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Bis zum Mittelalter galt das Kap an der Westküste Spaniens als der Ort, wo die Welt zu Ende war. Nicht umsonst gab man ihm den Namen Fisterra oder Finisterre.Die Pilgerreise über den Jakobsweg endet dort an einem Leuchtturm, dem Wegweiser und Symbol des Ankommens. Gerade 60 geworden, beschließt der Autor, sich auf den langen Marsch zu begeben. Insgesamt 1000 km über die Pyrenäen nach Santiago de Compostela, weiter nach Fisterra und sogar bis Muxia. Begeisternd und unterhaltsam erzählt er von seinem Pilgerleben und gibt vielerlei Tipps und Anregungen. Er berichtet von erstaunlichen Dingen und kleinen Wundern am Rande, die ihn immer wieder in den Bann ziehen, beschreibt Landschaften von beispielloser Schönheit, erzählt von den vielen Begegnungen mit Menschen aus aller Herren Länder. Eine bezaubernde Lektüre für alle, die mehr über den Jakobsweg wissen wollen. Nicht auszuschließen, dass sie sogar zum Aufbruch ans Ende der Welt verführt. Gerhard Jansen, 1947 geboren, lebt und arbeitet in Mönchengladbach
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2008
Gerhard Jansen
Einfach Hin und Weg
Auf dem Jakobsweg bis ans Ende der Welt
Für B.
Holzstatue des Heiligen Jakob
Fragen über Fragen
Als ich im März 2007 auf einer Feier anlässlich meines 60. Geburtstages meinen Freunden eröffnete, dass ich mich auf die große Reise nach Santiago de Compostela machen wollte, gab es jede Menge Kommentare.
Von „Ach, das ist ja toll! Nimmst Du mich mit?“ über „Bist Du verrückt?! Weißt Du eigentlich wie viele Kilometer das sind?!“ bis hin zum salbungsvollen „Geh den Weg! Du wirst als ein vollständig anderer Mensch zurückkommen!“ Auf meinen Einwurf, ob das denn wirklich nötig sei, wurde mein Gegenüber etwas unsicher, blieb mir die Antwort jedoch schuldig.
Die am häufigsten gestellte Frage war schlicht: „Warum machst Du das?“
Ich hatte, obwohl ich sie mir natürlich oft schon selbst gestellt hatte, auf Anhieb keine Antwort bereit.
Weil Hape Kerkeling das auch gemacht hat? Nein!
Ich habe den Jakobsweg seit 10 Jahren im Kopf, als Hape vielleicht noch nicht einmal davon geträumt hat, irgendwann mal eben weg zu sein.
Weil das im Moment alle machen möchten? Nein!
Ich bin immer gegen den Fluss geschwommen und habe nie das gemacht was alle machen.
Religiöse Motive? Nein!
Ich bin zwar kein Atheist, würde aber nie hunderte von Kilometern laufen, um von allen Sünden freigesprochen zu werden.
Es reichten ja noch nicht einmal tausend!
Also warum?
Ganz einfach: weil ich es will!!
Ich möchte Ruhe und Zeit für mich selbst haben. Alleine!
Ich möchte sehen, was passiert, wenn ich bis an die Grenzen meiner körperlichen Belastbarkeit gehe.
Ich möchte durch schöne, reizvolle und unbekannte Landschaften wandern und spazieren gehen. Wandern als Selbsterfahrung, die Seele baumeln lassen.
Ich möchte neue Leute kennen lernen und meinen Horizont erweitern.
Ich bin neugierig auf das, was mich erwartet.
Ich erwarte nichts und lasse mich überraschen.
Letzteres ist bestimmt die beste Voraussetzung für einen „Buen Camino“.
Mönchengladbach, im Mai 2007
19.05.2007 MG – Aachen – Brüssel – Paris – Bayonne
In aller Herrgottsfrühe werde ich wach.
Ich habe schlecht geschlafen, bleibe noch ein wenig liegen und grübel ein paar Minuten vor mich hin.
Auf diesen Moment habe ich lange gewartet! Endlich geht’s los. Ich mache mich auf den Weg nach Santiago de Compostela über den Jakobsweg.
Seit Wochen und Monaten habe ich geträumt und geplant. Reiseberichte studiert, die mich aber auch nicht viel weiter gebracht haben. Ich habe keine Ahnung, was auf mich zukommt.
Nervosität macht sich breit und das Herz klopft, der Situation entsprechend, ein paar Takte schneller. Bammel vor der gewaltigen Strecke. Na klar, fast 1000 km sind kein Pappenstiel.
