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Einfach normal, so beschreibt Laura mittlerweile ihren Traummann nach drei gescheiterten Beziehungen zu ganz besonders reizenden Exemplaren der Spezies Mann. Aber kann es so schwer sein, einen normalen Mann mit klassischen Werten in der heutigen Zeit einer immer narzistischeren Gesellschaft zu finden? Laura will die Hoffnung daran einfach nicht aufgeben und ist fest entschlossen, ihren Mann fürs Leben im neuen Jahr zu finden. Sie springt dafür über ihren eigenen Schatten und erlebt bei Blind Dates, bei einer Hochzeit der etwas anderen Art und beim Online-Dating die eine oder andere Überraschung. Bei ihrer Suche erkennt Laura, dass es im Leben immer anders kommt als man denkt und man sein Glück nur findet, wenn man endlich beginnt, seinen eigenen Weg zu gehen.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Für meine wundervollen Eltern
Margret und Peter
Kapitel 1: Alle Jahre wieder
Kapitel 2: Die bisherige Ausbeute
Kapitel 3: Heiligste Nacht
Kapitel 4: Der Elfentanz
Kapitel 5: Der vermeintliche Traummann
Kapitel 6: Frohes neues Jahr
Kapitel 7: Das Hamsterrad
Kapitel 8: Das Hamsterrad
Kapitel 9: Endstation Hoffnung
Kapitel 10: Zweite Chance
Kapitel 11: Im siebten Himmel
Kapitel 12: Endlich ankommen
Kapitel 13: Aus Liebe zur Natur
Kapitel 14: Green Wedding
Kapitel 15: Vielleicht doch die Yoghurttheke
Kapitel 16: Über den eigenen Stolz springen
Kapitel 17: Der perfekte Match
Kapitel 18: Der Nächste bitte
Kapitel 19: Op Jück
Kapitel 20: Lauf, lauf, lauf
Kapitel 21: Der bekannte Unbekannte
Kapitel 22: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt
Kapitel 23: Aller guten Dinge sind drei
Kapitel 24: Die Liebe zur Musik
Kapitel 25: Märchenprinz
Kapitel 26: Liebe geht durch den Magen
Kapitel 27: Auf die Liebe
Kapitel 28: Liebestaumeln
Kapitel 29: Blindes Erwachen
Kapitel 30: Mehr Schein als Sein
Kapitel 31: Stillstand
Kapitel 32: Unverhofft kommt oft
Kapitel 33: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Kapitel 34: Neuanfang
Laura biegt langsam in die Einfahrt ein und stellt den Motor ab. Endlich zuhause. Das Haus ihrer Eltern erstrahlt wie jedes Jahr im vollen Glanze. Der Vorgarten sieht durch die vielen Lichter in den großen Sträuchern und die liebevoll mit roten Bändern verzierten Blumenkästen an den Fenstern schon von Weitem einladend aus. Die grüne Haustür ist mit dem großen Kranz aus grünen Tannenzweigen, roten Bändern und vielen kleinen Lichterketten festlich geschmückt. Laura öffnet die Autotür und ein kalter Wind weht ihr entgegen. Schnell zieht sie die Seiten ihrer Winterjacke enger zusammen und setzt die fellbesetzte Kapuze auf. Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung auf weiße Weihnachten, geht es Laura durch den Kopf. Vollbepackt mit ihrem kleinen Koffer und mehreren Taschen mit Geschenken geht Laura zum Haus. An dem unteren, kleinen Sprossenfenster neben der Eingangstür drückt sich bereits Emma, der Hund ihrer Eltern, die Schnauze platt und wartet geduldig auf ihr Eintreten. Laura schließt die Haustür auf.
»Ja, hallo, Emma. Hast du mich etwa schon gehört?« Laura setzt die Taschen ab und begrüßt den Hund, der mit dem vertrauten Schnurren seinen süßen Kopf zwischen ihre Beine drückt und vor Freude eifrig mit dem Schwanz wedelt.
»Wo sind denn Mama und Papa?«, fragt Laura leise den Hund und steuert gemeinsam mit Emma das Wohnzimmer an.
»Ist er nicht ein bisschen zu groß? Wir hätten vielleicht doch den anderen nehmen sollen«, hört Laura die Stimme ihres Vaters bereits im Flur aus dem Wohnzimmer.
»Ach, Quatsch, Michael. Der Baum ist genau richtig.« Für Lauras Mutter kann der Weihnachtsbaum nie groß genug sein. »Wir haben doch Platz.« Zufrieden betrachtet sie das diesjährige Exemplar. Eine stattliche Nordmanntanne.
»Die Spitze ist doch auch noch dran, dann kann er ja gar nicht zu groß sein«, hakt Laura beim Betreten des Wohnzimmers ein und stupst ihren Vater von der Seite mit einem Lächeln an. Er schmunzelt.
»Da hast du natürlich recht.« Er umarmt Laura zur Begrüßung und drückt ihr einen Kuss auf die Wange.
»Du bist ja schon da! Ich habe dich gar nicht reinkommen hören.« Sophia kommt freudestrahlend auf ihre Tochter zu und drückt sie fest an sich. »Schön, dass du da bist«, flüstert sie Laura ins Ohr. »Was meinst du? Haben wir dieses Jahr nicht einen schönen Baum?«
Die Auswahl des Weihnachtsbaums war bereits in Lauras Kindheit jedes Jahr ein kleines Familienereignis. Unter den kritischen Augen von drei Frauen, Sophia und ihren beiden Töchtern Anna und Laura, wurden die unterschiedlichen Bäume geduldig nach Größe, Wuchs und Dichte in Augenschein genommen. Kommentare wie »Der ist aber mickrig« oder »An dem ist ja nichts dran. Da bekommen wir die ganzen Kugeln ja gar nicht alle unter« waren für den Verkäufer das Zeichen, den drei Frauen einen weiteren Baum zu zeigen. Geduldig wurde nach dem perfekten Baum gesucht. Je größer, desto besser.
