach das! Oh ja, sicher. Ich sagte doch schon -“
„Und wieso bist du dann ständig so abgelenkt?“
„Bin ich doch gar nicht…“
„Doch, das bist du schon.“ Sein Blick ruhte auf mir und er wartete auf eine klare Antwort. Ich schluckte. „Vielleicht…denke ich ja doch noch ab und zu an das, was da neulich passiert ist…“
„Vergiss es einfach!“, wurde ich sofort zurechtgewiesen. „Wir werden Luzifer so herbringen, wie es ausgemacht wurde und er wird hart bestraft werden und Schluss! Komm du bloß nicht wieder auf dumme Gedanken!“
Ich stand auf. „Ich sagte doch schon, dass es mir egal ist! Macht, was ihr wollt! Es geht mich nichts an. Und ich muss jetzt los, ich habe noch etwas
zu erledigen.“
Trotz meiner mehrfachen Beteuerung, mich damit abgefunden zu haben, blieb ich in den nächsten Tagen unter Gabriels Beobachtung. Egal, wohin ich ging, egal, was ich dort machte, er war immer auch schon da. Es hatte auch Vorteile, ein Erzengel zu sein, aber langsam ging es mir auf die Nerven. Ich hatte doch schon alles gesagt. Wie lange wollte er so weitermachen? Ich atmete genervt aus, als ich einmal mehr seinen prüfenden Blick spürte. Es dauerte keine zwei Sekunden, ehe eben erwähnter Erzengel reagierte und auf mich zugeschritten kam.
„Was ist denn schon wieder?“ Ich schüttelte merklich den Kopf und atmete tief aus. Jetzt reichte es. Ich war kurz davor, zu explodieren. Allein die Tonlage hatte schon ausgereicht, um mich fuchsteufelswild zu machen. Ich atmete einmal tief durch und dann stand er schon neben mir. Die beiden anderen Menschen, die eben noch dagestanden hatten, waren respektvoll ein Stück zurückgewichen.
„Ich versuche lediglich, mich zu entspannen…“
„Du siehst nicht gerade sehr entspannt aus.“
Ich blickte auf und nickte zustimmend. „Ja, das ist richtig. Und weißt du auch, woran das liegt?“ Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Ich höre?“
„Das liegt daran, dass du mich wie eine Schwerverbrecherin behandelst und mich keine Sekunde mehr aus den Augen lässt!!“, fauchte ich ihn an. Er schnappte nach Luft –
„Wieso sperrst du mich nicht einfach auch gleich ein, dann kommst du vielleicht endlich wieder zur Ruhe!“ Beinahe hätte es eine zweite Ohrfeige gesetzt, wenn nicht in dem Moment Michael dazwischen gegangen wäre:
„Beruhigt euch alle beide mal wieder!“ Sein Blick wanderte von Gabriel zu mir.
„Das brauchst du mir nicht sagen!“, gab der mühsam beherrscht zurück. Ich atmete tief durch und fuhr mir mit der Hand durchs Haar.
„Du wirst es vielleicht nicht verstehen. Aber dieser Engel ist nicht einen der Gedanken wert, die du dir andauernd seinetwegen machst!“ Ich gab erstmal keine Antwort.
„Und außerdem ist er völlig verbohrt!“, setzte Gabriel nach.
Ich musste lachen: „Ihr seid alle verbohrt. Luzifer hat nicht nur Unrecht und hr habt nicht nur Recht. Wieso reagiert ihr so ablehnend auf meinen Vorschlag, wir quälen uns doch nur, wozu denn bloß?“
„Gut, in Ordnung! Ich gebe ja zu, dass wir zu lange gewartet haben, aber jetzt interessiert es uns nicht mehr, wie Luzifer zu alledem steht! Er muss endlich wieder dahin zurückgebracht werden, wo er hingehört!“
„Ich bin mir sicher, dass wir uns alle wieder vertragen könnten, wenn wir nur mal miteinander reden würden…“ Ich erntete ein bissiges „Pfff!“. Gabriel drehte sich gereizt weg. Ich drehte ihm ebenfalls den Rücken zu und blickte Michael an.
