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»Ein Engel auf Abwegen …« Der letzte Tag in Lisas Leben endet genauso mies, wie er begonnen hat: Auf dem Nachhauseweg prallt ihr Wagen mit einem anderen zusammen, und kurz darauf findet sie sich vor der Himmelspforte wieder. Na toll. Zum Glück hat Azubi-Engel George ein Einsehen und schickt Lisa klammheimlich auf die Erde zurück. Doch als sie im Krankenhaus erwacht, ist auf einmal nichts mehr wie vorher … Turbulentes Lesevergnügen der übersinnlichen Art von der sympathischen Autorin Michelle Holman. »Einfach himmlisch!« ist ein eBook von feelings –emotional eBooks*. Mehr von uns ausgewählte romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite: www.facebook.de/feelings.ebooks Genieße jede Woche eine neue Liebesgeschichte - wir freuen uns auf Dich!
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Seitenzahl: 496
Veröffentlichungsjahr: 2014
Michelle Holman
Einfach himmlisch!
Eine romantische Komödie
Aus dem Englischen von Corinna Vierkant
Knaur e-books
Für Les, McKenzie und Fleur – ohne euch hätte ich es nie geschafft.
Und in Gedenken an George 1922 bis 2001
Lisa Jackson starb an einem warmen Märzabend bei einem Verkehrsunfall direkt vor ihrer Haustür.
Der Tag hatte schon schlimm genug angefangen. Ihre Gynäkologin Dr. Janice Millar hatte ihr eröffnet, was sie seit Jahren befürchtete: Ihre Endometriose hatte gesiegt, die Medizin war machtlos. All die Tabletten, die schmerzhaften, demütigenden Eingriffe, das Absaugen und Ausschaben waren umsonst gewesen. Ihre Gebärmutterschleimhaut machte einmal im Monat, was ihr in den Sinn kam, und entwich an Orte, an denen sie nun wirklich nichts zu suchen hatte. Lisas Leben würde auch in Zukunft einmal monatlich von einer kleinen Pfütze Flüssigkeit beherrscht werden, die dafür sorgte, dass sie sich unter Qualen wand, während andere Frauen mit einem leichten Ziehen im Unterleib und gesteigertem Appetit auf Schokolade davonkamen. Nun blieb Lisa nur noch die Entfernung der Gebärmutter.
Die Sonne stand besonders ungünstig, wie üblich an frühherbstlichen Abenden in Neuseeland. Die Straße war kaum zu erkennen. Lisa fuhr langsam und blinzelte gegen das gleißende Licht an, um die weiße Fahrbahnmarkierung in der Mitte der Straße besser sehen zu können. Am letzten Kreisverkehr vor ihrem Haus warf sie einen kurzen Blick nach rechts. Sie sah ein blaues Kabrio, das noch ziemlich weit entfernt schien, darin eine Frau mit wehendem schwarzen Haar. Lisa gab Gas, bog links in den Kreisel um die blumenverzierte Betoninsel ein und sah nicht, wie das blaue Auto plötzlich beschleunigte. Sie zuckte zusammen, als ein anderer Wagen schleudernd zum Stehen kam, dem das Kabrio die Vorfahrt genommen hatte. Lisa hörte, wie Bremsen quietschten und jemand empört hupte. Sie blickte nach rechts und sah das blaue Auto auf sich zurasen, nur einen Sekundenbruchteil, bevor es ihr in die Seite krachte.
Sie kreischte, als sie Glas splittern hörte und sich das Blech ihres alten Mazdas unter scheußlichen Geräuschen zusammenstauchte. Die Fahrertür wölbte sich nach innen. Metallsplitter bohrten sich in Lisas rechte Flanke und zerrissen ihr Fleisch.
Sie hörte auf zu schreien.
Lisa riss die Augen auf und blickte sich hektisch nach dem blauen Wagen um.
Wo war er abgeblieben? Er war doch voll in sie hinein gekracht, sie hatte die Gesichter der schwarzhaarigen Frau und ihres Beifahrers sehen können.
Ein äußerst ungutes Gefühl beschlich Lisa. War sie etwa …? Sollte da nicht ein helles Licht am Ende eines langen Tunnels sein?
»O Gott!«, stieß sie hervor.
»Das sagen wir hier nicht«, bemerkte eine näselnde Frauenstimme.
Erschrocken blickte Lisa sich um. Neben ihr saß eine Frau in mittleren Jahren, das Haar im Stil der fünfziger Jahre toupiert, so dass es wie ein riesiger Helm auf ihrem Kopf saß. Eine pinkfarbene Schleife rundete die Frisur ab, und sie lächelte selbstgefällig. Sie trug pinkfarbenen Perlmutt-Lippenstift und einen kompliziert geknoteten Seidenschal. Auf einem pinkfarbenen Namensschild an ihrem weißen Kittel stand Moira. Sie saß, doch Lisa konnte nicht so recht erkennen, worauf. Eigentlich befand sich da gar nichts unter Moira, die ihre Knie züchtig aneinanderpresste und die Hände im Schoß gefaltet hatte.
Für Lisa sah sie wie eine Stewardess aus. Lisa und ihre Schwester Sherry waren zu der Überzeugung gekommen, dass Schals ausschließlich von Stewardessen, Bankangestellten und Supermarktkassiererinnen getragen wurden. Und natürlich von Pornodarstellerinnen, wobei nicht ganz klar war, warum man einen Schal brauchte, wenn man pudelnackt komplizierte Stellungen vor der Kamera vollführte. Die Schaltheorie hatten sie sich auf einem Junggesellinnenabend ausgedacht, um die gähnend langweilige Veranstaltung ein bisschen aufzupeppen.
Doch Moira sah alles andere als pornogeeignet aus.
»Gegen ein Gütiger Himmel haben wir nichts einzuwenden, oder ein Heiliger Bimbam in Momenten der Bedrängnis, doch den lästerlichen Gebrauch Seines Namens betrachten wir als anstößig und bitten daher, davon Abstand zu nehmen«, erklärte sie.
Lisa starrte sie an. Wovon zur Hölle redete diese Frau?
»Das habe ich gehört«, tadelte Moira.
Lisa blinzelte. »Wo um alles in der Welt bin ich? Was ist das hier für ein Ort?«
Moira lächelte milde. »Wohl kaum die gute alte Welt, meine Teuerste.«
Entnervt blickte sich Lisa nach anderen Leidensgenossen um. Obwohl sie weder Wände noch Fenster ausmachen konnte, schien sie sich in einem Raum zu befinden, der in ein weiches Licht getaucht war. Sie hatte den Eindruck von regem Kommen und Gehen, sah jedoch niemanden außer Moira, die weiterhin geduldig neben ihr saß – auf nichts.
Moira legte ihr eine Hand auf den Arm und sagte mit gesenkter Stimme: »Sie sind in Sicherheit. Das ist das Wichtigste – Sie sind in Sicherheit.«
Lisa war nicht sonderlich überzeugt. »Wo sind meine Eltern? Sie machen sich Sorgen um mich! Wissen sie, dass ich hier bin?«, fragte sie, während sie verzweifelt versuchte, die Tränen zurückzuhalten.
Moira strich mit einer federleichten Bewegung über Lisas Arm. Kalte Schauer jagten ihr über den Rücken, und sie zog ihren Ellbogen zu sich heran.
»Bald werden auch Ihre Eltern hier sein, Lisa«, beschwichtigte Moira sie ungerührt. »Aber jetzt werden wir uns erst einmal um Sie kümmern.«
Diese Moira schien nicht alle Tassen im Schrank zu haben.
Ein großer kräftiger Mann in weißer Hose und weißem Kittel erschien, und Moira verzog missbilligend das Gesicht. Er hatte einen rostbraunen Schopf, funkelnde blaue Augen und summte leise »Stairway to Heaven« vor sich hin. George stand auf seinem Namensschild. Er blickte Lisa strahlend an und fragte mit deutlich vernehmbarem Cockney-Akzent: »Na, alles klar?«
Lisa musterte ihn und überlegte, ob er wohl genauso seltsam war wie Moira. George lachte und zwinkerte ihr zu. An Moira gewandt flüsterte er: »Die andere kommt jeden Moment durch.«
»Das habe ich schon gehört«, erwiderte sie missvergnügt, »aber ich kann Lisa nicht weitergeben, bevor sie abgeholt wird. Das wäre gegen die Regeln.«
Georges heiteres Gesicht schien einen Moment irritiert. »Wir können sie doch nicht einfach hier schweben lassen«, gab er zu bedenken. »Moment … Hören Sie diesen Lärm? Das ist die andere. Sie kommt mit ziemlichem Karacho.«
Die friedvolle Atmosphäre wurde durch den lauten Protest einer Frau unterbrochen. Mehrere weiße Gestalten versuchten, sie sanft an Lisa vorbeizuführen.
»Ich sollte überhaupt nicht hier sein!«, rief die Frau in ausgeprägt amerikanischem Akzent. »Lassen Sie mich sofort los!« Und nach einer Pause fragte sie ängstlich: »Wie haben Sie das gemacht? Wieso kann ich Ihre Hände fühlen, aber nicht sehen? Wer sind Sie?«
Erleichtert stellte Lisa fest, dass sie nicht die einzige war, die Anpassungsschwierigkeiten hatte. Sie verrenkte sich den Hals, um einen Blick auf die Frau zu erhaschen, die einen solchen Aufstand machte. Sie war groß und schlank und trug ein mauvefarbenes Seiden-Tank-Top zu einer schwarzen Hose. Die weißen Gestalten umschwärmten sie, redeten auf sie ein und versuchten, sie zu besänftigen. Lisa sah, dass eine von ihnen ein Baby trug, einen kleinen Jungen mit großen braunen Augen. Er sah dem Spektakel neugierig zu, ohne sich von dem Lärm beeindrucken zu lassen.
»Können Sie nicht dieses Kind wegnehmen?«, blaffte die Amerikanerin.