»Der passt. Ich habe ein gutes Augenmaß«, schloss Lauras Mutter die Suche häufig ab, nachdem der Baum nach mehrmaligem Drehen von allen drei Sander-Frauen als gut befunden wurde. Zufrieden wurde der Auserwählte dann mit meist offenem Kofferraum nach Hause gebracht und bis Weihnachten auf die Terrasse verfrachtet. Am 23. Dezember, dem Tag, an dem in der Familie Sander traditionell der Baum aufgestellt und geschmückt wird, war dann die Stunde der Wahrheit. Beim Auspacken auf der Terrasse kamen dann schon einmal die ersten Zweifel auf.
»Oh, der ist doch ganz schön groß. Hatte ich irgendwie kleiner in Erinnerung«, rief Lauras Mutter dann häufig wirklich überrascht aus. »Aber das wird schon passen.« Mit vereinten Kräften wurde dann der Baum ins Wohnzimmer getragen und gleich neben dem Kamin und dem großen Bücherregal aufgestellt. Die Spur an der Decke, die die Baumspitze des Monstrums häufig hinterließ, führte jedes Jahr immer wieder zu Verwunderung.
»Oh, Mama, sieh mal.« Anna und Laura begutachteten die Spur mit großen Augen und mit zunehmendem Alter mit belustigter Gelassenheit an der Decke. »Papa wird sich freuen.«
»Ach, nicht so schlimm. Da pinseln wir gleich einfach kurz drüber«, hatte Lauras Mutter ihre Töchter immer beruhigt. »Es gibt noch Decken, da leben wir gar nicht mehr.« Lauras Mutter zeichnete sich wie auch ihre Mutter, Lauras Oma, schon immer durch einen gesunden rheinischen Pragmatismus aus. Kurzerhand wurde die Spur an der Decke mit Farbe überstrichen, der Stamm noch etwas abgesägt oder die Spitze einfach abgeschnitten und die Überreste mit einem Stern und Engelshaar gekonnt bedeckt, bevor Lauras Vater von der Arbeit nach Hause kam und den Baum bewunderte. Aber dieses Jahr schienen ihre Eltern, die nach dem Auszug ihrer beiden Töchter vor ein paar Jahren die ehrenvolle Aufgabe alleine haben, einen schönen Baum mit der richtigen Größe zu finden, ganze Arbeit geleistet zu haben. Laura betrachtet den Weihnachtsbaum von allen Seiten und nickt dann ihren Eltern mit einem Lächeln anerkennend zu.
»Ein wahres Prachtexemplar. Den Baum habt ihr wirklich sehr gut ausgesucht.« Der Baum war wirklich schön. Gerade gewachsen, dicht, mit weichen und glänzend tiefgrünen Nadeln. Die roten Christbaumkugeln, die silbernen Anhänger, die roten Schleifen, die liebevoll auf einzelnen Ästen dekoriert wurden, lassen den Baum weihnachtlich erstrahlen. Durch die unzähligen kleinen Lichter funkelt der Baum von allen Seiten. Laura wird bei dem Anblick warm ums Herz. Sie hat schon als Kind Weihnachten geliebt. Der Duft von Tannennadeln, Orangen, Zimt und Nüssen in allen Räumen. Die kleinen Engelchen überall im Haus – auf dem Couchtisch, auf dem Kaminsims und auf dem Sideboard im Esszimmer. Für Laura ist Weihnachten das schönste Fest des Jahres. Schon als Kind hat sie gemeinsam mit ihrer Schwester das Weihnachtsfest die ganze Adventszeit mit Spannung erwartet. Einmal das Christkind mit eigenen Augen sehen. Mit leuchtenden Augen sind die beiden Schwestern nach der Kindermesse, die Lauras Mutter regelmäßig früher verließ, um das Christkind über die Terrassentür ins Haus zu lassen, mit Lauras Vater in freudiger Erwartung nach Hause gestürmt. Aber immer verpassten sie diese engelsgleiche Lichtgestalt, wie Laura sich das Christkind immer ausmalte, um wenige Minuten. Lediglich ein paar weiße Federn im Wohnzimmer oder ein paar Fußspuren im Schnee waren Beweise für den Besuch des Christkinds. Später, als die Illusion und der Zauber mit den Jahren leider verflogen, begeisterten Anna und Laura ihre Eltern jedes Jahr mit einem kleinen Programm vor der Bescherung. Gekonnt wurden die musikalischen Fortschritte auf der Blockflöte im Solo oder Duett, auf der Querflöte und Geige präsentiert. Sophia und Michael ertrugen stolz auch die schiefsten Töne mit einem Lächeln und tosendem Applaus am Ende einer Darbietung. Aufgelockert wurde das musikalische Programm durch den Vortrag von diversen Weihnachtsgedichten und -geschichten. Höhepunkt natürlich das Krippenspiel, bei dem Anna und Laura in ihrer Zwei-Mann-Besetzung kostümiert mit Bettlaken und wechselnden Tonlagen ihr Bestes gaben. Vor allem Anna verstand es, mit der nötigen Ehrfurcht und Ernst Herodes, Josef und einen der Heiligen Drei Könige gleichzeitig überzeugend zu spielen, während Laura versuchte den Gegenpart mit Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm, die übrigen Heiligen Drei Könige und die Hirten zu übernehmen. Auch ihre Großeltern, die regelmäßig Heiligabend bei den Sanders verbrachten, schauten stolz und begeistert ihren Enkelkindern bei ihren Showeinlagen zu. Nach dem Essen kam für Laura dann immer die schönste Zeit, in der sich die ganze Familie bis Mitternacht oder länger den Geschenken widmete. Stundenlang wurde mit den ersten Puppen und den dazugehörigen Kinderwagen, dem Kaufladen oder mit dem Aufbau der neuen Errungenschaften von Playmobil oder Lego verbracht. Dabei stellten häufig Lauras Geschenke Lauras Eltern vor Probleme. So suchte beispielsweise in einem Jahr die gesamte Familie bis Mitternacht auf dem Boden im Wohnzimmer auf Knien oder liegend nach vier ominösen Eckstücken, die der Grundstein für die von Laura so heiß ersehnte Lego-Ritterburg mit Verliesen und Geheimgängen waren. Nach Stunden, in