„Was denkst du dazu?“
„Ich halte das auch nicht für eine gute Idee.“
„Aber warum denn nicht? Wir stehen doch eh schon mit dem Rücken zur Wand. Schlimmer kann es doch nicht mehr werden.“
„Ja, das haben wir die letzten zweitausend Jahre auch einige Male gedacht!!“, fuhr Gabriel mich so scharf an, dass ich zusammenzuckte.
„Das war nur leider jedes Mal ein erneuter Irrtum! Aber wenn wir schon beim Thema sind - stell dir mal eine ganz andere Frage: wo genau willst du denn hingehen? Da runter? Am besten wieder nach Italien, direkt zu diesen Kriegstreibern, die mit Deutschland verbündet sind? Vielleicht auf direktem Weg ins Zuchthaus?!“
Unsicher geworden sagte ich erst mal nichts. Gabriel machte sofort weiter: „Siehst du, was auf der Erde gerade los ist?!“
„Ja, sicher.“
„Dann sei doch bitte vernünftig und lass es endlich gut sein.“ Mein Blick wanderte zu Michael; auch er schüttelte den Kopf. „Das kannst du wirklich nicht tun. Es ist viel zu gefährlich und außerdem unverantwortlich. Wir könnten hier oben keineswegs für deine Sicherheit garantieren.“ Plötzlich wurden wir von einer Stimme abgelenkt.
„Er will euch sprechen - alle drei.“ Gabriel drehte sich um. Uriel, ein ebenfalls hochstehender Engel, aber kein Erzengel, stand hinter uns. Würde ich jetzt von höchster Seite Ärger bekommen?
Unmerklich registrierte ich, dass Gabriels Stimme zitterte. „Worüber sprechen?!“
„Über das, worüber ihr gerade streitet. Ihr habt das nicht zu entscheiden und ich genauso wenig“, gab Uriel zurück.
Den ganzen Weg zur Halle zurück hörte ich Gabriel knirschen; er lief energisch neben Uriel her. „Das kann ich nicht glauben! Was gibt es denn da noch zu sagen? Wahrscheinlich will er nur diesen albernen Streit beenden - du -!“ Ich blieb abrupt stehen, als er sich kurz umdrehte und mit dem Finger auf mich deutete. „Wirst deine unsinnige Position klar schildern, dich nicht herausreden und nicht versuchen, irgendwie weiter zu überzeugen, wir haben genug Ärger!“
Auf dem Weg zu der Halle, in der alles vor einigen Tagen begonnen hatte, kamen wir an einigen Menschen vorbei, die respektvoll zur Seite traten, ehe sie ihren Beschäftigungen wieder nachgingen. Sie waren sicher alle froh, dass sie das nichts anging. Ich seufzte leise, als die Tür in die Halle geöffnet wurde.
Drinnen stand Immanuel, der den Erzengeln noch übergeordnet war und als einziger in direkter Verbindung zu Gott stand. Ein klares Zeichen, wie weit das ganze vorgedrungen war. Ich schluckte nervös und blickte automatisch zu Gabriel, der mir einen weiteren, vernichtenden Blick zuwarf von er Sorte: da siehst du, was du angerichtet hast!
Wir traten ein und die Tür wurde geschlossen. Ein kalter Schauer jagte mir über den Rücken. Am liebsten wäre ich augenblicklich aus der Halle geflohen. Michael zeigte sich am professionellsten angesichts der Umstände und kam zu ihm.
„Du wolltest uns sprechen?“
„Ich hatte Raphael zu euch schicken wollen, aber der ist augenblicklich verhindert“, begann Immanuel ernst. „Wir können so etwas nicht einfach ignorieren.“ Gabriel kam direkt zu ihm; allein durch seinen Blick konnte man erkennen, dass er ihm zustimmte. „Natürlich nicht. Auch wenn wir andere Sorgen haben!“ Immanuel kam auf mich zu. „Dir ist nicht ganz klar, was du da sagst“, richtete er nun das Wort an mich und das war keine Frage.
