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In Anbetracht der gewaltigen Bergkulisse wirkt der Hof auf dem Hügel recht unscheinbar. Dennoch ist weithin bekannt, dass man sich an diesem Ort große Weisheit zu eigen machen kann. Denn hier befassen sich der Meister und seine Schüler mit den spannenden Fragen des Menschseins - und stoßen dabei auf so manche überraschende Erkenntnis. Richtig entscheiden? Seine Schwächen besiegen? Weise werden? Gott begreifen? Vierundzwanzig Geschichten zum Nachdenken, Innehalten und Schmunzeln.
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2020
Abseits stark befahrener Straßen und großer Städte erwarten sich Durchreisende nichts weiter als schlichtes ländliches Dasein – verschlafene Orte, an denen die Zeit stillzustehen scheint.
Doch diese unbedachte Vorstellung zerplatzt beim Anblick des Hofs auf dem Hügel. Der Meister und seine Schüler sind nämlich Freunde des Lebens, und begeistert am Erforschen und Erleben des allgegenwärtig Überraschenden. Auf den fruchtbaren Flächen sprießt die Natur in allen Farben. Tiere und Menschen bewegen sich an den Hängen.
Verwundert nehmen die Reisenden den Hauch des Besonderen wahr, der in der Luft liegt. Und ohne es zu merken, überkommt sie die Ahnung, dass Veränderung etwas ganz anderes ist, als sie bisher dachten.
Vierundzwanzig kurze und unterhaltsame Geschichten zum Innehalten, Nachdenken und Mitbringen.
Michael-Johannes Hahn, geboren 1991, lebt und arbeitet im Gemeinschaftsprojekt PAN im Waldviertel, Österreich. Der selbständige Grafiker und Texter betrachtet sich und die Welt aus den Augen eines Gemeinschaftsmenschen – mit der Überzeugung, dass die Lösung immer im Miteinander liegt.
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MICHAEL-JOHANNES HAHN
EINFACHMENSCH SEIN
24 Geschichten über den Meister und seine Schüler
Für Elisabeth,die sich nie davor scheut,zu sagen, was wichtig ist.
© 2020 Michael-Johannes Hahn
ILLUSTRATION, UMSCHLAGBILD: Markus Becherer,
Michael-Johannes Hahn
SATZ, UMSCHLAGGESTALTUNG: Michael-Johannes Hahn
VERLAG & DRUCK: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Die Verwendung der Texte für nicht gewinnorientierte, private und karitative Zwecke ist ausdrücklich erwünscht und gestattet.
ISBN PAPERBACK: 978-3-347-14691-4
ISBN HARDCOVER: 978-3-347-14692-1
ISBN E-BOOK: 978-3-347-14693-8
INHALT
Vorwitziges Vorwort
01 Aufbruch
02 Im Fokus
03 Funkenschlag
04 Im Maßstab
05 Die Gottesanbeterin
06 Der Meister und der Esel
07 Ganz einfach
08 Zwischen den Weiden
09 Vom Kämpfen
10 Vom Lernen
11 Ein Blick in die Nacht
12 Das kostbare Messer
13 Im Labyrinth
14 Erleuchtung
15 Birnenernte
16 Alles oder nichts
17 Im dichten Nebel
18 Auf dem Scheideweg
19 Vom richtigen Zeitpunkt
20 Wahrlich verzwickt
21 Fehlerhaft?
22 Ein Frühlingsspaziergang
23 Einlassen aufs Zulassen
24 Menschsein
Nachdenkliches Nachwort
Nur das Echte zählt. Vorstellungen sind dafür da, um nicht erfüllt zu werden. Und wer ein Leben ohne Ausreden führt, ist ein weiser Mensch.
VORWITZIGES VORWORT
»Wie soll ich an dieses Buch herangehen?«,
fragte ein Leser und besah sich den schmalen Band von allen Seiten. »Ist es besser, ich lese die Geschichten nacheinander – oder kreuz und quer, nach Lust und Laune?«
»Es ist Euer Buch«, sagte der Autor freundlich. »Lest es, wie Ihr wollt – lest, wonach Euch ist. Und wenn Euch nicht danach ist, dann lest es nicht… Ihr könnt überhaupt nichts falsch machen.«
»Wenn du mir etwas mitgeben könntest, bevor ich zu lesen beginne – was wäre das?«, meinte eine Leserin.