denen sie jeden Stein in der Verpackung genauestens inspiziert hatten, gaben sie einvernehmlich und mit einer enttäuschten Laura die Suche auf. Im Spielzeugladen erfuhr Lauras Vater nach den Weihnachtstagen umringt von anderen Vätern enttäuschter Kinder, dass die Produktionsreihe leider fehlerhaft war und die Eckstücke leider in allen Verpackungen nicht enthalten waren. Laura verließ somit mit einer neuen Lego-Waschstraße und mit einem Lächeln auf dem Gesicht den Spielzeugladen. Die Wahl stieß bei Anna, die immer mehr dem Bild eines typischen Mädchens entsprach, sichtlich auf Unverständnis. Aber Laura war so etwas schon immer egal. Und so folgten Jahre weiterer kleiner Pannen, in denen Laura Geduld zeigen musste, als zum Beispiel die speziellen Batterien für ihren ersten Lerncomputer wider Erwarten doch nicht bereits in der Verpackung enthalten waren oder ihre erste Hi-Fi-Kompaktanlage beim ersten Anschalten bereits mit einem Knall gleich wieder verstummte. Mit der Zeit ließ Lauras Pechsträhne in Bezug auf ihre Geschenke jedoch nach. Später, als Laura und Anna älter wurden, verbrachten die Sanders nach dem offiziellen Teil den gemütlichen Teil des Abends, wie sie es immer nannten, im Schlafanzug mit dem Spielen von Gesellschaftsspielen aller Art. Dies änderte sich auch nicht für Laura und Anna, als sich die meisten ihre Freunde an Heiligabend noch in einer Bar oder Club zum Feiern trafen. Laura und Anna zogen es immer vor, zuhause zu bleiben und die Zeit mit ihren Eltern zu verbringen. Und auch jetzt freute sich Laura auf ein paar Tage nur mit der Familie, an denen man die Zeit hat, sich in aller Ruhe alle Neuigkeiten zu berichten, in gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen und bei gutem Essen und dem einen oder anderem Glas Wein gemeinsam zu lachen und die gemeinsame Zeit einfach zu genießen.
»Dann bekomme ich morgen wohl wieder keinen Kartoffelsalat mit Würstchen«, stellt Lauras Vater mit einem gespielt enttäuschtem Gesicht fest, als er sich zu Laura auf die Couch setzt und ihr ein Glas Wein reicht.
»Wohl nicht«, entgegnet Laura ihm mit einem Lächeln. »Da musst du wohl warten, bis ich endlich vom Markt bin.«
Michael lächelt seine Tochter an und prostet ihr zu. Seit Jahren hält Lauras Vater an seinem, wie er findet, sensationellen Vorschlag fest. »Wie wäre es denn mit Kartoffelsalat mit Würstchen? Das gab es bei uns zuhause immer Heiligabend.« Jedes Jahr bringt er dies in die Diskussion um das alljährliche Weihnachtsessen ein, als wenn ihm diese fantastische Idee gerade erst gekommen sei.
»Wir sind doch nicht auf dem Campingplatz, Papa. Das ist doch kein richtiges Weihnachtsessen«, erwidert Laura dann immer wieder. »Lass uns doch lieber einen Braten machen oder doch lieber Fondue. Das können wir auch gut vorbereiten.« Vor vier Jahren durfte Lauras Vater dann zum ersten Mal hoffen, dass sein alljährlicher Vorschlag in Erfüllung geht. Das erste Weihnachtsfest ohne Kinder sollte für Lauras Eltern bevorstehen. Beide Töchter sollten den Heiligabend mit den Familien ihrer damaligen Freunde verbringen, da beide das Jahr zuvor mit ihren Freunden Heiligabend mit Sophia und Michael gefeiert hatten.
»Man muss immer beide Seiten gleichbehandeln. Das ist nur fair«, hatte Sophia ihren beiden Töchtern gesagt. Wohl wissend, dass es ihr am Heiligabend nicht leichtfallen würde, alleine mit Michael und ohne ihre beiden Töchter zu sein.
»Papa und ich werden es uns schon schönmachen. Auch wenn es natürlich komisch sein wird, ganz ohne euch«, hatte sie ihre Töchter und in erster Linie sich selbst besänftigt.
Die Beziehung zu Eric, Lauras damaligen Freund, war jedoch schon angeschlagen und so ging die Beziehung kurz vor Weihnachten nach langen Streitereien doch in die Brüche und Laura verbrachte Heiligabend kurzerhand wieder bei ihren Eltern. »Ich bin dann wohl die einzige Konstante bei euch zu Weihnachten«, hatte Laura damals trocken ihren Eltern erklärt. Das ist jetzt vier Jahre her und vor ein paar Wochen ist Laura zweiunddreißig geworden.
»Wann kommen Anna und David?«, fragt Laura ihre Mutter.
»Sie kommen mit den Kindern am ersten Weihnachtsfeiertag. Ich denke, zum Kaffee werden sie da sein. Morgen feiern sie bei sich mit den Kindern zuhause und am zweiten Weihnachtstag sind sie bei den Schwiegereltern.«
Lauras Schwester, Anna, ist zwei Jahre älter als Laura und seit vier Jahren glücklich mit David verheiratet. Sie haben sich vor acht Jahren bei der Arbeit kennen und lieben gelernt. Vor zwei Jahren haben sie ihr Familienglück mit der Geburt der Zwillinge Noah und Max vervollständigt. Laura freut sich für ihre Schwester und ihr Familienglück. Als Kind hatte Laura auch gedacht, dass sie in ihrem für sie damals unfassbar hohen Alter selbst schon eine eigene kleine Familie hätte. Aber der richtige Mann fürs Leben lässt bisher noch auf sich warten.
»Also sind wir morgen wieder zu dritt«, stellt Laura mit einem Lächeln fest.
»Du wirst den Richtigen auch noch finden.« Sophia, die wohl wieder Laura am Gesicht ablesen konnte, was sie gerade dachte, lächelt ihrer Tochter zuversichtlich zu. Sie drückt ihre Tochter an sich. »Da bin ich mir ganz sicher.«
»Das hoffe ich doch«, entgegnet Laura trocken und freut sich auf die nächsten Tage mit ihrer Familie.