„Es ist mir schon klar, überlegt doch mal -“
„Ich glaube nicht, dass es ihr klar ist!“, kam es scharf von Gabriel und er wandte sich an Immanuel. „Was ist denn deine Meinung dazu? Ist es sehr sinnvoll, sie hinunterzuschicken, angesichts der Umstände und -“
Er pausierte kurz. „und Luzifer zu überzeugen, sich freiwillig zu ergeben? Ich meine, das würde uns eine Menge Arbeit ersparen…“ Die Bemerkung troff vor Hohn. In mir rumorte es gewaltig. Wieso nur war er der einzige, der dermaßen respektlos mir gegenüber war? Alle anderen mochten von dem Vorschlag auch nicht angetan sein, aber sie waren wenigstens nicht so gemein. Immanuel wandte sich erneut zu mir. „Das Ganze funktioniert nicht. Es ist zu gefährlich, es ist viel zu aufwendig…“
„Und vor allem wäre es sinnlos vergeudete Energie und Zeit, die wir nicht mehr haben. Wir müssen eine Entscheidung treffen und zwar jetzt. Luzifer hat sich vor langer Zeit von uns abgewendet; er hat uns mehr als deutlich seine Feindschaft demonstriert und wird auch nie mehr so werden wie früher. Er wird sich nicht freiwillig ergeben, also müssen wir ihn mit Gewalt holen, wenn wir das alles beenden wollen. Die Menschen und die Gewalt auf der Erde werden von ihm immer wieder angefacht“, fasste Michael seine Sicht der Dinge zusammen.
„Ich sehe das genauso. Wir bleiben bei unserem geplanten Vorgehen“, kam es von Gabriel. Uriel ging derweilen um den Brunnen herum und setzte sich dann. „Was hatte Gott dazu zu sagen?“, fragte er mit ernstem Gesicht an Immanuel gewandt. Der seufzte kurz und räusperte sich: „Er wird es sich bis morgen überlegen.“ Gabriel war nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. „Wie bitte? Soll das heißen, sie bekommt die Erlaubnis eventuell doch?!“ Michael sah ebenso entgeistert aus. Immanuel blickte sie alle an. „Das ist nicht unsere Entscheidung.“
Der nächste Tag war kein guter für Gabriel; ob er für mich gut war, musste sich erst noch herausstellen.
Immanuel war schon da um mich zu informieren ob ja oder ob nein.
Es war schließlich keine leichte Entscheidung und die meisten hier, ob Menschen oder Engel waren klar dagegen. Aber das letzte Wort hatte Gott selbst und niemand sonst. Wenn er ja sagte, konnte ich gehen, wenn nicht, dann nicht. Egal, was sonst jemand dazu meinte. Gabriel warf mir von oben einen angespannten Blick zu, als ich an der langen Treppe die ins Innere des Palastes führte, stand.
Ich war nervös. Raphael, Michael und Immanuel gesellten sich oben zu ihm. Es würde sowieso nicht erlaubt werden, sagte ich mir, während ich die ersten Stufen emporschritt. Denk doch mal nach, Mädchen: Gerade mal einige Wochen? Lächerlich, für hier oben und so eine wichtige Entscheidung viel zu kurz. Und viel zu gefährlich. Immanuel würde mir nur mitteilen, dass ich mich endlich zurück zu den anderen begeben und nicht weiter darin herumwühlen sollte. Niemals würde es mir erlaubt werden. Schon die kurze Beratung sprach dagegen.
Während ich die weißen Stufen hinaufschritt dachte ich über die letzten beiden Jahre hier nach. Sie waren so schnell vergangen. Ich war überrascht, und gleichermaßen glücklich und erleichtert gewesen, hier zu sein. Keine Krankheiten, kein Leid und kein Hunger mehr. Ich musste nicht mehr arbeiten, um eine Familie zu ernähren, nachdem unsere Mutter plötzlich an Tuberkulose gestorben war. Die Krankheit hatte damals mit zu den äufigsten Todesursachen gezählt. Manchmal hatte das Geld nicht einmal gereicht, um uns allen ein Abendessen zu geben. Fünf Kinder waren wir gewesen. Ich war die älteste und musste damit auch die Verantwortung übernehmen. Ich musste die Schule aufgeben und arbeiten. All das hatte ich nun hinter mir. Die Stufen nach oben wurden immer weniger. Das Herz rutschte mir in die Hose. Komischerweise wusste ich jetzt, wo ich so nah dran war nicht einmal, welche Antwort mir mehr Angst machte. Wenn ich gehen durfte? Oder wenn ich bleiben und es auf sich beruhen lassen musste? Ich war oben. Immanuel kam auf mich zu. Die verbliebenen drei Erzengel wussten auch noch nicht, wie die Sache nun entschieden worden war. Auch sie hatten hier nicht mehr mitzureden. Ich atmete tief durch und versuchte, mich etwas zu beruhigen, da ich mir gerade mehr als unwürdig vorkam, hier zu sein.