Der Autor überlegte. »Ich würde Euch bitten: Lasst Euch Zeit«, sagte er schließlich. »Gut Ding braucht Weile, und als Erstes geht immer das verloren, was zwischen den Zeilen ist.«
Die Leserin nickte verständnisvoll. Zur Sicherheit fragte sie trotzdem nach:
»Was ist es, das zwischen den Zeilen ist?«
Ein kleines Lächeln stahl sich in die Miene des Schreibers, es schien, als ob er die Frage erhofft habe. »All das, was die Worte nur einrahmen, aber selbst nicht sind und niemals sein können«, sagte er. »Das Staunen. Der Sinn. Die Seele der Geschichte.«
»Alles klar«, sagte ein Leser, dem das Vorwort zu lang war. »Wir werden also zwischen den Zeilen auf die Suche gehen!«
Der Autor lachte voll Vorfreude. »Danke dafür! Und ich wünsch’ Euch, dass Euch das Herz beim Lesen lacht!«
01 AUFBRUCH
Einst lebte in der Hauptstadt eines mächtigen Königreichs ein junger Mensch mit wachem Verstand und scharfer Beobachtungsgabe. Ihm stand eine große Zukunft bevor, darin waren sich alle einig. »Werde Arzt!«, rieten ihm seine Eltern. »Werde Astronom!«, sagten seine Bekannten. »Werde Künstler!«, schlugen ihm seine Freunde vor.
Obwohl ihm bei jeder Gelegenheit gesagt wurde, was er werden sollte, war sich der junge Mensch nicht sicher, was er werden wollte. So schrieb er sich in sämtlichen Fächern und Lehrgängen der Universität ein und machte sich mit großem Eifer an sein Studium. Doch je mehr Zeit er damit verbrachte, sich Wissen anzueignen, desto mehr schien ihm, als könne selbst ein Ozean aus Informationen seinen Wissensdurst nicht stillen. Ihm war, als würde jeder Schluck ihn nur noch durstiger machen.
Ein alter Professor, der stiller war als seine Kollegen, sah das Ringen des jungen Menschen deutlich. Deshalb nahm er ihn eines Tages nach dem Unterricht zur Seite. »Ich weiß, dass du nicht zufrieden bist, aber nicht benennen kannst, warum«, eröffnete er ihm. »Ich kann dir sagen: Alles Wissen, das du dir in diesen Mauern aneignen kannst, wird dich nicht zufrieden machen. Denn du strebst nach etwas weit schwerer zu Fassendem: Nach Weisheit.«
»Was schlagt Ihr vor?«, fragte der junge Mensch.
»Nun«, sagte der Professor, »…diese Schule kann dir nicht geben, wonach dich verlangt. Niemand kann dir Weisheit geben. Aber ich kenne jemanden, der dich dabei unterstützen kann, sie selbst zu finden… Warte, ich zeichne dir eine Karte.« Mit Federkiel und Tusche zeichnete der Professor eine Wegbeschreibung auf ein Blatt Papier. »Hier befindet sie sich – die Schule, nach der du suchst«, sagte er. »Frag nach dem Meister. Viel Glück und eine gute Reise!«
Mit einem Packpferd, Proviant und einigen seiner Lieblingsbücher brach der junge Mensch auf.
Zwei Monate später erreichte er ein entlegenes Tal zwischen Ausläufern eines mächtigen Gebirges. Sein Proviant war aufgezehrt, das Packpferd hatte er verkaufen müssen und die wertvollen Bücher hatte man ihm gestohlen. ›Ich hoffe doch sehr, dass sich das alles auch lohnen wird‹, dachte er bei sich.
Die Schule, an die der alte Professor ihn verwiesen hatte, stellte sich als ein weitläufig angeordnetes Anwesen dar: Ein Gutshof am Talende, auf der Kuppe eines Hügels liegend, gesäumt von schroffen Felsen und den steilen Hängen umliegender Gipfel. Er sah Schafe und Esel auf den Wiesen, auf den Feldern rundum wuchs Korn und im großen Garten blühte und summte es. Offensichtlich hatten die Schüler hier einen Praxistag. Eine nicht unbeträchtliche Zahl von ihnen tummelte sich auf dem Gelände und packte fleißig an.
Der junge Mensch fragte sie nach dem Meister – und bald darauf saß er mit diesem vor dem Studierraum und erklärte ihm, beeindruckt von der großartigen Bergkulisse, die Gründe seines Hierseins.
»Arzt, Astronom oder Künstler zu sein, hat nur wenig Reiz für mich. Deshalb bin ich hier. Man sagte mir, hier finde ich heraus, was ich werden will.«
Der Meister nickte. Im Lauf der Zeit hatte so mancher Schüler zu ihm gefunden, der sein Leben als seltsam unerfüllt wahrgenommen hatte – ein Umstand, den die richtige Berufswahl allein nicht zu lösen vermochte.
»Tausende echte und selbsternannte Philosophen haben sich bereits den Kopf darüber zerbrochen, was Beruf und Berufung unterscheidet«, sagte der Meister freundlich. »Ich kann dir nur sagen, dass ersteres ohne zweiteres ziemlich deutlich am Ziel vorbeigeht.« Er lachte. »Wie Apfelkuchen ohne Äpfel. Es macht weder Sinn noch wirklich zufrieden.«
Der junge Mensch nickte. »Meine Berufung ist nicht, Arzt zu sein. Oder Künstler oder Philosoph. Das sehe ich ganz so wie Ihr. Doch was ist denn eigentlich meine Berufung?«
»Mensch zu sein!«, sagte der Meister mit Nachdruck. »Es ist einfach zu sein, doch gleichzeitig überaus schwierig zu erlernen.«
Der junge Mensch runzelte die Stirn. »Bin ich nicht schon längst Mensch?«
»Natürlich«, sagte der Meister. »Wie ein Kleinkind, das auf einen Königsthron gesetzt wird, musst du aber noch herausfinden, was das überhaupt heißt. Zum Glück haben wir dafür eine wesentlich bessere Möglichkeit gefunden, als uns bis zum Rand mit Wissen anzufüllen.« Der Meister schmunzelte.
Der junge Mensch sah sich um. »Was ist das? Was macht ihr hier?«
»Wir leben, arbeiten, forschen, entscheiden, gewinnen, verlieren, kämpfen… Genau wie jeder andere Mensch auch – mit einem winzigen, aber entscheidenden Unterschied.«
Der junge Mensch wusste nicht so recht, was er dazu sagen sollte. »Was ist es, das ihr anders macht?«, fragte er.
»Wir sind gemeinsam auf der Suche nach Erkenntnissen. Was dem Einen entgeht, das sieht der Andere. So einfach ist das.«
Unerwartet erlebte sich der junge Mensch in einem äußerst interessanten Zustand. Er war gleichzeitig sehr fasziniert und sehr enttäuscht. Er spürte das Gemeinschaftsgefühl, das diesen Ort belebte. Trotzdem hatte er sich irgendwie… mehr erwartet.
»Das Leben ist einfach«, kam ihm der Meister zu Hilfe. »Und das, obwohl es hochkomplex, anstrengend und anspruchsvoll ist.«
Der junge Mensch konnte es sich selbst nicht erklären, doch er verstand sofort, was der Meister meinte – auf eine untrügliche, seltsame Art und Weise. »Das Leben ist einfach, aber nicht leicht…«, sinnierte er.
Im Licht der untergehenden Sonne führte der Meister seinen Gast über den Hof, stellte ihm die Schüler vor, auf die sie trafen, und zeigte ihm sein Nachtlager im Besucherhaus. Beim Anblick des Bettes wurde sich der junge Mensch mit einem Schlag bewusst, wie müde er eigentlich war. Immer noch kreisten seine Gedanken um jene Worte, die sich mehr und mehr als innere Erkenntnis präsentierten: »Meine Berufung ist, Mensch zu sein.«
»Zumindest eines kann ich jetzt aus Erfahrung sagen!«, meinte er abschließend und schmunzelte. »Manchmal braucht es eine sehr weite Reise für eine kleine Erkenntnis.«
»Nicht doch, mein Lieber«, entgegnete der Meister. »Es ist eine geradezu monumentale Erkenntnis. Sie ist derart riesig, dass du viele weitere Erkenntnisse brauchen wirst, um dir die Größe ihrer Bedeutung zu erschließen. Denn sie ist nicht nur das Ergebnis einer weiten Reise, sondern auch der Anfang einer weitaus größeren.«
»Die Zeit dafür wird sein«, sagte der junge Mensch und gähnte ausgiebig. »Aber nicht mehr heute.«
Der Meister lächelte. »Ganz recht«, sagte er. »Ruh dich aus. Wir haben alle Zeit der Welt.«
02 IM FOKUS
Zur Betrachtung der Vorgänge im Weltall hatte der Meister ein Teleskop errichten lassen. Nächtliche Beobachtungen der Himmelskörper hatten es seinen Schülern schon immer angetan und waren stets der Ausgangspunkt lebhafter Diskussionen aller Art.
Auch der Meister war ein Freund des Nachthimmels. Zu seinen Bekannten gehörte ein Kreis von Gelehrten, mit denen er sich schriftlich über verschiedenste Entdeckungen austauschte. Von ihnen hatte er die Nachricht erhalten, dass wieder einmal ein besonderes Naturschauspiel bevorstand. Aus diesem Grund hatte er seine Schülerschar auf dem flachen Dach des Studienraums versammelt und die Abdeckung gelüftet. Einer nach dem anderen blickte durch das Teleskop und versuchte, den Beschreibungen des Meisters folgend, verschiedene Gestirne im All auszumachen. Das Staunen war groß, als einer von ihnen den Jupiter in seiner roten Pracht vor die Linse bekam.
»Wahnsinn«, rief er aus. »Das ist ja unglaublich! Ich habe mir aus Euren Erzählungen zwar ein Bild über diesen Planeten gemacht, aber dass er in dieser Farbenpracht strahlt und solch ein Spektakel abgibt, hätte ich nicht gedacht.«
Unruhig traten die anderen von einem Fuß auf den anderen. Sie alle hätten liebend gern den Sitzplatz an der Spiegelkonstruktion eingenommen. Doch der Schüler machte keine Anstalten, diesen aufzugeben. Nicht einmal eine Ermahnung des Meisters konnte ihn davon abbringen, die Apparatur in einem fort herumzuschwenken und über das zu plappern, was er sah.
»Nun gut«, sagte der Meister gelassen und trat zu seinen anderen Schülern. »Dann wollen wir unsere Wartezeit eben damit verbringen, uns über den persönlichen Blickwinkel zu unterhalten.«
Die Schüler murrten, aber sie hörten zu.
»Was ist Weisheit?«, fragte der Meister und schmunzelte angesichts der verblüfften Gesichter. Unter den Schülern war dies eine heiß diskutierte Frage. Doch bisher hatte sich der Meister über die Antwort stets ausgeschwiegen.
»Weisheit ist großes Wissen, sinnvoll eingesetzt«, sagte ein Schüler.
»Weise ist, vorausschauend zu handeln«, sagte ein anderer.
»Weisheit ist Lebenserfahrung und innere Reife«, sagte ein dritter.
Der Meister war mit keiner der Antworten recht zufrieden. »Aus gegebenem Anlass«, er deutete auf den Schüler, der immer noch den Himmel nach Sehenswertem absuchte, »nehmen wir die Astronomie als Beispiel. Kundigen Astronomen wird oft große Weisheit nachgesagt. Doch was ist denn eigentlich die größte Schwachstelle des Astronomen?«, fragte er die Versammelten. Keiner wusste es so recht.
»Es ist sein Fernglas«, sagte der Meister. Er zog einen Beutel mit Nüssen und getrockneten Früchten aus der Umhangtasche und verteilte diese. Nur der Sternenbeobachter ging leer aus, was milde Genugtuung hervorrief. Der Meister fuhr ungerührt fort: »Das Weltall ist riesig und je stärker das Fernglas vergrößert, desto weniger sieht man das Gesamte.«
Der Beutel mit den Früchten machte eine weitere Runde.
»Also hat Weisheit gar nichts mit Wissen zu tun?«, fragte einer der Schüler.