Als Laura später im Bett liegt, denkt sie über die bisherigen Männer in ihrem Leben nach. Daniel, ihre erste große Liebe. Eric, für den sie einmal fast nicht Heiligabend mit ihren Eltern verbracht hätte, und Lars, ihre letzte Beziehung, die genauso schnell zu Ende ging, wie sie begonnen hatte. Drei Freunde, die unterschiedlicher nicht sein konnten, doch eines gemeinsam hatten. Lauras Vater konnte keinen wirklich leiden. Jetzt kann man natürlich sagen, das ist doch normal für eine Vater-Tochter-Beziehung und Michael sei nur eifersüchtig gewesen. Aber dies trifft keinesfalls zu. Er bemühte sich redlich eine gute Beziehung zu den dreien aufzubauen und äußerte seine Zweifel nur gegenüber Lauras Mutter, die ihn immer wieder besänftigte. »Solange sie mit ihm glücklich ist.« Lauras Mutter versuchte, die guten Seiten der Männer hervorzuheben und sie bestmöglich in die Familie aufzunehmen. Aber leider hatte Lauras Vater bei allen dreien recht behalten.
»Lieber Kerl. Aber der fährt doch mit angezogener Handbremse«, kommentierte Michael die Beziehung zu Daniel. Nach dreieinhalb Jahren Beziehung trennte sich Daniel auch ohne große Erklärungen von Laura, die bis dahin dachte, dass sie glücklich wären. Die Entfernung von rund dreihundertfünfzig Kilometer, die Laura und Daniel trennte, nachdem Laura ihr Studium nach dem Abitur im Süden Deutschlands aufgenommen hatte, waren nach Daniels Ansicht plötzlich wohl doch unüberwindbar. Obwohl er vorher Laura noch ermutigt hatte, dort ihr Studium aufzunehmen. Eine Woche nach der Trennung trafen Freunde von Laura Daniel bereits mit einer neuen Freundin. »Ihr seid einfach zu jung gewesen«, tröstete Sophia ihre Tochter. »Der muss sich noch die Hörner abstoßen.« Laura stürzte sich danach in ihr Studium und genoss nach einer längeren Trauerphase ihr Studentenleben in vollen Zügen. Der nächste Freund, Eric, war Michaels absoluter Favorit in der Unbeliebtheitsskala. »Ich kann nicht sagen, was mich stört. Aber ich kann ihn auf den Tod nicht leiden.« Mit Eric war die Beziehung von Anfang an anstrengend. Während Laura ein genügsamer Mensch ist und Harmonie liebt, diskutierte Eric zum Leben gern. Dabei brauchte er keinen wichtigen Anlass, er liebte es, zu diskutieren um des Diskutierens willen und machte damit sein Umfeld mürbe. Nach endlosen Diskussionen und Streitereien beendete Laura die Beziehung endlich nach zwei Jahren. Die letzte Beziehung zu Lars dauerte nur ein halbes Jahr. »Das ist doch ein Spinner. Der will nicht erwachsen werden«, äußerte sich Lauras Vater nach langem Schweigen auf der Autofahrt von Lauras Wohnung zum Haus der Sanders, nachdem Laura ihnen Lars kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag bei einem gemeinsamen Abendessen vorstellte. Und damit sollte Lauras Vater genau richtigliegen. Anfangs äußerst charmant, liebevoll und um Laura besorgt, musste Laura nach nur ein paar Monaten feststellen, dass sie wenig gemeinsam hatten. Laura verbrachte ihre Abende gerne mit guten Freunden bei einem guten Essen und einer Flasche Wein. Gerne auch nach einer anstrengenden Woche auf der Couch mit einem guten Buch. Lars war dagegen rastlos und liebte Partys, und das nicht nur immer mal wieder, wie es auch Laura gerne hatte, sondern am besten jeden Abend. Während Laura mit fast dreißig endlich ankommen wollte, dachte Lars noch lange nicht an eine feste Bindung. Die Vorstellung an eine Hochzeit in ein paar Jahren und Kinder war für ihn absolut zu früh. Er sei mit gerade dreißig noch zu jung, um sich darüber Gedanken zu machen, meinte er häufig zu Laura. In den nächsten Jahren will er lieber sein Leben noch in vollen Zügen genießen. Lars holte sich seine Bestätigung für sein Ego dabei insbesondere aus den Bekanntschaften mit dem anderen Geschlecht, und das auch während ihres Beziehungsversuches, wie Laura sich im Nachhinein leider eingestehen musste. Das Ende dieser Beziehung war somit absehbar und unausweichlich.
»Das sind alles keine Männer zum Heiraten«, merkte Lauras Vater, nachdem die letzte Beziehung zu Lars in die Brüche ging und Laura bei ihren Eltern Trost suchte, an.
»Super, das weiß ich jetzt auch«, hatte Laura trocken erwidert.
»Du musst dir einen Soliden suchen«, gab Lauras Vater gerne als Rat.
»So was wie dich, Papa?«, neckte Laura ihren Vater dann gerne.
»Genau. Deine Mutter fährt damit schon seit Jahren sehr gut. Ich kann das gerne in die Hand nehmen und dir einen suchen«, bot Michael seiner Tochter bis heute immer wieder gerne an.
»Schau nach vorne, der Richtige kommt noch. Ich war für meine Generation auch schon spät dran. Ich hatte das Thema Männer eigentlich schon abgehakt, als ich dann plötzlich euren Vater kennengelernt habe. Und jetzt sind wir schon seit sechsunddreißig Jahren glücklich verheiratet«, pflegt ihre Mutter aufmunternd zu sagen. Lauras Eltern waren tatsächlich auch nach so langer Zeit noch glücklich zusammen.