„Du kannst gehen.“
„Was?“
„Du hast die Erlaubnis, erneut hinunter auf die Erde zu gehen und dich um Luzifer zu kümmern.“ Immanuel machte es kurz. Ich schwieg.
„Was ist denn los? Warum plötzlich so still?“
„Ich weiß eigentlich überhaupt nicht, wie ich diese ganze Sache angehen oll…“
„Es war dein Vorschlag und niemand hier zwingt dich. Du kannst noch mmer nein sagen.“
„Was genau kommt denn auf mich zu?“
„Du wirst wieder einen menschlichen Körper bekommen, genau wie Luzifer und sollst direkt mit ihm zusammen…“ Er suchte nach dem passenden Ausdruck.
„Zeit verbringen?“, half Gabriel zynisch aus.
„Ja. Wir werden dafür sorgen, dass ihr zusammenkommt. Du wirst, wenn du da unten bist, wissen, wo du ihn findest.“
„Weiß…er schon davon?“
„Er wird es zumindest mitbekommen haben. Aber was genau passieren wird, weiß er nicht.“
„Mitbekommen haben…“, murmelte ich unsicher. „Und wie soll dieses Zeitverbringen aussehen, da unten herrscht fast überall Krieg, es ist 1944, wie…ich meine wo sollen wir hin?“ Diese Frage klang so dämlich, dass ich mich selber dafür schämte, als Gabriel mit seinem Urteilsblick vor mir stand.
„Wir haben die Nacht darüber geredet und es wäre vielleicht besser, wenn ihr gar nicht hier und jetzt beginnt, sondern noch einmal zurückgeht in die Zeit, als alles besonders schlimm geworden ist“, meinte Immanuel ernst zu mir.
„Ist das denn möglich?“, fragte ich fassungslos. Immanuel nickte nur.
„Welche Zeit meinst du?“
„Das 15. Jahrhundert.“
„WAS?!“ Jetzt kam wieder Leben in Gabriel; er war ebenso erschrocken wie ich.
„Das kommt nicht in Frage - ein falsches Wort von ihr und sie wird als Hexe verbrannt! Von der Folter gar nicht erst anzufangen! Damit würden wir ihm ja wohl die perfekte Steilvorlage zu einem schnellen Ende liefern! Das ist der wohl unpassendste Moment menschlicher Geschichte!” Er war extrem aufgebracht.
„Wir haben das erst auch gedacht aber er meinte, dass gerade diese Umstände ein rascheres Umdenken bei Luzifer begünstigen können. Er wird schließlich auch in einem menschlichen Körper sein. Das betrifft ihn also genauso.“
„Aber sicher“, kam es zynisch und wütend zugleich und ich musste nicht erwähnen, von wem. „Das möchte ich sehen. Er windet sich da schon raus, aber was ist mit ihr? Die Zeit passt ihm doch perfekt in den Kram“, meinte Gabriel und ich hatte das Gefühl, zum ersten Mal den ganzen Ernst der Situation voll zu erfassen.
Kapitel 3
Erst jetzt wurde mir bewusst, in was für Schwierigkeiten ich mich gebracht hatte. Alle hatten versucht, mich abzuhalten aber ich wusste es ja besser, musste es ja besser wissen. Deprimiert saß ich unter demselben Baum, bei dem Raphael versucht hatte, mich aufzumuntern. Diesmal brauchte ich keine weiteren aufmunternden Worte, denn die hätten eh nichts genützt. Ich hatte von den anderen in den letzten Tagen niemanden gesehen und ich wollte niemanden sehen. Mir war selbst nicht klar, warum ich so reagierte. Aber jetzt, wo mir bewusst war, dass ich wirklich Zeit mit Luzifer verbringen konnte, es aber in einer dermaßen von Aberglauben, Angst vor der Hölle und dem Teufel und Gewalt geprägten Atmosphäre tun musste, wurde mir ganz anders. Ich hatte mir vorgestellt, dumm wie ich war, dass wir vielleicht irgendwo auf einer Farm wären, dass er einmal das Leben von uns Menschen kennenlernen konnte, weit weg von Gewalt, Hunger und Elend und ich ihn irgendwie überzeugen könnte.
