13,99 €
Der sechzehnjährige Fredrik Markussen steht vor dem wichtigsten Spiel seiner jungen Karriere, dem Finale um die nationale Meisterschaft. Er ist in bestechender Form und der Traum von einem Profivertrag in Reichweite. Doch in den Tagen vor dem großen Finale ändert sich alles: Auf einmal muss Fredrik sich mit seinem Vater, Vereinsvertretern und einem Berater auseinandersetzen und sich darüber klar werden, was ihm tatsächlich wichtig ist – der Fußball, seine Familie oder seine erste Liebe zu seiner Jugendfreundin Line. Und dann, kurz vor dem Spiel, erfährt Fredrik, dass er nicht auf seiner Stammposition als rechter Flügelstürmer, sondern als Rechtsverteidiger spielen soll …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2021
Michael Stilson
Einfach nur Fußball spielen
Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe
Am Anfang gab es nur mich und den Ball. Ein Paar Fußballschuhe.
Und den Bolzplatz.
Das war alles.
Doch als die Dinge erst einmal ins Rollen kamen, ging es plötzlich richtig schnell. Irre schnell.
Auf einmal drehte sich alles um Sportchefs und Berater, Verträge und Geld.
Geld.
Geld.
Geld.
Dabei wollte ich doch einfach nur Fußball spielen.
Manche Spiele sind einfach nur Spiele. Fußballspiele halt. Wir reden nicht groß drüber, weder davor noch danach. Die werden einfach nur gespielt, hier und jetzt, und dann sind sie für immer vergessen.
Aber nicht dieses Spiel. Dieses Spiel war keineswegs bedeutungslos, dachte ich und schaute auf die zwanzigtausend leeren Sitze, die über mir in den Himmel ragten. Die Flutlichter waren bereits angeschaltet, durch sie erstrahlte der Rasen knallgrün, obwohl es Mitte November war und schon der erste Schnee lag. Er schmückte den Rand des Spielfeldes wie eine weiße Kette, eine ständige Erinnerung daran, dass die Saison sich dem Ende näherte.
Mein Herz pochte, als ich die Hand in die Tasche steckte und nach dem dicken Briefumschlag tastete. Ich fühlte den Stapel Tausendkronenscheine, der leicht gegen meinen Oberschenkel drückte und mich daran erinnerte, worum es hier ging. Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass dies mein erstes und letztes Spiel für Rosenborg im Lerkendal-Stadion sein könnte.
Dabei musste ich einfach nur alles wie immer machen. Wenn ich wie ein Berserker den rechten Flügel beackerte, so wie immer, dann würde ich es bis zum Profi schaffen.
Ich atmete die eiskalte Luft tief ein, spürte, wie die Härchen und der Schnodder in meiner Nase fast gefroren, und stieß eine Frostwolke aus. Ich kehrte dem Rasen den Rücken zu und schlug den Weg zur Kabine ein, während ich versuchte zu verdrängen, dass dieses Spiel mein Leben verändern würde.
Ich lief den langen Gang zur Umkleide entlang, als sich plötzlich ein Arm um meine Schultern legte und Eriks Stimme jene Gedanken durchschnitt, die in meinem Kopf kreisten.
»Fredrik, Alter! Ich habe gerade mal ein bisschen rumgerechnet«, sagte er.
»Okay«, sagte ich ziemlich desinteressiert und ging weiter, den Blick auf die Kabinentür gerichtet.
Er stellte sich vor mich und blockierte meinen Weg.
»Hör mir mal zu. Als Sechzehnjähriger hat Martin Ødegaard bei Real Madrid zwanzig Millionen Kronen im Jahr bekommen, oder?«
»Kann sein. Weiß nicht«, sagte ich und versuchte, an ihm vorbeizukommen.
Warum erzählte er mir das jetzt? Er baute sich vor mir auf, legte beide Hände auf meine Schultern und sah mir direkt in die Augen.
»Fredrik, hör mir zu! Alle sagen, dass Mathias fast so gut ist wie Ødegaard, ja? Oder nehmen wir mal an, Mathias ist nur halb so gut wie Ødegaard, obwohl er eigentlich fast an ihn rankommt. Das würde bedeuten, Mathias könnte für zehn Millionen Kronen pro Jahr bei irgendeinem großen Verein unterschreiben, stimmt’s? Und das bedeutet, dass wir beide, die wir wiederum halb so gut sind wie Mathias, auch ziemlich fett Kohle machen könnten. Vielleicht sogar hier bei Rosenborg. Definitiv, wenn wir heute das Finale gewinnen. Oder? Also, ich rede jetzt nicht von fünf Millionen, aber von ’nem echt guten Vertrag«, sagte er und schüttelte mich, um mir zu verstehen zu geben, dass er recht hatte.
Ich lachte nur.
»Ich glaube nicht, dass die Rechnung so einfach ist, Erik«, sagte ich und versuchte erneut, an ihm vorbeizukommen.