»Wir sind ein Auslaufmodell«, wie Sophia und Michael gerne ihre Ehe kommentieren. Schon als Kind war Laura der Überzeugung, dass ihre Eltern die perfekte Beziehung führen. Sie gehen liebevoll miteinander um, sind aufmerksam und respektieren die Wünsche des jeweils anderen. Sie überraschen den anderen mit kleinen Aufmerksamkeiten und machen auch mal Dinge nur dem anderen zuliebe. Sie kennen sich so gut, dass sie sich mittlerweile blind verstehen, ohne aber die eigene Persönlichkeit aufzugeben. Sie vertrauen einander wie beste Freunde und sie können einfach wunderschön miteinander lachen. So erinnert sich Laura gerne an die Hochzeit ihrer Schwester. Michael forderte im Laufe des Abends seine Sophia zu ihrem Lied »Griechischer Wein« von Udo Jürgens zum Tanzen auf. Während Lauras Mutter eine begnadete Tänzerin ist, fehlt Lauras Vater auch nach mehreren Tanzkursen immer noch das nötige Rhythmusgefühl. Das hinderte ihn aber nicht mit Lauras Mutter über die Tanzfläche zu schweben und verliebte Blicke mit ihr auszutauschen. Ohne etwas zu sagen, fingen beide plötzlich an herzlich zu lachen und drückten sich noch enger aneinander. Dieser kurze Moment strahlte so eine Wärme und Vertrautheit aus. »Ob ich das auch jemals finden werde?«, hat Laura damals gedacht. Bisher leider nicht. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.
»Nicht, dass ich doch noch Papas Angebot annehmen muss. Das könnte ja etwas werden«, denkt Laura und schläft nach kurzer Zeit ein.
Am nächsten Morgen erwacht Laura durch das Bellen von Emma im Garten. Noch etwas benommen, steht sie auf und geht zum Fenster ihres alten Kinderzimmers. »Oh, wie schön«, denkt Laura. Über Nacht hat es geschneit und der Garten ist dick mit Schnee bedeckt. Der Himmel erstrahlt in einem satten Blau und die Sonne verwandelt den Garten in eine wunderschöne Winterlandschaft. Da kommt plötzlich Emma mit ihrem massigen Körper und den großen Tatzen durch den Garten geflitzt. Das Objekt ihrer Begierde ist ein Eichhörnchen. Doch das Eichhörnchen ist schneller. Flink klettert es an einem Baum hoch. Hechelnd und etwas bedröppelt schaut Emma dem Eichhörnchen hinterher. Laura lacht. Unser Berner Sennenhund ist dann doch eher der gemütliche Familienhund, denkt sie und schlüpft schnell in ihre Jeans und ihren Lieblingspulli. Im Badezimmer wirft Laura einen kurzen Blick in den Spiegel. Kritisch beäugt sie ihr Gesicht. Ihre blauen Augen sehen müde aus. Die letzten Wochen waren im Büro, wie immer kurz vor Weihnachten, stressig und mit vielen Überstunden verbunden. Die besinnliche Adventszeit geht schon seit Jahren an Laura und ihren Kollegen vorbei. Dabei ist das doch eigentlich eine der schönsten Zeiten im Jahr. »Jetzt habe ich ja endlich ein paar Tage frei und heute ist Heiligabend«, denkt Laura und klopft sich sanft die Augencreme unter die Augen. Kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag hat Laura begonnen den ersten Zeichen der altersbedingten Hautveränderungen, wie es auf der Packung so schön heißt, auf Anraten ihrer Freundinnen zu begegnen. Ein paar Cremes können ja nicht schaden, dachte sich Laura und schenkt nun ihrem Spiegelbild ein aufmunterndes Lächeln. »Mit ein bisschen Schminke wird es heute Abend schon gehen.« Laura klopft die letzten Reste der Creme auf ihre deutlich erkennbaren Augenringe. Laura bindet noch schnell ihr blondes, langes Haar zu einem Zopf zusammen und geht runter in die Küche, wo ihre Mutter bereits mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsessen heute Abend begonnen hat.
»Guten Morgen, Mama.« Laura drückt ihrer Mutter einen dicken Kuss auf die Wange.
»Guten Morgen, mein Schatz. Hast du gut geschlafen?«
»Ja, sehr gut.«
»Wir haben dich extra schlafen lassen. Papa war mit Emma bereits eine Runde spazieren. Das ist genau ihr Wetter. Sie war gar nicht zu bremsen.«
»Das kann ich mir denken«, erwidert Laura. »Ich brauche jetzt erstmal einen Kaffee.« Sie drückt auf die entsprechende Taste des Kaffeevollautomaten und schaut in den Garten. Emma hat mittlerweile die Flucht des Eichhörnchens überwunden und widmet sich jetzt einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen im Winter. Sie schmeißt sich auf den schneebedeckten Rasen, streckt alle vier Tatzen in die Luft und dreht sich auf dem Rücken genüsslich von einer Seite zur anderen. Es sieht ein bisschen so aus, als wollte sie einen Schneeengel machen.
»Du siehst abgespannt aus«, reißt Sophia ihre Tochter aus ihren Gedanken. »Wie lange willst du das noch machen?«
Mit »das« meint Lauras Mutter Lauras Job. Laura ist Unternehmensberaterin in einer internationalen Beratungsgesellschaft und seit sieben Jahren sehr erfolgreich in ihrem Beruf.
»Keine Ahnung«, erwidert Laura wahrheitsgemäß und lächelt ihre Mutter an. »Du brauchst dir keine Sorgen machen, Mama. Mir geht es gut. Die letzten Tage waren etwas stressig. Aber den Schlaf kann ich ja die nächsten Tage nachholen.«
»Ich will nur, dass du glücklich wirst, Laura.« Sophia schaut ihre Tochter liebevoll an. »Dein Job ist nicht alles. Du brauchst auch ein Privatleben.«
Laura weiß, dass es ihre Mutter nur gut meint. Ihre Eltern gehören zum Glück nicht zu der Kategorie Eltern, die ihre Töchter nach dem Überschreiten der Dreißig ständig mit dem Wunsch nach Enkelkindern nerven. Sie sind sehr stolz auf sie, das weiß Laura. Aber sie sehen auch den hohen Preis, den Laura bislang für den Erfolg im Beruf gezahlt hat. Bei einer Siebzig- bis Achtzigstundenwoche, Wochenendarbeit und einer hohen Reisetätigkeit bleibt nicht viel Zeit für Hobbys oder Privatleben. Aber Laura hat ihre Arbeit trotz der hohen Belastung bisher immer sehr viel Spaß gemacht, auch wenn das für ihre Familie und Freunde manchmal nur schwer nachvollziehbar ist.