»Nein, Linda«, antwortete eine ruhige Stimme. »Er ist mit Ihnen gekommen.«
»Mit mir gekommen? Ich habe ihn noch nie in meinem Leben gesehen!«
Lisa meinte, einen Hauch von Hysterie in ihrer Stimme zu hören.
Als sich die Gruppe um die Frau teilte, sah Lisa sie zum ersten Mal in voller Gestalt und hätte sich fast verschluckt. Es war die Frau aus dem blauen Kabrio! Sie war auffallend hübsch, mit zarter heller Haut, langem, seidig schwarzem Haar und großen blauen Augen.
Lisa packte George am Arm und deutete auf die Frau. »Sie … sie ist in mich hineingefahren!«, krächzte sie. »Mit ihrem Auto.«
George tätschelte ihre Schulter. »Kein Grund zur Aufregung, Lisa. Sie wird nicht lange hier sein.«
Moira rümpfte die Nase. »Das ist alles höchst ungewöhnlich! Ich werde herausfinden, wo Lisas Großeltern bleiben.«
Lisa traute ihren Augen nicht. Moira hatte sich in Luft aufgelöst – im wahrsten Sinne des Wortes. Ängstlich blickte sie zu George.
Er schien verärgert und murmelte etwas, das wie »dumme Kuh« klang, bevor er Lisa einmal mehr die Schulter tätschelte. »Ganz ruhig, machen Sie sich keine Sorgen!«
Sanft führte er sie von der Gruppe um die Frau fort. Lisa bewegte sich ohne die Füße zu heben, ja, sie schwebte förmlich dahin. Wäre sie nicht so verängstigt gewesen, hätte sie das unglaublich cool gefunden. Als die Unruhe hinter ihnen abnahm, begann sie sich langsam besser zu fühlen. George vermittelte ihr das Gefühl von Sicherheit.
»Es wäre gut, wenn Sie nicht mehr an Ihre Schaltheorie dächten«, bemerkte er lächelnd.
Lisa sperrte den Mund auf. »Was für eine Schaltheorie?«
Er lächelte weiter und blickte sie prüfend von der Seite an. »Ich glaube, Sie wissen, was ich meine – die Theorie, die Sie sich mit Ihrer Schwester Sherry ausgedacht haben.«
»Aber … woher wissen Sie das?«
»Ich habe es gehört«, antwortete George. »Seien Sie nur froh, dass Moira es noch nicht mitbekommen hat. Soll ich Ihnen einen Witz erzählen?«, schlug er vor, und seine Augen begannen erneut zu funkeln.
Lisa lachte kurz und leicht hysterisch auf. »Okay.«
»Sehr vernünftig«, sagte er anerkennend. »Also: Mein Hund hat keine Nase.«
Sie blickte ihn verdutzt an. »Aber wie riecht er dann?«
»Schrecklich.« George warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals los.
Lisa stieß ein kurzes hohes Kichern aus.
George versuchte es erneut. »Was ist ein Cowboy ohne Pferd?«
»Äh … keine Ahnung.«
»Ein Sattelschlepper.«
George wieherte erneut.
»George?«
»Ja?«
Als Lisa sich ihm zuwandte, staunte sie, wie widerstandslos ihr Körper ihrem Willen folgte. »Bin ich tot, George?«, fragte sie. »Ist das hier der Himmel?«
George wand sich. »Tut mir leid, aber es gibt Regeln, und ich darf nichts verraten.« Er machte eine Pause. »Ich kann Ihnen sagen, dass Sie nicht im Himmel sind. Das hier ist eine Art Wartezimmer.«
Hoffnungsvoll blickte sie zu ihm auf. »Dann bin ich also nicht tot?«
Er seufzte und schüttelte den Kopf. »Darauf kann ich nicht antworten.«
Lisa betrachtete ihn mit wachsender Frustration. »Sind Sie ein Engel?«
In seine Augen trat wieder das alte Funkeln, so als würde ihm die ganze Sache riesigen Spaß bereiten. »Nein, ich bin noch nicht lange genug dabei. Ich bin … in Ausbildung, sagen wir es mal so.«
Lisa hakte nach: »Ha! Dann Sind Sie also Engel-Azubi?«
»Es gibt keine Engel, Lisa – zumindest nicht, wie Sie sich das vorstellen.«
Lisa hatte sich noch nie so klar und gleichzeitig so verwirrt gefühlt. Misstrauisch betrachtete sie George, während er »I’m an Angel in Paradise« summte. Typisch, dass sie den einzigen Engel, oder was auch immer er sein mochte, erwischte, der schlechte Witze riss und vor sich hinsummte! Nach ein paar Takten wechselte er zu »Heaven on the Seventh Floor«.
Plötzlich tauchte Moira wieder auf, und Lisa zuckte zusammen. Herr im Himmel! Wegen dieser Frau würde sie noch einen Herzkasper bekommen!
»Das habe ich gehört«, bemerkte Moira und wandte sich an George. »Können wir uns kurz unterhalten?«, fragte sie eindringlich, die hübsch geschwungenen Lippen eng zusammengepresst. Lisa hatte den Verdacht, dass Moira Georges kleine Medleys nicht besonders schätzte.
»Es wurde entschieden, dass nur eine von den beiden zurück kann«, raunte Moira.
»Welche?«, fragte George und machte keine Anstalten, seine Stimme zu senken. Lisa hatte den Eindruck, dass er sie mithören lassen wollte.
»Nicht so laut!«, zischte Moira. »Ich glaube, es ist die andere.«
»Die?«, stieß George fassungslos hervor. »Warum sollte ausgerechnet sie eine zweite Chance bekommen? Haben Sie ihren Lebenslauf gesehen? Sie hat ihrem armen Mann das Leben zur Hölle gemacht!«
Moira nahm eine aufrechte Position ein. »Es liegt nicht an uns, das zu entscheiden«, erwiderte sie unterkühlt. »Ich weiß, Sie sind neu hier, aber Sie müssen verstehen, dass es Regeln gibt, an die man sich zu halten hat.«
»Regeln«, brummte George. »Es ist nicht fair, dass diese Zicke eine zweite Runde bekommt und Lisa nicht.«
»Das geht Sie nichts an!«, beharrte Moira. »Sie bleiben bei Lisa, bis wir etwas Neues erfahren, und bringen dann die Auserwählte zurück.«
Damit verschwand sie erneut.
Lisa blickte George ängstlich an. Das hatte nun gar nicht gut geklungen. Als sie den Mund öffnete, um ihn mit Fragen zu bestürmen, schüttelte er nur den Kopf und machte noch mehr von seinen schrecklichen Witzen.
»Kann ich Sie eine Sekunde allein lassen? Ich bin gleich zurück«, sagte er nach einer Weile.
Lisa zuckte mit den Schultern. »Okay.«
George verschwand.
Lisa staunte über ihre eigene Gelassenheit. Sie hatte keine Ahnung, was passiert war, seit das blaue Auto in sie hineingekracht war. Sie befand sich in Gesellschaft von weiß gewandeten Leuten, die sich in Luft auflösen und Gedanken lesen konnten, und verspürte dennoch keine Eile, ihnen oder dem witzereißenden George zu entkommen.
Wie aufs Stichwort tauchte George wieder auf. Sein Gesichtsausdruck war nachdenklich. Lisa wartete, während er schweigend neben ihr stand. Schließlich sagte er: »Manchmal muss man die Regeln brechen.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Lisa vorsichtig. »George, Sie werden doch nichts tun, was Ihnen Ärger mit Moira einhandelt, oder?«
Er grinste. »Sie wird nicht viel dagegen machen können.« Sanft legte er ihr seine große Hand auf die Schulter und stimmte »Heaven Must Be Missing An Angel« an.
Lisa schüttelte den Kopf.
Langsam trieben sie von dem stillen, sanften Licht fort und auf ein helleres, härteres Licht und geschäftigen Lärm zu. In Lisa regte sich ein eigenartiger Widerwille, diese Oase des Friedens zu verlassen. »Wohin gehen wir?«, fragte sie.
»Dorthin, wo Sie sein sollten«, antwortete George mit einem zuversichtlichen Lächeln. »Schließen Sie einfach die Augen, Lisa, einfach die Augen zumachen …«
Wieder schwebte sie, durch einen langen Korridor, diesmal in die andere Richtung, auf all die anderen Leute zu, die sie um sich fühlte, jedoch nicht sehen konnte. Dann plumpste sie am Ende in grelles Licht und Lärm und sah ihre Schwester. Sherry stand in ihrer Polizeiuniform auf einem Gang und rang mit einem anderen Polizisten, den Lisa als Dillon Taylor erkannte – ihren Ex aus der Zeit, bevor die Endometriose ihr Leben ganz vereinnahmt hatte.
In Sherrys Gesicht standen Wut und Verzweiflung. Der attraktive Dillon legte einen angespannt-maskenartigen Ausdruck an den Tag, der ganz eindeutig darauf hinwies, dass er unter Schock stand und nur mit äußerster Willenskraft die Fassung wahrte. Er hielt Sherry bei den Oberarmen und wiederholte immer wieder, dass sie nicht da hineinkönne.
Lisa konnte nicht anhalten. Im Vorbeischweben streckte sie die Hand nach ihrer Schwester aus und streifte ihren Unterarm, ohne ihn jedoch zu spüren. »Sherry!«, rief sie. »Sherry!«
Sherry hörte auf, sich zu winden, und drehte sich abrupt Lisa zu, einen verwirrten Ausdruck in ihrem hübschen Gesicht. »Hast du das gehört?«, fragte sie schneidend und sah Dillon an. »Das klang wie Lisa! Hast du sie gehört?«
Lisa wollte noch einmal rufen und öffnete den Mund, doch plötzlich wurde sie von einer gewaltigen Kraft aufgehoben und mit großer Geschwindigkeit in Richtung der Schwingtüren hinter Sherry und Dillon gesaugt. Sie schrie, überzeugt, im nächsten Moment in die Türen zu knallen, doch plötzlich war sie auf der anderen Seite. Um eine Gestalt auf einer Rolltrage standen Leute in blauen Overalls gedrängt. Beutel und Plastikbehälter mit Lösungen hingen an Stangen, die vom Bett aufragten. Monitore piepsten und flimmerten. Eine Frau in einem schweren blauen Kittel zog etwas, das nach Röntgenapparat aussah, aus einer Tür auf der anderen Seite heraus.