Angst? Nein, wenn überhaupt dann spüre ich eine gesunde Anspannung und einen gewissen Respekt vor der Strecke.
Natürlich habe ich vorher geübt. Anfänglich Spaziergänge im Wickrather Wald, dann stramme Wanderungen entlang der Niers bis Schloss Rheydt und zurück. Schließlich Einlaufen der neuen Wanderschuhe und unter Mitnahme des Gepäcks im Rucksack ein Dreitagesmarsch rund um Mönchengladbach. Der letzte Tag endete bei einem Pensum von etwa 40 km. Danach wurden Blasen verpflegt, verspannte Muskeln behandelt und eine Ruhepause eingelegt. Zeit, um neue Zweifel und merkwürdige Gedanken aufkeimen zu lassen……..
Muss es denn wirklich der ganze Camino sein? Nein, er muss es nicht sein, aber ich möchte ihn von Anfang bis zum Ende gehen. Keiner zwingt mich. Also weg mit den merkwürdigen Gedanken ab in die Tonne. Der Inhalt der Tonne verfolgte mich schon nach wenigen Tagen, wurde noch manche Stunde zum Begleiter!
Um 9 Uhr morgens schultere ich Rucksack und Brotbeutel.
Natürlich viel zu viel Gepäck. 11 kg Rucksack und 5 kg im Ranzen inklusive frisch gebackener Frikadellen. Bevor der Marsch am Montag richtig losgeht, muss ich bestimmt noch einmal ausmisten. 16 kg Gepäck über die Pyrenäen und weiter zu schleppen ist ohne Zweifel zu viel.
Brigitte, seit fast 35 Jahren meine Frau, bringt mich auf ihren Wunsch hin bis Aachen. Beim Abschied ein paar Tränchen und stilles Verstehen. Ich hoffe, sie kommt einige Wochen ohne mich aus, lernt, eine Zeit lang ohne mich zu leben. Ein wenig Abstand wird unserer Beziehung vielleicht gut tun.
Über Lüttich und Brüssel fährt der Zug nach Paris. Im Nordbahnhof steige ich aus, fahre rüber zum Bahnhof Montparnasse mit der U-Bahn. Das ist die erste Prüfung: Wanderung mit vollem Gepäck durch endlose unterirdische Gänge, die immer tiefer führen. Gutes Training…..
Ich besiege die aufkommende Platzangst. Weiter geht’s im TGV über Bordeaux nach Bayonne. Ankunft gegen 20.30 Uhr.
Direkt neben dem Bahnhof liegt das Hotel „Paris – Madrid“. Ich bekomme das letzte noch freie Zimmer, simpel aber sauber für € 28.- mit Frühstück.
Kurzer Spaziergang durch die Stadt und danach ab ins Bett. Morgen früh geht der Zug um 8.30 Uhr Richtung St.-Jean-Pied-de-Port zum Ausgangspunkt der Reise.
Der erste Tag war gut!
20.05.2007 St.-Jean-Pied-de-Port
In St.-Jean-Pied-de-Port verlassen ca. 20 Leute den Zug, davon 15 Männer und Frauen, die sich bestimmt nach Santiago aufmachen. Wenn denn die großen Rucksäcke auf den Rücken den Pilger ausmachen.
Alle laufen in Richtung Altstadt, um sich anzumelden und ein-zutragen.
Im Zug habe ich Renée, eine Amerikanerin, und Cameron, einen Australier, getroffen und zusammen gehen wir ins Pilgerbüro. Kurzes Formular ausfüllen und wir bekommen den Pilgerpass, kaufen eine Muschel dazu, die wir an den Rucksack binden, und schon haben wir den offiziellen Pilgerstatus, der Krankenhäuser, Polizei und sämtliche Behörden anweist, uns bei eventuellen Schwierigkeiten zu helfen.
Im Refugium oder in einer der Pilgerherbergen möchte ich nicht übernachten. Es wimmelt nur so von Leuten auf den Straßen, heute etwa 250 an der Zahl, die entweder aufbrechen oder zurückkommen. Satzfetzen in zahlreichen Sprachen und Dialekten klingen in den Ohren und alles ist „very interesting.“ Der Aussi, Renée und ich werden gefragt, wo wir herkommen und was wir machen. Als Cameron den Beruf eines Fruitpickers angibt, erklingt ein allgemeines „oh God“ und „how interesting“ als wäre es nicht die normalste Sache der Welt, einen leibhaftigen Obstpflücker vor sich zu sehen. Jeder versucht über jeden etwas raus zu finden und das geht mir gewaltig gegen den Strich.