»Es macht mir Spaß, Mama. Und wenn es so sein soll, werde ich den Richtigen schon finden. Vielleicht steht er irgendwann auch in einem Meeting vor mir oder er sitzt im Flieger neben mir. Soll es ja alles geben«, entgegnet Laura lächelnd. »Wie kann ich mich denn jetzt nützlich machen, Mama?«, wechselt Laura schnell das Thema, um bei sich selbst keine Zweifel an ihrem gerade geäußerten Optimismus aufkommen zu lassen. Sie stellt sich neben ihre Mutter an den Herd und schiebt die Ärmel ihres Pullis demonstrativ hoch. »Du weißt, ich brauche in der Küche klare Anweisungen.«
»Du kannst dich um den Nachtisch kümmern«, sagt Sophia und legt das Rezept und die notwendigen Zutaten vor ihrer Tochter auf die Arbeitsplatte.
»Crème brûlée, mmmh, lecker«, sagt Laura und wäscht schon einmal ihre Hände. Beschwingt machen sich Lauras Mutter und Laura gemeinsam an die restlichen Vorbereitungen für das Weihnachtsessen.
»Können wir jetzt endlich los?«, ruft Lauras Vater von der Diele nach oben und schaut auf seine Uhr. »Vielleicht kriegen wir heute auch mal einen Sitzplatz.«
»Das klappt doch eh nicht. Da stehen wir uns dann doch nur die Beine in den Bauch«, antwortet Sophia belustigt ihrem Mann und kommt langsam festlich gekleidet die Treppe runter, gefolgt von Laura und ihrem Hund Emma.
»Sag bloß, dir gefällt unser Stammplatz nicht mehr«, sagt Laura trocken. Jedes Jahr geht die Familie Sander am Heiligabend vor der Bescherung zur Messe. Dabei ergattert die Familie seit Jahren nur einen Platz an einer Steinsäule im Mittelschiff gleich neben dem vorderen Seiteneingang der Kirche. Vor ein paar Jahren wollten sie auch mal einen begehrten Sitzplatz ergattern und waren eine halbe Stunde vor Beginn der Messe in der Kirche. Doch auch dann waren bereits alle Plätze belegt. Seitdem kommen sie wieder kurz vor Beginn der Messe in die Kirche. Der Platz an der Säule ist ihnen ja sicher. Lauras Vater, Lauras Mutter und Laura gehen raus in die Kälte. Michael schaut seine Frau und Laura stolz an, die sich jeweils an einer Seite bei ihm eingehakt haben.
»Gut seht ihr aus.«
»Du aber auch«, sagt Laura.
Alle drei haben sich heute mit Anzug, Hosenanzug und Kleid festlich angezogen. Gemeinsam gehen sie durch den Schnee zur Kirche. Als die drei durch die schwere Holztür eintreten, ist die Kirche schon wieder prall gefüllt. Sie schauen sich gegenseitig mit einem breiten Lächeln an und gehen zielstrebig zu ihrem Stammplatz. Die Musik setzt ein und alle in der Kirche erheben sich von den Bänken.
»Das war wieder richtig schön«, schnieft Lauras Mutter und versucht die Tränen, ohne die Wimperntusche zu verschmieren, unter ihren Augen wegzuwischen, als das Licht in der Kirche langsam wieder angeht. Seit Jahren ist »Stille Nacht, heilige Nacht« das letzte Lied, mit dem die heilige Messe jedes Jahr endet. Das Licht wird gedimmt, und die unzähligen Kerzen erzeugen eine so schöne Stimmung, dass Lauras Mutter, ihre Schwester Anna und Laura jedes Mal mit ihren Tränen kämpfen. Dabei versuchen alle drei möglichst lange durchzuhalten. Sobald beim Ersten die Tränen jedoch hochkommen, fangen die anderen kollektiv ebenfalls an zu weinen. Es ist einfach zu schön.
»Ich habe diesmal wenigsten die erste Strophe und den Refrain mitsingen können«, bemerkt Laura stolz.
Lauras Vater reicht seinen beiden Frauen jeweils ein neues Taschentuch, die zentrale Aufgabe in solchen Situationen des einzigen Mannes in einem Frauenhaushalt. Lauras Mutter erinnert das Lied »Stille Nacht, heilige Nacht« immer an ihre eigene Kindheit, als ihr Vater, Lauras Großvater, das Lied auf der Geige vor dem Weihnachtsbaum spielte. So rührt es Lauras Mutter jedes Jahr auf Neue, wenn dieses Lied Heiligabend in der Kirche gespielt wird. Früher hat sie immer gegen die Tränen angekämpft und nach oben geschaut, um sich abzulenken. Mittlerweile steht sie dazu und genießt einfach den Moment.
»Lasst uns noch die Krippe anschauen, bevor wir gehen«, sagt Lauras Mutter, die sich mittlerweile wieder gefasst hat.
Nachdem sie noch einigen Nachbarn und Freunden frohe Weihnachten und schöne Festtage gewünscht haben, machen sie sich, Lauras Eltern und Laura, zufrieden auf den Heimweg. Der Schnee knirscht unter ihren Schuhen und bei diesem Geräusch macht Lauras Herz kleine Luftsprünge. Gibt es etwas Schöneres? Mit leicht rosigen Wangen erreichen sie ihr hell erleuchtetes Haus und alle drei freuen sich auf die Wärme im Wohnzimmer und das Knistern des Kaminfeuers. Emma erwartet sie bereits schwanzwedelnd an der Tür. »Frohe Weihnachten, Emma!«, begrüßen alle drei den Hund und treten ein. »Jetzt machen wir uns einen wunderschönen Abend«, ruft Sophia aus und strahlt ihre Lieben mit leuchtenden Augen an.
Sie kommen!«, ruft Lauras Vater aus der Küche. »Jetzt wird es wieder laut und hektisch.«
»Michael!«, ermahnt Sophia ihren Mann. »Dabei meint er das gar nicht so und freut sich schon seit Tagen, dass ihr heute alle bei uns seid.«
»Das wissen wir doch, Mama. Das ist eben seine Art«, entgegnet Laura ihrer Mutter, während sie zusammen die Treppe ins Wohnzimmer runtergehen, um Anna und ihre Familie zu begrüßen. Lauras Schwester und ihr Mann stehen bereits mit jeweils einem Kind auf dem Arm und unzähligen Taschen in der Haustür.