Lisa wurde auf das Bett zugesaugt.
Immer schneller.
Sie würde in die Leute krachen! Schützend riss sie ihre Arme vors Gesicht.
Lisa hustete. Etwas steckte in ihrem Hals und verursachte ihr einen Würgereiz. Sie wollte sich an den Mund fassen, doch etwas hielt sie fest. Jemand hatte sie gefesselt! Sie spürte einen Widerstand an den Unterarmen, wenn sie die Hände heben wollte. Es war unmöglich, sich das Ding aus dem Mund zu reißen, und es hinderte sie daran, um Hilfe zu schreien. In Gedanken rief sie nach George, doch die Wärme verstrahlende, Sicherheit spendende Gestalt war verschwunden.
Dann herrschte plötzlich emsiges Treiben um sie herum. Frauenstimmen sprachen schnell und erteilten Befehle.
»… kommt zu sich …«
»… gebt ihr Bolus, und stellt sie wieder ruhig …«
Und gerade als sie wieder in Bewusstlosigkeit sank, hörte Lisa eine letzte Stimme: »Wir sollten ihren Mann benachrichtigen, dass sie zu sich gekommen ist.«
Sie hoffte, dass man auch daran dachte, ihre Eltern anzurufen, wenn man schon den Mann der anderen Frau informierte.
So viele Träume.
Zumindest glaubte Lisa, zu träumen, bis sie begriff, dass die Leute um sie herum tatsächlich da waren. Manchmal schlug sie die Augen auf und blickte in Gesichter, bevor sie wieder wegdämmerte.
Es war eine merkwürdige, zwielichtige Welt.
Die Lichter waren grell, und die Menschen, die sie berührten und mit ihr sprachen, trugen grüne Kittel und sprachen alles andere als gedämpft. Sie waren auf eine ruppige Art freundlich. Lisa wollte fragen, ob sie auch ihre Gedanken lesen konnten, aber sie war zu müde und schlief wieder ein. Fast erwartete sie ein Wiedersehen mit George und Moira, doch ihr neuer Aufenthaltsort war nicht mit dieser wundervollen Atmosphäre des Friedens durchdrungen. Und schlimmer noch: Ihr tat so gut wie alles weh.
Stück für Stück kristallisierte sich ihre Umgebung aus dem Nebel heraus. Wenn sie aufwachte, lag sie im Bett und war nie allein. Sie vermutete, dass sie im Krankenhaus lag und die Stimmen und Berührungen von Krankenschwestern stammten, die sie pflegten. Langsam lernte Lisa ein paar der Gesichter kennen und wurde mit der Routine des Waschens im Bett und dem Wenden von der linken auf die rechte Seite und zurück vertraut.
»Wir wollen doch nicht, dass Sie sich wund liegen, oder, meine Liebe?«, erklärte eine Frau.
Lisas größte Sorge war ihr Rachen. Er war so wund, dass sie das Schlucken vermied, solange es irgend möglich war. Doch die Schwestern drängten sie permanent, Wasser durch einen Strohhalm zu trinken, mit der Begründung, dass sie den Tropf loswerden wollten. Was für einen Tropf? Wen kümmerte ein Tropf, wenn ihre Kehle sich anfühlte, als hätte man sie mit Sandpapier bearbeitet? Ihre zweite große Sorge war ihr Kopf, der auf doppelte Größe angeschwollen zu sein schien. Und mit dem rechten Bein stimmte auch etwas nicht. Abgesehen davon war Lisa zufrieden, im Bett zu liegen und die Schwestern an sich werkeln zu lassen – vorausgesetzt, sie durfte wieder in den tiefen traumlosen Schlaf zurücksinken.
Manchmal pikste und stupste sie ein Mann, zwang sie, die Augen zu öffnen und zuzuhören. Lisa mochte ihn nicht. Missmutig bemühte sie sich, seinen Wünschen gerecht zu werden, aber der Drang zu schlafen war so verführerisch, dass sie sich ihm ergab und dem Mann mit seinen Forderungen entschlüpfte.
»Zeit, sie auf Station zu verlegen«, hörte Lisa ihn sagen, als sei sie ein Auto mit Motorpanne. »Bringen wir sie hinüber.«
Eine dickliche Schwester mit dunkelbraunen Locken stellte sich vor: »Ich bin Nancy und werde mich heute um Sie kümmern.«
Sie legte Lisa einen kleinen weißen Plastikball in die Hand, von dem ein langes Kabel wegführte. »Das ist Ihre Klingel. Ich habe sie an den Laken festgesteckt, damit Sie sie nicht verlieren können.« Nancy blickte Lisa forschend an. »Ich werde im Laufe des Vormittags immer wieder bei Ihnen vorbeischauen. Nach Ihrem Bad werden wir Sie für ein Stündchen in den Sessel setzen.«
Der Arzt mit seinem Gepikse und Gestupse hatte sich durchgesetzt.
Lisa war durch ein endloses Gewirr von Korridoren, in Lifte hinein- und aus Liften herausgeschoben worden, bis sie in einem Zimmer angekommen war. Das helle Sonnenlicht, das durch das Fenster hereinschien, schmerzte in ihren Augen. Jetzt wurde sie von anderen Schwestern umsorgt, aber sie blieben nicht die ganze Zeit über.
Lisa hasste es, allein zu sein. Sie fürchtete sich. Nach all der Zeit, in der sie sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als in Frieden gelassen zu werden, fühlte sie sich jetzt wie ein von Mama zurückgelassenes Baby. Nancys mütterliche Gestalt in ihrer blaugestreiften Kluft vermittelte ein Gefühl von Sicherheit.
Das Waschen und die Stunde im Sessel hatten Lisa erschöpft. Ihr rechtes Bein fühlte sich schwer an, weil es vom Knie abwärts in einem Gipsverband steckte. Lisa war mit einem Klumpfuß links zur Welt gekommen und hatte endlose Monate mit Gips verbracht. Der Anblick des Gipsbeins weckte Erinnerungen an Babyfotos, auf denen ihr Fuß nach korrigierenden Operationen in Gips steckte.
Ihr Kopf fühlte sich nicht mehr an, als wäre er mit Watte ausgestopft, dafür schien jetzt das gesamte Riverdance-Ensemble in ihrem Schädel zu proben. Mit dem Sprechen hatte Lisa Probleme. Ihr Mund fühlte sich fremd an, als würde er ihr nicht gehören. Es war ein seltsames Gefühl. Ihre Lippen schienen voller und ihr Mund im Allgemeinen größer. Wenn sie mit der Zunge über die Zähne fuhr, war ihr abgebrochener oberer Schneidezahn vollkommen glatt. Genau genommen waren alle Zähne perfekt. Erst nach mehreren Anläufen konnte sie Nancy sagen, dass ihr Kopf schmerzte. Ihre Stimme glich einem Krächzen, und ihre Lippen fühlten sich an, als wären sie aus Hartgummi gegossen, als sie die Worte formen wollte.
Lisa konnte es nicht fassen, als die Schwester vorschlug, ihr Paracetamol zu geben – die operative Entfernung des Kopfes war eher das, was ihr vorschwebte.
Nancy gab Lisa zwei Tabletten und lieh ihr für den Rest des Tages ihre Sonnenbrille. Lisa saß in ihrem Sessel, hielt sich den Kopf und sah aus wie ein Blues Brother, während Nancy und eine weitere Schwester ihr Bett neu bezogen und sie in ein frisches Nachthemd steckten.
»Warum tut mein Hals so weh?«, krächzte sie und wunderte sich über ihre merkwürdige Stimme.
Nancy und Chris, die andere Schwester, tauschten vielsagende Blicke. »Das kommt von dem Schlauch, den Sie auf der Intensivstation im Hals hatten«, erklärte Nancy, während sie Lisas Arm in den Ärmel des Nachthemds fädelte.
»Intensivstation?«, wiederholte Lisa, deren dürftige Kräfte rapide schwanden.
»Ja, Sie wurden fast eine Woche lang künstlich beatmet. Über den Schlauch in Ihrem Hals waren Sie mit der Maschine verbunden.«
Lisa konnte es nicht glauben. Eine Maschine hatte für sie geatmet?
Die Schwestern legten sie zurück ins Bett, als sie fertig waren. Lisa war wegen der intimen Dienste, die sie ihr erwiesen, zutiefst beschämt. Sie fragte sich, wo ihre Mutter und ihr Vater waren, und musste mehrere Anläufe nehmen, bis sie die Worte herausbrachte: »Meine Mum und mein Dad – wo sind sie?«
Nancy schüttelte den Kopf. »Von Ihrer Mutter und Ihrem Vater weiß ich nichts, Linda. Ich dachte, Ihre gesamte Verwandtschaft sei in den Staaten.«
Das war das Schwachsinnigste, was sie je gehört hatte. Was sollten ihre Eltern in Amerika treiben? Sie wären wohl kaum in den Urlaub geflogen, während es ihr so schlecht ging. Und warum hatte Nancy sie mit »Linda« angesprochen? Bisher hatte sie immer »meine Liebe« gesagt. Lisa musste sich verhört haben.
Doch Nancy redete unaufhörlich weiter: »Ich dachte, wir könnten Ihnen nachher die Haare waschen. Ihr Kopf muss sich nach all der Zeit scheußlich anfühlen. Ihr Mann hat Ihre Kosmetikartikel vorbeigebracht. Sie haben wirklich schöne Sachen, Linda.«
Lisa starrte auf den Rücken der verschwindenden Nancy, die irgendetwas von Plastikschüsseln und Handtüchern murmelte, während sie aus dem Krankenzimmer eilte.
Sie hatte es schon wieder getan – Sie hatte Linda zu ihr gesagt. Und Mann? Hatte Nancy gerade »Ihr Mann« gesagt?