Dieses Mal gelang es mir und ich ging weiter Richtung Kabine. Es leuchtete mir nicht ein, warum Erik immer noch der Meinung war, er und ich seien auf demselben Niveau. Es ist schon eine Weile her, dass Erik als Einziger in der Kabine Haare am Sack hatte, um es mal so auszudrücken.
Ich hörte, wie er mir nachlief und erneut auf mich einredete.
»Fredrik, ernsthaft jetzt. Es gibt doch einen Grund, warum Rosenborg mit uns beiden noch nicht über einen Vertrag gesprochen hat. Die wollen sehen, wie wir uns in den großen Spielen machen. Du solltest dir mal überlegen, wie viel du wert bist, denn nach dem Finale wird alles ganz schnell gehen«, sagte er.
Ich atmete tief ein und hatte Bock, ihm zu erzählen, was letzte Woche alles passiert war. Dass ich bereits mit dem Verein gesprochen hatte. Ihn in alles einzuweihen, wovon er noch nichts wusste. Zum Beispiel, dass heute Vereinschefs ganz anderer Klubs auf der Tribüne saßen, um mich spielen zu sehen. Aber ich hielt die Klappe und öffnete die Tür zur Kabine.
Erik war mein bester Freund und das hier war nicht der richtige Augenblick, seinen Traum zerplatzen zu lassen.
Normalerweise trafen wir uns immer anderthalb Stunden vor Beginn eines Spiels, aber vor dem heutigen Finale waren die meisten schon früher da, um möglichst viel von der Stimmung aufzusaugen. Denn die war anders als sonst. Vielleicht waren die Jungs nervös oder fokussiert oder hatten Schiss, auf jeden Fall hielten alle die Klappe. Normalerweise war es laut in der Kabine, eigentlich lief immer Musik, jemand brüllte herum und irgendwer prügelte sich zum Spaß, doch jetzt saßen die Jungs mit Kopfhörern da und tippten auf ihren Handys rum, sie waren damit beschäftigt, zu snappen und auf Instagram zu posten. Vielleicht wirkten sie so konzentriert, weil alles schon vorbereitet war, was sonst vor unseren Spielen nie der Fall war. Auf den Bänken lag unsere Spielerkleidung, säuberlich zusammengefaltet. Ein Stapel pro Spieler. Stutzen, kurze Hose, Langarmtrikot, Trainingsjacke, lange Hose. Die Dinge lagen bereit, zusammen mit einem Handtuch und einem Kulturbeutel mit Hygieneartikeln. Ich ging hinüber zum ersten Stapel, über dem das Torwarttrikot mit der Nummer Eins hing. Ich nahm den Beutel in die Hand und sah, dass etwas in den Stoff eingestickt war:
Rosenborg Trondheim – Brann Bergen
Norwegische Meisterschaft U16
Lerkendal-Stadion
Ich strich mit der Hand über den Text, betrachtete ihn gründlich und fühlte in mir einen kleinen Stich von Stolz, ein Gefühl, das in der ganzen Kabine zu spüren war. Alle saßen hier, versunken in ihrer eigenen Welt, und dachten, dass sie jetzt Stars waren, die bedrucktes Zeug bekamen, als würden wir heute das Champions-League-Finale spielen. Ich erstickte das aufkommende Gefühl im Keim. Ich war nicht wie sie. Für die allermeisten in der Kabine war dieses Finale das Größte, was sie jemals auf dem Fußballplatz erleben würden, nicht aber für mich. Für mich war es nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zu etwas Größerem. Etwas viel Größerem. Ich legte den Beutel zurück und sah mich nach meinem Platz um.
Über jedem Kleiderstapel hingen die Trikots, mit der Rückennummer nach vorne. Ich sah die Nummern Eins bis Elf. Das waren die Spieler, die in der Startelf stehen würden. So lief es bei den Juniorenteams von Rosenborg immer ab. Der Rechtsverteidiger trug die Nummer Zwei, die Innenverteidiger die Drei und Vier und der Linksverteidiger die Fünf. Das Trio im Mittelfeld hatte die Nummern Sechs, Sieben und Acht. Und dann gab es noch die drei Stürmer mit den Nummern Neun, Zehn und Elf. Ich lief an den Trikots entlang auf die Nummer Neun zu. Meine Nummer. Ich spielte Rechtsaußen. Deshalb war ich auch verwirrt, als ich Solomon auf meinem Platz sitzen sah und er bereits die Hose mit der Nummer Neun anhatte. Ich ging auf ihn zu.
»Was geht hier ab, Solomon?«, fragte ich.
Er war gerade dabei, sich den rechten Stutzen hochzuziehen, hielt dann aber inne, zog sich die Kopfhörer aus den Ohren und sah mich an.
»Was’n los?«
»Du weißt schon, dass ich die Nummer Neun habe?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Ja, aber heute soll ich sie tragen. Frag nicht mich, warum.«
»Wer hat das gesagt?«
Er schaute mich einen Moment lang an, dann wandte er den Blick nach rechts.