Ich setze mich ab und finde in einem Privathaus ein Einzelzimmer. Kostet € 40.-. Mit 5 Personen teilen wir uns ein Bad. Ein kleines Loch, zwar sauber, aber eigentlich vollkommen überteuert. Ein wenig beschleicht mich das Gefühl, dass der Camino in St-Jean-Piedde-Port kommerziell vermarktet wird und den Pilgern das Geld auf jede Art und Weise aus der Tasche gezogen wird. Bin mal gespannt, wie es weiter geht.
Den Rest des Tages nutze ich noch für einen Spaziergang und genieße die Altstadt und die schöne Landschaft. Kaum genieße ich, fängt es an zu gießen und in wenigen Augenblicken sind Berge und Landschaft in Nebel und Grau verschwunden. Es gießt und gießt und bei meiner Frage im Pilgerbüro, wie es denn morgen wohl aussieht, bekomme ich die Antwort, ich könne morgen bei diesem Nebel nicht über die Pyrenäen wandern, sondern solle lieber die Straße und eventuell einen unteren Weg nehmen.
In der Kirche zünde ich eine große Kerze an, denke an meine Mutter, die heute vor 5 Jahren starb, denke an meinen Vater, an Brigitte und viele andere, die mir lieb sind. Ich bitte den lieben Gott um seinen Segen und fange irgendwann an zu weinen. Der anschließende Gang über den Friedhof tut gut und beruhigt. Hatte mir doch schon am Vormittag einer der ehrenamtlichen Helfer auf meine Frage nach dem Wetter gesagt: „Machen Sie sich keine Sorgen! Ab jetzt sind Sie Pilger und Sie müssen Gottvertrauen haben. Er passt schon auf Sie auf!“
Also gut, ich vertrau dem lieben Gott, lege mich ins Bett und hoffe, dass ich gut schlafe. Morgen früh ist um 6.30 Uhr wecken und eine Stunde später Aufbruch zur ersten großen Etappe. Die schwierigste auf der ganzen Strecke, wie man berichtet. 29 km bergauf und bergab, meist jedoch bergauf. Hoffentlich bei besserem Wetter.
Ich hab Gottvertrauen!!
21.05.2007 St.-Jean-Pied-de-Port – Roncesvalles
Trotz Einzelzimmer kann ich nicht schlafen. Morgens um 4 Uhr ist mir so übel, dass ich ernsthaft überlege, alles hinzuschmeißen und wieder nach Hause zu fahren. Von der gestrigen Euphorie ist nichts, aber auch nichts geblieben.
Zwei Stunden später stehe ich auf, zerschlagen und mit Kopf- und Magenschmerzen. Doch Reise- oder Wanderfieber? Für den Kopf sind 800 km wohl doch eine Menge Holz und müssen erst einmal verarbeitet werden. Das hat meiner anscheinend noch nicht so richtig getan. Also muss ich ihm noch ein paar Mal erzählen, dass es gar nicht sooo schlimm ist.
Nach einer Scheibe Toast und einem Orangensaft schnalle ich den Rucksack auf den Buckel, lege den Brotbeutel um den Hals und ziehe einfach los. Mit schlotternden Knien.
Ich bin heilfroh, dass Renée mich am Vorabend gefragt hatte, ob wir nicht zusammen die erste Etappe laufen könnten. Eigentlich wollte ich alleine gehen, aber jetzt bin ich erleichtert, dass sie mitkommt, und das sage ich ihr auch.
Trotz des schlechten Wetters mit Wolken bis ins Tal gehen viele den Kletterweg über die Pyrenäen.
Über die Straße ist es etwas leichter, aber auch weiter. Auf dem Berg beträgt die Sicht keine 5 m, und mir ist es einfach zu gefährlich. Um nichts zu übertreiben, nehmen wir den Straßenweg nach Roncesvalles. Und der vermeintlich einfachere Weg kommt meinem Zustand entgegen.
Um 7.30 Uhr brechen wir auf. Wir wandern durch das „Spanische Tor“ aus der Stadt, dem Tor, durch das schon seit Jahrhunderten die Pilger in Richtung Santiago ziehen. Ein tolles Gefühl, auch wenn es mir gar nicht so toll geht. Ich bin von Anfang an ziemlich groggy nach der katastrophalen Nacht. Gott sei Dank hat es in der Zwischenzeit aufgehört zu regnen.