Lisas Herz klopfte unangenehm gegen ihr Brustbein. Wenn sie die Hand an die Brust legte, spürte sie das Pulsieren. Es fühlte sich ganz anders an als in dem Wartezimmer, wo sie solche Angst gehabt hatte. Sie lebte, ganz eindeutig, aber warum redete man sie mit Linda an? Und wie kam Nancy auf die Idee, dass sie verheiratet war?
Linda.
Linda.
Linda.
Lisa stöhnte und vergrub den Kopf in ihren Händen. Als sie ihr Haar berührte, erstarrte sie. Es fühlte sich zerzaust und fettig an, aber vor allem war es glatt.
Glatt!
Sie hatte glattes Haar.
Mühsam zupfte sie eine Strähne hinter dem Ohr hervor und stellte erstaunt fest, dass sie bis zu ihrer Nasenspitze reichte.
Der größte Schrecken war jedoch, dass ihre Haare schwarz waren.
Kohlrabenschwarz.
So etwas konnte doch nicht von einem Autounfall kommen? Unfälle glätteten keine widerborstigen blonden Locken und färbten sie schwarz. Oder doch?
Lisa langte sich mit zittriger Hand an den Hinterkopf und ertastete einen losen Pferdeschwanz im Nacken. Sie zwang sich, nicht in Panik auszubrechen. Nancy hatte angedeutet, dass sie längere Zeit bewusstlos gewesen war. Ihr Haar konnte also gewachsen sein – aber doch nicht um so viel!
Irgendetwas stimmte nicht.
Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
Lisa blickte auf ihre Hände, und ihr Atem stockte. Sie waren feingliedrig und elegant und mit diesen Acrylnägeln beklebt, die sich Sherry manchmal gönnte. Und ihr linker Fuß – der, der nicht in Gips steckte – war viel zu weit entfernt, um ihr eigener Fuß zu sein. So lang waren ihre Beine nicht. Ihre Familie nannte sie noch heute zärtlich Dreikäsehoch, weil sie nur eins sechsundfünfzig groß war.
Nancy kam mit einer blauen Plastikschüssel und ein paar Handtüchern zurück. »So, jetzt hole ich Ihr Necessaire …«
Da bemerkte sie Lisas kreideweißes Gesicht. Sie warf Schüssel und Handtücher auf einen Stuhl und eilte zum Kopfende des Bettes. »Linda! Fühlen Sie sich nicht wohl? Ich senke das Kopfende.« Sie streckte die Hand nach dem Hebel am Bett aus.
»Nein!«, krächzte Lisa und umklammerte den Arm der Schwester. »Bitte, Nancy, bitte bringen Sie mir einen Spiegel! Ich brauche einen Spiegel!«
Nancy zog die Augenbrauen hoch. »Einen Spiegel?«
Lisa nickte vehement und ließ den Arm der Schwester nicht los.
Nancy zögerte und fühlte Lisas Puls. »Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht zu schwach fühlen?«
»Nein!«
Aber Nancy wollte ihr keinen Spiegel bringen, bevor sie nicht den Blutdruck gemessen hatte. »Ich möchte nicht, dass Sie sich zu sehr aufregen«, erklärte sie, und in ihrer Stimme schwang ein leiser Tadel mit. Diese Linda reagierte nicht, wie man es von einer Frau erwartete, die gerade dem Tod von der Schippe gesprungen war. »Sie werden kaum nach Galaveranstaltung aussehen, nachdem Sie eine volle Woche bewusstlos waren.«
Widerwillig reichte sie Lisa einen kleinen Handspiegel.
Lisa biss sich auf die Lippe und umklammerte den schmalen Griff. Plötzlich hatte sie Angst vor dem, was sie sehen würde.
»Also?«, fragte Nancy. »Wollen Sie sich nun ansehen oder nicht? Ich habe nicht genug Zeit, um Ihnen noch die Haare zu waschen, wenn wir nicht langsam damit anfangen.«
Lisa holte tief Luft und hob den Spiegel.
Das Gesicht, das ihr entgegenblickte, war absolut entzückend, trotz der Schürfwunde und dem ungesund gräulichen Teint. Tiefschwarzes Haar teilte sich in fettigen Strähnen über einer hohen glatten Stirn. Große blaue Augen mit langen dunklen Wimpern blickten ihr angstvoll entgegen, vornehm traten hohe Wangenknochen hervor, und eine lange, gerade Nase saß über vollen roten Lippen.
Es war das Gesicht der Frau, die sie im Wartezimmer gesehen hatte.
Die Frau aus dem blauen Kabrio.
Die Frau namens Linda.
George hatte sie in den falschen Körper gesteckt.
Nancy wusch ihr nicht die Haare. Stattdessen wurde die Ärztin gerufen, und Lisa bekam ein Beruhigungsmittel, das sie schlafen ließ.
Erst am Abend wachte sie wieder auf. Das einzige Licht in ihrem Zimmer kam von einer Lampe über ihr, die jemand zur Wand gedreht hatte, damit sie ihr nicht in die Augen schien. Wahrscheinlich Nancy, vermutete Lisa. Sie war so lieb und fürsorglich gewesen, als Lisa zusammengebrochen war und nicht mehr aufhören konnte, zu weinen. Nancy hatte ihre Hand gehalten, bis sie schließlich einschlief, ihr die Haare gestreichelt und gesagt: »Keine Sorge, meine Liebe. Bald sehen Sie wieder ganz wie früher aus. Sie sind eine bildschöne Frau, aber viel wichtiger ist doch, dass Sie am Leben sind.«
Irgendwann hörten die Schluchzer auf, und die Tränen liefen nur noch still über das Gesicht und in das Kissen unter ihrer Wange. Wie konnte sie einer praktisch veranlagten, vernünftigen Seele wie Nancy erklären, welche Ironie ihr Kommentar unter den gegebenen Umständen darstellte?
Lisa lebte – aber im Körper einer anderen Frau. Wie konnte etwas derart Unglaubliches geschehen? Lisa vermutete, dass George die Regeln missachtet und sie an Lindas statt zurückgeschickt hatte. Sie hatte Lindas Leben gestohlen! Obwohl das nicht so verwerflich erschien, wenn man bedachte, dass Lisa nur aufgrund von Lindas halsbrecherischem Fahrstil tot war.
Tot? Was dachte sie da? Sie war hier, am Leben – im falschen Körper vielleicht, aber dennoch am Leben.
Ich werde verrückt! Ich habe völlig den Verstand verloren, dachte Lisa unglücklich, und wieder stiegen Tränen in ihren verquollenen Augen auf. Ein leises Scharren am Fuße ihres Bettes brachte sie von ihrem Vorhaben ab, sich einem weiteren Heulkrampf hinzugeben. Müde hob sie den Kopf.
Ein Mann saß auf einem der orangefarbenen Plastikstühle, die zur Standardeinrichtung von Krankenhäusern gehörten. Lisa erkannte ihn wegen ihrer verheulten Augen und dem spärlichen Licht nur schemenhaft.
»Du bist wach«, bemerkte er mit tiefer Stimme und deutlich ausgeprägtem amerikanischem Akzent. Er stand auf und trat mit zwei Schritten in den Lichtkreis der Lampe.
Lisa blickte zu ihm auf und blinzelte.
Warum sprach er sie so vertraulich an? Er war auffällig groß und trug ein dunkelgrünes Polohemd zu dunkelgrauen Chinos. Sein volles dunkles Haar hätte einen Friseur vertragen. Es fiel bis auf die Brauen und kräuselte sich über dem Hemdkragen. Es sah wirr aus, als hätte er die Angewohnheit, mit der Hand darin zu wühlen. Der Mann wirkte müde, wie er da auf sie herabblickte. Er schien darauf zu warten, dass sie etwas sagte.
Doch Lisa hatte nichts zu sagen. Er war nur ein weiteres fremdes Gesicht an einem Tag voller fremder Gesichter und seltsamer Erfahrungen. Vielleicht war er Arzt – an einem besseren Tag hätte sie sich gefreut, einen so gutaussehenden zu erwischen. Aber sie wollte nichts mehr hören, was sie noch mehr verwirrte. Stattdessen senkte sie den Blick und folgte der beeindruckenden Länge seiner Beine von der Gürtelschnalle bis hinab zu den grauen Halbschuhen mit Quasten.
»Wo findest du Hosen in deiner Größe?«, brachte sie langsam mit einer Stimme heraus, die gar nicht nach ihrer eigenen klang. Sie blickte in sein Gesicht. »Haben sie im Laden zwei zusammengenäht?«
Einen Moment lang wirkte er erschrocken, dann lachte er widerwillig. Es hörte sich rauh und heiser an, als hätte er es lange nicht getan. »Ich kaufe meine Kleidung in einem Laden für Übergrößen in der Stadt«, erklärte er.
Dann holte er sich den Stuhl vom Fußende des Bettes und setzte sich neben sie.
Aus der Nähe sah Linda, wie müde und abgekämpft er war.
»Wie geht es dir?«, fragte er in dieser wundervollen, tiefen Stimme.
Lisa musterte ihn nachdenklich und fragte sich, wo genau er in das Puzzle passte. Ihr war bewusst, dass ihre momentane Ruhe nicht lange andauern würde. Nach dem anstrengenden Tag blendete ihr Geist nur alles aus. Sie fühlte sich wie betäubt. Im Moment war ihr alles egal, deshalb antwortete sie gelangweilt: »Mein Kopf tut weh. Mein Bein tut weh. Oh, und dann haben sie mir heute Nachmittag ein Zäpfchen in den Po gesteckt. Abgesehen davon geht es mir fantastisch.«
Es war offensichtlich, dass sie ihn erneut erschreckt hatte. Er lachte gekünstelt, doch in seinen Augen stand Besorgnis, so, als könnte er etwas nicht recht einordnen. Lisa sah ihn mitfühlend an. Fast hätte sie ihm gesagt, dass sie es auch nicht kapierte.
»Weißt du, wer ich bin?«, fragte er.