Vielleicht hätte er dort irgendwie versuchen können, all die dunkle Zeit hinter sich zu lassen, aber mitten in dieser dunklen Zeit? Das konnte nicht klappen, und ich würde mich vor allem wirklich in Gefahr begeben. Er könnte mich jederzeit denunzieren - ein falsches Wort würde genügen, wenn nur irgendwer dahinter kommen würde…wie viele tausende Frauen waren gefoltert und hingerichtet worden, weil irgendjemand sie der Hexerei bezichtige? Ich würde auf dem Scheiterhaufen enden. Verbrannt für eine Überzeugung, die niemand teilte. Vor allem musste ich auch damit rechnen, und das wäre noch der harmlosere Fall, selbst Zeuge solcher Brutalitäten zu werden. Und die ganze Zeit sein ausdrucksloses Gesicht dabei - nein! Ich würde das nicht machen, das war schierer Wahnsinn!
Energisch stand ich auf; ich würde allen sagen, dass ich zur Vernunft gekommen und auf keinen Fall bereit war, diese Sache anzugehen, weil es einfach zu gefährlich für mich war. Ich hatte weiß Gott kein Bedürfnis, auf einer Folterbank zu enden und er würde mir nicht helfen, darüber brauchte ich mir keine Illusionen zu machen. Es wäre ihm mit Sicherheit recht, dann wäre er schnell wieder raus aus dieser ganzen Sache. Wenn das die Bedingungen waren, dann war ich dagegen. Niemand wäre sauer auf mich, es hatten ohnehin alle versucht, mich abzuhalten. Eventuell hatten sie ähnliches schon geahnt. Auf jeden Fall hatten sie Probleme gesehen, die ich nicht wahrgenommen hatte. Ich war gerade auf halbem Weg aus dem Garten und lief in Richtung des Palastes, als ich in einiger Entfernung Gabriel stehen sah. Er war alleine und sah ziemlich nachdenklich aus. Aber anders als in den letzten Tagen schien er eher in der Vergangenheit zu schwelgen. Dachte er über Luzifer nach? Ich blieb stehen und blickte zu ihm hinüber. Eigenartig, ich war doch eben noch so entschlossen gewesen. Fast gegen meinen Willen ging ich langsam zu ihm; er bemerkte mich nicht einmal, bis ich wirklich neben ihm stand und mich dann langsam im Gras niederließ.
„Hallo.“ Ein schweres Schlucken mit kurz geschlossenen Augen; ein sicheres Zeichen, dass er niedergeschlagen war. Das passte so gar nicht zu ihm und vor allem passte es nicht zu den letzten Wochen.
„Hallo.“
„Was ist mit dir?“
„Ich weiß es nicht…“, gab er zu. „Ich war bisher so wütend, so aufgebracht…über dich und deinen unsinnigen Vorschlag - ich habe an gar nichts anderes mehr gedacht…“ Ich nahm ihm die Bemerkung nicht übel. „Und jetzt, wo du nicht mehr wütend sein kannst, kommen die Sorgen wieder, richtig?“
„Ja.“ Kurz sagte keiner von uns etwas.
„Also um mich brauchst du dir jedenfalls keine mehr zu machen, ich werde es nicht tun.“
Er drehte den Kopf und schaute mich kurz verwirrt an. „Wieso?“
„Na, weil es schierer Wahnsinn wäre. Unter diesen Bedingungen ist es mir zu gefährlich. Ich meine, er würde die erste Gelegenheit nutzen, mich zu verraten und du weißt, was… das bedeutet.“ Gabriel seufzte tief: „Ja, ich weiß. Wir haben es oft genug mit angesehen. Und ich will nicht darüber nachdenken, dass dir so etwas zustößt. Wir haben nicht viele von euch, wir wollen nicht auch noch dich verlieren…“ Verlieren? Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Ich war mir nicht sicher ob ich wusste, was er meinte. Ausgerechnet die Zeit, in der die Gefahr mit am größten war…warum nur waren das die Bedingungen?
„Ich habe gehört, dass Luzifer die ihm von Gott gegebene Macht missbraucht hat um die Versuchung der Menschen einzuführen… eigentlich hätte er etwas ganz Anderes tun sollen. Stimmt das?“ Gabriel sah mich scharf an. „Woher weißt du das?!“ Ich seufzte in Erwartung des gleich wiederbeginnenden Ärgers. „Ich habe euch darüber reden hören. Dich und Michael.“
„So, so. Und wann?“ Ich blickte ihn sehr genau an.
„Du weißt schon, wann.“
„Gut, dann hast du uns also belauscht?“
„Das war mehr zufällig. Du hast dich ziemlich über mich aufgeregt und das konnte ich nicht ignorieren und einfach weitergehen.“
Er sagte erst einmal nichts.
Ich war nicht sicher, ob ich noch bleiben oder wieder gehen und ihn lieber in Ruhe lassen sollte. Ich entschloss mich zu letzterem. Gerade, als ich mich umgedreht hatte, sprach er mich doch noch einmal an: „Die Gefahr besteht nicht nur darin, was dir als Mensch dort unten zustoßen könnte. Die Gefahr ist ja noch viel größer. Wer garantiert denn dafür, dass du wieder hierher zurückkommst? Du kannst auch wieder zurückfallen, ist dir das denn überhaupt bewusst?“
Nein, das war mir bisher überhaupt nicht in den Sinn gekommen. Ich starrte Gabriel an. „Du meinst, ich könnte…es nicht mehr hierher zurückschaffen? Ich könnte hängenbleiben?“
„Es ist jedenfalls nicht so unwahrscheinlich, das kommt auch darauf an, wie stark Luzifers Einfluss dich da unten trifft und was mit euch beiden wird. Das kann niemand mit Sicherheit sagen. Es wird an dir liegen. Das Problem
ist nur…wenn du hängenbleibst…wirst du vielleicht nicht mehr genug Zeit
haben zurückzukommen.“
Ich stand auf der Marmorterrasse des großen Schlosses; die Sonne war fast untergegangen; von hier hatte man einen herrlichen Blick über den gesamten, riesigen Garten; die Felsen, Wasserfälle, die vielen Bäume und Blumen, es war wunderbar hier. Es war so friedlich. Ganz anders als auf der Erde. Ich lehnte meine Arme an das Geländer und atmete tief durch. Morgen musste ich mich entscheiden; eigentlich hatte ich mich bereits entschieden, aber nach dem Gespräch mit Gabriel war ich wieder unsicher geworden. Trotz seiner Warnung an mich glaubte ich, noch etwas Anderes bemerkt zu haben. Er hatte so niedergeschlagen ausgesehen. In die Zeit, in die wir gehen müssten, war das Denken geprägt von extremer Angst vor der Hölle und dem Teufel. Niemand machte sich die Mühe, es wirklich zu verstehen. Dass Luzifer auch immer noch ein Erzengel war, schien niemanden zu kümmern oder die Menschen wussten es schlicht nicht. Er war der Teufel, er war das Böse. Wegen ihm wurden damals Menschen umgebracht. Fühlte er sich afür verantwortlich? Zumindest ein wenig? Die seltsamsten Gedanken chossen mir durch den Kopf, während ich dastand. Mir wurde immer bewusster, dass ich würde gehen müssen. Egal was passierte, egal wie die Sache ausging, ich musste es einfach versuchen. Ich würde eben vorsichtig sein müssen. Aber eins wusste ich: ich würde nicht mehr zur Ruhe kommen, was immer die Zukunft auch brachte, wenn ich jetzt einen Rückzieher machte. Nach ein, zwei weiteren Minuten drehte ich mich zum Schloss um und schritt über die Terrasse den breiten Weg entlang auf den Eingang zu.
Gabriel stand direkt neben mir und reichte mir seine Hand. Ich nahm sie. Natürlich passierte es gegen Luzifers Willen. Das Ganze war enorm gegen seinen Willen, aber darauf konnte und wollte ich keine Rücksicht nehmen. Ich packte Gabriels Hand. Ein letztes Mal schaute ich mich um. Diesen Garten würde ich so schnell nicht wiedersehen; ich konnte von Glück sagen, wenn ich wieder zurückkam.
„Ich hoffe, du bist fertig.“ Zum Nicken kam ich nicht mehr. Es fühlte sich an, als würde mir sprichwörtlich der Boden unter den Füßen weggezogen. Wir fielen. Fielen aus dem Paradies in tiefere Bereiche der jenseitigen Welt; ich wurde so schnell müde. Gerade noch hatte ich Gabriels Flügel gesehen. Mein Bewusstsein schwand ebenso rasch und ich kam mir vor wie im
Traum, als die verschiedensten Bilder an mir vorbeizogen.
Ich sah es nur in Gedanken, meine Augen waren geschlossen.
Alles, was ich noch schwach wahrnahm war, dass ich irgendwie einen Teil von mir hier zurückließ - meinen Körper, den ich hier oben gehabt hatte - und dafür einen anderen, neuen Teil bekam - einen menschlichen Körper, der wieder anfällig und schwach war. Jetzt war ich allein. Noch immer fiel ich und hatte das Gefühl, schwerer zu werden, und schwerer - ich glaubte, Kleidung um mich zu spüren - Gabriel war nicht mehr bei mir. Ich sank nach unten. Das fühlte sich so ungewohnt an; ich war, seitdem ich da oben war, so leicht gewesen, so frei. Nun bestand mein Körper wieder aus Knochen, Sehnen, Muskeln und Haut. Dann war mir, als fiele ich auf einen festen Untergrund.
„Was will sie?“ Seine Stimme klang zunächst leise, hatte aber bereits eine schneidende Tonlage, als er fragte. Der Helfer wich erschrocken zurück wobei er darauf achtete, nicht aus seiner gebeugten Haltung zu kommen. Luzifers Finger verkrampften sich und wurden fast weiß, die Knöchel traten vor. Er hatte ihm den Rücken zugedreht und schien zu überlegen. Er hasste es, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden aber die Umstände
zwangen ihn dazu.
„Sie würde überhaupt keine Erlaubnis bekommen, so etwas zu tun, und wer ist sie überhaupt?!“ Seine eisigen blauen Augen blitzten wütend, als Luzifer sich abrupt umdrehte und an seinem Diener vorbeischritt.
Für den hatte er zunächst nicht mehr als ein abfälliges „Lächerlich“ übrig.
„Sie ist ein fertiger Mensch, der anscheinend von sich aus versucht -“
„Seit wann?“, schnitt Luzifer ihm das Wort ab.
„Seit ein oder zwei Jahren erst.“ Ein zynisches Lachen, halb ausgelassen, halb ungläubig: „Ach was. Ist das alles, was ihnen noch einfällt? Was für ein erbärmliches Zeichen von Schwäche, sich an irgendeinen der wenigen fertigen Menschen zu klammern…sie wird sie nur enttäuschen. Dafür sorge ich schon…hast du in Erfahrung bringen können, in welche Zeit sie gehen wird?“
„Die Zeit wird Euch in die Hände spielen…“
„Was denn? Sag nur…etwa in die Zeit der Hexenverfolgung?“ Sein Diener warf Luzifer einen trotz dessen offenkundig wieder guten Laune unsicheren Blick zu.
„Wie praktisch. Ein falsches Wort von ihr und sie wird auf dem Scheiterhaufen landen. Das dürfte ja nicht lange dauern.“ Luzifer wollte sich gerade entfernen, um wieder seine Ruhe zu haben, als ein Geräusch, wie Peitschenhiebe, die Stille durchschnitt. Der Erzengel reagierte sofort. In diesem Teil des Dunkels wo er sich normalerweise aufhielt, weg von den Schreien, dem Elend und den Qualen der tief gesunkenen Menschenseelen war es meist still; keine Schreie, Kampfgetöse oder Höllenlärm drangen in diesen Bereich vor. Sein Helfer wurde zur Seite geschleudert, als sich zwei Schlingen um Luzifers Unterarme legten und ihn augenblicklich festhielten. Der aufgebrachte Erzengel versuchte, eine der Schlingen zu lösen, die scheinbar aus dem Nichts gekommen waren; er wusste schon, wem er das zu verdanken hatte - „Gabriel…“, knurrte er; normalerweise würde er nicht mal dessen Namen erwähnen und keinen Gedanken an ihn verschwenden, aber hier schien mehr vorzugehen, als sein Helfer ihm hatte mitteilen können - ein Sog tat sich am Ende des Raumes auf, der rasch anwuchs.
„Jetzt verstehe ich…ich soll bei diesem kleinen Spielchen nun also mitspielen und auch auf die Erde gehen - das könnt ihr vergessen!“ Mit aller Macht zog und zerrte Luzifer an den beiden Schlingen, aber es tat sich nichts, sie blieben fest um seine Arme gewickelt und er spürte, wie sie damit begonnen, ihn aus diesem Bereich, in dem er die letzten Jahrhunderte und sogar Jahrtausende verbracht hatte, gewaltsam wegzuziehen. Er sollte tatsächlich auf die Erde? In einem menschlichen Körper?! Erneut zerrte er mit aller Kraft - nichts. Luzifer schaffte es nicht die Schlingen abzulegen; die Situation schien ernster als gedacht. Wäre Gabriel dazu vorher im Stande gewesen, hätte er das schon längst getan. Aber er konnte nie bis hierher vordringen, um ihn zu erreichen. Warum also jetzt plötzlich? Irgendwas musste sich geändert haben; etwas, das er zunächst offenbar unterschätzt hatte. Luzifer zog ein letztes Mal mit aller Kraft und versuchte gleichzeitig, sich gegen den Sog, dem er sich immer mehr näherte, zu stemmen.
Kapitel 4
Gestank war das erste, das ich wahrnahm. Ich musste ohnmächtig gewesen sein und richtete mich mühsam auf. Fühlte sich das im ersten Moment alles fremd an. Ich war so schwer. Mein Kopf tat weh. Es dauerte einen Moment, ehe ich die Umgebung um mich herum deutlich wahrnahm. Ich saß auf einem nach vorne gekippten Karren; mit der rechten Hand spürte ich Stroh um mich herum, mit der linken fühlte ich Holzplanken.
Just, als ich mir einen Spieß einzog, schreckte ich endgültig hoch. „Auah!“ Mein erster Blick galt dem dummen Holzspieß in meiner Hand; ich hatte tatsächlich wieder einen richtigen Körper; fasziniert strich ich mir über meine Arme. Und mir fiel auf, dass ich alles hatte, was ein Körper mit sich brachte, als ich den kalten Wind spürte. Mein zweiter Blick galt meiner Umgebung. Wo war ich hier? Zwar war ich darauf vorbereitet gewesen, in welcher Zeit ich landen würde, aber trotzdem blieb ein Schock nicht aus. Es roch eklig. Es war feucht und zugig - und wie die Leute aussahen!
Genauso, wie man es in der Schule gehört hatte. Die Frauen trugen lange Kleider und Hauben, die Männer Kappen oder flache, breite Hüte, teilweise Strumpfhosen. Freilaufende Ziegen, Schweine, Hühner und Hunde sah ich durch die Gasse streunen. Ich schlug mir leicht gegen die Wange. Nein, ich war wirklich wach. Es war ein Gedränge, Geschiebe und Lärm um mich herum. Ich war tatsächlich in der Vergangenheit. Aber wann genau? Und wo? Weder das eine noch das andere konnte ich sagen, als ich auf dem Strohhaufen in dem nach vorne gekippten Karren saß und meine Hand begutachtete -
„Vorsicht da unten!“ Mit den Sitten und Bräuchen dieser Zeit nicht vertraut, registrierte ich überhaupt nicht, dass in dem Moment ich gemeint gewesen war; ich blieb stattdessen sitzen und versuchte, den blöden Spieß aus meiner Hand zu kriegen, ehe ich mich dem Kulturschock, der in der lauten, dreckigen Gasse, die mich da vorne erwartete, aussetzen musste. Im nächsten Moment platschte eine stinkende Brühe neben mir auf das Stroh; entsetzt sprang ich auf und wich zur Seite - „Igitt!“ Exkremente! schoss es mir durch den Kopf. Das war ja widerlich! Mein Blick schoss nach oben und ich versuchte, das Haus und das Fenster auszumachen, aus dem der Nachttopf entleert worden war. Vorsichtshalber trat ich drei, vier Schritte von dem Karren weg, um nicht noch mal in so eine Situation zu geraten; was ich, wenn ich es nicht getan hätte, auch sofort bereut hätte, denn es folgte eine Ladung Küchenabfälle - es stank und ich musste würgen. Was hatte ich mir da angetan?