»Ich würd’ mal ihn fragen«, sagte er und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung Ståle.
Ståle stand mit dem Rücken zu uns und schrieb den Matchplan an die große Tafel. Ich ging auf ihn zu. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust, mit Ståle zu sprechen. Ich hatte gehofft, es heute vermeiden zu können, doch mir blieb keine andere Wahl.
Ich räusperte mich. Er setzte den Stift ab und drehte sich zu mir um.
»Fredrik! Genau mit dir wollte ich sprechen.«
Er sah mich an, ohne zu lächeln. Ich ahnte plötzlich, dass er von dem Treffen von gestern Abend Wind bekommen hatte, auch wenn das eigentlich nicht sein konnte. Ich hatte niemandem davon erzählt.
»Ähm, Solomon meint, dass er mit der Neun spielt – gibt es heute eine andere Nummernaufteilung?«, fragte ich.
In Ståles versteinertem Gesicht zeigte sich mit einem Mal ein listiges Grinsen.
»Nein, nein, es ist alles wie immer. Mathias! Komm mal mit mir und Fredrik raus auf den Gang.«
Mathias trug bereits die Sieben und stand mit dem Rücken zu uns. Er hatte einen Fuß auf die Bank gestellt und tapte sich gerade den Knöchel. Er drehte sich zu Ståle um, der auf die Kabinentür zeigte, dann nickte er, riss sich das Tape, das er gerade erst befestigt hatte, wieder von der Haut und legte die Tape-Rolle auf die Bank. Zu dritt gingen wir vor die Tür.
»Was ist los?«, fragte ich und hob die Arme.
Mathias starrte auf den Fußboden, er sah mich nicht einmal an, als ob er bereits wüsste, was Ståle gleich sagen würde, und sich nicht traute, mir in die Augen zu sehen. Ich hatte keine Ahnung, warum er bei unserem Gespräch dabei war.
Ståle kratzte sich am Hinterkopf, räusperte sich und sah mir in die Augen.
»Es ist was passiert, Fredrik. Wir müssen einige Änderungen vornehmen. Du spielst heute nicht auf dem rechten Flügel, ich brauche dich als Rechtsverteidiger«, sagte er.
Ich spürte, wie mir das Blut innerhalb von Sekunden aus dem Hirn strömte, und mir wurde schlecht. Alles, was diese Woche passiert war, schoss mir auf einmal durch den Kopf. Das Treffen gestern Abend und was in diesem Finale auf dem Spiel stand.
Ich konnte spüren, wie mir der Traum vom Profifußballer entglitt.
Alles hing davon ab, dass ich im Finale im rechten Sturm spielte.
Sechs Tage bis zum Finale
Meinen Vater hatte ich das letzte Mal gesehen, als er im Juni nach Kopenhagen gekommen war, zum Länderspiel gegen Dänemark. Nach dem Spiel sprachen wir kurz miteinander. Ich glaube, er war mit seinen Kumpels auf Männerurlaub, und da schien es sich zufällig zu ergeben, dass die U16-Nationalmannschaft, in der ich spiele, genau an diesem Wochenende in der Stadt war. Das hatte er zumindest behauptet. Nach dem Spiel standen wir da und er sagte: »Gut gespielt«, aber ich konnte ihm ansehen, dass er noch etwas anderes loswerden wollte. Vielleicht fiel ihm wieder ein, wie es letztes Mal gelaufen war, als er mir anschließend Tipps geben wollte, oder aber er hatte zu viel getrunken und vergessen, was er auf dem Herzen hatte. Wir blieben jedenfalls eine Weile so stehen und er starrte auf den Boden und in die Luft. Irgendwann meinte er, er müsse jetzt los, um seine Kumpels zum Essen zu treffen.
»Glückwunsch zum Sieg und zum Tor«, sagte er, umarmte mich verkrampft, klopfte mir etwas zu doll und zu lange auf den Rücken, als hätte er vergessen, wie man sich richtig in den Arm nimmt. Dann schlurfte er vom Platz und ich ging zum Mannschaftsbus, der uns zum Hotel fuhr. Im Hotelzimmer angekommen, schrieb ich ihm eine Nachricht:
Cool, dass du beim Spiel warst. Wenn du heute Abend Zeit hast, können wir uns vielleicht treffen? Hab gerade erfahren, dass wir den Abend freihaben, weil wir morgen wieder nach Hause fahren. Wäre toll zu hören, was du über das Spiel denkst, ich werd dieses Mal auch nicht ausrasten ;-)
Das war am dritten Juni.
Bis zu diesem Sonntag im November hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Um neun Uhr wurde ich vom Vibrieren meines Handys auf dem Nachttisch wach. Ich schaffte es gerade so, meinen Kopf vom Kissen zu heben und nach dem Handy zu greifen, das mit dem Display nach unten lag. Ich drehte es um, gab den Code ein und sah, dass Vater mir eine Nachricht geschickt hatte. Ich war zu müde, um mich aufzusetzen, drehte einfach nur den Kopf zur Seite, sodass ich die Nachricht lesen konnte.
Hei. Wollen wir uns auf dem Bolzplatz treffen? Ich hab was für dich :)
Ich legte das Handy zurück und vergrub mein Gesicht wieder im Kissen. Was wollte er denn jetzt? Noch eine Woche bis zum großen Finale und jetzt nahm er wieder Kontakt zu mir auf? Und wollte mich auf dem Bolzplatz treffen? Jedes Mal seit seinem Auszug, wenn wir uns dort zum Kicken getroffen hatten, wollte er mir erzählen, was ich falsch machte und wie er es angehen würde. In der Regel meldete er sich, nachdem er zufällig am Stadion vorbeigekommen war und mich spielen gesehen hatte, immerhin wohnte er direkt beim Lerkendal. Er kam dann immer auf den Platz geschlendert, stellte sich an die Seitenlinie, schaute zu und beobachtete jede meiner Aktionen, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Er stand einfach da, in seinen dreckigen Adidas-Hosen, die mit dem verwaschenen weißen Fleck, der irgendwann mal die Zahl Neun war. Und dem Rosenborg-Logo, das gerade noch so an dem Stoff hing. Es flatterte am oberen linken Hosenbein und wollte am liebsten noch tiefer abrutschen, doch Vater bestand darauf, dass es dort blieb. Wie zum Beweis, wer er einmal gewesen war, oder so. Und diese Sandalen mit den weißen Tennissocken! Er trug nie richtige Schuhe. Die Trainer und die anderen Eltern sagten nie etwas, weder zu ihm noch zu mir, aber ich bemerkte, wie sie ihn beäugten. Er stand da, ohne auch nur ein Wort zu sagen, nicht zu mir, nicht zu den anderen. Eine Viertelstunde sah er uns meistens zu, bevor er wieder ging, als würde dort einfach nur irgendjemand auf dem Platz stehen.
Doch selbst wenn ich für Vater nur irgendjemand gewesen wäre – für mich war er nicht einfach nur irgendwer. Seine Anwesenheit bei einem Spiel raubte mir jede Energie, weil ich wusste, dass er ohnehin nur enttäuscht sein würde, egal, wie ich spielte. In den wenigen Minuten, die er zusah, kam es mir so vor, als würden der Ball, der Platz und die Gegner sich verändern. Die Pässe zu mir waren plötzlich zu hart, ich konnte den Ball nicht ordentlich kontrollieren, die Verteidigung rückte mir zu eng auf den Leib, presste mich stärker, die Seitenlinie und die Torlinie rückten näher, sodass mir der ganze verdammte Platz auf einmal zu klein vorkam. In diesen Minuten verlor ich komplett die Kontrolle. Die anderen Jungs riefen lauter und brüllten mich an, und je lauter sie brüllten, desto häufiger verlor ich den Ball, egal, wie sehr ich mich bemühte. Dann bemerkte ich mit einem Blick über die Schulter, dass er wieder verschwunden war. Und sofort wich die Seitenlinie zurück, ich hatte mehr Platz und mehr Zeit. Ich konnte wieder atmen und alles schien ruhiger zu werden. Die Verteidigung rückte ab und der Ball landete genau dort, wo ich ihn haben wollte, nachdem ich seinen Blick nicht mehr in meinem Nacken spürte.
Jedes Mal, nachdem er da gewesen war, wusste ich, dass er mir später am Abend – manchmal sogar mitten in der Nacht – noch eine Nachricht schreiben würde. Es war stets eine lange Nachricht, in der er mir erklärte, was er beobachtet hatte, wo meine Fehler lagen und wie er selbst diese Probleme als Spieler angegangen war. Alles auf Grundlage der wenigen Minuten am Spielfeldrand, und er hatte keine Ahnung, dass diese Minuten, in denen er an der Seitenlinie stand, sich für mich wie ein schwarzes Loch anfühlten. Als würde alles auf einem anderen Planeten und in einer anderen Zeit stattfinden als das übrige Spiel. Deshalb wurde ich immer so wütend, wenn er meinte, etwas über mich als Fußballspieler sagen zu können. Was er gesehen hatte, war nicht mein Spiel. Diese Minuten waren eine ganz andere Nummer. Nach seinen ersten Nachrichten lag ich oft wach und grübelte über seine Worte nach. Fragte mich, ob mit mir irgendetwas nicht stimmte. Jetzt, ein paar Jahre später, legte ich mein Handy abends immer auf die Küchenbank, wenn er zuvor zugesehen hatte.
Ich versuchte wieder einzuschlafen, nachdem ich an diesem Sonntag seine SMS gelesen hatte, doch ich konnte nicht aufhören, mir den Kopf zu zerbrechen: Hatte mein Vater mir gerade eine Nachricht mit einem Smiley geschickt?
Ich tauchte mit dem Gesicht wieder aus dem Kissen auf, drehte mich um und griff nach meinem Handy. Ich öffnete die Nachricht und las sie noch mal:
Hei. Wollen wir uns auf dem Bolzplatz treffen? Ich hab was für dich :)
Ich studierte sie ganz genau. Das Letzte, worauf ich jetzt Lust hatte, war, eine Runde mit ihm zu kicken. Ich wollte eigentlich zum Lerkendal fahren und mit Mathias trainieren, weil wir heute kein Mannschaftstraining hatten, doch meine Gedanken kreisten darum, was Vater von mir wollte. Ich starrte die Nachricht lange an, bevor ich antwortete.
Hei. Wann?
Wir waren für elf Uhr verabredet. Jetzt war es Viertel vor zwölf, und ich hätte wissen müssen, dass es sinnlos war, zur ausgemachten Zeit am Treffpunkt zu sein. Aber jetzt war ich dort und schoss den Ball auf jenes Tor, auf das ich schon mein ganzes Leben geschossen hatte. Auf dem Bolzplatz gab es keine Linien und Markierungen. Das Tor hatte kein Netz. Es bestand einfach nur aus drei weiß gestrichenen Holzbalken vor einem mit Brennnesseln bewachsenen Hügel und für jedes Tor zahlte ich den Preis eines stechenden Schmerzes an den Beinen. Auf diesem Bolzplatz hatte alles angefangen. Ich kann mich daran erinnern, wie mein Vater und ich hierhergefahren sind, als ich etwa vier oder fünf Jahre alt war, aber vielleicht glaube ich auch nur, es sei eine Erinnerung, weil ich zu Hause auf dem Schreibtisch ein Foto von uns habe, auf dem wir zusammen Fußball spielen. Darauf sieht man, wie ich dem Ball hinterherlaufe, während er in die Kamera lächelt. Ich trage ein Rosenborg-Trikot mit Markussen und der Nummer Neun. Mama hatte immer gesagt, dass sie dieses Bild so gerne mochte, weil es das letzte Mal war, dass sie ihn glücklich gesehen habe, aber inzwischen spricht sie weder von dem Foto noch über ihn.
Ich nutzte die Zeit und zog mit dem Fuß vier Markierungen in die Asche, die erste zwanzig Meter vor dem Tor, die anderen drei schräg rechts dahinter. Ich lief los, zog vom rechten Flügel in die Mitte, dribbelte mich an den vier Markierungen vorbei, bevor ich mir den Ball auf den rechten Fuß legte und ihn auf die lange Ecke schoss. Mitten am Pfosten war die weiße Farbe an einer Stelle abgenutzt, da ich den Ball mindestens eine Million Mal in diese Ecke gehauen hatte, mindestens. Sie war zu meinem Zielpunkt geworden.
Ich lief in die Brennnesseln, um den Ball zurückzuholen, und schoss noch einmal, und noch einmal, und noch einmal, bis ich irgendwann nicht mehr traf.
Irgendwann ging es immer in die Hose. Das war das Komische an der ganzen Sache. Dass ich eigentlich immerzu denselben Bewegungsablauf hatte und dann entweder traf oder danebenschoss; aber in bestimmten Augenblicken spürte ich, dass alles stimmte. Der Punkt, an dem ich den Ball traf, die Kraft, ja der Flow in meinen Bewegungen, ohne dass ich erklären konnte, worin der Unterschied lag. Als ob mein Unterbewusstsein alles in Einklang brachte, und in genau diesen Momenten schien ich an gar nichts zu denken. Es war wie ein einziger Flow.
Ich hatte mein Ziel neun Mal hintereinander getroffen. Zehn Treffer hatte ich bisher nie geschafft. Nur Line hatte das mal auf die Reihe gekriegt.
Ich machte mich gerade bereit für den nächsten Schuss, als ich die Stimme meines Vaters hinter mir hörte.
»Lass mal sehen, ob du es auch unter mehr Druck hinkriegst.«
Ich drehte mich um und sah ihn vom Parkplatz auf mich zukommen. Es war November, aber noch war kein Schnee gefallen, also lief er natürlich in seinen Sandalen rum und trug dieselbe Hose.
Ich sagte nichts, wandte mich wieder dem Ball zu, versuchte mich zu konzentrieren, aber ich spürte bereits den Unterschied zu den ersten neun Schüssen. Eine schleichende Unruhe breitete sich in mir aus, weil ich es so gerne hinkriegen wollte, während er zusah. Ich merkte, wie mein Flow und Rhythmus nachließen, nachdem er aufgetaucht war. Ich konzentrierte mich darauf, nicht an ihn zu denken, sondern meinen ganzen Fokus auf den Ball und meinen Zielpunkt zu richten, zu dem Gefühl von vorhin zurückfinden. Aber je mehr ich mich darauf konzentrierte, nicht nachzudenken, desto klarer war mir, dass er direkt hinter mir stand.
»Vorführeffekt, was? Meine Fresse, schieß doch einfach. Komm schon. Das Tor ist offen.«
Er lachte, während er über den Platz gelatscht kam, die Hände in den Taschen der ausgeleierten, verdreckten Hose. Mir blieb keine Wahl, also nahm ich drei Schritte Anlauf und drosch auf den Ball ein, wie ich es die neun Male zuvor getan hatte. Doch dieses Mal fühlte es sich nicht richtig an. Der Moment am Ball, die Kraft, das Gefühl. Alles war falsch, obwohl ich es genauso machte wie zuvor.
Der Ball flog weit über das Tor.
»Ach herrje. Vielleicht solltest du lieber Elfmeter üben, denn mit solchen Schüssen wirst du im Finale kaum was reißen.«
Er stand da und lachte. Ich wollte etwas entgegnen, doch mir fiel keine schlaue Antwort ein, also sagte ich bloß:
»Wir werden das Spiel entscheiden, bevor es zum Elfmeterschießen kommt.«
Jetzt standen wir da, so wie damals in Dänemark. Keiner sagte etwas Vernünftiges, aber ich sah, dass er eine Tüte dabeihatte. Und es war nicht schwer zu erkennen, dass sich darin ein Schuhkarton befand. Er bemerkte meinen Blick.
»Hehe, du fragst dich wohl, was dein Vater für dich klargemacht hat«, sagte er und fischte ihn heraus. »Du hast deiner Mutter hoffentlich nicht erzählt, dass wir uns treffen?«
Er hielt mitten in der Bewegung inne, während der Karton schon halb aus der Tüte herausschaute, als würde meine Antwort darüber entscheiden, ob ich das Geschenk bekommen solle oder nicht.
»Nein. Sie glaubt, ich sei mit Mathias im Lerkendal«, sagte ich, drehte mich um und sah zu unserem Küchenfenster hinauf. Ich hoffte, dass sie noch nicht von der Arbeit zurück war.
Er grinste mich an und zog den Karton hervor. Er war orange und trug das große Nike-Logo. Ich streckte die Hand danach aus. Vater ließ die Tüte auf den Boden fallen und öffnete ihn selbst. Er holte ein Paar schwarze Nike Mercurial Superfly mit weißem Logo an der Schuhspitze hervor. Das war das Topmodell, mit dem kleinen Socken, der aus dem Schuh guckte. Ich hatte Lust, sie anzufassen, sie in die Hand zu nehmen und anzuprobieren, aber er stand einfach nur da, ohne Anstalten zu machen, sie mir zu überreichen.
»Das hier, Fredrik, sind richtig gute Fußballschuhe. Na ja, dieser Socken ist vielleicht ein bisschen feminin, aber sie sind schwarz und haben Schraubstollen. Echtes Aluminium«, sagte er und strich sich mit den Stollen über die Wange und durch seinen stoppeligen Dreitagebart.
Er sah erschöpft aus, wie immer.
»Ich habe gesehen, dass das Finale gegen Brann im Stadion stattfinden wird, und da ihr ja sonst kaum auf Naturrasen spielt, dachte ich, dass ich dir mal ein paar ordentliche Schuhe besorge, wenn Rosenborg das schon nicht auf die Reihe kriegt. Du hast keine Schraubstollen, oder?«
Endlich reichte er mir den Karton. Ich nahm einen der Schuhe und drehte ihn um. Sechs lange Schraubstollen waren an der Sohle befestigt. Zwei ganz hinten an der Sohle und vier ganz vorn. Dazwischen waren kleinere Stollen aus Plastik angebracht. Ich strich mit den Fingerspitzen darüber, so wie man mit dem Daumen über eine Messerklinge fährt und ein metallenes Geräusch erzeugt, wenn das Messer auch wirklich scharf ist.
Ich hatte diese Schuhe in der Premier League und in der Champions League gesehen und allein durch die Tatsache, sie in der Hand zu halten, fühlte ich mich wie ein Profi. Ich erwiderte seinen Blick.
»Nee. Wir haben dieses Jahr nur wenige Spiele auf Naturrasen gespielt, also gab es keinen Grund, welche zu besorgen. Und der Rasen war bisher immer so gut, dass feste Stollen gereicht haben. Aber eigentlich darf ich nur in Adidas spielen, glaub ich«, sagte ich und beugte mich nach vorn, um den zweiten Schuh aus dem Karton zu ziehen.
Mit einem Schuh in jeder Hand stand ich da, hielt sie an der Schuhspitze, ließ sie auf und ab wippen und spürte, wie leicht sie waren.
»Ich habe in Kopenhagen gesehen, dass du mit festen Stollen gespielt hast. Du bist ein paarmal ausgerutscht, statt durch die Verteidigung bis zum Torwart zu dribbeln, oder zumindest bis zum Strafraum. Ich muss zugeben, dass mich das echt genervt hat, weil es so leicht wäre, das zu vermeiden. Aber hier ist ja die Lösung und du wirst am Samstag mit richtigen Stollen einen guten Halt haben.«
»Ja, hoffen wir’s«, sagte ich und wog die leichten Schuhe noch einmal in meinen Händen. Sie waren komplett schwarz, vielleicht würde niemand bemerken, dass sie nicht von Adidas waren.
»Fredrik. Was ist denn das für eine beschissene Einstellung? Natürlich wirst du im Finale den Verteidigern davonlaufen.«
Er riss mir die Schuhe aus den Händen, packte sie in den Karton und stopfte diesen zurück in die Tüte.
»Genug von den Schuhen. Lass mal deine Ballannahme sehen.«
Vater hob den Ball leicht an, dann schoss er ihn hoch in die Luft, mit so viel Power, dass der Ball nicht einmal rotierte, sondern gerade nach oben schnellte. Sogar mit Sandalen traf er ihn perfekt.
»Stopp ihn!«, rief er mir zu.
Ich lief dorthin, wo der Ball jeden Moment herunterkommen würde, und versuchte, ihn zu stoppen. Und meine Ballannahme war perfekt. In dem Moment, in dem der Ball meinen Fuß berührte, zog ich ihn mit einer schnellen Bewegung ganz leicht nach hinten weg. Reglos blieb der Ball vor mir in der Asche liegen.
»Gut. Her mit dem Ball, gleich noch mal!«, rief er, spitzelte den Ball erneut mit dem Fuß hoch und haute ihn in die Luft, mit einem perfekten Schuss, während ich wieder dorthin lief, wo der Ball aufkommen würde. Und noch einmal, und noch einmal, und noch einmal, und fast jeder Ball blieb reglos vor meinen Füßen liegen.
»Krass, Fredrik. Deine Ballkontrolle ist fabelhaft. Das sitzt ja jedes Mal, verdammt! Genau das meine ich, dein Ballgefühl und deine Geschwindigkeit musst du im Spiel zeigen. Dann bist du nicht aufzuhalten«, sagte er.
Ich konnte ihm ansehen, dass er es wirklich so meinte, und ich versuchte, mir ein Lächeln zu unterdrücken und stattdessen nur bestätigend zu nicken, als wäre mir seine Meinung total egal. Als wäre es selbstverständlich. Doch tatsächlich war es das erste Mal, dass er mich lobte, ohne dass ein Aber folgte.
»Kommst du eigentlich zum Finale?«
Eigentlich wollte ich ihn nicht fragen. Wollte ihm nicht zeigen, dass ich es mir wünschte.
»Ob ich komme? Mal sehen. Du weißt doch, dass ich nicht so gern ins Stadion gehe, Fredrik. Ich bin seit zehn Jahren nicht dort gewesen, glaube ich.«
Er sah mich nicht an. Ging einfach nur zum Ball, hob ihn auf den Spann und lupfte ihn in seine Hände.
»Schon klar«, sagte ich.
Aber eigentlich war nichts klar. Ich trat in die Asche, scharrte mit der Schuhspitze ein kleines Loch, während ich das sagte. Schon okay, dass er nicht so gut auf Rosenborg zu sprechen war, nach dem, was zwischen ihm und dem Verein vorgefallen war, aber das war inzwischen über zehn Jahre her. Wo war das Problem, ein Spiel der U 16 mit seinem Sohn im Lerkendal-Stadion anzusehen? Ich hatte Lust, ihn das zu fragen, aber ich kannte ihn nicht gut genug.
Ich trat in das Loch und versuchte, die Enttäuschung zu verbergen, und verstand gar nicht, warum ich überhaupt so enttäuscht war. Er hatte kaum eines meiner Spiele komplett gesehen. Ich hatte doch schon vor vielen Jahren beschlossen, dass es mir egal war. Vielleicht, weil es das Finale war. Weil es das wichtigste Spiel meiner Karriere sein würde. Immerhin hatte er mir Schuhe gekauft, damit ich im Endspiel Erfolg hätte, und dann wollte er nicht mal zuschauen?
Ich schwieg etwas zu lange und er kapierte, dass ich enttäuscht war.
»Es ist ja nicht so, dass ich das Finale nicht sehen will, Fredrik. Es liegt nur an diesem beschissenen Stadion und an denselben Leuten, die da immer noch rumhängen. Du weißt doch, wie das ist, oder? Darum geht es mir, aber wir werden sehen. Ich wollte dir nach dem Länderspiel noch etwas anderes sagen, aber das Timing war schlecht.«
»Okay?«
Vater stand direkt vor mir, ließ den Ball aus den Händen auf seinen Sandalenfuß fallen, wo er samtweich landete. Ich hatte keine Ahnung, was jetzt wohl kommen würde, aber in Anbetracht der neuen Schuhe und des Lobs ging ich davon aus, dass er sich entschuldigen wollte. Ich spürte, dass er endlich kapiert hatte, wie enttäuscht ich war, dass er sich nie wirklich für mich und den Fußball interessiert hatte, oder eigentlich nur nicht für mich. Jetzt würde er alles wiedergutmachen.
Vielleicht war er deshalb nach Kopenhagen gekommen? Um mich zu sehen und mir das alles zu sagen, doch dann hatte er gemerkt, dass ich noch nicht bereit war, oder so. Oder er war derjenige, der noch nicht bereit war, und dann über sich selbst enttäuscht, dass er mich an dem Abend nicht mehr treffen wollte. Deshalb hatte er bis jetzt auf den perfekten Zeitpunkt gewartet. Eine Woche vor meinem wichtigsten Spiel. Er wollte mir die Schuhe schenken und vielleicht würde er zum Spiel kommen und wir könnten noch mal von vorne anfangen. Er könnte mir auf meinem Weg zum Profi helfen. Wenn er sich nur entschuldigen würde, wäre alles gut. Ich konnte mein Grinsen nicht mehr verbergen, als ich ihn ansah, also biss ich mir auf die Innenseite meiner Wangen, um die Mundwinkel unter Kontrolle zu halten.
Er rollte den Ball unter seinem Fuß vor und zurück, schaute in die Luft und es wirkte so, als würde er nach den richtigen Worten suchen. Ich ließ ihm die Zeit, die er brauchte.
»Beim Länderspiel, Fredrik, habe ich etwas beobachtet, was mir gar nicht gefallen hat. Du warst irgendwie nicht du selbst auf dem Platz. Mir ist aufgefallen, dass du diesem Solomon und diesem Mathias die ganze Zeit den Ball überlassen hast. Vielleicht war das auch der Plan? Dass alle anderen den beiden die Bälle zuspielen sollen, weil sie die Besten im Team sind? Kann das sein?«
Ich hatte falschgelegen. Alles war wie immer, er fand immer irgendeinen Grund zu meckern. Wieso hatte ich geglaubt, dass es diesmal anders sein würde?
»Ähm, also, Mathias ist der Kreative im Team, sicher, und uns wurde gesagt, ihn so oft wie möglich anzuspielen. Und ich hab ihm den Ball ja ziemlich oft zugepasst und der Trainer war happy mit mir. Ich hab ja auch getroffen!«
Vater ließ den Ball zur Seite rollen und schoss ihn ins Tor, mit so viel Kraft, dass er seine Sandale verlor.
»Nicht wahr? Genau das ist ja das verdammte Problem. Die Trainer waren zufrieden«, sagte er mit verstellter Stimme, während er seine Sandale aufsammelte.
»Glaubst du, Zlatan oder Ronaldo oder Messi spielen, wie die Trainer es wollen, um ihnen einen Gefallen zu tun? Wenn deine ganze Leistung während eines Spiels nur darin besteht, jemanden ins Spiel zu bringen, der besser ist als du – und ich bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt viel besser ist als du –, bestätigst du nur, was alle anderen denken. Denn dann bekommt Mathias den Ball und ist der Star, während du nur der Typ bist, der ihm die Vorlagen gibt. Verstehst du, was ich dir sage?«
Ich stand einfach nur da und stocherte in demselben Loch in der Asche herum. Biss mir noch fester auf die Innenseiten meiner Wangen. Diesmal war es kein Grinsen, das ich unterdrücken wollte.
»Verstehst du, was ich dir sagen will, Fredrik?«
Ich hatte keine Lust mehr, hier mit ihm zu stehen, aber ich konnte auch nicht einfach weglaufen. Das würde ihm nur bestätigen, dass ich ein Feigling war. Ich musste es ertragen, bis er fertig war.
»Ja«, murmelte ich.
»Du bist so verdammt loyal, Fredrik. Du überlässt den anderen die ganze Bühne und gibst dich damit zufrieden, nur ein Teil der Mannschaft zu sein. Okay. Vielleicht wirst du mit der Taktik ein mittelmäßiger Zweitligaspieler. Oder du schaffst es mit Ach und Krach in die erste Liga. Aber dann kannst du auch gleich aufhören, denn es ist doch Bullshit, irgendein anonymer Erstligaspieler zu sein, der ein paar einfache Pässe draufhat! Das kann jeder, der genug Ausdauer mitbringt. Verstehst du das?«
Ich sagte nichts.
»Verdammt noch mal, Fredrik! Du bist jetzt sechzehn Jahre alt, jetzt steh doch für dich ein. Du bist kein Kind mehr! Du verbringst viel zu viel Zeit mit deiner Mutter. Sie verlangt äußerste Loyalität, stimmt’s? Du machst alles, was sie sagt? Immer pünktlich zu Hause, immer schön das Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen, bla, bla, bla. Du musst selbst denken, Fredrik. Du musst das machen, was sich richtig anfühlt, nicht das, was andere dir sagen. Okay? Fredrik?«