Der Weg führt über die Straße, zum Teil auf Nebenwegen durch wunderschöne Landschaften. Es geht bergauf und bergab. Nach drei Stunden kommt die erste Krise. Feuchte Hände und Gleichgewichtsstörungen, als ob ich zu viel, viel zu viel Alkohol getrunken hätte. Ich sehe nur noch verschwommen und habe einen Drall, der mich immer wieder nach rechts haut. Ich kann mich kaum noch aufrecht halten und dann reißt es mir die Beine weg. Das ist mir im Leben noch nicht passiert. Ich brauche dringend eine Pause.
Renée packt Brot, Käse und Honig aus, dazu noch ein paar Nüsse. Von mir gibt es Müsliriegel und einen Apfel. Nach der Stärkung geht es etwas besser und nach weiteren zwei Stunden ist der Spuk vorbei.
Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich Angst hatte, einen Schlaganfall bekommen zu haben.
Grundlose Sorgen? Nach der Rückkehr konnte mir kein Arzt eine genaue Diagnose geben. Kreislaufstörungen waren eine Möglichkeit. Auf jeden Fall war es sehr, sehr unangenehm.
Bin ich heilfroh, dass ich an diesem Tag nicht alleine losgezogen bin!
Die letzten 10 Kilometer geht’s nur noch bergauf. Der Rucksack drückt auf die Schultern und wird immer schwerer.
An einer Abzweigung treffen wir Christian aus der Schweiz, Sarah aus Italien und Christina aus Spanien. Wir laufen zusammen weiter und beschließen, eine angezeigte Abkürzung zu gehen über einen schmalen Pfad im Wald. Nach 2 km wird es derart nebelig und der Boden so matschig, dass wir uns entschließen, wieder zur Straße zurückzugehen. Sarah, die aussieht wie 17, aber 32 Jahre alt ist, ist mit den Kräften am Ende. Ich glaube, sie schleppt auch mehr als 20 kg Gepäck mit. Gemeinsam ziehen wir sie durch. Die Straße ist ziemlich unübersichtlich.
Die Sicht beträgt nur 20 m und die Lastwagen kommen gefährlich nahe. Mehr als einmal halte ich meine rote Trinkflasche als Warnanzeiger raus.
Nach 9 Stunden erreichen wir die Passhöhe und wenig später die Abtei von Roncesvalles.
Es gibt hier zwei Pensionen, Einzelzimmer kosten € 60.- – 120.- pro Nacht. Das sprengt nicht nur mein Budget, sondern es ist wohl auch nicht Sinn der Sache, auf einer Pilgerreise so viel Geld auszugeben. Also heute kein Einzelzimmer, sondern ein Bett in einem riesigen Saal für 120 Personen: 3 lange Reihen mit Doppelstockbetten, eines neben dem anderen. Männlein und Weiblein dicht zusammen. Schlafraum in einer alten, ausgedienten Kirche. Trotz des allgemeinen Gewusels eine tolle Atmosphäre.
Um 19 Uhr haben wir uns zum Essen angemeldet: 3 Gang Menu mit Eintopf, Forelle mit Fritten, als Dessert Joghurt, Wasser und Wein inklusive. Und das alles für nur € 8.-.
Anschließend ist Messe in der Abtei. Eindrucksvoll und mit Segnung der Pilger, jeweils in ihrer Landessprache. Der Gottesdienst wird in Spanisch gehalten. Kaum jemand versteht ein Wort, aber es ist feierlich und sehr ergreifend.
Nach der Messe hoch mit den Füßen. Zwei Stunden lang war ich fix und fertig, dann habe ich mich etwas erholt. Am Ende froh, doch losgezogen zu sein und es geschafft zu haben.
Ganz ehrlich: heute früh hatte ich nicht damit gerechnet!
Ich bin stolz und glücklich. Und morgen kommt die Fortsetzung.
22.05.2007 Roncesvalles – Zubiri – Larrasoana
Was gab es gestern Abend zum Essen? Als Suppe Eintopf von dicken roten Bohnen. Und das bei mehr als 120 Personen in einem Raum. Eigentlich bin ich überrascht. Es ist gar nicht so unangenehm und laut, wie ich befürchtet hatte. Einige Schnarcher, aber nicht so störend. Trotz der Ruhe, die meisten pennen vor Erschöpfung sofort, schlafe ich vor lauter „Weiterwandern“ erst gegen 4 Uhr ein. Wecken ist mit durchdringenden gregorianischen Gesängen von der CD um 6 Uhr. Für alle Leute sind nur jeweils 6 Toiletten, Duschen und Waschbecken vorhanden. Also heißt es brav anstellen. Frühstück gibt es nicht in der Herberge, einen Laden auch nicht. Zwei Müsliriegel müssen reichen, dazu ein Schluck aus der Wasserflasche. Kaffee kann man sich zwar kochen, aber den trink ich ja nicht.
Um 7 Uhr ist Aufbruch. Wir ziehen mit der Clique vom Vortag bis nach Burgete, etwa 4 km und frühstücken erst einmal anständig mit Brot, Omelette, Saft und Kuchen. Dann geht jeder weiter so wie er will. Mal zusammen, mal getrennt, mal schweigend, mal erzählend.
Eigentlich will ich bis Zubiri, das sind 24 km. Es geht die Hügel rauf und runter durch die vorgelagerten Pyrenäen. Nicht mehr ganz so steil wie gestern, aber noch steil genug, um Beine und Füße zu spüren. Das Wetter wird besser und es klart auf. Angenehmes Laufen.
In Roncesvalles war es morgens nebelig und 7° kalt und 3 Stunden später scheint endlich die Sonne. Herrliche Landschaften, ein dunkles, sattes Grün, das Augen und Seele gut tut. Trotz wenig Schlaf bin ich prima auf den Beinen. Kein Schwindelgefühl oder andere Macken.
Ich mache des öfteren Pause, setze mich in die fetten Wiesen und beobachte die Milane über mir, die mich schon seit gestern begleiten. Es blüht und duftet überall. Der Weg führt durch Wiesen, Hügel, Felder und Wälder. Einfach nur schön.
Gegen 3 Uhr bin ich in Zubiri, wo ein Teil der Gruppe auf mich wartet. Wir gehen 5 km weiter bis nach Larrosoana. Die Unterkunft soll laut Reiseführer besser sein als die in Zubiri, und wir haben dann morgen nur noch 16 km bis Pamplona, also entsprechend mehr Zeit, um uns die Stadt anzusehen.
Nach fast 30 km tun die Füße weh. Die Sonne scheint warm vom Himmel. Morgen muss ich unbedingt Sonnencreme auftragen. Endlich kommt die Herberge in Sicht. Diesmal nur 50 Betten auf 2 Etagen. Ich nehme eine Dusche, eine warme Dusche und erkenne, was das bedeutet! Erst auf dem Camino lernt man Dinge schätzen, die vorher völlig normal sind: eine heiße Dusche ist ein himmlisches Vergnügen.
Und dann marschieren wir alle zusammen in die Dorfkneipe und trinken ein großes Glas Bier. Köstlich! Abendessen ebenfalls in der Kneipe mit 3 Gang Menu und Rotwein. Und dann geht es ab ins Bett.
Bisher zwei wunderschöne Tage mit vielen Eindrücken und Erlebnissen.
Nach etwa 55 km an diesen beiden Tagen spüre ich, dass ich es schaffen werde. Ich denke nicht an Santiago de Compostela, sondern heute allenfalls an morgen. Und morgen ist Pamplona und dann schaue ich weiter.
Ich schaffe das. Alles wird gut.
23.05.2007 Larrosoana – Pamplona
Die Wäsche vom Vortag will einfach nicht trocken werden. Zum Teil wickele ich sie in mein Handtuch und verstaue sie im Rucksack. Die Strümpfe und die Unterhose befestige ich mit Sicherheitsnadeln auf dem Rucksack, möglichst mit Blick in die Sonne.
Um 5.30 Uhr ist Schluss mit Nachtruhe in der Herberge. Spätestens dann werden die ersten munter, stehen auf, rascheln mit Plastiktüten und fangen an zusammenzupacken. Ohnehin muss man bis um 8 Uhr räumen. Die meist ehrenamtlichen Helfer reinigen nach Abreise der Gäste Sanitär- und Schlafräume und ein paar Stunden später stehen schon die Neuen vor der Tür.
Außerdem gilt die Reservierung nur für eine Nacht. Krankheiten müssen vom Arzt bescheinigt werden, ansonsten heißt es weiterziehen bis zur nächsten Station.
In Larrosoana gibt es zwar 10 Häuser, aber keinen Bäcker oder sonstigen Laden. Wir brechen auf und wollen im nächsten Ort frühstücken. Am Ende dauert es bis Pamplona, bevor wir etwas kaufen können! Zwischendurch nichts. Ab und zu eine Quelle für frisches Wasser, aber kein Brot oder etwas zum Beißen. Ich verteile an die Mädels die restlichen Müsliriegel und den Traubenzucker und rette mehrere Menschenleben.
In sämtlichen Reiseführern ist die Rede von Flach-Etappen. Ich hab keine einzige gesehen! Hier folgt ein Hügel dem anderen. Mal steil, mal weniger steil, aber immer bergauf.