»Familie ›Klimbim‘ ist da«, ruft Anna mit einem breiten Grinsen aus. »Wir lagen so gut in der Zeit. Aber als wir gerade die Kinder ins Auto verfrachten wollten, hat sich Max vor Aufregung kurz nochmal übergeben und Noah hat wohl aus Solidarität nochmal für eine volle Pampers gesorgt. Alles wieder etwas chaotisch«, erklärt Anna die Verspätung von über einer Stunde.
»Macht doch nichts. Hauptsache, ihr seid heil angekommen«, sagt Sophia und begrüßt die vier herzlich. »Dann ist ja jetzt wieder Leben im Haus.«
»Wollt ihr hier etwa einziehen?« Michael blickt etwas besorgt auf die unzähligen Taschen, während er seine Tochter und seinen Schwiegersohn umarmt.
»Frohe Weihnachten, Papa.«
»Frohe Weihnachten, Anna.«
Der Name Familie »Klimbim« wurde schon Lauras Eltern vor dreißig Jahren von den Verwandten gegeben. Mit wehenden Fahnen und vollbepackt bis unter das Dach sind damals Lauras Eltern meist mit ihren Töchtern bei den Besuchen der buckligen Verwandtschaft und bei Familienfesten vorgefahren. Immer etwas chaotisch, aber man konnte sicher sein, dass es lustig wurde. Mit der Geburt der Zwillinge ist der Name damit ehrenvoll an Anna und ihre Familie übergegangen.
»Sollen wir mal schauen, ob das Christkind auch bei uns etwas für euch vorbeigebracht hat?«, hört Laura ihre Mutter ihre beiden Enkelkinder fragen. Noah und Max nicken andächtig und mit vor Aufregung bereits rosigen Wangen.
»Ja!«, sagen beide mit leuchtenden Augen.
Das ist das Zeichen für Lauras Eltern und Laura. Während Anna sich mit Noah und Max sowie Emma im Flur aufstellt, beginnen Lauras Vater und Laura die Wunderkerzen anzuzünden. Lauras Mutter legt das traditionelle Glockengeläut auf und David bringt sich mit seinem Fotoapparat in Stellung. Als alle Wunderkerzen brennen, klingelt Lauras Mutter wie jedes Jahr feierlich mit dem kleinen goldenen Glöckchen. Das Zeichen für Noah und Max, dass es losgeht. Langsam schreiten sie, jeder an einer Hand von Anna, durch die Glastür vom Flur ins Wohnzimmer, dicht gefolgt von Emma. Mit leuchtenden Augen stellen sie sich zum Rest der Familie vor den hell erleuchteten Weihnachtsbaum und schauen bedächtig zu, wie die letzten Wunderkerzen langsam verglimmen.
»Oooooohhh, wie schön!«, rufen Anna und Laura gleichzeitig überzogen andächtig und stupsen sich gegenseitig an. Die gespielt übertriebene Begeisterung gehört für die beiden Schwestern einfach zum alljährlichen Ritual dazu.
»Habt ihr das gestern auch wieder so gemacht?«, fragt Anna ihre Schwester.
»Klar. Emma und ich waren wieder ein Spitzenteam«, antwortet Laura und krault Emma den Kopf.
Bereits Anna und Laura sind als Kinder und später als Jugendliche jedes Jahr gemeinsam beim Glockengeläut in voller Erwartung auf die Bescherung andächtig die Treppe ins Wohnzimmer runtergeschritten. Nachdem Anna nicht mehr jeden Heiligabend mit der Familie verbrachte, musste Emma, der Hund der Sanders, die ehrenvolle Aufgabe übernehmen und mit Laura die Treppe zur Bescherung runtergehen.
»Manche Sachen muss man sich auch mit dreißig plus bewahren«, sagt Laura schmunzelnd.
»Ja dann, noch einmal frohe Weihnachten!«, sagt Lauras Vater.
»Frohe Weihnachten!«, antworten alle und umarmen sich gegenseitig.
»Dann lasst uns mal anstoßen.« Lauras Vater reicht jedem ein Glas Sekt und den Kindern ihre Trinkflaschen mit Milch. »Prost.« Die Gläser klirren.
»Dann wollen wir doch mal schauen, was das Christkind euch gebracht hat.« Lauras Mutter holt das größte Paket unter dem Baum hervor und stellt es vor ihren Enkelkindern auf den Boden. »Ich glaube, das ist für euch.« Mit großen Augen machen sich Noah und Max daran, das Paket auszupacken.
»Ein Bauernhof. Das habt ihr euch doch so gewünscht«, sagt Anna augenzwinkernd zu ihren Eltern. Noah und Max nicken beide mit leicht roten Bäckchen vor lauter Aufregung. »Das ist doch toll. Was sagt man?«
»Danke, liebes Christkind«, entfährt es beiden gleichzeitig.
Einen Traktor mit Anhänger hat das Christkind glücklicherweise auch bei Laura in der Wohnung hinterlegt. Die Kinder strahlen und man fühlt sich ein bisschen wieder in die eigene Kindheit zurückversetzt.
»Also ich habe jetzt erstmal Kaffeedurst«, unterbricht Sophia das lustige Geschenkeauspacken. »Wir können uns ja danach beschenken.«
»Natürlich«, antwortet Anna ihrer Mutter mit einem Lächeln.
»Du bist wahrscheinlich schon wieder halb unterzuckert.«
»Ja, genau. Ich freue mich jetzt richtig auf einen Kaffee und ein Stückchen Kuchen«, sagt Sophia lächelnd.
»Ich auch.« Lauras Schwager David steht schnell vom Boden auf
»Den Bauernhof bauen wir dann danach in Ruhe auf«, sagt David zu Noah und Max gewandt.
Nach der kleinen Stärkung machen sich alle daran, den Bauernhof für die Kinder aufzubauen. »Gibt es was Neues?«, fragt Anna ihre Schwester, als Laura sich der Dachkonstruktion des Bauernhofes widmet.
»Nein, alles beim Alten«, antwortet Laura, während Anna die Räder am Traktor befestigt. Sie weiß, dass Anna die Männerfront meint.
»Gibt es denn keine netten Kollegen bei dir?«, fragt Anna, die David schließlich auch an der Partnerschaftsbörse Nummer eins, am Arbeitsplatz, kennengelernt hat.