»Nein.« Lisa erwiderte seinen Blick lustlos. »Weißt du, wer ich bin?«
»Allerdings.« Er neigte den Kopf, als wollte er ihr aufmerksam lauschen. »Erkennst du mich überhaupt nicht?«
Lisa wollte den Kopf schütteln, überlegte es sich aber anders, als Schmerz in ihre Schläfen fuhr. »Nein«, antwortete sie unter Mühe. »Bist du berühmt?«
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und entblößte kräftige weiße Zähne. »Ich bin Dan«, erklärte er und forschte in ihrem Gesicht nach einer Reaktion. »Dan Brogan.«
Hinterhältige Tränen stiegen in ihren Augen auf. Lisa fasste es nicht, dass sie noch welche übrig hatte. Sie atmete zittrig ein. »Erfreut, dich kennenzulernen, Dan!«
Seine grauen Augen durchdrangen sie weiter. »Nicht weinen!«, tröstete er sie, zog zwei Taschentücher aus der Schachtel auf dem Nachttisch und reichte sie ihr.
»Sollte ich dich kennen?«, fragte Lisa matt, nachdem sie sich geschneuzt hatte.
»Ja, das solltest du.« Ironie schwang in seiner Stimme.
»Bist du einer meiner Ärzte?«
Er schüttelte den Kopf.
Sie entschied, den Spieß umzudrehen. »Wer, glaubst du, dass ich bin, Dan?«
Einmal mehr schien ihn ihre Stimme zu fesseln. Lisa gewann langsam den Eindruck, sie faszinierte ihn ebenso wie das, was sie sagte.
»Weißt du denn nicht, wer du bist?«
»O doch. Ich weiß, wer ich bin«, antwortete Lisa verbittert und fing an, zu nuscheln, weil sie wieder müde wurde. Sie konnte sich einfach nicht daran gewöhnen, mit Lindas Lippen Worte zu formen. »Die Frage ist nur, für wen mich alle anderen halten.«
Dan Brogan runzelte die Stirn. »Okay, ich komme nicht mehr mit.«
»Sag mir, für wen du mich hältst!«, rief Lisa frustriert, bereute es aber sofort, weil ihr Kopf zu zerspringen schien.
»Du bist Linda«, erwiderte er ruhig, »Linda Brogan.«
Lisa presste die Hände auf ihren pochenden Kopf und blickte ihn verdrossen an.
Brogan.
Vielleicht war er Lindas Bruder.
»Bist du mit Linda verwandt?«, fragte sie. Seinen verwirrten Blick schrieb sie der Tatsache zu, dass sie in der dritten Person von Linda gesprochen hatte.
Eine Weile blickte er forschend in ihr Gesicht. »Ich bin dein Mann, Linda.«
Lisa riss die Augen auf. »Mein Mann?«, stieß sie hervor. »Aber ich bin nicht verheiratet!«
»Doch, ich fürchte, das bist du«, entgegnete Dan Brogan beharrlich und trommelte verärgert mit den Fingern auf dem orangefarbenen Plastik zwischen seinen gespreizten Knien herum.
Auf einmal fiel Lisa der Ehering an seiner linken Hand auf. Da sprudelte es aus ihr heraus, so schnell, dass die Worte sich überschlugen: »Nein, du verstehst nicht! Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich bin nicht Linda! Ich heiße Lisa – Lisa Jackson! Ich wurde aus Versehen in den falschen Körper gesteckt …« Sie verstummte, als ihr bewusst wurde, wie absurd das alles klang.
Dan starrte sie wortlos an.
Jetzt würde man sie also mit den anderen Irren in die Gummizelle sperren.
Gut gemacht, Lisa!
Er raufte sich aufgebracht die Haare. »Warum reden wir nicht morgen darüber?«, schlug er schließlich vor. »Ich spreche mit Rod Cameron, deinem Neurochirurgen, und erzähle ihm, wie es dir geht.«
Lisa war zu benommen, um noch antworten zu können.
»Du darfst im Moment nicht zu viel erwarten, Linda«, fuhr er leise fort. »Du hast die letzte Woche mit einer Kopfverletzung auf der Intensivstation gelegen. Es dürfte kaum überraschen, dass du verwirrt bist.«
Lisa lachte gebrochen und presste die Finger auf den Mund, als es in einem Schluchzer endete. »Das kannst du laut sagen.«
Er streckte die Hand aus, um sie ihr tröstend auf die Schulter zu legen. Sie zuckten zurück, als hätten sie sich verbrüht. Bei der Berührung hatte sie beide ein elektrischer Schlag durchfahren. Linda Brogans Mann riss seine Hand zurück und schien eine Weile nicht zu wissen, was er mit ihr anstellen sollte. Schließlich vergrub er sie in seiner Hosentasche und murmelte verlegen: »Ich komme dich morgen wieder besuchen.«
Lisa gab sich nicht die Mühe zu antworten.
Dan lief wie blind den Korridor hinunter und zermarterte sich das Hirn nach einer Erklärung. Er war orthopädischer Chirurg, und Kopfverletzungen waren nicht sein Spezialgebiet, aber er wusste, dass es für Leute mit schweren Verletzungen wie Linda nichts Ungewöhnliches war, Teile ihres Gedächtnisses einzubüßen. Der rationale, geschulte Teil seines Geistes konnte das akzeptieren. Er wusste, dass sie vielleicht nur langsam und womöglich nicht ganz vollständig genesen würde. Wenn das Sprachzentrum beschädigt war, konnte das erklären, warum sie Schwierigkeiten hatte, sich auszudrücken. Sie klang überhaupt nicht nach sich selbst. Tatsächlich kam es Dan so vor, als zöge sie die Vokale lang und näselte leicht wie eine Neuseeländerin.
Linda machte niemals Witze auf eigene Kosten, deshalb hatte Dan die Bemerkung über das Zäpfchen verblüfft, genauso wie der Kommentar zu seiner Hose. Linda machte sich ständig über seine nachlässige Erscheinung lustig, doch ihre Sticheleien kamen schon lange keinen Scherzen mehr gleich.
Dan hatte das Gefühl, als wäre er selbst auf den Kopf gefallen. Die Frau im Bett hatte ihn wie einen vollkommen Fremden angesehen, und es hatte ihm einen Stich versetzt, als er den verletzten, ängstlichen Ausdruck in ihren Augen gesehen hatte. Linda war stets darum bemüht, sich überlegen und selbstsicher zu geben. Dan war einer der wenigen, die wussten, welche Dämonen und Unsicherheiten sie quälten. Sie kämpfte dagegen an, indem sie die Leute um sich herum gegeneinander ausspielte, was nur einen der Gründe darstellte, warum ihre Ehe am Ende war. Dan hatte nicht vergessen, welch großartiges Schauspieltalent sie besaß – ein Teil von ihm fragte sich, ob sie auch jetzt alle um sie herum zum Narren hielt.
Die Kopfverletzung musste Ursache für ihren Gedächtnisverlust und die wirren Behauptungen sein. Anders ließ es sich nicht erklären – es sei denn, er wollte die Geschichte von der anderen Frau glauben, die jetzt im Körper seiner Frau steckte.
Es war entweder die Kopfverletzung oder etwas, das Dan seit langer Zeit geahnt hatte – dass seine Frau eine zwanghafte Lügnerin war.
Dan Brogan kam aus Boulder in Colorado und hatte an der medizinischen Fakultät der Universität von Colorado Medizin studiert. Linda Mulholland hatte er getroffen, als er als Assistenzarzt in einem Krankenhaus in Los Angeles gearbeitet hatte. Er war neunundzwanzig, sie zweiundzwanzig gewesen.
Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können.
Dan war ein ruhiger Typ und hatte die Tendenz, barsch zu klingen. Nur seine engsten Freunde wussten, dass er schrecklich schüchtern war und sich im Zwiegespräch unwohl fühlte, insbesondere mit Frauen. Grund dafür war nicht etwa eine Abneigung gegen sie – weit gefehlt! Er war dem weiblichen Geschlecht und, nun ja, dem Sex mit Frauen ebenso zugetan wie die meisten amerikanischen Männer.
Weil er sich oft im Hintergrund hielt und aus der Distanz beobachtete, fielen ihm Details bei Frauen auf, die seinen Freunden entgingen. Dan hatte eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe, was ihn zu einem unentbehrlichen Teammitglied im Operationssaal machte. Außerdem hielt er es nicht für nötig, mit seinen Fähigkeiten anzugeben, weil er sich gar nicht als etwas Besonderes sah. Er verstand nicht, dass seine groß gewachsene Gestalt und sein Aussehen attraktiv auf Frauen wirkten und sein Arztberuf zu seiner Anziehungskraft beitrug. Aber was sie wirklich an ihn banden, war seine Fähigkeit, zuzuhören.
Und Dan erzählte nie weiter, was man ihm sagte.
»Hey, Brogan, stimmt es, dass du Samantha ins Bett bekommen hast? Theo sagt, er habe dich Donnerstagabend in ihre Wohnung gehen sehen und dein Auto sei morgens immer noch vor der Tür gestanden«, stachelten ihn seine Freunde zum Beispiel an.
In solchen Situationen zuckte Dan nur mit den Schultern und antwortete ausweichend: »Donnerstagabend? Samantha? War das nicht der Abend, an dem ich bei Mike gepokert habe?«
Und nachdem seine Vergesslichkeit für alles, was nicht die Arbeit betraf, berüchtigt war, gaben seine Freunde meist entmutigt auf.
Dan hatte unter Frauen den Ruf, ein echter Kerl zu sein – der kräftige, stille Typ. Trotz seiner Vergesslichkeit war er alles andere als dumm. Er hatte bald herausgefunden, dass es sich nicht auszahlte, einer Frau anzuvertrauen, dass er nur deshalb schwieg, weil er auch keine Lösung für ihr Problem hatte – oder zumindest keine, die ihr gefallen würde. Stattdessen hatte er früh für sich entschieden, lieber den Mund zu halten und an den richtigen Stellen mitfühlend zu nicken. Er hatte zu oft erlebt, wie seine Freunde sich ins eigene Fleisch schnitten, indem sie ihren Freundinnen Ratschläge erteilten und dann zusehen mussten, wie sie sich aus dem Staub machten. In der Zwischenzeit führte er Frauen aus und genoss ihre Gesellschaft – sowohl im als auch außerhalb des Bettes.
»Dan, du bist eine dieser seltenen Ausnahmen«, hatte ihm eine Verabredung einmal anvertraut. »Du verstehst instinktiv, dass Frauen von der Venus und Männer vom Mars kommen – und ich wette, du hast das Buch noch nicht einmal gelesen.«
Nein, das hatte Dan auch nicht. Weil er ständig mit der Nase in irgendwelchen Fachbüchern der Medizin steckte, war zu bezweifeln, ob er überhaupt davon gehört hatte.
Linda war auf einer Party in sein Leben geplatzt. Sie trug ein knappes weißes Top und enge Bluejeans, die ihre sagenhafte Cheerleader-Figur voll zur Geltung brachten, und war eine der wenigen Partygäste neben Dan, die noch nüchtern waren. Dan sah sie den ganzen Abend nichts anderes als Pepsi trinken.
»Heiliger Bimbam!«, flüsterte einer von Dans Freunden anerkennend, als Linda in den Partyraum geschlendert kam, was ungefähr die Reaktion aller anwesenden Männer zusammenfassen dürfte, sehr zur Verärgerung ihrer Begleitungen.
Linda war sich der Aufmerksamkeit, die sie erregte, durchaus bewusst, und sie genoss es. Dan bemerkte ihre Angewohnheit, sich mit der Spitze einer Strähne ihrer prachtvollen schwarzen Haare selbstvergessen über die Lippen oder den Nacken – oder den freiliegenden Brustansatz – zu streichen, als sie sich mit einem Typ unterhielt. Bis der arme Kerl eine betonharte Erektion bekam, dauerte es gerade einmal so lang, wie er brauchte, um die Vorstellung heraufzubeschwören, wie ein ganz bestimmter Körperteil von ihm den Platz dieser glücklichen Haarsträhne einnahm. Linda kicherte und entschuldigte sich, als jemand sie darauf aufmerksam machte, was sie da anstellte. Es sei eine unbewusste Angewohnheit, meinte sie, die sie sich dringend abgewöhnen müsste.
Unbewusste Gewohnheit, wer’s glaubt!, hatte Dan höhnisch gedacht und an seinem Bier genippt. Sie sah so umwerfend gut aus, dass es fast in den Augen schmerzte. Jeder Mann auf der Party wollte sie, und Linda spielte sie gekonnt die ganze Nacht hindurch einen gegen den anderen aus, während Dan an einer Wand lehnte, in der einen Hand ein Bier, die andere in der Hosentasche, und sie beobachtete. Sie schien jeden Kerl zu meiden, der auch nur leicht angetrunken war, so, als würde Alkohol sie stören.
Im Laufe der Nacht hatte sie immer öfter zu ihm hinübergeblickt, einen verwirrten Ausdruck in ihrem bildhübschen Gesicht. Dan hatte als einziger Kerl im Raum noch keinen Annäherungsversuch unternommen. Er hatte nur zwei Dosen Budweiser getrunken, weil er am nächsten Morgen arbeiten musste.
An diesem Abend bemühte er sich nicht etwa, stark und ruhig zu wirken. Er konnte sich nur a) nicht vorstellen, dass ein solch zauberhaftes Wesen echt sein konnte und dass sie b) auch nur im Entferntesten an jemandem wie ihm interessiert sein könnte.
Schließlich war sie auf ihn zugeschlendert und hatte sich neben ihm an die Wand gelehnt. »Und du redest nicht, großer Mann?«, fragte sie herausfordernd.
Dan blickte einige Momente auf sie herab und dachte, dass sie aus der Nähe sogar noch hübscher war. Linda hob eine manikürte Hand und wedelte damit vor seinem Gesicht herum. »Hallo? Jemand zu Hause?«
Er versteifte sich und wich zurück, die Nase gefüllt mit ihrem moschusartigen Parfüm. Seine Schüchternheit verschlimmerte sich, als er sich vorstellte, dass er sich vor dieser Frau zum Idioten machen könnte.
»Nicht!«, stieß er aus.
Linda erstarrte, die Hand auf halber Höhe, und blinzelte ihn überrascht an. Das war nicht die Reaktion, die sie gewöhnt war. »Nicht?«, wiederholte sie unsicher.
»Entschuldige!«, murmelte Dan unglücklich. »Ich wollte nicht so rüpelhaft sein.«
»Oh«, lachte sie, und ihr Gesicht hellte sich auf. »Das ist in Ordnung. Ich war rüpelhaft.«
Sie ließ eine Hand über ihre Brust wandern, zwirbelte sich eine Haarsträhne um den Finger und begann, direkt über ihrer rechten Brustwarze Kreise damit zu ziehen. Dan zwang sich, ihr ins Gesicht zu blicken, während der Reißverschluss an seiner Jeans auf einmal unangenehm zu drücken begann.
»Wie heißt du?«, fragte sie, und ihre blauen Augen funkelten schelmisch.
»Dan. Dan Brogan«, erwiderte er barsch und wurde immer nervöser. Als er sich schnell in dem Raum umsah, konnte er Sally, seine Begleitung, nicht entdecken.
»Brogan!«, quietschte die schöne Brust-Umkreiserin. »He! Dann bist du auch Ire! Ich heiße Mulholland, Linda Mulholland.«
Aus dem Augenwinkel sah Dan, wie Lindas Finger tiefer wanderten und sie die Strähne direkt über ihre Brustwarze zog. Sofort stellte sie sich auf und drückte gegen den dünnen dehnbaren Stoff ihres weißen Tops.
»Vielleicht sind wir verwandt«, meinte sie.
Dan zog ungläubig eine Braue hoch. Das wagte er zu bezweifeln. Wäre sie Mitglied seiner Familie, hätte er sicher davon gewusst.
Sie blickte ihn weiter prüfend an. »Und was machst du so, Dan?«
Ich mache mich auf Partys zum Idioten, dachte er unglücklich und sah sich erneut nach seiner Verabredung um.
»Barmann«, log er.
»Oh«, antwortete sie, ließ die Strähne fallen und sah enttäuscht aus.
»Musst du das mit deinem Haar machen?«, brach es plötzlich aus Dan heraus. »Ich meine, es ist nicht so, als würden die Jungs nicht ohnehin schon schauen.«
Lindas volle Lippen formten ein überraschtes O. »Muss ich was mit meinem Haar machen?«, fragte sie schroff.
»Du weißt schon, wovon ich rede«, murmelte Dan, der seinen Ausbruch schon wieder bereute. Warum nur hatte er das sagen müssen? Er hatte seine goldene Regel gebrochen und einer Frau einen Rat erteilt.
Sally betrat den Raum und wirkte nicht besonders erfreut, als sie Dan mit Linda entdeckte. Sie kämpfte sich durch die Feiernden zu ihnen durch, nahm Dans Arm und drückte sich an seine Seite.
»Hallo, Linda«, grüßte sie unterkühlt und musterte die andere misstrauisch.
Linda löste ihren durchdringenden Blick lange genug von Dan, um tonlos »Hallo, Sally, wie geht es dir?« zu sagen.
»Ganz gut.«
Sally presste sich noch enger an Dan und schob ihn dabei unwissentlich näher zu Linda hin, so dass deren Brüste sich nun gegen seinen anderen Arm drückten. Er schloss kurz die Augen, ein Mann zwischen Himmel und Hölle: der Himmel in Form von Brüsten an jedem seiner Arme, die Hölle in Gestalt ihrer Besitzerinnen, die aussahen, als würden sie sich im nächsten Moment die Augen auskratzen. Wie hatte es dazu kommen können? Ihn streifte die dunkle Vorahnung, dass die Situation aus dem Ruder laufen könnte, wenn er nicht bald eingriff.
»Sally?«, fragte er.
»Ja, mein Süßer?«, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Dan zuckte zusammen. Mein Süßer? Sally übertrieb wirklich ein bisschen. »Ich glaube, wir sollten langsam gehen«, erklärte er.
»Selbstverständlich, mein Herz!«, flötete sie und feixte Linda an. »Ich hatte ganz vergessen, dass du ja morgen Frühschicht im Krankenhaus hast.«
»Im Krankenhaus?«, entwich es Linda verblüfft, und ihre Augen blickten ihn fragend an. »Du arbeitest an der Bar in einem Krankenhaus?«
Sally machte ein verwundertes Gesicht. »Dan arbeitet nicht an der Bar. Er ist Arzt.«
Linda starrte Dan fassungslos an.
Dan starrte zurück.
Danach verfolgte sie ihn drei Wochen lang schonungslos, bis er die Waffen streckte. Selten hatte sich ein Mann so glücklich ergeben. Er war bis über beide Ohren verknallt, obwohl er sich redlich bemühte, das zu verbergen. Sein Gefühl sagte ihm, dass er sie zappeln lassen musste. Sobald sie gewann, würde sie ihn an der Nase herumführen. Aber sie war charmant, lustig, unberechenbar und sehr, sehr sexy.
»Wärst du auch an mir interessiert gewesen, wenn ich an einer Bar gearbeitet hätte?«, fragte Dan, als sie das erste Mal miteinander geschlafen hatten.
Linda überlegte, doch schließlich sagte sie die Wahrheit. Sie hatte schon bemerkt, dass Dan Brogan Lügen auf Meilen gegen den Wind roch. »Ich hätte trotzdem mit dir ins Bett gewollt.«
»Vielen Dank«, antwortete er reserviert.
Er lag auf dem Rücken, Linda auf ihm, und ihr langes Haar fiel über seinen nackten Körper.
Sie drückte einen Kuss auf seinen Bauch und lächelte, als seine Muskeln sich anspannten. »Keine Ursache, Dr. Brogan.«
»Aber abgesehen von Sex?«, bohrte er nach und spielte mit ihrem Haar.
Sie schürzte die Lippen und gestand: »Ich hätte dich weitergeschickt. Ich habe mich nicht vom Trailerpark hochgekämpft, um wieder in der Gosse zu landen.«
Dan respektierte ihre Ehrlichkeit.
Er hatte Linda ungefähr zwei Monate gekannt, als ihre Mutter in das Krankenhaus eingewiesen wurde, in dem er arbeitete. Linda hatte nie von ihrer Familie gesprochen. Dan hatte sich nicht groß Gedanken darüber gemacht, da ihre Beziehung noch am Anfang stand und sie das Bett nur lange genug verließen, um zur Arbeit zu gehen, zu essen oder ab und zu einen Film anzuschauen. Dan erfuhr nur von der Einweisung von Lisas Mutter, weil der für sie zuständige Kollege Schwierigkeiten hatte, Linda zu kontaktieren, die als Betty Mulhollands nächste Angehörige aufgelistet war. Nachdem er wusste, dass Linda Dans Freundin war, sprach er ihn an.
Linda war alles andere als begeistert, ihre Mutter besuchen zu müssen. Sie erklärte, dass sie sich nie besonders nahe gestanden hätten. »Ich habe sie seit fast zwei Jahren nicht gesehen.«
Dan hatte ein enges Verhältnis zu seiner Familie und konnte das kaum nachvollziehen. Er vermochte sich nicht vorzustellen, sich so heftig mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder zu streiten, dass er zwei Jahre lang nicht mit ihnen reden wollte.
»Wenn du willst, komme ich mit, Linda«, bot er an und bereute schon, dass er ihr überhaupt von der Einlieferung ihrer Mutter erzählt hatte.
Linda zögerte, doch schließlich willigte sie ein. »Dann siehst du eben jetzt schon, wo ich herkomme«, meinte sie resigniert.
Dan erkannte binnen zehn Sekunden im Krankenzimmer, dass Betty Mulholland an Delirium tremens litt. Sobald Linda einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, fing sie an, sich bitterlich zu beschweren.
»Jetzt, wo du dir einen reichen Arzt geangelt hast, bist du dir wohl zu fein dazu, deine Mutter zu besuchen.« Ihre nikotinverfärbten Finger zitterten, während sie an den Laken ihres Krankenhausbetts herumknoteten.
Aus Lindas feindlicher Miene schloss Dan, dass ihr diese Situation nicht neu war. Auf einmal verstand er ihre Aversion gegen Alkohol.
Betty war wahrscheinlich einst so hübsch wie ihre Tochter gewesen, aber Alkohol und Verbitterung hatten alle Spuren davon fortgewischt. Ihr Körper war nur mehr eine dürre Hülle, sie war vorzeitig gealtert, der Ausdruck in ihren Augen war hart, und sie war neidisch auf ihre Tochter. Sie musterte Dan von oben bis unten, so dass dieser an eine Gottesanbeterin denken musste, die das Männchen inspiziert, bevor sie ihm den Kopf abbeißt. »Ich habe es dir immer gesagt: Dein einziges Kapital ist dein Aussehen«, höhnte sie. »Ganz bestimmt ist es nicht deine Intelligenz!«
Dan warf Linda einen verunsicherten Blick zu. Sie hatte ein teilnahmsloses Gesicht aufgesetzt, als sei sie es gewöhnt, ihre Mutter und deren Boshaftigkeit auszublenden.
Betty fuhr gehässig fort: »Sie ist dumm wie ein Stück Brot, wissen Sie. Immer Klassenletzte. Die Fünfte musste sie gleich zwei Mal wiederholen! Nie einen Abschluss gemacht.« Sie lachte zittrig. »Das zumindest habe ich geschafft. Du kannst über mich sagen, was du willst, Miss Supertoll, aber zumindest bin ich nicht blöd!«
Linda schob sich an Dan vorbei und stürzte aus dem Zimmer.
Dan starrte Lindas Mutter an. Er konnte nicht glauben, dass eine Mutter so mit ihrem Kind sprach.
Langsam trat er auf das Bett zu. Er stützte seine Hände rechts und links neben Bettys dürren Beinen auf das Laken, schob seinen Kopf bis auf wenige Zentimeter an ihr Gesicht heran und knurrte: »Hören Sie mir gut zu, Sie verrückte alte Hexe. Wenn Sie noch ein Mal auch nur in Lindas Richtung spucken, werde ich mir persönlich vornehmen, Ihnen das Leben zur Hölle zu machen!«
Betty schrumpfte in ihrem Bett zusammen. »Sie … Sie können mir nicht drohen!«, krächzte sie verunsichert. »Dafür wird man Sie feuern! Ich … ich sorge dafür, dass man Ihnen die Zulassung entzieht! Schwester!«, fing sie an, zu kreischen. »Schwester! Hier ist ein Verrückter in meinem Zimmer! Hilfe!«
Dan kannte die Schwestern auf diesem Stockwerk. Sie hatten erwähnt, dass Betty Mulholland einen Großteil des Tages damit verbrachte, herumzuschreien und das Personal zu beschimpfen. Er erwartete nicht, dass sie dieser Patientin schnell zu Hilfe eilten. Er richtete sich auf und wartete. Als Betty kurz Luft holen musste, nützte er die Gelegenheit und sagte: »Ich hoffe, wir verstehen uns, Mrs. Mulholland. Hoffentlich begegnen wir einander nie wieder!«
Als er aus dem Zimmer ging, fing Betty wieder an, lauthals zu zetern, und benutzte Ausdrücke, bei denen jeder Hafenarbeiter errötet wäre.
Linda hatte auf dem Parkplatz an Dans Auto gelehnt gewartet, die Arme um die Taille geschlungen und die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Dans Herz zog sich zusammen, als er ihre eingezogenen Schultern sah, die den Eindruck vermittelten, als würde sie einen Schlag erwarten. »Alles in Ordnung?«, fragte er und blieb vor ihr stehen, so dass sie zwischen ihm und dem Wagen gefangen war.
Sie zuckte mit den Schultern und blickte in die Ferne. »Tut mir leid«, sagte sie steif. »Ich weiß nicht, warum ich dich mitgenommen habe. Das hättest du wirklich nicht hören müssen.«
Dan brummte. »Mach dir um mich keine Gedanken. Was ist mit dir? Ist sie immer so?«
Linda blickte auf ihre Füße. »Meistens, aber ich bin es gewöhnt.« Sie sah auf ihre pinkfarbenen Fußnägel, die aus den zierlichen hochhackigen Sandalen hervorspitzten. »Was hat dich so lange aufgehalten?«
Er räusperte sich. »Ich musste ein paar Dinge mit deiner Mutter klären.«
»Klären?«
Dan zögerte. Er fand gerechtfertigt, was er zu Betty Mulholland gesagt hatte. Dennoch war er nicht gerade stolz darauf: Ein Mann seiner Größe drohte einer verdorrten alten Frau, selbst wenn sie das Mundwerk einer Hafenhure hatte. Er entschied sich für eine stark redigierte Version des Geschehens. »Ich sagte ihr, dass ich es persönlich nähme, wenn sie dich jemals wieder verletzt.«
Linda riss den Kopf mit einem Ruck hoch, so dass die silbernen Creolen an ihren Ohren gegen ihre Wangen schlugen und ihr die Sonnenbrille von der Nase rutschte. Ungläubig blickte sie Dan an. »Du hast was getan?«
Er seufzte und wischte sich mit der Hand durchs Gesicht. »Ich habe ihr gesagt, dass ich ihr das Leben zur Hölle mache, wenn sie dich jemals wieder beleidigt.« Er wagte einen vorsichtigen Blick zu Linda und fügte mürrisch hinzu: »Entschuldige, aber ich konnte nicht untätig danebenstehen, wenn sie auf diese Weise mit dir umspringt. Das verdienst du nicht.«
Linda starrte ihn an. »Tue ich das nicht?«, fragte sie mit brüchiger Stimme.
Dan hätte fast laut aufgestöhnt, als sie zu schniefen begann und Tränen über ihre Wangen kullerten. »Linda … he, es tut mir leid! Sie ist deine Mutter, aber verdammt! Ich konnte sie nicht so mit dir reden …«
Er wurde mitten im Satz unterbrochen, als Linda ihre Arme um seinen Hals schlang und ihn fast erwürgte. »Das ist das Schönste, was je jemand für mich getan hat!«, schluchzte sie ihm ins Ohr.
Auf der Heimfahrt zu ihrer winzigen Wohnung sagte Linda zögerlich: »Aber in einem Punkt hat sie recht.«
Dan blickte sie mit einem Das-meinst-du-nicht-ernst-Blick an. »In welchem?«
»Ich bin dumm.«
Er sah stirnrunzelnd auf die Straße vor sich. »Nein, bist du nicht.«
»Doch, das bin ich!«, protestierte sie. »Ich bin dumm, Dan! Ich …« Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. »Ich kann nicht lesen.«
Dan war wie vom Donner gerührt. Ihm war aufgefallen, dass Linda immer nur Zeitschriften ansah und ihn von Büchern weglockte, wenn er zufällig einmal eins aufhob. Er hatte es darauf zurückgeführt, dass sie ein quirliger, aktiver Typ war und Aktivitäten und Bewegung mochte. Linda war keine sonderlich entspannende Gefährtin, aber man hatte jede Menge Spaß mit ihr. Außerdem war sie hochintelligent, nahm viele Details an Leuten und Orten wahr und stellte jede Menge Fragen.
»Hast du viel Unterricht verpasst, als du klein warst?«, fragte er und fühlte sich, als wanderte er mit verbundenen Augen über ein Minenfeld.
»O nein!«, lachte Linda bitter auf. »Wir sind zwar oft umgezogen, aber Betty schickte mich immer zur Schule. Das war die Zeit, in der sie trank.«
»Aber du kannst nicht lesen?«
Eine Weile schaute sie aus dem Fenster. »Ich kann nur kurze Zeit lesen. Wenn ich es zu lange mache, wird mir schwindelig, und die Worte hüpfen auf der Seite herum. Bis zur Fünften war ich wirklich gut in der Schule, weil ich es irgendwie ausgleichen konnte. Ich habe dreimal solange wie die anderen für die Hausaufgaben gebraucht, aber ich habe mich dazu gezwungen. Ich war lieber in meinem Zimmer anstatt unten, wo ich Bettys Gelalle und Gefluche anhören musste.«
Lisa schwieg so lange, dass Dan schon dachte, sie hätte zu Ende erzählt. »Als ich in die Fünfte kam, zog ein Freund von Betty bei uns ein. Sie haben die ganze Zeit gestritten, und es war so schlimm, dass ich nicht einmal in meinem Zimmer Ruhe hatte, und so …« Sie zuckte mit den Schultern. »Meine Noten fielen in den Keller, und ich wiederholte die Fünfte wieder und wieder und wieder.«
Dan umklammerte das Lenkrad und wünschte, es wäre Betty Mulhollands dürrer Hals. »Linda«, begann er vorsichtig, »was du da beschreibst, klingt wie Legasthenie.«
Sie zuckte zusammen und keifte: »Ich weiß, wie es heißt, Dan.«
»Viele berühmte, erfolgreiche Leute …«
»Ja, ja, ich habe von ihnen gehört. Thomas Edison, Albert Einstein, Leonardo da Vinci, Alexander Graham Bell, Walt Disney.« Linda funkelte ihn an. »Wenn ich das verdammte Telefon erfinden oder ein Remake von Schneewittchen produzieren wollte, würde mir das echt helfen!« Sie wandte sich ab und blickte aus dem Fenster. »Ich wäre schon froh, wenn ich rechts von links unterscheiden könnte, ohne auf einen Trick zurückgreifen zu müssen.«
»Was für ein Trick?«
Linda seufzte und streckte die Hände aus. »Weißt du, wie ich mir links und rechts merke?« Sie neigte den Kopf und lächelte ihn bitter an.
Dan schüttelte den Kopf.
Sie hob die linke Hand. »Links trage ich die Uhr, und mit der rechten Hand schreibe ich.« Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu. »Ach, und übrigens kann ich die Uhr nicht lesen. Ich trage sie nur zum Schein. Das ist der Grund, warum ich immer zu spät komme.«
Selbst wenn Dan nicht vollkommen in Linda verschossen gewesen wäre, hätte er nach dieser Eröffnung nicht Schluss machen können, so wie sie es erwartete. Er war von Natur aus der Typ »Retter«. Als Kind hatte er herrenlose Hunde und verletzte Vögel nach Hause gebracht. In der Schule hatte er immer versucht, die kleinsten und unbeliebtesten Kinder in die Spiele zu integrieren. Seine Eltern waren nicht überrascht gewesen, als er sich für eine medizinische Laufbahn entschied.
»Ja, Arzt oder Missionar«, hatte sein jüngerer Bruder Glenn gesagt, als Dan sich für einen Studienplatz an der medizinischen Fakultät bewarb. »Nur das Alkoholverbot wäre vielleicht zum Problem geworden, wenn er sich für die Missionarstätigkeit entschieden hätte. Und wenn er zwischen Nonnen und Krankenschwestern wählen müsste, würden die Krankenschwestern eindeutig gewinnen.«
Ihre Mutter Molly, die regelmäßig in die kleine katholische Kirche am Ort ging, hatte empfindlich auf die respektlosen Kommentare ihres jüngeren Sohns reagiert: »Missionare leisten wunderbare Arbeit an Orten auf dieser Welt, an denen große Schwierigkeiten herrschen!«
»Ich bin mir sicher, dass Dan die Arbeit als Missionar gründlich in Erwägung gezogen hat, Mom«, antwortete Glenn mit ernster Miene.
»Glenn«, knurrte Kell Brogan seinen Sohn warnend an. Auch er bemühte sich um ein ernstes Gesicht, während Molly Brogan misstrauisch von einem zum anderen blickte und fragte: »Was? Was?«
Lindas Erziehung hätte sich kaum stärker von Dans unterscheiden können. Betty Mulhollands »fürsorgliche Liebe« und Lindas wachsendes Gefühl des Scheiterns aufgrund ihrer Legasthenie hatten sie eine Härte entwickeln lassen, die nicht immer attraktiv war. Ihr natürliches Misstrauen gegenüber Menschen machte sie austauschbar, wenn sie nicht nach ihren Regeln spielen wollten.
Dan hatte ihr von Anfang an klipp und klar gesagt, dass er nicht mehr als zwei Personen in einer Beziehung duldete. »Wenn du mich betrügst oder anlügst, bist du mich los. Hast du das verstanden?«
»Ich verstehe«, bestätigte Linda langsam. »Aber kann ich im Gegenzug das Gleiche von dir erwarten?«
»Absolut.«
Er wusste, dass es wider ihren natürlichen Instinkt war, aber sie wollte ihm so gern glauben. Dan gab Linda den Halt, nach dem sie ihr ganzes Leben gesucht hatte.
»Ich riskiere doch nicht das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist, Dan«, versicherte sie ihm und ließ sich umarmen. »Ich liebe dich.«
Dan war so verliebt in Linda gewesen, dass es ihm das Herz gebrochen hätte, sie stehen zu lassen, wie er so resolut angedroht hatte. Mehrere seiner Freunde versuchten ihm auszureden, Linda zu heiraten. Luke, ein Freund aus dem Krankenhaus, warnte ihn vor ihr. »Linda Mulholland bringt Unheil, Dan. Sie hat es im Umkreis von zwanzig Meilen bei allen Assistenzärzten probiert und ist wild entschlossen, einen von ihnen zu heiraten.«
Dan ignorierte Luke, war aber erschüttert, als seine Mutter mit ihren strengen religiösen Ansichten ihn fragte, warum sie nicht erst einmal eine Weile zusammenlebten, bevor sie heirateten. »Das machen heute schließlich alle so«, war ihre Erklärung.
Lindas Einführung in die Familie war nicht sonderlich erfolgreich verlaufen. Ihre abwehrende Haltung, kombiniert mit gesteigerter Nervosität, weil sie ihre zukünftigen Schwiegereltern traf, ließen sie spröde und kaltherzig erscheinen. Die Brogans bekamen die einnehmende, lustige, liebevolle Frau nie zu sehen, die Dan kannte.
»Sie ist sehr hübsch«, bemerkte Kell.
»Sie ist sehr groß«, bemühte sich Molly.
»Schlaf mit ihr, aber heirate sie nicht«, riet Glenn unverblümt.
Die beiden Brüder sprachen nicht mehr miteinander bis kurz vor der Hochzeit, bei der Glenn Dans Trauzeuge war.
Linda war zutiefst verletzt und sehr nachtragend. »Deine Familie mag mich nicht.«
»Sie kennen dich nicht«, entgegnete Dan. »Gib ihnen eine Chance.«
Sie heirateten sechs Monate, nachdem sie sich kennengelernt hatten. Betty Mulholland wurde nicht eingeladen.
Alle waren sich darin einig, dass Linda eine atemberaubend hübsche Braut war, in ihrem Hochzeitskleid aus elfenbeinfarbener Spitze mit einem langen hauchdünnen Schleier, der an einem kleinen Satinhäubchen befestigt war, das auf ihrem strahlend schwarzen Haar saß. Dan hatte das Kleid bezahlt, weil Linda sich in es verliebt hatte und es sich nicht leisten konnte.
Sie genoss es, mit einem Arzt verheiratet zu sein. Sie gab ihre Arbeit im Nagelstudio auf und schrieb sich für Kurse in Erwachsenenbildung ein, die sie nie zu Ende führte. Dan machte den Fehler, herauszufinden, dass es viele anerkannte Kurse für Legastheniker in ihrer Gegend gab.
»Ich mache keinen dieser dämlichen Kurse mehr!«, schrie Linda. »Ich habe sie alle mindestens zwei Mal probiert, und sie bringen nichts. Sie bringen überhaupt nichts!«
»Aber Linda, du kannst nicht schon alle versucht haben«, beharrte Dan. »Was ist mit der Irlen-Methode?«
»Ach, großartig! Ist das die, bei der man eine affige Brille mit bunten Gläsern aufsetzt?«
»Wen interessiert, wie du aussiehst, wenn du damit lesen und schreiben kannst?«, schrie Dan zurück, dem schließlich der Geduldsfaden riss.
Linda brach in Tränen aus. »Bitte nicht schreien! Bitte schrei mich nicht an!«
Betty hatte ihr so gründlich eingeimpft, dass ihr Aussehen ihr einziges Kapital war, dass Dan genauso gut in Zulu mit ihr hätte sprechen können. Sie verstand ihn nicht. Sie fürchtete so sehr, dumm oder unattraktiv auszusehen, dass an eine Brille nicht zu denken war. Sie war überzeugt, dass man sie einzig wegen ihres Aussehens lieben konnte.
Dan lernte, mit Lindas Legasthenie umzugehen. Er las alles, was er zu diesem Thema finden konnte, und sein Frust steigerte sich, weil er mehr und mehr zu der Überzeugung gelangte, dass ihr Problem sich beheben ließe. Bei Linda fehlte es nicht an Begabung, es fehlte am Willen. Aber er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er diese lebenslange Gewohnheit und Überzeugung durchbrechen sollte. Er kaufte ihr eine wasserdichte Digitaluhr, die sie nie abzunehmen brauchte, damit sie immer wusste, wo links und rechts ist. Er sorgte dafür, dass sie stets ihr Handy bei sich trug, damit er sie anrufen und an ihre Termine erinnern konnte. Mit der Zeit mutierte er vom Ehemann zum Papa.
Nach einem Ehejahr hatte Lisa langsam erkannt, dass das Dasein als Arztgattin viele Stunden in Einsamkeit und nächtliche Störungen durch Telefonanrufe bedeutete, wenn Dan zu einem Notfall ins Krankenhaus gerufen wurde.
»Ich sehe dich überhaupt nicht mehr!«, beklagte sie sich. »Ich langweile mich zu Tode!«
»Was hast du erwartet, Linda?«, gab Dan zurück. »Als du mich geheiratet hast, hast du die Arbeit mit geheiratet. Uns gibt es nur im Doppelpack.«
Als er vorschlug, Kinder zu haben, sah sie ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Du willst, dass ich den ganzen Tag allein mit einem Baby