»Nee, da ist nichts Interessantes dabei«, sagt Laura und geht im Kopf alle ihre Kollegen durch. Eigentlich kann man ihre Kollegen in vier Kategorien einteilen. Den Großteil bilden die klassischen Prüfertypen. Sie fragen als Erstes nach einer Checkliste und machen mit viel Freude und am besten mit Schablone ordentlich ihre Häkchen. Risiken gehen sie ungern ein. Auch wenn Laura selbst nicht ein Vollblut-Abenteurer ist, ist die Vorstellung, bereits beim ersten Date zu wissen, wie ihr Leben die nächsten zwanzig Jahre verläuft, nicht wirklich anziehend. Dann gibt es noch die Nerds, die nur in ihrer Welt von Fakten und Formeln leben und bei jeder Kaufentscheidung erstmal die zu erwartende Rendite ausrechnen, was auch nicht Lauras Lebensmodell entspricht. Die dritte Gruppe sind die Typen, die dem Beraterimage alle Ehre machen. Alle sind natürlich unheimlich wichtig und sie retten jeden Tag auf ein Neues die Welt. Die Haare sind nach hinten oder streng zur Seite gegelt. Die Socken und das Einstecktuch sind bunt und farblich auf die Krawatte abgestimmt. Auffallen ist eben alles. Bei diesen meist arroganten Möchtegern-Investmentbankern ohne wirkliche eigene Persönlichkeit macht Lauras Herz ebenfalls keine Luftsprünge. Die übrigen und als normal zu bezeichnenden Kollegen bilden die Minderheit und sind meist bereits vergeben. Sobald Laura das spitzbekommt, streicht ihr Gehirn diese sofort von der Attraktivitätsliste. »Auf dem Unglück anderer baut man nicht sein eigenes Glück auf«, hat schon ihre Oma Gertrud, Sophias Mutter, gesagt und daran hat sich Laura bislang immer gehalten.
»Ich warte einfach, bis der Traumprinz auf dem Pferd endlich angeritten kommt.« Selbstironie ist schon immer das beste Mittel, denkt sich Laura. »So wie bei Pretty Woman.« Den Schwestern, die den Film an so vielen verregneten Sonntagen gemeinsam geschaut haben, geht sofort das Bild von Richard Gere durch den Kopf, wie er am Ende des Films in einer weißen Limousine vor dem schäbigen Wohnhaus vorfährt und mit einem Strauß roter Rosen im Dachfenster stehend das Herz von Julia Roberts erobert.
»Dauert bestimmt nicht mehr lange«, antwortet Anna trocken und lacht ihre Schwester an.
Nach dem Abendessen und nachdem die Kinder im Bett in Annas altem Kinderzimmer liegen, machen es sich alle im Wohnzimmer vor dem Kamin gemütlich. Laura wirft in ihrem alten Zimmer einen kurzen Blick auf ihr Mobiltelefon. Zwischen einigen Weihnachtsgrüßen von Freunden springt Laura eine Nachricht ins Auge
»Das glaube ich jetzt nicht«, sagt Laura leise zu sich selbst.
Eine Mail von René, in der er ihr schöne Weihnachten wünscht und fragt, ob sie sich zwischen den Jahren nicht nochmal treffen können. Laura verdreht die Augen. »Wann versteht er endlich, dass ich nichts von ihm möchte?«
Laura hatte René bei einem After-Work-Golfturnier im letzten Sommer kennengelernt. Golf, typisch Berater, könnte man jetzt denken. Dachte Laura zunächst auch, als ihre Eltern ihr das Golfspielen als Ausgleich zu ihrem stressigen Job vor vier Jahren vorgeschlagen haben. Aber es ist genau der richtige Sport für Laura. Anstrengend, aber nicht schweißtreibend, was einfach nicht Lauras Ding ist. Stundenlang auf einem Laufband oder im Wald wie viele ihrer Kollegen für den nächsten Halbmarathon zu trainieren, ist einfach nichts für sie. Beim Golf ist man in der Natur, geht quasi einfach ein paar Stunden spazieren und kann wunderbar abschalten. René war bei diesem Turnier also in ihrem Flight, und sie hatten sich gut verstanden und nach der Runde noch etwas mit den anderen Turnierteilnehmern getrunken. Nach der Siegerehrung, als alle langsam aufbrechen wollten, hat René nach ihrer Nummer gefragt.
»Das war wirklich nett und hat mir sehr viel Spaß gemacht. Vielleicht können wir noch einmal eine Runde gemeinsam spielen. Ich würde mich freuen«, hatte René erklärt. Warum nicht, hatte Laura gedacht und ihm ihre Mobilnummer gegeben. In den nächsten Wochen hatten sich die beiden noch zweimal getroffen. Einmal waren sie eine Runde Golf spielen und das andere Mal waren sie abends ein Glas Wein in der Altstadt trinken. René war Zahnarzt, somit werden auch bei diesem Beruf alle Klischees eines Golfspielers erfüllt, denkt Laura schmunzelnd. Sie hatten sich bei beiden Treffen gut verstanden. Es war wirklich sehr nett, aber irgendwie sprang der Funke bei Laura nicht über. René sah das leider anders. Einige Wochen nach ihrem abendlichen Date schrieb René wieder eine Nachricht, in der er ihr seine Liebe gestand. Er hätte sich sofort in sie verliebt und sogar für Laura jetzt seine Freundin verlassen.
»Waaaass? Er hatte eine Freundin.« Laura war schockiert. »Hätte ich das gewusst, hätte ich mich gar nicht erst mit ihm getroffen.«
Irgendwie wurde Laura das Gefühl nicht los, dass er für diese großzügige Geste jetzt auch noch einen Orden bekommen wollte. Für Laura war es damit nun endgültig gelaufen. Sie erklärte ihm, dass sie seine Gefühle leider nicht erwidere und hoffte, dass die Geschichte damit zu Ende sei. Leider weit gefehlt. René ließ nicht locker und schrieb weiter fleißig Nachrichten, versuchte sie zeitweilig auch im Büro zu erreichen. Alle Erklärungen von Laura halfen nicht. Seit ein paar Monaten versucht Laura daher, seine Versuche, mit ihr über E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten
